, die Jahrhunderte hindurch Tausende von Menschen erheben und veredeln mußten - zu dem rohen Handwerk des Krieges zu greifen , das nur ein Leben der Zügellosigkeit und des Zerstörens war , eine Jagd nach Beute oder Ehre , oder nur ein Mittel sein Leben zu fristen . Denn im Mittelalter ward - die Glaubenskriege ausgenommen , mochten sie nun gegen Heiden oder Sarazenen , gegen Hussiten oder die allein seligmachende katholische Kirche geführt werden - der Krieger eben nur um des Soldes Willen Krieger , um eine Beschäftigung , ein Unterkommen zu haben . Von Vasallen- und Heerestreue , noch ohne an ein höher begeisterndes Motiv zu denken , hat die damalige Geschichte nur vereinzelte Beispiele aufzuweisen . Es galt nicht für ehrlos und unwürdig , wenn ein Ritter oder Söldnerhauptmann mit seinen Leuten morgen auf einer andern Seite focht als heute : sie verkauften sich für den bessern Sold oder dahin , wo am ehesten auf Triumphe des Sieges oder reiche Beute zu rechnen war . Und wie die Führer und Ritter , so die Söldlinge , die Knappen und Troßbuben - fast niemals gab es ein höheres Band sie zu halten . Ulrich war am Morgen nach der Nacht , die er in der Propstei zugebracht , aus derselben zeitig in die Bauhütte gegangen , da der Pallirer sie nur eben geöffnet hatte . Mit dem größten Eifer meißelte er an einer Eichenkrone an einem Kapitäl , denn er wollte gern noch so viel als möglich vollenden , und wußte nicht , wie lange ihm noch das Glück der Arbeit gegönnt war ! Als es am Abend dunkel geworden , ging er wieder in die Propstei . Noch einmal überhäufte ihn Amadeus mit Bitten , mit ihm zu gehen , ja er drohete in seiner heftigen Art auch nicht zu fliehen , sondern sich selbst dem geistlichen Gericht oder dem Kloster zu überliefern , wenn man ihn allein ziehen lasse ; aber Ulrich blieb standhaft bei seiner Weigerung , oder er erklärte vielmehr noch einmal einfach , daß ihn nichts zu einem Eidbruch verleiten werde , und daß er bleibe , möge sein warten , was da wolle . Amadeus mußte von ihm Abschied nehmen in dem Bewußtsein , daß er selbst das ersehnte Glück , den Sohn wiedergefunden zu haben , mit dem Unglück desselben erkaufe ! - Kreß , der den Tag über nur eine Stunde bei Amadeus in der verschlossenen Bibliothek gewesen , und jetzt am Abend Ulrich mit hineingenommen hatte , duldete nicht , daß derselbe sich lange verweile , um ja keinen Verdacht bei der Haushälterin zu erregen . Ulrich mußte also nach einer kurzen Zusammenkunft wieder gehen , ja er mußte auch dem Propst feierlich versprechen , nicht etwa wie er erst sich anheischig gemacht , Amadeus bei der nächtlichen Flucht zu helfen , oder durch das Thor oder in welcher Art zu begleiten . Amadeus mußte allein und wieder in andern Kleidern , als in denen , welche er jetzt getragen , die Stadt verlassen , und es war dabei auch keine große Schwierigkeit , da ihn Niemand kannte und Niemand verfolgte . Man konnte ihn jetzt sehr wohl für einen gewöhnlichen alten Söldner halten , und Niemand vermuthete unter dem Helm das glattgeschorene Haupt des flüchtigen Mönches . Wenige Tage nach seiner Entfernung mußte der Propst von seiner Haushälterin hören , daß sie auf dem Markt von mehreren Seiten gefragt worden sei : der Herr Propst habe wohl wieder Gäste , die nur zur Nachtzeit kämen und gingen , und denen es in der Propstei besser gefiele als im Kloster ? und daß man auf ihre Antwort , die Frage nicht einmal zu verstehen , weiter gesagt : sie solle sich nur nicht unwissend stellen , ganz Nürnberg wisse es schon , daß der Propst wie immer mit den Baubrüdern unter einer Decke stecke , und daß sie einem Benediktinermönch , dem es nicht mehr im Kloster gefallen habe , zur Flucht verholfen hätten . Mit Entsetzen vernahm Kreß diese Reden , ohne zu ahnen , daß es Frau Eva Kraft war , die sie auf Veranlassung eines ihrer Handlanger in Umlauf gebracht hatte , nur um sich an dem Propst für den Drachen zu rächen , mit dem er sie verglichen hatte . Sie verfolgte damit nicht etwa einen mühsam angelegten Plan ; sie dachte nicht entfernt daran , wider Gericht gegen den Propst zu zeugen , noch ihn überhaupt in Untersuchung und Strafe zu verwickeln , so boshaft war sie nicht : sie gönnte ihm nur ein wenig Angst und üblen Leumund ; zu etwas Ernstlichem , meinte sie , werde es nicht kommen , da den Geistlichen , und besonders den hochgestellten , damals so viel durch die Finger gesehen ward ; nur in den Augen der Leute wollte sie ihn und namentlich die freien Steinmetzen herabsetzen , denen auch nicht leicht aus den Anklagen von Laien und Profanen ein Nachtheil entstehen konnte , wenn nicht ihre Vorgesetzten und Meister , die ihrer Hütte , wie die der Haupthütte von Straßburg die Klage annahmen und Urtheil sprachen : denn die Baubrüder hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit und konnten nur erst , wenn sie aus der Hütte gestoßen waren , von Profanen gerichtet werden . Diese Vorrechte derselben waren es eben , welche die andern Zünfte auf sie eifersüchtig machten - und wie gewöhnliche Frauen ihren Neid und Groll , der , wenn berechtigt , den Institutionen gelten sollte , an den einzelnen Personen , zu deren Vortheil diese sind , auslassen möchten , so war auch Frau Eva in diesem Falle . Amadeus war fort - aber was konnte der Propst thun , sich gegen diese Gerüchte zu schützen , wenn sie zu einer Untersuchung führten , und wie konnte er wissen , ob sie nicht schon das Ergebniß einer solchen waren , die vor der Hand noch innerhalb der Klostermauern geführt ward ? Ulrich glaubte in denselben Gerüchten , die zu ihm drangen , die Hinterlist Ezechiel ' s zu erkennen . So viel war ihm klar geworden durch Alles , was er im Lauf der Zeit an sich selbst erfahren hatte , daß der Jude ein Vertrauter Streitberg ' s , und daß es nur dadurch Rachel möglich gewesen war , ihm alle die Nachrichten und Warnungen zukommen zu lassen , die er , um Unglück oder Unrecht zu verhüten , von ihr empfangen hatte . Wenn er so Alles überdachte , fiel es ihm plötzlich schwer auf ' s Gewissen , daß er den Edelsinn in ihr , der sie immer angetrieben hatte Unglück zu verhindern , durch nichts bestärkt oder belohnt , daß er sie immer von sich fern gehalten hatte und fast nur rauhe Worte für sie gehabt , weil sie eine Jüdin und weil sie ein Weib war . Hätte er nicht das Gefühl in ihr , das sie immer wieder zu ihm trieb , als dem einzigen Menschen , zu dem sie das Vertrauen faßte : er werde bereit sein die Unschuld und die Wehrlosen zu beschützen wie und wo es auch sei - hätte er das nicht unterstützen und pflegen müssen , ihr nicht sagen , daß es ihm scheine , als sei sie in der That und im Herzen eine Christin ; hätte er nicht Alles thun müssen , sie vom Fluch des Judenthums zu erlösen und sie für das Christenthum zu gewinnen ? Hatte er , indem er sie mied , nicht nur sich im Auge gehabt , nicht sein Gelübde , sondern nur den Schein es zu bewahren . Was war es denn weiter , wenn er auch einmal in das Judenviertel ging ? War es nicht auch klug , wenn er jetzt Ezechiel unter dem Vorwand aufsuchte , daß er ihm die im Kloster geliehenen Kleider bezahlen wolle , da sie der Eigenthümer nicht zurückbringe , obwohl der Jude damals alle Bezahlung verweigert hatte . Konnte er nicht durch dies Anerbieten selbst Ezechiel irre machen in seinen Voraussetzungen , oder ihm doch zeigen , daß er ihn nicht fürchte ? In der Judengasse war die Wohnung Ezechiel ' s leicht zu erfragen und auch im Dunkeln zu finden , als der in einen langen Mantel gehüllte Baubruder durch dieselbe schritt . Ein matter Lichtschimmer brach durch ein Fenster des obern Stockes . Ulrich tappte die finstere Treppe hinauf und stand vor einer kleinen Thür . Es schien sich nichts dahinter zu regen , er lauschte und pochte . Er rief : » Ezechiel ! « Nichts antwortete , aber es war Ulrich , als ob er leise Schritte zur Thür gehen hörte . » Ezechiel oder Rachel ! « rief er noch einmal , » wer ist daheim ? « » Gott meiner Väter ! « rief drinnen Rachel ' s Stimme , » ich täusche mich nicht - Ihr seid es , Ulrich von Straßburg . « » Ich bin es ! « antwortete Ulrich , » und ich hoffe , daß Ihr mir öffnen werdet , damit ich mit Euch sprechen kann . « » Das kann ich nicht ! « antwortete sie ; » der Vater hat mich eingeschlossen - aber seid Ihr allein ? « » Ganz allein ! « » So hört uns Niemand . O , Euch sendet der Himmel ! Mein Vater läßt mich nicht mehr aus dem Hause - aber laßt Euch nicht von ihm hier treffen ! « rief sie angstvoll . » Warum ? « versetzte er ; » ich komme seinetwegen , meine Schuld ihm zu bezahlen . « » O das ist längst abgemacht ! « fiel sie ihm in ' s Wort ; » es bleibt jetzt keine Zeit davon zu reden , auch nicht von dem Dank , den ich Euch schulde und mein ganzes Volk , daß Ihr auf mich gehört - aber der , dem Ihr damals fortgeholfen , ist ein Undankbarer . « » Was sagst Du ? « » Er hat Euch an Streitberg verrathen , ich sah ihn selbst auf Weyspriach ' s Schloß ; aber ich erfuhr den Zusammenhang erst , als ich fort war und nachdem ich schon bei Euch gewesen . « » Diesmal kommt Deine Warnung zu spät ! « antwortete Ulrich . » Zu spät - war mein Vater schon bei Euch ? « » Kürzlich ? - nein ! « » Er schweigt noch - aber er will sein Schweigen von Euch damit erkaufen , daß Ihr ihm den Ring von Frau Elisabeth wieder verschafft . Ihr hab ' t ihr jetzt einen großen Dienst geleistet - sie wird und muß es thun ! « sagte Rachel . » Nie werde ich etwas von ihr verlangen , « sagte Ulrich stolz , » am wenigsten etwas Schmachvolles ! « » Nicht um Euretwillen , wenn Ihr an Euch nicht denkt - den Propst , Hieronymus , Konrad - Ihr werdet sie Alle mit Euch verderben sehen ! « Ulrich fühlte ein Schwert in seiner Brust , aber es war kein Schwert des Kampfes , sondern des Gerichts . » Ich weiß , was ich zu thun habe , « antwortete er ; » ein Christ weiß es immer - er nimmt die Schuld allein auf sich , wie es sein erhabener Meister mit der Schuld der ganzen Menschheit that . Sieh ' , ich kam zu Dir , um mit Dir von dem Christenthum zu sprechen . « Eine lange Pause folgte . Dann antwortete Rachel dumpf : » Geh ' t , ich habe weiter nichts mehr mit Euch zu reden - wir sind fertig . Ihr seid hier auch nicht sicher - geh ' t. « Ulrich wartete noch einige Minuten , rief noch einmal hinein , aber es erfolgte keine Antwort mehr . Er ging . Was ihm Rachel gesagt , erfüllte sich am andern Tage . Ezechiel kam zu ihm , aber er wußte nichts davon , wie es schien , daß Ulrich Tags zuvor in seiner Wohnung gewesen , und da Rachel es also mochte gut befunden haben , darüber zu schweigen , so that Ulrich um ihretwillen das Gleiche . Der Jude zeigte zuerst die alte kriechende Höflichkeit , sagte , daß er in Noth und Angst wiederkäme , um von Ulrich einen großen Dienst zu erbitten , durch den er allein großes Unglück von ihm abwenden könne . Ulrich entgegnete ruhig , daß er sich wundern müsse , wie Ezechiel noch zu ihm kommen könne , nachdem er schon das vorige Mal sein Vertrauen zurückgewiesen - inzwischen aber erkannt habe , wie recht er daran gethan , da der Jude nur ein lügenhaftes Spiel mit ihm getrieben , um durch ein unredliches Mittel irgend einen unredlichen Zweck zu erreichen ; es sei wohl besser , wenn sie einander aus dem Wege gingen und vergäßen , je einander darauf begegnet zu sein . Diese Worte drängten den Juden rasch zum Ziel , da er daraus sah , daß Ulrich in keinem Falle ihm vertrauen würde , und daß es unmöglich sein werde , durch List und Verstellung etwas von ihm zu erreichen , so griff er gleich zu seinem letzten , und wie er meinte , unfehlbaren Mittel : der Drohung . » Muß ich mich doch verwundern , « begann er , » daß Ihr mir möget also schnöde begegnen . Ist es nicht in meiner Macht , Euch ganz und gar zu verderben ? Hab ' t Ihr nicht aus dem Benediktinerkloster fortgeholfen einem Mönch , der verurtheilt gewesen zum Tode ? Hab ' t Ihr nicht damit selbst verwirkt den Tod vor dem geistlichen Gericht ? Ihr und Euer Freund , der mit Euch gewesen ist , und der Novize , der Euch geholfen hat ? Denkt Ihr , ich weiß das Alles nicht haarklein ? Aber ich weiß auch noch mehr . Wird nicht ein Baubruder , der nicht keusch und züchtig lebt , sondern mit Frauenzimmern sich abgiebt und zur Nachtzeit in ihre Wohnungen dringt , mit Schimpf und Schande verwiesen aus der Genossenschaft freier Steinmetzen ? Denkt Ihr , ich weiß nicht , daß Ihr Euch hab ' t eingelassen mit der schönen Frau von Scheurl , und daß Ihr trotzdem seid nachgeschlichen dem armen Judenmädchen - seid zur Nachtzeit in die verachtete Judengasse geschlichen , weil Ihr hab ' t gewußt , ich sei auswärts , hab ' t Ihr mir wollen verführen mein einziges Kind ? « » Haltet ein , so frech zu lügen ! « rief Ulrich erglühend . » Oho ! « antwortete der Jude ; » ich habe viele Zeugen , und Ihr vermöget weder mich einer Lüge zu zeihen , noch eine dieser Anklagen abzuwälzen , wenn sie werden angebracht wieder Euch . Wenn die That sich läßt so klar beweisen , gilt auch das Zeugniß des Juden , wenn Ihr das etwa darum verachten solltet ; es giebt genug Christen , die mit mir das Alles bezeugen werden - und soll Euch bleiben nicht die mindeste Ausflucht . Aber ich hab ' ein dankbar Gemüth und nicht vergessen , daß Ihr Euch einmal angenommen meiner und meines Kindes , und hab ' t mir herausgegeben den gefundenen Ring darum will ich schweigen , wenn Ihr mir nur thut einen einzigen kleinen Gefallen : verschaffet mir denselben Ring wieder von der Frau von Scheurl - denn der Ritter von Streitberg wollte einlösen sein Pfand , und will mir nun an Leib und Leben , weil ich es habe vorher gelassen aus meinen Händen . « » Der Ritter von Streitberg wird Euch schwerlich viel schaden , « antwortete Ulrich , » denn die Nürnberger werden nicht eher von Weyspriach ' s Burg ziehen , bis sie sich der beiden gefährlichen Straßenräuber bemächtigt - und mir scheint , Ihr thätet besser , Euch als ein Feind dieser Herren zu zeigen , als zuzugeben , daß Ihr allezeit gemeinschaftliche Sache mit ihnen gemacht . Im Uebrigen muß ich Euch wiederholen : sag ' t über mich aus , wahr oder falsch , was Ihr woll ' t - ich kann Euer Verstummen nicht durch etwas erkaufen , das mir ganz unmöglich ist zu thun - « » Ist nicht unmöglich ! « feil ihm der Jude in ' s Wort . » Trotzdem , daß Ihr mich nimmer hab ' t haben wollen zum Liebesboten , hab ' t Ihr Euch doch gegen mich verrathen ; ich weiß nun um so mehr , wie Ihr steht mit der Frau von Scheurl , und daß sie Euch wird jeden Wunsch erfüllen , den Ihr von ihr fordern möget , schon damit sie nicht - « » Still ! « gebot Ulrich und stampfte unwillig mit dem Fuße . » Ich höre nicht länger solch ' unsinniges Gewäsch mit an . Ich kann nicht thun , was Ihr woll ' t ; thut selbst , was Euch gut dünkt , redet mir nach , was Ihr wollt und wo Ihr es wollt ; ich habe kein Mittel , Euer Schweigen zu erkaufen und Euch vom Lügen-und falschem Zeugnißreden zurück zu halten , denn ich verschmäh ' es , Euch wieder zu drohen wie Ihr mir : daß es mich auch nur ein Wort kostet , und Ihr seid überwiesen an Streitberg ' s und Weyspriach ' s Schuld mit Theil zu haben - seid versichert , man wird keine langen Umstände mit dem Juden machen ! « » Gott meiner Väter ! « rief der Jude , » Ihr redet das nur so in das Blaue hinein ; der Jude Ezechiel ist alt und erfahren genug , um zu wissen , wie es mit ihm steht und was er hat zu thun oder zu lassen . So lange Weyspriach ' s Burg noch steht , gebe ich Euch Bedenkzeit , so lange werde ich schweigen . Schafft Ihr mir bis dahin den Ring , so seid Ihr für alle Zeiten meiner Dankbarkeit gewiß . Dann wird Ezechiel nicht allein schweigen , dann wird er Euch weiter helfen - Euch und Amadeus , wird Euch dienen und der Frau Scheurl . Schafft Ihr mir aber den Ring bis dahin nicht wieder , so wird das Verderben kommen über Euch und Alle , die ich da habe genannt , so wahr ich selbst Ezechiel heiße . Das überlegt Euch , und die Wohnung des armen Juden wißt Ihr ja nun zu finden ! « Damit ging er , ohne von Ulrich noch eines Wortes gewürdigt zu werden . - So war Ulrich in der That durch den Juden von einem Netz umsponnen , daß er gar nicht einmal sehen konnte , aus welchen Fäden es gewoben , noch wen es mit ihm umgab . Und wie es ihm jetzt schien , war kein höheres Motiv dabei im Spiele , es war die gemeinste jüdische Geldprellerei , der er zum Opfer fallen sollte ! - Die Zeit , die ihm der Jude schenken wollte , schien ihm überflüssig als Bedenkzeit ; aber er wollte sie nützen im Dienst der ewigen Kunst , der er sich geweiht - und vielleicht konnte er sie auch so nützen , Alles so zu leiten , daß er allein als Opfer fiel und alle Gefahr und Schuld auf sich allein nahm , die jetzt drohend über den Häuptern aller andern Wesen schwebte , die ihm im Leben theuer geworden , ja die sich überhaupt ihm nur genaht . Wenig Tage darauf vernahm er mit Schrecken , daß der Propst Kreß erkrankt , vernahm er auch , was man in der Stadt über denselben redete ; aber da er selbst zu ihm ging , um zu warnen oder zu berathen , so gut es gehen wollte , ohne durch ganz vollständige Mittheilungen die Angst des Propstes zu erhöhen , erfuhr er von diesem , daß der Abt des Benediktinerklosters als sein Freund und Gönner selbst bei ihm gewesen , um mit ihm im Vertrauen zu verhandeln : wie man das Bekanntwerden eines unangenehmen Vorfalls unterdrücken , dem Kloster und der ganzen Geistlichkeit eine Untersuchung und einen öffentlichen Eclat ersparen könne . Ein Knecht , der früher schon im Kloster und später in der Stadt Dienste gethan , habe dem Abt berichtet , daß er den Bruder Amadeus in fast ritterlicher Kleidung durch die Straßen Nürnbergs habe schleichen sehen , und daß ihn der Propst mit einem Baubruder bei nächtlicher Weile mit in das Haus genommen und bei sich verborgen . Auf diese Anzeige hin hatte der Abt in der Stille die Zelle öffnen lassen , welche vollends zugemauert worden war , als der Gefangene darin kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte ; da man bei dieser Oeffnung nach einigen Wochen keinen Leichnam darin gefunden , so war es freilich klar , daß Amadeus geflohen war und daß er dies nicht ohne Helfershelfer hatte bewerkstelligen können . Indeß schien es dem Abt rathsam , darüber kein großes Geschrei zu erheben , sondern lieber zu thun , als ob nichts geschehen sei , so lange nicht durch Amadeus selbst die Sache ruchbar würde ; denn eben damals waren in Kirchen und Klöstern mancherlei Mißbräuche eingerissen und das Ansehen Beider im Volke gesunken . Nicht etwa nur in den Klöstern , sondern im ganzen Volke , war eine beispiellose Verschlechterung der Sitten eingerissen und eine entsetzliche Verwilderung unter die Menschen gekommen ; so wenig wie den Laien , so wenig galt selbst vielen Geistlichen der gute Schein , oder man suchte , wenn nicht ihn , doch das Ansehen durch Ketzergerichte und andere Zeichen eines geistlichen Schreckensregimentes zu erhalten . Die aber zu den Besseren und Edleren der höhern Geistlichkeit gehörten , wie der Propst Kreß und der Abt des Klosters , die suchten wenigstens die eingerissenen Uebelstände und Ungehörigkeiten , die sie nicht ausrotten konnten und noch weniger an den Tag bringen , ohne in den Augen der Menge ihrem eigenen Stande zu schaden , zu vertuschen , so gut es gehen wolle . Danach handelte auch jetzt der Abt in der Hoffnung , daß Kreß , wenn er Amadeus bei sich habe , oder seinen Aufenthalt wisse , sich mit diesem selbst leicht verständigen könne , daß er weit fort fliehen und sich verborgen halten möge , ohne je Jemanden zu vertrauen , woher er komme und daß er ein zum Tode verurtheilter und entlaufener Mönch sei . Lieber werde ihm der Abt selbst die Mittel zu weiterer Flucht verschaffen , als ihn der Verfolgung aussetzen , die ihn vor ein geistliches Gericht bringen werde , das ihn zum Tode verurtheilen müßte - ein Urtheil , das nun nicht wie das erstgefällte in der Stille des Klosters vollzogen werden konnte , sondern das der Welt offenbar werden mußte , weil andere weltliche Personen und Gerichte mit darein verwickelt sein würden . Dieser vertrauensvollen Mittheilung setzte der Propst die andere entgegen , daß allerdings Amadeus , aber erst einige Wochen nach seiner Flucht aus dem Kloster eine Nacht bei ihm gewesen , daß er sich nicht habe entschließen können , dem bei ihm eine Freistatt Suchenden , dieselbe zum Gefängniß werden zu lassen , noch sie ihm auf länger als einen Tag zu gewähren , und daß er Amadeus zum Reichsheer gesandt , in der Schlacht den Tod zu suchen , den er verdient habe und dem er doch im Kloster entronnen sei . Er erklärte nicht zu wissen und nicht wissen zu wollen , wie und wann und durch wen Amadeus befreit worden , und forderte zum Lohn für sein unumwundenes Geständniß von dem Abt , nicht nur die vorher versprochene Zusicherung , daß ihm dann selbst kein Schaden daraus erwachsen solle , sondern auch daß der Abt die ganze Sache unterdrücken und weder unter den Mönchen , noch den Baubrüdern , noch den Befreiern forschen möge . » Sa lange das in meiner Macht ist und ich nicht von Außen dazu gedrängt werde , « versprach der Abt . » Ist es für die Ehre unseres Standes besser , Alles als ungeschehen zu betrachten , so soll es so gehalten werden ; ist es jedoch nicht möglich , reden Andere oder die Thatsachen vor der Welt , so soll mit Strenge gerichtet werden , und ich werde das Schonen nicht kennen , weder für mich selbst , noch für Feind und Freund . « So weit war der Propst beruhigt für den Augenblick und doch voll Unruhe für die Zukunft ; es war ein Damoklesschwert , das über seinem Haupte hing , und auch über dem Haupte Ulrich ' s. Der mehr weiche und gutmüthige als starke und energische Charakter des Propstes Kreß war nicht dazu gemacht , solche Zustände mit Muth oder auch nur Gleichmuth zu ertragen , die ungewohnte Angst und Unruhe hatten ihm eine Krankheit zugezogen , die ihn lange an sein Haus gefesselt hielt . Als Ulrich zu ihm kam , theilte Jeder von dem Geschehenen oder Gefürchteten dem Andern eben nur so viel mit , als nöthig war zu beruhigen oder zu warnen ; aber da Keiner wissen konnte , wie der Würfel fallen werde , ob überhaupt eine Anklage und welche zuerst sich erheben werde , so war es nicht möglich irgend eine Verabredung zu treffen oder einen Plan zu Schutz oder Trutz zu entwerfen - ja Ulrich stand nur das Eine fest , was er aber nicht sagte , daß er , wenn es zu einer bedenklichen Untersuchung kam , sich als den einzigen Schuldigen selbst darstellen und zum Opfer bringen wollte . So war noch Alles geblieben , als der Propst als ein Halbgenesener in die Lorenzkirche kam , die Darbringungen weiblichen Fleißes , die Elisabeth mit gestiftet , zu beschauen , und als Ulrich , um Hieronymus aus drohender Gefahr zu retten , sich selbst in die größte begab . Die Rettung war ihm gelungen , und Elisabeth , die er inzwischen nicht wiedergesehen , hatte ihm auf offenem Markt ihre Theilnahme zu erkennen gegeben . Lag darin nicht eine neue Gefahr - und empfand nicht Ulrich doch nebenbei einen süßen stillen Triumph in dem geheimsten Winkel seines Herzens ? Ihm war es , als sei es der schönste Tag seines Lebens . Er hatte an ihm eine Spitzsäule mit zierlichem Eichenlaub umrankt , das mit stachlichem Dornenwerk darum zu streiten schien , und doch in der Krone den Sieg davontrug , vollendet und eben sein Zeichen , den Kreis mit dem Winkelmaaß durchschnitten , hineingegraben , als er Elisabeth zur Kirche vorübergehen sah und nicht lange darauf das Gebälk am Kirchenbau erbebte , stürzte - und er nun , selbst der nahen Gefahr entronnen , Alles aufbot mit Anstrengung aller seiner Kräfte sie von den andern Baubrüdern abzuwenden und Hieronymus zu retten . Und da es ihm gelang und Hieronymus ihn innig umschlang und nichts zu ihm sagte als : » Mein Bruder ! « da hätte er laut aufjauchzen mögen in dem Bewußtsein , daß er dem Freund hatte beweisen können , daß er noch ganz der alte für ihn sei - und daß nun auch aus dessen Seele alles Mißtrauen schwand , das sich darin festgesetzt seit ihrer verschiedenen Meinung über die Juden und seit ihm Ulrich wirklich etwas zu verbergen hatte . Das , was Ulrich selbst empfand gleich einer Versündigung an dem Freund , die er doch auch nur aus Rücksicht für diesen selbst , um ihn nicht durch einen Mitwisser zu einem Mitschuldigen zu machen , auf sich lud , das war nun auf einmal von ihm genommen : denn er hatte ihm jetzt gezeigt , daß er ihn mehr liebte als sein Leben , das er mit Freuden wagte an die Rettung des seinen , da alle Andere es verloren gaben und ihn zurückhalten wollten . Auch Mutter Martha war ihm versöhnt , und mehr - sie nannte ihn wieder ihren zweiten Sohn , denn er hatte ihr ja den einzigen gerettet . Sie gestand auch beschämt , daß sie es der stolzen Frau von Scheurl nimmer zugetraut hätte , daß sie einer alten Frau wie ihr auf offenem Markte einen Liebesdienst erweisen werde , aber sie fügte doch hämisch hinzu : » Freilich , sie fragt eben nach gar keiner Sitte , oder nach den Leuten , und so wie sie den Vorschriften des Rathes und der Schicklichkeit zum Trotz sich prächtig kleidet , so thut sie auch für eine arme alte Frau , was sonst keine von diesen hochmüthigen Geschlechtern thun würde ; aber ich hab ' es gesehen , wie sie außer sich war vor Angst , da Ihr in Gefahr schwebtet , und darum warn ' ich Euch , Ulrich : wenn sonst vor keinem Weibe , so seid vor ihr auf Eurer Hut . « Ulrich wies lächelnd die Warnung zurück , aber er erröthete leise und seine Pulse gingen schneller , da er jenes Augenblickes gedachte , wo er in Elisabeth ' s Gemach von ihrer bezaubernden Nähe wie berauscht gewesen . Sechstes Capitel Gift Die alte Jacobea saß in ihrer kleinen Hütte an einem Regenabend mürrisch und sinnend an einem niedergebrannten Holzfeuer ihres Herdes und rührte in einer darüber befindlichen Pfanne , aus der übelriechende Dämpfe emporstiegen . Sie murmelte unverständliche Sprüche dabei und betete eine Art Hexensegen über ihr Gebräu . Damals eben erzählte man sich viel von Zauberei und Hexenmacht , besonders in den angrenzenden Ländern , wie kluge Frauen allerlei Künste erlernen und üben könnten , durch welche sie über Menschen und Thiere Macht erhielten , die ihnen entweder zum Guten oder Bösen dienten , je nachdem man es beabsichtige oder auch die Kunst verstände . Man verkündete und glaubte davon die fabelhaftesten Dinge . Zwar knüpften sich daran weitere schreckliche Geschichten und Erklärungen . Jene geheimen Künste sollten nur durch einen Pakt mit dem Teufel erlangt werden können , und dieser jetzt weit öfterer als je auf Erden erscheinen , entweder Einzelnen zur Nachtzeit in ihren Kammern , oder an Kreuzwegen und unter alten Bäumen ,