, damit ich sie so bald als möglich in den Garten des Vaters bringen könnte , und nachdem ich versprochen hatte , in diesem Sommer noch einen Besuch in der Anstalt zu machen , trat ich den Rückweg in das Rosenhaus wieder an . Ich bestieg auf meiner Wanderung , die ich in den Bergen zu Fuße machte , das Eiskar , setzte mich auf einen Steinblock und sah beinahe den ganzen Nachmittag in tiefem Sinnen auf die Landschaften , die vor mir ausgebreitet waren , hinaus . In dem Rosenhause beschäftigte ich mich wieder mit Betrachtung der Bilder . Ich nahm sogar ein Vergrößerungsglas und sah die Gemälde an , wie denn die verschiedenen alten Meister gemalt haben , ob der eine einen stumpfen , starren Pinsel genommen habe , der andere einen langen , weichen , ob sie mit breitem oder spitzigem gearbeitet , ob sie viel untermalt haben oder gleich mit den schweren , undurchsichtigen Farben darauf gegangen seien , ob sie in kleinen Flächen fertig gemacht oder das Große vorerst angelegt und es in allen Teilen nach und nach der Vollendung zugeführt hätten . Mein Gastfreund war in diesen Dingen sehr erfahren und stand mir bei . Von den Dichtern nahm ich jetzt Calderon vor . Ich konnte ihn bereits in dem Spanischen lesen , und vertiefte mich mit großem Eifer in seinen Geist . Wir besuchten mehrere Male den Inghof . Es wurde dort Musik gemacht , es wurde gespielt , wir besuchten die schönsten Teile der Umgebung , oder besahen , was der Garten oder der Meierhof oder das Haus Vorzügliches aufzuweisen hatte . Zur Zeit der Rosenblüte kam Mathilde und Natalie auf den Asperhof . Wir wußten den Tag der Ankunft , und erwarteten sie . Als sie ausgestiegen waren , als Mathilde und mein Gastfreund sich begrüßt hatten , als einige Worte von den Lippen der Mutter zu Gustav gesprochen worden waren , wendete sie sich zu mir und sprach mit den freundlichsten Mienen und mit dem liebevollsten Blick ihrer Augen die Freude aus , mich hier zu finden , zu wissen , daß ich mich schon ziemlich lange bei ihrem Freunde und ihrem Sohne aufgehalten habe , und zu hoffen , daß ich die ganze schöne Jahreszeit auf dem Asperhofe zubringen werde . Ich erwiderte , daß ich heuer beschlossen habe , den ganzen Sommer über bloß für mein Vergnügen zu leben , und daß ich es mit großem Danke anerkennen müsse , daß mir erlaubt sei , auf diesem Sitze verweilen zu dürfen , der das Herz , den Verstand und das ganze Wesen eines jungen Mannes so zu bilden geeignet sei . Natalie stand vor mir , da dieses gesprochen worden war . Sie erschien mir in diesem Jahre vollkommener geworden , und war so außerordentlich schön , wie ich nie in meinem ganzen Leben ein weibliches Wesen gesehen habe . Sie sagte kein Wort zu mir , sondern sah mich nur an . Ich war nicht im Stande , etwas aufzufinden , was ich zur Bewillkommung hätte sagen können . Ich verbeugte mich stumm , und sie erwiderte diese Verbeugung durch eine gleiche . Hierauf gingen wir in das Haus . Die Tage verflossen wie die in den vergangenen Jahren . Nur eine einzige Ausnahme trat ein . Man begann nach und nach von den Bildern zu sprechen , man sprach von der Marmorgestalt , welche auf der schönen Treppe des Hauses stand , man ging öfter in das Bilderzimmer und besah verschiedenes , und man verweilte manche Augenblicke in der dämmerigen Helle der Treppe , auf welche von oben die sanfte Flut des Lichtes hernieder sank , und vergnügte sich an der Herrlichkeit der dort befindlichen Gestalt und der Pracht ihrer Gliederung . Ich erkannte , daß Mathilde in der Beurteilung der Kunst erfahren sei , und daß sie dieselbe mit warmem Hetzen liebe . Auch an Natalien sah ich , daß sie in Kunstdingen nicht fremd sei , und daß sie in ihrer Neigung etwas gelten . Ich machte also jetzt die Erfahrung , daß man in früherer Zeit , da ich mein Augenmerk noch weniger auf Gemälde und ähnliche Kunstwerke gerichtet hatte , und dieselben einen tiefen Platz in meinem Innern noch nicht einnahmen , mich geschont habe , daß man nicht eingegangen sei , in meiner Gegenwart von den in dem Hause befindlichen Kunstwerken zu sprechen , um mich nicht in einen Kreis zu nötigen , der in jenem Augenblicke noch beinahe außerhalb meiner Seelenkräfte lag . Mir kam jetzt auch zu Sinne , daß in gleicher Weise mein Vater nie zu mir auf eigenen Antrieb von seinen Bildern gesprochen habe , und daß er sich nur in so weit über dieselben eingelassen , als ich selber darauf zu sprechen kam und um dieses oder jenes fragte . Sie haben also sämtlich einen Gegenstand vermieden , der in mir noch nicht geläufig war , und von dem sie erwarteten , daß ich vielleicht mein Gemüt zu ihm hinwenden würde . Mich erfüllte diese Betrachtung einigermaßen mit Scham , und ich erschien mir gegenüber all den Personen , die nun durch meine Vorstellung gingen , als ungefüg und unbehilflich ; aber da sie immer so gut und liebreich gegen mich gewesen waren , so schloß ich aus diesem Umstande , daß sie nicht nachteilig über mich geurteilt , und daß sie meinen Anteil an dem , was ihnen bereits teuer war , als sicher bevorstehend betrachtet haben . Dieser Gedanke beruhigte mich eines Teiles wieder . Besonders aber gereichte es mir zur Genugtuung , daß sie mit einer Art von Freude in die Gespräche eingingen , die sich jetzt über bildende Kunst entspannen , daß also das nicht unsachgemäß sein mußte , was ich in dieser Richtung jetzt äußerte , und daß es ihnen angenehm war , mit mir auf einer Lebensrichtung zusammen zu treffen , welche für sie Wichtigkeit hatte . Eines Tages , da die Blüte der Rosen schon beinahe zu Ende war , wurde ich unfreiwillig der Zeuge einiger Worte , welche Mathilde an meinen Gastfreund richtete , und welche offenbar nur für diesen allein bestimmt waren . Ich zeichnete in einer Stube des Erdgeschosses ein Fenstergitter . Das Erdgeschoß des Hauses hatte lauter eiserne Fenstergitter . Diese waren aber nicht jene großstäbigen Gitter , wie man sie an vielen Häusern und auch an Gefängnissen anbringt , sondern sie waren sanft geschweift , und hatten oben und unten eine flache Wölbung , die mitten gleichsam wie in einen Schlußstein in eine schöne Rose zusammenlief . Diese Rose war von vorzüglich leichter Arbeit , und war ihrem Vorbilde treuer , als ich irgendwo in Eisen gesehen hatte . Außerdem war das ganze Gitter in zierlicher Art zusammengestellt , und die Stäbe hatten nebst der Schlußrose noch manche andere bedeutsame Verzierungen . Es war fast gegen Abend , als ich mich in einer Stube des Erdgeschosses , deren Fenster auf die Rosen hinausgingen , befand , um mir vorläufig die ganze Gestalt des Gitters , die außen zu sehr von den Rosen verdeckt war , zu entwerfen . Die einzelnen Verzierungen , deren Hauptentwicklung nach außen ging , wollte ich mir später einmal von dorther zeichnen . Da ich in meine Arbeit vertieft war , dunkelte es vor dem Fenster , wie wenn die Laubblätter vor demselben von einem Schatten bedeckt würden . Da ich genauer hinsah , erkannte ich , daß jemand vor dem Fenster stehe , den ich aber der dichten Ranken willen nicht erkennen konnte . In diesem Augenblicke ertönte durch das geöffnete Fenster klar und deutlich Mathildens Stimme , die sagte : » Wie diese Rosen abgeblüht sind , so ist unser Glück abgeblüht . « Ihr antwortete die Stimme meines Gastfreundes , welche sagte : » Es ist nicht abgeblüht , es hat nur eine andere Gestalt . « Ich stand auf , entfernte mich von dem Fenster und ging in die Mitte des Zimmers , um von dem weiteren Verlaufe des Gespräches nicht mehr zu vernehmen . Da ich ferner überlegt hatte , daß es nicht geziemend sei , wenn mein Gastfreund und Mathilde später erführen , daß ich zu der Zeit , als sie ein Gespräch vor dem Fenster geführt hatten , in der Stube gewesen sei , der jenes Fenster angehörte , so entfernte ich mich auch aus derselben und ging in den Garten . Da ich nach einer Zeit meinen Gastfreund , Mathilden , Natalie und Gustav gegen den großen Kirschbaum zugehen sah , begab ich mich wieder in die Stube und holte mir meine Zeichnungsgeräte , die ich dort liegen gelassen hatte ; denn der Abend war mittlerweile so dunkel geworden , daß ich zum Weiterzeichnen nicht mehr sehen konnte . Als die Rosenblüte gänzlich vorüber war , beschlossen wir , uns auch eine Zeit in dem Sternenhofe aufzuhalten . Da wir den Hügel zu ihm hinan fuhren , sah ich , daß Gerüste an dem Mauerwerke aufgeschlagen waren , und als wir uns genähert hatten , erkannte ich , daß die Arbeiter , die sich auf den Gerüsten befanden , damit beschäftigt waren , die Tünche von den breiten Steinen , welche an die Oberfläche der Mauern gingen , abzunehmen und die Steine zu reinigen . Man hatte vorher an einem abgelegenen Teile des Hauses einen Versuch gemacht , welcher sich bewährte , und welcher dartat , daß das Haus ohne Tünche viel schöner aussehen werde . In dem Sternenhofe wurde ich so freundlich behandelt wie in der früheren Zeit , ja wenn ich meinem Gefühle trauen durfte , und wenn man so feine Unterscheidungen machen darf , noch freundlicher als früher . Mathilde zeigte mir selber alles , von dem sie glaubte , daß es mir von einigem Werte sein könnte , und erklärte mir bei diesem Vorgange alles , von dem sie glaubte , daß es einer Erklärung bedürfen könnte . Während dieses meines Aufenthaltes erfuhr ich auch , daß Mathilde das Schloß von einem vornehmen Manne gekauft hatte , der selten auf demselben gewesen war und es ziemlich vernachlässigt hatte . Vor ihm war es im Besitze einer Verwandten gewesen , deren Großvater es gekauft hatte . In der Zeit vorher war ein häufiger Wechsel der Eigentümer gewesen , und das Gut war sehr herab gekommen . Mathilde fing damit an , daß sie die zum Schlosse gehörigen Untertanen , welche Zehnte und Gaben in dasselbe zu entrichten hatten , gegen ein vereinbartes Entgelt für alle Zeiten von ihren Pflichten entband und sie zu unbeschränkten Eigentümern auf ihrem Grunde machte . Das zweite , was sie tat , bestand darin , daß sie die Liegenschaften des Schlosses selber zu bewirtschaften begann , daß sie einen geschlossenen Hausstand von Gesinde und ihrer eigenen Familie begründete und mit diesem Hausstande lebte . Sie richtete den Meierhof zurecht , und brachte mit Hilfe tätiger Leute , die sie aufnahm , die Felder , die Wiesen und Wälder in einen besseren Stand . Die schönen Zeilen von Obstbäumen , welche durch die Fluren liefen , und die mir bei meinem ersten Aufenthalte schon so sehr gefallen hatten , waren von ihr selber gepflanzt , und wenn sie gute , selbst ziemlich erwachsene Obstbäume irgendwo erhalten konnte , so scheute sie nicht die Zeit und den Aufwand , sie bringen und auf ihren Grund setzen zu lassen . Da die Nachbarn dieses Verfahren allmählich nachahmten , so erhielt die Gegend das eigentümliche und wohlgefällige Ansehen , das sie von den umliegenden Ländereien unterschied . Die Gemälde , welche sich in den Wohnzimmern Mathildens und Nataliens befanden , hatten nach meiner Meinung im ganzen genommen zwar nicht den Wert wie die im Asperhofe , aber es waren manche darunter , welche mir nach meinen jetzigen Ansichten mit der größten Meisterschaft gemacht schienen . Ich sagte die Sache meinem Gastfreunde , er bestättigte sie und zeigte mir Gemälde von Tizian , Guido Reni , Paul Veronese , Van Dyck und Holbein . Unbedeutende oder gar schlechte Bilder , wie ich sie , so weit mir jetzt dieses meine Rückerinnerung plötzlich und wiederholt vor Augen brachte , in manchen Sammlungen , die mir in früheren Jahren zugänglich gewesen waren , gesehen hatte , befanden sich weder in der Wohnung Mathildens noch in dem Asperhofe . Wir sprachen auch hier so wie in dem Rosenhause von den Gemälden , und es gehörte zu den schönsten Augenblicken , wenn ein Bild auf die Staffelei getan worden war , wenn man die Fenster , die ein störendes Licht hätten senden können , verhüllt hatte , wenn das Bild in die rechte Helle gerückt worden war , und wenn wir uns nun davor befanden . Mathilde und mein Gastfreund saßen gewöhnlich , Eustach und ich standen , neben uns Natalie , und nicht selten auch Gustav , welcher bei solchen Gelegenheiten sehr bescheiden und aufmerksam war . Öfter sprach hauptsächlich mein Gastfreund von dem Bilde , öfter aber auch Eustach , wozu Mathilde ihre Worte oder einfachen Meinungen gesellte . Man wiederholte vielleicht oft gesagte Worte , man zeigte sich manches , das man schon oft gesehen hatte , und machte sich auf Dinge aufmerksam , die man ohnehin kannte . So wiederholte man den Genuß und verlebte sich in das Kunstwerk . Ich sprach sehr selten mit , höchstens fragte ich und ließ mir etwas erklären . Natalie stand daneben und redete niemals ein Wort . Zur Nymphe des Brunnens , die unter der Eppichwand im Garten war , ging ich auch öfter . Früher hatte ich den wunderschönen Marmor bewundert , desgleichen mir nicht vorgekommen war ; jetzt erschien mir auch die Gestalt als ein sehr schönes Gebilde . Ich verglich sie mit der auf der Treppe im Hause meines Gastfreundes stehenden . Wenn auch jenes an Hoheit , Würde und Ernst weit den Vorzug in meinen Augen hatte , so war dieses doch auch für mich sehr anmutig , weich und klar , es hatte eine beschwichtigende Ruhe , wie die Göttin eines Quells sollte , und hatte doch wieder jenes Reine und , ich möchte sagen , Fremde , das ein Gemälde nicht hat , das aber der Marmor so gerne zeigt . Ich wurde mir dieser Empfindung des Fremden jetzt klarer bewußt , und ich erfuhr auch , daß sie mich schon in früherer Zeit ergriffen hatte , wenn ich mich Marmorbildwerken gegenüber befand . Es wirkte bei dieser Gestalt noch ein Besonderes mit , was in meiner Beschäftigung der Erdforschung seinen Grund hat , nämlich , daß der Marmor gar so schön und fast fleckenlos war . Er gehörte zu jener Gattung , die an den Rändern durchscheinend ist , deren Weiße beinahe funkelt und uns verleitet zu meinen , man sähe die zarten Kristalle wie Eisnadeln oder wie Zuckerkörner schimmern . Diese Reinheit hatte für mich an der Gestalt etwas Erhabenes . Nur dort , wo das Wasser aus dem Kruge floß , den die Gestalt umschlungen hielt , war ein grünlicher Schein in dem Marmor , und der Staffel , auf dem der am tiefsten herabgehende Fuß ruhte , war ebenfalls grün und von unten durch die herauf dringende Feuchtigkeit ein wenig verunreinigt . Der Marmor an dem Bilde meines Freundes war wohl trefflich , es mochte wahrscheinlich parischer sein , aber er hatte schon einigermaßen die Farbe alten Marmors , während die Nymphe wie neu war , als wäre der Marmor aus Carrara . Ich dachte mir wohl auch , und meine Freunde bestättigten es , daß das Bildwerk neueren Ursprunges sei ; aber wie bei dem meines Gastfreundes wußte man auch hier den Meister nicht . Ich saß sehr gerne in der Grotte bei dem Bildwerke . Es war da ein Sitz von weißem Marmor in einer Vertiefung , die sich seitwärts von der Nymphe in das Bauwerk zurück zog , und von der aus man die Gestalt sehr gut betrachten konnte . Es war ein sanftes Dämmern auf dem Marmor , und im Dämmern war es wieder , als leuchtete der Marmor . Man konnte hier auch das leise Rinnen des Wassers aus dem Kruge , das Kräuseln desselben in dem Becken , das Hinabträufeln auf den Boden und das gelegentliche Blitzen auf demselben sehen . Zur Wohnung hatte man mir dieselbe Räumlichkeit gegeben , die ich in den ersten zwei Malen inne hatte , da ich in diesem Schlosse war . Man hatte sie mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet , auf die man nur immer denken konnte , und deren ich zum größten Teile nicht bedurfte ; denn ich war in meinem Reiseleben gewohnt geworden , in den äußeren Dingen auf das einfachste vorzugehen . Da wir von dem Sternenhofe Abschied nahmen , sagte mir Mathilde auf die liebe , freundliche Weise Lebewohl , mit der sie mich empfangen hatte . Wir besuchten auf unserer Rückreise mehrere Landwirte , welche in der Gegend einen großen Ruf genossen , und besahen , was sie auf ihren Gütern eingeführt hatten , und was sie zum Wohle des Landes auszubreiten wünschten . Mein Gastfreund nahm Rebstecklinge , Abteilungen von Samen und Abbildungen von neuen Vorrichtungen mit nach Hause . Ehe ich die Rückreise zu den Meinigen antrat , ging ich noch einmal in das Rothmoor , um zu sehen , wie weit die Arbeiten aus meinem Marmor gediehen wären . Von den kleineren Dingen waren manche fertig . Das Wasserbecken und die größeren Arbeiten mußten in das nächste Jahr hinüber genommen werden . Ich billigte diese Anordnung ; denn es war mir lieber , daß die Sache gut gemacht würde , als daß sie bald fertig wäre . Das Vollendete packte ich ein , um es mit nach Hause zu nehmen . In dem Rosenhause fand ich bei meiner Zurückkunft einen Brief von Roland , der über die Ergebnisse der Nachforschungen nach den Ergänzungen zu den Pfeilerverkleidungen meines Vaters sprach . Es war keine Hoffnung vorhanden , die Ergänzungen zu finden . Im ganzen Gebirge war nichts , was mit den beschriebenen Verkleidungen Ähnlichkeit hatte , überhaupt sind da keine Verkleidungen und Vertäflungen vorhanden gewesen , wohin Roland seit Jahren seine Wanderungen angestellt hatte , sie müßten denn sehr verborgen sein , wornach man ein Auffinden so dem Zufalle anheim geben müsse , wie das durch Zufall entdeckt worden sei , was ich meinem Vater gebracht hätte . In Hinsicht der Vertäflungen aber , um welche es sich hier handle , sei beinahe Gewißheit vorhanden , daß sie zerstört worden seien . Die Ausmaße , welche ihm über die in den Händen meines Vaters befindlichen Werke zugesendet worden seien , passen genau auf ein Gemach im Steinhause des Lautertales , woher gleich anfangs der Ursprung der Dinge vermutet worden sei , und welches Gemach jetzt öde steht . Es habe zwei Pfeiler , an denen die noch vorhandenen Verkleidungen gewesen sein müssen . Die Zwischenarbeiten sind eben so zerstört worden wie vieles , was sich in jenem steinernen Schlößchen befunden habe ; denn sonst müßten sie sich entweder in dem Gebäude oder in der Gegend vorfinden , was beides nicht der Fall ist , oder sie müßten sehr im Verborgenen sein , da doch sonst die Nachforschungen , welche nun schon durch zwei Jahre angestellt und bekannt geworden seien , die Leute veranlaßt haben dürften , die Sachen zum Verkaufe um einen guten Kaufschilling zu bringen . Man müsse also seine Gedanken dahin richten , daß nichts zu finden sei , und wenn doch noch etwas gefunden würde , so müsse man es als eine unverhoffte Gunst ansehen . Mein Gastfreund und ich sagten , daß wir ungefähr auf dieses Ergebnis gefaßt gewesen seien . Als der Herbst ziemlich vorgeschritten war , begab ich mich auf die Rückreise in meine Heimat . Es war ein sehr heiterer Sonntagsmorgen , den ich zu meiner Ankunft auserwählt hatte , weil ich wußte , daß an diesem Tage der Vater zu Hause sein würde , und ich daher den Nachmittag in dem vollen Kreise der Meinigen zubringen konnte . Ich war nicht wie gewöhnlich auf einem Schiffe gekommen , sondern ich hatte meine Wanderung längs des ganzen Gebirges gegen Sonnenaufgang unternommen , und war dann mitternachtwärts mit einem Wagen in unsere Stadt gefahren . Den Vater traf ich sehr heiter an , er schien gleichsam um mehrere Jahre jünger geworden zu sein . Die Augen glänzten in seinem Angesichte , als wäre ihm eine sehr große Freude widerfahren . Auch die anderen sahen sehr vergnügt und fröhlich aus . Nach dem Mittagessen führte er mich in das gläserne Häuschen und zeigte mir , daß sich die Verkleidungen bereits auf den Pfeilern befänden . Es war ein bewunderungswürdiger Anblick , ich hätte nie gedacht , daß sich die Schnitzerei so gut darstellen würde . Sie war vollkommen gereinigt und schwach mit Firnis überzogen worden . » Siehst du , « sagte der Vater , » wie sich alles schön gestaltet hat . Die Holzverkleidung fügt sich , als wäre sie für diese Pfeiler gemacht worden . Es ist fast auch so der Fall ; wenn nicht die Holzverkleidung für die Pfeiler gemacht worden ist , so sind doch die Pfeiler für die Holzverkleidung gemacht worden . Was aber von weit größerer Bedeutung ist , besteht darin , daß das Holzkunstwerk in das ganze Häuschen so paßt , als wäre sie ursprünglich für dasselbe bestimmt gewesen - und dies freut mich am meisten . Ich kann mich daher auch nicht so betrüben wie du , daß die anderen Teile der Verkleidungen nicht aufzufinden gewesen sind . Ich müßte ja das ganze Häuschen wieder umbauen , wenn die Ergänzungen zum Vorscheine gekommen wären ; denn schwerlich würden sie hieher passen , und zu verstümmeln oder zu vergrößern würden sie ihrer Natur nach nicht sein . Wir wollen daher das Vorhandene genießen , und kömmt durch ein Wunder die Ergänzung zum Vorscheine , so wird sich schon zeigen , was zu tun sei . Du siehst , wir haben uns viele Mühe gegeben , die Lücken auszufüllen und alles in einen natürlichen Zusammenhang zu bringen . « So war es auch . Über den Verkleidungen befanden sich an den Pfeilern Spiegel eingesetzt , deren Rahmen die Verzierungen der Verkleidung fortsetzten und zu den Verzierungen der Fensterstäbe und Fensterkreuze hinüber leiteten . Unter den Fenstern waren Simse und Vertäflungen so angebracht , daß sie eine ruhigere Fläche zwischen den Schnitzwerken abgaben . Ich sprach gegen meinen Vater meine Bewunderung aus , daß man der Sache eine solche Gestalt zu geben gewußt habe . » Es ist uns aber auch ein sehr tüchtiger Lehrmeister beigestanden , « erwiderte er , » und wir waren in der Lage , nach seinem Rate noch manches in unserem begonnenen Werke abzuändern ; denn sonst wäre es nicht so geworden , wie es geworden ist . Setze dich zu uns , daß ich es dir erzähle . « Er saß mit der Mutter auf einer Bank , die aus feinen Rohrstäben geflochten war , die Schwester und ich nahmen ihnen gegenüber auf Sesseln Platz . » Dein Gastfreund « , fing er an , » hat uns ausgefunden , und hat , als du zwei Wochen fort warest , seine Bauzeichnungen und die Zeichnungen vieler anderer Gegenstände hieher gesendet , daß ich sie ansehe . Er hat mir auch den Antrag gemacht , daß ich manche , die mir besonders gefielen , zu meinem Gebrauche nachzeichnen lassen dürfe , nur möchte ich ihm die Blätter vorher alle senden und die bezeichnen , deren Nachbildung ich wünschte , er würde sie mir dann gelegentlich zu diesem Gebrauche zustellen . Ich lehnte diese Erlaubnis ab , nur einzelnes von Verzierungen oder Stäben ließ ich flüchtig heraus zeichnen , in so ferne ich erkannte , daß es mir bei meinen nächsten Anordnungen würde dienlich sein . Den größten Nutzen aber schöpften wir - mein Arbeiter und ich - aus der Anschauung des Ganzen überhaupt . Wir lernten hier neue Dinge kennen , wir sahen , daß es Schöneres gibt , als wir selber haben , so daß wir den Plan und die Ausführung zu den Arbeiten in dem Häuschen hier viel besser machten , als wir sonst beides gemacht haben würden . Die Zeichnungen von den Bauwerken , Geräten und anderen Dingen , welche mir dein Gastfreund gesandt hat , sind so schön , daß es vielleicht wenige gleiche gibt . Ich habe wohl in jüngeren Jahren bei meinen Reisen und Wanderungen sehr schöne und hie und da schönere Bauwerke gesehen ; aber Zeichnungen von Bauwerken habe ich nie so vollendet klar und rein gesehen . Ich hatte eine große Freude bei dem Anschauen dieser Dinge , und wer in dem Besitze einer so trefflichen Sammlung der schönsten , zahlreichen und dabei so mannigfaltigen Gegenstände ist , der kann niemals mehr bei seinen Anordnungen in das Unbedeutende , Leere und Nichtige verfallen , ja er muß bei gehöriger Benützung , und wenn sein Geist die Dinge in sich aufzunehmen versteht , nur das Hohe und Reine hervorbringen . Das ist eine seltne Gunst des Schicksales , wenn ein Mann die Muße , Mittel und Mitarbeiter hat , solche Werke anlegen zu können . Es gehörte zu meinen schönsten Augenblicken , in diesen Sammlungen blättern zu dürfen und mich in die Anschauung dessen , was mich besonders ansprach , zu vertiefen . Vielleicht gönnt es doch noch einmal eine spätere Gunst , von dem Anerbieten dieses Mannes Gebrauch machen zu können und hie und da etwas zu Stande zu bringen , was nicht ganz ein unwerter Zuwachs zu meinen letzten Tagen ist . Also gefällt dir das , was wir zu unseren Verkleidungen hatten hinzu machen lassen ? « » Vater , sehr « , erwiderte ich ; » aber ich habe jetzt andere Dinge zu reden ; ich kann mich von meinem Erstaunen nicht erholen , daß mein Gastfreund seine Zeichnungen hieher gesendet hat , die er so liebt , die er gewiß nicht weniger liebt als seine Bücher , von denen er doch keines aus seinem Hause gibt . Ich habe eine so große Freude über dieses Ereignis , daß ich nicht Worte finde , sie nur halb auszudrücken . Vater , mein Gefühl hat in jüngster Zeit einen solchen Aufschwung genommen , daß ich die Sache selber nicht begreife , ich muß mit dir darüber reden , ich habe sehr viele Dinge mit dir zu reden . Und meinem Gastfreunde muß ich auf das wärmste und heißeste danken , sobald ich ihn sehe , er hat mir durch die Sendung der Zeichnungen an dich die höchste Gunst erzeigt , die er mir nur zu erzeigen im Stande war . « » Dann muß ich dich bitten , mit mir zu gehen und noch etwas anzuschauen « , sagte mein Vater . Er führte mich in sein Altertumszimmer . Die Mutter und die Schwester gingen mit . An einem Pfeiler , der mit einem langen , altertümlich gefaßten Spiegel geschmückt war , stand der Tisch mit den Musikgeräten , den ich im Rosenhause in der Wiederherstellung befindlich und zu Anfang dieses Sommers bereits vollendet gesehen hatte . Ich konnte vor Verwunderung kein Wort sagen . Der Vater , der mein Gefühl verstand , sagte : » Der Tisch ist mein Eigentum . Er ist mir in diesem Sommer gesendet worden , und es war die Bitte beigefügt , ich möge ihn unter meinen andern Dingen als Erinnerung an einen Mann aufstellen , dessen größte Freude es wäre , einem andern , der seine Neigung gleichen Dingen zuwende wie er , ein Vergnügen zu machen . « » Da muß ich nun augenblicklich zu meinem Freunde reisen « , rief ich . » Den Dank habe ich ihm wohl schon ausgedrückt « , sagte der Vater , » aber wenn du hingehen und es mit dem eigenen Munde tun willst , so freut es mich um desto mehr . « Die Schwester hüpfte oder sprang beinahe in dem Zimmer herum und rief : » Ich habe es mir gedacht , daß er so handeln wird , ich habe es mir gedacht . O der Freude , o der Freude ! Wirst du bald abreisen ? « » Morgen mit dem frühesten Tagesanbruch , « erwiderte ich , » heute müssen noch Pferde bestellt werden . « » Es ist eine späte Jahreszeit , und du bist kaum gekommen , mein Sohn « , sagte die Mutter ; » aber ich halte dich nicht ab . Der Tisch und noch mehr die Gesinnung des Mannes , der ihn sendete , haben auf deinen Vater wie ein Glück gewirkt . Das müssen vortreffliche Menschen sein . « » Sie haben ihres Gleichen nicht auf Erden « , rief ich . Ohne zu säumen schickte ich den Knecht auf die Post , um mir auf den nächsten Morgen um vier Uhr zwei Pferde zu bestellen . Dann sprachen wir noch von dem Tische . Der Vater breitete sich über seine Eigenschaften aus , er erklärte uns dieses und jenes , und setzte mir dann in einer längeren Beweisführung auseinander , warum er gerade auf diesem Platze stehen müsse , auf dem er stehe . Ohne von den Gemälden des Vaters etwas zu sagen , auf welche ich mich sehr gefreut hatte , und von denen ich mit dem Vater hatte reden wollen , und ohne auf meinen diesjährigen Sommeraufenthalt näher einzugehen , ließ ich den Rest des Tages verfließen und erwartete mit Ungeduld den Morgen . Nur gelegentliche Fragen des Vaters beantwortete ich , und hörte zu , wenn er wieder von dem sprach , was in diesem Sommer ein Ereignis für ihn gewesen war . Vor dem Schlafengehen nahmen wir Abschied , und ich begab mich auf meine Zimmer . Um drei Uhr des Morgens war ein leichter Lederkoffer gepackt , und eine halbe Stunde später stand ich in guten Reisekleidern da . In dem Speisezimmer , in welchem noch ein Frühstück für mich bereit stand , erwartete mich die Mutter und