wahr , Ihr so deutlich ausgesprochener Widerwille gegen mich ließ mich resignieren ; ich war zu stolz , um immer wieder zu vergessen , und beschränkte mich auf die warnende Stimme - ich zögerte zu lange , das zu thun , was unbarmherzig aussah und doch das Richtige war - für Sie und Charlotte zusammen war kein Raum in meinem Hause - sie mußte weichen ! ... Was nun auch geschehen sein mag , was Sie mir auch gethan haben mögen in blöder Verkennung der Verhältnisse , es bedarf nicht einmal des verzeihenden Wortes - ich trage so viel Schuld wie Sie ... Sie können mir überhaupt nur in einem Sinn wirklichen Schmerz zufügen , das ist , wenn Sie sich - wie schon so oft geschehen - kalt und abweisend von mir wenden - nein , nein , das kann ich nicht sehen ! « unterbrach er sich selbst tief erregt , als ich in ein heftiges Weinen ausbrach . - » Wenn Sie denn durchaus weinen müssen , dann darf es fortan nur hier geschehen . « Er zog mich an sich heran und legte meinen Kopf an seine Brust . » So - und nun beichten Sie getrost - ich hefte meine Augen dort auf den Vorhang und höre mit halbabgewendetem Ohr . « » Ich darf ja nicht sprechen , « sagte ich leise . » Wie froh wäre ich , wenn ich Ihnen alles sagen dürfte ! Aber die Zeit muß ja einmal kommen , und dann ... Eines aber sollen Sie jetzt schon wissen , denn das habe ich allein verübt - ich habe Sie bei Hofe verlästert , ich habe gesagt , Sie seien ein eiskalter Zahlenmensch , ein Besserwisser - « Ich bemerkte , wie er in sich hineinlachte . » Ach , solch eine bitterböse Zunge ist die kleine Lenore ? « sagte er . Aengstlich hob ich den Kopf und schob den Arm zurück , der mich umfaßt hielt . » Denken Sie ja nicht , daß alles , was ich Ihnen angethan , auf kindisches Geschwätz hinausläuft ! « rief ich . » Das denke ich ja auch gar nicht , « beschwichtigte er , während noch immer ein köstliches Lächeln um seine Lippen huschte . » Ich will alle die schlimmen Entdeckungen an mich herankommen lassen und geduldig abwarten - dann werde ich Ihr Richter sein ; beruhigt Sie das ? « Ich bejahte . » Dann aber müssen Sie sich auch bedingungslos dem Spruch unterwerfen , den ich fälle . « Tief aufatmend sagte ich : » Das will ich gern . « Und nun trocknete ich meine Thränen und begann von meiner Tante zu sprechen . » Ich habe schon durch Fräulein Fliedner von dem seltsamen Gast gehört , der sich unter die Flügel der unbesonnenen kleinen Heidelerche geflüchtet hat , « fiel er mir nach einer Weile in das Wort . » Ist sie die Frau , der Sie das Geld geschickt haben ? « » Ja . « » Hm - das ist mir nicht lieb . Ich vertraue Frau Ilse unbedingt , und sie war sehr schlimm auf diese Tante zu sprechen . Wie kommt die Dame auf die seltsame Idee , gerade mich sehen zu wollen - was will sie von mir ? « » Ihren Rat . O bitte , Herr Claudius , seien Sie gütig ! Mein Vater hat sie verstoßen - « » Und trotzdem will sie mit ihm an einem und demselben Orte leben und sich der steten Gefahr aussetzen , ihm zu begegnen , der sie verleugnet ? - das gefällt mir nicht ! ... Aber ich muß sie wohl oder übel empfangen , da ich durchaus nicht mehr gestatte , daß Heideprinzeßchen Beziehungen hat , um die ich nicht genau weiß , und welche nicht vor meinem prüfenden Auge bestehen können ... Frau - wie heißt sie ? « » Christine Paccini . « » Also Frau Christine Paccini mag heute abend den Thee im Vorderhause trinken ... Gehen Sie jetzt sie holen ! ... Nun , verdient meine Bereitwilligkeit nicht einmal einen Händedruck ? « Ich kehrte zu ihm zurück und legte meine Hand willig in die seine . Dann flog ich zur Thüre hinaus . Ich glaube , selbst über die Heide , wo ich doch noch so unbeschwert von Leid und Kummer war , wie die Vogelseele in der Luft , bin ich nie so beschwingt dahin geflogen , wie in diesem Moment über die Kieswege der Gärten ... Ich wußte ja nun , daß ich mich nicht mehr verirren konnte in der weiten Welt , weil er seine Hand über mich hielt , wohin ich auch gehen wollte . Kein Schrecknis durfte mir mehr nahe kommen , denn ich flüchtete an seine Brust und war geborgen . Wie war ich scheu zurückgebebt , als er mich umfing , und welche selige Ruhe war dann über mich gekommen - so war es gewesen , wenn ich mich als Kind bis zum entsetzten Aufschreien gefürchtet , und Ilses Arme sich geöffnet hatten , um mich beschwichtigend an das Herz zu nehmen . Als ich wieder bei Tante Christine eintrat , war sie gerade beschäftigt , auf einer kleinen Maschine Schokolade zu kochen . Blanche lief auf dem großen , runden Tisch herum , beleckte die geriebene Schokolade und fraß vom Kuchenteller ... Himmel , wie flogen Blanche , Schokolade und Kuchen unter den schönen Händen meiner Tante durcheinander , als ich ihr sagte , daß Herr Claudius sie bitten lasse , den Thee im Vorderhause zu trinken ! Jetzt sah ich erst , wie sie auf diesen Moment gehofft und geharrt haben mußte . Mit einem halb triumphierenden , halb zerstreuten Lächeln zog sie unschlüssig Kasten und Fächer der Möbel nacheinander auf - ich erhielt einen Einblick in das entsetzliche Chaos von verblichenen Blumen , Bändern und Flitterstickereien . » Herzchen , ich muß selbstverständlich erst Toilette machen und da kann ich dich nicht brauchen - das Zimmer ist so eng - kannst ja einstweilen droben bei Helldorfs bleiben , « sagte sie hastig . » Aber einen Gefallen mußt du mir thun ; gehe zu Schäfer - ich mag mit dem ungeschliffenen Menschen nicht mehr reden - er hat prachtvolle gelbe Rosen am Stocke - lasse sie abschneiden und gib ihm dafür , soviel er verlangt , und wenn es zwei Thaler wären - du bekommst es wieder , vielleicht morgen schon ... So gehe doch ! « rief sie heftig und schob mich nach der Thüre , als ich sie erstaunt fragend ansah . » Ich bin nun einmal gewohnt , Blumen in der Hand zu haben , wenn ich als Gast eintrete . « Schäfer schenkte mir die Rosen , und ich trug sie ihr hinüber . Dann ging ich zu meinem Vater und holte mir die Erlaubnis , den Thee im Vorderhause trinken zu dürfen . Eine Stunde später schritt ich mit Tante Christine durch die Gärten . Bei meiner Zurückkunft hatte ich sie bereits in Mantel und Kapuze , mit dem Schleier vor dem Gesicht , gefunden . Es dämmerte schon stark , und ein feiner Regen begann niederzustäuben , als wir den Weg nach der Brücke einschlugen . » Wohin gehen denn die Damen ? « fragte eine Stimme hinter uns . Es war Charlotte , die jetzt erst vom Berge zurückkehrte . » Ich will meine Tante im Vorderhause vorstellen , « versetzte ich . Die junge Dame sagte kein Wort , und Tante Christine schwieg auch , und so gingen wir still nebeneinander her - mir war auf einmal entsetzlich beklommen zu Mute ... Da schritten sie vor mir über die Brücke hin , die beiden Frauen - seltsam , es sah fast gespenstisch aus , so groß war die Aehnlichkeit zwischen den beiden Gestalten - beide hatten die gleich stolze , weltverachtende Wendung des Kopfes , dieselbe breite Wölbung der Schultern , denselben Gang , und ich glaube , in der Größe wich keine der andern auch nur um eine Linie - sie waren zum Verwechseln ähnlich , und doch stießen sie sich innerlich ab . Charlotte wenigstens verhielt sich unnahbar . » Bitte , legen Sie in meinem Zimmer ab , « sagte sie droben im Korridor kalt zu mir . Wir traten in das Zimmer , das bereits behaglich erwärmt und beleuchtet war . Fräulein Fliedner arrangierte den Theetisch und begrüßte uns sehr zurückhaltend . » Wo ist Herr Claudius ? « fragte mich meine Tante leise - das erste Wort , das von ihren Lippen fiel , seit wir das Schweizerhäuschen verlassen . Ich zeigte schweigend nach der Salonthüre . » Ach Gott , ein Flügel ! « rief sie glückselig und stürzte auf das Instrument zu , dessen Deckel aufgeschlagen war . » Wie schmerzlich lange habe ich diesen Anblick entbehren müssen ! O , erlauben Sie mir nur für einen Augenblick , daß ich meine Hände auf die Tasten lege ! Bitte , bitte - ich werde glücklich sein wie ein Kind , wenn ich , und seien es auch nur zwei Akkorde , greifen darf ! « Im Nu flogen Mantel und Kapuze auf den nächsten Stuhl , und zu meinem unsäglichen Erstaunen stand Tante Christine in vollständiger Konzerttoilette da . Ein schwerer , milchweißer Atlas fiel in langer Schleppe auf den Teppich , und aus dem Spitzengekräusel des tiefausgeschnittenen Kleides hob sich eine Büste , so blendend , so marmorartig in Fleisch und Linien , wie das Antikenkabinett mit seinen griechischen Göttergestalten kaum aufzuweisen hatte . Wie wogten die langen Locken über Busen und Nacken herab und wie träumerisch lagen die hingestreuten , taufrischen , bleichen Rosen in dem tiefen Blauschwarz der Haarmasse ! » Na , das ist doch stark ! « sagte Charlotte trocken und ungeniert . Meine Tante aber sank auf den Klaviersessel , das Instrument erbrauste unter ihren Händen und gleich darauf schlug es mit nicht klangvoller , aber mächtiger Stimme und dämonischem Ausdruck gegen die Wände : » Gia la luna in mezzo al mare « - Da wurde die Salonthüre aufgestoßen , und Herr Claudius stand bleich wie ein Geist auf der Schwelle - hinter ihm erschien Dagoberts erstauntes Gesicht . » Diana ! « rief Herr Claudius im Ton eines unbeschreiblichen Entsetzens . Tante Christine flog auf ihn zu und sank in die Kniee . » Verzeihung , Claudius , Verzeihung ! « flehte sie und berührte mit der Stirn fast den Teppich . » Dagobert , Charlotte , ihr , meine so lang und so schmerzlich entbehrten Kinder , helft mir ihn bitten , daß er mich wieder aufnimmt in alter Liebe ! « Charlotte stieß einen Schrei der Entrüstung aus . » Komödie ! « stammelte sie . » Wer bezahlt Sie für diese köstlich gespielte Rolle , Madame ? « fragte sie schneidend . Dann fuhr sie auf mich hinein und schüttelte mich grimmig am Arme . » Lenore , Sie haben uns verraten ! « schrie sie gellend auf . Herr Claudius stand sofort zwischen uns und stieß sie zurück . » Führen Sie Fräulein von Sassen hinaus ! « gebot er Fräulein Fliedner - wie tonlos und bebend klang seine Stimme , wie bemühte er sich , Herr der furchtbarsten inneren Aufregung zu werden ! Fräulein Fliedner legte den Arm um mich und führte mich in den Salon , wo Lothars Bild hing - hinter uns wurde die Thüre zugeschlagen ... Die alte Dame zitterte wie Espenlaub am ganzen Körper , und eine Art Nervenfrost machte ihr die Zähne zusammenschlagen . » Sie haben uns da einen schlimmen Gast ins Haus gebracht , Lenore , « hauchte sie und horchte angstvoll hinüber , von wo Tante Christinens Stimme in wohllautenden Tönen fast ununterbrochen scholl . » Sie konnten freilich nicht wissen , daß sie es ist , jene Falsche , Treulose , jene Diana , um die er so schwer gelitten hat ... Gott mag verhüten , daß sie wieder Gewalt über ihn gewinnt ! Sie ist noch immer von hinreißender Schönheit ! « Ich preßte meinen Kopf zwischen die Hände - mußte nicht die ganze Welt über mir zusammenstürzen ? » Wie sie das schlau eingefädelt hat ! « fuhr Fräulein Fliedner tief erbittert fort . » Wie sie alle Beteiligten überrumpelt mit der ersten , wie ein Blitz hereinfahrenden Ueberraschung ! ... Auf einmal erinnert sie sich zärtlich ihrer schmerzlich entbehrten Kinder , die sie so schändlich verlassen hat - « » Ist sie wirklich Dagoberts und Charlottens Mutter ? « stieß ich heraus . » Kind , zweifeln Sie noch an allem , was Sie gehört und gesehen haben ? « » Ich habe geglaubt , sie seien seine « - ich deutete nach Lothars Bild - » und der Prinzessin Kinder , « stöhnte ich . Sie fuhr zurück und starrte mich an . » Ach , jetzt fange ich an , klar zu sehen ! « rief sie . » Das ist der Schlüssel zu Charlottens unbegreiflichem Wesen und Gebaren ! Sie denkt ebenso wie Sie ? Sie meint , sie sei in der Karolinenlust geboren ? Ist ' s nicht so ? ... Nun , ich werde ja erfahren , wer das streng gehütete Geheimnis gelüftet und in so hirnverbrannter Weise ausgelegt hat . Einstweilen sage ich Ihnen , daß allerdings zwei Kinder in der Karolinenlust das Licht der Welt erblickt haben - das eine starb nach wenigen Stunden , und das andere halbjährig an Zahnkrämpfen - zudem waren es zwei Knaben . Dagobert und Charlotte sind die Kinder des Kapitän Mericourt , mit welchem Ihre Tante in Paris verheiratet war , und der in Marocco gefallen ist ... Armes Kind , Ihr guter Engel hatte Sie verlassen , als Sie dieses Weib unter Ihren Schutz nahmen - sie bringt Unglück über uns , über uns alle ! « Ich vergrub mein Gesicht in den Händen . » Als Erich Zutritt in ihrem Hause fand , war sie bereits Witwe und Primadonna an der Pariser großen Oper , « fuhr die alte Dame fort . » Sie ist mindestens sieben Jahre älter als er ; aber bei Frauen ihres Schlags kommt das nicht in Betracht . Ihre Kinder hat sie fremden Händen übergeben ; sie sind bei einer Madame Godin erzogen worden - Erich hat sie lieb gehabt , als seien sie die seinen , und obgleich durch die Mutter tödlich beleidigt und verwundet , ist er doch so großmütig gewesen , sich der Kleinen anzunehmen , als die ehr- und pflichtvergessene Frau sie ohne alle Subsistenzmittel in der Pension zurückgelassen hat ... Madame Godin ist bald darauf gestorben , und mir , der er allein die Herkunft der Kinder anvertraut , hat er das strengste Stillschweigen auferlegt - er wollte den Geschwistern den demütigenden Schmerz , eine entartete Mutter zu haben , zeitlebens ersparen - sie danken ihm schlecht genug dafür ! « Sie rang leise die Hände ineinander und ging auf und ab . » Nur das nicht - « murmelte sie . » Die Stimme da drüben bestrickt mit einer wahrhaft dämonischen Gewalt - ich höre es ! Wie das schmeichelt und klagt und weich fleht - sie wirft ihm neue Schlingen über - « » Onkel , Onkel - ich leide furchtbar ! ... O , ich elendes , ich undankbares Geschöpf ! « schrie Charlotte drüben markerschütternd auf . Ich stürzte zur Thür hinaus , die Treppe hinunter , durch die Gärten ... Ich war verstoßen aus dem Paradiese durch eigene Schuld , durch eigene Schuld ... Trotz Ilses energischer Abwehr und Warnung , gegen den entschiedenen Willen meines Vaters hatte ich heimlich und versteckt den Verkehr mit dieser verfemten Tante unterhalten . Ich hatte ihr durch meine Briefe den Aufenthalt ihrer Kinder verraten und auf diese Weise dem Manne , den ich mit allen Kräften meiner Seele liebte , den bösen Dämon seiner Jugend wieder zugeführt , dem er aufs neue verfiel , und der ihm voraussichtlich das Leben vergiftete ! ... In der Halle , wo das helle Lampenlicht auf mich fiel , hielt ich in meinem rasenden Laufe inne - nein , in diesem Zustande durfte ich nicht vor meinen Vater treten - Haar und Gesicht und Kleider troffen von Nässe von dem Märzregen , der draußen warm und lautlos niedersank ; jeder Nerv bebte an mir , und die Wangen brannten im Fieber . Ich ging in meine Schlafstube , kleidete mich um und trank ein Glas kaltes Wasser . Ruhig , vollkommen ruhig mußte ich sein , wenn ich erlangen wollte , was ich für meine einzige Rettung hielt . Mein Vater saß in seiner Stube , im bequemen Lehnstuhl , und las und schrieb abwechselnd , und neben ihm stand die dampfende Theetasse . Er sah so munter und wohlgemut aus , wie ich ihn selten vor seiner Krankheit gesehen , und das liebe , alte , zerstreute Lächeln war auch wieder da . Im Wohnzimmer strich Frau Silber , die Wärterin , Butterbrötchen für ihn , regulierte nach dem Thermometer die Zimmerwärme , und winkte mir freundlich , nicht zu hastig einzutreten - sie war die verkörperte Fürsorge selbst , in besseren Händen konnte ich meinen Vater nicht wissen . Ich setzte mich neben ihn auf ein Fußbänkchen , doch so , daß mein Gesicht völlig im Dunkeln blieb . Er erzählte mir freudig , der Leibarzt sei bei ihm gewesen und habe ihm die Mitteilung gemacht , daß er morgen zum erstenmal ausfahren dürfe , der Herzog werde ihn selbst im Wagen abholen - dann strich er mir schmeichelnd über den Scheitel und meinte , er freue sich , daß der Thee im Claudiushause nicht gar so lange gedauert habe und ich wieder bei ihm sei . » Wie wird das aber werden , Vater , wenn ich auf vier Wochen in die Heide gehe ? « fragte ich und bog mich noch tiefer in den Schatten zurück . » Ich werde mich hineinfinden müssen , Lorchen , « sagte er . » Du mußt für eine Zeit in deine eigentliche Heimatluft zurück , um dich zu stärken - beide Aerzte haben es mir zur Pflicht gemacht . Sobald es warm wird - « » Es ist warm draußen , köstlich mild , « unterbrach ich ihn rasch . » Denke dir , mich jagt es förmlich in die Heide - mir ist , als würde ich krank und könnte den bösen Feind nur durch den frischen Heidewind abwehren ... Vater , wenn du mir einmal die Erlaubnis gibst , warum denn nicht heute abend noch ? « Er sah mich erstaunt an . » Das kommt dir tollköpfig vor , nicht wahr ? « sagte ich mit dem schwachen Versuch zu lächeln . » Aber es ist vernünftiger , als du denkst . Die weichste Luft weht draußen ; ich fahre mit dem Nachtzug , bin morgen abend auf meinem lieben , lieben Dierkhof , trinke vier Wochen lang Milch und atme Heideluft , und bin gesund wieder da , wenn es hier - schön wird , wenn die Bäume blühen , und dann - ist alles , alles gut - gelt , Vater ? ... Ich kann ja auch vollkommen ruhig gehen - Frau Silber bleibt bei dir , besser könntest du gar nicht aufgehoben sein - bitte , Vater , gib mir die Erlaubnis ! « » Was meinen Sie denn dazu , Frau Silber ? « rief er unschlüssig hinüber . » I , lassen Sie Fräulein Lorchen nur gehen , Herr Doktor ! « sagte die gute Alte , breitspurig in die Thür tretend . » Der Mensch soll nicht gegen seine Natur sein , und wenn dem Fräulein zu Mute ist , als würde sie krank und könnte nur in der Heide gesund werden , da sagen Sie um Gottes willen nichts dagegen ... In einer Stunde geht der Nachtzug , packen Sie ein , Fräulein , ich helfe Ihnen und bringe Sie auf den Bahnhof . « Auf flüchtenden Füßen verließ ich die Karolinenlust . Es war stockfinster , und meine Begleiterin konnte nicht sehen , wie mir die Thränen über das Gesicht strömten , wie ich hinüberwinkte nach dem Glashause , in welchem ich einen köstlichen Augenblick voll Glück erlebt hatte . Ich wollte nicht hinaufsehen an den Fenstern des Vorderhauses , als wir durch den Hof gingen - ach , was vermochte mein Wille gegen den Trennungsschmerz , der in mir tobte ? Meine Augen hingen verzehrend an der Lichtflut in Charlottens Zimmer - man hatte vergessen , die Vorhänge zuzuziehen . Noch waren alle versammelt , man sah es an den lebhaft über die Zimmerdecke hinlaufenden wechselnden Schatten . Er verzieh ihr , der Treulosen , um deren willen er einst nachts wie gehetzt die Gärten durchmessen hatte - er versöhnte sich mit ihr - es war ja heute ein Tag der Versöhnung - während » die unbesonnene kleine Heidelerche « , von seinem Herzen weggescheucht , davonflog , hinaus in die lichtlose Nacht . 33 Das war ein Wiedersehen ! ... Zu Fuße wanderte ich vom letzten Dorfe nach dem Dierkhofe - durch den totenstillen , laublosen Wald . Es dunkelte im Dickicht , und raschelnde Blätter hingen sich an meinen Rocksaum - die hatten frisch droben im Morgenwind geplappert , als ich in die Welt hinausgepilgert war , und jetzt begleiteten sie mich als gefallene Gespenster mit eintönigem Flüstern und Rauschen ganze Strecken lang ... Und als ich hinaustrat in die unermeßliche Ebene , als in der Abenddämmerung seitwärts die Hünengräber auftauchten und fern vom Dierkhof her ein Lichtlein funkelte und Spitzens wohlbekanntes Gekläff halb verloren herüberscholl , da warf ich mich vor Schmerz aufweinend in das winterdürre Heidegestrüpp - ich kam unglücklich , gebrochen in die Heide zurück . Und nun wuchsen die vier Eichen immer höher vor mir auf - ich sah deutlich den dunklen Punkt inmitten des einen Wipfels , das alte wohlbekannte Elsternest - die jungen Vögel , die damals lustig in meinen Abschiedsjammer hineingeschrieen hatten , sie waren längst auf- und davongeflogen , und wohl nur das alte angestammte Paar hockte als Turmwart des Dierkhofes droben und richtete die scharfen , klugen Augen auf das einsame Menschenkind , das über die Heide dahergewandert kam . Tief in der dunklen Wölbung des Hausthors glühte schwach ein Feuerkern , im Herde brannte der Torf , und das traute Dach , aus welchem der Rauch in kerzengeraden gelblichen Streifen zum Abendhimmel aufstieg , sah aus , als wüchse es direkt aus dem Heideboden , so eingesunken , so klein geworden kam mir der Dierkhof vor . Da sah ich Spitz wie toll über den Hof rennen - in der Thür der Umzäunung blieb er wie atemlos , mit steifgespitzten Ohren , einen Augenblick stehen ; aber nun raste er auf mich zu - er sprang mir freudewinselnd bis hinauf an das Gesicht , um mir die Wangen zu lecken - ich hatte Mühe , mich auf den Füßen zu halten . » Was hat denn das Tier ? Es ist ja wie närrisch ? « rief Ilse und trat unter das Hausthor ... Ach , diese Stimme ! Ich lief über den Hof und warf mich an die Brust der großen Frau - da meinte ich ja endlich den Qualen entronnen zu sein , die mich wie die Furien bis in die stillste , tiefste Heide hinein verfolgten ... Sie schrie nicht auf und sagte auch kein Wort ; aber die Arme umschlossen mich fest - ich wurde gehätschelt und geliebkost wie in meiner Kindheit und wußte sofort , daß sie sich unbeschreiblich gesehnt haben müsse , und als wir auf den Fleet traten , wo bereits Licht brannte , da sah ich auch , daß sie blässer geworden war . Aber völlig ließ sich Ilse nie von ihrem Gefühl überrumpeln . Sie schob mich plötzlich mit steif ausgestreckten Armen von sich . » Lenore , du bist durchgebrannt ! « sagte sie in jenem gefürchteten Tone , mit welchem sie mir einst auch meine Kindersünden auf den Kopf schuld gegeben hatte . Bei allem inneren Weh mußte ich lächeln . Ich setzte mich auf Heinzens Holzstuhl und erzählte ihr von dem Feuerunglück und der Krankheit meines Vaters , wobei sie einmal über das andere die Hände über dem Kopfe zusammenschlug . Das hinderte sie jedoch nicht , das Feuer im Herd neu zu schüren , den Wasserkessel aufzusetzen und mich mit einem Butterbrot sehr gegen meinen Willen , Bissen um Bissen , zu füttern . » Ja , ja , das war freilich das Gescheiteste , « meinte sie , als ich ihr schließlich mitteilte , daß die Aerzte mich auf den Dierkhof geschickt hätten . Dann verschwand sie im Innern des Hauses , um mich bald darauf vor ein himmelhoch aufgetürmtes Bett zu führen . » So , Kind - nun gehst du zu Bett , und den Fliederthee bringe ich auch gleich . Auf zwanzig Schritte sieht man dir ' s an , daß du dich auf der Reise erkältet hast - das ist ja das reine Fiebergesicht ... Und gesprochen wird nun gar nichts mehr - morgen erzählst du weiter . « Auf mein entsetzliches Sträuben hin wurde mir der Fliederthee erlassen - ins Bett aber wurde ich ohne Gnade gesteckt ... Da sah nun wieder das verräucherte Bild Karls des Großen unverwandt auf mich nieder . Ich sprang auf , nahm es vom Nagel und kehrte es gegen die Wand ... Wie haßte ich dieses Gesicht ! Wie viel Leichtfertigkeit , Lug und Trug deckte die weiße Stirn , die mich am Hünengrabe förmlich geblendet ! ... Sie hatte mir wie ein Licht in die dunkle Welt hineingeleuchtet - diesem trügerischen Schein war ich damals halb unbewußt gefolgt , um seinetwillen hatte ich mich von der Heimat losgerissen ; jetzt sah ich klar in meine damaligen Empfindungen und verabscheute sie - sie hatten mich blind gemacht und auf einen Weg voll Irrtümer geführt . Ich setzte mich wieder , wie in der Sterbenacht meiner Großmutter , auf das Fußende des Bettes und sah hinaus in die unermeßliche Weite . Nein - auch auf dem Dierkhof fand ich keine Ruhe , und je tiefer und lautloser die Stille um mich webte , desto furchtbarer schrie mein einsames Herz auf ... Jetzt begriff ich , wie meine Großmutter stundenlang dort in der Baumhofecke hatte stehen und unverwandt in die weite Welt hinausstarren können - die umschleierten Augen hatten ein Wesen in der Nebelferne gesucht , die Verlorene , Entartete , die das schwergekränkte Mutterherz dennoch nicht vergessen konnte . Und für mich breitete sich der weite , von Millionen Goldflittern betupfte Nachthimmel auch nur über einen einzigen Punkt , über das ferne , alte Kaufmannshaus . Draußen fuhr der Wind auf und machte die dürren Zweige des Ebereschenbaumes leise an die Scheiben klopfen ; ich wich zurück und legte die Hand über die Augen - unter dem Fenster stand ja die Bank , auf welcher ich Tante Christinens Brief zum erstenmal gelesen . Nun hatte ich sie in der That auf den Knieen liegen sehen , die märchenhafte Gestalt , schöner als die schönsten Blumenleiber , die in meinem Kinderbuche aus Lilien- und Rosenkelchen emporwuchsen . Und aus den weißen Atlaswogen hatten sich zwei zarte Arme ausgestreckt , um den einst tief beleidigten Mann schmeichelnd wieder an das treulose Herz zu ziehen ... Ich schlug mich unwillkürlich mit den geballten Händen gegen die Brust - ich war schwach und feig gewesen in jenem verhängnisvollen Augenblicke , ich durfte nicht hinausgehen , meinen Kopf mußte ich , wie wenige Stunden zuvor , fest an seine Brust legen - er selbst hatte mir diesen Platz angewiesen , und ich wußte , daß es in Zärtlichkeit geschehen war ; ich hatte es an dem Klopfen seines Herzens , an der leise zitternden Hand gefühlt , die , während ich gebeichtet , immer wieder behutsam , aber zartschmeichelnd über meine Locken hingeglitten war . Ich durfte nicht dulden , daß diese rosig weißen Hände ihn berührten , dann wäre vielleicht der böse Zauber nicht über ihn gekommen ... Jetzt war es wohl hell im Vorderhause , so hell , wie an jenem Theeabend , wo die Prinzessin dagewesen ... Und er saß am Flügel - vergessen war die Zeit , wo er um ihretwillen keine Taste mehr berührt hatte ; sie sang ihm ja jetzt die berauschende dämonische Tarantella ... Und binnen wenigen Wochen schritt eine neue Hausfrau durch die hallenden Gänge des Claudiushauses - nicht im klaren Stirnschleier , wohl aber mit langer , seidenrauschender Schleppe , Blumen in das Haar gestreut und ein Trällern auf den Lippen - und es wurde lebendig in den stillen Gesellschaftszimmern , Gäste flogen ein und aus , und Champagnerpfropfen knallten , und niemand verdachte dem Manne seine Wahl , die Frau war ja noch » von hinreißender Schönheit « ... Nun wurde er mein Onkel - ich sprang auf und rannte außer mir auf und ab ... nein , ich war kein sanftes Engelsgemüt , ich konnte nicht mit heißen Thränen in den Augen lächeln , ich wehrte mich aufschreiend gegen das Messer , das mir erbarmungslos immer wieder in der Brust umgewendet wurde ! ... Nach K. kehrte ich nicht wieder zurück ; ich wollte meinen Vater beschwören , einen andern Aufenthaltsort zu wählen - wie konnte ich je das Wort » Onkel « über meine Lippen bringen ? Nie , nie ! Das sanfte Klopfen draußen an den Scheiben verwandelte sich in ein heftiges Peitschen und Schlagen - - der Frühlingssturm brauste über die Heide hin ... Nun hörte ich ' s wieder , das Knistern und Knacken der alten Balken , das Schnauben und Pfauchen um die Ecken , und in den Eichenwipfeln das Gerassel der verdorrten Blätter , die , längst tot und modernd , sich doch noch unter gespensterhaftem Rauschen an