Kura-Tschesme , wo das Landhaus des Sirdars liegt . Anstatt aber dort anzuhalten , befahl sie plötzlich den Ruderern , quer über den Bosporus die für die kleinern Kaïks nicht ganz ungefährliche Fahrt zu machen und nach Kandili am asiatischen Ufer sich zu wenden . Hier hielt der Kaïk am Wasserthor einer einfachen , mehr im europäischen Geschmack erbauten Villa , und die Khanum schickte einen der Kaïkschi ' s in das Haus mit einer Botschaft für dessen Herrn . Schon nach wenig Augenblicken erschien derselbe , ein Mann von etwa 30-35 Jahren , großer körperlicher Schönheit und höchst eleganten französischen Manieren . Es war Fuad-Effendi , der junge Staatsmann , der offenbar befähigt und bestimmt ist , in der Geschichte seines Vaterlandes noch eine hervorragende Rolle zu spielen , wie jetzt schon beim Beginn der orientalischen Verwickelung seine Stellung und Thätigkeit von Bedeutung war . Schon früher , als Fuad seine Erziehung in den Salons von Paris und auf den Missionen nach London , Madrid und Lissabon vollendete , richteten sich die Augen der europäischen Diplomaten auf sein Talent , und als er zuerst , damals Großreferendar des Divans , nach dem Ausbruch der Revolution in Bukarest und der Vertreibung des Fürsten Bibesco im Juni 1848 als Commissarius der Pforte in den Fürstenthümern auftrat , um , unterstützt durch das Besatzungsheer Omer Pascha ' s , die Fehler Soliman ' s wieder gut zu machen und zugleich der russischen Einmischung die Wage zu halten , entwickelte sich seine spätere Stellung . Weder den russischen Diplomaten36 , - welche die gleiche Mission erhalten , - noch den russischen Generälen37 gelang es , mit der eleganten , schlangengleichen Gewandtheit Fuad-Effendi ' s in die Schranken zu treten , und die Brutalität Mentschikoff ' s , mit der er später diese Niederlage in Constantinopel selbst rächte , kann die Thatsache nicht verwischen . Von jener Zeit her , in welcher die Khanum den damaligen Muschir38 begleitete und , da seine Frauen keineswegs die gewöhnliche orientalische Absperrung erlitten , den Großreferendar persönlich kennen lernte , schreibt sich die Verbindung desselben mit Omer Pascha , die indeß nur ein Bündniß zweier ehrgeiziger Gemüther ist , so lange ihre Zwecke zusammengehen . Als später ( 1849 ) Fuad-Effendi als Gesandter nach Petersburg ging , während der Muschir selbst die Verwaltung der Fürstenthümer übernahm , lernte das petersburger Kabinet die volle Gefährlichkeit des jungen Diplomaten kennen , der die Lage seines Vaterlandes und die drohende Suprematie Rußlands sehr wohl zu würdigen verstand , und als später alle Versuche scheiterten , ihn in Constantinopel für die russischen Interessen zu gewinnen , er vielmehr einer der Hauptbeförderer des englischen und französischen Einflusses und zugleich Minister des Auswärtigen wurde , war seine Entfernung aus dem Cabinet eine der ersten Bedingungen , die Fürst Mentschikoff stellte und durchsetzte . Fuad zog sich bei seinem Rücktritt nach Kandili zurück , wo er nahe genug dem Mittelpunkt der Intrigue war , um täglich in das Spiel eingreifen zu können . Dies war der Mann , der zu der Khanum an ' s Ufer trat , worauf diese das Boot verließ und Beide sich abseits eine kurze Zeit besprachen . Dann führte der Effendi die Dame höflich wieder zu ihrem Sitz zurück . » Sei versichert , « sprach er zum Abschied , » ein Geschäft , das Fuad übernimmt , wird er auch zu Ende führen . Der Ferman soll beim Propheten Deinen Gatten , den Sirdar , nicht an dem Uebergang über die Donau hindern ! Morgen erhältst Du Botschaft . « Während der Kaïk der Dame seinen Weg nach dem europäischen Ufer zurücknahm , gab der frühere Minister der Dienerschaft seine Befehle und ehe zehn Minuten vergingen , flog er in einem vierrudrigen Boot mit der Schnelligkeit des Dampfers durch das Dunkel auf Stambul zu . - - - Pera und die fränkische Bevölkerung hat zwei öffentliche Vergnügungsorte , wo sie im Freien die Kühle des Abends genießt . Der Eine ist die Promenade am kleinen Campo39 zwischen Pera und Tershana , eine etwa 200 Schritt lange Art von holpriger Esplanade , 30 Schritt breit , auf der einen Seite durch ein eisernes Gitter von dem Begräbnißplatze geschieden , auf der andern von hohen steinernen Häusern begränzt , in deren Parterre einige Kaffeestuben und Conditoreien sind . Hierhin wandelt Jahr aus Jahr ein jeden Abend der fränkische Kaufmann , der Fremde , der Beamte , und athmet nach des Tages Arbeit bei einer Tasse Kaffee , einem Glase Eis oder Limonade die erfrischende Abendluft ein . Alle Sprachen Europa ' s sind hier vertreten . Ueber die Cypressen des den Bergabhang deckenden Campo ' s hinweg erfaßt das Auge einen im Sternenlicht glitzernden Streifen des goldenen Horns und darüber hinaus das aufsteigende Häusermeer des westlichen Stambuls mit seinen Minarets und Kuppeln und den zahllosen Lichtern . Zur Zeit des Beirams gewährt das einen prachtvollen Anblick am Abend , da die Kuppeln der Moscheen , wie die Rundgänge der schlanken Nadeln gleichen Thürme dann mit Kränzen farbiger Lampen illuminirt sind . Der andere Vergnügungsort ist ein Garten in der Verlängerung der Perastraße , auf dem Wege zum großen Campo , zwischen Häusern und Mauern versteckt und ziemlich europäisch eingerichtet . Hier findet man gegen ein kleines Entree ein nicht schlechtes Concert von italienischen und deutschen Musikern . Trotz der verhältnißmäßig großen Zahl der Europäer in Pera und Galata ist der Garten doch nur sehr mäßig besucht . In einer Laube desselben , dem Vortrag der Ouvertüre der Lucia lauschend , saßen drei Männer , in deren Einem wir Doctor Welland wiederfinden . Der Zweite war eine große aristokratische Gestalt von den Manieren eines Weltmannes , etwas Avantürier und gascognirend , aber interessant und überaus gewandt , der seiner Zelt in zwei Welttheilen und in den verschiedensten Verhältnissen vielbekannte Baron Oelsner von Montmarquet . Ein ganzes Collier von Orden an seinem Frack unterstützte den etwas zweifelhaften Titel . Der Dritte schien ein Italiener , obschon er in der Unterhaltung geläufig deutsch sprach , ein herausforderndes , etwas unverschämtes Gesicht , seit 4 bis 5 Jahren in Pera als Banquier und Geschäftsmann ansässig und überall zu finden . Eine breite Narbe am linken Schlaf zeichnete das Antlitz aus . Mit beiden Personen war der Doctor durch Briefe , die er an sie überbracht , bekannt geworden und in häufigem Verkehr , da sein Leben in Constantinopel bisher ziemlich langweilig und beschäftigungslos gewesen war , eine Muße , die er zum Studium der zahlreichen historischen Merkwürdigkeiten , der türkischen Sprache und der türkischen Sitten benutzte . Er hatte sich zum Eintritt als Arzt bei der Armee in Bulgarien im Seraskiat gemeldet , doch durch allerlei Verzögerungen seine Anstellung bis jetzt hingehalten gesehen . Das Treiben des Barons war für den Deutschen ziemlich räthselhaft , denn Jener schien mit allen Parteien in Constantinopel aus gleichem Fuß zu verkehren und von allen Vorgängen und Intriguen in der genauesten Kenntniß . Die bedeutenden Geldmittel , über die er offenbar disponirte , vermehrten diesen Einfluß , und selbst Welland hatte sich ihm nicht ganz zu entziehen vermocht ; denn , nachdem er den Baron von einem jener leichten Uebel durch seinen ärztlichen Rath befreit hatte , die häufig im Orient sich einstellen und nur durch Vernachlässigung gefährlich werden , hatte der Genesene ihn mit Diensten überhäuft und war sichtbar bemüht , ihn an sich zu fesseln . Paduani , der Dritte , gehörte als Lombarde zur liberalen Partei und zeigte seine Gesinnung mit einer gewissen Ostentation , die namentlich gegen Oesterreich Partei nahm . Dabei verkehrte er viel mit den Führern , der Flüchtlinge und Emigrirten , die jetzt , von jeder Nation , Constantinopel zu überfüllen und einen ähnlichen Uebermuth an den Tag zu legen begannen , wie dies im Frühjahr und Sommer der Fall gewesen war . Offenbar trug dazu der Bruch des russischen und das Sinken des österreichischen Einflusses bei , während der französische und englische Schutz jetzt allgewaltig waren . Dennoch hatte Welland bald die Beobachtung gewacht , daß man dem Italiener nicht recht zu trauen schien . Da er jedoch mit den Personalverhältnissen in Constantinopel sehr vertraut war , hielt sich der Deutsche , der erhaltenen Instruktion gemäß , in Verbindung mit ihm . Das Gespräch drehte sich , wie jetzt überall der Fall , im Kreise der großen Tagesfragen . Die Kriegserklärung war am 26. September im großen Rath der Pforte , aus 172 Mitgliedern bestehend , beschlossen worden . Kaiser Nicolaus hatte mit dem österreichischen Kaiser am 26. bis 28. eine Zusammenkunft im Lager von Olmütz gehabt , aus der unter Aegide des österreichischen Premiers ein neues Notenproject hervorgegangen war , das zwar das wiener Kabinet in Paris , London und Wien befürwortete , doch erwies sich die Zeit den Ausgleichungsvorschlägen keineswegs mehr günstig und die Forderungen und Gegenforderungen verwickelten sich immer mehr . Während die drei Monarchen der heiligen Allianz am 3. October noch eine Zusammenkunft in Warschau hielten , erließ der Sultan , von allen Seiten gedrängt , am 4. October - am 1. Muharem nach türkischer Zeitrechnung - ein Manifest an sein Land mit der Kriegserklärung gegen Rußland , und Omer Pascha richtete auf den Befehl der Regierung unterm 6. die Aufforderung an den Fürsten Gortschakoff , den Oberbefehlshaber der russischen Besatzungstruppen , die Fürstenthümer bis zum fünfzehnten Tage zu räumen , widrigenfalls die Feindseligkeiten eröffnet werden würden . Der Fürst erwiderte in sehr gemäßigter Weise , daß er keine Vollmacht habe , Krieg zu führen , Frieden zu schließen oder die Donaufürstenthümer zu räumen . Während noch immer Friedensvorschläge sich von Constantinopel , Wien , Paris und London her kreuzten und so einer sich im andern aufhob , drangen die Gesandten der Westmächte in den Sultan , die Flotten aus der Besika-Bai in den Bosporus zu berufen , und erlangten endlich nach langem Sträuben des Großherrn am 15. den Ferman dazu . Admiral Dunbas , der Oberbefehlshaber des englischen Geschwaders , hatte zugleich die Anweisung seiner Regierung erhalten , den Admiral in Sebastopol zu benachrichtigen , daß , wenn die russische Flotte ausliefe , um Truppen auf türkisches Gebiet zu bringen , oder irgend einen Akt offener Feindseligkeit gegen die Pforte zu begehen , er den Befehl habe , die Besitzungen des Sultans gegen jeden Angriff zu schützen . Diese Ankündigung deutete bereits klar auf die Absichten der Westmächte hin , da der türkischen Flotte keineswegs eine Reciprocität auferlegt wurde und türkische Fahrzeuge fortwährend Kriegsmaterial und selbst Zuzüge an die tscherkessischen Küsten schafften . Kaiser Nicolaus machte noch einen persönlichen Versuch , die deutschen Kabinette für seine Interessen zu gewinnen , und traf zu diesem Ende am 8. October in Saussouci ein , seinen erlauchten Gast und Schwager , den König von Preußen , dahin zurückbegleitend . Es war das letzte Mal , daß der mächtige Kaiser die fremde liebliche Stätte sah , von der er einst die Mutter seiner Kinder geholt hatte . Schon in der Nacht zum 10. trat er wieder die Rückreise nach Petersburg an . Der König von Preußen begleitete ihn - ein treuer Freund ! - bis zum stettiner Bahnhof in Berlin - Augenzeugen berichten , daß er mit Thränen dort von dem Kaiser schied . Welche Gefühle mögen beide große Herzen bei jenem Abschied bewegt haben , wenn sie auch nicht ahnen konnten , daß es das letzte Schauen im Leben war ! Zwei treue vielgeprüfte und vielbewährte Freunde auf hohen Thronen , die letzte Mahnung des königlichen Paters ehrend - hat nur das Grab ihr Bündniß gebrochen . Unter dem Vielen , was das preußische Volk König Friedrich Wilhelm IV. schuldet , sind gewiß jene Tage in Sanssouci nicht das Kleinste . Dem Freunde , dem Schwager , den historischen Erinnerungen und dem eigenen Herzen gegenüber blieb der preußische König fest bei seinem Entschluß , sein Volk fern zu halten von dem sich bereitenden Kampfe , dessen Veranlassung er für keine gerechte hielt , so lange nicht die unumgängliche Nothwendigkeit ihm das Schwert in die Hand drängen würde . - Wenige wissen es - aber in den Herzen dieser Wenigen ist die Bewunderung desto tiefer eingegraben , - welche Kämpfe in jenen Tagen der König bestand , welche hohen Lockungen dem Hause Hohenzollern wurden und wie schwer der gerechte Sinn Friedrich Wilhelm ' s damals in die Wage der Völkerschicksale fiel ! - Dagegen hat er eben so treu sein Freundeswort gehalten und durch keine Drohung , kein Drängen von der andern Seite sich bewegen lassen , sich den Feinden anzuschließen . Preußens eherne Haltung hat offenbar Rußland gerettet ! - - Bereits am 17. hatten die Türken eine Insel auf der Donau zwischen Kalafat und Widdin besetzt , doch war noch keine Feindseligkeit erfolgt . Omer Pascha rechnete den 24. als den Ablauf der dem Fürsten Gortschakoff gesetzten Frist . Am 20. beriefen Lord Stratford und Herr de Latour die Flotten nach Constantinopel . In diesem letzten Augenblick machte der österreichische Gesandte , Baron von Bruck , noch einen Versuch und drang auf Aufschub der Feindseligkeiten . Lord Stratford interessirte sich scheinbar dafür und in der That wurde im Divan durch den Einfluß der Friedenspartei der Aufschub um zehn Tage beschlossen und der Ferman an den Sirdar dem Sultan zur Unterzeichnung vorgelegt . Für Rußland wäre dieser Aufschub von großer Wichtigkeit gewesen , da bei der verhältnißmäßig geringen Zahl des Besatzungsheers in den Fürstenthümern wichtige strategische Operationen und Vorbereitungen noch im Rückstand waren . - - Während Welland mit Paduani über die am Tage vorher bei dem englischen Gesandten stattgefundene Conferenz der Vertreter der vier Großmächte sich unterhielt , hörte der Baron offenbar zerstreut und mit wichtigen anderen Gedanken beschäftigt der Unterhaltung zu und blickte häufig nach dem Eingang des Gartens . Auch Paduani schien verstimmt und nachdenkend und lenkte mehrmals das Gespräch auf Vorbedeutungen und Ahnungen . » Es ist heute ein Tag unangenehmer Erinnerungen für mich , « sagte er endlich , » und ich habe mich seit dem frühen Morgen mit einer seltsamen Unruhe getragen . Glauben Sie an Ahnungen , Doctor ? « » Im Allgemeinen nicht , - in einzelnen Fällen : Ja ! Der Dänenprinz hat Recht , wenn er sagt , es ist Vieles zwischen Himmel und Erde , das wir nicht begreifen können . Ueberdies leben wir ja im Lande der Vorbestimmung und dürfen also an einer Ahnung derselben nicht zweifeln . « » Ohne Winkelzüge - sagt Ihnen Ihre Erfahrung Ja oder Nein ? « » Ich lernte in Paris einen jungen Engländer kennen , Master Morton , Capitain bei der schottischen Garde . Er ist der jüngere Sohn der berühmten schottischen Familie der Earls von Faulconbridge , in denen das zweite Gesicht seit Jahrhunderten sich vererbt haben soll . Es wiederholte sich auch bei seinem Vater . Im Jahre 1835 gegen Ende Novembers kam Lord Faulconbridge von London nach seinen Besitzungen in Schottland , wo seine Familie , darunter der Sohn , der mir die Thatsache mitgetheilt , ihn bereits erwartete . Als der vierspännige Reisewagen in die breite Ulmenallee einbog , die zum Schloßportal führte , sah der Lord dieses plötzlich mit Fackeln erleuchtet und eine Schaar Männer , welche in tiefer Trauer einen von der inneren Halle aus kommenden Leichenzug zu erwarten schien . Zum Tode erschrocken befahl er zu halten , aber schon war die Vision verflogen . Weder der Postillon noch die Diener hatten Etwas gesehen . Lady Faulconbridge suchte ihrem Gemahl das Ganze auszureden , aber am dritten Tage um die Stunde des Gesichts sank der Lord plötzlich zu Boden , als er sich mit den Seinigen eben zum Diner niederlassen wollte . Ein Nervenschlag hatte ihn getroffen . Capitain Morton war fest überzeugt , daß auch ihm sein Tod vorher verkündet werden würde . « Paduani hatte den Kopf in die Hand gestützt . » Ihnen , Doctor , Ihnen - Ihre eigenen Erfahrungen ? « Der Arzt sann einige Augenblicke nach . » Zwei Erinnerungen aus meinem Leben sind es , welche mir jene unerklärlichen und doch unleugbaren Fäden nahe gebracht haben , durch welche der Mensch mit der Geisterwelt in Verbindung zu stehen scheint . Ich erzähle sie Ihnen wohl ein ander Mal . « » Nein , jetzt , ich bitte Sie . Sie möchten sonst keine Zeit mehr dazu haben ! « Welland schaute den Italiener bei den seltsamen Worten aufmerksam an ; das Gesicht desselben hatte eine aschbleiche Farbe angenommen , er befand sich offenbar in der größten Aufregung , der er mit aller Mühe Herr zu werden suchte . Der Arzt schüttelte den Kopf , doch folgte er seinem Wunsche . » Ich war , « erzählte er , » ein junger Mensch von 16 Jahren , und in Breslau auf Schulen . Meine Eltern hatten mich bei einem Gelehrten in Pension gegeben , der in einem frühern Kloster an der Oder wohnte . Die älteste Tochter der Familie , Amalie , war eine Blondine mit herrlichen Locken , so schön , wie ich sie nie wieder im Leben gesehen , ein Madonnengesicht , die Stirn von breiten Goldflechten gleich einem Diadem eingefaßt , das erste und einzige Weib , in das ich wahrhaft verliebt gewesen bin . Es war eine halb kindische Leidenschaft , denn das Mädchen war mehrere Jahre älter als ich und trug den Gram einer unglücklichen Liebe im Herzen . Ein junger interessanter Maler war von ihr durch die Eltern getrennt worden und bald darauf in räthselhafter Weise verschwunden - man glaubte an einen Selbstmord , später erwies sich , daß er im Duell gefallen und von den Secundanten in die Oder geworfen worden war . Ein einziges Andenken war dem Mädchen aus der Zeit ihres Umgangs geblieben , ihr eigenes von dem Geliebten entworfenes aber nicht beendetes Portrait , von dem auffallender Weise nur der Kranz der goldenen Haare vollendet war , während das Gesicht noch in der Scizzirung der ersten Anlage verschwamm . - Ich war etwa ein Jahr im Hause gewesen , als Amalie plötzlich an einer nervösen Krankheit starb , - ich fand sie bei meiner Rückkehr von den Ferien als Leiche im Sarg und war untröstlich . Am Abend vor dem Begräbniß , als ich sie noch ein Mal besuchte , schnitt ich ihr eine der breiten Flechten ihres schönen Haares ab , um dieselbe zum Andenken zu bewahren . Es war Mitternacht , als ich ruhelos bei einem Buch in meinem Zimmer , einer ehemaligen Klosterzelle , saß ; hinter mir hing das vorhin beschriebene Bild an der Wand . Zufällig blickte ich vom Buch auf und in den großen Spiegel mir gegenüber . Da sah ich das Portrait sich darin spiegeln , aber - schrecklich ! in veränderter Form : das klar ausgeprägte blasse Leichengesicht , wie ich es eben verlassen , dagegen mit kahlem , aller Haare beraubtem Scheitel ! Ich hatte die Kraft , mich langsam umzuwenden nach dem Bild an der Wand und - dasselbe Todtengesicht ohne den Lockenschmuck starrte mich an . Mein Haar sträubte sich , ich glaubte eine Mahnung der Todten zu sehen , daß ich einen frevelhaften Raub an ihr begangen ; denn selbst ihrem Geliebten hatte sie stets die Gabe ihrer Haare verweigert , aus die sie auffallend hielt . Ohne das Auge von der schrecklichen Erscheinung abwenden zu können , taumelte ich rückwärts zur Thür meines Zimmers und öffnete sie ; - drüben über dem Gang hörte ich das Mädchen noch handthieren und rief dasselbe . Sie kam mit Licht , - ich bat sie , noch ein Mal mit mir zur Leiche zu gehen und - legte still die Flechte wieder in den Sarg , wohin sie gehörte . - Sie sehen , « sagte der Doctor nach einer kleinen Pause , » wohin die aufgeregte Phantasie führen kann . « Der Baron war während der Erzählung aufgestanden und nach dem Eingang des Gartens zu gegangen , wo er mit einem eben Eingetretenen eifrig sprach , der die Kleidung eines jüdischen Handelsmannes trug . Paduani hatte aufmerksam zugehört , doch schien ihn die Erzählung nicht zu befriedigen . » Und die andere , Doctor , die andere ? « » Der zweite Fall , ich muß es gestehen , ist mir selbst unerklärlicherer Natur und beweist mir allen Zweifeln gegenüber die Gabe des zweiten Gesichts bei gewissen Personen . Während meiner Studienzeit besuchte ich von Berlin aus Verwandte in Stendal , einer Stadt in der Nähe von Magdeburg . Eines Abends waren wir in Gesellschaft und man erwähnte einer Dame , die erwartet wurde , und die ich noch nie gesehen , da sie sich fast von allem Umgang zurückgezogen hatte und nur einer nicht auszuschlagenden Einladung diesmal gefolgt war . Es schien mit ihrer Person ein gewisses Geheimniß verknüpft , obschon Niemand recht mit der Sprache heraus wollte , die Meisten aber die Sache verspotteten . Endlich erschien die Dame , eine Frau , bereits im mittleren Alter , wahrscheinlich noch heute lebend , von blassem seinem Aussehen , ohne alles Auffallende , und die Gesellschaft nahm ihren gewöhnlichen Gang . Plötzlich , mein Auge war grade auf sie gerichtet , sah ich die Fremde unruhig und ängstlich werden . Sie versuchte offenbar dies Gefühl mit Gewalt zu unterdrücken , doch schien es ihr nicht möglich , denn sie entfernte sich bald darauf in ein Nebenzimmer und ließ von hier aus um Hut und Mantel bitten . Ich war grade in dem Zimmer anwesend , als Wirth und Wirthin in die Dame , eine Verwandte von ihnen , drangen , zu bleiben , oder ihnen wenigstens den Grund ihres raschen Weggehens zu sagen . Lange weigerte sie sich , endlich sagte sie zitternd und höchst aufgeregt : Sie kennen das unglückliche Geschenk , mit dem mich leider die Vorsehung ausgezeichnet und das mir schon so vielen Kummer und so viele Unannehmlichkeiten bereitet hat , daß ich mich lieber aus allen Kreisen zurückgezogen habe . Während ich vorhin unter den Fröhlichen saß , überfiel mich wieder diese schreckliche Gabe des doppelten Gesichts und ich sah ein Mitglied der Gesellschaft als Leiche vor mir auf dem Tische liegen ! - Der Wirth des Hauses , etwas ungläubiger Natur und auch erst seit Kurzem im Ort , suchte ihr die Grille auszureden und lachte gradezu , als die Dame ihm auf sein Drängen endlich einen Herrn , einen lebenskräftigen kerngesunden Hagestolzen von einigen vierzig Jahren als denjenigen bezeichnete , den sie als Leiche gesehen . Die Dame aber war nicht zu bewegen , wieder zur Gesellschaft zurückzukehren und ich bat daher um die Erlaubniß , sie nach Hause führen zu dürfen . Unterwegs suchte ich sie mit gleichgültigen Gesprächen zu zerstreuen , doch blieb sie still und traurig , und nahm an der Hausthür mit Thränen von mir Abschied . Sie werden leider erfahren , mein Herr , sagte sie , daß ich mich nie täusche . Die traurige Erfahrung hat mich ' s schon zu oft gelehrt . - Als ich in die Gesellschaft zurückkehrte , fand ich , daß der Wirth nicht still geschwiegen , sondern von der Prophezeihung gesprochen hatte , und daß man sich allgemein bemühte , darüber zu lachen . Vor Allem war das bezeichnete Opfer der Ungläubigste und Heiterste . Man spielte ein Pfänderspiel und wirklich war bald in der allgemeinen Lust der unangenehme Auftritt vergessen . Da - nach ungefähr zwei Stunden , während ich eben wieder im Nebenzimmer plauderte , hörte ich plötzlich lauten Hilferuf , Gekreisch und Geschrei . Alles stürzte herbei - der Herr , den die Seherin bezeichnet , hatte frisch und gesund noch einen Augenblick vorher auf seinem Stuhl gesessen und sich nach der Gewohnheit Vieler dabei auf den Rückbeinen desselben hin- und hergewiegt , als er plötzlich das Gleichgewicht verlor und mit dem Stuhl hinten überschlug . Man legte eben in der ersten Angst den Körper auf den nämlichen Tisch , den die Dame bezeichnet : - er hatte im Zimmer den Hals gebrochen und war eine Leiche , ehe man ihn aufhob . « » Ei , Doctor , was erzählen Sie da für Schauergeschichten , « sagte lachend der Baron , der wieder hinzugetreten war , » und ich glaube wahrhaftig , Herr Paduani läßt seine italienische Phantasie davon in Schrecken setzen . Doch kommen Sie einen Augenblick , Freund , ich möchte Sie um eine kleine medicinische Auskunft bitten . « Er nahm den Arm des Doctors und führte ihn , offenbar sehr aufgeräumt durch eine empfangene Nachricht , in einem Spaziergang durch den Garten . » Sie haben bereits von der infamen Sitte in diesem Lande gehört , « sagte er nach einem kurzen Bedenken , » den Lebenskeim oft im Mutterschooß zu tödten . Das geschieht nicht blos durch eigenes Verbrechen , sondern häufig auch durch fremde Bosheit . Ist es möglich , in einem solchen Falle den Folgen des Verbrechens zu begegnen , sie aufzuheben und das Opfer wieder zur erhabenen Bestimmung des Weibes zu befähigen ? « » Die Angaben sind sehr allgemein , « sagte ernst der Arzt ; » zunächst müßte man wissen , welche höllischen Mittel hier angewendet sind . Es würde nöthig sein , die Kranke zu sehen . « » Das geht nicht , « erwiderte der Baron ziemlich barsch ; » auch ist hier von keiner Kranken die Rede . Ich frage Sie blos , ob es in dieser Beziehung Gegengifte giebt ? Im Orient , müssen Sie wissen , ist man Meister in der Giftmischerei , und unsere Haremsdamen könnten den Borgia ' s Etwas zu rathen aufgeben . « » Die Natur ist unerschöpflich , Herr Baron , « sagte Welland , etwas verletzt von dem ungewohnten Ton , » und sie reproducirt ewig in ihren geheimnißvollen Werkstätten , deren wunderbarste der menschliche Körper ist . Die Erfahrung lehrt , daß selbst jene Unglücklichen , die in den Höhlen des Lasters sich feil bieten und bei denen jeder Keim der Mutterkraft längst erstickt scheint , bei geordnetem Leben mit der Zeit dieselbe wiedergewinnen . Ich glaube , daß die Zeit allein heilen kann - ein Gegengift aber ist nicht möglich , wenn man das Gift selbst nicht kennt . Ich würde mich nicht entschließen , ein solches zu geben , wenn ich nicht mindestens vorher die Person gesehen habe . « » Das ist nicht möglich , ich wiederhole es . « Seine Stirn faltete sich mißmüthig . » Man muß sie aufgeben und auf andere Mittel denken , « murmelte er und reichte dem Arzt die Hand . » Leben Sie wohl , Doctor ; ich habe eine Nachricht bekommen , die mir noch einige Geschäfte auflegt . Ich hoffe , wir sehen uns morgen . Bringen Sie den Italiener nach Hause , der Mann hat heute ein seltsames Wesen an sich . « Damit schied er . Als Welland zu der einsamen Laube zurückkehrte , fand er den Banquier mit starren Blicken vor sich hin in die Luft stierend , zuweilen mit der Hand wieder die Augen bedeckend , als wolle er einer äußern Erscheinung entfliehen . » Sie hatten Recht , Doctor , mit Ihrer ersten Geschichte , « sagte er fröstelnd ; » alle diese Bilder sind mir ein Spiel der aufgeregten Phantasie . - Und doch sehe ich ihn in diesem Augenblick so deutlich vor mir stehen , - schauen Sie , « er wies in die leere Luft , » mit dem ausgelaufenen Auge , wo die Kugel in den Schädel gedrungen ist , und den zwei blutigen Wunden in der Brust - gerade wie sie ihn aus dem Glacis zur Morgue gebracht haben ! « Er bedeckte schaudernd wieder die Augen mit der Hand . » Wen sehen Sie denn dort ? « fragte forschend der Arzt . » Wen ? - wen anders als den Capitano Blum , den deutschen Revolutionsmann , von dem sie thörichter Weise sagen , daß ich ihn im Gefängniß verrathen hätte . Die Narren ! als ob ich damals in Wien gewesen wäre . Ich heiße doch Paduani und nicht ... « Er ermannte sich . » Ich rede irre , Doctor , ich glaube , ich bekomme ein Fieber und werde Sie morgen um Ihren Rath bitten müssen . « » Wollen Sie nicht lieber nach Hause gehen ? ich werde Sie begleiten . « » Nein , Signor , lassen Sie uns in frischer Luft bleiben , ich fühle , mir wird schon besser , es war ein böser Anfall , dem ich manchmal unterworfen bin und ich menge da tolles Zeug zusammen ; achten Sie nicht darauf . « In der That schien er sich zum Erstaunen des Arztes auch ganz wieder zu erholen , erwähnte mit keiner Sylbe mehr der wüsten Gedanken und nahm das frühere Gespräch über die politischen Ereignisse wieder auf . Nur schien er den Heimweg so lange als möglich zu verzögern , und Mitternacht war bereits nahe und der Garten längst menschenleer , als sie auf Welland ' s Erklärung , daß er nun die Ruhe suchen wolle , sich auf den Weg machten . Beide trugen die in Constantinopel nach Eintritt der Dunkelheit vorgeschriebene kleine Papierlaterne , da eine öffentliche Beleuchtung nicht existirt , und scheuchten auf ihrem , bis in die Nähe des englischen Gesandtschaftshotels zusammenführenden Wege häufig jene eigenthümlichen Straßenbewohner , die zahllosen Hunde , auf , die auf allen Straßen Constantinopels bei Tage und bei Nacht ihr Lager halten und die Sanitäts- und Reinigungspolizei der türkischen Hauptstadt bilden . Paduani war jetzt ganz verändert und spottete selbst über seine frühere Erregung . » Wissen Sie , « sagte er lachend zu Welland , während sie an dem Kreuzwege standen , der sie trennte , » was vorhin mir den tollen Spuk durch den Kopf jagte ? Eine dumme Prophezeihung . Als ich heute Morgen eines Geschäftes wegen in St. Demetri war , begegnete mir auf dem Campo eine alte bulgarische Zigeunerin und bettelte mich an . Ich hatte zufällig keine kleine Münze bei mir und