Was wißt ihr verdammten Juden , die ihr uns aussaugt , davon , was der Bauer für ein schweres Leben hat ! Ohne Lotterie geht es wirklich nicht mehr ! Aber du hast mir ja versprochen ... « » Gewiß ! « murmelte Sender mühsam . Die Nachwehen der Nacht machten sich nun erst voll fühlbar ; jeder Atemzug schmerzte ihn . Taumelnd ging er in die Kammer , die ihm der Schänkwirt im Dorfe anwies , ließ sich einen Tee bereiten und versank , noch ehe er das Glas ganz geleert , in bleiernen Schlaf . Als er erwachte , empfand er starkes Kopfweh , auch ein Brennen in Rachen und Nase , aber das Stechen in der Lunge war etwas linder geworden . Da er zugleich heftigen Hunger fühlte , schloß er daraus , daß er noch gnädig weggekommen . In der Kammer war Dämmerung , er schob es auf das verhangene Fenster , aber während er sich ankleidete , wurde es immer dunkler ; er hatte den ganzen Tag verschlafen . Der Schänkwirt trug ihm auf , was das arme Haus bieten konnte ; der Gast langte tapfer zu . Da stieß etwas Nasses , Kaltes an seine Hand , es war Moskals Schnauze . » Armer Kerl « , rief er mitleidig , » hast du auch den Tag über nichts gegessen ? « Dann teilte er redlich mit ihm . Der Wirt setzte sich zu ihm . » Verzeiht , Sender , aber ich halt ' s vor Neugierde nicht mehr aus ! Was wollt Ihr hier ? Wo sind Eure Löckchen ? Wo die Kaftanschöße ? « Sender dachte nach . » Gut , Euch will ich ' s sagen , wenn Ihr Schweigen gelobt « , flüsterte er ihm zu . » Ich habe in Rabbi Manasses Auftrag etwas in Tluste auszuführen , wobei man mich für einen Christen halten muß . Es ist für die ganze Gemeinde . Erfährt es jemand vor Ablauf eines Monats , so ist der Rabbi verloren . Ihr seht , wir sind in Eurer Hand . « - » Hoffentlich hält er jetzt seinen Mund « , dachte er . Den Richter , der sich am Abend einfand , bestellte er für den nächsten Morgen . Wieder schlief er zehn Stunden fest und traumlos . Am Morgen erwachte er mit einem Schnupfen , daß ihm die Augen tränten , fühlte sich aber sonst fast wohl . » Gottlob « , dachte er , » es wäre ja aber auch zu entsetzlich gewesen , jetzt zu erkranken . « Und als er nun doch Schmerzen in der Brust empfand , zwang er sich förmlich , nicht darauf zu achten . » Ich muß ja gesund sein « , dachte er . Fröhlich fuhr er davon , nachdem er von einem Bauer eine Pelzmütze eingehandelt und dem Wirt noch einmal Rabbi Manasses Schicksal auf die Seele gebunden . Es war ein grauer , aber fast warmer Tag . Der Westwind wehte unablässig . » Verrücktes Wetter « , meinte der Richter , » so schlimm hat ' s schon lange weder der Verderber , noch die Tränenmagd getrieben . Seit gestern freilich ist sie unablässig an der Arbeit . « Die » Tränenmagd « , so nennen sie den Westwind , weil er Regen bringt oder den Schnee schmelzen macht . » Am Dniester kann ' s böse werden , über Nacht kommt plötzlich der Eisstoß , und es gibt eine Überraschung . Und was ist das für ein Weg ! « In der Tat arbeiteten sich die Pferde schwer durch den weichen Schnee , und es war bereits später Nachmittag , als sie in Tluste einfuhren . Bei dem ersten Hause des Fleckens begegnete ihnen ein großer Schlitten , in dem wohl zehn Juden dichtgepreßt saßen . Sender wandte sich hastig ab , in einem von ihnen hatte er seinen einstigen Lehrer , Schlome Rosenthal erkannt . » Hoffentlich hat er mich nicht erkannt « , dachte er , » sonst wissen die Barnower morgen Mittags , welchen Weg ich eingeschlagen habe . « Er kehrte in einem Wirtshaus ein , dessen Besitzer ihm nicht bekannt war , aber kaum , daß ihm der Mann die Suppe vorgesetzt hatte , begann er auch : » Ihr seid doch Sender , der Pojaz ? Ich bitt ' Euch , sagt mir , warum Ihr wie ein Deutsch reiset , ohne Löckchen , im kurzen Rock und mit einem Hunde ? Und dazu eine Bauernmütze ? « Sender dachte nach . Der Wirt machte nicht den Eindruck eines Frommen , in seine Hände konnte er also das Schicksal Rabbi Manasses nicht legen . » Später « , sagte er , » Ihr werdet mein Vertrauen lohnen und den Spaß nicht verderben ... « » Behüte ! « beteuerte der Wirt . » Dazu sind Eure Späße zu gut . Über Eure Brautschau bei der Uhrmacherstochter in Mielnica hab ' ich mich krank gelacht . « » Vortrefflich « , dachte Sender , » der Mann hilft mir . « Nachdem er ihm das Gelöbnis strengster Verschwiegenheit abgenommen , sagte er : » Es ist was Ähnliches , aber , glaub ' ich , noch besser . Meine Mutter will , daß ich eines Chassids Tochter in Sadagóra bei Czernowitz heirate . In dem Zustand stell ' ich mich ihr vor . « Der Wirt wollte sich ausschütten vor Lachen und behandelte den Gast fortab mit noch größerer Aufmerksamkeit . Auch schaffte er ihm eine billige Fahrgelegenheit , einen Kutscher , der mit leerem Schlitten nach Czernowitz zurückmußte . Freilich konnten sie nicht vor Sonntag dort sein , da sie über Sabbat in Zalefzczyki rasten mußten . Sender war leicht darüber getröstet . » Da schau ' ich mir dort die berühmte Gesellschaft Stickler an « , dachte er , » und die Ruh ' wird mir wohltun . « Denn obgleich sich auch nun seine Erfahrung bestätigte , wie sehr sein Befinden von seinem Gemütszustand abhing , so konnte ihn doch all die fröhliche Tatkraft , die ihn erfüllte , die Schmerzen in der Brust nicht ganz vergessen machen . Die böse Nacht hatte doch tiefere Spuren hinterlassen , als er anfangs gehofft . Sein Trost war nur das warme Wetter . Es hielt auch am Freitag an , wo sie aus Tluste weiter nach Süden fuhren , dem Flußtal des Dniester zu , noch mehr , nun wurde der West zum Schirokko , es war so schwül , daß Sender den Mantel ablegen mußte . Der Wind leckte den Schnee weg und weichte das Eis auf . Auf der Straße war nun ein Gemisch von Kot und Schnee , durch das sich der Schlitten mühsam durcharbeitete , von allen Feldern rieselte das graue Schneewasser , füllte die Straßengräben und ließ die Bäche zu Flüssen anschwellen . Überall , so weit der Blick reichte , quirlte und schäumte es , das eintönige Rauschen der Wasser erfüllte unablässig das Ohr . » So jäh ' hab ' ich ' s noch selten erlebt « , sagte der Kutscher . » Heut ' nacht oder morgen früh macht sich der Eisstoß im Dniester auf den Weg . Mit der Sabbatruhe in Zalefzczyki ist ' s nun nichts . Wir müssen noch heute über die Schiffbrücke , sonst nimmt sie der Eisstoß mit . « » Und wo bleiben wir dann über Sabbat ? « fragte Sender . » In einem Feldwirtshaus jenseits des Flusses . Freilich ist ' s ein elendes Haus , aber weiter kommen wir heute nicht . « Damit war Sender schlecht zufrieden , er hatte sich auf die Vorstellung und das gute Bett in Zalefzczyki so gefreut . » Wir wollen doch erst sehen , ob ' s nötig ist « , erwiderte er . Die Fuhrleute , die ihnen begegneten , waren verschiedener Ansicht . » Die Eisdecke hat Sprünge « , erwiderte der eine , » am Montag geht ' s wohl los . « - » Schon heute nacht « , meinte ein Zweiter . Der Dritte wieder sagte : » Vor dem Mittwoch ist nichts zu befürchten . Und wenn auch der Eisstoß abgeht , der Brücke tut er nichts . « Am heftigsten aber beteuerte die Wirtin des Gasthofs in Zaiefzczyki , vor dem Sender halten ließ , daß nicht das geringste zu befürchten sei . » Das Eis steht wie eine Mauer « , schwor sie , » vor einer Woche rührt sich ' s nicht . Und wenn auch , was verschlägt ' s Euch . Vor fünf Jahren hat der Eisstoß die Schiffbrücke zerstört , aber seither nie . Und jetzt ist die Brücke neu und ruht auf Ketten , so dick wie ich . « Dann mußten es allerdings verläßliche Ketten sein , die Frau war wie eine Tonne , aber der Kutscher schüttelte den Kopf . » Euch ist ' s um die Sabbatgäste zu tun « , erwiderte er , » und mir ums Heimkommen . So einen furchtbaren Eisstoß , wie er diesmal wird , hat ' s lange nicht gegeben . Der nimmt die Brücke mit . « Schon wollte Sender in die Weiterreise willigen , da fiel sein Blick auf einen riesigen roten Zettel am Tor : » Theater in Zalefzczyki « , und gleichzeitig trat ein blonder , schlanker Mensch im schäbigen Mantel , einen riesigen Filzhut schief auf den Kopf gedrückt , vors Tor und blickte gähnend um sich . Das verlebte Gesicht war glatt rasiert . Ein Schauspieler ! Senders Herz begann zu pochen . » Ist das Theater hier in Eurem Haus ? « fragte er die Wirtin . » Ja « , erwiderte sie eifrig . » In meinem Saale . Solche Spieler habt Ihr noch nicht gesehen . Und nach der Vorstellung sind alle in meiner Wirtsstube . Schöne Mädchen darunter « , setzte sie mit einem unangenehmen Lächeln hinzu . » So eine Unterhaltung werdet Ihr noch nie erlebt haben . « Sender schwankte . Die schönen Mädchen lockten ihn nicht , aber die Vorstellung . Und er sollte den Sabbat in einem elenden , langweiligen Feldwirtshaus verbringen ? Aber anderseits - Montag war ja der 1. März , da mußte er in Czernowitz sein .... » Wir wollen ' s uns ansehen , wie ' s da unten aussieht « , sagte Sender zum Kutscher und deutete nach dem Flusse . » Kommt mit . « Sie schritten die Straße hinab bis zu einem kleinen , künstlich erhöhten Platz am Flußufer , einer Art Bastion dicht an der Brücke . Da konnten sie den Dniester weithin übersehen , eine schmutzige , graue , breite Riesenschlange , die sich durch das Weiß der Äcker wand . Unter ihnen lag die Schiffbrücke , eine Reihe flacher , mit Bohlen überdeckter Kähne , die zwischen zwei mächtigen , um steinerne Pfeiler gewundene Eisenketten befestigt waren . Fußgänger und Wagen zogen darüber hin , weit und breit war nichts Bedrohliches zu sehen . » Ich bleib ' nicht « , sagte der Kutscher dennoch . » Seht Euch die Farbe des Dniester an . Das Eis steht noch , aber das Wasser über der Decke ist schon wohl einen Fuß hoch , sonst würde es nicht so schmutzig aussehen . Die Farbe des Eises schlägt kaum noch durch . Ich kenn ' das . « » Das Wasser steht drüber « , gab Sender zu , » aber man hört ja noch nicht das leiseste Krachen im Eis , und das fängt tagelang vorher an . « » So bleibt Ihr « , erwiderte der Kutscher . » Ich fahre . « Ungeduldig spähte Sender um sich ; vielleicht war ein Eingeborener da , der diesen hartnäckigen Menschen bekehren konnte . Und da war wirklich einer , und gar eine Amtsperson . In einer Ecke der Bastion schaufelte ein junger Mann in grauem Soldatenmantel eine Grube aus . Der Mantel war zerfetzt und das Gesicht des Menschen ganz ungewöhnlich dumm , aber auf seinem Strohhut blinkte ein Blechschild : » Städtische Polizei « . » Glaubt Ihr « , sprach ihn Sender ruthenisch an , » daß die Brücke bedroht ist ? « » Zu mir sagt man Sie « , erwiderte der Zerlumpte würdevoll , » weil ich die Polizei bin . Aber die Brücke ? fragt Ihr . Wer sollte ihr denn was antun ? « » Nun , der Eisstoß . « » Der tut ihr nichts ! Er darf nicht . Der Herr Bürgermeister hat ' s verboten . Ich war selbst dabei , wie er gesagt hat : Diesmal darf der Eisstoß die Brücke nicht zerstören , es macht zu viel Kosten . « » Nun seid Ihr beruhigt ? « lachte der Kutscher höhnisch auf . Sender aber fragte : » Und hat der Herr Bürgermeister nicht gesagt , wann der Eisstoß kommt ? « » Nein . Aber er sagt : Nicht so bald , denn ich habe noch kein Telegramm . « » Telegraphiert ihm der Eisstoß ? « fragte der Kutscher . » Ich weiß nicht , wer « , erwiderte der Polizist . » Aber vorher müssen wir vom Amt die Telegramme bekommen , aus Mikolajow , aus Halicz , aus Jezupol , aus allen Städten da oben . « Er deutete flußaufwärts . » Dann erst kann er kommen . Und er darf auch gar nicht früher kommen , als Mittwoch . « » Warum ? « » Wegen dieser Sache da . « Er deutete auf die Grube . » Heute , Hritzko , hat mir der Herr Bürgermeister gesagt , schaufelst du die Grube für den Mörser aus , Montag schaffen wir ihn hin , Dienstag laden wir ihn . Also « , schloß er gewichtig , » vor Mittwoch ist es nichts , denn durch diese Mörserschüsse wird ' s der Stadt angezeigt . « » Nun können wir ruhig schlafen « , lachte der Kutscher . Sender aber dachte : » Wenn ' s nicht gerade Theater wäre , ich wollt ' in Gottes Namen nachgeben . So aber ? ! « Da jedoch auch der Fuhrmann fest blieb , so machten sie im Gasthof ihre Rechnung glatt und schieden . Neunundzwanzigstes Kapitel Sender ließ sich eine Schlafkammer anweisen und in der Wirtsstube ein Mittagessen auftragen . Gottlob , der Kellner kannte ihn nicht und fragte daher nicht auch nach seinen Löckchen , wohl aber , ob er abends das Theater besuchen wolle , und als Sender bejahte , griff er in die Tasche und legte eine Karte vor ihn hin . » Sperrsitz ersten Ranges , vierzig Kreuzer . Nummer sechs . Erste Bank . Von dem Platz sieht man am besten ! « » Habt Ihr keinen billigeren ? « fragte Sender . » Ein Herr wie Ihr ! « rief der Kellner , » ein Deutsch , der keine Löckchen mehr trägt und einen kurzen Rock . Der zweite Rang kostet dreißig Kreuzer - oder zwanzig - ich weiß wirklich nicht genau , denn mit Leuten , die dorthin gehen , hab ' ich nichts zu tun . Aber auf diesem Platz ist vorgestern der Herr Kreishauptmann gesessen und gestern der Herr Oberst . Auch sieht man vom zweiten Rang nichts . « Das gab den Ausschlag . Sender zählte ihm die vierzig Kreuzer zu . » Habt Ihr keinen Zettel ? « fragte er . » Nein . Aber am Tor klebt einer . Es werden täglich nur sechs gemalt , weil wir ja hier noch sehr zurück sind . Gibt es denn in Zalefzczyki eine Druckerei ? Aber halt - an der Kasse hängt ein Zettel , den bring ' ich Euch . « Er stürzte ab und brachte dienstfertig den Zettel herbeigeschleppt . Es war ein Riesenblatt , aus mehreren Bogen roten Papiers zusammengeklebt und mit einem Pinsel bemalt . Ein dicker Strich schied ihn in zwei Hälften . Die linke wies hebräische , die rechte lateinische Lettern . Beide Texte waren hochdeutsch und besagten ungefähr dasselbe , aber nur eben ungefähr . Der Zettel lautete : B Bis Sender den Riesenzettel in seinen beiden Hälften zu Ende gelesen , war ihm der Braten kalt geworden , und dann konnte er vor Ärger kaum essen ; Moskal konnte sich über seinen Anteil nicht beklagen . » Diese Gauner « , murmelte er in sich hinein , » allen wollen sie es recht machen und lügen das Blaue vom Himmel herunter . Und das sind auch Künstler . Habt ihr solche Zettel beim Herrn Nadler gelernt , ihr Halunken ? « Fast am meisten ärgerte es ihn , daß sie dessen Namen zu mißbrauchen wagten . » Na , wartet , das wird er euch legen ! « Vieles an dem Zettel war ihm rätselhaft und reizte seine Neugierde , aber er mochte gar nicht wieder hinsehen . » Gesindel , eure Vorstellung will ich mir ansehen - wird auch was Schönes sein ! Aber sonst seid ihr keinen Gedanken von mir wert ! « Er zahlte und ging , sich die Stadt zu besehen , die er noch nie bei Tage gesehen ; er hatte als Fuhrknecht da immer nur übernachtet . Als er aus dem Tore trat , hörte er plötzlich rufen : » Pojaz - du hier ? « Es war der Wirt , bei dem er damals zu übernachten pflegte . » Und bist nicht zu mir gekommen ? Aber wo sind deine - ? « » Meine Löckchen geblieben ? « rief Sender wütend . » Der Teufel hat sie zuerst geholt , nun kommt er über die Eurigen ! « und er ließ den verblüfften Mann stehen und rannte davon . » Recht war ' s nicht « , dachte er dann . » Aber dies viele Fragen macht einen ganz wild . Das muß aufhören . Ob ich mich hier ganz zum Deutsch mache oder erst in Czernowitz , ist ja gleichgültig . Dann erkennt mich keiner mehr ! « Er trat in eine Barbierstube und ließ sich das Haar stutzen , den Schnurr- und Backenbart abrasieren . Der Barbier , ein Jude tat es unter Kopfschütteln . » Wie ein Schauspieler « , sagte er , » das hat noch kein jüdisch Kind von mir verlangt . Zuerst die Löckchen - « Sender warf sein Geld hin und schoß zur Tür hinaus . Unweit davon war ein Kleiderladen . Der Besitzer , gleichfalls ein Jude , sah ihn groß an , als er ihn fragte , ob er ihm für seinen Mantel und Kaftan sowie eine Draufgabe in Barem einen deutschen Anzug und einen modern geschnittenen Mantel eintauschen wolle . » Es kommt auf die Draufgabe an « , sagte er endlich langgedehnt und brachte seine Ware herbei . Sender mußte lange probieren , bis sich etwas Passendes fand , und dann noch länger feilschen , der Händler forderte einen unverschämten Preis . » Der Kaftan ist ja nichts nütz « , sagte er , » den hat kein Schneider abgeschnitten . « Erst als Sender davonging , lief er ihm nach und gab sich mit zwanzig Gulden zufrieden . Nachdem der junge Mann im Hintergrund des Ladens die Kleider angezogen , trat er vor den Spiegel . Er kam sich in der ungewohnten Tracht recht seltsam vor , auch der Hund bellte plötzlich auf , als ob er ihn nicht erkenne , oder doch um seine Verwunderung auszudrücken . Seufzend zahlte Sender die zwanzig Gulden auf den Tisch , nun blieben ihm noch dreizehn . » Ihr seid ein rechter Räuber « , sagte er , » es sind ja keine neuen Kleider . « » Aber von einem Grafen abgelegt « , erwiderte der Händler . » Übrigens - ich will nicht lügen . Daß Ihr ' s nur wißt , jeder Christ hätt ' s billiger bekommen . Aber einem zum Abfall verhelfen , ist eine Sünde , dafür will ich bezahlt sein . Wie lang mag ' s her sein , daß Ihr Eure Löckchen - « » Schweigt ! « donnerte Sender und lief davon . » Aber nun wenigstens hat ' s ein Ende ! « dachte er . In der Tat , im nächsten Laden , beim Hutmacher , wurde er bereits mit » Herr « angesprochen , also wohl gar nicht mehr als Jude erkannt . Noch mehr , unaufgefordert reichte ihm der Handwerker einen riesigen , weichen Filzhut hin . » So einen hat mir auch der Herr v. Hoheneichen abgekauft « , sagte er . Sender sah also sogar schon wie ein Schauspieler aus . Aber sein Stolz darüber minderte sich , als der Hutmacher , während er vor den Spiegel neben der Tür trat , sich vor dieselbe hinstellte und sogar ängstlich die Hand auf die Klinke legte . Moskal ließ wieder sein Bellen hören , aber Sender fand , daß ihm der Hut ausgezeichnet stehe , und kaufte ihn nach längerem Feilschen um drei Gulden , die Bauernmütze gab er drauf . Beim Anblick des Geldes erhellte sich das Antlitz des Meisters . » Wenn Sie vielleicht « , bat er , » Ihren Herrn Kollegen , den Herrn v. Hoheneichen , auch erinnern wollten ... « » Ich kenn ' ihn nicht « , erwiderte Sender stolz . » Ich bin freilich auch Schauspieler , aber nicht bei der hiesigen Schmiere , sondern Mitglied des Stadttheaters in Czernowitz . Unter der echten Direktion Nadler ... « » Das hätt ' ich mir denken können « , sagte der Hutmacher ebenso devot wie traurig . » Die Hiesigen zahlen nie ... « Er riß respektvoll die Tür auf , und Sender schritt erhobenen Hauptes auf die Straße . Die Dämmerung war eingebrochen , aber die Wärme gegen den Vormittag nur noch gestiegen , von allen Dächern triefte es nieder , durch die durchgeweichten Straßen flossen Bäche ; aller Schnee schien auf einmal wegzuschmelzen . Der Westwind war stärker , aber auch noch schwüler geworden ; fast erschlaffend legte sich sein Hauch um die Glieder , daß Sender kaum den Mantel ertrug , obwohl er viel leichter war als der alte , solide , der ihn so lange treu vor Wind und Wetter geschützt . Es war unbehaglich auf der kotigen Straße , er wollte eben in seinen Gasthof zurückkehren , als plötzlich die Worte an sein Ohr schlugen : » Das Wasser steigt ! Nun kracht ' s auch schon im Eis ! « Ein Herr hatte es dem anderen zugerufen , beide eilten nun zum Dniester hinab . » Das wäre eine schöne Bescherung « , dachte Sender erschreckt und folgte ihnen . » Zehn Gulden hab ' ich noch , das reicht knapp zur Zehrung und Reise bis Sonntag abend . Ich werd ' ohnehin fast ohne Heller in Czernowitz ankommen . Geht mir nun die Schiffbrücke vor der Nase weg - « Aber so bedrohlich sah es am Dniester noch nicht aus . Die Brücke unten war nun mit Fackeln beleuchtet , die Bastion voll von Menschen , die sich neugierig das ungewohnte Schauspiel besahen , Angst schien niemand zu empfinden . Das Wasser war gestiegen , aber man hatte auch die Ketten höher gewunden , so daß die Bohlen wieder über der Flut lagen ; der Verkehr über die Brücke währte fort und wurde nur zeitweilig unterbrochen , wenn es die Arbeit der Pioniere erforderte ; hatten sich Baumstämme und sonstiges Trümmerwerk an der Brücke angesammelt , so hoben sie es mit Spießen und Stangen aus der Flut , schleiften es über die Brücke und warfen es auf der anderen Seite wieder in die Strömung . Unheimlich war nur das Krachen im Eis , ein seltsamer Ton , dumpf einsetzend , dann immer heller und durchdringender anschwellend , als schnitte eine Riesenfaust eine ungeheure Glastafel entzwei , dann in einer Art Glucksen verhallend , dem Geräusch des Wassers , das in den Riß eindrang und ihn erweiterte . Inmitten einer andächtigen Schar von Zuhörern stand ein dicker , alter Herr und perorierte heftig . » Nur keine Angst « , rief er , » vom Oberlauf ist noch kein Telegramm da . Ihr seht , ich habe noch nicht einmal den Mörser aufstellen lassen . Vor dem Montag kommt der Eisstoß nicht . Geht heim - ich wache ! « Ein jüdischer Greis in seidenem Kaftan - es mußte ein Vornehmer sein - drängte sich durch die Reihen . » Herr Bürgermeister « , rief er atemlos , » da hab ' ich ein Telegramm bekommen - « » Woher ? « » Aus Barnow ! « » Haha ! « rief der Bürgermeister . » Seit wann liegt Barnow am Dniester ? « Auch die Umstehenden lachten . » Aber es ist wichtig ! « erwiderte der Jude und sprach flüsternd auf den Bürgermeister ein . Aber der hörte ihn kaum an . » Ein andermal , Herr Silberstein . Jetzt hab ' ich keine Zeit für Eure jüdischen Sachen . « » Was mag das sein ? « dachte Sender mehr neugierig als besorgt . Ihn konnte es doch unmöglich betreffen , er war ja kein Dieb , den man telegraphisch verfolgen konnte . Und für sein Fortkommen am Sonntag brauchte ihm nun auch nicht bange zu sein . Er ging in den Gasthof zurück . Im Torweg stand die dicke Wirtin und hielt ihn an , als er vorbei wollte . » Wohin wünschen der Herr ? « » Nummer neun « , erwiderte er kurz . Da riß sie die Augen weit auf und schlug die Hände zusammen . » Ihr seid es ! Also ein Spieler wollt Ihr - wollen Sie werden ? « Ähnlich empfing ihn der Kellner in der Wirtsstube , Sender fühlte sich sehr gehoben - kein Zweifel , wie ein Schauspieler sah er nun wirklich aus . Aber auch hier bekam er sofort die Kehrseite der Medaille zu sehen . Als ihm der Kellner das bestellte Fläschchen Moldauer brachte , blieb er am Tische stehen und sagte : » Verzeihen der Herr - hier wird gleich bezahlt . « Lächelnd zog Sender seine Brieftasche und holte , ohne hinzusehen , die Zehnguldennote hervor . Das machte sich großartig und war doch kein Kunststück , sonst war nichts mehr drin . Der Kellner wechselte . » Entschuldigen der Herr « , stotterte er , » die hiesigen Schauspieler ... « » Glaub ich gern « , sagte Sender herablassend . » Wir vom Czernowitzer Stadttheater kennen diese Leute auch . « Dreißigstes Kapitel Der Kellner schlich hinaus . Offenbar gab er draußen seine Erfahrung zum besten : die Wirtin erschien und fragte , ob er nicht ein besseres Zimmer befehle . Sender lehnte dankend ab . Und kaum daß sie gegangen , trat der schlanke Blonde ein , den Sender bei der Ankunft gesehen , und eilte mit erhobenen Armen auf Sender zu , als ob er ihn umhalsen wollte . Aber Moskal richtete sich drohend auf und knurrte ihn grimmig an . So konnte er nur aus einiger Entfernung rufen : » Ein Kollege ! ... Auf Durchreise ? ... Welche Freude ! « » Kusch dich , Moskal « , befahl Sender dem Hund . » Ja « , erwiderte er sehr kühl , » Schauspieler bin ich allerdings « - » Aber nicht dein Kollege « , fügte er in Gedanken hinzu . Der Blonde kam heran , nun mit gesenkten Armen . » Hermann Dagobert v. Hoheneichen « , sagte er mit leichter Verbeugung . » Erster Liebhaber , Held , Charakterspieler , Bonvivant . « Sender erhob sich halb vom Stuhl . » Alexander Kurländer . « » Was soll ich noch sagen « , dachte er . » Mir scheint , ich werd ' Charakterspieler , aber das muß ja erst Nadler bestimmen . « So sagte er denn gar nichts . » Kurländer ? ! « rief Hermann Dagobert v. Hoheneichen . » Wirklich ? - Alexander ? - der berühmte Kurländer ? O welche Freude ! « Er ergriff Senders Hand . » Wie oft hab ' ich schon von Ihnen gehört ! Sie sind ja ein Pfeiler , ein Stolz der deutschen Kunst . Kurländer in Zaleszcyki ! « Er fuhr sich an die Stirne , als mache ihn die Freude fast verrückt . » Welch glücklicher Zufall ! « Sender war einen Augenblick verblüfft . » Sollte es wirklich einen berühmten Kurländer geben ? « dachte er . Als aber der andere ungestüm rief : » Die Freude muß ich begießen ! Heda , Wirtshaus - « da wußte er Bescheid . » Sie irren , « sagte er . » Ich bin durchaus nicht berühmt . Ich - « » Welche Bescheidenheit ! « rief Hoheneichen und nahm am Tische Platz . » Ja , so ist die echte Größe ! Ich - ich kann mich ja mit Ihnen nicht messen , aber bescheiden bin ich auch . Nur muß alles seine Grenzen haben ! Sie nicht berühmt ? Wer wäre es dann ? Man hat Sie ja wiederholt den zweiten Dawison genannt ! Wer war ' s nur ? Saphir - richtig - Saphir ! Er , der sonst jeden verreißt - das heißt , mich hat er auch gelobt , wiederholt und sehr , Kollege - Sie also hat er in den Himmel gehoben . « Das strömte wie ein Sturzbach , er sprach einen hohen , heiseren Tenor und stieß etwas mit der Zunge an . » Und war ich denn nicht selbst dabei , als Sie das ganze Haus zu Beifallsstürmen hinrissen ? Auch ich applaudierte wie besessen . Wo war es nur ? In Wien ? In Berlin ? Aber das ist ja gleichgültig . Wirtshaus - wo steckt der Kerl ! « Der Kellner stürzte herbei . » Auch mir so