, und vermied es danach geflissentlich , mit ihr zusammen zu sein . Als er um die Frühstückszeit vom Felde nach Hause kam , fragte er : Ist etwas vom Schlosse da ? - Eva , die still war , wie nur große Unruhe sie es werden ließ , verneinte es . So soll der Kutscher anspannen ! Du willst fahren , lieber Bruder ? Ja ! Das Reiten macht mich warm ! entgegnete er und verließ sie , ohne weiter mit ihr zu sprechen . Als er wiederkehrte , hatte er sich gekleidet wie ein Mann seines Standes es für eine feierliche Handlung zu thun pflegte ; auch seine ernste , zusammengefaßte Haltung war einer solchen entsprechend . Während er den Wagen erwartete , trat Eva an ihn heran , und ihre Hand auf seine Schulter legend , sagte sie : Es thut mir recht leid , Bruder , daß ich Dir Ungelegenheiten veranlasse ! Mach ' Dir keine Sorgen darum ; wer weiß , wozu es gut ist ! versetzte er . Eva rückte ihm die Schleife am Halstuche zurecht , bürstete ihm den sauberen Tuchrock noch einmal ab und machte sich immer wieder etwas mit ihm zu schaffen , aber sie sprachen nicht mit einander . Der Amtmann hielt sich innerlich vor , was er dem Freiherrn vorzustellen gedachte ; Eva hätte dem Bruder gern sagen mögen , was sie vor dem Freiherrn gesagt zu haben wünschte , aber sie traute sich nicht , dem Bruder vorzuschreiben , und so begleitete sie ihn vor die Thüre hinaus , wo der Einspänner ihn erwartete . Du kommst doch geraden Weges nach Hause ? fragte sie . Geraden Wegs ! versetzte er und befahl dem Kutscher , zuzufahren . Wer den Freiherrn sprechen wollte , mußte gegen zwölf Uhr kommen . Das war nun freilich für seine Leute , besonders für diejenigen , welche nicht in Richten , sondern in Neudorf oder , wie der Amtmann , gar in Rothenfeld wohnten , nicht die bequemste Stunde , denn es war ihre Mittagszeit ; aber gerade deßhalb hatte der Großvater des Barons es also eingeführt , und man hatte es beibehalten von Vater auf Sohn , damit man nicht ohne gewichtigen Grund in Anspruch genommen und nicht unnöthig von den Leuten aufgehalten werden konnte . Der Freiherr , welcher auf seine Wohlgestalt immer großen Werth gelegt , neigte seit einiger Zeit zum Fettwerden und hatte deßhalb angefangen , sich viel Bewegung zu machen . Als man ihm den Amtmann meldete , ging er eben in Gesellschaft des Marquis in dem großen Saale des Erdgeschosses auf und nieder , in welchem man zur Winterzeit einen Theil der immergrünen Gewächse aufzustellen pflegte , und da die Sonne warm und hell durch die geöffneten Thüren hineinschien , so daß es dem Freiherrn in der Luft behagte , befahl er , den Amtmann hieher zu senden . Vermuthlich ein Liebesbote , aber freilich ein etwas robuster , bemerkte lächelnd der Marquis , nachdem der Kammerdiener sich entfernt hatte . Ich hoffe , Herr Baron , die Fürbitte Ihrer Frau Gemahlin wird Sie erweicht haben . Und sich auf ein damals übliches Madrigal beziehend , sang er mit seiner schönen Stimme : Es ist so süß , so süß , zu beglücken ! Der Freiherr , welcher den ganzen Morgen , obschon er sich sehr gleichmüthig zeigte , doch nicht gut aufgelegt gewesen war , lächelte flüchtig und bemerkte : Sie werden es trotzdem bei Zeiten lernen müssen , sich den Wünschen der Damen zu widersetzen ! So wollen Sie wirklich die kleine Eva dem Architekten noch nicht bewilligen ? fragte der Marquis , während ein kaum merkliches Lächeln um seine feinen , sarkastischen Lippen spielte . Ich pflege von meinen wohl begründeten Vorsätzen nicht zurückzukommen , mein lieber Marquis . Der Marquis verneigte sich leicht . Gewiß nicht ! rief er , und als komme ihm eben erst der Gedanke , fügte er hinzu : Uebrigens haben Sie , glaube ich , durchaus Recht , mein verehrter Freund , wenn Sie diesem Herrn Herbert in einem gewissen Punkte , den man freilich nicht zu schwer nehmen darf , nicht so unbedingt vertrauen , als die Frau Baronin und der würdige Caplan , denn im Uebrigen mag sicherlich nichts gegen Ihren Architekten einzuwenden sein ! Der Freiherr antwortete darauf nicht sogleich . Es lag im Allgemeinen nicht in seiner Art , solche Einflüsterungen zu beachten . Indeß gegen seine Gewohnheit fragte er nach einer Weile : Marquis , was wissen Sie von dem Architekten ? Nur Gerüchte , wenn ich ' s recht bedenke , versetzte dieser zurückhaltend , nachdem die Frage an ihn gethan worden . Und welche , wenn ich bitten darf ? Ich hörte sie neulich , als ich in der Stadt war . Man nannte ihn den Liebhaber von Mademoiselle Flies , von der Tochter Ihres Juweliers , die er freilich nicht heirathen kann .... Und weßhalb nicht ? Ach , eine Jüdin ! meinte der Marquis . Mich dünkt , entgegnete der Freiherr , es haben in der Hauptstadt jetzt ganz andere Leute als mein Architekt die Töchter reicher Juden zu Frauen genommen , und es ist seit Jahren in der Welt mehr Auffallendes geschehen , als das . Reich genug ist Flies , und Sie sagen ja , schön sei das Mädchen auch geworden ! Sich verdammen zu lassen um sie ! rief der Marquis und erging sich in der Beschreibung von Seba ' s Reizen . Der Freiherr hörte nicht darauf . Es ist mir lieb , dies zu wissen ! war Alles , was er sagte , als eben der Diener anzeigte , daß der Amtmann warte . Als Adam in die Gallerie trat , war er unangenehm durch die Gegenwart des Marquis überrascht , obschon dieser sich zurückgezogen hatte und , anscheinend mit einem Buche beschäftigt , an dem Postamente einer der Statuen lehnte , deren sich mehrere zu beiden Seiten aufgestellt befanden . Der Freiherr blieb mitten im Saale stehen , und ohne dem Amtmanne Zeit zu dem Wunsche eines guten Morgens zu lassen , sagte er : Es ist mir lieb , Steinert , daß Er kommt , ich hätte Ihn sonst heute oder morgen rufen lassen . Mit der Eva und dem Baumeister ist es nichts ; die Eva muß sich ' s aus dem Sinne schlagen ! Die kurze , rasche Weise , in welcher der Baron von einer Angelegenheit sprach , die für Adam ' s Schwester und durch diese für ihn selbst von der größten Wichtigkeit war , und daß er ihn in der Anwesenheit des Marquis in solcher Weise abzufertigen meinte , verdrossen den Amtmann auf das höchste . Er war gekommen , eine Familiensache ernsthaft mit dem Vormunde seiner Schwester zu berathen , und wurde wie ein Lakai , dem man einen Urlaub abschlägt , stehenden Fußes abgefertigt und abgewiesen . Obschon er gewohnt war , als Untergebener vor eines Herrn Willkür Stand zu halten , hatte er doch Mühe , ruhig zu bleiben , denn hier handelte es sich nicht um seinen Dienst und um kein Amtsverhältniß . Er trat einen Schritt näher an den Baron heran und sagte , die Stimme senkend : Ich würde es dem Herrn Baron sehr danken , wenn er die Gnade haben wollte , mich in seinem Cabinette anzuhören . Er blickte dabei nach dem Marquis hinüber ; der Freiherr verstand ihn auch . Der Herr Marquis versteht das Deutsche nicht ! entgegnete er . Ich habe Beweise vom Gegentheile , gnädiger Herr ! bemerkte Adam bittend . Die Einrede machte den Freiherrn ärgerlich , dessen seit der gestrigen Unterredung mit der Baronin schmerzlich aufgeregter Sinn sich nur schwer beherrschen lassen und nur auf einen Anlaß gewartet hatte , um sich in einem Ausbruche heftiger Leidenschaft genug zu thun . Gleichviel , rief der Freiherr , die Sache ist ja kein Geheimniß : sag ' Er , was Er will ! Der Amtmann , welcher nicht ahnen konnte , was im Schlosse vorgegangen , und der , wie selbstherrisch der Baron auch immer war , doch eine so grundlos herrische Behandlung sonst von ihm nicht erfahren hatte , wollte das Anliegen seiner Schwester nicht unnöthig einer übeln Stimmung ihres Vormundes zum Opfer werden lassen , und mit mehr Ergebenheit , als in seinem Innern war , sagte er : Wenn ich vielleicht jetzt ungelegen komme , Herr Baron , so will ich warten - oder wiederkehren ! Der Baron sah aber in dem bescheiden gethanen Vorschlage nichts als eine Widersetzlichkeit , und eine solche wollte er in Gegenwart des Marquis nicht ohne Rüge lassen , da dieser , wie der Freiherr es wohl wußte , des Deutschen im Laufe der Jahre allerdings mächtig genug geworden war , um vollkommen zu verstehen , was hier vorging . Wiederkommen - weßhalb das ? Die Sache ist ja kurz genug , und ich werde Ihm schon sagen , wenn Er mir ungelegen kommt ! rief der Baron . Der Baumeister will die Eva heirathen , und da ist Er wie die Andern alle . Wenn ' s ans Heirathen gehen soll , läuft ihnen der Verstand weg ! Kennt Er den Architekten ? Was weiß Er von ihm ? Gnädiger Herr , ich kenne Herrn Herbert nun seit fünf vollen Jahren , versetzte der Amtmann , dem die Worte des Barons das Herz aufwallen machten . Er ist mein Freund geworden , ich kenne ihn als einen Ehrenmann , und der gnädige Herr und die Frau Baronin selber haben ihn ja ihrer Gesellschaft auch nicht für unwerth angesehen . Das war , mochte er sie absichtlich oder unabsichtlich gewählt haben , sicherlich die unglücklichste Beweisführung , welcher sich Adam bedienen konnte , denn gegen seine Gewohnheit heftig auffahrend , rief der Baron : Laß Er meine und meines Hauses Handlungsweise ein für alle Mal aus dem Bereiche Seiner Betrachtungen ! Hört Er , merk ' Er sich das ! Damit Er aber weiß , woran Er ist , und damit Er es der Eva sagen kann , woran sie sich zu halten hat , so melde Er ihr , daß einer ein guter Baumeister sein und zum Ehemanne nicht taugen könne ! Der Herbert steht mir nicht an , ich traue ihm nicht , und dabei bleibt ' s. Er wendete sich ab und wollte sich entfernen . Aber auch Adam ' s Geduld war jetzt am Ende . Er konnte es nicht ertragen , sich und Herbert , für den er eine herzliche Freundschaft fühlte , im Beisein des von ihm mißachteten Marquis so unwürdig behandeln zu lassen , und sich hoch aufrichtend , sagte er : Um Vergebung , gnädiger Herr , aber dabei kann ' s unmöglich sein Bewenden haben . Der Herr Baron müßten mich selber für keinen Mann von Ehre halten , ließ ' ich das auf meinem Freunde , auf dem Manne sitzen , den ich nun einmal als meiner Schwester Bräutigam ansehe ! Der gnädige Herr selber haben uns den Baumeister in das Haus geschickt .... Doch nicht , damit die Eva sich gleich auf gut Glück in eine Liebschaft mit ihm einläßt ! Gnädiger Herr , fuhr der Amtmann auf , und seine großen Augen blitzten - meine Schwester .... Sein Vater , fiel ihm der Freiherr in die Rede , da er fühlen mochte , daß er zu weit gegangen sei , Sein Vater hat mir das Mädchen anvertraut , ich habe darauf zu halten , daß kein leichtsinniger , kein unzuverlässiger Mann es bekommt ; ich habe des Mädchens Ruf , Glück und Zukunft zu bedenken , und das thue ich ! So sollten doch der gnädige Herr vor Allem solchen Leuten das Handwerk verbieten und uns solche Leute nicht ins Haus schicken , die der Eva geraden Weges Fallstricke legen , fuhr der Amtmann , dem die Galle überlief , heraus ; denn , unumwunden , gnädiger Herr , dem Herrn Marquis weis ' ich die Thür , wenn er sich noch einmal in meinem Hause blicken läßt ! Er und der Baron wendeten sich dabei gleichzeitig nach der Seite um , an welcher der Marquis sich vorhin befunden , indeß sie gewahrten , daß er den Saal verlassen hatte , und leidenschaftlicher , als der Amtmann seinen Herrn jemals gesehen , rief dieser : Stecken Ihm auch die aufsässigen Gedanken im Sinne ? Vergißt Er , daß ich Sein Herr bin ? Wo ist Sein Haus , Er Unverschämter ? Aber grade die Maßlosigkeit des Barons brachte Adam zur Besinnung , und sich gewaltsam fassend , sagte er : Ich vergesse nicht , daß ich in den Diensten des gnädigen Herrn bin , aber ich bin nicht sein Knecht , nicht sein Höriger : Ich bin ein freier Mann , gnädiger Herr ! Wo ich und meine Väter mit Ehren seit langen Jahren Haus gehalten haben , da ist mein Haus , und ich müßte kein Mann von Ehre sein , wenn ich da nicht Jedermann die Thüre wiese , der mit Unehren sich an meine Schwester wagt ! Er war blaß geworden , während er so sprach ; auch der Freiherr hatte die Farbe gewechselt . Nun denn , rief er , Hausrecht wider Hausrecht ! Ich will Ihm zeigen , wer hier Herr ist , da Er ' s zu vergessen scheint ! Er verläßt mein Haus und meinen Dienst ! Das traf den Amtmann , aber auch dem Freiherrn war nicht wohl zu Muthe , da er das Wort gesprochen . Einen Augenblick fühlte Adam , als sinke er in das Leere , indeß den Freiherrn wollte er das nicht merken lassen , und sich zusammennehmend , sagte er , ohne eine Miene zu verziehen : Der Herr Baron haben zu befehlen ! Aber gleich heute oder morgen kann ich nicht von hier fort - wie viel Zeit wollen der Herr Baron mir lassen ? Die anscheinende Ruhe seines Untergebenen reizte den Baron , und sein Zorn gegen die männliche Fassung Adam ' s , in welcher jener nur die jetzige ihm so verhaßte Auflehnung des bürgerlichen Standes gegen die über ihm stehende Classe des Adels sah , verhärtete seinen Sinn . Mach ' Er das mit sich selber ab ! gab er dem Amtmanne kurz zur Antwort , kehrte ihm den Rücken und entfernte sich durch die Seitenthür , durch welche der Marquis vorhin gegangen war . Der Amtmann stand eine Minute lang regungslos auf seinem Platze , dann ging er langsam durch den Haupteingang von dannen . Fünfzehntes Capitel Es war ein schwerer , gewichtiger Schritt , mit dem der Amtmann durch die breiten Gänge , durch die hohe Eintrittshalle und über die weit hingelagerte Rampe hinabschritt , aber das Herz war ihm noch schwerer . Was er jetzt erlebt hatte , was ihm eben jetzt widerfahren , war keine Kleinigkeit . Siebenundzwanzig Jahre hatte sein Urgroßvater die Arten ' schen Güter verwaltet , achtundvierzig Jahre sein Großvater . Zu seines Vaters Zeiten hatte Baron Franz die hundertjährige Dienstzeit der Steinerts auf Schloß Richten feierlich begangen . Der reichverzierte silberne Pokal , den der Freiherr damals seinem Amtmanne verehrt , stand noch mit dem Eichenkranze , der freilich welk geworden war , voran im großen Glasschranke . Seit acht Jahren , seit seines Vaters Tode , wirthschaftete Adam nun für den Baron , und als er die Stelle angetreten , war er mit dem guten , festen Glauben darangegangen , hier zu leben und zu schaffen und zu sterben wie die Amtleute vor ihm , wie sein Vater und dessen Vater auch . Allerdings hatten seitdem die Zeiten und die Zustände sich sehr verändert . Er konnte nicht mehr , wie sein Vater es gethan , am Neujahrstage es dem Herrn vermelden , daß und welchen Ueberschuß die Güter eingetragen . Es war seit den acht Jahren immer mehr aufgegangen , als man eingenommen hatte ; der Kirchenbau , die Unterstützung der vielen Flüchtlinge , das breite , keinen Zeitverhältnissen sich unterordnende Gesellschaftsleben und die große Prachtliebe des Barons , welche von der Herzogin genährt ward , hatten in wenig Jahren nicht nur die angesammelten Capitalien aufgezehrt , sondern , da man in den letzten Jahren oft schnell das Geld gebraucht , mannigfache Anleihen nöthig gemacht , für die man bei den unruhigen Zeiten ungewöhnlich hohe Zinsen zahlen müssen , die man nicht immer gleich zu decken im Stande gewesen war und welche neue Anleihen erfordert hatten . Freilich waren diese Verlegenheiten durch Aufnahme einer Hypothek auf Rothenfeld , in welcher Adam , um keine fremden Hände an das Gut heranzulassen , durch Herrn Flies sein und Eva ' s Vermögen angelegt , für den Augenblick beseitigt worden und wenn Adam sich auch Sorge darüber machte , daß schon wieder neue Wechsel für den Freiherrn zu zahlen waren , so hatte er auch wieder besser als ein Anderer die Hülfsquellen der Arten ' schen Besitzungen gekannt und sich damit beruhigt , daß Alles noch auszugleichen und herzustellen sei , wenn man einmal mit dem unnützen Kirchenbaue fertig und der kostspieligen Flüchtlinge ledig geworden sein würde . Auf Jahre hinaus hatte er seine Berechnungen , seine Plane angelegt ; all sein Sinnen , all seine Kraft und Gedanken hatte er an die Verwaltung dieser Güter geknüpft . Von früh auf , durch eine hundertjährige Vergangenheit , durch alle seine Familien-Erinnerungen gewöhnt , das Schicksal der Steinert ' s mit dem der Herren von Arten , denen sie dienten , unzertrennlich verbunden zu denken , war ihm erst in den allerletzten Zeiten je zuweilen die Vorstellung gekommen , daß es so nicht immer gehen , daß Verhältnisse eintreten könnten , unter denen er nicht im Stande sein würde , die Herrschaft weiter zu bewirthschaften . Es hatten ihm das jedoch so entfernte Möglichkeiten gedünkt , daß er sich nie lange , nie ernstlich mit ihnen beschäftigt ; und daß er , einer von den Steinerts , einer von den Amtleuten , die wie Lehnsleute in dem Hause in Rothenfeld gesessen , von einem der Freiherren , von seinem Freiherrn mit Schimpf und Schande von Haus und Hof getrieben werden könne , daran hatte er in keiner Stunde seines Lebens noch gedacht . Um so härter trat das Ereigniß vor ihn hin , um so fester mußte er sich ihm gegenüberstellen , und er that das auch . War er doch nicht der erste Mensch , dessen Schicksal eine plötzliche Umwälzung erfuhr ; war er doch nicht hülflos , wenn er diese Güter nicht mehr bewirthschaftete ! Die Steinerts hatten ein hübsches Vermögen zusammengebracht im ehrlichen Dienste der Herren von Arten , und es stand ja in der Bibel , daß denen , die der Herr liebt , Alles zum Guten gereichen müsse . Wer weiß , wozu es gut war , daß es hier mit Einem Male mit ihnen zu Ende ging ! Stand es doch nicht in den Sternen geschrieben , daß die Steinerts immer nur Amtleute der Freiherren von Arten bleiben sollten ! Sie konnten Gutsbesitzer werden , sich auf eigene Füße stellen , besser als hundert Andere , denn sie hatten die Kenntnisse und das Capital dazu . Es half aber nichts , daß Adam sich dies Alles vorhielt und daß dies Alles seine volle Richtigkeit hatte . Der Mensch reißt sich nicht mit Einem Schlage von seiner Vergangenheit los , und wo er ' s thun muß , blutet die Wunde noch lange nach . Wie er so einsam in seinem Wagen dahinfuhr und mit dem vertrauten Auge über die Gegend hinsah , fand er sich mit Allem durch seine Sorgfalt dafür verknüpft . Er kannte jeden Baum , jeden Strauch . Für jeden Acker hatte er gesorgt , jeden Weg bessern , jeden Zaun erhalten , die meisten Hecken in den letzten Jahren pflanzen lassen . Die Pferde , welche der Knecht zum Eggen hinausritt , hatte Adam auf dem letzten Markte gekauft ; der Knecht war auf dem Hofe in Rothenfeld geboren und erwachsen . Zu der Schafheerde , welche der Hirt , nun der Mittag vorüber war , noch einmal auf die Stoppeln hinausführte , hatte Adam ' s Großvater den Stamm gekauft , und Adam selber war vor sechs Jahren in des Herrn Auftrag in Sachsen gewesen , von dort her eine edlere Race einzuführen . In wessen Hände das nun kommen wird ? dachte Adam . Es wird ' s nicht leicht einer so gut halten , wie wir gethan ! Es wird Manches drunter und drüber gehen , wenn einer darüber geräth , der ' s nicht zu übersehen und zusammenzuhalten weiß ! Und gar , - wenn ein Unredlicher darüber käme ! Er schüttelte nachdenklich den Kopf . Wie war es denn gekommen , das arge Zerwürfniß ? Was war denn eigentlich geschehen ? Und war es denn nicht zu vermeiden gewesen ? Er konnte es noch nicht begreifen . - Mit großem Bedachte ging er den ganzen Lauf der Unterredung durch . Wort für Wort wiederholte er sich Alles . Er brachte die Anwesenheit des Marquis , die Gemüthsart des Barons , sein gebieterisches Wesen und selbst die Art von väterlicher Herrschaft in Anschlag , die der Herr über ihn geübt , weil er ihn von Kindesbeinen aufwachsen sehen . Er erwog Alles , bis auf den Ton , bis auf die Mienen , mit welchen er zu dem Herrn gesprochen , aber er konnte sich keinen Vorwurf machen . Sein Mannesgefühl und sein gutes Recht durfte er nicht antasten lassen , der bloßen , launenhaften Willkür brauchte er sich nicht zu unterwerfen . Er konnte mit seiner einzigen Schwester Zufriedenheit und Glück nicht also spielen lassen , denn es war klar , aus welchem Grunde immer , der Freiherr hatte ihn absichtlich demüthigen und kränken wollen , und glücklicher Weise befand er sich nicht in der Lage , dies hinnehmen und ertragen zu müssen . Es war also gut , ganz gut so , wie es gekommen war . An dieser Meinung richtete er sich fest empor , und schon glaubte er vollständig Meister über den erlittenen Eindruck geworden zu sein , als sein Wagen in das Thor des Amthofes einfuhr . Wie es so da lag , breit und stattlich unter den mächtigen Bäumen , das gute , alte Haus , so hatte sein Urgroßvater es erbaut . Die Bäume aber waren weit älter . Ueber diese Treppe war sein Vater als Bräutigam mit seiner Mutter eingezogen , über diese Treppe hatten sie Vater und Mutter zur letzten Rast getragen . Hier hatte er gespielt ; hier an der Treppe hatte er gewartet , als sie mit der Eva zur Taufe nach der Kirche gefahren waren . Alle seine Erinnerungen knüpften sich an diesen Fleck Erde , an dieses alte Haus ; alle seine Hoffnungen hatte er im Geiste damit in Verbindung gesetzt , und es that ihm im Herzen weh , als eben , da er vor seiner Thüre anlangte , der Gärtner ein überschüssiges Gesträuch entwurzelte und über den Zaun hinauswarf . Entwurzelt ! murmelte er unwillkürlich , und es lief ihm kalt durch die starken Glieder . Aber der Mensch ist kein Gewächs ! sagte er sich zum Troste , denn eines Trostes fühlte er sich bedürftig . Nun ? rief ihm Eva entgegen , sobald er den Fuß auf den Boden gesetzt . Geduld , versetzte er , laß mich nur erst in die Stube hinein ! - Sie sah , daß etwas ganz Unerwartetes geschehen sein mußte , ließ ihn vorangehen und folgte ihm . Der Amtmann hing den Hut an den Nagel , legte die Handschuhe zur Seite und wandte sich nach seiner Stube , um seine Kleider zu wechseln . Es drängte ihn nicht , das Schwere auszusprechen , er scheute sich vielmehr davor . Aber die Schwester ertrug es nicht länger . Sie trat behutsam an ihn heran , legte den Arm auf seine Schulter und sagte : Du bringst nichts Gutes , Bruder ! Du hast um meinetwillen Unannehmlichkeit gehabt ! Nicht um Deinetwillen ! gab er ihr zur Antwort . Aber dennoch Unannehmlichkeiten ? - Er bejahte es kurz . - So billigt der Baron die Heirath nicht ? fragte sie kleinlaut . Adam sah sie an , als komme ihm diese Angelegenheit erst jetzt wieder in den Sinn , und in dem Augenblicke nur an sich selber denkend , sagte er : Ach , das ist ja das Wenigste ! Das Wenigste ? Aber was ist denn sonst geschehen ? rief Eva , der des Bruders sichtliche Erschütterung allmählich immer klarer wurde , um Gottes willen , was ist denn geschehen ? Er setzte sich hin und zog sie neben sich . Mach ' Dich bereit , Schwester , sprach er , etwas recht Unerwartetes zu hören ; es hat mich auch gefaßt , als ich ' s vernahm ! - Er hielt inne und sagte dann : Es ist aus zwischen uns und ihnen - wir gehen fort von hier ! Adam , rief das Mädchen , Adam , das ist ja gar nicht möglich ! Wir , wir sollen fort von hier , von hier ? Ihr Ton erweckte den eigenen Schmerz aufs Neue . Du wärst ja doch bald fortgegangen ! sagte er , um sie und sich zu trösten . Aber Du , Du ? brach Eva hervor und umschlang ihn mit ihren Armen , und ihre Thränen fielen nieder auf seine Brust , und das Herz ward ihm so weich , daß er keines Wortes mächtig war . Draußen tickte die große , englische Stehuhr ihren altgewohnten Pendelschlag , im Hofe plätscherte das Wasser des Rohrbrunnens in das weite Becken . Die Uhr wird hier nicht lange mehr schlagen ! Das Wasser werde ich nicht lange mehr fallen hören ! dachte er , und er hatte Noth , die eigenen Thränen zurückzuhalten , deren er sich schämte . Mit tiefem Athemzuge stand er auf . Jetzt , da Eva es wußte , hatte er überwunden . Sei verständig , Mädchen , sagte er , und mach ' uns beiden das Herz nicht unnütz schwer ! Richten und Rothenfeld sind nicht die Welt , und ich denke , wir sollen fortan beide keinen Herrn mehr haben , der uns befehlen kann - und bald Gott dafür danken , daß wir frei sind , Du und ich ! Laß den Christian satteln , er soll heute bis Feldheim reiten , so erfährt Herbert morgen Mittag in Kerben , was geschehen ist , und Du mußtest es ja auch erfahren ! - Komm ' zu mir , wenn Du den Befehl gegeben hast . Sechszehntes Capitel Dem Freiherrn seiner Seits war es auch nicht wohl ums Herz . Er hatte zu viel Ehrgefühl und Stolz , um es nicht schwer zu empfinden , wenn er sich sagen mußte , daß er einem seiner Untergebenen ein Unrecht gethan , und in diesem Falle befand er sich jetzt seinem Amtmanne gegenüber . Dazu hing er am Hergebrachten , am Gewohnten mehr als er es sich selber eingestand , und die Herren von Arten hatten sich immer etwas damit gewußt , seit mehr als hundert Jahren dasselbe Geschlecht in ihren Diensten zu haben . Alte , treue Diener gehörten nach der richtigen Ansicht des Freiherrn zum edelsten Familienbesitz , und noch war er niemals in der Lage gewesen , sich eines Theils desselben zu entäußern . Es wäre ihm hart angekommen , sich von einem der von Geschlecht zu Geschlecht vererbten Geräthe zu trennen ; sich von einem Menschen loszusagen , dessen Familie so lange mit den Erinnerungen seines Hauses verbunden gewesen war , kam ihm noch schwerer an . Und er hatte den Adam , er hatte beide Geschwister gern . Es waren , das konnte und mochte er sich selbst in dieser Stunde nicht verhehlen , tüchtige und brave Menschen . Einen treueren Beamten als den Adam konnte er nicht finden . Er ging mit sich lange und ernsthaft zu Rathe . Wären die Zeiten gewesen wie früher , so würde er vielleicht nicht angestanden haben , am nächsten Tage den Amtmann kommen zu lassen , ihm , der im Grunde ja noch ein junger Mensch war , den Kopf tüchtig zurecht zu setzen und ihm dann anzuzeigen , daß er ihm vergeben , ihn in seinem Dienste behalten wolle , und Adam würde das dankbar angenommen haben . Aber die Zeiten hatten sich gewaltig geändert , seit die Revolution in Frankreich ausgebrochen war , seit man dort den edeln , unglücklichen König enthauptet und eine Staatsverfassung , eine Republik eingeführt hatte , in der Gewerbtreibende und Gelehrte , Leute ohne Geburt und Rang am Ruder waren , die den Adel seines angestammten Besitzes , seiner angeerbten Vorrechte beraubt und das Blut der edelsten Geschlechter in Strömen vergossen hatten . In Adam ' s Worten : Ich bin ein freier Mann ! hatte der Freiherr vernommen , was jetzt , seit sie in Frankreich die Menschenrechte verkündet , all diesen Leuten im Kopfe spukte , und das war es gewesen , was ihn so erbittert hatte , was ihm auch jetzt ein verzeihendes Einlenken als völlig unthunlich erscheinen ließ ; denn undenkbar war es nicht , daß der Amtmann , wie die Welt jetzt aussah , es verschmähte , die dargebotene Begnadigung anzunehmen . Er hatte zu fest , zu strack vor ihm gestanden ! Adam war auch ganz der Mann danach , mit seinem ansehnlichen Vermögen lieber selbst den Gutsherrn machen zu wollen - und was dann ? Der Freiherr konnte , durfte nach seiner Ueberzeugung nicht widerrufen , was er ausgesprochen ! Allerdings hatte er damit eine Menge von Unbequemlichkeiten und Sorgen über sich genommen , aber es blieb ihm nichts übrig , als den Sohn des braven Steinert mit einer gerechten Beschwerde über seinen Herrn von dannen gehen zu lassen . Denn gegen Herbert und Eva war er thatsächlich nicht