ermüdet schien ; daß sie überall war , wo man ihrer bedurfte , daß sie für Jeden ein williges Ohr hatte und daß nie der Schatten einer üblen Laune ihr liebes Angesicht streifte , geschweige denn ein böses Wort aus ihrem Munde kam . Zwar ernst sah sie wohl aus und sie sprach auch für gewöhnlich nicht mehr , als eben nöthig war , aber ihr Ernst hatte nichts Schwerfälliges , und ein oder zweimal hatte ich sie auch plaudern hören mit halblauter , anmuthiger Stimme , so wie sie Feen haben mögen , wenn sie mit Menschenzungen reden . Ich theilte meinem Freunde , dem Doctor Snellius , meine Entdeckung mit . » Bleiben Sie mir mit solchem Unsinn vom Leibe « , rief er . » Fee ! dummes Zeug . Es ist immer der Lessing ' sche eiserne Topf , der durchaus mit einer Zange von Silber aus dem Feuer gezogen sein will . Was thut sie denn Außerordentliches ? Sie ist die Beschließerin des Hauses , die Lehrerin der jüngeren Geschwister , die Freundin des Vaters , die Trösterin der Mutter , die Krankenwärterin Beider . Das Alles sind alle guten Mädchen ; dabei ist gar nichts Außergewöhnliches ; ist nur eben in der Ordnung . Aber so ein phantastischer Kopf von zwanzig kann natürlich die Dinge und die Menschen beileibe nicht so sehen , wie sie sind . Heirathen Sie sie ! Das ist das beste Mittel , zu erfahren , daß die Engel mit den längsten , azurfarbenen Flügel immer noch - Frauen bleiben . « Ich fuhr mir mit der Hand über mein Haar , das jetzt in anerkennenswerther Weise seine frühere Fülle wieder anstrebte , und sagte nachdenklich : » Ich Paula heirathen ? Nie ! Ich weiß nicht , wie der Mann sein müßte , der werth wäre , sie zu heirathen ; das aber weiß ich , daß ich es nicht bin . Was bin ich ? « » Vorläufig sind Sie zu sieben Jahren Gefängniß , in dem Zuchthause von S. abzusitzen , verurtheilt und haben also jedenfalls noch ebenso lange Zeit , sich zu überlegen , was Sie sein werden , wenn Sie herauskommen . Hoffentlich werden Sie dann ein tüchtiger Mann sein , und ich wüßte nicht , welches Mädchen , ja auch welcher Seraph für einen tüchtigen Mann zu gut wäre . « » Ich habe noch einen anderen Grund , Doctor , weshalb ich sie auch dann nicht heirathen kann . « » Und der wäre ? « » Weil Sie sie bis dahin schon längst werden geheirathet haben . « » Sie grinsendes , zähnefletschendes Mammuth ! Denken Sie , daß ein Mädchen wie die eine apoplektische Billardkugel heirathen wird ! « Ob der gute Doctor sich über den Widerspruch ärgerte , welchen er sich zu Schulden kommen ließ , indem er so weit von sich wies , was er mir nur eben noch so nahegelegt , oder welchen Grund es hatte - aber das Blut stieg ihm in seinen kahlen Kopf , daß er wirklich jenem merkwürdigen , von ihm citirten Gegenstande auffallend ähnlich sah , und dabei krähte er so ausnehmend hoch , daß er nicht einmal versuchte , sich herabzustimmen . Die Rede des Doctors ging mir ein paar Tage durch den Sinn : es leuchtete dem Zwanzigjährigen sehr ein , daß ein tüchtiger Mann für jedes Mädchen gut genug sei , und also nach dieser Seite hin kein Grund vorliege , weshalb ich nicht Paula früher oder später heirathen sollte . Dann aber , ich wußte selbst nicht wie , gewann die alte Ansicht doch wieder die Oberhand , und wenn ich sie mit ihrer himmlischen Geduld schalten und walten sah , sagte ich mir : Es ist nicht wahr , daß alle Mädchen , selbst nicht einmal die sogenannten guten , sind wie Paula ; und es ist eine ganz alberne Behauptung von dem Doctor , daß ich jemals ihrer werth sein könnte ! Die klarere Luft , die prächtigen Sonnenuntergänge , dürre Blätter , die hie und da von den Bäumen wehten , verkündeten das abermalige Nahen des Herbstes . Es war die Zeit , die ich vor einem Jahre auf Schloß Zehrendorf verlebt hatte ; es waren dieselben Zeichen der Natur , die ich damals so aufmerksam beobachtet hatte , und sie erweckten in meiner Seele eine Fülle von Erinnerungen . Ich hatte diese Erinnerungen tief begraben geglaubt und fand jetzt , daß sich nur eine dünne Decke darüber gebreitet , die jedes leise Wehen des schwermüthigen Herbstwindes zu lüften im Stande war . Ja , manchmal schien es mir fast , als ob die Wunden , die mir vor Jahresfrist geschlagen , wieder aufbrechen wollten . Ich durchlebte noch einmal ganz jene Zeit , aber es war , wie wenn man sich wachend , bei hellem Bewußtsein , einen sehr lebhaften Traum vergegenwärtigt . Was uns im Traume bei der partiellen Thätigkeit unserer Seelenkräfte , sehr natürlich , sehr logisch erschien , sehen wir nun als wunderliches Phantasma , und was uns dort als unbegreiflich ängstigte , wissen wir jetzt zu deuten , weil wir die Stellen , welche die springende Traumphantasie leer gelassen , auszufüllen im Stande sind . Ich brauchte ja nur meine damalige Lage auf die jetzige zu zeichnen und das traumhafte Zerrbild war fertig . Damals hatte ich mich frei gewähnt und war in der That so eingesponnen gewesen in die traurigsten , widerwärtigsten Verhältnisse wie eine Fliege in das Netz der Spinne ; jetzt schlief ich allnächtlich hinter eisernen Gittern und fühlte mich innerlich so beruhigt und sicher , wie wenn man vom schwankenden Kahn den Fuß auf das feste Land gesetzt hat . Damals glaubte ich meine eigentlichste Bestimmung erreicht zu haben und sah jetzt , daß jenes Leben nur eine Fortsetzung und gewissermaßen eine letzte Consequenz des plan- und ziellosen Jugendtreibens gewesen war . Und in welchem Lichte erschienen mir die Menschen , an deren Schicksal ich damals einen so leidenschaftlichen Antheil genommen , wenn ich sie mit denen verglich , die ich jetzt so herzlich lieben gelernt hatte : wenn ich den » Wilden « verglich mit seinem milden , weisen Bruder ? Und da ich nun einmal im Vergleichen war , so mußte es sich auch der riesenhafte , schwerfällige , verschlafene Hans von Trantow - wo war er jetzt der gute Hans , wenn er nicht todt war ? - der Hans mußte sich gefallen lassen , neben den kleinen , beweglichen , geistvollen Doctor Snellius gestellt zu werden ; selbst der alte verkommene Christian mußte neben den strammen Wachtmeister Süßmilch treten . Aber am allerlebhaftesten drängte sich mir doch der Vergleich auf zwischen der schönen , phantastischen Konstanze und Paula ' s schlichtem , keuschen Wesen . War doch ein größerer Gegensatz kaum denkbar ! Vielleicht rief gerade deshalb das Bild der Einen immer das der Andern hervor . Und dabei war ein sonderbarer Umstand : ich empfand vor Paula , trotzdem sie so jung war , daß sie fast noch jenem Alter angehörte , für welches unsere heutige Jugend , wenn ich recht verstanden , einen Namen aus dem Kochbuche entlehnt hat , eine größere Ehrfurcht , als ich je vor der um mehrere Jahre älteren , so sehr viel schöneren Konstanze empfunden . Zwar auch dieser gegenüber hatte ich eine Scheu zu überwinden gehabt ; aber diese Scheu war ganz anderer Art gewesen , und schließlich hatte ich sie doch überwunden , und ich war , als ich den letzten Morgen das Schloß verließ , entschlossen gewesen , sie zu heirathen - trotz meiner neunzehn Jahre ! Und was mich nicht minder überraschte : ich konnte Konstanze , die mich so schnöde verrathen , die ich zu hassen glaubte , jetzt nicht gedenken , ohne den Wunsch zu empfinden , ich möchte sie wiedersehen und ihr sagen können , wie sehr ich sie geliebt und wie tief sie mich gekränkt habe . Wo war sie jetzt ? Sie hatte zuletzt aus Paris geschrieben . War sie noch da und wie lebte sie ? Daß sie von ihrem Geliebten verlassen sei , wußte ich bereits ; ich hatte , als ich es zuerst erfuhr , laut gelacht . Jetzt lachte ich nicht mehr ; ich dachte nicht ohne Gefühl tiefsten Mitleids an sie , die man so ungeheuer beleidigt hatte , die vielleicht , ja wohl gewiß , nun schutzlos , heimathlos durch die Welt irrte , eine Abenteurerin , wie ihr Vater ein Abenteurer gewesen war . Und doch konnte es ihr im gewöhnlichen Sinne des Wortes nicht schlecht gehen ; sie hatte ja mit Stolz und Verachtung jeden Anspruch auf die Erbschaft ihres Vaters zurückgewiesen . Wußte sie jetzt , daß ihr Vater es verschmäht hatte , ihre Mutter zu seiner Gattin zu erheben ? Hatte sie es immer , hatte sie es schon damals gewußt ? Und , wenn sie es gewußt , reichte dieser Umstand nicht hin , das feindliche Verhältniß , in welchem sie zu ihrem Vater gestanden , zu erklären ? Konnte sie den Mann lieben , der ihre Mutter so grenzenlos unglücklich gemacht ? der ihr nie im guten Sinne Vater gewesen war , der , wenn man der Aussage seiner Spielgesellen glauben wollte , ihre Schönheit nur als Lockspeise benützt hatte für die dummen Fische , die sich in seinen Netzen fangen sollten ? Konnte man mit ihr , der von solchen Eltern Abstammenden , in der Einsamkeit , in solcher Umgebung Aufgewachsenen , den plumpen Zudringlichkeiten , den frechen Schmeicheleien roher Krautjunker vom zarten Alter an Ausgelieferten - konnte man mit ihr so streng in ' s Gericht gehen , wenn sie Pflichten verletzt hatte , deren Heiligkeit sie nie begriffen ? wenn sie das Opfer eines Wüstlings geworden war , der mit all den Lockungen des Reichthums , des hohen Ranges , mit dem ganzen Zauber der Jugend vor sie trat ? Unglückliche Konstanze ! Dein Lied von dem Schlimmen , dem Einen , an den Du die Seele , die arme , verloren - es war grausam prophetisch - der Eine war schlimm , sehr schlimm gegen Dich gewesen ! Und der Andere ! Er hatte die Drachen tödten sollen , die auf Deinen Wegen lauerten ! Dein treuer Georg , Dein wackerer Knappe ! Du hattest seine Dienste verschmäht , und es war auch wohl nur zu gerechtfertigt gewesen das Mißtrauen , das Du in die Kraft und Klugheit des Knappen setztest , der sich Dir geweiht . Würde er Dich je wiedersehen ? Ich wußte , daß sie abgelehnt , sich an der bevorstehenden Familien-Conferenz zu betheiligen . Dennoch , je näher der Termin heranrückte , desto öfter kam mir der Gedanke , sie könnte sich doch , unberechenbar wie sie war , eines Anderen besinnen und plötzlich vor mir stehen , gerade so , wie mein Freund Arthur eines Abends , als ich mit Paula vom Belvedere zurückkam , im ganzen Glanze seiner neuen Fähnrichs-Uniform vor mir stand . Dreißigstes Capitel . Der Tag war regnerisch und unfreundlich gewesen und meine Stimmung trüb wie der Tag . Der Director hatte am Morgen einen Anfall von Blutsturz gehabt ; ich war zum erstenmale allein in dem Bureau und hatte oft von der Arbeit nach dem Platze hinübergesehen , der heute leer war , und dann wieder aufgehorcht , wenn ein leichter , schneller Schritt auf dem Gange vorüberkam von dem Zimmer , wo der Director lag , nach dem Kinderschlafzimmer , an das den kleinen Oscar schon seit einer Woche ich weiß nicht mehr welche Krankheit fesselte . Immer hatte ich gehofft , der leichte , schnelle Schritt würde an meiner Thür stehen bleiben ; aber die Fee hatte heute gar viel zu schaffen - und so mochte sie mich denn wohl vergessen haben . Aber sie hatte mich nicht vergessen . Es war gegen Abend ; ich hatte , da ich nichts mehr sehen konnte , meine Sachen zusammengepackt und hing noch auf dem Drehstuhl , den Kopf in die Hand gestützt , als es leise an die Thür pochte . Ich ging und öffnete - es war Paula . » Sie sind den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer gekommen « , sagte sie , » der Regen hat nachgelassen ; ich habe eine halbe Stunde Zeit ; wollen wir ein wenig in den Garten ? « » Wie geht es ? « » Besser , viel besser ! « Sie sagte es , aber es klang nicht sehr trostverheißend ; auch war sie auffallend still , als wir neben einander den Weg hinauf nach dem Belvedere schritten , und ich , so gut ich konnte , meine Sorge hinter muthigen Worten versteckte . Der Kleine sei ja außer aller Gefahr , und es sei ja nicht das erstemal , daß der Director einen solchen Anfall gehabt habe , von dem er sich immer bald wieder erholte . Das sei auch Doctor Snellius ' Ansicht . Paula hatte , während ich so sprach , nicht einmal zu mir aufgeblickt , und als wir jetzt das Gartenhäuschen erreichten , trat sie sehr schnell hinein . Ich war draußen stehen geblieben , um nach den Abendwolken zu sehen , die eben bei Sonnenuntergang in wunderbar prächtigen Farben erglühten . Ich rief Paula zu , sich das herrliche Schauspiel nicht entgehen zu lassen ; sie antwortete nicht ; ich trat in die Thür ; sie saß an dem Tisch , das Gesicht in die flachen Hände gedrückt und weinte . » Paula , liebe Paula « , sagte ich . Sie hob den Kopf und versuchte zu lächeln , aber es gelang ihr nicht ; sie drückte das Gesicht wieder in die Hände und weinte laut , wie sie zuvor leise geweint hatte . Ich hatte sie noch nie so gesehen , und gerade deshalb erschütterte mich der ungewohnte , unerwartete Anblick umsomehr . In meiner tiefen Erregung wagte ich zum erstenmal , ihr Haupt zu berühren , indem ich meine Hand über ihr blondes Haar gleiten ließ und zu ihr sprach , wie man zu einem Kinde spricht , das man trösten will . Und was war denn das fünfzehnjährige Mädchen im Vergleiche zu mir , der ich jetzt wieder in der Fülle meiner wiedergewonnenen Kraft neben ihr stand , als ein hilfloses Kind ? » Sie sind so gut « , schluchzte sie , » so gut ! Ich weiß nicht , weshalb ich gerade heute Alles in einem so trüben Lichte sehe . Vielleicht ist es , daß ich es so lange still getragen habe ; vielleicht ist es auch nur der graue Tag - aber ich kann mich heute nicht vor dem schrecklichen Gedanken retten . Und was soll dann aus der Mutter , was soll aus unseren Buben werden ? « Sie schüttelte traurig das Haupt und blickte mit von Thränen verschleierten Augen gerade vor sich hin . Es hatte wieder angefangen zu regnen , die strahlenden Farben auf den schweren Wolken hatten sich in schmutziges Grau verwandelt ; der Abendwind sauste in den Bäumen und die dürren Blätter wirbelten in der Luft . Mir wurde unsäglich traurig zu Muthe - traurig und ingrimmig . War ich doch schon wieder einmal in der elendesten aller Situationen ; der Noth geliebter Menschen ohnmächtig zusehen zu müssen ! Mag sein , daß Konstanze , daß ihr Vater das Mitleid , das ich um sie gefühlt , nicht verdient hatten ; aber den Schmerz , das Leid um sie hatte ich doch empfunden ; und diese Menschen - das wußte ich - sie verdienten , daß man ihnen jeden Blutstropfen weihte . Ach ich hatte wieder nichts als mein Blut , das ich hingeben konnte ! Sein Blut hingeben ! es ist vielleicht das höchste und gewiß das letzte Opfer , das ein Mensch dem andern bringen kann ; aber wie unzähligemale ist dem Andern nicht damit gedient ; wie oft ist es eine Münze , die keinen Cours hat auf dem Markte des Lebens ! Eine Hand voll Thaler würde Rettung bringen , ein Stück Brod , eine wollene Decke - ein Nichts - nur daß wir mit all ' unserem Blute gerade dies Nichts nicht herbeischaffen können . Und wie ich , in die Thür des Gartenhäuschens gelehnt , bald auf das liebe , weinende Mädchen , bald in die tropfenden Bäume blickend , das Herz voll Wemuth und Zorn , dastand , schwur ich mir , daß ich trotz alledem mich dereinst noch zu einer Stellung aufschwingen wolle , wo ich , außer dem guten Willen , auch die Macht habe , denen , die ich liebte , zu helfen . Wie oft habe ich in meinem späteren Leben dieses Augenblickes denken müssen ! Was ich mir schwur - es schien so unmöglich ; was ich erreichen wollte - es lag in so weiter Ferne - und doch , daß ich heute stehe , wo ich stehe - ich danke es zum größten Theile der Ueberzeugung , die in jenem Momente in meiner Seele aufglühte . So sieht der Schiffbrüchige , auf leckem Kahn mit den Wogen ringend , nur auf einen Moment die rettende Küste ; aber der Moment genügt , um ihm die Richtung zu zeigen , nach der er steuern muß , dem Verderben zu entrinnen . » Lassen Sie uns wieder hineingehen « , sagte Paula . Wir gingen neben einander den Weg vom Belvedere zurück . Mir war das Herz so voll , daß ich nicht sprechen konnte ; auch Paula war stumm . Ein Baumzweig hing in den Weg , so tief , daß er Paula ' s Kopf gestreift haben würde ; ich drückte ihn in die Höhe und er schüttelte seine Tropfen in einem Guß auf sie herab . Sie stieß einen leisen Schrei aus und lachte , als sie mich über meine Ungeschicklichkeit verlegen dastehen sah . » Das war erquicklich « , sagte sie . Es klang , als dankte sie mir , trotzdem ich sie wirklich erschreckt hatte . Ich mußte die Hand des lieben Mädchens ergreifen . » Wie Sie gut sind , Paula ! « sagte ich . » Und wie Sie schlecht sind « , erwiederte sie , mit holdseligem Lächeln zu mir aufblickend . » Guten Abend ! « sagte eine helle Stimme in unserer unmittelbaren Nähe . Aus dem Heckengange , der rechtwinkelig auf den Weg stieß , war er hervorgetreten und stand jetzt vor uns in dem bunten Rocke , nach welchem er sich schon jahrelang gesehnt , die Linke auf den Degengriff , drei Finger der weißbehandschuhten Rechten mit einer koketten Haltung an den Mützenschirm gelegt , mit den braunen Augen neugierig auf uns starrend , ein halb spöttisches , halb ärgerliches Lächeln auf dem Gesichte , das in der trüben Abendbeleuchtung blasser und verlebter als je aussah . » Ich bitte um die Erlaubniß , mich vorstellen zu dürfen « , fuhr er - immer noch die drei Finger am Mützenschirm - fort : » Arthur von Zehren , Porteépée-Fähnrich im Hundertundzwanzigsten . War bereits im Hause , erfuhr zu meinem Bedauern , daß der Onkel nicht ganz wohl ist ; die Frau Tante unsichtbar ; wollte wenigstens nicht unterlassen , meine schöne Cousine zu begrüßen . « Er hatte das Alles in einem schnarrenden , affectirten Ton gesagt und ohne mich , der ich Paula ' s Hand längst losgelassen , weiter anzusehen oder sonst von meiner Gegenwart Notiz zu nehmen . » Es thut mir leid , daß Du es so schlecht getroffen hast , Cousin Arthur « , sagte Paula . » Wir hatten Dich erst in der nächsten Woche erwartet . « » War auch anfänglich so bestimmt « , erwiederte Arthur ; » aber mein Oberst , der die Güte hat , sich speciell für mich zu interessiren , hat die Ausfertigung meines Patents beschleunigt , so daß ich gestern schon abreisen und mich heute Morgen hier melden konnte . Der Papa und die Mama lassen sich dem Onkel und der Frau Tante bestens empfehlen ; sie werden Anfangs nächster Woche kommen ; hoffe , daß der Onkel dann wiederhergestellt ist . Neugierig , ihn zu sehen , soll ganz unserem Großvater Malte gleichen , von dem ein Bild bei uns zu Hause in dem Salon hängt . Würde Dich übrigens nicht erkannt haben , liebe Cousine ; hast wenig von dem Familiengesicht ; dunkles Haar , braune Augen ist Zehren-Weise . « Der Weg war nicht so breit , daß Drei neben einander gehen konnten ; so schritten denn die Beiden vor mir , ich folgte in einiger Entfernung , doch nahe genug , um jedes Wort hören zu können . Ich hatte in der letzten Zeit mit sehr gemischten Empfindungen an meinen früher so heißgeliebten Freund gedacht ; aber , wie er jetzt vor mir hertänzelte an der Seite des holden Kindes , das er mit seinem faden Geschwätz betäubte , und Du nannte und Cousine , und jetzt bei dem letzten Worte , sei es zufällig , sei es absichtlich , mit dem Ellnbogen berührte - war meine Empfindung ganz ungemischt . Ich hätte dem Herrn Fähnrich mit großer Genugtuung das zierliche braune Köpfchen in dem rothen Kragen umgedreht . Wir waren an dem Hause angelangt . » Ich will sehen , ob Du nicht wenigstens die Mutter auf einen Augenblick sprechen kannst « , sagte Paula ; » bitte , verweile so lange hier ; Du hast ja auch noch gar nicht Deinen alten Freund begrüßt . « Paula eilte die Stufen hinauf ; Arthur grüßte - drei Finger am Mützenschirm - hinter ihr her und blieb dann von mir abgewendet stehen . Plötzlich kehrte er sich auf den Hacken zu mir um und sagte in seinem frechsten Ton ; » Ich will Dir jetzt guten Tag sagen , aber ich bitte , zu bemerken , daß wir uns vor anderen Leuten nicht kennen ; ich brauche Dir hoffentlich nicht auseinanderzusetzen , warum . « Arthur war einen Kopf kleiner als ich , und er mußte deshalb zu mir hinaufsehen , während er die schnöden Worte zu mir sprach . Dieser Umstand war ihm nicht günstig ; Grobheiten von Unten nach Oben sagen sich nicht besonders gut - mir aber kam es lächerlich vor , daß dieses Bürschchen , welches ich mit einem Stoß über den Haufen werfen konnte , sich so vor mir blähte , und ich lachte , lachte laut . Eine zornige Röthe schoß über Arthur ' s bleiches Gesicht . » Es scheint , Du willst mich beleidigen « , sagte er : » glücklicherweise bin ich nicht in der Lage , von einem Menschen Deinesgleichen beleidigt werden zu können . Ich habe schon gehört , wie man Dich hier verzieht ; mein Onkel wird die Wahl haben zwischen mir und Dir ; hoffentlich wird ihm diese Wahl nicht schwer werden . « Ich lachte nicht mehr . Ich hatte diesen Jungen geliebt mit mehr als brüderlicher Zärtlichkeit , ich hatte so zu sagen anbetend vor ihm auf den Knieen gelegen ; ich hatte ihm die treuesten Vasallendienste geleistet , war ihm gutwillig in all seine dummen Streiche gefolgt , um , wie oft ! die Strafe auf mich zu nehmen ! Ich hatte ihn vor jedem Feind und jeder Gefahr geschirmt und geschützt , hatte mit ihm getheilt , was ich besaß - nur daß er immer den größeren Theil bekam ! - und jetzt , jetzt , wo ich im Unglücke war , und er im Sonnenschein des Glückes einherstolzierte - jetzt konnte er so zu mir sprechen ! Ich begriff es kaum , aber was ich davon begriff , war mir unsäglich ekelhaft . Ich sah ihn mit einem Blicke an , vor dem jeder Andere die Augen niedergeschlagen hätte ; wendete mich und ging . Ein höhnisches Lachen krähte hinter mir her . » Lache Du nur « , sagte ich bei mir , » wer zuletzt lacht , lacht am besten . « Aber indem ich über Paulas Haltung bei dieser Begegnung nachdachte , fand ich , daß dieselbe wohl hätte anders sein können . Mir däuchte , Paula hätte meine Partei offener nehmen müssen . Wußte sie doch , wie Arthur mich , sobald ich im Unglück war , hatte fallen lassen ; wie er für seinen Kameraden im Gefängnisse kein Trosteswort gehabt , ja , sich offen von mir losgesagt und mich angeschwärzt und verleumdet hatte , wie die Anderen ! » Das war nicht recht - das war recht schlecht von dem Arthur ! « hatte sie mehr als einmal gesagt ; und nun - ich war sehr unzufrieden mit Paula . Ich sollte jetzt noch oft Gelegenheit haben , unzufrieden zu sein ; ja es kam , Alles in Allem , eine schlimme Zeit für mich . Arthur hatte sich am folgenden Tage wieder vorgestellt und war von dem Director , der ihn in seinem Krankenzimmer empfing , und von der übrigen Familie freundlich aufgenommen worden . Ich , der ich von jeher so einsam dagestanden , hatte das Gefühl der Familie , den Respect vor verwandtschaftlichen Verpflichtungen wenig in mir ausbilden können und vermochte nicht zu begreifen , daß die Zufälligkeit des gleichen Namens , der gemeinschaftlichen Abstammung an und für sich schon eine solche Bedeutung habe , wie ihr hier augenscheinlich beigelegt wurde . » Lieber Neffe « , sagte der Director ; » lieber Neffe « , sagte Frau von Zehren ; » Cousin Arthur « , sagte Paula ; » Cousin Arthur « , riefen die Knaben . Und freilich : Neffe Arthur , Cousin Arthur war die Liebenswürdigkeit selbst . Er war ehrerbietig gegen den Onkel , aufmerksam gegen die Tante , voll chevaleresker Höflichkeit gegen Paula , und Hand und Handschuh mit den Knaben . Ich beobachtete Alles aus der Ferne . Der Director mußte noch immer das Zimmer hüten und ich nahm das zum Vorwand , fleißiger als je auf dem Bureau zu arbeiten , das ich so selten als möglich verließ , und wo ich mich in meine Gefängnißlisten und meine Zeichnungen vergrub , um nichts von dem , was draußen vorging , zu sehen und zu hören . Leider sah und hörte ich trotzdem nur zu viel . Das Wetter hatte sich wieder aufgeklärt , ein schöner Spätherbst , wie er jener Gegend eigenthümlich ist , war den ersten Stürmen gefolgt . Die Knaben hatten Ferien , die Familie kam fast nicht aus dem Garten und Cousin Arthur war beständig von der Gesellschaft . Cousin Arthur mußte verzweifelt wenig zu thun haben ; der Bataillon-Commandeur verdiente die Festung dafür , daß er seine Fähnriche so wild laufen ließ ! Ach , die Gefangenschaft hatte mich doch wohl nicht besser gemacht , wie ich mir manchmal schmeichelte . Wann hatte sich früher jemals ein Gefühl des Neides , der Mißgunst in meiner freien Seele geregt ! Wann hatte ich meine Devise : » Leben und leben lassen « verleugnet ! Und jetzt knirschten meine Zähne vor Ingrimm , so oft ich , den Blick erhebend , Arthur im Garten stehen und das kleine dunkle Bärtchen , das seine feine Oberlippe zu schmücken begann , streichen sah , oder seine helle Stimme hörte . Ich gönnte ihm das dunkle Bärtchen nicht - ich als Gefangener durfte keinen Bart tragen , der meine wäre im besten Falle von einem starkröthlichen Blond gewesen - ich gönnte ihm die helle Stimme nicht - meine Stimme war tief und , seitdem ich nicht mehr sang , sehr rauh geworden - ich gönnte ihm seine Freiheit nicht , die er , nach meiner Ansicht , so abscheulich mißbrauchte - ich gönnte ihm kaum das Leben . Hatte er doch mein eigenes Leben , das sich in letzter Zeit so freundlich aufgeklärt hatte , jämmerlich verdüstert , und dehnte sich so behaglich im Sonnenschein , aus dem er mich vertrieben ! Und doch hatte ich im Grunde gar keine Ursache , mich zu beklagen . Der Director , der sich langsamer , als wir gehofft , von dem Unfall erholte und von Zeit zu Zeit in das Bureau kam , war theilnehmend , liebevoll wie zuvor ; und nachdem ich die Einladungen in den Garten ein , zwei Wochen lang unter diesem und jenem Vorwande beharrlich abgelehnt hatte , konnte ich mich doch nicht wundern , wenn Frau von Zehren , wenn Paula es endlich müde wurden , sich um mich zu bekümmern , und die Knaben den lachlustigen Vetter Arthur , der sie exerciren lehrte , dem melancholischen Georg , der nicht mehr mit ihnen spielen wollte , vorzogen . In meinen Augen aber hatten sie mich einfach verlassen , und ich wäre schier verzweifelt , wenn ich nicht zwei Freunde gehabt hätte , die treu zu mir hielten und offen oder heimlich für mich Partei nahmen . Diese zwei Freunde waren Doctor Snellius und der Wachtmeister Süßmilch . Mit dem Wachtmeister hatte es der Fähnrich gleich am zweiten Tage verdorben . Er hatte ihn in seiner ungenirten Weise auf die Schulter geklopft und » Alterchen « genannt . » Man ist kein Alterchen für solche Gelbschnäbel « , sagte der ehrliche Wachtmeister , als er mir , das Gesicht noch ganz roth vor Zorn , die frische Beleidigung mittheilte ; » man könnte heute Majors-Epauletten auf den Schultern tragen , wenn man gewollt hätte , man wird dem Junkerchen zeigen , daß man kein Bär mit sieben Sinnen ist . « Auch der Doctor hatte sich über die Frechheit des Eindringlings zu beklagen . Er war eines Abends in dem Garten , mit dem Hut in der Hand , wie es seine Gewohnheit war , umhergewandelt und Arthur hatte sich verschiedene Anspielungen auf die Kahlköpfigkeit des trefflichen Mannes erlaubt und ihn in der höflichsten Weise gefragt , ob er noch nicht Rowland ' s Macassaröl angewendet , dessen ausgezeichnete Wirkungen er vielfach habe