hat eine ausgeschlossene Seele die Pforte des Himmels mit verlangenderen Gedanken belagert als das Freifräulein die Tür der Nummer fünfzig in der Kronenstraße . Erst in der letzten Stunde , am Abend des gestrigen Tages , sollte sie Einlaß finden . Gestern abend führte der Polizeischreiber das Freifräulein und Helene vom Turm des Sternsehers heim , und wieder schritten sie durch die Kronenstraße . Schwer seufzte Juliane , als sie sich der Wohnung der Schwägerin näherten , und zog ihren Arm aus dem des Schreibers . Dunkel und stumm , öde und leer lag das Haus des Bankiers Wienand ; vor der Tür der Nummer fünfzig lehnte flegelhaft frech Herr Baptiste und unterhielt sich lachend mit einem gähnenden Standesgenossen . Das Freifräulein stand still : » Was macht die Frau Baronin ? « Baptiste sah aus , als ob er am liebsten eine unverschämte Antwort geben würde , bezwang sich jedoch , neigte ein wenig das Haupt und antwortete : » ' s steht nicht gut . Der Herr Medizinalrat waren vorhin wieder da , gaben aber wenig Hoffnung . « » Friedrich « , rief Juliane von Poppen , » ich ertrage es nicht länger . Ich will es noch einmal versuchen , sie zu sehen . Führen Sie das Kind nach Haus - o Gott , ich werde wahrscheinlich bald genug nachkommen . « Sie setzte den Fuß auf die Treppenstufe , und großer Selbstbeherrschung zeigte sich Baptiste fähig , als er ihr Platz machte . Der drohend erhobene Krückstock tat freilich das Seinige dazu . Die Tür schloß sich hinter dem Freifräulein und dem Bedienten , und Juliane kam nicht zurück . Nach einer Stunde sandte sie nach ihrer Wohnung am Schulplatz und ließ sagen : Fräulein Helene möge sich zu Bett legen und nicht warten , Fräulein von Poppen werde in dieser Nacht nicht heimkehren . Als Juliane in das Haus ihrer Schwägerin eintrat , schreckte sie zusammen unter dem feuchtkalten Hauch , der ihr entgegenschlug . Es war totenstill darin . Die Köchin war zu einer Freundin gegangen , weil ihr daheim graute . Baptiste verlor sich in den untern Räumen des Gebäudes , ohne sich weiter um die Eingetretene zu kümmern . Er hatte die Kellerschlüssel in seines seligen Herrn Schreibtisch gefunden - ihm graute nicht . Langsam hinkte Juliane die Treppe hinauf , und krampfhaft fest faßte sie ihren Krückstock , als sie auf einmal aus einem Winkel ein klägliches Winseln vernahm . Das war nur der Schoßhund der Baronin , welchen die Kammerjungfer aus dem Zimmer ihrer Herrin geworfen hatte und langsam verhungern ließ . Matt , den Leib auf dem Boden hinschleifend , kroch das arme Geschöpf hervor , als wolle es Barmherzigkeit und Hülfe von der fremden Frau erbitten . Jetzt konnte das Freifräulein nicht darauf achten , obgleich ihr das Tier unendlich leid tat . Ein niederbrennendes Licht war auf den Fußboden im ersten Stock dicht an die oberste Treppenstufe gestellt und erfüllte den Korridor mit übelriechendem Qualm . Allerlei gebrauchtes Gerät , Schüsseln , Teller , Gläser samt einem Haufen schmutziger Wäsche versperrten die Tür , die in das Gemach der Baronin führte . Das Freifräulein schritt darüber fort und öffnete die Tür . Kein Laut ! Die Lauscherin drückte die Hand auf das Herz , sie stand mitten im Zimmer . Die Fenstervorhänge waren niedergelassen , die gegenüberliegende Tür stand halb offen , und hinter den Portieren hervor drang mit dem Dunst der Krankenstube ein matter Schein . Dieser schwächliche Schimmer und das Licht , welches die Straßenlaternen draußen gaben , erhellten allein das erste Gemach , über dessen weichen Teppich Juliane jetzt unhörbar hinschritt . Wir kennen das Zimmer . In jenem Lehnstuhl hatte sich Leon gestreckt und gedehnt , wenn er seine Mutter durch seine Scherzreden quälte . Auf jenem Diwan hatte Viktorine von Poppen ihre Tage halb verschlummert , halb verwimmert . An jenem Tisch hatte Frau von Eichel gewitzelt , Frau von Flöte gefrömmelt , Lydda von Flöte gezimpert . Über tausenderlei Nippsächelchen und Spielereien streifte das unbestimmte Licht , und mit einer unbeschreiblichen stolzen , fast wilden Handbewegung wies das Freifräulein Juliane von Poppen , die Letzte ihres Geschlechts , diese ganze jämmerliche Welt von sich , als sie den Vorhang faßte , welcher sie von dem Sterbebett der Baronin trennte . Noch einmal stand sie still und beobachtete , ehe sie eintrat , und wieder drückte sie die geballte Hand auf die Brust . Elise , die elegante Kammerjungfer , hatte die beiden Fußlichter an dem großen Toilettenspiegel angezündet , betrachtete ihre liebenswürdige Figur holdlächelnd vom Kopf bis zu den Füßen und rückte zu gleicher Zeit das kokette Häubchen zurecht . Am Ofen rührte die Krankenwärterin , Frau Rosenmeier , nachlässig in einem Töpfchen ; die Kranke stöhnte auf ihrem Lager , aber keines der beiden Frauenzimmer achtete im mindesten darauf . » Wasser , Wasser ! Gebt mir doch Wasser ! « ächzte Viktorine von Poppen . » Gleich , Frau Baronin ! « brummte schnaufend die dicke Madam am Ofen . » Gleich , gleich , gnädige Frau ! « lispelte geziert am Spiegel Mamsell Elise , ohne sich umzuwenden . Auf ihrem heißen Lager warf sich die Kranke hin und her . Ihre fieberglühenden schwarzen Augen leuchteten verzweifelt , unheimlich in dem dämmerigen Winkel , wo das Bett stand . » Zu trinken ! Oh , ihr laßt mich verbrennen ! « Es dauerte noch eine geraume Zeit , ehe sich eins der Weiber herbeiließ , der armen Frau das Glas an die Lippen zu halten . Die Lauscherin hinter dem Vorhang zerbiß fast die Lippen vor Wut . Auf ihrer Decke , in ihren Kissen herum griff die Kranke . » Ich liege so schlecht - das ist wie Stein - o Elise , so komm doch - Frau Rosenmeier ! - Elise , Elise ! « » Gleich , gnädige Frau , gleich ! « kreischte die Kammerzofe , und die Wärterin stürzte auf das Bett zu , schüttelte auf die roheste Weise die Kissen auf , warf die Decke zurecht und behandelte die Leidende nicht anders als ein fühlloses Stück Holz . » Leon , Leon , hilf deiner armen Mutter ! Wo bist du , Leon ? « rief die Kranke im Fieberwahn , unter den rohen Fäusten sich sträubend . » Elise , Elise , ich schenke dir meine rote Samtmantille , wenn du mir hilfst . O sei nicht böse , Elise , schicke diese weg ; ich will dich auch niemals wieder schelten , gewiß niemals ! Bitte , bitte , bitte ! « Mamsell Elise winkte der Wärterin und hauchte : » Aber Rosenmeiern , was machen Sie denn ? Sehen Sie denn nicht , daß die gnädige Frau das so nicht leiden kann - mein Gott , wie gemein . « Dabei ließ sich die Kreatur affektiert seufzend in eine Causeuse sinken ; aber jetzt zerriß auch die Portiere in der krampfhaft zitternden Hand des Freifräuleins , zur Seite flog der Vorhang , und so unvermutet erschien Juliane in der Tür , daß die Kammerzofe im jähesten Schrecken mit abwehrenden Händen in die Höhe fuhr , daß die Wärterin die Tasse , welche sie eben zum Munde führen wollte , fallen ließ . Von ihrem Pfühl hob sich die Kranke und schrie : » Da , da - da ist sie , ich fürchte mich nicht mehr vor ihr ! Juliane , Juliane , komm her , du sollst das letzte Wort haben . Komm herein , du lebst , und ich muß sterben . Treibe die weg - die , die ! Sie wollen mich umbringen . Jage sie fort , komm herein - bald - morgen , wirst du ja doch kommen , und ich werde es dir nicht wehren können ! « An die Hand ihrer Schwägerin klammerte sich die sterbende Viktorine , und mit der gewohnten Energie bemächtigte sich Juliane sogleich der Herrschaft über das Krankenzimmer . Sie hatte ritterlich schon wildere Geschöpfe gebändigt , als die Kammerzofe und die Wärterin waren , und so bezwang sie auch diese beiden Tiere . Die ganze Nacht saß sie am Bette der Verwandten , und die Baronin regte sich nicht , sondern starrte immer nur ganz fest auf die kleine schwarze Gestalt , das verrunzelte Gesicht , die spitze Nase . Gegen Morgen schlief die Kranke ein und erwachte erst , als die Sonne in das Fenster schien . Das Freifräulein beugte sich dann über die Kissen der Leidenden und sagte freundlich und liebevoll : » Guten Morgen , Viktorine , Sie haben einen gesunden Schlaf getan , und ich habe Sie gut bewacht . Sie zürnen mir doch darum nicht ? « Viktorine von Poppen gab keine Antwort . Sie warf die Arme unruhig umher , sie fuhr mit den Händen über das Gesicht , als wolle sie allerlei böse Gedanken von sich scheuchen . Mit ihrer sanftesten Stimme fuhr Juliane fort : » Bitte , bitte , liebe Viktorine , dulden Sie mich so lange um sich , als Sie krank sind . Vergessen Sie , was zwischen uns gelegen hat . - Sind Sie durstig ? Hier - nehmen Sie sich Zeit . - Liebe Viktorine , sobald Sie wieder gesund sind , mögen Sie mich fortschicken . Sie liegen nicht gut , warten Sie , ich will Ihre Kissen zurechtlegen ! « Die Kranke ließ wie ein Kind alles mit sich geschehen , immer noch starrte sie das Freifräulein an ; aber sie murmelte dabei fort und fort den Namen Juliane . Da trat die Kammerzofe in das Zimmer , und hinter ihr erschien die unförmliche Figur , das rote gemeine Gesicht der Wärterin . Beim Anblick dieser beiden Personen warf Viktorine beide Arme um den Hals der Schwägerin und rief in höchster Angst : » Ich bitte dir alles ab ! Verlaß mich nicht , verlaß mich nicht ! Ich bin schlecht gegen dich gewesen und Leon auch . Leon ist tot , o verlaß mich nicht - geh nicht von mir , solange ich noch lebe . Ich will dir alles abbitten . Schicke die fort , jage sie aus dem Hause ; ich bitte dir alles ab . « Das Freifräulein zwang sich , heiter zu lachen , obgleich sie blutige Tränen hätte weinen mögen . » Du hast mir gar nichts abzubitten , liebe Viktorine . Du hast mir nicht mehr Püffe gegeben , als ich dir gab . Und wenn du es willst , so sollen die beiden auf der Stelle dein Haus verlassen . Ich bleibe bei dir ; habe keine Angst . Um Gottes willen - Sie - Weib - nach dem Doktor , nach dem Medizinalrat Pfingsten ! Sie stirbt , sie stirbt ! « Noch starb die Baronin Viktorine von Poppen nicht ; aber von Stunde zu Stunde wurde sie schwächer . Sie verschied erst am Nachmittag , und die Hand Julianes ließ sie bis zum letzten Augenblick nicht los . Sie starb , indem sie flüsterte : » Ich bitte dir alles , alles ab ! « Mit zitternden Händen drückte das Freifräulein Juliane von Poppen die blinden Augen der Toten zu . Das Gericht kam und versiegelte die Zimmer des Hauses Nummer fünfzig bis auf das , in welchem die kalte starre Leiche lag . Auf diese allein machten die Gläubiger keine Ansprüche . Tot und öde war das alte Gebäude , wie das Haus gegenüber . Baptiste und Elise zogen mit reicher Beute und dem Entschluß , gemeinschaftlich einen Viktualienkeller zu halten , ab . Viele Gläubiger waren auf die Nachricht vom Tode der Baronin herbeigeeilt , und von dem einst so stattlichen Besitz der Familie von Poppen konnte das letzte Fräulein von Poppen nur den armen , kleinen , halbverhungerten Hund nehmen . Sie trug ihn auf dem Arme fort , und dankbar winselnd leckte er ihr die Hand . Fünfunddreißigstes Kapitel Es gewinnt den Anschein , daß die Sterne auch ihren Willen durchsetzen werden Ausführlich und in allen Einzelheiten teilte das Freifräulein dem Polizeischreiber alle Vorgänge der letzten vierundzwanzig Stunden mit , wenn auch nicht auf dieselbe Weise , wie wir sie unsern Lesern erzählt haben . Gesenkten Hauptes ging Helene Wienand neben den beiden Alten ; aber sie trug so schwer an den eigenen Kümmernissen , daß sie nur mit halbem Ohr auf die traurige Geschichte vom Ende des Hauses Poppen horchen konnte . Ihre Seele war gefangen auf dem Turme des Sternsehers Heinrich Ulex . Dort saß der kranke Vater neben dem weisen Freunde und Lehrer des verschollenen Geliebten ; nur dort gab es Ruhe für sie , nur dort fand sie Trost . Die Worte des ehrwürdigen Greises hatten denselben schmerzstillenden Einfluß auf sie , dessen Macht Robert Wolf vor Jahren so sehr empfunden hatte . Verhältnismäßig heiter konnte sie nur dann sein , wenn sie im Giebelzimmer des Nikolausklosters saß , die unruhige Hand des Vaters in ihren Händen hielt , am Nachthimmel still die Sterne ihren Weg durch die Ewigkeit gingen und der Seher der kleinen ernsten Gemeinde feierlich die erhabenen Zeichen deutete , welche für alle betrübten , suchenden , zweifelnden Menschenseelen in dem unermeßlichen Raum des Weltalls geschrieben stehen . Der Kreis um den Sternseher zog sich immer fester . Wenn in früheren Jahren die nächtlichen Zusammenkünfte der Alten aus dem Walde nur dann und wann stattgefunden hatten , so ging jetzt fast kein Abend vorüber , ohne daß man sich in dem Observatorium des Astronomen zusammenfand . Je tiefer der Lebensabend der drei Jugendgenossen aus Poppenhagen herabsank , desto mehr fiel alles Nichtige und Äußerliche von ihnen ab ; das Freifräulein verschwand aus der Gesellschaft , Friedrich Fiebiger wurde nur noch sehr selten in seiner Stammkneipe gesehen . Lange nicht mehr so häufig wie sonst erging sich der Humorist in sarkastischen Bemerkungen über die Lebens- und Weltanschauung seines Freundes . Es ist eigentlich ein bitter Ding , seine Ansicht deshalb aufgeben zu müssen , weil man zu sehr recht bekommt , weil einem das selbstaufgestellte Axiom von der lächerlichen Nichtigkeit aller irdischen Dinge an der eigenen Existenz zu klar demonstriert wird . Der Polizeischreiber war aber der Mann , welcher sich dreinfinden konnte ; - er verlor seinen Gleichmut nicht so sehr , daß er aus einem lachenden Philosophen ein grämelnder weinerlicher Murrkopf wurde . Er warf seine Violine auch nicht ganz in den Winkel oder an die Wand ; er musizierte weiter , wenn auch etwas dumpfer und melancholischer als sonst . » Eintönig unkte fort der Frosch sein elendig Sumpflied ! « nannte er das mit freier Benutzung eines Verses Virgils . » Was soll die Kreatur auch anders tun ; das Volk hat ganz recht , wenn es meint , der Mensch sei ein Amphibibichum , könne auf dem Trocknen nicht leben und müsse im Wasser umkommen « , fügte er dann wohl hinzu und - stopfte eine frische Pfeife . Auch jetzt folgte er den beiden Frauen auf ihrem Wege zum Nikolauskloster , stieg mit ihnen die alte Wendeltreppe hinauf . Sie brauchten nicht mehr anzuklopfen . Heinrich Ulex öffnete seine Tür , ehe sie die oberste Stufe der Treppe erreicht hatten . Alles unverändert in dem düstern Gemach ! Jedes Bild , jedes Buch , jedes Instrument an seinem Platze ! Aber in dem Schatten , welchen die grüne Studierlampe vergeblich zu verscheuchen strebte , suchte sich jemand zu verbergen , der beim Beginn unserer Geschichte nicht anders als mit einem verächtlichen Lächeln auf den Lippen und mit bedauerndem Achselzucken über sein großes Hauptbuch weg , aus dem Fenster seines Kontors , drunten gegen Süden , zu diesem Klostergiebel emporgeblickt hatte . Ja , scheu vor jedem Fußtritt wich der Bankier Wienand in die Dunkelheit zurück und wagte sich nur dann hervor , wenn der Sternseher beruhigend sagte : » Kommt , es sind Freunde ! Kommt , ich will es ! « Nach dem Wort Julianes hatte der Kommerzienrat jetzt hier Schutz gesucht . In schrecklichster Weise war die warnende Drohung erfüllt . Verspottet hatte der große Kaufmann die Sterne und war den furchtbaren Mächten , den dunkeln Geistern der Erde anheimgefallen . Milde und voll Erbarmen sind die Sterne , die lichten himmlischen Kräfte - zersprengt hatten sie die Fesseln des Unglücklichen und ihn wieder frei auf den Scheideweg gestellt . Nun hatte er zum zweitenmal im wilden Trotz die hohen Geister verachtet , und zum zweitenmal war er in die Gewalt der Dämonen gefallen . Auf Erden war keine Rettung mehr für den Bankier Wienand ; zweimal ließen die Unterirdischen ihr Opfer nicht frei . Helene eilte zu ihrem Vater und küßte ihm die Hand , diese Hand , welche noch immer die kindische Papierrolle hielt , von welcher der Polizeischreiber seinem Vorgesetzten erzählt hatte . Dem Sternseher berichtete das Freifräulein den Tod der Baronin Viktorine , und wie Fiebiger sprach auch Heinrich Ulex : » Sie ist von einem traurigen Leben erlöst , Natur und Erziehung haben sie manchen Fehler begehen lassen ; bittere Frucht hat sie aus dem Samen , welchen sie streute , geerntet . Arme Frau ! Möge sie sanft ruhen . « Nun saßen sie alle nach gewohnter Weise im Kreis , und dicht neben dem Sternseher kauerte der Irrsinnige und bewachte mit ruheloser Aufmerksamkeit jede Bewegung desselben . Der eigentliche Gedankenaustausch über den Tod der Baronin von Poppen fand jetzt erst statt , wo jeder der drei Alten aus Poppenhagen seine Meinung darüber sagen konnte . Es konnte nicht fehlen , daß ein solches Ereignis die Jugenderinnerungen auf das lebendigste anregte . Sie erwachten auch - traurig und freudig , trübe und lieblich stiegen sie empor . Das beschränkte , wunderlich vollgepfropfte Observatorium des Astronomen wurde zu dem großen Walde , aus dem die drei Alten stammten ; nur von ihrer Jugend und dem , was daraus in den jetzigen Augenblick herüberklang , sprachen die drei Alten an diesem Abend . Ohne Scheu und Scham konnten diese greisen Köpfe jedes Angedenken zurückrufen ; vor keiner Stunde ihrer Jugend mußten sie erschrecken und errötend zurückweichen . » Ich bin nun die Letzte meines Namens « , sagte das Freifräulein , » zugrunde geht das alte Geschlecht . Als man den letzten Herrn von Poppen tot in das Haus seiner Mutter trug , hat die Welt die Achseln gezuckt , und viele haben der Verachtung Spott hinzugefügt . Die närrische Mutter hat sich um den Sohn zu Tode gegrämt ; aber , ihr Leute aus Poppenhagen , den grimmigsten Schmerz habe doch ich , ich allein , um den letzten Freiherrn von Poppen getragen . O es ist so schrecklich , so kläglich , das letzte Weib von einem Geschlecht zu sein , dessen letzten Männern der Hohn und der Spott in die Gruft folgte , denen die öffentliche Meinung den adeligen ritterlichen Schild mit Lachen am Grabe zerschlug . Sie lachen ! Sie lachen ! Das ganze Volk lacht , in seinen Häusern , auf seinen Märkten , in seinen Gerichtsstuben , in den Versammlungen seiner Abgeordneten und Vertreter . Weh , und es hat das Recht zu lachen ; es kann , es darf nicht die Unschuldigen , Tapfern und Treuen von den Jämmerlichen und Erbärmlichen scheiden , wenn es ein starkes , mannhaftes Volk bleiben will . O ihr Männer von Poppenhagen , beklagt , beklagt das arme Freifräulein von Poppen , beklagt alle die , welche ihren Namen , ihr Geschlecht , ihren Wirkungskreis , alles , alles im Hohn des Volkes untergehen sehen und welche sich vor Gott und ihrem Gewissen auf die Seite der Spötter und Lacher stellen müssen . « Die beiden Greise neigten sich gegen die alte Jungfer , wie sich einst stolze , tapfere , selbstbewußte Vasallen vor einer unglücklichen Lehnsherrin gebeugt haben würden . » Fräulein von Poppen « , sagte der Schreiber , » in unserer Zeit , wo die bewegende Kraft in die Massen zurückfällt , wo selbst die Größten nur das wollen dürfen , was die Allgemeinheit will , in dieser Zeit steht der einzelne , der stets und mit aller Kraft das Edle und Gute gewollt hat , freier von Verantwortlichkeit für andere da als in irgendeiner andern Epoche . Geschlechter , Stände mögen im Lachen der Menge zugrunde gehen ; der tadellose , fleckenreine Schild des einzelnen wird um so heller glänzen . « » Juliane « , sagte Heinrich , » an dem Grabe des Sohns der Baronin von Poppen zerbrach man nicht den Schild des alten Geschlechts ; man zertrümmerte nur den Schild Leons von Poppen . Juliane von Poppen hat ihren eigenen Schild , und der wird ihr auf den Sarg gelegt werden , und niemand , niemand wird dabei lachen . Weinen wird man , recht von Herzen weinen , und nicht nach Ständen werden sich die Freunde um die Gruft drängen . Edelleute , Bürger und arme Proletarier werden der Geschiedenen Namen mit einer Stimme für rechtedel erklären . « » Ich danke euch , Freunde « , rief das Freifräulein , durch Tränen lächelnd . » O es war doch damals eine schöne Zeit im Winzelwalde , als ich euch das Lesen lehrte ! Wir haben uns gut durchgeschlagen und tapfer zu jeder Zeit zusammengehalten . Fast ein halbes Jahrhundert ist ' s her , seit die böse Mamsell Schnubbe unser Versteck im Eberkamp ausfindig machte und mein Vater mich halb tot schlug und ihr aus dem Winzelwalde davonlaufen mußtet , ihr armen Jungen . Nun sitzen wir hier , drei Grauköpfe , und sehen nach den Sternen - « » Und die Sterne haben uns gut geführt « , sprach Ulex . Fritze Fiebiger , der Polizeischreiber , nickte mit dem Kopfe . » Zwei Hagestolze und ein - altes Fräulein . Die Sterne haben uns wirklich so gut als möglich geführt . « Noch vieles sprachen Heinrich , Friedrich und Juliane von ihrer Jugend und den Sternen ; der Kranke neben dem Sessel des Sternsehers schlief fest , wenn auch unruhig . Aus den Betrachtungen des Todes gelangten die drei Alten aus dem Walde allmählich immer mehr in die freundliche Helle des Lebens zurück ; auch von Robert Wolf sprachen sie , von dem Jüngling aus dem Walde , und lichte Glut flog nun über Helenes bleiches abgehärmtes Gesicht . Bis jetzt hatte sie auf das Gespräch der Greise nur halb horchen können . Die eigenen Gedanken ließen sie nicht los , und wie sie sich auch abmühte , den Geist auf das Nächste zu richten , ihn in dem Kreise der Freunde , an der Seite des unglücklichen Vaters festzubannen , immer von neuem wurde ihre Seele widerstandslos entführt , hinausgewirbelt in die Weite , auf unbekannte Pfade , in fremde Wildnisse , über unermeßliche Wüsteneien von Land und Wasser . Das Brausen und Sausen um den alten Klostergiebel , jedes stärkere Anschwellen des Windes nach kurzer Ruhepause erhöhte dieses ahnungsvolle , bange , ruhelos suchende Gefühl . Ach , die Alten , welche mit dem Leben abgeschlossen hatten , hatten gut die Sterne loben ! Jetzt aber ahnte der feinfühlende Gelehrte , was im Herzen des jungen Mädchens vorging . Sanft nahm er die Hand desselben und sprach : » Du liebes Kind , fasse Mut ! Für jeden , jeden kommt die Stunde , wo er die Sterne preist - früher oder später , hier oder dort oben . Keiner bleibt ewig ausgeschlossen ; für jeden , jeden kommt der Augenblick , wo alles ausgeglichen , alles gut ist . Keiner bleibt trotzend oder mit verhülltem Angesicht im Winkel stehen , während die andern vom liebenden Arm der Mutter warm umschlungen werden . Hoffe , hoffe , liebes Kind ; du darfst es ; die Hoffnung der Jugend liegt noch vor dem Grabe . Gib den Sternen die Deutung der Jugend , solange du jung bist . Ja , horche nur auf den Fußtritt des Glückes . In jedem Augenblick kann es kommen , dich in ein neues helles Dasein zu führen . « Und während der Alte auf dem Turme so sprach , schritt ein Wanderer schnell durch die Gassen der Stadt . Der letzte Eisenbahnzug , der von Norden her die Stadt erreicht , hatte diesen Wanderer herübergeführt ; es war Robert Wolf . Ein Wundarzt , welcher den letzten Teil der Reise mit ihm zusammen machte , hatte ihm mit aller Gewalt zur Ader lassen wollen , weil er eine Gehirnentzündung oder dergleichen bei dem jungen aufgeregten Passagier im Anzug glaubte . Eine Reisetasche mit den Buchstaben R.W. figurierte später im Verzeichnis der in den Wagen vergessenen Gegenstände . Mit einem Satze aus dem Kupee und vorüber an den mißtrauischen Helfershelfern des Polizeischreibers Fiebiger ! Mit einem Sprung aus der Halle in die Gassen . O wie die Pulse klopften , wie es vor den Augen flimmerte , wie die Gaslichterreihen tanzten ! Es ist ein weiter Weg vom Hamburger Bahnhof bis in die Mitte der Stadt , bis zur Musikantengasse , bis zum Nikolaikloster ; aber keine Prämiendroschke hätte ihn schneller zurückgelegt als Robert Wolf . Erst an der Ecke der Kronenstraße mäßigte er seine Schritte ; zwischen der einstigen Wohnung des Bankiers Wienand und dem von Poppenschen Hause stand er einen Augenblick ganz still . Der holde Baptiste war nicht mehr beauftragt , ihn zu überwachen ; - dunkel waren die Fenster zu beiden Seiten der Häuser , zwei derselben in der Nummer fünfzig waren geöffnet , und der Wind hatte die weißen Gardinen hervorgerissen und warf sie gespenstisch hin und her . Die Straße war nicht sehr belebt , alle Vorübergehenden hätte Robert Wolf fragen mögen , ob sie nichts wüßten von den beiden dunkeln Häusern und ihren Bewohnern . Endlich riß er sich los von der Stelle , die ihn so gewalttätig bannte ; weiter schritt er durch die bekannten Gassen , das Labyrinth , welches ihn vor Jahren so sehr geängstet hatte . Jetzt schreckten die aufgetürmten Steine , das Drängen des Volkes den Mann nicht mehr , der das Kap Hoorn umschifft hatte , der über die großen Prärien geritten war . Noch eine Ecke , und da - da war die Musikantengasse , da war das Haus Nummer zwölf . Ein Heimchen zirpte laut unter der Schwelle ; aber nur das mittlere Stockwerk , in welchem jetzt ein Beamter wohnte , war erleuchtet . Weiter oben war alles dunkel , der Partikulier Mäuseler befand sich im Roten Bock ; der Gatte der liebenswürdigen Angelika gähnte wahrscheinlich eben auf der andern Seite der Erdkugel den jungen amerikanischen Tag an . Wo der Polizeischreiber Friedrich Fiebiger sich befand , wußte Robert Wolf , und so trat er nicht ein in das Haus , sondern grüßte nur ernst und gerührt nach den höchsten Fenstern desselben hinauf . Da war das dunkle Gäßchen und das Fenster der Kammer , in welcher der Meister Johannes Tellering gestorben war ! Da war die niedere Pforte , welche in den gerümpelvollen Hof des Nikolausklosters führte , da war die steile Wendeltreppe , der Schleichweg der Mönche , wo der Schüler des Sternsehers sonst drei Tritte für einen genommen hatte ! Heute stieg er Tritt für Tritt empor und hielt sich krampfhaft an dem baufälligen , knackenden Geländer ; gleich einem Trunkenen schwankte er . Alle Ecken und Winkel am rechten Fleck ! Auch die Ecke , an welcher man sich so leicht das Schienbein zerstieß ! Tüchtig rannte Robert Wolf dagegen , aber er hatte kein Gefühl für den Schmerz . - Und im Giebelzimmer des Sternsehers sagte eben Juliane von Poppen : » Es ist Zeit zu scheiden ; wir müssen gehen , Helene ! « Da richtete sich Ulex horchend auf , und Fiebiger sprang empor . Welch ein Schritt draußen ? ! Lautlos , regungslos horchte der kleine Kreis , und dann klopfte es an der Tür , und die Tür öffnete sich . Der Polizeischreiber stieß einen ganz unpolizeimäßigen Schrei aus , der Gelehrte hob die Hände ; Helene Wienand erhob sich geisterbleich , zitternd an allen Gliedern , und das Freifräulein ließ den Krückstock fallen . In den Armen hielt Friedrich Fiebiger den Pflegesohn : » Da bist du ! Da bist du ! O jetzt lobe ich auch ohne Vorbehalt die Sterne . Junge , Junge , mein lieber Junge , da bist du endlich . « Er ließ ihn nur los , um ihn dem Sternseher hinzuschieben : » Da hast du ihn auch ! Da habt ihr alle ihn ! Er ist es ! Die Kannibalen haben ihn nicht gefressen . Gepriesen seien die Sterne ! « » Gesegnet sei dein Eingang , liebes Kind ! « rief Ulex mit hochbewegter Stimme . » Wir haben dich mit Sehnsucht erwartet , aber ich wußte wohl , daß du zu rechter Stunde kommen würdest . « Sprachlos , mit überströmenden Augen , blickte Robert umher , er sah auch Helene und wollte auf sie zu ; doch das Freifräulein trat jetzt heran , dicht heran an den heimgekehrten Wanderer . Sie hatte die Lampe vom Tisch genommen und ließ den Schein derselben ihm voll ins Gesicht fallen und sah ihm aufmerksam und prüfend in die Augen . Sie sah in das mannhafte Gesicht und sah die hellen Tränen an den Wimpern hängen , sie setzte die Lampe wieder nieder , reichte dem Jüngling die Hand und sprach : » Du hast dich gut gehalten ; - sei willkommen ! « Seine hohe Gestalt beugte Robert , um der alten Dame die Hand zu küssen ; aber sie faßte ihn um den Hals und küßte ihn auf die Stirn . Dann warf sie in ihrer alten Weise den Kopf zurück und sagte mit vollständig verändertem Ton und Ausdruck : » Nun , junger Herr , wollen Sie meinem Kinde hier kein Wort sagen ? Komm her , Helene ; komm aus dem Schatten , Liebchen ; die Sonne will wieder in dein Leben scheinen