, seinen Tornister . Wir haben Grips und den Schlitten , wir haben die Post in Freudenstadt und dann die Eisenbahn . Was aus deinem Kinde werden soll ? Nach Grunzenow wird ' s vom Kandidaten Unwirrsch geholt . Es hat ja nun keinen Grund mehr , sich dagegen zu wehren , wenn es sich vor dem Schweinestall , dem Meer und dem kahlen Strande nicht allzusehr fürchtet . Und daß es willkommen ist auf Grunzenow wie der Frühling und der Sonnenschein , das brauche ich doch , beim Donnerwetter , nicht mehr zu sagen ! Was sagst du , Rudolf , und du , alter Feldpape , so nett und anmuselig hätten wir uns unser Alter auf Grunzenow gar nicht vorgestellt ? ! Aber Gott verläßt kein ausrangiert Dragonerpferd , also noch viel weniger solche drei saubere Burschen und Haupthähne wie wir . Gebt den Toten eine Salve übers Grab und laßt die Lebendigen reiten . Da , schlag ein , Kamerade Götz , wir wissen ' s wie wir ' s gegeneinander halten ! Gib dem jungen Schwarzrock stantepe deine Ordersch und deinen Segen und schicke ihn mich aus nach unserm Kinde ; es soll ein Glückstag für uns alle werden , wenn es durch das alte Tor von Grunzenow einfährt . « » Ich weiß wahrlich , wie wir ' s gegeneinander zu halten haben , lieber Alter « , sagte der Leutnant Götz , dem zwei große Tränen in den eisgrauen Bart liefen . » Was meinst du , Hans Unwirrsch willst du mein Kind ablösen von seinem schweren Posten und es nach Grunzenow holen ? « Hans Unwirrsch antwortete nicht , er stand wie vom Blitz gerührt ; er stand , ohne sich zu regen ; wortlos stand er da . Der Pastor Tillenius faßte ihn am Arm und schüttelte ihn ein wenig . » Wachet auf , ihr Christenleut ! Der Leutnant hat eine Frage an Euch gerichtet , Hans , gebt Antwort - sagt , ob Ihr besorgen wollt , was er verlangt . Wie ist Euch , Freund Johannes ? « Der Kandidat fuhr mit der Hand über die Stirn und trat näher an den Sessel des Leutnants heran . » O Herr Leutnant « , sagte er , » ich habe Ihnen an jenem Abend , als ich Ihnen Rechenschaft gab über meinen Aufenthalt in dem Hause Ihres Bruders , nicht alles gesagt , nicht alles sagen können . Nun muß ich sprechen , ehe ich Ihren Auftrag annehmen kann . Sie haben so vieles , vieles nicht bedacht , als Sie kamen , um meine Schritte auf einen bestimmten Weg zu lenken . Sie haben auch daran nicht gedacht , daß die Seelen der Menschen sich in der Bedrängnis leichter zusammenfinden , fester zusammenhalten als sonst . Es ist geschehen und kein Widerstand mehr dagegen ; - ich sollte eine Hülfe für Ihre Nichte sein , nun liebe ich das Fränzchen , ich liebe es in alle Ewigkeit ; all mein Halt in der Welt ist bei Ihrem Fränzchen , und ich kann es nicht nach Grunzenow holen , wenn Sie es jetzt nicht noch einmal von mir fordern ! « Der Pastor Josias Tillenius beschattete die Augen mit der Hand , aber er lächelte ; der Oberst von Bullau lachte gutmütig und brummte : » So mußte es kommen ! Guck einer - o du liebster junger Himmel ! « Der Leutnant Rudolf Götz aber wußte eigentlich nicht recht , ob er lachen oder weinen , segnen oder fluchen sollte . » O du meine Güte ! « sagte er zuletzt . » Das ist freilich der Pfropfen auf die Flasche ! ... Bullau , Tillenius - was sagt ihr dazu ? « » Ich trinke einmal auf den Schrecken ! « meinte der Oberst , aber der alte Pastor von Grunzenow beugte sich zu dem Leutnant nieder , legte ihm sanft die Hand auf die Schulter und sagte : » Ich ließe ihn sein Fränzchen holen ; er soll mein Adjunkt auf der Hungerpfarre werden ; ihre Kinder sollen unsere Gräber in Ordnung erhalten . « » So komm her , Hans Unwirrsch , und gib mir die Hand wie ein Mann , sich mir in die Augen und sprich frei , ob mein Kind sich gern und willig von dir hierherführen lassen wird ! « Der Kandidat beugte sich über den Stuhl des Greises , und was er sagte , verstand weder der Oberst von Bullau noch der Pastor Tillenius , aber der Leutnant legte ihm die Hand auf das Haupt und sagte fast ebenso leise : » So geh , sag ihr , was du zu sagen hast , und hole sie . Gesegnet sei euer Weg . « An diesem Abend geleitete nicht Grips den Pastor Tillenius zu seiner Pastorei . Hans Unwirrsch führte den Greis und trug die Laterne . » Sieh , mein lieber Junge , ich wußte wohl , daß du das auf der Seele trugest . Man braucht nicht grad in allem Weltgewühl sich umzutreiben , um die Herzen der Menschen kennenzulernen . Man erfährt viel , wenn man am Strande sitzt , dem Spiel der Wellen zusieht und zuhört und an das denkt , was einem selber begegnet ist im Leben oder was das Häuflein Menschentum in den umliegenden Hütten angeht . Was ich früher vernommen hatte , was du am Abend deiner Ankunft dem guten Leutnant Rudolf erzähltest , das genügte mir , um daraus meinen Schluß aufzubauen Nun bist du aber gebannt in die Wüste , an dieses öde Ufer , Hans Unwirrsch ; - was ist aus deinen glänzenden jungen Träumen und Hoffnungen geworden ? « » Wirklichkeit ! Wirklichkeit ! « rief Hans . » O mein Gott , was sind alle Träume und Hoffnungen gegen diesen Weg , den wir jetzt zusammen gehen ! « » Halt einmal . Johannes « , sagte der Alte . » Der Wind nimmt einem wirklich den Atem , und die See scheint auch immer toller zu werden . Hier ist ein Winkel , wo du mich ein wenig ausruhen lassen mußt , mein Kind . « Sie traten an die Mauer eines kleinen Hauses , aus dessen Fenstern kein Licht schimmerte , das ganz unbewohnt zu sein schien . » Der Erblasserin dieses Hauses habe ich nicht lange vor deiner Ankunft die Grabrede gehalten « , sprach der Pastor . » Ach , es ist nicht immer eine leichte Sache , auf der Hungerpfarre zu Grunzenow zu sitzen ! Eine stattliche , brave Familie wohnte in dieser Hütte - Vater und Mutter und sechs Söhne . Der älteste Sohn ging mit einer Hamburger Brigg an den Galapagosinseln verloren , der zweite ist auf einem englischen Schiff im Opiumkriege von einem chinesischen Pfeil getroffen worden , und der Vater ertrank mit den vier letzten Söhnen im vorigen Jahre im Angesicht des Dorfes . In Stärke und Geduld hat sich , mehr wie jeder andere , der Mann zu wappnen , dem die Wogen des Meeres mit in die Worte rauschen , die er zu den Schiffern und Fischern von seiner Kanzel spricht . Das Volk , das mit dem Pflug und der Sichel auf das Ackerfeld und die Wiese zieht , ist ein anderes als das , welches im zerbrechlichen Boot stets über seinem feuchten Grabe schwebt . Viel Liebe muß der Prediger am Meer beweisen können , und viel vom eigenen Glück muß er verleugnen können für die Hütten um seine Kirche . Es ist nur der heiligste Hunger nach Liebe , der den Menschen für solche Erdstelle stark genug macht . Nun laß uns gehen , mein lieber Sohn . « Hans Unwirrsch legte die Hand an das Gemäuer der unbewohnten Hütte ; er hatte sein Herz dem Fränzchen Götz vermählt ; er vermählte seine Seele jetzt mit dem hungrigen Strand von Grunzenow . » Nun geleite mich heim , und dann geh und schlafe wohl , mein Kind « , sagte Ehrn Tillenius . » es wird die Zeit kommen , wo dich die wildeste Musik der Wasser nicht erweckt . Ich werde dich morgen früh wohl nicht sehen ; so laß uns denn für jetzt Abschied nehmen . Grüße dein Fränzchen auch von dem alten Josias ; bringe es uns bald ; wir wollen ihm eine freundliche Stätte zu bereiten suchen . Es soll sanft ausruhen an dem wilden Strande von Grunzenow . « Einunddreißigstes Kapitel Mit Tagesanbruch hielt der Schlitten auf dem Gutshofe zu Grunzenow . Der Sturm hatte sich gelegt , aber der Schnee lag ziemlich hoch . » Einen angenehmen Weg werdet Ihr nicht haben . « sagte der Oberst von Bullau , seinem Gast die Hand zum Abschied reichend . » Na , Grips und die Gäule wissen , wie sie sich zu benehmen haben . Alles in Ordnung ? Nichts vergessen ? Brennt die Pfeife ? Na , dann in Gottes Namen vorwärts ganze Batterie . Laßt mir nicht allzulang auf Euch warten , junger Schwarzspecht . « Der Leutnant lag so weit als möglich aus dem Fenster schwang seine alte Soldatenmütze und wiederholte in größter Aufregung dem abreisenden Hans eine ganze Reihe von Verhaltungsmaßregeln , die aber alle damit endeten , daß er ihm unnötigerweise befahl , auf sein Mädchen zu achten wie auf seinen Augapfel . » Fahr zu und mach ein Ende daran ! « schrie der Oberst . » Ein Vivat fürs Fränzchen - und abermals - und nochmals - hoch ! « Sämtliche Gutsleute schrien mit , und sämtliche Hunde erhoben ihre Stimme . Der Schlitten klingelte aus dem Hoftor und bog ein auf den Weg nach Freudenstadt ; nicht die Kälte des Wintermorgens allein war ' s , was die Tränen in das Auge des Kandidaten lockte . Er hatte seit so langen Jahren keine rechte Heimat gehabt , nun war eine solche für ihn gefunden - es war kein Wunder , daß sein Herz sich heftig bewegte , als der Turm von Grunzenow hinter den Dünenhügeln verschwand , als die Stimme der See allmählich schwächer und schwächer wurde und zuletzt ganz verhallte und Grips , der Schlitten und die beiden schwarzen Gäule für jetzt von dem Zauberschloß am Meer allein übriggeblieben waren . - Wir wollen die Reise des Kandidaten dieses Mal nicht beschreiben . Sie war beschwerlich genug , und mancherlei Hindernisse versperrten den Weg zu der nächsten Eisenbahnstation hinter Freudenstadt . Hier war die Straße durch den Schneefall unfahrbar gemacht , dort zerbrach ein Rad des Postwagens , und erst am Abend des zweiten Reisetages bekam Hans Unwirrsch die feurige Dunstwolke über der großen Stadt von neuem zu Gesicht . Als der Zug in der Halle hielt , die Lokomotive zischend ihre Dämpfe ausgespien hatte und Hans aus dem Gedränge der Reisenden seinen Weg ins Freie gefunden hatte , war es zu spät , um an dem heutigen Tage noch einen Besuch in dem Hause der Geheimen Rätin Götz abzustatten und das verzauberte Kind aus dem Drachenloch herauszuholen . Mit der Reisetasche über der Schulter lief aber der Kandidat durch den verschneiten Park und an dem Hause vorüber . Es hatte kein Zauberer aus dem Lande Afrika die Wunderlampe gerieben und dem Genius der Lampe befohlen , das Gebäude mit der schönen Prinzessin aufzunehmen und in der Mandschurei niederzusetzen . Das Haus stand noch auf dem alten Fleck , aber nicht ein Fenster daran war erleuchtet ; es war , als ob mit dem Herrn der letzte Schimmer von irgendwelcher Lebendigkeit ausgelöscht sei ; es fror den Kandidaten Unwirrsch , und beinahe hätte er doch noch die Glocke gezogen , um das arme Fränzchen auf der Stelle dem dunklen Gebäude und der Frau Tante abzuverlangen . Er bezwang sich jedoch , und bald befand er sich mitten in dem Getümmel der Stadt , auf dem Wege nach seiner Wohnung in der Grinsegasse . Abermals setzte er durch sein plötzliches Erscheinen seine Wirtin in das größte Erstaunen , aber frei von Wäsche und Kindergeruch fand er dieses Mal seine Hungerbuchstube . Da stand er in der Mitte des Gemaches . An den Fensterscheiben glitzerten die Eisblumen ; die Lampe , die von der Wirtin angezündet war , erhellte kaum die Platte des Tisches , die gläserne Kugel hing dunkel an der Decke . Es war so wunderlich , so über alle Maßen wunderlich , hier zu stehen nach der langen , kalten Fahrt und an das veränderte Leben und an das Fränzchen zu denken ; es war so wunderlich , so über alle Maßen wunderlich , hier in dem kläglichen Raume wach und vollständig bei klaren Sinnen zu stehen und doch nicht zu wissen , ob die Ostsee da vor dem Fenster sich bewege oder die große Stadt ! Trotzdem dem Kandidaten Hans Unwirrsch einfiel , daß er sich versprochen hatte , fürs erste nicht wieder dem gewohnten Tagträumen sich hinzugeben , vermochte er nicht , diesem Spiel der Gedanken und Empfindungen zu widerstehen . Er fühlte weder Kälte noch Müdigkeit - o wie hatte sich die Welt , seine Welt verschoben seit jenem Abend , an welchem er , von dem Kirchhofe zu Neustadt zurückkehrend , die Karte des Obersten von Bullau erhielt und im Grünen Baum die Neuntöter um Erklärung derselben bat . Aber nun kam der Augenblick , wo er sich ruhig hinsetzen und sich fassen sollte . Das vermochte er nicht , Es trieb ihn immer von neuem auf , es trieb ihn um , » als hätt er wen erschlagen « , und die Unruhe stieg von Minute zu Minute . Weshalb war das Haus in der Parkstraße so ganz dunkel ? Was konnte alles in den letzten Tagen darin vorgefallen sein ? Nun kam der Rückschlag nach den wonnigen Gefühlen , Gedanken und Bildern der Reise . Es zerbrach der Becher so oft dem Menschen vor den Lippen . Der Kranz zerriß so oft in dem Augenblick , in welchem ihn die Hand des Ringers berührte . Dieses Bangen , diese dumpfe Furcht vor verborgenem Unheil war nicht zu ertragen - Hans Unwirrsch mußte wieder hinaus in die Gassen , um einen Menschen zu suchen , der ihm Nachricht von dem Hause des Geheimen Rates Götz , Nachricht von dem Fränzchen geben konnte . Es fiel ihm ein , daß im Grünen Baum unter den Neuntötern Männer saßen , die in den Geschichten der Stadt nicht unerfahren waren ; der Oberst von Bullau hatte ihm einen ganzen Sack voll Grüße an die Vögel mitgegeben - Hans eilte nach dem Grünen Baum . Es schlug grade elf Uhr , als er von Lämmert und dem Nest mit dem gewohnten , vergnügten Wohlwollen begrüßt wurde - ehe er aber fragen durfte , hatte er lange Zeit selber zu antworten . Was er dann in kurzen Worten erfuhr , reichte freilich hin , ihn zur harmlosen Teilnahme an der ferneren Unterhaltung der Neuntöter ganz und gar untauglich zu machen . Ein früherer Kollege des Geheimen Rates Götz , der pensionierte Assessor Weitzel , wußte dem Kandidaten Unwirrsch die sichersten Mitteilungen über das Haus in der Parkstraße zu machen , und da heute kein » Lügenabend « war , so konnte sein Bericht vollkommen glaubwürdig sein . Franziska Götz befand sich nicht mehr in dem Hause ihrer Tante , sie hatte es , wie der Assessor aus lauterster Quelle wußte , am Begräbnistage ihres Onkels verlassen oder verlassen müssen . Wohin sie sich gewendet habe , konnte der Assessor und Neuntöter Weitzel nicht sagen . Das Haus in der Parkstraße stehe übrigens augenblicklich verschlossen , erzählte der Assessor ; die Witwe des Kollegen Götz habe sich für die erste Trauerzeit mit ihrem Söhnchen zu einer alten , sehr frommen Verwandten in einen andern , entlegenen Stadtteil zurückgezogen , und man murmele und munkele in der Stadt , daß sie - die Frau Geheime Rätin - sehr zerfallen mit der Welt und von nicht sehr angenehmer Laune sei . Der Assessor war im Begriff , seiner Rede noch manches zuzusetzen , aber da er von dem Fränzchen nichts weiter wußte , so war Hans nicht imstande , es anzuhören und zu schätzen . Der Kandidat Unwirrsch erregte an diesem Abend durch seinen kurzen Abschied und sein tolles Fortstürzen ein nicht geringes Aufsehen im Klub der Neuntöter . Sämtliche Vögel fragten ihn mit großem Geschrei , ob ihn die Tarantel gestochen habe oder ob ' s in seinen Feldkessel regne , da er so mit dem Deckel laufe Sie hätten aber noch viel lauter schreien müssen , um sich dem Kandidaten verständlich zu machen . Er rannte den Wirt Lämmert , der einen Präsentierteller mit vielen Flaschen und Gläsern ins Zimmer brachte , fast über den Haufen . Er befand sich vor der Haustür im Schnee , er rannte mit solcher Hast vorwärts , als ob er wirklich überzeugt sei , durch möglichst rasche Beinbewegung dem Schicksal den Vorsprung abgewinnen zu können . Er verlor aber nur den Atem und hielt keuchend an einer Straßenkreuzung an . Das Laufen half zu nichts , und Mitternacht war vorüber , und langsam langte Hans in seiner Grinsegasse wieder an , nachdem ihm noch von einem verwunderten Polizeimann , der von einem Straßenwinkel aus auf Nachtschwärmer , Betrunkene und Diebe vigilierte , die Versicherung gegeben worden war , daß es im Polizeigebäude ein Bureau gebe , von welchem man gegen Erlegung von zweiundeinemhalben Silbergroschen die Angabe der Adresse einer jeden in der Stadt sich aufhaltenden Person erwarten könne . In welcher Weise der Kandidat den Rest dieser Nacht verbrachte , entzieht sich unserer Schilderung . Er warf sich auf das Bett , um wieder aufzuspringen ; mit dem besten Willen konnte er keine Ordnung in seine toll gewordene Phantasie bringen ; jeden Augenblick vernahm er ängstlichen , kläglichen Hülferuf , und immer war ' s das Fränzchen , das , Von aller Welt verlassen , krank , hungrig und frierend in der Dunkelheit klagte . Endlich , endlich dämmerte der Morgen ; endlich , endlich rollte der erste Milchwagen , gezogen von zwei unmutigen Hunden , um die Ecke der Grinsegasse , endlich , endlich war der Tag so weit vorgeschritten , daß Hans sein Suchen nach dem Fränzchen beginnen konnte . Er rannte natürlich , trotz dem Berichte des Assessors Weitzel , zuerst nach der Parkstraße und zog die Glocke an der Gartentür und stand mit klopfendem Herzen und horchte . Er stand und horchte vergeblich , weder Jean noch ein anderer zeigte sich ; das Haus war so stumm und tot wie die verschneite Fontäne auf dem verschneiten Grasplatz . Der Bäckerjunge , welcher seinen Semmelkorb vorbeitrug , bestätigte die Erzählung des Assessors : der Bäckerjunge erklärte , » abbestellt « zu sein , und dasselbe erklärte die Milchfrau . Der Briefträger kam mit einem Briefe Kleopheas an die Tür und schob ihn achselzuckend wieder in seine Ledertasche . Hans Unwirrsch hätte viel darum gegeben , wenn er das Geschrei des grünen Papageis vernommen hätte , aber der Papagei war ebenfalls gestorben oder mit der gnädigen Frau zu der alten Kusine gezogen . Eine frühe Droschke nahm den Kandidaten auf und führte ihn , viel zu langsam für seine qualvolle Aufregung , nach dem Polizeihause . Der Brief Kleopheas war noch an den Vater gerichtet , wie ihm ein flüchtiger Blick auf die Adresse gezeigt hatte : der Poststempel trug das Wort » Paris « . Den Kandidaten fror noch mehr , als er in dem klappernden Fuhrwerk , das ihn durch die schmutzigen Straßen trug , an diesen Brief dachte , dem sich die Tür des Hauses in der Parkstraße auch nicht geöffnet hatte , der nie mehr an seine Adresse gelangen konnte . Wir haben das Zentralpolizeihaus bei einer andern Gelegenheit , aber bei ähnlichem Wetter geschildert und sind deshalb einer nochmaligen Beschreibung überhoben . Nach mehrfachen Fragen und längerm Umherirren in den endlosen , labyrinthischen Gängen des Gebäudes fand Hans die gewünschte Tür und fand dazu , daß er nicht der einzige war , der den Aufenthaltsort eines Nebenmenschen ausfindig machen wollte . Sehr viele Menschen wissen nicht , wo sehr viele Menschen wohnen . Gläubiger erkundigen sich mit unendlicher Zärtlichkeit nach den Schlupfwinkeln ihrer Schuldner ; junge Mädchen mit verweinten Augen erkundigen sich nach jungen Männern , die plötzlich unerklärlicherweise ihre Wohnung gewechselt haben . Abgehärmte Weiber mit oder ohne Kinder erscheinen auch ; es kommen Lohndiener ; es kommen Fremde - Volk aus allerlei Völkern ! Tausenderlei Formen und Gestalten nimmt die Frage an , und es ist auch ganz und gar nicht selten , daß die hochlöbliche Polizei ihr Honorar einstreicht , ohne es zu verdienen . Selbst die Polizei weiß sehr oft nicht , wo sich der und der , die und die aufhalten . Es gibt viele Leute , die viele Kunst und viel Geschick drauf wenden , sich und ihren Aufenthaltsort allen polizeilichen und sonstigen Nachforschungen zu entziehen . Eine gute Stunde stand Hans und wartete , bis die Reihe an ihn kam ; dann reichte er seinen Zettel mit seiner Frage in das Gitter des Beamten und erhielt nach fünfzehn weiteren Minuten den Zettel zurück mit der Antwort unter der Frage : » Annenstraße Nr. 34 , 4 Treppen , bei der Witwe Brandauer , Wäscherin . « Das Papier war grau , das Gekritzel der Polizeipfote im höchsten Grade unkalligraphisch , aber beides gab den glänzendsten Schein in der Hand des Kandidaten ; still und warm wurde es ihm ums Herz , verschwunden war alle Angst und Unruhe da war Sicherheit , Gewißheit - da war das freie Fränzchen , das Fränzchen , erlöst von den bedrückenden Banden des Hauses in der Parkstraße ! » Annenstraße Nummer vierunddreißig , vier Treppen hoch ! « Ein grimmiger Stoß seines Hintermannes weckte den Kandidaten aus seiner Verzückung ; er wußte wieder , wo er sich befand , und eilte fort , da er den Zettel an dieser Stelle doch nicht küssen konnte . Wie ein Nachtwandler auf den Dächern , so fand sich Hans auf dem Wege nach der Annenstraße zurecht . Es war keine Zeit zwischen dem Augenblick , in welchem er das Gekritzel des Polizeibeamten las , und zwischen dem Augenblick , in welchem er an die Tür klopfte , hinter der Franziska Götz wohnen sollte . Ein Jahrhundert lag zwischen seinem ersten und seinem zweiten Klopfen , und eine Viertelstunde später saß er still neben dem Fränzchen , beide Hände des Fränzchens in den seinigen haltend , und - das Wichtigste war gesagt ; er hatte sogar bereits das Mädchen geküßt ! Die Erde stand noch , der Himmel war nicht eingefallen , aber die Sonne war auch nicht strahlend hinter dem winterlichen Gewölk hervorgebrochen , es war nicht auf der Stelle Frühling geworden , und des Fränzchens schwarzes Trauerkleid hatte sich nicht in ein lichtblaues Gewand der Freude verwandelt . Sie hatten einander soviel zu sagen , und wenn auch das Wichtigste in den flüchtigsten Augenblicken ausgesprochen werden konnte , so blieb doch viel , viel zurück , was nicht an einem Tage , in einer Woche oder einem Monat erzählt werden konnte . Was Hans zu berichten hatte , wissen wir ; wir wollen jetzt versuchen , nachzuerzählen , was dem Fränzchen geschehen war und wie es lebte , seit der Kandidat Unwirrsch das Haus des Geheimen Rates Götz verließ , und das ist um so schwieriger , da das Kind von sich selber eigentlich gar nicht sprach , sondern nur von den andern . Die Lebendigkeit , welche Kleophea in dem Hause ihrer Eltern verbreitete , war eine unnatürliche gewesen ; das Licht , welches ihr Dasein über die Umgebung ausstrahlte , war ein ungesundes , irrwischartiges gewesen . Als beides aber für immer verschwand , setzten sich Schweigen , Kälte und Dunkelheit an dem trostlosen Herde so dräuend nieder , daß der tolle Leichtsinn , all die buntschillernden , glänzenden Fehler des entflohenen Mädchens fast als Tugenden erschienen . Die frische Stimme , der leichte Fußtritt , das eilige Rauschen der seidenen Gewänder auf den Treppen und in den Gängen waren verhallt ; aber der arme Vater und das Fränzchen saßen doch , horchten auf und senkten die Häupter , wenn sie irgendein anderes Geräusch für den Schritt der Verlorenen genommen hatten . Am dritten Tage nach der Flucht der Tochter trat die Mutter wieder aus ihren Gemächern hervor , und wenn sie früher noch einige bunte Zeichen weltlicher Eitelkeit an sich trug , so hatte sie solche jetzt vollständig abgelegt . Sie war ein wenig hagerer und gelblicher geworden , aber sie hatte auch ihre Seele ausgekehrt , kein Zug ihres Gesichtes bewegte sich ; ihre Stimme war ein wenig hohler , aber auch sie war von aller sündhaften Leidenschaftlichkeit gereinigt und konnte im Notfall tonlos der Welt den Anfang des Jüngsten Gerichtes und das ewige Verderben von neun Zehnteln aller Geschaffenen verkünden . Augenblicklich aber verkündigte die gnädige Frau ihrem Gemahl , ihrer Nichte und dem übrigen Hausstand nur , daß der Name ihrer Tochter nie mehr vor ihren Ohren genannt werden dürfe . Sie ließ sich von ihrem Gatten den Brief geben , den Kleophea gleich nach ihrer Flucht geschrieben hatte , und zerriß ihn vor ihrem Hausgesinde . Sie war sich keiner Schuld an der verderblichen Charakterentwicklung Kleopheas bewußt , sie konnte sich deshalb jetzt auch vollständig von ihr lossagen ; der Gott , welchem sie - Aurelie von Lichtenhahn - angehörte , sah es mit Wohlgefallen . Die Mutter zürnte dem Doktor Stein lange nicht so sehr wie ihrem Kinde ; und in den Zorn gegen das letztere mischte sich sogar eine gewisse Befriedigung , ein gewisser schrecklicher Triumph . Die Mutter hatte recht behalten in ihrer Antipathie ; alle Demütigungen und alles Elend , die der Tochter widerfahren mochten , konnten nur das geheime Gefühl der Befriedigung erhöhen . Die Geheime Rätin konnte hier mit der Welt in einer Weise abschließen , bei der sich ein erkleckliches Guthaben ihrerseits herausstellte , und so schloß sie ab . Auch der Vater Kleopheas zog das Fazit seines Lebens , ihm aber konnte niemand helfen , und er sich selber am wenigsten ; er war bankerott geworden und leugnete es auch nicht . Viel nutzlose Arbeit hatte er in seinem mühseligen Leben gehabt , nun ging er kummervoll und hungrig dem Grabe entgegen , und sein einziger Halt war die treue , sanfte Hand des Fränzchens , die er jetzt hielt , wie sie auch der tolle Felix in seinen letzten Schmerzenstagen gehalten hatte . Das war eins der tragischen Wunder , welche auf dieser Erde geschehen , daß das Fränzchen an den Sterbebetten dieser beiden Männer saß , die so verschiedene Pfade gegangen waren , um am Ziel ihres Daseins in gleicher Weise verloren , bettelarm , mit leerer Hand und leerem Herzen , aufgegeben von sich selber und der Welt , anzulangen . Alles Licht , was in ihre letzten Stunden fiel , ging von diesem Kinde aus , es war der Engel , welcher den Dürstenden den letzten Tropfen kühlen Wassers in die Todesstunde trug , welcher den Hungernden die letzte Labung reichte . Sie hatten , ein jeder in seiner Art , soviel erstrebt , jeder hatte soviel gewinnen wollen , und als Almosen wurde ihnen das Herz dieses Kindes gegeben . Kleophea hatte an das Fränzchen geschrieben , und Hans las den Brief . Noch sprach die alte Kleophea aus diesen flüchtigen Zeilen , aber stellenweise erschien bereits eine Gezwungenheit , eine Befangenheit in den Herzensergüssen und Schilderungen , mit welchen die frühere Kleophea nichts mehr zu tun hatte . Das Weib des Doktors Theophile Stein erinnerte sich inmitten ihres jetzigen bewegten Lebens an manche Einzelheiten ihres frühesten harmlosen Verkehrs mit der Kusine , daß dem Fränzchen darüber das Herz sehr schwer werden mußte . Kleophea Stein schrieb von » einsamen , herzweichen Stunden « , in denen sie sich solcher » minuties « erinnere , und dann bat sie in dem nächsten Satze das Bäschen , den Papa zu küssen und ihm zu sagen , daß sie » soviel , soviel « an ihn gedenke und daß sie ihn des Nachts im Traum in seiner Studierstube sehe und um ihn weine . Auf dieses folgte eine Beschreibung eines glänzenden Balles und eines Murillo im Louvre , dann kam eine Schilderung des kleinen Grafen von Paris sowie des Bürgerkönigs Louis Philipp samt seinem Regenschirm und in Verbindung damit die Frage , wie Aimé den Verlust seiner Schwester ertrage . Von der Mutter war in dem ganzen Briefe nicht die Rede , und der Doktor Stein erschien erst ganz gegen den Schluß darin . Es wurde von ihm gesagt , daß er einen großen Kreis von Bekannten und Freunden in Paris habe , daß er dadurch oft länger vom Hause ferngehalten werde , als einer jungen Frau lieb sein könne , daß sie Kleophea - es aber begreiflich finde und glücklich sei . Noch sprach die Schreiberin von den Erfolgen des Doktors in der deutschen Stadt und den Verbindungen daselbst . Sie sprach die feste Überzeugung aus , daß alle Verwirrungen sich bald durch gegenseitiges Entgegenkommen lösen würden und daß man die Hoffnung auf eine » rosige Zukunft « nie aufgeben dürfe . In einem Postskript würde der liebenswürdige Herr Johannes Unwirrsch bestens gegrüßt , und es wurde hinzugefügt , daß man ihm mancherlei abzubitten habe und daß man dafür in Zukunft wohl ein ruhiges Stündchen finden werde . In sehr wehmütiger Stimmung schloß der Brief , und unter tausend und aber tausend Grüßen und Küssen wurde das Fränzchen gebeten , das » dumme , nichtsnutzige Gekritzel « zu zerreißen und in alle vier Winde zu verstreuen , damit es ihm gehe wie allem übrigen » Gedankenhirngespinst der armen Kleophea « , das auch zerrissen , von allen vier Winden umgetrieben , durcheinanderflattere . - Franziska hatte ebenfalls wieder einen langen Brief an die Kusine geschrieben und in demselben mit Tränen treue Nachricht von den Zuständen im Elternhause Kleopheas gegeben