sich nicht nur des besten Leumundes erfreuen , sondern schon durch ihre Lebensstellung besonderes Vertrauen erwecken . Die eine dieser Personen ist Küster in hiesiger Stadt , ein allgemein geachteter Mann ; die andere - eine Frau - lebt in der Residenz und ist trotz ihres hohen Alters noch immer in ihrem Berufe - der nebenbei ein halb ärztlicher ist - thätig . Wenn ich überhaupt je gezweifelt hätte , daß der bewußte junge Mann wirklich , ich meine , vor Gericht erweislich , der Sohn des seligen Baron Harald von Grenwitz sei , so würde dieser Zweifel nach diesen neuesten Entdeckungen vollkommen bei mir geschwunden sein , und ich glaube , Frau Baronin , daß Sie mir darin beistimmen werden . Darf ich Sie ersuchen , Herr Geometer , mir zu sagen , zu welchem Zwecke Sie mich mit diesen Mittheilungen beehren ? erwiderte die Baronin mit der Ruhe , welche sie sich in Geschäftsverhandlungen zur unumstößlichen Pflicht gemacht hatte . Recht gern , Frau Baronin ; ich komme eigentlich nur deshalb . Sie wissen , daß man für einen Vogel in der Hand mehr fordern kann , als für einen , der vorläufig noch auf dem Dache sitzt , und daß , wer ein Ding billiger verkauft , als er werth ist , gerechten Anspruch auf den Titel eines Narren hat . Nun kennen Sie die Bedingungen , unter denen ich Baron Felix versprochen habe , in der bewußten Erbschaftsangelegenheit reinen Mund zu halten - Verzeihen Sie , daß ich Sie unterbreche , Herr Geometer . Ich weiß nichts von solchen Bedingungen ; ich habe meinem Neffen Auftrag gegeben , Sie , einzig und allein zu dem Zweck , uns vor Ihnen Ruhe zu verschaffen , durch irgend eine beliebige Summe abzufinden , und mein Neffe hat mir noch vor seiner Abreise die Versicherung gegeben , daß diese Angelegenheit definitiv erledigt ist . Ich muß Sie also ein für allemal bitten , nicht wieder auf abgethane Sachen zurückzukommen und mich zu entschuldigen , wenn ich Sie heute nicht länger mehr bei mir sehen kann . Die Baronin wollte sich erheben , als Albert mit einem so scharfen , schneidenden Tone sagte : Bitte , behalten Sie noch einen Moment Platz , Frau Baronin ! daß sie diesem Befehl halb aus Verwunderung und halb aus Furcht Folge leistete . Ich habe es satt , länger mit mir spielen zu lassen ; fuhr Albert in demselben Tone fort . Wenn Baron Felix Ihnen nicht gesagt hat , was wir untereinander abgemacht haben , so ist er einfach zu feig dazu gewesen . Uebrigens kommt auch gar nichts darauf an , ob Sie die alte Verabredung kennen oder nicht : denn ich komme gerade deshalb , um Ihnen zu sagen , daß ich nach den neuesten Entdeckungen nicht länger gesonnen bin , Sie so leichten Kaufes los zu lassen . Ich fordere jetzt rund und klar vierzigtausend Thaler , zahlbar binnen hier und vierzehn Tagen : und ersuche Sie , mir eben so rund und klar zu antworten , ob Sie zahlen wollen oder nicht . Diese Unverschämtheit geht zu weit , sagte Anna-Maria , sich von ihrem Sitz erhebend und nach der Schelle , die neben ihr auf dem Tische stand , greifend . Lassen Sie das Ding stehen , sagte Albert ; das Klingling könnte Ihnen theuer zu stehen kommen . Bedenken Sie wohl , was Sie thun ! Wenn wir aufhören , gute Freunde zu sein , so giebt ' s einen Kampf auf Tod und Leben ; und seien Sie versichert : Albert Timm giebt keinen Pardon . Noch einmal : wollen Sie zahlen , oder nicht ? In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet . Der Bediente trat mit zwei brennenden Armleuchtern herein , dicht hinter ihm kam der Fürst . Der Bediente stellte die Leuchter auf den Tisch und entfernte sich ; der Fürst bemerkte erst , als er das halbe Zimmer schon durchschritten hatte , daß außer der Baronin noch Jemand da war . Ah pardon , Madame , sagte er , ich glaubte von dem Bedienten zu vernehmen , daß Sie allein seien . Befehlen Sie , daß ich mich wieder entferne ? Nicht doch , mein Fürst , erwiderte Anna-Maria , ich habe mit dem jungen Menschen nichts mehr zu reden , und sie machte gegen Albert eine Handbewegung , die ausdrücken sollte , daß er entlassen sei . Herr Albert Timm wedelte mit dem Hut , den er in den auf den Rücken gelegten Händen hielt und sagte , den einen Fuß ein wenig vorstreckend : Es scheint mir , gnädige Frau , Sie wollen , daß ich meine letzte Frage in Gegenwart dieses Herrn wiederhole ? Wer ist der junge Mensch ? fragte der Fürst , einigermaßen verwundert über Alberts Benehmen und das aufgeregte Wesen der Baronin . Ein Mensch , antwortete diese , der uns seit einiger Zeit unter dem Vorwande , im Besitz von Gott weiß welchen Familiengeheimnissen zu sein , mit unverschämten Forderungen verfolgt , so daß ich mich wohl genöthigt sehen werde , die Polizei gegen ihn in Anspruch zu nehmen . Der Fürst blickte Albert aus seiner stattlichen Höhe herab von oben bis unten an , ging dann langsam nach dem Tisch , nahm das silberne Glöckchen und schellte . Der Bediente trat sofort herein . Führen Sie diesen Menschen hinaus ! sagte der Fürst . Der Bediente war über diesen Befehl so erstaunt , daß er nicht wußte , ob er recht gehört hatte , oder nicht . Er blickte mit einem verlegenen Gesicht von dem Fürsten auf Herrn Albert Timm , der noch immer , mit dem Hute wedelnd , ruhig dastand ; von Herrn Albert Timm auf den Fürsten . Haben Sie nicht gehört , sagte dieser Letztere , die schwarzen Brauen drohend zusammenziehend . Der Mann trat einen Schritt auf Timm zu . Ich will Ihnen die unangenehme Alternative , von mir die Nase eingeschlagen zu bekommen oder aus dem Dienst gejagt zu werden , ersparen , guter Freund , sagte Albert ; und deshalb selber gehen . Was Sie anbetrifft Frau Baronin , so sprechen wir uns in kurzer Zeit wieder , aber aus einem andern Ton ; und was Sie angeht , junger Mensch , so möchte ich Ihnen den guten Rath geben , sich künftig nicht in Angelegenheiten zu mischen , die Sie trotz der pompösen Airs , die Sie sich geben , durchaus nichts angehen . Der Fürst machte eine Bewegung nach seiner linken Seite hin . Glücklicherweise hatte er den Degen im Vorzimmer abgelegt . Albert aber wartete weitere Entschließungen des Schwergereizten nicht ab , sondern verließ mit einer spöttischen Verbeugung das Gemach . Der Fürst sah ganz verblüfft drein , die Baronin blickte verlegen zu Boden . So etwas könnte bei uns in Rußland nicht vorkommen , sagte der Fürst . Ich bedaure , daß Sie der Zufall zum Zeugen einer so unangenehmen Scene gemacht hat , sagte die Baronin . In diesem Augenblick kam der Bediente schreckensbleich wieder in ' s Zimmer gestürzt und rief athemlos : Gnädige Frau , kommen Sie geschwind , der gnädige Herr liegt im Sterben ! Oh mon Dieu ! rief die Baronin . Wo ist meine Tochter ? Fassung , Madame , Fassung ! sagte der Fürst . Ertragen Sie , was ertragen werden muß ! Wollen Sie sich auf meinen Arm stützen ? Sie da , leuchten Sie uns ! Sechsunddreißigstes Capitel Um dieselbe Zeit waren in der Conditorei neben der Hauptwache am Markt - der Versammlungsorte der Grünwalder jeunesse dorée - zwei Herren eifrig am Billardtische . Die beiden Herren waren von Barnewitz und von Cloten . Von Cloten , welcher in allen Künsten sich auszeichnete , die keinen guten Kopf , sondern nur ein scharfes Auge und eine sichere Hand erfordern , hatte seinem Gegner alle Partien abgenommen und war in einer ebenso vortrefflichen Stimmung , als der Andere ärgerlich drein schaute . Noch eine , Barnewitz ? sagte Cloten triumphirend , als er eben die zwölfte Partie mit einem glänzenden Ball beendigt hatte . Danke ! sagte Barnewitz , seine Queue auf das Billard werfend ; bin heute nicht in der rechten Stimmung ; kann überhaupt bei dem verdammten Zwielicht nicht gut spielen . Wollen uns die Lampen anstecken lassen . Nein , danke ! ein andermal ! Kannst mir morgen Vormittag Revanche geben . Cloten legte jetzt seine Queue ebenfalls hin , trat vor den Spiegel und drehte sich den blonden Schnurrbart , während Barnewitz sich auf ein Sopha warf und gähnte . ' S ist verdammt langweilig , sagte er ; man weis doch bei Gott nicht , wie man den Nachmittag hinbringen soll . Wollen spazieren gehen . Bei der Hundekälte ? Partie Piquet ? Ist auch langweilig . ' ne Flasche Rothspon ? Geht schon eher . Ernst ! eine Flasche Pichon und Licht ! der Kellner brachte das Verlangte . Cloten warf sich Barnewitz gegenüber in einen Lehnstuhl und streckte die Beine von sich . Nun ? Nun ? Weißt du nichts ? Nein ; Du ? Nein . Eine lange Pause trat ein , während derer die Herren schweigend ihrer Wein schlürften und ihre Cigarren rauchten . Wie geht ' s deiner Frau , Cloten ? fragte von Barnewitz plötzlich . Danke gut ; weshalb ? erwiderte Cloten , über diese brüske Frage nicht wenig verwundert . Nun , man wird doch nach Deiner Frau fragen dürfen ; aber ist auch das nicht einmal erlaubt ? Allerdings , aber wie kommst Du darauf ? Weil sie in den letzten Tagen so außerordentlich liebenswürdig war . Ist das etwas so Merkwürdiges ? fragte Cloten , nicht ohne einige Verlegenheit seinen Schnurrbart drehend . Gewiß ; denn sie hatte die Zeit vorher Alle , Dich nicht ausgenommen , so schauderhaft tractirt , daß man über diesen plötzlichen Wechsel einigermaßen erstaunt sein durfte . Uebrigens ist ' s nicht mir allein aufgefallen , alle Welt spricht darüber . Die Wellt sollte sich doch nur an ihre eigene Nase fassen , sagte Cloten , mir vor Aerger zitternder Hand sein Glas füllend . Gewiß ; aber sie thut ' s nun einmal nicht . Der Teufel soll sie holen . Meinetwegen ; aber wenn Du lieber von etwas Anderem sprechen willst , wir ist ' s recht . Ich dachte nur , daß ich , als Dein ältester Freund , die Pflicht hätte , Dich auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen . Nun , so komm endlich einmal heraus mit der Sprache , was soll ' s was giebt ' s ? Ich werde mich wohl hüten , wenn Du bei dem ersten Worte schon in eine so verteufelte Aufregung geräthst . Ich bin nicht aufgeregt , rief Cloten und stieß sein Glas auf den Tisch , daß der Fuß abbrach und der Wein auf die Platte strömte . Du bist ein wunderlicher Mensch , sagte Barnewitz . Warte doch , bis Du Ursache hast , Dich zu ereisern . Was ist ' s denn bis jetzt ? Man erzählt sich , daß Ihr nicht gerade Seide mit einander spinnt , daß Deine Frau ihre eigenen Wege geht , daß Ihr Euch manchmal zankt , und so weiter ! Wer erzählt sich das ? Alle Welt . Und was glaubst Du davon ? Barnewitz zuckte die Achseln . Ich möchte Dir nicht gern weh thun , Arthur ; aber leugnen kann ich ' s nicht , daß mir das Betragen Deiner Frau höchst verdächtig vorkommt . Es scheint mir , wie so ziemlich unserem ganzen Kreise unzweifelhaft , daß sie irgend ein Verhältniß hat , und ich glaube auch , daß ich in Beziehung auf die Person die richtige Fährte habe . Ich beschwöre Dich , daß Du mir Alles sagst , was Du weißt , sagte Cloten mit pathetischer Geberde . Erinnerst Du Dich der Gesellschaft , die ich im Sommer gab ? Aber , was solltest Du nicht ; wir wollten uns ja damals gegenseitig die Köpfe einschlagen ! Nun , schon auf dieser Gesellschaft hat Deine Frau mit dem verdammten Bengel , dem Doctor Stein auf eine Weise coquettirt , daß es Allen auffiel , auch mir . Ich hatte die Sache indessen vollkommen vergessen , bis ich gestern wieder daran erinnert wurde . Ich war gestern , wie Du Dich erinnerst , früher von Stilow ' s weggegangen , weil mir , offen gestanden , der Wein zu schlecht war und ich großen Durst hatte . So gerieth ich denn in den Rathskeller , wo die Gesellschaft freilich gemein genug , der Wein aber vortrefflich ist . Es saßen so ein Dutzend Menschen : Literaten , Schauspieler und sonstiges Gesindel um einen Tisch , unter ihnen unser alter Bekannter , der Feldmesser Timm , der das große Wort führte . Ich setzte mich in einiger Entfernung , ließ mir ein paar Dutzend Austern und eine Flasche Champagner geben und hörte zu , weil ich wohl zuhören mußte . Sie sprachen Gott weiß was für verrücktes Zeug , von dem ich kein Wort verstand , und wollte eben einnicken , als plötzlich Dein Name genannt wurde , oder vielmehr nicht dein Name , sondern der Deiner Frau . Natürlich war ich sofort wieder hell wach . - Wer ist das ? fragte Einer . Eine ganz famose Person , sagte Timm . - Nun , und die poussirt Freund Stein ? - So ist es . - Ein verteufelter Kerl , dieser Stein . - Wie ist er denn an die gekommen ? Das ist eine lange Geschichte , sagte Timm , und nun steckten sie die Köpfe zusammen und sprachen so leise , daß ich das Uebrige nicht verstehen konnte . Jedenfalls lachten sie dabei wie toll , und ich hatte große Luft , ihnen meine Flasche an die Köpfe zu werfen . Weshalb hast Du ' s nicht gethan ? fragte Cloten . Ich fange in einem fremden Lokal nicht gerne Skandal an ; es ist mir zu oft schlecht bekommen , erwiderte Barnewitz , sich den Rest in sein Glas gießend . Eine Pause entstand , die Cloten mit den in heftigem Ton ausgestoßenen Worten unterbrach : Ich glaube kein Wort von alldem ! Barnewitz zuckte die Achseln . Es ist auch das Beste , was Du thun kannst . Ich verbitte mir dergleichen ! rief Cloten auffahrend . Ich sage nichts , als was die Welt sagt ; erwiederte Barnewitz , sein Glas behaglich schlürfend . Du meinst wohl : über Dich sagt die Welt nichts ? fragte Cloten höhnisch . Was sagt die Welt von mir ? rief Barnewitz , jetzt ebenfalls aufspringend . Der Teufel soll den holen , der es wagt - und ich dächte , Du hättest vor Allen Grund , Deinen Mund zu halten . Grund oder nicht . Ich sehe nicht ein , weshalb ich nicht eben so gut sprechen darf , wie Du . Du ! sagte Barnewitz , die Hände in die Taschen steckend , mit höhnischem Grinsen ; Du denkst wohl Wunder , welches Glück Du bei den Damen machst . Die Herren waren gezwungen , ihren Wortwechsel abzubrechen , denn gerade jetzt wurde die Thür zum Billardzimmer geöffnet und der Professor Jäger , nachdem er durch seine runden Brillengläser eine vorsichtigen Blick hineingeworfen , schlich in das Gemuch . Auf des Professors blassem Gesicht trat heute das stereotype Lächeln mit den heruntergezogenen Mundwinkeln um so mehr hervor , als er sich offenbar Mühe gab , die Stirn in die ernstesten Falten zu legen und durch die runden Brillengläser möglichst melancholisch drein zu schauen . So näherte er sich den beiden Edelleuten , machte ihnen eine sehr verbindliche Verbeugung und sagte : Ich bitte tausendmal um Entschuldigung , wenn ich die Herren störe , indessen - Kommen Sie her , Professor , sagte Barnewitz , der sehr froh über diese Störung war , trinken Sie ein Glas Pichon mit ; Kellner , noch eine - Bitte , bitte , danke ergebenst , bedaure nochmals unendlich , daß ich die Herren in diesem gemüthlichen Plauderstündchen unterbreche ; indessen ich hörte in Ihrem Hause , Herr von Cloten , daß ich Sie hier finden würde , und eine Sache von Wichtigkeit , die ich Ihnen mitzutheilen habe - Geniren sich die Herren nicht , sagte Barnewitz , ich gehe so lange in ' s Lesezimmer . Bitte , bitte - ich habe nur drei Worte - Na , immerzu , ruft mich nur , wenn Ihr fertig seid . Mit diesen Worten ging Barnewitz in das Nebengemach , wo er , die Ellenbogen auf den Tisch und das Haupt in die Hände gestemmt , sich in die Lectüre des Grünwalder Amtsblattes vertiefte . Er war kaum fort , als Professor Jäger sich zu Cloten wandte und in geheimnisvollem Flüsterton sagte : Herr von Cloten , ich habe Ihnen eine Nachricht mitzutheilen , die Sie erschrecken wird . Cloten wurde blaß und trat einen Schritt zurück . Sein erster Gedanke war , daß sein Pferdestall in Brand gerathen und Arabella und Macdonald , seine beiden Vollblutpferde , ein Raub der Flammen geworden . Aber der Professor ließ ihn nicht lange in dieser schrecklichen Ungewißheit , sondern sagte mit hohler Stimme , die Mundwinkel so tief herunterziehend , daß sie unter dem Kinn wieder zusammenzustoßen schienen : Ihre Frau Gemahlin - Ha ! rief Cloten , was soll ' s , was giebt ' s ? Ich weiß es nicht , erwiderte Jäger , aber ich fürchte Schlimmes . Sehen Sie dieses Blatt ; ich hab ' es so eben auf dem Schreibtisch meiner Frau gefunden , - doch bevor ich Ihnen , was auf dem Blatte steht , vorlese , schwören Sie mir , daß Sie nie sagen wollen , von wem diese Nachricht ursprünglich stammt . Ich schwöre , was Sie wollen , sagte Cloten , was hat ' s mit dem Blatt auf sich ? Gleich , gleich , lassen Sie mich nur erst sagen , daß seit einigen Monaten eine Freundschaft zwischen Ihrer Frau Gemahlin und meiner Frau entstanden war , deren Intimität mich einigermaßen in Verwunderung setzte , besonders nachdem ich bemerkt hatte , daß sich zu diesen Zusammenkünften , die rein poetische Zwecke verfolgen sollten - Sie wissen , Herr von Cloten , daß meine Frau Directrice des lyrischen Kränzchens ist - stets , oder doch wenigstens sehr oft , eine dritte Persönlichkeit gesellte , gegen die ich , offen gestanden , von früher schon eine unüberwindliche Antipathie hatte . Diese Persönlichkeit ist - Der Doctor Stein , weiß schon , weiter , sagte Cloten mit athemloser Hast . Sie wissen schon - in der That , sagte der Professor mit einem Lächeln , das unheimlich hinter den Brillengläsern hervorglitzerte ; o , so ist mir ja der schwerste Theil meiner Mittheilungen erspart . Nun , Herr von Cloten , wenn Sie es bereits wissen , will ich nicht weiter erwähnen , wie in meine ahnungslose Seele der erste Feuerfunke des Verdachtes fiel , wie dieser Funke durch mancherlei höchst eigenthümliche Beobachtung zur Flamme angeschürt wurde , die mein Herz , das für das Glück meiner Brüder schlägt - hier legte der Professor die schwarzbehandschuhte Hand auf die linke Brust - zu verzehren drohte . Meiner Frau den Umgang mit der betreffenden Persönlichkeit zu verbieten , wagte ich nicht . Sie wissen , Herr von Cloten , Dichtergemüther sind exaltirt , und der ästhetische Standpunkt , - Aber ich bitte Sie , Herr Professor , kommen Sie zur Sache , rief Cloten , was steht denn auf dem Blatte ? Gehen Sie ! sagte Jäger , das Papier auseinanderfaltend , es ist das Concept eines Gedichtes , das ich , noch naß , auf dem Schreibtisch meiner Frau , die , wie mir das Mädchen sagte , einen Besuch zu machen , ausgegangen war , so eben fand . Darf ich es Ihnen lesen ? Ja , in des Teufels Namen , rief Cloten ; obgleich ich nicht begreife - Sie werden es sofort ; erwiederte der Professor Jäger , rückte sich seine Brille zurecht , schob das Licht etwas näher und las mit halblauter , schnarrender Stimme , während ihm der junge Edelmann über die Achsel auf das Papier sah : Grünwald , den zehnten December 1847 - Sie sehen , das Datum stimmt genau . In ' s Album einer Fliehenden . Du fliehst ! - es leuchten die funkelnden Sterne Bei der sausenden Jagd durch kimmerische Nacht ; Du fliehst ! und ach , es folgte Dir gerne , Die so treu deine heimliche Liebe bewacht ! Doch die eh ' lichen Ketten , die harten , die kalten , Mich fest auf dem Lager , dem freudlosen , halten - Du fliehst - ich bleib in kimmerischer Nacht . Sie sehen diese poetischen Uebertreibungen einer sonst so keuschen , liebevollen Seele , sagte der Professor , der die letzten Verse mit etwas unsicherer Stimme gelesen hatte . Weiter , weiter , rief Cloten . Der Professor fuhr fort : Du fliehst ! es blitzen die schnee ' gen Gefilde , Es donnert der Huf auf der Fläche von Eis , Es schreckt Dich die Nacht nicht , die schaurige , wilde , Es lockt Dich der Liebe unendlicher Preis . Du fliehst ! und mit Recht , was soll denn die Stolze , Die Schöne beim Gatten , der Puppe aus Holze Und Leder ? was soll ihr ein Lager von Eis ? Das geht auf mich ! sagte Cloten vor Wuth mit den Zähnen knirschend . Ohne Zweifel , ohne Zweifel , erwiederte der Professor , aber hören Sie weiter ! Du fliehst ! und drüben am felsigen Strande , Im Häuschen der Amme , so traut und so klein , Da fallen die schweren , die fesselnden Bande , Da nennst Du ihn Dein , da nennt er Dich sein . Da stürzen die feurigen Bäche zusammen , Da lohen zum Himmel die sprühenden Flamen , In der Kammer der Alten , so nieder und klein . Du fliehst ! doch ach ! nicht dort ist der Hafen ; Zu nah ist der Späher ; sein Auge , es wacht ; Wollt Ihr selig den Schlaf der Vergessenheit schlafen , Flieht , bis ein milderer Himmel Euch lacht ! Flieht bis zur » Seine « geweihetem Strome , Wo » Notre-Dame « vom heiligen Dome Mit Mutteraug ' über Liebende wacht . Der Professor faltete das Blatt zusammen , schob es wieder in die Tasche und sagte : Dieses Gedicht machte mich , der ich die Dichtweise meiner Gattin kenne und weiß , daß sie ihre Stoffe gern aus dem Leben nimmt , sehr bestürzt . Wie erschrak ich aber , als ich , von dem Vorrechte des Gatten Gebrauch machend und weiter zwischen den umhergestreuten Papieren kramend , dies Zettelchen fand - hier faßte der Professor in die Westentasche - kennen Sie diese Handschrift , Herr von Cloten ? Es ist die Hand meiner Frau ! rief der junge Edelmann , einen Blick auf das Papier werfend : Es bleibt bei der Verabredung , liebe Primula ! Alles ist bereit . Rendezvous drüben bei der Lemberg . Morgen um diese Zeit liegt eine Welt zwischen uns . Werde ich Sie noch einmal umarmen ? Ich bin bis drei Uhr zu Haus . Gern , sehr gern sähe ich Sie - aber dürfen Sie es wagen , ohne Verdacht auf sich zu lenken ? Ich überlasse es Ihnen . Adieu , adieu , Theuerste ! Noch heute frei ! O , ich kann den Gedanken nicht fassen . Adieu ! tausendmal adieu ! - Himmelhöllenelement ! rief Cloten , das Papier in der Hand zerknitternd und in die Tasche steckend . Jetzt wird mir Alles klar ! wußte ich doch gar nicht , was dies ewige Besuchen der alten Person in Fährdorf zu bedeuten hatte ! Aber ich will ihnen das Spiel verderben ; ich will - Da Herr von Cloten in diesem Augenblick so recht eigentlich noch nicht wußte , was er wollte , schwieg er und lief wie ein von heftigen Zahnschmerzen Geplagter im Zimmer auf und ab . Professor Jäger betrachtete ihn , den Kopf auf die rechte Schulter geneigt und die Hände ineinanderlegend , durch seine runden Brillengläser , wie eine Eule das Flattern eines Gimpels , der sich auf einer Leimruthe gefangen hat . Sie können nicht glauben , theuerster Herr von Cloten , sagte er , wie tief meine Seele über dies Alles betrübt ist , und glauben Sie , ich hätte gewiß geschwiegen , wenn es nicht eines guten Schäfers Pflicht wäre , das Lamm aus dem Rachen des Wolfes zu reißen . Denn ein Wolf ist dieser Mensch . Ich habe ihn vom ersten Augenblick als solchen erkannt ; aber man wollte ja nicht auf mich hören . Jetzt kommt es an den Tag . Noch diesen Morgen war der Canonicus Schwarz , einer der Scholarchen des Gymnasiums , bei mir und erzählte mir , daß auf Antrag des Director Clemens bereits eine Disciplinaruntersuchung gegen den entsetzlichen Menschen eingeleitet sei , deren Resultat ohne allen Zweifel die Entlassung , die schimpfliche Entlassung desselben zur Folge haben werde ; und während ich noch überlege , wie man am besten , am schlagendsten documentiren könne , daß man den Wolf in Schafskleidern wohl erkannt habe , muß mir eben jetzt den Zufall diese Papiere in die Hände spielen , die den klarsten Beweis liefern , daß alles Schlimmste , was man diesem Menschen nachsagte , noch immer nicht schlimm genug war . Ich wußte vom ersten Augenblick an , was die Pflicht mir gebot . Sicher , daß meine Gattin nie erfahren werde , wie ich sie so zu sagen in dieser Sache bloßgestellt habe ; der Discretion eines Edelmanns gewiß , eilte ich - Ich muß Barnewitz mit in ' s Vertrauen ziehen , rief plötzlich Cloten ; und er machte eine Bewegung nach dem Zimmer , in welches sich Barnewitz zurückgezogen hatte . Um Gott , Herr von Cloten , rief der erschrockene Professor , wollen Sie mich unglücklich machen ? Bedenken Sie , Sie haben geschworen , mich und meine Frau nicht zu verrathen - Dummes Zeug , sagte Cloten , Sie wollen doch nicht , daß ich allein mich auf eine solche verdammte Geschichte - Barnewitz ! Was giebt ' s ? sagte der Gerufene , von seinem Amtsblatt aufschauend . Komm einmal her ! Ich habe Dir etwas Wichtiges mitzutheilen . Barnewitz kam , und Cloten erzählte ihm mit fliegenden Worten , um was es sich handle , während der Professor , sich verlegen die Hände reibend , daneben stand . Es ist kein Zweifel schloß Cloten , ich will ' s nur gestehen , ich habe auch schon einen ähnlichen Verdacht gehabt ; freilich auf den Halunken , den Stein , wäre ich nicht gefallen . Aber es trifft Alles ein . Ich weiß , das sie heute wieder nach Fährdorf hinüber wollte , und jetzt fällt mir ein , daß sie ganz gegen ihre Gewohnheit ausdrücklich sagte , sie würde vor Abend nicht zurückkommen und da Du nun gestern Abend auch - o , es ist kein Zweifel , kein Zweifel ! was soll ich thun ? was soll ich thun ? - und der junge Mann schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn . Was Du thun sollst ? sagte Barnewitz ; sie laufen lassen , wohin sie will . Verzeihen Sie , sagte der Professor , das würde einen ungeheuren Skandal geben , dem jetzt meiner Meinung nach durch energisches Handeln noch vorgebeugt werden kann . Der Professor hat Recht , sagte Cloten ; wir dürfen sie nicht weg lassen ; aber ich allein - willst Du mir helfen , Barnewitz ? Avec plaisir , antwortete Barnewitz , ich habe so stets eine Pique auf den Bengel gehabt . Aber periculum in mora , meine Herren . Sie müssen sich sofort auf den Weg machen ; sagte der Professor . Das wollen wir , sagte Cloten ; komm Barnewitz , ich kann Dir unterwegs mittheilen , was ich für einen Plan entworfen habe . Der Professor begleitet uns noch ein Streckchen . Recht gern , recht gern , erwiderte der Professor : meine Zeit ist freilich beschränkt , sehr beschränkt . Ah , - zu dieser Thür hinaus ; bitte , bitte , gehen Sie voran ! Und die drei Herren verließen eiligst das Local . Siebenunddreißigstes Capitel Die breite Eisfläche zwischen dem Festlande und der Insel war seit Wochen schon eine ungeheure Brücke . Man hatte beinahe vergessen , daß der Fuß auf gefrornes Wasser trat und der Huf des Pferdes so laut an die Thür über dem Abgrunde pochte . Was sollte man auch fürchten , wenn man die dicken Blöcke sah , welche die Fischer zur Warnung um die für die Fische ausgehauenen großen Löcher stellen , vorausgesetzt , daß man nicht unvorsichtigerweise hineinlief , oder fuhr , was doch am Tage kaum möglich war . Und so lange nun die schrägen Wintersonnenstrahlen auf dem blanken Eise glitzern , das rechts und links von der Stadt meilenweit den Sund bedeckt , wimmelt es auf » der Bahn « von Fußgängern und Schlitten , die meistens mit einem , oft aber auch mit zweien und gar nicht selten mit vier Pferden bespannt sind . Wenn aber die Sonne untergegangen ist , wenn dann die Nebel anfangen , dichter zu wallen , wird der schwarze bewegliche Faden , der sich den Tag über von der Stadt nach dem Fährdorfe zog , dünner und dünner . Die Fischer , die meilenweit draußen in den Waken gefischt haben , kommen auf ihren niedrigen Schlitten herein . Aufrecht auf diesen Schlitten stehend , die sie mit einer langen , unten mit einer eisernen Spitze versehenen Stange forttreiben , huschen sie mit wunderbarer Geschwindigkeit