die närrische Geschichte längst auswendig . Hören Sie nur , es ist psychologisch nicht ohne Reiz , oder wenn Sie lieber wollen , sehen Sie einstweilen meine Sachen an . « Drillinger stäubte den Stuhl mit seinem Taschentuch ab und setzte sich nieder . Achthuber schaffte emsig weiter und nahm vorerst keine Notiz mehr von ihm . » In was für eine Gesellschaft bin ich da geraten ? « fragte sich Drillinger kopfschüttelnd und betrachtete sich die merkwürdige Umgebung . Von den Wänden grinsten allerlei Karikaturen in Köpfen , Reliefs und Medaillons auf ihn herab ... » Nun , Mister John , wo sind wir stehen geblieben ? « ermunterte der Bildhauer sein noch immer in Schweigen verharrendes , nur unruhig mit dem Kopfe wackelndes Modell . » In Amerika , nicht wahr ? « Jetzt ertönte eine leise , hohle Stimme wie aus dem Grabe , ohne Betonung über die Sätze hingleitend : » Mittlerweile war meine Familie aus Amerika zurück . Nur Afra war drüben geblieben . Schreitet man unentwegt über tausend Steine zum Ziele menschlicher Harmonie , so erscheint man dünkelhaft oder verrückt . Tadelt man begegnendes Unrecht in jeder Gestalt , so schreien die Gestörten und die Feigen : Bösewicht ! 1862 hat ein Herr hier auf der Maximiliansbrücke im Vorbeihuschen mir - warum ? - zugeraunt : Kommen Sie nur einmal wieder nach Newyork , dann sollen Sie etwas erleben , und der nämliche 1870 auf dem Broadway meiner Afra : You only come to Munich again you shall see ! « » Ziehen Sie die linke Schulter ein wenig hinauf , mein lieber John ! « mahnte Achthuber . Die warme , feuchtdunstige Luft und das Atelierlicht wirkten auf Drillinger einschläfernd . Die Rede des Alten tönte ihm wie Ammensingsang . Er empfand nur einen körperlichen Eindruck und wußte nichts daraus zu machen . Eine wunderbar ergreifende Medusa über der Thür faszinierte ihn . Mister John fuhr fort : » Afra war mir damals noch nicht nahe getreten . Heute erinnere ich mich an allerlei Münchener Redensarten aus meiner ersten amerikanischen Zeit . Dann mußte ich das Klima und das Leben dort meiden . Ich ging über den Ozean und das war unser Unglück ; sie konnte meine Abwesenheit nicht ertragen . Die Familie , in deren Schoß sie Aufnahme gefunden , verlangte Garantien für meine Rückkehr . Bei Mißtrauen soll sie mitkommen , hatte ich erwidert . Und dann war sie tot , tot , tot ... Dann kam der Teufel über sie : Du hast sie gemordet , und sie drohten . Beobachtung , Argwohn , Flüstereien überall , wohin ich kam , in London , Paris , Berlin . Um so satanischer , als ins Kalkül fielen meine Einsamkeit , Unthätigkeit , Nervosität , Provokationsgruben , der Chauvinismus , royalistische Verbindungen ... Die in weiter Welt auf Revanche oder Ranküne lauernden Widersacher ; endlich die Hoffnung , ich möchte irgendwo noch irgendwas begehen , woraus man Greifbares gegen mich schmieden kann . Aber Mister John thut das nicht ... « » Nein , er thut das nicht , « sagte Achthuber fest und gütig , » aber mein lieber John , neigt jetzt den Kopf ein wenig nach links , dann sind wir gleich fertig . « Drillinger wandte den Blick auf den Boden und scharrte mit dem Fuß ein zerrissenes Zeitungsblatt näher heran . Achthuber gewahrte es und lächelte . Es war eine Nummer der » Kloake « . Das Hiobmodell sprach unermüdlich weiter : » Bald hatte man gleichgestimmte Seelen , Flachköpfe , Schufte auf Seite der Hetzlustigen . Gewohnheitsverbrecher scheinen davon angeekelt worden zu sein , sonst hätte deren Augenblicknutztrieb mich auf einem entlegenen Weltgange beseitigen gekonnt . Endlich stutzten die Braven in der Millionenstadt und rückten . In München rauscht die Isar , der Andere ist jetzt stille . Manche gaben mir ihre Sympathieen zu verstehen . Was seitdem in der Umgebung sich abgespielt hat , davon wissen viele Vieles . Verrückter Mann ! Abschaffen , asylieren , exilieren - Weltstadttöne , die hier nicht klingen . Hochstehende werden überall düpiert , meiden direkte Kenntnisnahme , sind ohne Gegengewicht . In ihrem durchseuchten Hohlraum werden die Martern als verdiente betrachtet . Mich als schuldig hinzustellen ! Hahaha . So lang die Kleine lebt ... « » Und jetzt sind wir fertig für heute . Danke , alter Freund John . Darf ich Sie morgen Vormittag wieder erwarten ? « Der Alte ordnete seine Kleider und verschwand leise . Achthuber nickte ihm einen stummen Gruß nach , dann deckte er ein nasses Tuch über die Figur auf dem Modelliertischchen , wusch und trocknete sich die Hände und ging auf Drillinger zu . » Und nun erst Grüß Gott , Herr Baron , Ihr Besuch ist mir angenehm ; er wurde mir schon von Italien aus avisiert . Sie selbst sind mir ja kein Fremdling . Ich bedauere nur , daß ich Ihre Geduld auf die Probe stellen mußte . « » Das macht nichts , Herr Achthuber ; das nichtsnutzige Frühlingswetter liegt mir ein wenig in den Gliedern und macht mich schlaff , sonst hätte die interessante Szene , der ich beiwohnen durfte , mich gewiß mehr angesprochen . « » Ja , dieser Mister John ist ein unbezahlbares Studienobjekt . Sein eigentlicher Name ist Flocker . Man siehts dem harmlosen Verrückten nicht an , was er schon alles hinter sich hat . In jedem Frühjahr kommt er zur Kur nach Brunnthal . Ein familien- und heimatloser Kunstgelehrter , durch eine kleine Rente unabhängig gestellt , durchpilgert er die Welt . Als ich vor drei Jahren in Amerika weilte , machte ich seine Bekanntschaft . Seitdem besucht er mich regelmäßig . Herzensgeschichten , die ihm den Verstand angebrannt haben , fesseln ihn auch ein wenig an mich . In meiner kleinen amerikanischen Braut - sie ist gegenwärtig in einem Dresdener Pensionat - will er das Abbild seiner zu Grunde gegangenen Geliebten erkannt haben ; auch der Zufall des Namens scheint ihm imponiert zu haben . Aber was schwatze ich da von deutsch-amerikanischen Abenteuern , kommen wir zu unsern gemeinsamen Freunden , unserm Architekten Zwerger und seiner Verlobten Flora Kuglmeier ! « Drillinger machte große Augen : » Seiner Verlobten , sagen Sie ? « » Ich plaudere vielleicht aus , was er noch geheim gehalten wissen will . Aber es ist so . Fräulein Flora hat mir die überraschende Nachricht erst diesen Morgen geschickt und mir zugleich Ihren Besuch angekündigt . « » Ich finde den Zusammenhang nicht ... « » Den werden Sie gleich haben . Wollen Sie sich da herauf bemühen ? Hier sitzt sich ' s besser . « Achthuber war die Treppe an der Schmalwand des Ateliers hinaufgeeilt und hatte den grünen Vorhang zurückgeschlagen . » Hier ist mein Plauderwinkel und mein Observatorium . « Es war ein lauschiges Gemach , zeltartig aus bunten Binsenmatten und Teppichen gebildet und mit einem fellbelegten Divan ausgestattet . Nachdem sich die Herren niedergelassen hatten nahm Achthuber seinen Bericht wieder auf : » Meine nähere Bekanntschaft mit Zwerger verdanke ich meinem kurzen Rom - Aufenthalt im letzten Winter . Wir sprachen viel über die Münchener Kunstzustände , tauschten unsere Zukunftspläne aus , - ein genialer Mensch , voll Feuer und Phantasie ! - weitgereist und viel erfahren wie wir beide waren , gewohnt , die Dinge von großen Gesichtspunkten zu betrachten , fanden wir uns schnell ; ich stellte ihm noch meine ehemalige Schülerin - im Zeichnen und Modellieren - die nicht weniger geniale Flora Kuglmeier vor , Exhauslehrerin eines weitläufigen Vetters von mir ... « ( hier hüstelte der Sprecher unwillkürlich ein wenig ) » und reiste dann wieder ab . Dringende Aufgaben riefen mich nach München zurück . Ich machte mir überdies nicht übermäßig viel aus Italien ... Ja , ja , Herzen haben ihre Schicksale : Zwerger schien mir das Ewigweibliche etwas von oben herab zu nehmen , schopenhauerisch infiziert , wie mir schien - und jetzt , wie ' s halt jedem beschieden ist , wenn sein Stündlein der Einkehr und der definitiven Entschlüsse geschlagen hat . Ich gönn ' ihm das seltene Glück . « » Von alle dem hat er mir nichts geschrieben . Sein letzter Brief schien mehr eine übermütige Humoreske , worin allerdings der mir bis dahin fremde Name Flora Kuglmeier gar sonderbar gaukelte . Wer ist denn die Dame eigentlich ? « » Fragen Sie vielmehr , Herr Baron , was ist denn die Dame eigentlich , und ich antworte Ihnen : eine Perle ! Ah , Sie schütteln den Kopf ? Ich war auch lange ein sündhaft ungläubiger Thomas . Sie können sich ja denken , ein Künstler , nicht wahr , der Verkehr mit den Modellen , den professionsmäßigen und - den andern ; da kommen die Damen nicht , uns ihre Tugend und Keuschheit anzubieten oder uns mit frommen Bußgedanken zu ködern . Und wir sind ja allzumal Sünder - ich muß Ihnen nur gelegentlich einmal meine intimeren Skizzen zeigen , proh pudor ! - aber ich schwöre Ihnen bei meiner Künstlerehre , bei der kleinen Flora Kuglmeier lernte ich Respekt . « » Das ist allerdings seltsam , « sagte Drillinger in Gedanken und ließ seinen Blick über die prachtvolle Figur des Künstlers gleiten . » Glauben Sie mir , Herr Baron , diese Erfahrung war mir eine wahre Herzstärkung . Zuerst freilich war ich ein wenig beschämt , dann aber jubelte ich auf : Gott sei Dank , es giebt noch reine Frauenherzen und Frauenleiber ! Besonders für einen Künstler ist diese Erfahrung notwendig und dieser Glaube ... Im Keuschen liegt eine göttliche Kraft . Unser Zwerger ist ein seliger Mann . Jetzt ist er geborgen . Jetzt wird er sich auch zum rechten Zielbewußtsein aufschwingen , nachdem sein Leben ein Zentrum in der Liebe gewonnen . Wenn ihm die Umstände nur ein wenig hold sind , wird er mit der Ausführung seiner Isarpläne seine Künstlerlaufbahn krönen . « » Was ist es denn eigentlich mit diesen Isarplänen ? « » Das ist leicht und schwer zu sagen , je nachdem . Im Prinzip handelt es sich darum , diese landschaftlich einzigen Bauplätze an den Isarufern der gemeinen Zinshaus-Bauspekulation zu entreißen und sie einem dem künstlerischen Ruhme Münchens würdigen Zwecke zu weihen . Es gilt da freilich zunächst einen heißen Kampf mit dem barbarischen Mammonismus , der alles phantasievoll Grandiose , sofern es nicht sofort rentierlich im kapitalistischen Sinne , mit Füßen tritt . Und hier soll für die Kunststadt München eine Entscheidungsschlacht geschlagen werden , welche die künstlerische Vorherrschaft Bayerns auf Jahrhunderte hinaus in Deutschland befestigen oder vernichten soll . Ein halbes Dutzend lumpiger Millionen und der königliche Schutz - und die Isarufer bedecken sich nach den Zwergerschen Entwürfen mit Kunstausstellungsbauten , Museen , Galerieen , dazwischen Privathäusern im reichsten Pavillonstil , Gärten , Anlagen , Brunnenwerken , Statuen und so weiter , wie die Welt nichts Ähnliches gesehen ... « Drillinger lächelte : » Millionen und königlicher Schutz ! Unter den bekannten obwaltenden Umständen ! « » Vorerst heißt ' s nur Zeit gewinnen - für die Veränderung der augenblicklichen Umstände . Von heute auf morgen kann ein ungeheurer Wechsel eintreten . Der König ist krank , weltflüchtig , regierungsmüde . Er hat Außerordentliches für das Kunstgewerbe geleistet , ja , man kann sagen , daß er das bayerische Kunstgewerbe geschaffen und auf die gegenwärtige Höhe gebracht hat . Aber jetzt sind seine Mittel erschöpft . Er ist am Ende seiner Kraft . Ultra posse nemo obligatur . Nicht einmal ein König . Lassen Sie die Krone auf ein anderes Haupt übergehen ... In diesem Sommer feiert Münchens Künstler- und Bürgerschaft das Ludwigs - Jubiläum , die Hundertjahrfeier der Geburt Ludwigs I. , des größten Kunstkönigs . Sein zaubermächtiger Geist ist im Wittelsbacherhause noch heute lebendig ; stellen Sie ihn im rechten Mann auf den rechten Fleck und Sie werden Wunder erleben ! « » Ich bewundere ihren kühnen Gedankenflug , obwohl ich ihm nicht zu folgen vermag . Industriealismus , Kapitalismus , sie haben nun einmal das Heft in Händen und werden sich ' s nicht durch die glänzendste Künstlerphantasie entwinden lassen ... Selbst königliche Macht ... Die Zeiten Ludwigs des Ersten sind nicht mehr die Ludwigs des Zweiten ... « Es klingelte . Achthuber eilte an die Thür und steckte den Kopf hinaus . » Nein , Isidor , melden Sie dem Herrn Bankier Weiler , daß ich ihn jetzt unmöglich befriedigen kann ... In vierzehn Tagen wollen wir sehen ... Wie ? Pfand ? Er soll sich selbst oder den Gerichtsvollzieher herausbemühen und sich nehmen in drei Teufels Namen , was ihm gefällt . Bargeld hab ' ich jetzt nicht . Den Wechsel nehmen Sie nur wieder mit . Adieu ... Nochmal : nein ! Vorwärts , sag ' ich ... Betrachten Sie sich meinetwegen als hinausgeworfen ... « Die Thür flog zu . Zwischen den dichten rötlich-blonden Augenbrauen des Künstlers stand eine düstere Falte . Zu Drillinger zurückkehrend : » Ich bitte um Vergebung . Ja , ja , das Geld im Kleinen ist ein schändliches Ding . Mein Bankier hat eine wahnsinnige Inkasso - Wut ... Mit Millionen ! ist bequemer arbeiten , die sind weit nobler und gefügiger , als die Tausender . Kleine Summen sind immer plebejisch ... « Drillinger hatte sich schweigend erhoben . Der Zwischenfall , von dem er unfreiwilliger Zeuge gewesen , drückte auf seine Stimmung und ließ die kaum verscheuchte Schwermut wieder die Oberhand gewinnen . » Wollen Sie einen Blick auf meine Arbeiten werfen ? « fragte Achthuber sich zusammennehmend . » Es sind Einfälle darunter , die Ihnen nicht mißfallen werden . Einzelne frühere Werke werden Sie bereits vom Kunstverein her oder aus Kritiken kennen . Was ich im Kunstverein ausstellte , war natürlich dummes Zeug , Schaugericht für Krethi und Plethi ; ist auch längst verkauft . Dergleichen mache ich nie wieder . Konzessionen schwacher Stunden und gewisser Bedürftigkeiten , deren man sich besser schämt . Die Kritik pflegt solche Sünden natürlich mit höchstem Lobe auszuzeichnen . Waren Sie nicht selbst eine zeitlang kritisch thätig ? Es ist mir als ... kurz vor meinem Abstecher nach Amerika ... « » Meinen Sie mein journalistisches Unternehmen mit dem Baron Almen ? Ein unglücklicher Versuch . Seitdem habe ich die Hand von der Presse gelassen ... « » Das verdenke ich Ihnen nicht . Unsere Preßverhältnisse lassen viel zu wünschen übrig . « » Wo ein Preßbandit möglich ist , wie dieser Kloakenhäuptling ... « » Den rechne ich nicht zur Münchener Presse . Nein , das möchte ich unserer Journalistik nicht anthun , so wenig ich mich ihr zu Artigkeiten verpflichtet fühle ; sie hat mich , besonders in meinen Anfängen , oft gemein genug behandelt . Jetzt schweigt sie mich fleißig tot , das nehme ich ihr weniger übel . Aber dieser Preßbandit ist für mich doch nur eine lustige Person . Neulich wollte er sich auch an mir reiben , aber ich habe ihm einstweilen einige Hiebe brieflich aufgesalzen , die fruchten werden . Ich stehe nämlich in gewissen Beziehungen zu ihm , sehr sonderbarer Natur , von früher her , durch sein Weib ... Nicht wahr , da staunen Sie ? Kennen Sie sein Weib ? Ich meine nur so ... « » Vom Sehen ? Allerdings . « » Natürlich nur vom Sehen . Ich auch . Nur habe ich sie besser gesehen , als irgend einer , als Aktmodell nämlich , in ganzer Figur , wie sie Gott geschaffen und ein Tätowierkünstler verbessert hat . Das ist eine furchtbar komische Geschichte . Nach der Anrempelei des Preßbanditen habe ich keine Veranlassung mehr , sie länger geheim zu halten . Also die Donna kam aus Hamburg hieher , aus irgend einem Matrosen-Paradies . Eine teufelmäßige Schönheit , die hier zuerst mit Modellstehen ihren Weg machen wollte . Die wenigsten Künstler wußten etwas mit ihr anzufangen ; auch wollte sie sich nicht weiter als bis zu den Lenden hergeben . Da kam sie zu mir - und beehrte mich mit einem unfaßlichen Vertrauen . Das heißt : Hofbräuhaus-Bock drei Glas , hierauf Marsala anderthalb Flaschen und einige Fingerhüte voll Chartreuse hatten sie beschwipst ... Daran war ich nicht ganz unschuldig ... Gewisse Frauen sind erst im beschwipsten Zustande zu ergründen , dann aber unfehlbar ... Und meine Entdeckung ! An der Innenseite beider Schenkel von der Kniekehle bis oben hinauf tätowiert : einen Löwenkampf unter Palmen darstellend ! Die Bestien fletschen die Zähne , hauen mit den Schwänzen um sich , packen sich im Nacken , in den Flanken - ein dämonisches Kampfbild , naiv aufgefaßt , grotesk dargestellt , aber von unerhörter Wirkung an dieser Stelle ... « » Das möcht ' ich wahrhaftig ... nein , nicht in natura , aber in einer beglaubigten Abschrift sehen . « » Der Wunsch ist berechtigt und soll erfüllt werden . Sie sind zwar nicht der Erste , dem ich ' s zeige , aber der Erste , dem ich den Namen der Besitzerin des lebendigen Originales mitteile . Kommen Sie ! « Achthuber führte den Baron in eine verschlossene Abteilung des Ateliers . » Das ist mein Raritätenkabinet , das ich nur ganz Intimen öffne . Einem Freunde Zwergers biete ich den Eintritt als Gastgeschenk . « » Ich werde diese Auszeichnung zu würdigen wissen , « antwortete der Baron verbindlich . » Das , ist der Tempel der Natürlichkeit oder sagen wir schöner : Vermählung von Natur und Kunst . Für klassisch verdorbene Akademikeraugen ein Ort des Schreckens und der Qual ... « fuhr der Bildhauer fort , nachdem er von einigen Gruppen und Statuen die schützende Hülle , grobe , staubgraue Tücher , genommen . Längs der Wand standen auf einem niedrigen Simse eine Reihe von kleineren Skizzen . » Suchen Sie ! « rief Achthuber . » Hier das Frauenzimmer auf dem ominösen Stuhl ? Erlauben Sie , das ist unerhört , das ist kein Vorwurf für die bildende Kunst ! « Der Künstler verzog die Lippen . » Das müssen die Herren Nichtkünstler doch wohl den Künstlern zu entscheiden überlassen ... Sehen Sie nur genau hin , Herr Baron , das ist wirklich der ominöse Stuhl ; Sie haben richtig geraten . Die genaue Kopie des Stuhls , der im ärztlichen Untersuchungsbüreau von der Polizeibehörde bekannten Damen allwöchentlich angeboten wird . Der Künstler , dem nichts Menschliches fremd sein darf , hat ein Recht , sich für Personen , Dinge und Zustände nachschöpferisch zu interessieren , welche in der profanen Alltagswelt noch als die Domäne des Arztes , des Polizisten , des Richters betrachtet werden . Ei freilich , Venus , die Schaumgeborene - die Verführerin als strahlende Göttin - und ihr mit Mars erzeugter Sohn Amor oder Kupido oder Eros , dargestellt als neckischer Knabe mit Flügelchen an den Schultern , bewehrt mit Bogen und Köcher , aus dem er Liebespfeile schießt , oder mit einer Fackel , dem Sinnbilde brennender Liebe , diese mythologischen Kinderstubenscherze , das sind Vorwürfe für die echte , die ideale Kunst , nicht wahr ? Nein , mein Herr , mit diesem verlogenen , konventionellen Schnickschnack wollen wir modernen Künstler nichts mehr zu schaffen haben . Unsere Seele schreit nach Erlösung von Unnatur und Lüge , wir sehen die hehre Schönheit nicht in der klassischen Schablone , sondern in der Wahrheit , die vor unsern Augen liegt . Wir kehren uns nicht an die alten Muster , wir halten uns an den Geist , der in uns selbst lebendig ist und beugen uns in Ehrfurcht vor dem ewigen , erhabenen Urtext der Natur . Und darum schildern wir unsere Zeit und unsere Menschen , unsere Irrtümer , Thorheiten , Leiden , Hoffnungen und Ideale , wie die Alten die ihrigen geschildert haben . Dieser Stuhl hier und das Weib darauf mit den ausgespreizten Schenkeln und der Gerichtsarzt davor mit dem kühlen Aktendeckelgesicht - das sind Abschnitte aus der echten , wirklichen Venuslegende unserer Zeit , mit hoher obrigkeitlicher Approbation , ein Aufzug aus dem hundertaktigen Drama unseres modernen sozialen Elendes , das nur diejenigen nicht sehen , die es aus Feigheit oder eigener Niedertracht nicht sehen wollen ... « Drillinger musterte die Gruppe aufmerksamer . » Ich kann mir nicht helfen , Herr Achthuber , so vollendet Ihr Werk auch sein möge und so frei von frivoler Effekthascherei - man wird Sie doch der Verirrung , ja der Freude an der Schweinerei bezichtigen ... « » Lassen Sie sich ad vocem Schweinerei eine Anekdote erzählen , Herr Baron , « sagte der Künstler gelassen , indem er eine reizende nackte Mädchengestalt auf der Drehscheibe so rückte , daß das hellste Licht auf die Rückenseite fiel . » Als der große französische Schauspieler Talma zum erstenmal den Brutus mit entblößten Armen und Beinen und echter römischer Tunika statt in dem bisher üblichen Phantasiekostüm spielte , da verließ seine Partnerin , Madame Vestris , empört die entweihte Bühne mit dem Rufe : Schwein ! ... Heute ertragen wir nicht nur , sondern wir fordern sogar echte Kostüme im Theater und das prüde Publikum findet sich mit nackten Schultern und Armen ganz gut ab , während es gegen nackte Füße oder Beine noch entrüstet aufschreien würde . Von dem Dichter oder bildenden Künstler hingegen verlangt es nach wie vor das lächerliche Phantasiekostüm der Konvention . Die Schwachköpfe mögen es ihm geben , die starken Naturen , die suveränen Künstler-Individualitäten , kümmern sich keinen Pfifferling darum , und wenn man ihnen auf Schritt und Tritt die , blödsinnige Insolenz entgegenschleuderte : Was , du kannst es wagen , uns zu schildern wie wir sind - du Schwein ? Lieber Herr Baron , aus der Perspektive des modernen Künstlers gesehen , sind alle diese Moralitätsanfälle pure Kindereien , und die ganze konventionelle Moral , die den Leuten angedrillt wird , eitel Schwindel und Humbug . So lange diese Moral herrscht , ist kein Raum für die Sittlichkeit in der Welt . Und Sittlichkeit thäte uns so wohl wie echte Natur . « » Wer ist diese herrliche Lichtgestalt ? « fragte Drillinger träumerisch , längst nur noch Auge und den Ausführungen des Künstlers kaum ein zerstreutes Ohr leihend . » Meinem französischen Lieblingsschriftsteller Flaubert zu Ehren habe ich sie Salambo getauft . Ich weiß nicht , ob Sie die Geschichte von dem Töchterlein Hamilkars kennen . Salambo ging in das feindliche Lager , schlief die Nacht über im Zelte des feindlichen Heerführers , um den Schleier der Göttin Tanit , den dieser geraubt , wieder zurück zu holen . Eine unbefleckte Jungfrau , wie sie gekommen , soll sie wieder nach Karthago zurückgekehrt sein . « Drillinger seufzte ironisch . » In Karthago muß dann wenigstens die jungfräuliche Keuschheit intensiver , oder die Weiberlust der Heerführer bedeutend impotenter gewesen sein , als bei uns ... Je nun , die Welt ist so groß und so verschieden ... Salambo hin , Salambo her , das ist ein wundersüßer Frauenleib . Ach , ich hätte ihn nicht ungenossen aus meinem Zelte entweichen lassen - Sie wohl auch nicht , Herr Achthuber ... « » Meine keusche Salambo verführt Sie ! « sagte der Künstler in vorwurfsvoll singendem Tone mit drohend erhobenem Finger . » Herr Baron , das ist patentierte und garantierte Jungfräulichkeit ... aller Liebe Müh ' umsonst . Betrachten Sie hier mein asketisches Ideal , das wird Sie abkühlen , oder dort meine Gruppe Leben aus dem Tode , die Entbindung einer Sterbenden , das wird Sie erschrecken . Auch meine Würde der Arbeit , wie ein verunglückter halbverhungerter Künstler einem Parvenü-Protzen die Stiefel putzt , ist ein gutes Ableitungsmittel für wollüstige Gedanken . Das asketische Ideal ist eine Charakterstudie nach dem Leben des Einsiedlers im Steinbruch von Höllriegelskraut . Lauter moderne Stoffe ! Hier die kleinen Propheten sind aus unserem Landtag , Abteilung , für klerikal - mittelalterliche Halluzinationen , geholt ... « Das war umsonst geredet . Max v. Drillinger lag in Salambo ' s Fesseln , daß er alles andere übersah und überhörte . Diese Welt von jugendlich knospender , taufrischer Schönheit , hat er sie nicht schon beglückt in seinen Armen gehalten ? Erinnerte dieser wonnesame Leib der Karthagerin nicht in jeder Linie , jeder Schwellung , jeder Bebung an die zierliche Huldgestalt seiner kleinen Sängerin Fifette ? Und wie hat er sie in diesen Tagen vernachlässigt ! Konnte er nicht jeden Augenblick niedertauchen in ihre Liebe wie in einen Jungbrunnen und alles Leid vergessen ? Er hatte einen Entschluß gefaßt - diese Nacht bei ihr ! Nun riß er sich von dem Bilde los . » In der That , Sie haben entzückende Sachen hier . Wenn Sie gestatten , werde ich mir das alles später einmal mit Muße betrachten . Ich muß in diesen Tagen einen kleinen Erholungsausflug machen ; wenn ich zurückkehre ... « » Sie sollen mir stets willkommen sein , Herr Baron . Inzwischen werden wir hoffentlich auch neue Nachrichten von unserem gemeinsamen Freunde Zwerger erhalten haben ... « » Wer ist das hier ? « fragte Drillinger im Hinausgehen , mit flüchtigem Blicke auf eine Porträtbüste weisend . » Den sollte ich kennen . « » Ein moderner Antinouskopf , nicht wahr ? Das ist ein junger Philologe , ein Unglücksmensch von einem Ideologen . Schlichting heißt er . « » Und das hier ? « » Eine Engelmacherin , sagt man . Ich will nicht darauf schwören . Man sagt ja so vieles . « » Was Sie für seltsame Bekanntschaften haben ... Eine Engelmacherin ! « » Der Thiergarten Gottes und seiner Künstler ist groß . « Es war der Kopf der Elisa v. Hutzler . » Und das ? « » Eine Blumenmacherin und angebliche Baronesse dazu . Als Baronesse hatte sie gar nichts , als Blumenmacherin drei bis vier Mark in der Woche . Ihre Schwester desgleichen . Um nicht zu verhungern ... die alte Geschichte ... Die satte Tugend geht vorüber und hält sich die Nase zu . Die Polizei stellt eine Karte aus und erhebt die Taxe . « Drillinger stand sinnend , als suche er nach einer Ähnlichkeit mit einer von zwei jungen Dämchen , die ihm kürzlich begegnet ... auf der Maximiliansbrücke und unter einem Thorweg ... Es ging ihm so vieles im Kopf herum . Das Leben wird mit jedem Tag komplizierter . An der Thür sich umwendend , gewahrte er auf einem kunstvoll gearbeiteten Postamente eine jugendliche Frauenbüste , die ihm schon beim Eintritte aufgefallen war , weil sie abseits von den anderen Bildwerken wie auf einem Ehrenplatze stand . Es war ihm auch gewesen , als hätte ihr der verrückte Flocker beim Hinausgehen heimlich eine Kußhand zugeworfen . » Verzeihen Sie eine letzte Frage , Herr Achthuber : wer thront dort gleichsam als der weibliche Schutzgeist dieser kunstgeweihten Stätte ? « Über das edle Gesicht des Künstlers flog ein siegesstolzes Leuchten und mit feinem Lächeln sagte er , die Kraft seiner Stimme zu geheimnisvollem Flüstern dämpfend : » Meine Herzensliebschaft , meine Afra ! « » Afra ? « fragte Drillinger nachdenklich wie einer , der sich auf verblaßte Träume und erloschene Zusammenhänge besinnt . » Die im Roman des Mister John eine Rolle spielt ? « Die Art des Fragens belustigte den Künstler ; sie sprach ihn an wie frauenhafte Neugierde . Nun wollte er zum Schluß mit dem Frager eine kleine Komödie spielen : » Ich vermute sogar , daß sie eine der Ursachen von Johns Irrsinn ist , insofern , als Johns etwas überempfindliches Hirn durch die Abweisung , die er von Afras Mutter auf sein hitziges Liebeswerben erfahren , übergeschnappt ist ... Mister John leidet zeitweilig auch an der Wahnvorstellung , er sei Afras , meiner Zukünftigen , leiblicher Vater ... « Nein , das Fabulieren wurde ihm doch zu schwer und es stritt auch gegen seine Gewissenhaftigkeit , ein ihm so teures Wesen wie seine Afra in eine romantische Komödie zu verflechten . Was wußte er auch von Afras Vorgeschichte mehr , als daß ihre Kindheit im Findel- und dann in einem Erziehungshaus für Waisenkinder in Newyork verflossen ist ? Also genug des grausamen Spiels ! Drillinger erwiderte : » Hm , seltsame Schicksale . Die Geschichte müssen Sie mir einmal deutlich erzählen , wenn ich wiederkomme , Herr Achthuber . Afra , sonderbar ... « » Mit Vergnügen , Herr Baron . Es ist zwar schauderhafte Romantik , und ich weiß nicht , ob ich , der Naturalist , sie Ihnen zu Dank vortragen kann . Immerhin ! « » Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen , Mister John als Modell zu einem Hiob zu benutzen ? « » Er hat mich selbst darauf gebracht . Mit Vorliebe , das heißt mit der den Verrückten eigenen Hartnäckigkeit verglich er sich mit dem alttestamentlichen Dulder . Gleich dem Hiob habe ihn der grausame Gott , der überhaupt der Grund alles Übels in der Welt sei , weil er mit dem Menschen experimentiere wie ein Vivisektor mit seinen Versuchstieren - ihm , dem Mister John , seine Familie und seine Reichtümer genommen und , nicht zufrieden mit dem angestifteten Unheil , auch noch seine Freunde gegen ihn aufgehetzt und seine Gesundheit geschädigt . Außer sich selbst und dem Pechvogel Hiob wisse er niemand , dem Gott so sinnloses und grausames Leiden auferlegte ... « » Und das alles um einer Afra willen , die ihn nicht einmal erhört hat ! Das ist freilich göttlicher Widersinn . Wenn wir andern um der Weiber willen leiden , wissen wir wenigstens warum ... « Dem Künstler die Hand reichend : » Sie haben mich mächtig angeregt , Herr Achthuber . Mit Ihrer gütigen Erlaubnis komme ich wieder . Ich wohne am südlichen Ende der Stadt , Sie am nördlichen . Uns beiden rauscht die nämliche Isar , die es unserer Zwerger « ... auf einen andern Gedanken überspringend : » Herrgott , daß er sich verlobt hat