Sans doute , aujourd ' hui comme toujours . « Hansen-Grell behauptete das Gegenteil , aber doch mit einer Miene , die gegründete Zweifel in seine Versicherung gestattete . Jürgaß schüttelte den Kopf , und selbst Lewin entschloß sich zu direkterem Vorgehen . » Haben Sie etwas ? « » Nein . « » Ich kenne das « , warf Jürgaß ein . » Suchet , so werdet ihr finden . « Es entstand eine kleine Pause ; dann endlich sagte Hansen-Grell , indem er ein dickes Notizbuch aus der Tasche zog : » Gut , ich habe etwas . Aber es ist nicht eigentlich fertig und wird auch nie fertig werden . « » Nun « , erwiderte Lewin , » dann ist es so gut wie fertig oder besser als das . Es gibt ohnehin eine Literatur von Bruchstücken . Fragmente sind das Beste , was man bringen kann . Geben Sie her . « Grell riß das Blatt ohne weiteres aus dem Notizbuch heraus und gab es an Lewin , der , während Jürgaß herzlich lachte , » einen Dichter « , wie er sich ausdrückte , » einmal wieder auf seinen Winkelzügen ertappt zu haben « , die Strophen rasch überflog und durch mehrmaliges Nicken seine Freude und Zustimmung zu erkennen gab . Der Kaffee war inzwischen gekommen ; sie nippten nur , und da die etagenförmig aufgestellten Rhododendron- und Magnolientöpfe , zu denen sich als äußerste Seltenheit auch noch einige Kamelien gesellten , weder für Jürgaß noch für seine Begleiter ein besonderes Interesse boten , so brachen sie rasch wieder auf und gingen auf die Stadt zu . An der Ecke der Leipziger und Friedrichsstraße trennten sich ihre Wege . Siebentes Kapitel Kastalia Lewin ging zu Tisch . In dem sackgassenartig verbauten Teil der Taubenstraße , von dem aus damals , wie heute noch , ein schmaler Durchgang auf den Hausvogteiplatz führte , war eine altmodische Weinhandlung , in deren hochpaneeliertem , an Wand und Decke verräuchertem Gast- und Speisezimmer Lewin seine ziemlich einfache Mittagsmahlzeit einzunehmen pflegte . Rascher als gewöhnlich hatte er sie heute beendet , und vier Uhr war noch nicht heran , als er schon wieder in seiner Wohnung eintraf . Zwei Briefe waren in seiner Abwesenheit abgegeben worden , einer von Doktor Saßnitz , der sein lebhaftes Bedauern aussprach , am Erscheinen in der Kastalia verhindert zu sein , der andere vom Kandidaten Himmerlich , zugleich unter Beifügung eines lyrischen Beitrags . Es waren vier sehr lange Strophen unter der gemeinschaftlichen Überschrift : » Sabbat « . Lewin lächelte und schob das Blatt , nachdem er auf demselben mit Rotstift eine I vermerkt hatte , in einen bereitliegenden , als Kastaliamappe dienenden Pappbogen , in den er gleich darauf auch die von Hansen-Grell empfangenen Verse sowie seine eigenen Reime vom Abend vorher hineinlegte . Auch diese beiden Beiträge hatten zuvor ihre Rotstiftnummer erhalten . Hiermit waren die ersten Vorbereitungen getroffen , aber freilich nicht die letzten . Noch sehr vieles blieb zu tun , trotzdem zugestanden werden muß , daß einzelne Fragen durch eine weise Gesetzgebung aufs glücklichste geregelt und dadurch wie vorweg gelöst waren . So beispielsweise die Bewirtungsfrage . Es hieß in Paragraph sieben des von Jürgaß entworfenen Statutes wörtlich wie folgt : » Die Kastalia hat sich in Sachen der Bewirtung ihres Namens und Ursprungs würdig zu zeigen . Den Grundpfeiler ihrer Gastlichkeit bildet unverrückbar das reine Wasser und was diesem am nächsten kommt : der Tee . Nur exzeptionell darf ein Rhein- oder Moselwein geboten werden . Der große Vereinsbecher bleibt den Priesterhänden unseres Mitgliedes Lewin von Vitzewitz , als Gründer des Vereins , anvertraut . Substantia , selbst in Ausnahmefällen , nicht zulässig . « Dies war Paragraph sieben . Aber seine Voraussicht hatte nicht jede Schwierigkeit aus der Welt schaffen , am wenigsten die für Lewin immer brennender werdende Platzfrage lösen können , die sich teils aus der vergleichsweisen Enge seines Zimmers , teils aus den unausreichenden Möbelbeständen Frau Hulens ergab . Ein zarter Punkt , den sich Lewin der alten Frau gegenüber nicht zu berühren getraute . Und so mußten denn auch heute wieder , unter den Mühen immer erneuten Ausprobierens , zwei runde Tische nicht bloß nebeneinandergerückt , sondern auch in der Diagonale aufgestellt werden , da , bei Parallelstellung mit der Wand , die Türe nicht auf- und zugegangen wäre und zu einer Störung dieser immerhin wichtigen , weil einzigen Kommunikationslinie mit Frau Hulen geführt haben würde . Endlich war alles geschehen , und Lewin mochte sich seines Werkes freuen , Lampe und Lichter brannten . Auf dem einen der beiden Tische präsentierte sich das Symbol der Kastalia , die große Wasserkaraffe , während in der Mitte des andern der mit Perlen gestickte Tabakskasten aufragte , dessen Haupt- und Deckelbild den Tod der Königin Dido darstellte . Zwischen Sofa und Tür , an einer Wandstelle , die wenigstens von den meisten Tischplätzen aus mit Leichtigkeit abgereicht werden konnte , stand nach damaliger Sitte ein ständerartiger Pfeifentisch , die Weichselholzrohre , oder woraus sonst sie bestehen mochten , mit Puscheln und Quasten reich geschmückt , während einige Rheinweinflaschen und neben ihnen der in dünnstem Silberblech getriebene Kastaliabecher in einer Ecke des Fensterbrettes ihrer Zeit warteten . Frau Hulens Schwarzwälder Uhr , deren Ticktack man auch in Lewins Zimmer hörte , hatte kaum sieben ausgeschlagen , als es klingelte . Es waren Rabatzki und Himmerlich , die sich auf der dritten Treppe getroffen und trotz der herrschenden Dunkelheit erkannt oder doch auf gut Glück hin begrüßt hatten . Waren sie doch , nach einer Art von stillschweigendem Übereinkommen , immer die ersten und benutzten die Minuten , die ihnen bis zum Eintreffen der anderen Mitglieder blieben , zur Erledigung von redaktionellen Fragen . Rabatzki gab nämlich ein kleines Sonntagsblatt heraus , und ohne Übertreibung durfte gesagt werden , daß der lyrisch-novellistische Teil desselben jedesmal vor Beginn der letzten Kastaliasitzung endgültig festgestellt wurde . Nur heute nicht . Rabatzki hatte kaum Zeit gefunden , an » seine rechte Hand « , wie er Himmerlich gerne nannte , eine erste Frage zu richten , als das Erscheinen des Rittmeisters alle weiteren Unterhandlungen unmöglich machte . Mit Jürgaß waren die beiden angekündigten Gäste , von Hirschfeldt und von Meerheimb , erschienen , von denen der letztere den linken Arm noch in der Binde trug . Lewin sprach ihnen aus , wie sehr erfreut er sei , sie zu sehen , doppelt , wenn , wie Herr von Jürgaß in Aussicht gestellt habe , sie sich bereit zeigen sollten , durch Mitteilungen aus ihren Tagebuch- und Erinnerungsblättern zu dem gelegentlich etwas matt sprudelnden Quell der Kastalia beizusteuern . Beide Herren verneigten sich , während Jürgaß zwei Manuskripte , deren er sich schon vorher zu versichern gewußt hatte , an Lewin überreichte . Dieser hoffte , noch vor Beginn der Sitzung zu einem einigermaßen eingehenden Gespräche mit den ihm bis dahin persönlich unbekannt gebliebenen Gästen Gelegenheit zu finden ; er war aber kaum über die erste Begrüßung hinaus , als ein abermaliges Klingeln die eben begonnene Unterhaltung unterbrach . Es waren Tubal und Bninski , die eintraten . Lewin erwartete , zwischen dem Grafen und Hirschfeldt , die beide in Spanien , aber auf verschiedenen Seiten gefochten hatten , von Anfang an ein gespanntes Verhältnis eintreten zu sehen ; aber gerade das Unerwartete geschah . Bninski , durch Tubal vorbereitet , wandte sich mit einer Politesse , in der fast mehr noch ein Ton der Herzlichkeit als der bloßer Artigkeit klang , sofort an Hirschfeldt , und wenn auch allerhand Fragen und Unterbrechungen , wie sie namentlich Jürgaß liebte , ein andauerndes Gespräch nicht aufkommen ließen , so verfehlte der Graf doch nicht , durch kleine Aufmerksamkeiten die besonderen Sympathien auszudrücken , die er für seinen Gegner empfand . Infanteriekapitän von Bummcke war der letzte . Jürgaß konnte ihm das nicht schenken und hielt ihm die Uhr entgegen . » Militärs , lieber Bummcke , kennen keine akademischen Viertel . In Sommerzeiten möcht es , in Anbetracht Ihrer besonderen Verhältnisse , hingegangen sein ; aber bei zwölf Grad Kälte kann ich keinem Embonpoint der Welt eine Unpünktlichkeit von beinahe zwanzig Minuten zugute halten . « » Anfangen , anfangen ! « riefen mehrere Stimmen , unter denen die von Rabatzki und Himmerlich deutlich erkennbar waren . Lewin , während Mitglieder und Gäste sich , so gut es ging , um die zwei Tische her gruppierten , klopfte mit einem Zuckerhammer auf und nahm dann selber auf seinem durch ein aufgelegtes Sofakissen zu einer Art Präsidentenstuhl umgewandelten Lehnsessel Platz . Er war kein Meister in der Rede , aber Amt und Situation ließen ihm keine Wahl . » Meine Herren « , hob er an , » ich heiße Sie willkommen . Wir sind leider nicht vollzählig . Unsere beste kritische Kraft ist ausgeblieben : Doktor Saßnitz hat sich brieflich entschuldigt . Dagegen freue ich mich , Ihre Aufmerksamkeit auf eine stattliche Reihe von Vorlagen , darunter auch Drucksachen , hinlenken zu können . Unter diesen Drucksachen stehen diejenigen Publikationen obenan , die von früheren Mitgliedern der Kastalia herrühren . Es sind dies Die Ahnen von Brandenburg , ein epischer Hymnus von Friedrich Graf Kalckreuth , und die vor wenig Tagen erst bei J. E. Hitzig hierselbst erschienenen Dramatischen Dichtungen von Friedrich Baron de la Motte-Fouqué , unter denen sich , neben altnordischen Sachen , auch Die Familie Hallersee und Die Heimkehr des Großen Kurfürsten befinden , die während des vorigen Winters in unserem Kreise zuerst gelesen und mit soviel Jubel aufgenommen wurden . « Hier unterbrach sich Lewin , um die beiden genannten Bücher kursieren zu lassen . Dann fuhr er fort : » An neuen Beiträgen für die heutige Sitzung sind fünf Arbeiten eingegangen , sehr verschieden an Umfang : lyrische oder lyrisch-epische Dichtungen , ferner Tagebuch- und Erinnerungsblätter aus Spanien und Rußland . Es ist Regel , mit den lyrischen Sachen zu beginnen und alles , was dem Gebiete der Erzählung angehört , folgen zu lassen . Ich ersuche Herrn Kandidaten Himmerlich , uns seine , wenn ich recht gesehen habe , aus dem Englischen übersetzten Strophen vorlesen zu wollen . Sie führen den Titel : Der Sabbat . « Mit diesen Worten überreichte Lewin das Blatt . Jürgaß war bei Nennung der Überschrift in ziemlich demonstrativer Weise mit der linken Handfläche über das Kinn gefahren . Himmerlich , in unverkennbarer nervöser Unruhe und eifrig bemüht , das mehrmals eingekniffte Blatt wieder glattzustreichen , wiederholte zunächst : » Der Sabbat , Gedicht von William Wilberforce . « » Ist das derselbe Wilberforce « , fragte Jürgaß , » der den Sklavenhandel abgeschafft hat ? « » Nein , im Gegenteil . « » Nun , er wird ihn doch nicht wieder eingeführt haben ? « » Auch das nicht . Der einen so berühmten Namen führende junge Dichter , mit dem ich Sie heute bekannt machen möchte , ist Fabrikarbeiter . Wenn ich sagte im Gegenteil , so wollte ich damit ausdrücken , daß er selber noch in einer Art von Sklaverei steckt . Ich fühle das Unlogische meiner Wendung und bitte um Entschuldigung . « » Gut , gut , Himmerlich . Nicht immer gleich empfindlich . « » Jede Art von Empfindlichkeit ist mir durchaus fremd . Ich bitte aber , da ich einmal das Wort habe , einige Bemerkungen vorausschicken zu dürfen . Es ist Ihnen allen bekannt , daß die englische Sprache mit kurzen Wörtern überreich gesegnet ist und daß dieselbe , nicht immer , aber oft , in einer einzigen Silbe das zu sagen versteht , wozu wir deren drei gebrauchen . Weibliche Reime , um auch das noch zu bemerken , haben die Engländer so gut wie gar nicht . « » Wie verwerflich ! « » Aus diesen sprachlichen Unterschieden erwachsen Schwierigkeiten , auf die wenigstens kursorisch einzugehen Sie mir gütigst gestatten wollen . « » Nein , lieber Himmerlich , vorbehaltlich präsidieller Entscheidung gütigst nicht gestatten wollen . Ich habe bis hierher geschwiegen , sehr wohl wissend , jedes Huhn kakelt , ehe es sein Ei legt . Aber diesem bis zu einem gewissen Grade nachzugebenden Naturrecht steht , wenn es auszuschreiten droht , das geschriebene Recht der Kastalia gegenüber . Paragraph neun unserer Statuten regelt die Frage der Vorreden ein für allemal und gibt diesen selber ihr zuständiges Maß . Auch von dem Redefeuer gilt des Dichters Wort : Wohltätig ist des Feuers Macht , wenn sie der Mensch bezähmt , bewacht . Ich habe den Eindruck , daß das statutenmäßig vorgesehene Maß bereits überschritten wurde , und bitte deshalb unseren Herrn Vorsitzenden , auf Vortrag der Dichtung selbst dringen zu wollen . « Lewin nickte zustimmend , und Himmerlich , indem er sich leicht verfärbte , begann mit vibrierender Stimme : » ' s ist Sabbatfrüh , und noch im Sinken spendet Ein zaubrisch Licht des Vollmonds Silberpracht . Es ist noch früh , die Mitte kaum beendet Der stillen , sternenblassen Sommernacht ; Schon hab ich froh mich auf den Weg gemacht Am Rain entlang , entlang an Wald und Auen Und harre nun , auf daß der Tag erwacht , Um andachtsvoll dem Schauspiel zuzuschauen , Vor dessen Majestät die Herzen übertauen . Die Lerche wacht ; mit flatterndem Gefieder Erhebt sie sich , verschmähend unsre Welt , Und wie sie steigt , so werden ihre Lieder Von Lust und Wohlklang mehr und mehr geschwellt . Das Wasserhuhn , als würd ihm nachgestellt , Entflieht vor mir mit hast ' gem Flügelschlagen , Sogar das Lamm erschrocken innehält , Und statt am Grase ruhig fort zu nagen , Reißt es vom Pflock sich los , um übers Moor zu jagen . « An dieser Stelle erfuhr die Vorlesung durch das Erscheinen der Frau Hulen , die mit dem Teebrett eintrat , eine Unterbrechung . Lewin , immer voll Mitgefühl mit Poeteneitelkeiten , schon weil er sie selber durchgemacht hatte , winkte mehrmals , daß sich die Alte zurückziehen möchte ; aber es war schon zu spät , und Himmerlich hatte durch ein minutenlanges Martyrium zu gehen . Er dankte kurz , als das herumgehende Tablett auch an ihn kam , schickte der endlich wieder verschwindenden Alten einen Blick voll tragikomischen Hasses nach und fuhr dann mit gehobener Stimme fort : » Nun wird es hell , und sieh , der Berge Gipfel Erglühen purpurn , und der Feuerball Der Sonne selbst vergoldet schon die Wipfel Und scheucht ins Tal der Nebel feuchten Schwall ; Und höher in die Kuppel von Kristall Will sich der ew ' ge Strahlenquell erheben , In Höh und Tiefe Licht wird ' s überall , Bis schlucht-entlang die letzten Schatten schweben - Ein neuer Tag ist da und atmet neues Leben . Jetzt laß mich , Gott , Gemeinschaft mit dir halten ! Quell aller Weisheit , Herr und Vater mein , Du siehst mein Herz , dir spricht mein Händefalten , O laß dein Licht auf meinen Wegen sein ; Gib mir die Kraft - du gibst sie nur allein - , Aus Sünd und Schwachheit mich herauszuschälen , Und lehre mich , an deines Auges Schein Des eignen Auges matten Sinn zu stählen , Auf daß die Lust ihm wird , den rechten Pfad zu wählen . « Kaum daß die letzte Zeile verklungen war , so erhob sich Buchhändler Rabatzki von seinem Platz und sagte in einem Ton , in dem Wichtigkeit und Bescheidenheit beständig miteinander rangen : » Meine Herren ! Ohne Ihrem kompetenteren Urteil « ( » Sehr gut , Rabatzki ! « ) » irgendwie vorgreifen zu wollen , bitt ich nur einfach von meinem vorwiegend geschäftsmännischen Standpunkt aus bemerken zu dürfen , daß ich mich glücklich schätzen würde , diese Strophen in der nächsten Nummer meines Sonntagsblattes , und zwar ausnahmsweise an der Spitze desselben , bringen zu können . Ich bitte Herrn Himmerlich , mich dazu autorisieren , zugleich aber auch in einer Anmerkung einige kurze biographische Notizen über den englischen Dichter , der mir seines berühmten Namensvetters durchaus würdig zu sein scheint , geben zu wollen . « Über Himmerlichs Gesicht , der diese schmeichelhaften Worte Rabatzkis als ein gutes Omen für alles Kommende ansah , flog es wie Verklärung . Er sollte seines Triumphes aber nicht lange froh bleiben . Jürgaß klopfte den Fidibus aus , mit dem er eben eine frische Pfeife angeraucht hatte , und sagte : » Unseres Freundes Rabatzki sonntagsblattliche Begeisterung in Ehren , eines möcht ich wissen , ist es ein Bruchstück ? « » Nein . « » Dann gestatten Sie mir die Behauptung , daß Ihr Sabbat zwar ein Ende , aber keinen Schluß hat . « » Es wird sich darüber streiten lassen . Ich glaube nicht , daß es nötig war , meinen Morgenspaziergänger bis an seinen Frühstückstisch zurückzubegleiten . « » Und ich meinerseits möchte bezweifeln , daß Sie dem Gedichte durch eine solche gemütlich-idyllische Zutat geschadet hätten . Indessen lassen wir das . Aber die Form , die Form , Himmerlich ! Sagen Sie , was sind das für sonderbare Strophen ? « » Es sind sogenannte Spencerstrophen . « » Spencerstrophen ? « fuhr Jürgaß fort , » ich finde diesen Namen fast noch sonderbarer als die Verse selbst . « » Ich nehme an , Herr von Jürgaß « , antwortete Himmerlich in einem immer erregter werdenden Tone , » daß Sie mit dem Bau der Ottaverime vertraut sind , jener achtzeiligen schönen Strophen , in denen Tasso und Ariost ihre unsterblichen Werke , den Orlando furioso und das Gerusalemme liberata , dichteten . « Jürgaß , der sich auf diesem Gebiete nichts weniger als zu Hause fühlte , rauchte stärker und suchte seine wachsende Unsicherheit hinter einem mit der Miene der Superiorität gesprochenen » Und nun ? « zu verbergen . » Und nun ? « griff Himmerlich das letzte Wort auf , » die Spencerstrophe mag als ein Geschwisterkind dieser Tasso- und Arioststrophe angesehen werden . Ihre Reimstellung ist freilich anders , sie hat auch nicht acht Zeilen , sondern neun und geht in eben dieser neunten Zeile aus dem fünffüßigen Jambus in den Alexandriner über ... « » Ist aber nichtsdestoweniger eigentlich ein und dasselbe . Ich beneide Sie , Himmerlich , um diese Schlußfolgerung . « Eine gereizte Debatte schien unausbleiblich ; Lewin indessen schnitt sie geschickt ab , indem er bemerkte , daß es nicht Aufgabe dieses Kreises sein könne , die größeren oder geringeren Verwandtschaftsgrade zwischen Spencerstrophe und Ottaverime festzustellen . Er müsse bitten , auf die Dichtung selber einzugehen , wenn es nicht vorgezogen würde , trotz einiger kleiner Ausstellungen des Herrn von Jürgaß , die warmen Worte , in denen sich ihr immer treu befundenes Mitglied Buchhändler Rabatzki bereits geäußert habe , einfach als Urteil und Dankesausdruck der Kastalia selbst zu akzeptieren . Hierauf wurde nicht nur überhaupt eingegangen , sondern auch mit einer Bereitwilligkeit , deren ironischer Beigeschmack von dem unglücklichen Himmerlich sehr wohl herausgefühlt wurde . » Wir wenden uns nunmehr dem zweiten der eingegangenen Beiträge zu « , fuhr Lewin fort . » Es sind Strophen unseres sehr verehrten Gastes , des Herrn Hansen-Grell , den in kürzester Frist als Mitglied dieses Kreises begrüßen zu dürfen ich als meinen persönlichen , übrigens von allen Mitgliedern der Kastalia geteilten Wunsch ausgesprochen haben möchte . Ich bitte , Herrn Hansen-Grell , seine Strophen lesen zu wollen . « Dieser zog , um des Tabakrauches willen , der bereits seine Schleier auszuspannen anfing , das Licht etwas näher an sich heran und begann dann ohne Zögern , mit ruhiger , aber sehr eindringlicher Stimme : » Seydlitz ; geboren zu Calcar am 3. Februar 1721 . « » Ist das die Überschrift ? « unterbrach Jürgaß . » Ja « , war die kurze Antwort . » Nun , da bitt ich doch bemerken zu dürfen , daß mich dieser Titel noch mehr überrascht als Bau und Reimstellung der Himmerlichschen Spencerstrophe . Geboren zu Calcar , am 3. Februar 1721 , das ist die Überschrift eines Nekrologs , aber nicht eines Gedichtes « » Und vor allem eine Überschrift « , erwiderte Hansen-Grell in heiterer Laune , » die niemand anders verschuldet hat als Herr von Jürgaß selbst . Ohne seine Abneigung gegen alles , was einer Captatio benevolentiae ähnlich sieht , würde der Titel meines Gedichtes einfach General Seydlitz gelautet haben ; aber jeder Möglichkeit beraubt , das mir unerläßliche geboren zu Calcar auf dem herkömmlichen Vorredewege zu Ihrer freundlichen Kenntnis zu bringen , ist mir nichts andres übriggeblieben , als jene biographische Notiz gleich mit in die Überschrift hineinzunehmen . « » Und so haben wir doch wieder eine Vorrede gehabt ... « » Weil wir keine haben sollten . - Aber ich bin zu Ende . « Und Hansen-Grell las nun ohne weitere Störung : » General Seydlitz In Büchern und auf Bänken , Da war er nicht zu Haus , Ein Pferd im Stall zu tränken , Das sah schon besser aus ; Er trug blanksilberne Sporen Und einen blaustählernen Dorn - Zu Calcar war er geboren , Und Calcar , das ist Sporn . Es sausen die Windmühlflügel , Es klappert Leiter und Steg , Da , mit verhängtem Zügel , Geht ' s unter dem Flügel weg ; Und bückend sich vom Pferde , Einen vollen Büschel Korn Ausreißt er aus der Erde - Hei , Calcar , das ist Sporn . Sie reiten über die Brücken , Der König scherzt : Je nun , Hie Feind in Front und Rücken , Seydlitz , was würd Er tun ? Der , über die Brückenwandung , Setzt weg , halb links nach vorn , Der Strom schäumt auf wie Brandung - Ja , Calcar , das ist Sporn . Und andre Zeiten wieder ; O kurzes Heldentum ! Er liegt todkrank danieder Und lächelt : Was ist Ruhm ? Ich höre nun allerwegen Eines besseren Reiters Horn - Aber auch ihm entgegen , Denn Calcar , das ist Sporn . « Ein Jubel , wie ihn die Kastalia seit lange nicht gehört hatte , brach von allen Seiten los und legte , wie Hansen-Grell , um sich dadurch weiteren Ovationen zu entziehen , scherzhaft bemerkte , ein vollgültiges Zeugnis von der kavalleristischen Zusammensetzung der Dienstagsgesellschaft ab . Er traf es hiermit richtig : Bninski , Hirschfeldt , Meerheimb waren Kavalleristen von Fach , Tubal und Lewin gute Reiter . Aber auch die Minorität ließ es an lebhaften Beifallsbezeugungen nicht fehlen ; Bummcke , wenn nicht Reiter , war doch wenigstens Soldat , Rabatzki tadelte nie , und Himmerlich fühlte sich erleichtert , seine Verstimmung hinter enthusiastischen , wenn auch kurzen und etwas krampfhaften Ausrufungen verbergen zu können . Gewann er doch für sich selbst und nebenher noch das Wohlgefühl neidloser Charaktergröße . Endlich hatte sich die Aufregung gelegt , und Tubal bat ums Wort , was ihm zu verschaffen , bei einer zwischen Bummcke und Jürgaß über die Zulässigkeit der Wendung » halb links nach vorn « eben wieder ausgebrochenen Privatfehde , einigermaßen schwerhielt . Zuletzt aber gelang es , und Tubal bemerkte nun : » Ich bitte zunächst an einen Satz erinnern zu dürfen , den Doktor Saßnitz vor einiger Zeit an dieser Stelle aussprach : Unsere Strenge ist unser Stolz . Sie fühlen , daß dies die Brücke ist , auf der ich zu einem Angriff vorgehen möchte . Der Reiz des Gedichtes , das wir eben gehört , liegt ausschließlich in seinem Ton und seiner Behandlung ; es ist keck gegriffen und keck durchgeführt , aber es hat von dieser Keckheit offenbar zuviel . « » Kann nicht vorkommen « , warf Jürgaß ein . » Doch « , fuhr Tubal fort . » Unser verehrter Gast hat dies auch selbst empfunden . « Hansen-Grell nickte . » Jedes Kunstwerk , so wenigstens stehe ich zu diesen Dingen , muß aus sich selber heraus verstanden werden können , ohne historische oder biographische Notizen . Diesen Anspruch aber seh ich in diesem Gedichte nicht erfüllt . Es ist eminent gelegenheitlich und auf einen engen oder engsten Kreis berechnet , wie ein Verlobungs- oder Hochzeitstoast . Es hat die Bekanntschaft mit einem halben Dutzend Seydlitzanekdoten zur Voraussetzung , und ich glaube kaum zuviel zu sagen , wenn ich behaupte , daß es nur von einem preußischen Zuhörer verstanden werden kann . Lesen Sie das Gedicht , auch in bester Übersetzung , einem Engländer oder Franzosen vor , und er wird außerstande sein , sich darin zurechtzufinden . « Bninski schüttelte den Kopf . » Unser verehrter Gast , Graf Bninski « , fuhr Tubal fort , » scheint mir nicht zuzustimmen . Es freut mich dies um des Dichters willen , dem ich , von unerwarteter Seite her , einen Verteidiger erstehen sehe . Der Graf hat vielleicht die Freundlichkeit , sich eingehender über diesen Gegenstand zu äußern . « Lewin wiederholte dieselbe Bitte . » Ich kann mich auf wenige Bemerkungen beschränken « , nahm der Graf in gutem , wenn auch polnisch akzentuiertem Deutsch das Wort . » Ich kenne von General Seydlitz nichts als seinen Namen und seinen Ruhm , glaube aber das Gedicht des Herrn Hansen-Grell vollkommen verstanden zu haben . Ich ersehe aus seinen Strophen , daß Seydlitz zu Calcar geboren wurde , daß er das Lernen nicht liebte , aber desto mehr das Reiten . Dann folgen Anekdoten , die deutlich für sich selber sprechen , zugleich auch seine Reiterschaft glorifizieren , bis er in der letzten Strophe jenem besseren Reiter erliegt , dem wir alle früh oder spät erliegen . Dies wenige ist genug , weil es ein Ausreichendes ist . Hier steckt das Geheimnis . Ich habe mich in Jahren , die länger zurückliegen , als mir lieb ist , um die Volkslieder meiner Heimat gekümmert , auch vieles davon gesammelt , überall aber hab ich wahrgenommen , daß das sprungweise Vorgehen zu den Kennzeichen und Schönheiten dieser Dichtungsgattung gehört . Die Phantasie muß nur den richtigen Anstoß empfangen ; ist dies geglückt , so darf man kühn behaupten : Je weniger gesagt wird , desto besser . « » Ich bescheide mich « , erwiderte Tubal , » um den Fortgang unserer Sitzung nicht länger als wünschenswert unterbrochen zu sehen . Wenn ein unbefugter Blick in den Pappbogen unseres Herrn Vorsitzenden mich nicht falsch orientiert hat , so haben wir zunächst noch einige von ihm selber herrührende Strophen zu erwarten . « » Der Scharfblick unseres Freundes Ladalinski hat sich auch diesmal wieder bewährt . Es war meine Absicht , die lyrische Reihe heute persönlich abzuschließen , bitte aber , meinen Beitrag , der noch der Feile bedarf , zurückziehen zu dürfen . « Lewin sprach diese Worte nicht ohne Verlegenheit , da es in Wahrheit ein sehr anderer Grund war , der ihn von seiner ursprünglichen Absicht abzustehen veranlaßte . Wußt er doch am besten , aus welcher zaghaften Stimmung heraus die drei kleinen Strophen geschrieben worden waren , um die es sich handelte ; und wie sehr sich diese Zaghaftigkeit schließlich auch in das Gewand der Hoffnung gekleidet haben mochte , doch war es ihm zu Sinn , als ob Bninski mit feinem Ohr den elegischen Grundton des Liedes heraushören und die Veranlassung dazu erraten müßte . Dieser Gedanke war ihm in hohem Maße peinlich , so daß er denn auch wirklich die Strophen zurückschob und , das nunmehr obenaufliegende Prosamanuskript an Rittmeister von Hirschfeldt überreichend , diesen bat , mit seinem Vortrage zu beginnen . Der Angeredete , mit jener Frankheit , die der Reiz und Vorzug des Soldaten ist , rückte sich zurecht und begann , ohne jedes Vorwort , mit klangvoller Stimme : Erinnerungen aus dem Kriege in Spanien Das Gefecht bei Plaa Mein älterer Bruder Eugen , nachdem er erst unter Schill , dann unter dem Herzog von Braunschweig gefochten , auch der Einschiffung nach England sich angeschlossen hatte , hatte von dort aus spanische Dienste genommen und war im Sommer 1810 in Andalusien eingetroffen . Als ich davon hörte , folgte ich ihm und traf ihn , eben gelandet , auf dem großen Marktplatze von Cadix . Über die Freude des Wiedersehens gehe ich hinweg . Er hatte an demselben Tage das Majorspatent empfangen , und seinem Einfluß gelang es leicht , mir eine Offiziersstelle zu erwirken . Das Treiben in Cadix mißfiel uns , so daß wir froh waren , als Meldung eintraf , daß wir der in Katalonien stehenden , täglich in Gefechten mit dem Feinde verwickelten Armeeabteilung zugeteilt seien . Wir gingen dahin ab und landeten , nach einer höchst beschwerlichen , uns den ganzen Unterschied zwischen einem spanischen und einem englischen Kriegsschiff fühlbar machenden Seereise , im Hafen von Tarragona . Dies war Ende November , genau zwei Monate nach meiner Ankunft in Spanien . In Katalonien sah es besser aus als in Andalusien . Wir kamen zum Dragonerregiment Alcantara , mein Bruder als Oberstlieutenant , ich als Premier . Der Empfang , den wir fanden , war kameradschaftlich ; man hatte ein besonderes Vertrauen zu allen preußischen Offizieren . Die Alcantaradragoner waren ihrerzeit ein sehr bevorzugtes und sehr prächtiges Regiment gewesen ; sie trugen unter dem alten Regime dreieckige Hüte mit weißen Bandtressen , gelbe lange Röcke mit rotem Futter und rotem Kragen , dazu grüne Rabatten und blaue kurze Hosen . Eine Vertretung also sämtlicher Farben . Von dieser Pracht und Herrlichkeit war indessen nach der Neuformierung , die die ganze Armee seitdem erfahren hatte , wenig übriggeblieben , und die Alcantaradragoner , die wir vorfanden , mußten sich an einem niedrigen ledernen Czako und einem langen blauen Rock mit Regimentsnummer und Messingknöpfen genügen lassen . Die Bewaffnung war ein sehr langer Degen mit schmaler Klinge und schwerem eisernen Korb , so daß das Gewicht in der Hand lag , dazu Karabiner und Pistole . Unser Regiment gehörte zur Armee des Generals O ' Donnell , spezieller zu der vorgeschobenen Division