, ohne Bevorzugung . In Seine Hände geb ' ich mich ohne Rückhalt . « » Deine Herzenskälte ist schauerlich ! « rief er . Sie lächelte und schwieg . » Ah , Du lächelst , als ob Du es besser wüßtest ! « fuhr er fort . » Nun , wohlan , Regina , Du bist aufrichtig , also sage mir : hast Du eine Ahnung davon , wie sehr ich Dich liebe ? « » Ja ! « sagte sie einfach . » O dann , « rief er freudig , » werd ' ich immer einen besonderen Platz in Deiner Erinnerung haben . « » So lange es Gott gefällt ! « erwiderte sie ruhig . » Ich habe zu viel in der Welt leben müssen , um nicht einige weltliche Eindrücke im Gedächtnis zu haben .... « » Weltliche Eindrücke ! « rief Uriel zürnend . » Du nimmst eine Liebe wahr , die so tief , so stark . so umfassend ist , daß sie mein ganzes Schicksal über den Haufen - und mich selbst , Gott weiß in welche Bahn wirft - und das macht Dir einen weltlichen Eindruck ! « » Lieber Uriel , « antwortete Regina , » wir beide dürfen uns auf keine Erörterungen einlassen . Wir sprechen jeder eine Sprache , von welcher der andere nur einzelne Worte versteht ; da sind denn Mißverständnisse ganz unvermeidlich - und die tun weh . Ich wiederhole Dir : Gott vergelt ' s ! - und dabei wollen wir es lassen . « » Wann wirst Du eingekleidet ? « fragte er finster . » Ich hoffe am Tage der heiligen Maria vom Karmel , « sagte sie mit strahlendem Blick . » Deinen Kalender kenn ' ich nicht ! « entgegnete er hart . » Den Datum will ich wissen - um vorher abzureisen . « » Ende dieser Woche gehe ich nach Himmelspforten , um , wie es üblich ist , einige Wochen in weltlichen Kleidern im Kloster zu leben . Finden die Oberen , daß ich mich ins Klosterleben schicke - und finde ich mich darin heimisch : so darf ich mein Noviziat und mit ihm die ernste und gründliche Prüfung meines Berufes beginnen . Die Einkleidung bezeichnet den Eintritt ins Noviziat ; ich vertausche dann die weltlichen Gewänder mit dem geweihten Ordenshabit und empfange den weißen Schleier der Novizen . Hoffentlich findet diese heilige Handlung am 16. Juli statt . Erst nach einem Jahre werde ich zur Ablegung der heiligen Gelübde zugelassen und dann erhalte ich den schwarzen Schleier , der da bedeutet , daß die Ordensfrau tot und begraben für die Welt ist . « » Und wenn sie es nicht ist , Regina ? « » So betet sie , daß sie es mehr und mehr werde , Uriel . « » Und wie lange betet sie so ? « » Lebenslang ! denn das Stück Welt in uns muß täglich von neuem sterben . « Jedes ihrer Worte tat ihm weh und doch wollte er immer sie hören und sehen , und sehen und hören , weil sie jenseits dieser paar Tage fürs Leben ihm verloren war . Die ganze Familie wollte Regina nach dem Karmelitessenkloster Himmelspforten bei Würzburg begleiten ; nur Uriel nicht ! er hätte das Kloster in Brand stecken mögen : so haßte er es . Corona war fast ebenso traurig , wie er . Häufig umschlang sie die geliebte Regina , legte den Kopf auf ihre Schulter und weinte bitterlich . » O , « sagte Regina zärtlich , » weine nicht um mich . Die Bräute Christi haben es besser , als die weltlichen Bräute . « » Das fühl ' ich nur zu gut ! « seufzte Corona , » und doch kann ich Dir nicht nachfolgen . « » Nein , Gott will es nicht ! Deine Aufgabe ist , Dich in der Ehe zu heiligen - und Orest mit Dir . « » Ich werde der Aufgabe erliegen ! « jammerte Corona ; » sie ist allzuschwer . « » Sie wäre es , wenn Du mit Deinen menschlichen Kräften sie lösen solltest . Aber die Gnade des Sakramentes steht Dir bei und Deine Last trägt Gott ebenso gut mit Dir , wie er die meine mit mir teilt . « - Der Graf war dermaßen erfreut über die Verheiratung der einen Tochter , daß er den Klosterberuf der anderen darüber verschmerzte . Was Uriel betraf , so hegte er die Hoffnung , die Weltumsegelung werde ihn von seinem Liebesleid herstellen und dann sei es ja noch immer Zeit , sich nach einer passenden Partie für ihn umzuschauen . Drei Wagen standen im Hof . Der eine sollte gen Westen fahren und die beiden anderen nach Osten . Um die Wagen , auf dem Perron in der Vorhalle des Schlosses war die ganze Dienerschaft versammelt und viele Leute aus den Besitzungen des Grafen , um von Regina Abschied zu nehmen . Man hatte zwar schon längst gesagt , sie sei so fromm , daß ihr Sinn nach dem Kloster stehe ; der Graf wolle es jedoch nicht erlauben . Nun ging sie wirklich in das arme , strenge Kloster - die junge , schöne , reiche , liebenswürdige und geliebte Regina ! nun verließ sie wirklich das Vaterhaus und die Familie und den jungen Mann , der sie anbetete ! in welcher übernatürlichen Liebe zu Gott mußte das Herz entbrannt sein . Sie hatte in der Frühe zu Kloster Engelberg die heiligen Sakramente empfangen , Abschied genommen von der Gruft ihrer Mutter , von dem Gnadenbilde der Mutter Gottes , von den frommen Patres , die ihre Seele gepflegt hatten ; dann Abschied genommen von dem lieben Windeck , von jedem Zimmer im Schloß , von jedem Plätzchen im Garten , ach ! und von der trauten Kapelle . Jetzt trat sie in Onkel Levin ' s Zimmer , bleich , verklärt , wie ein Geist , der - wie einst Ernest von ihr gesagt hatte - die Schwingen entfaltet zum Aufflug in die Heimat der Geister . » Mein Herz stirbt , geliebter Onkel ! « sagte sie leise und sank zu seinen Füßen nieder . » Wohl Dir , teures Kind ! in dem durchwundeten Herzen unseres Gottes findet es sein Leben wieder ! Nimm nur getrost alle Kronen von Deinem Herzen ab , auch die der Kraft , auch die der freudigen und stolzen Zuversicht ; setze keine Grenzen Deiner inneren Verdemütigung und Selbstentäußerung - verlange auch die Dornenkrone nicht , denn das könnte Dich stolz machen ; aber nimm sie selig an , wenn Dein Herr und Heiland sie mit Dir teilen will - und nun komm ' ! die Stunde ist da . « Er segnete sie , hob sie von der Erde auf und sagte mit unaussprechlicher Zärtlichkeit : » Nicht hier nehme ich Abschied von Dir . Ich gehe auch mit nach Würzburg . Ich will selbst das Kleinod meines Herzens im Schrein Gottes niederlegen . « Sie verließen Levin ' s Zimmer . Da stand Uriel an eine Säule gelehnt . » Regina ! « rief er und trat ihr entgegen ; » ist ' s denn wirklich ein Lebewohl für immer ? « » O nein , Uriel ! « sagte sie gefaßt , » nur für die Erde - ein kurzes Lebewohl . Und dann : auf Wiedersehen , lieber Uriel ! « Sie ging vorüber mit Onkel Levin . Uriel folgte ihr gedankenlos . Wie durch einen Schleier sah und hörte er , was um ihn her vorging . Er hörte sprechen , er hörte weinen ; er sah sich umringt von der ganzen Familie , die ihm tausend Liebes und Herzliches sagte und ihm glückliche Reise und glückliche Heimkehr wünschte . Onkel Levin sagte : » Der Engel Raphael geleite Dich zu uns zurück . « Das verstand Uriel , sonst nichts . Er antwortete auf alles ganz gedankenlos : » Ja , ja ! « Der Graf , Onkel Levin , Regina und Hyazinth stiegen in den ersten Wagen ; die Baronin Isabelle mit Corona und Orest in den zweiten . Kinder und junge Mädchen warfen den beiden Schwestern Blumen zu . Die Wagen rollten vom Hof . » Dahin ist mein Glück ! « seufzte Uriel . Er sprang in seinen Wagen , schloß die Augen und sein Kammerdiener sagte zum Postillon : » Fort nach Frankfurt ! von da geht ' s weiter nach Hamburg und rund um die Welt . « Zweiter Band Die Villa Diodati Es war ein herrlicher Oktober . Dieser Monat ist der schönste am Genfersee , ist so sommermäßig , daß die Abende sogar noch warm sind , und verbindet damit die Vorzüge des Herbstes : gleichmäßige Witterung , klare Luft und einen unvergleichlichen Schmelz der Farben auf dem Gebirg und dem See . Die Villa Diodati , berühmt durch den Aufenthalt , den einst Lord Byron dort machte , liegt auf dem Ufer von Savoyen , eine Stunde von Genf , in einem terrassierten Garten , unmittelbar am See , der seinen strahlenden Spiegel wie eine lichtblaue , mit Goldfunken durchblitzte Emaille vor ihr ausbreitet . Auf dem entgegengesetzten Ufer steigen die Rebgelände des Waadtlandes auf , unterbrochen von Schluchten und Hügeln mit reicher Bebaumung und übersäet mit Städten , Dörfern , einzelnen Schlössern und Campagnen . Im Osten schließt das Hochgebirge des Walliserlandes den See ab , schickt ihm aber aus den gewaltigen Gletschern am Fuße der Grimsel und Furka die reißende Rhone zu , die im Westen , bei Genf , an dem Becken des See ' s im ungeduldigen Jugendmut herausbricht und sich ihre eigenen Wege sucht , hinab zur Küste des mittelländischen Meeres . Die Krone des See ' s und der ganzen Landschaft ist der gewaltige Montblanc ; er liegt da wie ein weißer Marmorblock in einem Blumengarten . Es war gegen Abend ; die Sonne sank und zog einen rosenfarbenen Schleier über alle Berge , während der ewige Schnee des Montblanc im feurigsten Rosenlicht aufflammte . Mitten auf dem See , da , wo man die volle Ansicht des Montblanc hat , schwamm eine Barke , leise gewiegt von den rieselnden Wellen , denn die Schiffer hatten die Ruder eingezogen . In der Barke saßen einige Männer und eine Frau . Sie hatte sich in einen weißen Burnus eingewickelt , der ihre hohe schlanke Gestalt hervorhob , nicht verhüllte , und dessen Kapuze über den Kopf gezogen . Sie blickte mit ihrem ernsten schwarzen Auge unverwandt auf den Montblanc und kümmerte sich nicht im mindesten um die Herren und ihre Gespräche . Zwei dieser Herren waren übrigens ebenso schweigsam wie die Dame , obschon sie nicht , gleich ihr , in den Anblick des zauberhaften Naturgemäldes versunken waren . Endlich sagte der eine zu ihr : » Signora Giuditta ! « - aber er mußte es wiederholen , bevor sie die Kapuze ein wenig zurückschob und , ohne nach ihm umzublicken , sagte : » Was wünschen Sie , Graf Orestes ? « » Sie zu hören , da Sie uns das Glück nicht gönnen , Ihr Antlitz zu schauen . « Als ob diese Aufforderung ihrer Stimmung einen Ausdruck gegeben hätte , begann Judith sogleich jenes Lied vom Wanderer zu singen , das durch Schuberts Komposition so berühmt geworden ist : » Ich komme vom Gebirge her - Es ruht das Tal , es rauscht das Meer . « Sie sang alle Strophen durch . Kein Atemzug war in der Barke zu hören ; auch die Schiffer lauschten . Als sie zu Ende war , blieb alles still . » Hat Ihnen das Lied nicht gefallen , Graf Orestes , oder klingt meine Stimme tonlos über der Tiefe ? « fragte Judith . » Das Lied ist so fürchterlich melancholisch , daß man davon angesteckt wird , « entgegnete er . » Ein deutsches Lied ! « antwortete sie mit leichtem Achselzucken . » Ganz recht , Signora ! « rief der zweite der schweigsamen Männer ; » ein deutsches Lied - das muß melancholisch sein ! Deutschland hat nicht genug Stimmen , um zu weinen und zu klagen über seinen tiefen Verfall . « » Warum ziehen Sie es nicht empor - Sie und Ihre Gleichgesinnten ? « fragte Judith kalt . » Sie klagen über die mark- und tatenlose Zeit ; aber was haben Sie denn aufzuweisen an Kraft im Willen und im Handeln ? « » Barrikaden , Signora ! « erwiderte nicht der Gefragte , sondern statt seiner Orest mit scharfem Hohne . » Es gehört sehr viel Kraft an Leib und Geist dazu , um den Pferden eines Omnibus in den Zügel zu fallen - die bekanntlich so wild sind , als ob sie eben auf den Steppen der Ukraine eingefangen wären - um den Omnibuskutscher von seinem Sitz herabzureißen , der bekanntlich erhabener als ein Thron ist , um den Omnibus quer über die Straße zu werfen , mit der Intention , also sämtliche Throne Europa ' s in den Gassenkot zu schleudern , und um dann einen Fetzen , welcher Fahne der Freiheit tituliert wird , nicht eigentlich auf den zerschmetterten Thronen , wohl aber auf dem zerschmetterten Omnibus , dem Bollwerk der modernen Freiheit , aufzupflanzen . « » Die Freiheit ist das Gut des Volkes ! « rief der Verhöhnte schneidend zurück . » Schlimm genug , wenn Ihr sie im Gassenkot unberücksichtigt laßt , anstatt sie aufzunehmen in Euren goldenen Sälen . « » Müssen Sie denn immer wieder Streit anfangen mit Fiorino , Graf Orestes ? « rief Judith . » Aber , Signora , er ist ein ehrlicher Deutscher und heißt Florentin ! « rief Orest . Tausendmal schon sagt ' ich es Ihnen ! Florentin Hauptmann heißt er . « » Ach , ich weiß es ja sehr gut , « erwiderte sie gleichgültig . » Er ist ja seit drei Jahren mein treuer Sekretär und Geschäftsführer ; allein der Name Fiorino gefällt mir besser und ist leichter auszusprechen . Setzen Sie nur Ihre Jeremiaden über Deutschland fort , Fiorino ! ich finde sie ganz richtig . Ein englischer Schriftsteller hat die Deutschen ein Volk von Denkern genannt . Ob er ihnen ein Kompliment damit machen wollte , weiß ich nicht . Mir aber fällt bei diesem ewigen deutschen Grübeln , Philosophieren und abstrakten Spekulieren der Prinz Hamlet ein mit seinem berühmten Monolog . Aller Tatkraft der Deutschen wird des Gedankens Blässe angekränkelt - um mit besagtem Hamlet zu sprechen - und dadurch die Energie des Willens und die Originalität des Charakters gebrochen , welche beide die Basis der Tatkraft sind . « » Welche Studien machen Sie über die Deutschen infolge von Florentins Jeremiaden ! « rief Orest . » O nein ! « entgegnete Judith lächelnd , » die haben mit meinen Beobachtungen wenig gemein ! Sie wissen ja , Graf Orestes , daß ich von jeher Studien der Menschen und Charaktere machte . Je älter ich werde , desto lieber und umfassender mache ich sie . Überdies gehören sie zur Bühnenkunst . « » Mir scheint aber , « sagte Orestes , » daß Ihnen durch diese Studien von Jahr zu Jahr mehr des Gedankens Blässe angekränkelt wird . « » Darin können Sie recht haben , « sagte sie abbrechend , - und dann zu Florentin : » Wie heißt sie weiter , Ihre Lamentation um Deutschland ? « » Einst war es groß , kräftig , mächtig ! « rief Florentin . » Einst stand es an der Spitze der Weltbewegung , der Civilisation , des Fortschrittes . Einst lag es in seiner Hand , die Gesetze einer neuen Bildung unserem Weltteile vorzuschreiben . Es war bei seinen Gaben und Kräften das erste Volk der Erde . Aber von dem Augenblick an , wo es sich nur teilweise , nicht gemeinsam in die Bahn eines bis dahin unerhörten Fortschrittes schwang , da ging es in Splitter und seitdem verkommt es . « » Das verstehe ich nicht , « sagte Judith . » Wenn ein Teil von Deutschland einen großartigen Fortschritt machte , so hätte er ja den anderen Teil mit fortreißen müssen , oder wenigstens , wenn das über seine Kräfte ging , allein zu einem glänzenden Resultate gelangen müssen . « » Und gerade derjenige Teil von Deutschland , « rief Orest , » der nach Florentin ' s Ausdruck einen großartigen Fortschritt machte - oder , wie ich mich ausdrücke , Deutschlands religiöse und politische Einheit zerriß , durch welche es fast ein Jahrtausend an der Spitze der Civilisation gewesen war : gerade der Teil verband sich mit allen Völkern , welche gegen das alte großartige , macht- und kraftvolle Deutschland feindlich gesinnt waren - und mit allen Tendenzen , welche das Streben und Verlangen nach Einheit hintertreiben . Gerade der Teil hat mit seinem freien Forschen und freien Denken , mit seinen philosophischen und metaphysischen Systemen und mit den tausend Scharteken , welche zum Apparat hoher Bildung und Wissenschaft gehören , dermaßen die Tatkraft des deutschen Volkes gelähmt und dermaßen seinem gesunden Sinne des Gedankens Blässe angekränkelt , daß es wirklich teilweise in den gebildeten und halbgebildeten Schichten marklos geworden ist . Ob übrigens ein markloses Geschlecht ein Volk von Denkern und im Stande sein könne , einen klaren Gedankenprozeß durchzumachen , bezweifle ich . Mir scheint , die Verwirrung der Begriffe stehe in üppigster Blüte , besonders auf dem Gebiete der sozial-politischen Theorien . Aber die Söhne Albions möchten nicht bloß Deutschland , sondern Europa - ja den ganzen Erdball in das Gebiet des Gedankens hinein schmeicheln , damit sich möglichst wenig Hände außerhalb Englands an die allerdings furchtbar gedankenlose Praxis der Baumwoll-Spinnerei und Weberei begeben . « » Ich staune , Graf Orestes ! « rief Judith . » Sie stehen ja ganz auf der Höhe des Jahrhunderts und halten Reden wie ein Kammermitglied , so daß alle Hoffnung vorhanden ist , auch Ihnen könne noch des Gedankens Blässe angekränkelt werden ! Aber jetzt beruhigen Sie Sich durch einen Blick auf den Montblanc . « Die Sonne war nicht nur schon unter den Horizont hinabgesunken , sondern der westliche Himmel hatte bereits die glühenden Färbungen verloren , die aus lichtem Goldglanz in feuriges Rosenrot , dann in zarten Purpur und Violet allmälig verschwimmen , bis sie endlich zu einem bläulichen Duft verbleichen , der den ganzen Himmel umflort und der nur im Westen mit einem leichten , grünlich gelben Anhauch gemischt ist . Das Gebirg , das allen Schattierungen des Sonnenunterganges und des Abendhimmels folgt und , wie ein Geschmeide von Topasen , Rubinen und Amethysten für den König der Erdgeister , prächtig und anmutig in glänzenden Farben aufstrahlt , wird ebenfalls in die bläuliche Umflorung gehüllt , welche vom Himmel zur Erde herabsinkt , nimmt jedoch durch seine Masse und Schwere ein stumpfes , hartes Grau an , das selbst die schwerste Wolke nicht hat , und sieht ganz tot und leichenfahl aus . In solchem Moment tritt zuweilen - und am häufigsten im Herbst - das wunderliebliche Alpglühen ein . An die totesstarren Spitzen des Hochgebirges mit ewigem Schnee fliegt plötzlich ein rosiges Licht und eine zauberhafte Illumination flammt auf zwischen Himmel und Erde . Die höchsten Spitzen der Schneeberge bilden über der grauen Tiefe und unter dem Grau in der Höhe eine Kette von rosigen Flammen oder von glühenden Rosen , die im Äther zu schweben und ohne Zusammenhang mit der Erde zu sein scheinen . Dies wunderschöne Naturschauspiel fand so eben am Montblanc statt : seine drei eisgrauen Häupter strahlten im Rosenfeuer des Alpglühens . Das dauerte ein paar Minuten ; dann sank das Feuer , verglomm mehr und mehr , die Schatten krochen aufwärts , nur eine Kohle glimmte noch auf der äußersten Spitze - nur ein Funke noch - nun erlosch auch der und das Gebirg trat in seine tote Starrheit zurück und die Schatten der Nacht machten es doppelt finster und kalt . Judith wickelte sich ströstelnd in ihren Burnus , wendete sich plötzlich zu den Männern hin und sagte : » Meine Herren , warum ist die häßliche Erde zuweilen so wunderschön ? « Einer der Herren , ein russischer Fürst , entgegnete verbindlich : » Die Rätsel der Sphynx löst nicht jeder Sterbliche . « Zwei Engländer , Vater und Sohn , wütende Touristen und geschworene Bewunderer aller Merkwürdigkeiten und aller Berühmtheiten , sagten aus einem Munde : » Oh ! Ah ! No ! very well ! « Ein junger Franzose rief lebhaft : » Weil Sie , Signora , über die Erde wandeln . « Florentin sagte : » Weil in den Stoffen der Natur auch diejenigen Kräfte liegen , welche im harmonischen Zusammenwirken die Schönheit bilden . « » Was sagt Graf Orestes ? « fragte Judith ihn ; denn er schwieg . » Er sagt nichts ! « rief Orest ungeduldig . » Ich bitte , verschonen Sie mich mit solchem hohlem Gerede ! Sie selbst sind ein solches Rätsel , daß Sie mir wahrhaftig keine neuen aufzugeben brauchen . « » Nun aber müssen Sie uns auch die Lösung geben , « sagte der Fürst . » Es war kein Rätsel , es war nur eine Frage , « erwiderte Judith ; » und ich fragte ganz ehrlich , weil ich durchaus nicht begreifen kann , weshalb diese Erde , die ja weiter nichts als ein immenser Klumpen von Moder ist , in welchem alles Leben sich auflöst , weshalb und woher diese garstige Masse zuweilen eine Schönheit erhält , welche das Herz rührt und die Seele erschüttert . « » Die ganze Schöpfung ist von Gott - die Natur , wie das Menschenherz , « sagte der junge Franzose ; » und um dieses auch durch die Sinnenwelt an Gott zu erinnern , nehmen die Werke der Allmacht zuweilen den Schmuck der Schönheit an . « » Ah , Sie sind gläubig ! « sagte Judith . » Es überrascht mich immer von Neuem , daß es für den Glauben eigentlich gar keine Rätsel gibt . « » Man muß sehr genügsam sein , « rief Florentin , » um sich mit den Auflösungen zufrieden zu geben , die der Glaube gewährt . « » Ich sage nicht , daß er die Rätsel löse ; das ist Sache der Intelligenz , die sich bei diesem Bemühen tausendmal für inkompetent erklären muß , wenn sie aufrichtig ist - und das ist sie selten . Ich sage aber : es gibt kaum Rätsel für den Glauben . Er legt das , was für unsereins unverständlich und unbegreiflich ist , gleichsam in einen Lichtstrahl , der von der Hand Gottes ausgeht und im Wiederscheine dieses Lichtes sieht er klar . « » Dann stände ja der Glaube höher als die Intelligenz , « sagte der Fürst , » und das kann doch nicht sein , denn er muß durch sie geprüft und gesichtet werden . « » Vielleicht um ihn in seinen Äußerungen und Tätigkeiten zu regeln , « sagte Judith . » Mir scheint aber , als stehe wirklich die Fähigkeit des Menschengeistes am höchsten , die das Rätsel der Welt auf eine übernatürliche Einheit zurückführt . « » Ah ! Oh ! No ! « hub der jüngste Engländer an ; » die Fähigkeit ist die höchste , welche Signora besitzen : der Zaubergesang . « » Sie denken wohl , der Villa Diodati gegenüber , an Lord Byrons Zauberlied : When the moon is on the wave , « sagte Judith und rezitierte zum höchsten Entzücken der Engländer , worin der Russe und der Franzose pflichtschuldigst einstimmten , das Gedicht . Es war inzwischen ganz finster geworden und aus den tausend Wohnungen rings an den Ufern flammten Lichter auf , diese stummen Zeugen und Zungen von Menschentreiben , Menschenunruhe , Menschenleid , Menschenglück . Judith ließ die Barke der Villa Diodati zuwenden . Sie hatte sich dort für einige Wochen niedergelassen , um sich von der furchtbaren Anstrengung zu erholen , in den großen Opernhäusern Europa ' s als Primadonna das Publikum zu entzücken . Obschon sie auch in diesem idyllischen Aufenthalt nie allein war und Tag für Tag Besuche empfing , so führte sie doch vergleichsweise ein sehr ruhiges Leben , da sie von keiner Verpflichtung abhängig und Herrin ihrer Zeit und ihrer Beschäftigungen war . Letztere bestanden darin , daß sie stundenlang auf dem See fuhr , viel las , etwas sang und etwas auch mit ihren Hausgenossen - und mit den Fremden , den Bekannten und den Verehrern , die sie umlagerten , sich unterhielt . Ihre Hausgenossenschaft bestand aus ihrer Mutter , aus einem italienischen Musiker Namens Lelio , den sie bei ihren musikalischen Studien zum Akkompagnieren , zum Transponieren , dann zur Durchsicht von musikalischen Manuskripten , die man ihr widmen wollte , und von Opernpartituren , die sie auf die Bühne bringen und berühmt machen sollte - ganz notwendig brauchte ; und aus Florentin , der ihre pekuniären Geschäfte und ihre offizielle Korrespondenz führte - zwei Dinge , die ihr ein Gräuel waren . Lelio und Florentin hatten sich zuerst bei der Revolution in Rom als feurige Gesinnungsgenossen kennen gelernt . Als aber die Beschäftigung in diesem Fache durch die momentane Rückkehr zur bürgerlichen Ordnung unterbrochen wurde , widmete sich Lelio wieder der Musik , bekam eine Stelle im Orchester der Skala zu Mailand und lernte dort Judith kennen , die auf seine Brauchbarkeit schnell aufmerksam wurde , als sie zum ersten Mal nach Mailand kam , und ihn leicht bewog , eine Stellung in ihrer Umgebung einzunehmen . Sie fühlte damals , daß sie Jemand nötig habe , der firm in der italienischen Musik und Schule sei und den italienischen Geschmack gründlich kenne . Sie wußte , daß kein Beifall in Amerika und in England genüge , um ihr den gültigen Stempel einer großen Sängerin aufzuprägen , und daß die Sängerinnen erster Ordnung sich in Italien entweder ihre Bildung holen oder ihre Probe durchmachen müssen . Sie war fest entschlossen , eine Sängerin erster Ordnung zu werden , und versäumte nichts , was ihr dazu behilflich sein konnte . Florentin war durch seinen verkehrten Freiheitstrieb eine Art von Vagabunde geworden . Er schweifte umher , er ging nach Amerika , er ging nach Europa zurück und nach England ; er fand nirgends eine Stätte , nirgends einen Wirkungskreis , nirgends Ruhe . Seine innere Haltungslosigkeit machte ihn unfähig zu jeder beharrlichen und anstrengenden Tätigkeit . Die höchste Blüte menschlichen Hochmutes , der Subjektivismus , verschlang all ' seine guten Kräfte oder vertrocknete dasjenige Erdreich seines Wesens , auf welchem sie sich gedeihlich hätten entfalten können . Für einen Menschen , der nichts kennt , nichts begreift , nichts will , als eine schrankenlose Entwickelung und Durchlebung seines Ichs , ohne andere Richtschnur als die , welche aus dem falschen System einer absoluten Freiheit entspringt , für einen solchen gibt es keinen Platz auf der Welt , so groß sie auch ist . Es flossen ihm freilich überall einige Unterstützungen aus den Mitteln seiner Partei zu , die in Verbindung mit allen geheimen Gesellschaften und eigentlich nichts anderes ist , als deren in der Öffentlichkeit tätige rechte Hand . Diese Gesellschaften und Verbrüderungen , welchen Namen und welche Zeichen sie führen mögen , haben alle einen und denselben Hauptzweck : die Ausrottung aller positiven Religion - oder mit einem anderen und deutlicheren Wort : die Vertilgung der katholischen Kirche von der Erde . Aber nicht alle Mitglieder dieser Verbrüderungen legen öffentlich Hand an das Werk des Umsturzes und der Zerstörung . Das verbieten Verhältnisse und Rücksichten , Stellung und Charakter . Umsomehr sind sie bereit zu derjenigen Unterstützung , welche für alles , was einen Fortgang auf dieser irdischen Welt haben soll , mehr oder minder notwendig ist : sie spenden Geldmittel . Die Männer der öffentlichen Revolution sind gleichsam die Kriegstruppen der geheimen Revolution und werden als solche von dieser auf jede Weise unterstützt . Die einen werden zu Stellen und Ämtern befördert ; die anderen erhalten Jahrgelder , um Reisen oder Studien im Sinne der Aufklärung und des Unglaubens zu machen ; noch andere werden besoldet als Journalisten und Verfasser von Tendenzschriften ; wieder anderen macht man einen erstaunlich großen Ruf hinsichtlich ihres Wissens , ihrer Talente , um auf diese Art ihr Fortkommen zu begünstigen ; und so wird diese Armee der Revolution in stillen Zeiten durchgebracht , um in unruhigen alsbald auf ihrem Platz und dienstbereit zu sein . Florentin empfing also wohl einige Unterstützung , allein sie entsprach nicht seinen Bedürfnissen , noch konnte sie seinen Ehrgeiz befriedigen ! daher fühlte er sich mehr erbittert als verpflichtet , was von seinem kommunistischen Standpunkt aus nicht anders sein konnte . Nachdem er die unglückliche Wendelrose in ihre Heimat zurückgebracht und verschiedene Wanderungen durch Deutschland gemacht hatte , um den Stand seiner Partei nach so langer Abwesenheit zu rekognoszieren , ging er nach der Schweiz , deren Gletscher in einen Krater der Revolution verwandelt zu sein schienen , und stieß in Chamouny auf Lelio , der Judith ' s Kreuz- und Querzüge mitmachen und sie auf ihren Kunst- und Erholungsreisen begleiten mußte . Lelio freute sich sehr , seinen alten Genossen am Fuße des Montblanc wiederzufinden , nachdem er ihn am Fuße des Kapitols verlassen hatte - und da Judith einen gewandten und gebildeten Sekretär in ihrer Umgebung zu haben wünschte , der die neueren Sprachen geläufig schreibe , und da Florentin von Kindheit auf die praktische Übung dieser Sprachen hatte : so schlug Lelio ihn in der zwiefachen Eigenschaft seines Freundes und eines höchst brauchbaren Geheimschreibers ihr vor . Er ließ auch die Bemerkung fallen , Florentin sei ein Italianissimo , habe als solcher viele politische Verfolgungen ausstehen müssen und sei eines Ruhehafens recht bedürftig . Judith erwiderte mit ihrem kühlen Indifferentismus , Lelio wisse ja , daß sie sich für