Jüngsten Deutschland « gehörte . Da Leonhart ' s Combinationsvermögen jedoch die Absicht einer Skandal-Reclame und irgend eine planvolle Tücke von Seiten jener messianischen Weihepriester witterte , so antwortete er mit boshafter Ironie : Er empfehle den geschätzten Herrn sein Benehmen als Thema psychologischer Studien , wie schwach und widerspruchsvoll die arme Menschennatur . Derselbe , der sich für seine Freunde und auch Feinde manchmal aufopfere , taste die persönliche Integrität solcher Ehrenmänner an ! Man möge seine Animosität bemitleiden und sich den schönen Glauben bewahren . Krastinik wanderte also in den » Drauf « und wurde ehrfurchtsvoll empfangen . Der ambrosianische Sagusch hielt grade einen begeisterten Vortrag über Ibsen . Was dieser Norweger mit einer kritischen Würdigung der deutschen Gegenwartsliteratur eigentlich zu schaffen hatte , vermochte nur Der zu würdigen , dem es nicht unbekannt blieb , wie leicht dem deutschen Litteraten die hingebend selbstlose Anerkennung alles Fremden fällt , von welchem man ja freilich keine Concurrenz zu fürchten hat . Diese jüngstdeutschen Kritiker mit ihrem » idealen Streben « unterschieden sich von denen der Tagespresse , gegen deren Corruption sie donnerten , eigentlich gar wenig . Doch ein bedeutsamer Zusatz mußte als Fortschritt gelten . Denn ob auch erbärmlicher Neid und niedriges Cliquenwesen sie nicht minder beherrschte als Grundmotiv all ihrer kritischen , Handlungen und Grundsätze , so trat doch außerdem noch eine pedantisch-philologisch-formalistische Nörgelei hinzu , zwar unfähig je durch die äußere Schale in den Kern der Dinge zu dringen , aber dafür argusäugig für jedes Stolpern des Federkiels und unfehlbar auf dem Korpus Juris der Vischer ' schen Aesthetik thronend . Sodann verlas Dichterling Haubitz eine schauderhafte Verreißung über die » Modernen Realisten « . Obschon er seine olympische Geringschätzung Schmoller ' s überall betont und von Leonhart deswegen heftige Grobheiten eingeheimst hatte , besaß er die geniale Frechheit , hier Schmoller mit spärlichem Lob gegenüber Leonhart auszuspielen , den er einen Nachahmer Schmoller ' s nannte . Ueberhaupt sei Leonhart ( » der junge Dichter « , wie er ihn krampfhaft ununterbrochen betitelte ) nur ein Eklektiker von trostloser Unreife , welcher jedem Einfluß folge , den ihm ein Anderer zutrage . Eine gewisse dramatische Begabung wolle er ja nicht verkennen ; doch sei das Ganze immer verfehlt und reich an Dilettantischem . Das Widersprechendste , das grade an der Mode sei , ahme er nach , weil ihm offenbar mehr an augenblicklichem als an nachhaltigem Erfolg gelegen sei . Krastinik staunte , als rede man chaldäisch . Die unmögliche Frechheit des obscuren Dichterlings , der aus solchen Winkeln seine vergifteten Pfeile schoß , verblüffte ihn gradezu . Der handgreifliche Blödsinn dieser kecken Behauptungen ließ doch wirklich bezweifeln , ob der Klugschwätzer jemals Leonharts Werke gelesen habe . Als Folie las Haubitz dann einen Akt seines Dramas » Ein Morast « vor , worin trotz seines feschen Geschimpfes auf Zola der Schmutz faustdick aufgetragen war . Die Hauptheldin , Timandra Harteran ( ihre Zofe trug den in Berlin gewiß recht häufigen Namen : Medora ) ließ den Leser im ganzen Stück über ihre Erwerbsverhältnisse im Unklaren . Nicht minder der genialische Held des morastigen Dramas , welcher immer von Austern und Champagner redete , obschon er eine edle Verachtung wider alle Brotarbeiten entwickelte . - So schwebte Rafael über den seichten Gewässern der Modelitteratur und seinem - Moraste herablassend als Jehova dahin , ein Wohlgefallen vor Gott und den Menschen . Die Versammlung wurde immer zahlreicher . Wer zählt die Völker , zählt die Lumpen ! Einer erzählte , daß von seinem neuen Buch 365 Besprechungen erschienen seien , für jeden Tag im Jahre eine - worauf sich Sagusch erbot , fürs Schaltjahr noch eine extra zu liefern . Ein Andrer meldete Jedermann , man habe bei ihm eingebrochen . » Der Executor nämlich ! « dachte Krastinik , dem schlimme Befürchtungen einer Collekte schwanten . Ein Dritter , der wie eine betrunkene Eule aussah , hatte dem Edelmann , welchen er auf dessen Redaction ( Lokaltheil der » Privilegirten Fortsschrittszeitung « ) heimgesucht , als parthischen Pfeil ein philosophisches Lehrgedicht in XII Cantos zurückgelassen . Einen Theil davon hatte er stehenden Fußes zwei Expedientinnen , die er in der Redactionsstube traf , meuchlings vorgelesen . Die armen Schlachtopfer konnten nachher nicht genug über solche Missethat klagen , was jedoch nicht die Versicherung hinderte : » Ja , Herr College , die Mädchen waren ganz entzückt . Sie sehen , selbst auf ungebildete Gemüther wirkt Ihre Dichtung . « Der Mann war tief gerührt und pries den Edelsinn dieses erlauchten Dichters , der mit Recht » Edelmann « heiße , im Gegensatz zu andern Redactionen . » Ach , « rief der Fremdling , » die Kassirer brennen blos mit der Kasse durch , die Redacteure mit der Moral ! « » Und manchmal nicht blos mit der Moral ! « bemerkte Krastinik trocken . » Nun , Herr Sagusch , Sie grüßten mich ja unvollkommen - wie geht ' s Ihnen ? « » Danke , « erwiderte dieser Denker mürrisch , der die » blos « 20 Mark Pump , welche der gräfliche Anfänger bisher erst als Taxe zahlte , noch nicht verziehen hatte . » Man wird altersschwach vor Litteratur ! « » Pfui , pfui ! « ermahnte aber Edelmann würdig . » Beherzigen wir Schleiermacher ' s schönes Wort : Bewahren wir uns ewige Jugend ! Nicht wahr , Herr Graf , wir werden die Litteratur schon retten ? Reichen Sie mir doch die Hand ! « » Verrathen wir also mitsammen das Vaterland ! « lächelte dieser . » Wie machen wir ' s aber ? « » O vor allem zusammenhalten als natürliche Verbündete wider den gemeinsamen Feind ! « Edelmann mogelte mit seinem Kneifer unterm Tisch und eine unheimliche Erregung zitterte in seiner Stimme . » Wir , dem Vertreter des Idealismus , haben vor allem den Erzderber niederzumachen : diesen Leonhart . « Allgemeine Zustimmung . Jaja , das sei ein schlauer Strategem rege Wirrwar wie Staubwolken und wühle die Wogen auf , - um urplötzlich dahinter selbst als Offenbarung emporzutauchen . Sei ein Diplomat der Grobheit . Krastinik schwieg . Ihm schien das Alles , als ob Flöhe einen Löwen stächen . Der Floh ist freilich mit der Löwentatze kaum zu erreichen , aber er juckt eben so lange , bis er sich vollgesogen hat , und dann kriecht er aus der Mähne wieder wo anders hin . Denn des Flohes Beruf ist zu jucken . Man zerdrücke ihn ja nicht : das stinkt zu sehr . - Faulheit und Unfähigkeit ärgern sich über Fleiß und Talent , weil letztere einen lebendigen Vorwurf bilden , der überall den Neid steckbrieflich verfolgt . Es wurde so spät , daß Krastinik sich empfahl , um noch die letzte Pferdebahn zu erreichen . Die beiden Waffenbrüder fielen unisono über die günstige Gelegenheit her : » Ach , es ist schon so spät . Wie werden Sie sich da den langen Weg nach Hause zurückfinden ! Gestatten Sie , daß wir Ihnen bei uns Gastfreundschaft anbieten ! « » Hehe , « setzte Rafael verlockend hinzu . » Bei uns steht Ihnen alles zu Gebot - sogar Mienchen , eine kleine Freundin von uns . « Dies mystische Mienchen bildete eine geheime Trumpfkarte der auf Tod und Leben verbrüderten Idealisten . In ihrem Hause in Moabit befanden sich nämlich einige Zimmer-Mietherinnen sehr eindeutiger Natur , unter ihnen das berühmte Mienchen , jene ihnen auf Tod und Leben verschwisterte Idealistin . Biß nun einer auf den Köder an , wie dies früher dem halbverrückten Henry Francis Annesley passirte , so mußte er unmäßig bluten . ( Bei Annesley , welcher trotz aller Maul-Schwärmerei nicht einer gewissen versteckten Aalglätte entbehrte und nur bei seiner krankhaften Sinnengier gepackt werden konnte , hatte sogar ein angebliches Heirathsversprechen herhalten müssen , welches die Waffenbrüder leider zu ihrem tiefsten Schmerz als Zeugen Mienchens auf ihren Eid nehmen wollten . ) Gewöhnlich mußte der Hereingefallene Mienchens » Schulden « bezahlen . Die Waffenbrüder und die Waffenschwester sammelten nämlich für einen darbenden Freund , einen idealen Märtyrer .. für ihn hatte Mienchen sich in Opfer gestürzt , die edle Seele . Wer den Vorzug dieses eidgenössischen Umgangs genoß , lernte auch bald den idealen Zweck kennen , der sie bei ihrem Pump-System beseelte . Einige wollten zwar behaupten , der Name des mystischen Freundes sei Spiegelberg und seine monatliche Taxe 20 Mark - er spiele gleichsam die sogenannten Strohmanns bei diesem Whist-Kleeblatt . Uebelwollende fügten hinzu , daß dieser Kerl von Verdauungsfähigkeit sein müsse , neben welchen die Danaidenfässer als reine Spundlöcher erscheinen . Man erkennt hieraus , wie wenig die Welt sich zu dem idealen Schwunge der verbrüderten Eidgenossen zu erheben vermochte . Sie trösteten sich jedoch mit dem herrlichen Verse des haubitzigen Rafael : » Und ist die Welt auch nur ein Lappen , Der bald in Fetzen morsch zerfällt , Mein großes Herz ist Gottes Wappen , Es thront in Mir der Gott der Welt . « - - Mit Mühe und Noth machte sich Krastinik von der übertriebenen Zärtlichkeit der Waffenbrüder los . Am andern Tag aber erhielt er einen Brief von Edelmann : » In einer furchtbaren Lage bitte ich Sie , lieber Herr Graf , mir umgehend per Rohrpost 200 Mark zu senden . Alle meine Bekannten , die eine solche Summe erübrigen können , sind momentan verreist und ich habe so viel von Ihrer Liebenswürdigkeit gehört , noch ehe ich Sie kannte . Wozu sollte ich mich jetzt an einen Fernerstehenden wenden ! « Was sollte Krastinik thun ! Er hatte zwar wahrlich keine 100 Mark als Geschenk ( denn darauf lief es ja hinaus ) übrig . Aber da er standesgemäß d.h. über seine wirklichen finanziellen Verhältnisse wohnte , gerieth er natürlich doppelt in den Verdacht gräflicher Wohlhabenheit . In einer Anwandlung falscher Scham packte er die Hälfte der erbetenen Summe ein und sandte sie an die Adresse Heinrichs des Vogelstellers . In dieser Weise war es schon geraume Zeit hergegangen . Sagusch erbat umgehend 500 Mark , wofür er denn auch 20 Mark per Postanweisung erhielt , was er mit schweigender Grandezza in die Tasche steckte und über solche Unwürdigkeit kein Wort des Dankes verlor . Jeden Augenblick kamen reisende Schriftsteller , die entweder aus der Charité entlassen waren oder ihre Frau dort liegen hatten ( diese Angaben wechselten ab ) , bei ihm angestiegen . Einer , der stark nach Schnaps roch und 3 Mark empfing , erklärte noch in der Thür , er hätte von einem Grafen etwas Anständigeres erwartet . Ein Mensch in guten Verhältnissen sollte aus Weltklugheit immer vermeiden , mit Leuten von schlechten Verhältnissen in ein näheres Verhältniß zu kommen . Denn abgesehen vom » Pumpen « , dem man sich unvermeidlich aussetzt , lauert dort stets heimlicher Neid . Ideale Unterstützung wird für nichts geachtet , so sehr man auch vorher darum bettelt und mit dem Mund dafür dankt . Auch jede indirekte materielle Unterstützung ( Verschaffung von Arbeiten und Arbeitgebern ) wird sofort vergessen . Ewig herrscht die fixe Idee , welche von einer Art Irrsinn des Egoismus zeugt : der Unglückliche , dem man Vermögen andichtet oder der es wirklich besitzt , sei verpflichtet , » Collegen « direkt aus seiner Tasche zu unterstützen . Im Grunde befinden sich überhaupt nur Wenige in der Lage , Anderen pekuniär unter die Arme zu greifen . Diese aber werden meist durch Verpflichtungen aller Art vorweg mit Beschlag belegt . Nur ganz junge und unabhängige Leute können mit gutem Gewissen solchen Anforderungen genügen . Wer aber die Früchte seines Fleißes , statt diese zur Weiterförderung seiner eigenen Laufbahn zu verwenden , dem Lüderlichen und Faulen in den Rachen wirft , scheint ein Sünder gegen sich selbst . Jeder gutmüthige Mensch sammelt eine zeitlang Erfahrungen dieser Art. Dann tritt der Rückschlag ein und jeder Pump-Brief wird als verschleierte Erpressung aufgefaßt . Und im litterarischen Leben läuft die Sache auch immer darauf hinaus . Eine » Anleihe « bedeutet Anerbieten der Bestechung . Setzt sich doch das litterarische Leben hinter den Coulissen nur aus Bestechung und Händewaschung zusammen . Daher endeten auch die Pump-Circulare der Waffenbrüder Haubitz und Edelmann mit dem steten Postscriptum : Sie würden sich übrigens revanchiren , indem sie in den ihnen nahestehenden Blättern eine empfehlende Recension über den geehrten Herrn Collegen brächten . Um jedoch ganz gerecht zu bleiben , muß zugestanden werden , daß sie dies schöne Versprechen niemals hielten oder höchstens in Erwartung eines neuen Darlehns . Hierin zeigte sich eben wieder ihre vornehme Gesinnung , die unausrottbare . Tribut empfangen darf der Messias , aber andere loben - nun und nimmermehr . Das wäre doch eine gar zu schnöde Verletzung seiner Integrität . Es giebt kaum etwas Trostloseres , als das Loos eines armen Aristokraten . Und nun gar , wenn man an seine Armuth nicht glaubt . Fortwährend spielt er eine falsche Rolle . Auf der einen Seite verstärkt es das Ansehen und dadurch den Erfolg eines Menschen , wenn man ihn für vermögend hält . Auf der andern Seite setzt er sich der Gefahr aus , von Jedermann angepumpt zu werden . Entspricht er diesem Vertrauens-Wechsel auf sein angebliches Vermögen , so begeht er einen Leichtsinnstreich . Entspricht er ihm nicht , kommt er in den Ruf eines gemeinen Geizhalses . Jetzt wurde es Krastinik innerlich klar , warum Leonhart jeden Versuch übergroßer Familiarität , wenn ihm z.B. der Graf vertraulich über seine Verhältnisse Aufklärungen gab , mit kühler Reservirtheit ablehnte . Wenn er sonst wohl einfach » Krastinik « gesagt , wendete er dann plötzlich die steife Redeformel » Herr Graf « an . Krastinik begriff diesen wahren Stolz , welcher stets die äußeren gesellschaftlichen Schranken berücksichtigte und den bekannten Anwandlungen von Liberalismus-Verbrüderung , die grade den hochmüthigsten Aristokraten oft belieben , nur ein ablehnendes Lächeln entgegenbrachte . II. Die Wirthin des » Café Liedrian « ( unechter Wein und echte Mädchenbedienung ) in der Dresdenerstraße , Helene Meyer , erwachte erst spät am Nachmittag . Sie hatte erst um 7 Uhr Morgens ihre Champagnergäste , einen ungeschlachten Fabrikbesitzer mit Millionärs-Allüren und einen freiherrlichen Rittmeister in Civil , gehörig ausgerupft und nach einem Gratis-Morgencafé entlassen . Nach so schwerer Arbeit verschlief sie denn auch den ganzen Tag . In ihrem Zimmer sah es immer aus , als ob Geburtstag wäre . Auf einem Marmortisch zu Füßen des Bettes stand ein Aquarium mit Goldfischen , fünf an der Zahl . Auf einem anderen Tisch ein Schmuckkasten aus Crystall mit allen möglichen Schmucksachen . Und oben darauf ein fettes Marzipanschweinchen mit schnüffelnder Schnauze . Außerdem lagen da umher ein Carton , mit blauem Atlas gefüttert und mit Brokatstreifen bestickt , und ein Parfümeriekasten . Schon lugte der nahende Abend scheu durch die Gardinen . Helene lag in jenem Dämmerzustand da , den das Halbwachen mit sich führt . Die Goldfische , überfüttert wie dies bei kinderlosen Familien der Fluch , aller Hausthiere zu bleiben pflegt , hatten zufällig am Morgen keine Atzung erhalten . Man hatte sie über dem vielen Trubel vergessen . Jetzt regten sie sich , schossen unruhig hin und her . In der lautlosen Stille hörte man deutlich ihr heißhungriges Schmatzen , so deutlich , daß Helene aus wirrem Halbschlummer emporzuckte . Als ob dies lüsterne Schmatzen , in dem zugleich eine Bitte und eine Mahnung lag , einen Geistergruß aus anderen Welten bedeute . Auf seinem Todtenbette hatte ihr vor einem Jahr verstorbener Gatte noch Zeit gefunden , sie zu erinnern : » Helen ' ken , Du wirst mir doch meine Goldfische nicht verhungern lassen ? « Ein Schauder durchschüttelte sie , rieselte durch ihre vollblütigen Glieder . Sie riß die Augen weit auf , streckte sich gerade aus und starrte zur Decke empor . Ein Schatten , tiefster Verzweiflung huschte über ihre Züge hin . Dann raffte sie sich zusammen , ergriff die vor ihrem Bette auf einem Fellteppich liegenden Pantoffeln und schleuderte sie kräftig gegen die Thür . Das war das Zeichen für eine ihrer Mamsells , ihr den Café ans Bett zu bringen . Bald darauf saß sie in ihrem eleganten Frisirmantel mit langen aufgelösten Haaren vor dem Spiegel , goß Eau de Cologne in ihre Locken , ehe sie dieselben mit dem Brenneisen zu kräuseln anfing , und parfümirte mit Eau de Mille Fleurs ihr Morgenkleid . Dann kam ihr der Gedanke , ein warmes Bad zu nehmen . Andere Gedanken , als die einer entsprechenden rationellen Körperpflege und Ernährung , kamen ihr ja überhaupt nie . Den Rest ihrer Zeit verwandte sie auf die Toilette ihrer schönen Seele , indem sie sämmtliche Romane einer umfangreichen Leihbibliothek verschlang . Während sie noch in ihrem Badezimmer sich bewunderte und vorm Spiegel ihre Reize in allen möglichen Stellungen besichtigte , klopfte die eine Mamsell , die sogenannte Kneifer-Mary ( Rother ' schen Angedenkens ) , an die Thür und benachrichtigte sie : » Madame , Ihr Freund ist da ! « In der That saß Leonhart gähnend in einem Winkel und bepustete als ironischer Blasebalg die Bierheben mit schnoddrigen Redensarten . Auf den Wahnsinn des Kneipens » hinten « fiel er ohnehin als alter kundiger Thebaner nirgends herein ; hier aber genoß er uralte Stammgastrechte und durfte sich mit einem bescheidenen Glase Bier begnügen . Unter den Kellnerinnen , so oft sie wechseln mochten , fand er stets alte Bekannte . Und so vertrauten sie ihm auch heute allerlei Klatsch . » Wahrhaftig , « dachte er , » früher stand die Kunst unter dem Sternzeichen der Madonna , heut unter dem der litterarischen Kellnerin . « Kneifer-Mary erzählte ihm eine gräßliche Geschichte , wie sie als Backfisch ihrem Vormund entlaufen sei , weil dieser sie habe nothzüchtigen wollen . » Züchtigen - was ? Die Noth hast Du zugesetzt . Man verspricht sich so leicht ! « gähnte er . Mit Hochgenuß hatte er oft bemerkt , wie sonst recht gewitzte Leute sich fast immer von den Rührgeschichten dieser Damen betölpeln ließen . Er kannte das Sprüchwort : » Sie lügt wie eine H ... « Doch mit seltsamer Inconsequenz glaubte er nichtsdestoweniger an die idealen Aspirationen seiner Freundin Frau Meyer . Diese Juno erschien . Ihr semitischer Astarte-Typus wirkte stets blendend beim ersten Eindruck , zumal ihre weiße Gesichtsfarbe durch kohlschwarzes glänzendes Haar gehoben und ihre Ueppigkeit mit geschmeidiger Eleganz gepaart erschien . Die holde Wittwe stürzte freudig auf ihn zu und fiel ihm um den Hals . » Ach da bist Du ja , mein Herzblatt ! Seh ich heut gut aus ? Uns kann Keiner ! « » An die Wimpern klimpern ! « ergänzte Kneifer-Mary naseweis . Sofort wurde der Engel zur Furie . » Sie haben hier gar nichts mitzureden ! « schrie Frau Meyer heftig . » Hier rede nur Ich . Sie haben bloß zu schweigen , verstanden ? « » Ach , ich meinte man bloß ! « Kneifer-Mary fing sofort langsam zu weinen an , worüber Leonhart in solche Rührung gerieth , daß er sich zu ihr setzte und sie liebkoste . Die klassischen Juno-Züge Helenen ' s verzerrten sich bei diesem Anblick und sie ging wüthend in der Stube auf und ab . Dann commandirte sie mit rauher Stimme : » Marsch fort , Sie ! Bringen Sie eine Flasche Lafitte nach hinten für meinen Freund ! Und zünden Sie die Gasflammen an . « » Ich habe noch gar nichts dergleichen befohlen , meine Gnädige , « brummte Leonhart verdrießlich . Sie fiel jedoch gierig über ihn her : » Wie hübsch er heute ist ! So wie ich , liebt Dich keine ! Scheusal , wolltest Du mich eifersüchtig machen ? « Er sah sie lächelnd an . Sie zwinkerte lüstern-verlegen mit den Augen . Das Böse in ihrem Sphinx-Gesicht war es , was auf ihn so bezaubernd wirkte . In den kleinen Schlänglein um ihren schöngeschwungenen Mund erkannte er kußgierig liebe Wahlverwandte . » Zarewna ! « lächelte er . Sie hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Katharina II. » O mein Orloff ! « Sie hielten sich umschlungen in zärtlichem tête-à-tête . » Heut hab ich gebadet , « sagte sie kokett , indem sie ihren Hals entblößte . » Ha , wäre ich die Welle , die Deinen Leib umschließt ! « deklamirte er in ungesunder Brunstaufwallung . » Wahrhaftig , ich würde zur Flamme werden ! « » Zur Flamme ? Ei ! « Ihr Auge funkelte . » Wenn , ich nun aber selbst die Welle würde , die Dich umwogt ! Ich würde Dich schon herunterziehen , was ? « Und zur Bekräftigung drückte sie seinen Kopf fest an ihren Busen . Er aber phantasirte fort : » O Sphinx ! Könnt ' ich doch in Dich hinüberfließen , mich selbst zernichten in Deiner Lebensfülle - « ( » Lebensfülle ist jut ! « sie knöpfte sich sämmtliche Knöpfe ihres Mieders auf ) » in wunschlosem Gestorbensein ! « » Wunschlosem ? Oho ! Das will ich nicht hoffen ! Prost ! « Er lachte leicht auf , indem er mit ihr anstieß . Aber unwillkürlich durchschauerte es ihn dabei , als ob ihm der Tod als lieber Gesell zur Seite säße und ihm grinsend ein blutiges Glas entgegenstrecke . Ihm wurde so nachtwandlerhaft zu Muthe , als habe er all sein Leben nur geträumt . Wie lange kannte er nun schon dies Weib ! Als sie noch » glücklich « verheirathet war , hatte er schon mit ihr eine eigenthümliche » Freundschaft « gepflegt . Greisenhafte Narrethei ! Wie Betrunkene am Abgrund vorübertaumeln - wann wird er sie beide verschlingen ? » Das reine Gretchen in Auerbachs Keller ! « murmelte er halb gedankenlos . » Nanu ! « Sie lehnte sich mißmuthig zurück . » Das ist manchmal Alles so - so falsch bei Dir ! Man weiß nicht - ich ärgere mich über Dich . « » Daß ich noch nicht weiter bei Dir bin , wie ? « fuhr es Leonhart heraus . Sie sah ihn mit einem langen Blick an . » Du sprichst ein großes Wort gelassen aus . « Sie spielte wieder ein wenig auf der weinerlichen Moll-Seite . » Ach , ich habe doch Alles verloren mit meinem Mann . Wer kümmert sich sonst um mich ! « Sie sah ihn kokett an . » Was , Du doch etwas ? Nicht ? Daß Du mich liebst , daß weiß ich , summte sie neckisch . « » Auf Deine Liebe .. beiß ' ich , « ergänzte er und biß sie leicht in die Backe , über welchen beißenden Scherz sie in ungebärdige Extase gerieth , aber doch Geschäftsruhe genug behielt , von wegen des eben mit dem Notenblatt eintretenden und bei dem allzu intimen Anblick des Pärchens diskret entweichenden Klavierspielers , eilig zu rufen : » Gieb Mozarten 50 Pfennig ! - Hier , Herr Musikdirektor ! « In ähnlicher Weise wurden die Mamsells , die ihr Tribut-Glas holen kamen , fortmanövrirt . Von Kneifer-Mary wußte Frau Wirthin übrigens ein famoses Abenteuer zu erzählen . Sie wollte sich ausschütten vor Lachen . » Also , da kam ein Weinhändler her , Namens Strauß , und wollte Wein bei mir verkaufen . Da wurde die kleine Mary wie verrückt , als der Mann mit mir eine Flasche Wein trank ; es war ein hübscher Kerl . Und als ich das nun sah , sagte ich ihm , als er ging , um , wie er sagte , eine Stunde spaziren zu gehen : Nehmen Sie doch die Kleine da mit ! Das that er denn , weil ihm nichts andres übrig blieb , denn die Person zog gleich ihre Mantille an . Na und als sie zurückkam , da schwärmte sie nun . Und ihm ist sie ein Ekel . Also , was thun wir ? Sagen ihr , er wäre hier gewesen , als sie fort war , und hätte ihr ein goldenes Armband mit einem Hufeisen darauf gebracht . Da war sie außer sich . Und was thun wir wieder ? Kaufen für 50 Pfennig im Passage-Bazar ein Simili-Armband , finden zum Glück noch eins mit einem Hufeisen . Ich packe das nun in eins meiner Juwelirkästchen , nehme einen Bogen Rosapapier und schreibe : Meine süße Maus ! Und so weiter - Du kannst Dir denken . Das wird nun angeblich durch einen Dienstmann als Paket gebracht . Na , meine Mary also wie rasend ! Ist ' s auch echtes Gold ? sagt sie , weil das Simili natürlich keinen Glanz hatte . Ja , Mattgold ! Am andern Tage kam sie freilich , ihre Wirthin hätte gemeint , es wäre vergoldetes Silber . Ich aber ganz empört : Nein , Fräulein , Sie sehen doch , es kommt vom Juwelier . Da giebts nur echtes Gold . Und dann stellen wir einen Strauß von allerlei Blümchen zusammen und schicken ihr das wieder mit einem Rosabriefchen , unterschrieben : Dein Sträußchen . Er habe es heut nicht aushalten können , ohne ihr einen Beweis seiner Liebe zu geben ; morgen komme er . Na , die Extase kannst Du Dir denken . Den ganzen Tag wandelte Sie herum mit verschämtem Gesicht , wie eine Braut . « Die schöne Helena wieherte ordentlich vor Vergnügen und fiel Leonhart krampfhaft um den Hals . » Ach , Du bist doch der beste edelste Mensch ! Wenn ich mit Dir ein Stündchen plaudere , schwebe ich wie im Himmel ; bin so weggehoben über all ' das dumme Leben . Wie Du mir neulich erzählt hast , daß es so große Welten über uns giebt und die Erde bloß so klein und wir wie Ameisen - ich weiß gar nicht , wie mir dabei wurde ! « » Originelle Zarewna ! « » Dann bist Du mein Premierminister ! Ach , Du bist doch ein abscheulicher Mensch . Niemand würde es für möglich halten - kenne Dich schon so viele Jahre und weiß noch immer nicht , wer Du bist . Da sind wohl ein paar mal Leute hier gewesen , ekelhafte Gesellen , die von Dir quatschten und sich nach Dir erkundigten - daß Du Friedrich heißt , weiß ich schon - , aber im Namen-Sagen da waren sie Alle behutsam . Wie ist das nur möglich , daß die Leute dahinter kamen , daß Du hierhergehst , aber ich Dich nie ausfinden konnte ? Du mußt schrecklich weit von der Dresdener Straße wohnen . Und im Schaufenster hab ich auch nie Dein Bild gefunden ... und ich weiß bestimmt , daß Du doch ein berühmter Mann sein mußt . « » Gott Gerechter ! « machte er spöttisch , indem er ihre semitische Lebhaftigkeit nachäffte . » Wie soll ich sein berühmt ! Ich bin einer der obscursten Sterblichen , heiße weder Veilchenthal noch Aaron noch Lubliner . Und was ich geschrieben habe , das ist bloß ein .. Coursbuch . « » Ach rede man nich ! Bei andern Damen da wirst Du schon anders sein in der Gesellschaft . Dir stehn ja alle Wege offen . « Er zuckte die Achseln . » Tröste Dich , mein Kind , unsere Damen haben schönere Idole als mich - mit rothem Kragen und Epauletts . Uebrigens , « er nahm einen ärgerlichen Ton an , » laß diese Nachforscherei ! Wenn ich mich Dir entdecken will , werde ich es schon selber thun . Und daß ich ' s nicht thue , zeigt doch daß ich ' s nicht will . « » Ja , glatt wie ' n Aal ! « Sie gerieth plötzlich in ein mörderliche Rage , die sie sofort an ihren , Mamsells auszulassen wußte . » Häßlich sind sie alle wie die Sünde , und dabei stecken sie Bilder ' raus . Hier bei meinem Freund besaufen sie sich und dann , wenn Gäste kommen , dann lesen sie Bücher . Solche Mamsells sind mir noch nicht vorgekommen . « In diesem Augenblick aber kam die Mamsell Olga und meldete ihr was . » Ach so ! Entschuldige mich , mein Kind ! Da sind Zwei , die sich für mich interessiren ! « » So und da läßt Du mich sitzen ? - So lebe wohl , und wenn für immer ! « » Ach , Du kommst ja doch wieder ! Und übrigens , wir haben an jedem Finger Einen ! « Sie zählte viermal ihre fünf Finger ab . » Was , so wenig ? « - Sie lachte und entfernte sich , trällernd : » Anna , zu Dir ist mein liebster Gang . « Olga , die in England Geborene mit dem merkwürdigen großgeformten Fuchsgesicht , die so oft mit Leonhart Sechsundsechzig gespielt , sein sogenanntes » langsames Ideal , « versicherte ihm jetzt , sie sei ihm eigentlich auch sehr gut . » Wir kennen uns ja schon so lange ! « Leonhart dachte innerlich , was die Welt wohl sagen möchte , wenn sie diese komischen Freundschaften des » großen Dichters « erführe . » Edles Wesen ! « sagte er gerührt . » Was macht denn Dein Verhältniß , dies gute Schaf ? Glaubt er immer noch an Dich ? « » Ach , Sie haben ja nie geliebt . Wenn Sie wüßten wie das ist ! Mein Schatz ahnt natürlich nicht , daß ich Andere eben nehmen muß , wie das Geschäft es fordert . Ja Mäuschen , sagte er , ich weiß wohl , daß Dir welche mal einen Kuß nehmen . Aber Du selbst giebst doch Keinem einen ? Nie , auf Wort ! sage ich dann . Wenn ich ihm die Wahrheit sagte , wär ' s ja für immer aus . O , dies Geschäft ist einem zum Halse heraus ! « Grade wie die Salon-Kokette ihrer Mama wohl zu beichten pflegt : » Es ist doch jeden Abend ein anderer !