Meere aufsteigen läßt , damit sie in dem Augenblicke versinkt , wo wir das palmengeschmückte , palastumsäumte Ufer zu berühren glauben . Ein Dörfchen , dem sich Oswald mit raschen Schritten näherte , lag in dem innersten Winkel einer tiefen , von mäßig hohen Uferfelsen umschlossenen Bucht , wo das Wasser so still und glatt war wie in einem Gartenteich . Einige der Hütten lagen hart am Strande , andere waren an den Ufern eines Baches , der sich an dieser Stelle in ' s Meer ergoß , in der tiefen breiten Schlucht , die er sich gewühlt hatte , erbaut . Vor den Thüren waren kleine mit Muscheln eingefaßte Gärtchen ; auf den mit weißem Sande ausgefüllten Gängen zwischen den Häusern hingen Netze zum Trocknen an langen Stangen ; ein paar rothhaarige Buben waren eifrigst mit Antheeren eines umgestülpten Bootes beschäftigt ; vor einer der größeren Hütten saßen ein paar Frauen , Netze flickend . Oswald näherte sich den Frauen , die , als sie seinen Schritt vernahmen , neugierig von ihrer Arbeit aufsahen , und fragte sie begrüßend , ob es ihm verstattet sei , sich hier etwas auszuruhen , und ob er einen Trunk Wasser und ein Stück Brod haben könne ? Stine , sagte die ältere von den drei Frauen , eine Matrone von stattlichem Umfang und einem überaus gutmüthigen , wettergebräunten Gesicht , zu einem der beiden jungen Mädchen an ihrer Seite ; steh auf und laß den Herrn sitzen . Siehst Du nicht , daß er müde und ausgehungert ist ? Geh in ' s Haus , und bring was wir haben . Setzen Sie sich , junger Herr . Sie sind gewiß auch ein Maler ? Warum meinen Sie das ? fragte Oswald , den angebotenen Platz annehmend . Nun , ein vernünftiger Mensch klettert nicht bei der Hitze am Strande herum ; nichts für ungut , Herr Maler . Ich hab ' schon einen von Ihren Kameraden bei mir wohnen gehabt , der zwei Wochen hier geblieben ist ; und wenn Sie ein eben so ordentlicher , ehrlicher Mensch sind , so können Sie auch bei Mutter Karsten wohnen ; aber die Wände dürfen Sie nicht vollkritzeln , das sage ich Ihnen gleich im voraus . Oswald mußte lächeln , als er so ohne Umstände zu einem auf einer Studienreise begriffenen Landschafter gemacht wurde . Wie ? wenn er sich die harmlose Rolle , die ihm aufgenöthigt wurde , gefallen ließ ? Es war ihm ja so gleichgültig , wo er blieb - Alles , was er wollte , war Einsamkeit - und konnte er eine tiefere Einsamkeit finden , als hier in dieser stillen Bucht unter diesen gutmüthigen , kindlichen Menschen , die nichts dagegen haben würden , wenn er halbe Tage lang zwischen den Felsen des Strandes umherirrte ? Und dann war er doch hier in der Nähe von Berkow , von dem er sich nicht allzuweit entfernen durfte . Er hatte mit Melitta verabredet , daß , im Fall sich ihre Abwesenheit in die Länge zöge , der alte Baumann , der in Berkow zurückgeblieben war , die Correspondenz zwischen ihnen übermitteln sollte . So wollen Sie mich ein paar Tage hier behalten ? fragte er . Ja , aber die Wände dürfen Sie nicht vollkritzeln , sagte Mutter Karsten . Das verspreche ich , sagte Oswald lächelnd . Dann können Sie bleiben , so lange Sie wollen . Das ist recht , Stine , rücke den Tisch näher an den Herrn ; und , hörst Du , hol auch von dem alten Cognac , den der Clas Jochen aus England mitgebracht hat , das bloße Wasser thut nicht gut bei der unvernünftigen Hitze . Oswald war beinahe schon acht Tage in Sassitz und er bereute keinen Augenblick , der Einladung Mutter Karsten ' s gefolgt zu sein . Er stand in sehr großer Gunst bei Mutter Karsten . Er hatte stets ein freundliches Wort für Jeden , selbst für den steinalten , halb blödsinnigen Vater von Mutter Karsten , der den ganzen Tag in seinem Lehnstuhle in der Sonne saß und unverwandt auf das Meer hinausstarrte , wenn ihm nicht , was freilich oft geschah , die alten noch immer scharfen Augen vor Müdigkeit zufielen . Mutter Karsten erklärte , daß Oswald ein eben so » ordentlicher , ehrlicher « Mensch sei , wie sein Vorgänger , daß es aber bei ihm hier ( mit einer bezeichnenden Bewegung des Fingers nach der Stirn ) noch weniger richtig sei , als bei jenem . Was Mutter Karsten zu diesem Ausspruch veranlaßte , war der allerdings verdächtige Umstand , daß der junge Mensch , welcher doch nun einmal verrückt genug war , eine in ihren Augen so überflüssige Hantirung zu treiben , nicht nur nicht die wieder übertünchten Wände seiner Schlafkammer mit Kohlenskizzen von Schiffen unter vollem Segel , einsamen Klippen , über denen Möven flatterten , und originellen Matrosengesichtern bedeckte , wie sein Vorgänger weiland , sondern überhaupt gar nicht zeichnete und malte , sondern den lieben langen Tag nichts that , als am Strande umherlaufen , oder auf einem der kleinen Ruderboote mutterseelenallein so weit auf ' s Meer hinausfahren , daß man ihn vom Strande aus kaum noch sehen konnte . Wie und womit er sich auf diesen stundenlangen Spaziergängen und Fahrten die Zeit vertrieb , war Mutter Karsten ein unergründliches Räthsel , würde selbst dann für sie noch immer ein Räthsel gewesen sein , wenn sie gesehen hätte , daß Oswald , sobald er sich allein wußte , einen Brief , den ihm vor ein paar Tagen ein alter , sonderbar aussehender Mann gebracht hatte , aus der Tasche nahm und ihn wieder und immer wieder studirte , als ob er ihn nicht schon längst Buchstab für Buchstab und Zeichen für Zeichen auswendig gewußt hätte . Der sonderbar aussehende alte Mann , der » so ein hochbeiniges , langhalsiges Pferd ritt , wie sie der Clas Jochen in England gesehen hatte , « war nämlich Niemand anders gewesen , als der alte Baumann auf dem Brownlock . Oswald hatte ihm gleich am nächsten Tage nach seiner Ankunft in Sassitz mitgetheilt , daß er sich entschlossen habe , bis auf weiteres hier zu bleiben ( auch nach Grenwitz hatte er dieselbe Botschaft geschickt , mit der Bitte , ihm etwa ankommende Briefe nachzusenden ) , und einen Tag später konnte die treue Seele schon einen Brief der vielgeliebten Herrin in Oswalds Hände legen . Es waren wenige Worte nur , auf der Reise , in einer Stadt Mitteldeutschlands , kurz vor dem Schlafengehen in einem Hotel geschrieben - wenige Worte , verwirrt und traurig , aber süß und köstlich , wie Küsse von geliebten Lippen in dem Augenblicke der Trauung . Er hatte Baumann seine Antwort mitgegeben und erwartete nun täglich einen zweiten ausführlicheren Brief mit einer Ungeduld , die keineswegs eine freudige war . Er hatte an sich selbst die schlimme Entdeckung machen müssen , wie tief verborgen der Verrath in einem Herzen lauert , daß sich bis in seine geheimsten Tiefen ganz von Liebe erfüllt glaubt . Zwar hatte er sich über die Scene in der Fensternische auf dem Balle in Barnewitz mit der Entschuldigung zu trösten gesucht : ich war außer mir ; ich wußte nicht was ich that ; aber kann Eifersucht eine Entschuldigung für Treulosigkeit sein ? Und dann : war diese Eifersucht denn nun wenigstens todt ? war sie nicht , als er Melitta ' s Bild in dem Zimmer des Barons hinter dem Vorhang entdeckte , in hellen Flammen aufgeschlagen ? Hatte er nicht der Erzählung Melitta ' s mit athemloser Spannung gelauscht , immer fürchtend , daß jetzt - jetzt ein Umstand erwähnt werden möchte , der seinen Verdacht , daß sie den merkwürdigen Mann dennoch - vielleicht ohne es selbst zu wissen - geliebt habe , bestätigen würde ? hatte sie nicht gesagt : ich glaubte ihn zu lieben ? - und nun gerade in dem Augenblicke , wo die Erzählung bis zu der Katastrophe gekommen war , die Alles und auch die Feindschaft , die jetzt offenbar zwischen ihr und dem Baron herrschte , erklären mußte - wird ihr eine Botschaft gebracht , so sonderbarer , so unheimlicher Art , so ganz geeignet , Oswald ' s ohnedies schon verstörtes Gemüth ganz und gar zu verwirren ! Nicht genug , daß ihm in Baron Oldenburg ein Nebenbuhler , den zu verachten unmöglich war , in Fleisch und Blut gegenüber stand - hier kommt ein Gemahl , das Gespenst eines Gemahls , aus einer sieben Jahre langen Wahnsinnsnacht emporgetaucht und winkt sie zu sich an sein Sterbebett - sie , seine Geliebte , seine Melitta - - Oswald fühlte , daß er selbst wahnsinnig werden würde , wollte er diesen Gedanken zu Ende denken . Er hatte es so ganz und gar vergessen , daß Melitta jemals vermählt gewesen war , daß sie jemals in den Armen eines andern Mannes , gleichviel , ob sie ihn geliebt - und um so gräßlicher , wenn sie ihn nicht geliebt - geruht , daß sie jemals die Liebkosungen eines andern Mannes entgegengenommen hatte - er zerknitterte den Brief Melitta ' s , er hätte laut aufschreien mögen vor wildem Schmerz , er hätte sein Haupt an den Felsblöcken zerschellen mögen . Warum dieses Gift in den köstlichen Trank seiner Liebe ? warum mußte das leuchtende Gewand seines Engels in dem Schmutz des Lebens schleifen ? warum mußte die duftige Blüthe vom schnöden Wurm benagt werden ? - und wäre sie denn nur jetzt wenigstens frei - aber sie ist es nicht - selbst dann nicht , wenn jenes Gespenst aus der Nacht des Wahnsinns in die Nacht des Todes sinkt . Sie ist die Mutter ihres Kindes - seines Kindes , und diese Rücksicht , die sie jetzt für einen Augenblick vergessen hat , wird in den Vordergrund treten und mich wird sie aufgeben - aufgeben müssen . Und wozu soll es auch führen ? so lange dies heimliche Verhältniß dauert , das ein tückischer Zufall seines Geheimnisses berauben kann , steht ihr guter Ruf auf eines Messers Schneide - und kann aus diesem Verhältnisse jemals ein anderes werden ? kann ich , der pfenniglose Abenteurer , der Freiheitschwärmer , jemals daran denken , die reiche Aristokratin zu heirathen ? daran denken , mich in die Gesellschaft der verhaßten Menschen zu drängen , die den Parvenü stets über die Achsel ansehen würden ? nie ! nie ! Lieber leben , wie die armen Fischer , die täglich mit Gefahr des Lebens dem grausamen Meer den kärglichen Unterhalt abringen müssen ! - So irrte Oswald ' s Geist in einem Labyrinth von schmerzlichen Zweifeln ruhelos umher , wie er selbst zwischen den Uferklippen auf dem öden Strande ruhelos umherirrte , als plötzlich ein Ereigniß eintrat , das ihn sehr gegen seine Vermuthung und seinen Wunsch zwang , in die Gesellschaft , die er jetzt so gründlich haßte , zurückzukehren . Siebenunddreißigstes Capitel Als er nämlich an einem der folgenden Tage gegen Abend nach einer Abwesenheit von mehreren Stunden sich wieder dem Dorfe näherte , sah er vor der Thür von Mutter Karsten ' s Wohnung einen mit zwei Pferden bespannten Wagen halten . Dies war etwas so ganz Außerordentliches in dem von allem Verkehr abgeschnittenen Sassitz , daß Oswald sich wohl denken konnte , es müsse auch etwas Besonderes sich unterdessen ereignet haben . Um den Wagen und an die Thür des Häuschens drängten sich Frauen und Kinder und die paar Männer , die nicht mit auf dem Fischfang waren . Sie wollten wissen , ob der alte Steffen , Mutter Karsten ' s Vater , diesmal wirklich sterben müsse , oder ob es dem jungen Doctor , nach dem Mutter Karsten vor einigen Stunden die rasche Stina geschickt hatte , gelingen werde , ihn noch einmal von seinem bösen Stickhusten zu curiren . So erzählten sie Oswald mit verstörten Mienen und gegen die Gewohnheit redselig , als er fragend unter sie trat . Denn Vater Steffen war der Patriarch des Dorfes , von Allen geehrt . Oswald eilte auf diese Nachricht hin , ohne sein Incognito zu bedenken , in das Haus und die Wohnstube . Der silberhaarige Greis saß in seinem Lehnstuhl , matt und bleich , aber , wie es schien , der Gefahr entrissen - Dank der rechtzeitigen Hülfe des Doctor Braun , der so eben von den Danksagungen der tief gerührten Mutter Karsten , ihrer Töchter und eines halben Dutzend anderer Frauen nach der Thür retirirte . Gut , daß Sie kommen , rief er dem eintretenden Oswald entgegen ; ich habe einen Auftrag an Sie ; wollen Sie mir erlauben , daß ich mich desselben , da meine Zeit kurz gemessen ist , sogleich entledige ? Der Doctor ergriff Oswald ohne Umstände unter dem Arm , ihn mit sich fort zum Hause hinaus ziehend . Entschuldigen Sie mein Ungestüm , sagte er , als sie , Arm in Arm , am Strande hinschritten ; aber einmal treffen Sie mich in voller Flucht vor den Danksagungen der guten Leute , und zweitens betrachte ich Sie , trotzdem wir uns leider bis jetzt nur einmal gesehen , als einen alten Bekannten , denn ich habe mich seitdem in Gedanken sehr viel mit Ihnen beschäftigt . Aber nun zu meinem Auftrag ! Sie wissen jedenfalls noch nicht , daß die Familie Grenwitz von der großen Badereise , auf die ich sie vor ein paar Tagen geschickt hatte , wohlbehalten , wieder zurück ist ? Nein ! sagte Oswald mit nicht geringer Verwunderung . Wie sollten Sie auch in diesem von aller menschlichen Cultur abgeschnittenen Dorfe der Ichthyophagen ! Genug , die Familie ist wieder da . Der Baron ( so erzählt die glaubwürdige Anna-Maria ) hatte in Hamburg einen fürchterlichen Fieberanfall . Der herbeigerufene Arzt erklärte es für Wahnsinn , unter diesen Umständen die Reise über ' s Meer anzutreten und rieth zur Umkehr . Sein Rath wurde von Anna-Maria , die von vornherein gegen die Reise war , höchlichst gebilligt - bref ! sie packten sich sammt und sonders , und Fräulein Helene dazu , die sie aus der Pension abholten , in die große Familienkutsche und sind wieder hier seit gestern Abend . Es wurde natürlich sofort nach mir geschickt . Ich bin heute Nachmittag dort gewesen , und da ich zufälliger Weise erwähnte , ich müsse noch nach Sassitz , bat mich die Baronin , die von Ihrem hiesigen Aufenthalte unterrichtet war , Ihnen zu sagen , daß man sich in Grenwitz ganz ausnehmend freuen würde , Sie möglichst bald wieder innerhalb des Schloßwalles zu sehen . Ich erwiederte , wie mir die Ausführung dieses Auftrages zu ganz besonderem Vergnügen gereiche und daß ich Ihnen zur Rückfahrt meinen Wagen und meine Gesellschaft anbieten würde - was ich denn , hochachtungsvoll und ergebenst , hiermit gethan haben will . So sprach Doctor Braun , freundlich und lebhaft , wie es seine Gewohnheit war , die grauen Augen mit den braunen leuchtenden Sternen forschend auf Oswald heftend . Ich komme Ihnen recht ungelegen , gestehen Sie es nur ! setzte er hinzu . Durchaus nicht ! erwiederte Oswald , das heißt , ich weiß , wie Achill , als man ihm die Brisäis raubte , den Boten von seiner Botschaft wohl zu unterscheiden . Und wer ist die schöne Brisäis , die ich Ihnen , oder der ich Sie entführe ? fragte der Doctor . Die Einsamkeit , erwiederte Oswald . Nun , daraus mache ich mir kein großes Gewissen , sagte der Andere lachend ; die Einsamkeit ist wie der Duft mancher Giftpflanzen , süß , aber betäubend , und mit der Zeit geradezu verderblich , selbst für die stärksten Constitutionen . Wollen Sie meinem Rathe folgen ? lassen Sie die schöne Brisäis Einsamkeit in Gottes Namen ziehen , zu wem sie will ; setzen Sie sich zu mir in den Wagen und kutschiren Sie mit mir nach Grenwitz , wo Sie überdies ein Mädchen finden sollen , bei deren Erblicken Sie ausrufen werden : hier ist mehr denn Brisäis ! Fräulein Helene ? Fräulein Helene , auch ein griechischer Name , und der einen bessern Klang hat , wie der andere . Aber die Sonne , oder vielmehr Helios , senkt seinen Wagen , und meine Pferde werden ungeduldig . Sie kommen doch mit ? Ohne Zweifel , sagte Oswald . Eine Viertelstunde später rollte der Wagen mit den beiden jungen Männern bereits auf der Höhe des Ufers nach Grenwitz zu , das nur eine Stunde Weges entfernt war . Oswald hatte Mutter Karsten hoch und theuer versprechen müssen , bald wieder nach Sassitz zu kommen , und die große Herzlichkeit , mit der sich beim Abschied Alt und Jung um ihn drängte und ihm ihr Adjies , Herr Maler ! nachrief , zeigte , daß er sich während seines kurzen Aufenthaltes , ohne es darauf anzulegen , die Gunst des harmlosen Völkchens in einem hohen Grade erworben hatte . Der Abend war wunderschön . Der rothe Sonnenball hing am Horizonte und goß einen Zauberschimmer über die öde Küstenlandschaft . In dem hohen Haidekraut rechts und links vom Wege zirpten die Cikaden ; Schwalben schossen hoch oben in der überaus klaren , weichen Luft . Oswald fühlte sich zum ersten Male seit langer Zeit beinahe heiter , und er mußte im Stillen dem klugen Manne an seiner Seite recht geben , daß man die Freuden der Einsamkeit doch zu theuer erkaufe . Wie leid thut es mir , sagte er , daß wir unserem Vorsatz , uns häufiger zu sehen , so wenig treu geblieben sind . L ' homme propose et Dieu dispose , erwiederte Doctor Braun . Wir wollen es in Zukunft besser zu machen suchen . Sie bleiben ja , wie ich höre , noch lange in dieser Gegend , und ich werde auch wohl meinen Plan , nach Grünwald überzusiedeln , noch so bald nicht ausführen können . Sie wollen nach Grünwald ? Vorläufig wenigstens . Ich concurrire hier mit einem trefflichen Mann , der jedenfalls ein viel gewiegterer Praktiker ist , wie ich Gelbschnabel , trotzdem aber durch mich in den Schatten gestellt wird , weil ich das Glück gehabt habe , ein paar gute Kuren zu machen , wie sie ' s nennen , und weil die Leute immer nach dem Neuen laufen , auch wenn es nicht das Bessere ist . Zwei Aerzte aber trägt die Gegend nicht , und mein College ist alt und hat eine zahlreiche Familie zu ernähren ; ich bin jung und vorläufig nur verlobt , folglich werde ich ihm den Platz räumen . Das ist sehr edel . So scheint es , aber scheint auch nur . Ich gieße das reine Wasser nur fort , weil ich noch reineres in Aussicht habe . Mein Schwiegervater ist einer der bedeutendsten Aerzte in Grünwald . Die Hälfte seiner Praxis ist mir , wenn er sich zur Ruhe setzt , wozu er sich noch immer , trotz seiner wankenden Gesundheit , nicht entschließen kann , gewiß ; und da meine Braut eine Grünwälderin ist , jedes Fischlein sich aber in seinem Teich am wohlsten fühlt , ich überhaupt die Gesellschaft der Cyklopen und Ichthyophagen , mit denen ich hier verkehren muß , herzlich satt habe , so - sehen Sie , daß mein Edelmuth die Grenzen des Erlaubten noch keineswegs überschreitet . Ist es indiscret , nach dem Namen Ihrer Fräulein Braut zu fragen ? Bewahre : Sophie Robran . Ich hatte während meines Aufenthaltes in Grünwald leider nicht das Vergnügen , mit Fräulein Robran in Gesellschaft zusammenzutreffen . Mein würdiger Freund , der Professor Berger , nannte sie den einzigen Schwan in einer gewaltigen Heerde von Gänsen . Sie waren längere Zeit in Grünwald ? Ich komme eben von dort , nachdem ich ein halbes Jahr in den schattig-stillen Straßen der trefflichen Stadt ein äußerst idyllisches Leben geführt , und unter Berger ' s Auspicien meine Examina absolvirt hatte . Aber - Sie werden jetzt mit größeren Recht über meine Indiscretion klagen - was bestimmte Sie , wenn Sie diese Brücke der Lahmen und Blinden hinter sich haben , der Wirksamkeit in einem größeren Kreise , für die Sie doch offenbar vorzüglich befähigt sind , das Stillleben eines Hauslehrers in einer adeligen Familie vorzuziehen , wo es Ihnen geradezu unmöglich wird , Ihre Kräfte frei zu entfalten ? Was mich dazu bestimmte ? antwortete Oswald , ich weiß es selbst kaum . Einmal wohl der gründliche Abscheu vor dem , was die Menschen mit jenem , für ein planetarisches Gemüth so äußerst bedenklichen Ausdruck : eine feste Anstellung , bezeichnen ; sodann der Einfluß Berger ' s , der mir dringend rieth , mich nicht vor der Zeit zu binden , sondern noch ein paar Jahre in der Welt herumzusinbadesiren , wozu ich jetzt , wenn meinen Zöglingen die Flügel erst noch ein wenig gewachsen sein werden , sogar contractlich verpflichtet bin . Wissen Sie , daß ich fürchte , oder vielmehr hoffe , Sie werden nicht im Stande sein , diesem Rath Ihres wunderlichen Freundes bis zum Ende zu folgen ? Weshalb ? Weil - Sie erlauben , daß ich ganz offen bin - weil Sie sich hier in einer schiefen Stellung befinden , die über kurz oder lang unleidlich für Sie werden muß . Eine solche Stellung ist nur gut für Jemand , der , weil er nicht auf eigenen Füßen stehen kann , gezwungen ist , sich an Andere anzulehnen ; der von Jugend auf gewohnt ist , seinen Willen , seine Meinung dem Willen Anderer unterzuordnen , oder besser noch , der überhaupt gar keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung hat . Von dem Allen ist bei Ihnen das Gegentheil der Fall . Sie sind viel zu bedeutend für diese unbedeutenden Menschen . Sie ärgern sich über diese Menschen , und vice versa . Das ist einmal nicht anders , wo so heterogene Elemente eine Verbindung eingehen sollen . Sie halten die Baronin für das , was sie ist , für eine dünkelhafte , adelsstolze , trotz ihrer Belesenheit bornirte , engherzige , geizige Person , die Baronin hält Sie für das , was Sie nicht sind : für einen unendlich in sich verliebten , hochmüthigen Narren . Sie leben in einem Hause , Sie essen an einem Tisch , und haben doch so wenig Berührungspunkte , als ob Sie durch eine Welt getrennt wären ; Sie bleiben bei einander , weil Keiner aus diesem oder jenem Grunde das Wort der Trennung sprechen will , bis ein Augenblick kommt , der den Einen und den Andern gebieterisch zur Entscheidung drängt . Habe ich recht ? Ich kann es nicht in Abrede stellen . Sehen Sie . Und die Sache wird , glaube ich , jetzt noch schlimmer werden . Warum jetzt ? Bis jetzt hatten Sie in diesem Narrenhause nur ein edles Geschöpf , das Sie lieben und bemitleiden konnten : den köstlichen Bruno ; jetzt , wenn Sie zurückkehren , werden Sie noch einen zweiten Clienten , oder vielmehr eine zweite Clientin finden . Ich fürchte , das arme Kind ist , um die erste Rolle einer Familientragödie zu übernehmen , aus der Idylle ihres Hamburger Pensionats hierher nach Grenwitz geschleppt worden . Ich fürchte , es steht eine schwere Gewitterwolke über dem schönen Haupt des unglücklichen Mädchens . Sie werden , wie ich Sie kenne , versuchen wollen , den Schlag abzuwenden , und untröstlich sein , daß Sie es nicht vermögen . Sie blicken mich mit großen Augen fragend an , und ich sehe , daß Sie von den Geheimnissen der Familie , in der Sie schon seit einem Vierteljahr leben , noch so gut wie gar nichts wissen . Die Sache ist die : Anna-Maria lebt in beständiger Furcht vor dem Tode des alten Barons , weil , wenn der Baron stirbt , sie nicht nur einen alten Gemahl , sondern auch die angenehme Aussicht verliert , sich aus dem Ueberschuß der Revenüen nach und nach ein bedeutendes Vermögen zurücklegen zu können . Deshalb ist ihr Malte lange nicht so wichtig . Dennoch fürchtet sie auch für den , da bei seinem Tode das Majorat ganz außer dieser Linie heraus an eine noch jüngere fallen würde , die durch Felix von Grenwitz , einen Ex-Lieutenant und notorischen Roué , repräsentirt wird . Und nun kommt die Teufelei : um , wenn auch der Baron und selbst Malte vor der Zeit sterben sollten , doch immer noch , so zu sagen , die Hand im Spiele zu haben , hat Anna-Maria eine Heirath zwischen Fräulein Helene und dem ausgezeichneten Vetter Felix projectirt . Das arme Kind weiß nichts von diesem interessanten Plan , desto mehr aber fürchte ich , der ausgezeichnete Felix , der in wenigen Tagen nach Grenwitz kommen wird , um fern von dem aufregenden städtischen Treiben in der Stille des Landlebens ganz seiner angegriffenen Gesundheit zu leben , wie die Baronin sagt . Mit einem Worte : es ist die alltägliche Misère von Soll und Haben , das ganz gemeine Brimborium , durch welches ein unschuldiges Püppchen geknetet und zugerichtet wird , und Ihnen wird das Glück zu Theil werden , diesem erhabenen Schauspiel als unbefangener Beobachter beiwohnen zu dürfen . Das wird nimmermehr geschehen , rief Oswald . Sie wollen also Ihre Stelle aufgeben ? Eine Sturmfluth von Leidenschaft brauste durch Oswald ' s Seele . Er dachte an die unglückliche Marie , die jetzt oft mit auf der Brust gefalteten Händen , wie eine schmerzensreiche Heilige , durch seine Träume glitt ; er dachte an Melitta , die verkauft worden war von ihrem eigenen Vater ! Jetzt sollte sich das Bubenstück wiederholen - vor seinen Augen - Nimmermehr , nimmermehr ! rief er , wenigstens nicht , bevor ich , so oder so , die Ausführung dieses schurkischen Planes vereitelt habe ; bevor ich gethan habe , was ich konnte , ihn zu vereiteln ! Aber was werden Sie thun können ? lieber Freund , die Großmuth ist eine Tugend , der wir genau auf die Finger sehen müssen , damit sie uns nicht die Heldenkrone , von der wir träumen , in eine klingende Schellenkappe verwandelt . Denken Sie an den edlen Junker aus der Mancha , und wie sein ritterlicher Leib geschunden und geprügelt wurde für die Wallungen seines guten Herzens ! - Und dann : wissen Sie denn , ob die Andromeda , deren Perseus Sie werden wollen , überhaupt befreit sein will ? Ich kenne den Baron Felix nicht - vielleicht ist er besser , als sein Ruf ; ich habe nicht drei Worte mit Fräulein Helene gesprochen - - vielleicht ist sie keineswegs so lieb und gut , wie sie schön ist . Sie ist es , sie ist es , verlassen Sie sich darauf , rief Oswald eifrig . Gut , daß Sie noch nicht dreißig Jahre alt sind ; sagte der Doctor lachend . Weshalb ? Sie wissen , was den Schwärmern , nach Goethe ' s Ausspruch , in dem bezeichneten Lebensalter zukommt ? der Tod - an demselben Kreuze , welches sie bis dahin keuchend durch das Leben schleppten . - Aber da sind wir schon nahe am Thore . Wollen Sie mir erlauben , daß ich Sie hier absetze ? Ich habe noch einen Besuch im Dorfe zu machen und dieser Weg führt direct hin , während ich über den Schloßhof einen langen Umweg machen muß . Uebermorgen komme ich wieder nach Grenwitz . Hoffentlich geht Ihr Puls dann ruhiger . Ich sagte Ihnen ja gleich : die Einsamkeit ist reines Gift für Ihre Natur . Adieu ! Achtunddreißigstes Capitel Es war ein köstlicher Anblick , den der Schloßhof von Grenwitz in dem Augenblick gewährte , als ihn Oswald durch das finstere Thor betrat , ein Anblick , wohl geeignet , ein schmerzlich zuckendes Herz zur Ruhe zu wiegen . Während die höchsten Kuppen der gewaltigen Linden , die auf das Portal des Schlosses zuführten , und die Zinne des Thurmes noch vom rothen Abendlichte angestrahlt waren , lag schon tiefer Schatten unter den Bäumen , neben dem Walle , über dem langen Grase , das überall zwischen den Steinen des Pflasters emporwuchs . Aus den Kronen der Linden , die mit weißem Blüthenschnee überdeckt waren , strömte ein süßer Duft , der die ganze Atmosphäre erfüllte . Rings umher war es so still , daß man deutlich das geschäftige Summen der Insecten vernahm ; auf dem Rand des Brunnens mit der kopflosen Najade saß ein Vöglein und sang der untergehenden Sonne nach ; hoch oben in der rosigen Luft schossen noch immer einzelne Schwalben , als könnten sie sich heute , wo es doch gar so wunderschön sei , gar nicht entschließen , zur Erde zurückzukehren . Langsam , fast zögernd , schritt Oswald dem Schlosse zu . Er fühlte tief den Zauber dieser Abendstunde und wußte , daß das erste Menschenwort denselben zerstören würde . Aber er begegnete Niemandem . Der ganze Hof war wie ausgestorben . Er stieg die Wendeltreppe hinauf und ging durch die langen Corridore , die von seinem Fußtritt wiederhallten , auf sein Zimmer . Die Fenster waren geöffnet , und der Lehnstuhl in der Nische hatte den rechten Platz , auf dem Tische vor dem Sopha stand eine Vase , angefüllt mit frischen Blumen , der Kopf des Apollo von Belvedere hatte sich eine schmale Krone von Epheu gefallen lassen müssen . Es war aufgeräumt in dem Zimmer , aber so , wie es nur von Jemand geschehen kann , der die Eigenheiten des Bewohners ganz genau kennt . Offenbar hatte hier Bruno ' s Hand gewaltet . Oswald fühlte sich durch das stumme und doch so beredte Willkommen auf das angenehmste berührt . Es war wie eine warme Hand , die freundlich die seine drückte , wie ein Hauch , der liebevoll seinen Namen flüsterte . Der Sturm in seiner Seele , welchen die