und ihr damit über das Gesicht fächelte . Sie lag da wie schlafend in seinen Armen , und als er sich über sie niederbeugte , um den wiederkehrenden Athem zu erspähen , bemerkte er erst das liebliche Gesicht des jungen Geschöpfes , die schönen , regelmäßigen Züge , die seinen , jetzt schmerzhaft zusammen gepreßten Lippen . Es war nichts Derbes , nichts Ungraziöses an ihrer Gestalt , und er hielt es leicht in seinem Arm , das kleine , warme , eben erst aufgeblühte Mädchen . » Wenn ich nun ein gewöhnlicher Sklavenhändler wäre , wie so viele meiner geringen und vornehmen Kollegen , « sagte er , » so könnte ich mir leicht für meine Wohlthaten einen süßeren Dank nehmen . Doch begnüge ich mich mit einem einfachen Kusse auf diese gewiß unentweihten Lippen , mit einem Kusse , der ihren Seelenfrieden nicht stören wird , da sie ihn unbewußt empfängt . « Damit beugte er sich auf sie nieder , küßte sie leicht auf den kleinen Mund , und als er nun sah , wie ihre Brust von stärkerem Athem geschwellt , sich wieder höher hob , hielt er ihr abermals das Taschentuch vor das Gesicht und bald schlug sie die Augen auf . » Das ist mir nie geschehen , « sagte das Mädchen nach einer längeren Pause , indem sie leicht erröthend einen Schritt von dem Manne zurück trat . » Ich bin in den letzten Tagen recht schwach geworden . « » Das ungewohnte Leben , « versetzte er ; » nun , du wirst dich schon wieder erholen ! - Jetzt aber verlaß mich , geh ' zurück in das Gemach hier nebenan , da wirst du die alte Frau finden , die dich hergeleitet . Sie zeigt dir ein Zimmer und ein gutes Bett ; lege dich ohne Furcht hinein , du könntest im Himmel nicht mit größerer Sicherheit ruhen , als jetzt hier in diesem Hause . « Das Mädchen , im Begriffe diesem Befehle Folge zu leisten , blieb einen Augenblick schüchtern an der Thüre stehen und sagte mit niedergeschlagenen Augen : » Und Ihnen darf ich später nicht mehr danken , wenn ich in dem Hause aufgenommen bin ? « » Nein , nein ! « entgegnete eifrig der junge Mann , » ich glaube und hoffe nicht . Wir Beide werden uns wahrscheinlich niemals wieder sehen . « » So will ich denn für Sie beten , « erwiderte sie , » recht innig und inbrünstig für Sie beten , indem ich Ihnen oftmals und herzlich danke für das , was Sie an mir gethan . Und so oft ich diesen Dank ausspreche , werde ich gerne an Sie denken . « » Amen ! « sprach er mit lauter Stimme , nachdem die Thüre hinter ihr geschlossen war und der Vorhang wieder herab fiel . » Hätte ich in meiner ersten Jugend , « sagte er nachsinnend , » vielleicht ein solches Mädchen gefunden , es wäre Manches anders gekommen . Aber so geht es , wenn man immer aufwärts blickt und deßhalb mit den Füßen so Vieles zertritt . Dies Geschöpf , gut erzogen , in Sammet und Seide gekleidet , könnte eine Herzogin vorstellen . - Wir wollen sie nicht aus den Augen verlieren . « Nachdem er diese Worte laut vor sich hin gesprochen , hob er rasch den Kopf empor , ging abermals an das Vorzimmer und sagte dem Manne , der draußen war , einige Worte ; dann kehrte er zurück , nahm von einem Tische einen breitkrämpigen Hut , trat wiederholt hinter den großen Lehnstuhl und war plötzlich aus dem Zimmer verschwunden , ohne daß eine Thüre nur im Geringsten geknarrt , ohne daß einer der Vorhänge sich nur im Mindesten bewegt hätte . Da wir aber in einem aufgeklärten Zeitalter , das nicht an Hexerei glaubt , leben , und wir auch nicht die Absicht haben , ein Märchen zu schreiben , so versichern wir den geneigten Leser , daß Alles auf die natürlichste Art von der Welt zuging . Neben dem Kamine befand sich eine verborgene Thüre , durch einen Druck an einer gewissen Stelle spielte eine Feder , und die Thüre drehte und schloß sich vollkommen geräuschlos . Der junge Mann aber stieg eine Wendeltreppe hinab , schritt durch ein paar lange dunkle Gänge und trat durch eine gleiche Thüre , wie die neben dem Kamin war , in ' s Freie . Ehe er aber dieses betrat , nahm er aus einer Nische im eben erwähnten Gange einen Mantel , den er leicht über sich warf , so Blouse und Dolch verdeckend . Hierauf schritt er eilig durch die Straßen dahin , in welchen noch immer Wind , Regen und Schnee ihr tolles Wesen trieben , und verschwand bald in der Dunkelheit . Dem Mädchen geschah droben , wie er vorausgesagt : die Alte führte sie auf ' s Freundlichste in ein kleines , behagliches , warmes Zimmer , sie half ihr beim Entkleiden , legte sie sorgsam zu Bette , indem sie ihr freundliche Worte sagte und sie schmunzelnd pätschelte , wie es vielleicht eine Mutter mit ihrem Kinde zu machen pflegt . - Bald schloß sie ihre Augen , doch konnte sie nicht begreifen , daß sie ohnmächtig geworden , und nicht vergessen , wie sie darauf so plötzlich in den Armen des jungen Mannes erwacht sei . Und vorher hatte sie ein eigenthümlicher Duft umweht , so merkwürdig sein , als wenn sie in Rosen gelegen , oder als hätte Jemand eine der prachtvollsten Centifolien recht nahe an ihr Gesicht gedrückt . Siebenunddreißigstes Kapitel . Ueber das Husten bei Hofe . Der junge Graf Fohrbach hatte wieder einmal Dienst im Vorzimmer Seiner Majestät . Da es der Adjutanten gerade nicht viele waren , so kam die Reihe ziemlich häufig an ihn . Ehe er sich in das Schloß begab , war zu Hause nichts Wichtiges vorgefallen ; er hatte keinen Besuch wie damals , deßhalb frühstückte er auch in aller Stille allein und zündete sich darauf eine Cigarre an , die heute mit besonderem Genuß geraucht wurde , denn sie war für diesen Tag , wenigstens bis zum späten Abend , die einzige und letzte . Dazu waren die Thüren in ' s Ankleidezimmer wie immer fest verschlossen , damit nicht die leiseste Ahnung eines Tabakgeruchs sich in der Uniform festsetzen könne und so eingeschwärzt werde in das königliche Residenzschloß , Seiner Excellenz dem Herrn Obersthofmeister zum größten Entsetzen , zu einem wahren Horreur aber für sämmtliche Hofdamen , mochten die letzteren auch in ihren respektiven , oft sehr beschränkten Familienappartements von Papa , Bruder oder sonst Jemand seit frühester Jugend gehörig eingeräuchert worden sein . - Das thut die Hofluft . Sie ist so rein , so ätherisch , und Lungen und Herzen werden in derselben so zart und gefühlvoll , daß der geringste befremdende Duft und oft das kleinste Wort ein sehr bemerkbares Hüsteln zur Folge hat . Ueberhaupt ließe sich über das Husten bei Hof ein ganzes Buch schreiben . Da ist die Art , der Ton , die Stärke und Schwäche desselben von der allergrößten Bedeutung . Einer der Prinzen des allerhöchsten Hofes zum Beispiel stellt sich herablassend zu irgend einer Gruppe Kammerherren , Offiziere und höherer Hofbeamten ; er tritt anscheinend ganz vertraulich heran und ein leichtes Hüsteln macht ihn bemerkbar und will andeuten , er wünsche nicht , daß man sich seinetwegen genire . Augenblicklich erweitert sich der bis jetzt kleine Kreis und will damit symbolisch das große und weite Vergnügen ausdrücken , welches Alle empfinden , daß Seine Königliche Hoheit die außerordentliche Gnade hat , sich so freundlich zu nähern . Die Kecksten oder Erfahrensten bringen dieses Gefühl der Treue und Anhänglichkeit durch einige tiefgefühlte Worte zu Tage , die Anderen aber begnügen sich mit einem respektvollen Räuspern , worauf der Prinz , wenn er zufälligerweise nichts Anderes zu sagen weiß , was zuweilen vorkommen soll , stärker hustet und laut versichert , das naßkalte Wetter sei unausstehlich , und wenn es sich nicht bald ändere , so würde es keinem Menschen möglich sein , den Katarrh los zu bringen . Natürlich stimmt Alles bei mit Worten und mit Husten ; es zeigen sich auf einmal sehr viele Schnupfenanfälle , und ein junger Kammerherr , der begierig ist , seine tiefe Ergebenheit an den Tag zu legen , blickt verstohlener Weise zum Fenster hinaus und liebäugelt mit einem einsamen Sonnenstrahl so lange , bis ihn ein heftiges Niesen befällt , wodurch er so glücklich ist , auf ' s Allerdeutlichste die Bemerkung Seiner Königlichen Hoheit zu bewahrheiten . Darauf ersucht vielleicht der Prinz , die angefangene Conversation fortsetzen zu wollen . - » Hm ! hm ! « macht er , » wie es scheint , wurde soeben eine pikante Geschichte erzählt . Darf ich daran theilnehmen ? « Der ganze Kreis lächelt verstohlen , und nur ein Einziger hustet auffallend und verlegen . Es ist das ein so bedeutungsvoller Husten , daß sich Seine Königliche Hoheit veranlaßt sieht , ihn in der gleichen Tonart zu beantworten , wobei er leicht mit einem Auge zwinkert und dann freundlich sagt , er bitte , dennoch fortzufahren , er liebe zuweilen eine recht pikante Geschichte . Die Geschichte wird nun erzählt , nicht ohne viel hm ! hm ! hm ! hm ! von allen Seiten , und wenn nun die Pointe kommt , die einigermaßen saftig zu nennen ist , so ergeht sich Seine Königliche Hoheit in einem auffallenden Gehuste , vielleicht der Erzählung beistimmend , worauf sich Alle bemühen , einen ähnlichen Ton von sich zu geben , bis zu dem Erzähler , der nun vor Freude einem völligen Erstickungsanfall fast zu erliegen scheint . Ist dagegen die Geschichte höchsten Orts nicht recht ergriffen oder begriffen worden , so werden die Augenbrauen in die Höhe gezogen , der Husten ist bei Seiner Königlichen Hoheit ein ziemlich trockener , bei den Andern ein mißbilligender , der Erzähler aber , um seine Verlegenheit zu verbergen , zieht sein Tuch aus der Tasche und hustet lange und anhaltend da hinein . Wie verschieden aber von diesem ist der Ton des Hustens , den vielleicht in der Mitte der Geschichte plötzlich der Kammerherr von sich gibt , als er mit scharfem Auge erspäht , daß sich ein paar unschuldige Hofdamen zufällig dem Kreise nähern . Es ist das wie der Pfiff einer auf Vorposten ausgestellten Gemse ; die Geschichte wird plötzlich unterbrochen , und der ganze Kreis spitzt die Ohren . - Wir ersuchen den geneigten Leser , dies jedoch natürlicherweise nur bildlich verstehen zu wollen . Sind nun die unschuldigen Hofdamen , die sich nähern , wirklich unschuldige Damen , so husten sie mit einer kleinen Verlegenheit , daß sie so plötzlich an einem Kreis tangiren , in welchem sich Seine Königliche Hoheit befindet . Sind sie aber schon vollkommen erfahren in der Sitte des Hofes und lesen an dem Ausdruck der Gesichter , an der Stellung und Haltung einer Gruppe , um was es sich gerade handelt , so wird der erzählende Kreis in einem großen Bogen umgangen , die älteste der Hofdamen blickt hinter ihrem Fächer auf den Kreis , hustet sehr laut und auf eigenthümliche Art und gibt die Uebersetzung dieses Hustens ihrer Gefährtin , indem sie ihr zuflüstert : » Da werden wieder schöne Geschichten abgemacht ! « Um einige Stufen tiefer hinabzusteigen , so wissen namentlich alte gediente Lakaien , Tafeldecker und Kammerdiener ihre verschiedenen Husten auf ' s Feinste zu nuanciren . Der Lakai , der den Schlag des Wagens schließt , räuspert sich gelinde , wenn vielleicht eine Hofdame in tiefen Gedanken versunken nicht angibt , wohin sie fahren will , wonach er sich hintenauf schwingt und nun oftmals den Kutscher mit lautem Gehuste dirigirt . Der Kammerdiener im Zimmer des Herrn blickt hustend auf die Uhr , wenn irgend eine bestimmte Stunde herangekommen ist , und erweckt mit einem lauten Gehuste den Thürsteher aus seinen Träumereien , der fast vergessen hätte , voraus zu springen und den Wagen vorfahren zu lassen . Endlich bei Tafel dirigirt der Hoffourier mit einer wahren Verschwendung von dem feinsten und leisesten Husten das ganze Diner , der Tafeldecker macht den Lakaien auf gleiche Art mit vielsagendem Räuspern auf seine Dummheit aufmerksam , die er begangen , auf einen zerbrochenen Teller oder ein leeres Glas , und ein junger Hofbedienter prallt erschreckt und gelinde hustend vor dem fürchterlichen Abgrund zurück , in den er fast gestürzt wäre , da er im Begriffe war , dem ersten Kammerherrn einen wilden Schweinskopf von der rechten Seite zu präsentiren . Um nicht zu ausführlich zu werden , wollen wir nur noch des vielsagenden Hustens gedenken , in welchem sich zwei vornehme Staatsbeamte , die sich durchaus nicht leiden können und die nun plötzlich im Vorzimmer zusammenstoßen , steif und gemessen begrüßen . Jeder hat geglaubt , er komme dem Andern zuvor und könne Allerhöchsten Ortes seinem Kollegen eine unangenehme Suppe einbrocken . Dieser Husten klingt wahrhaft nervenerregend , und wir sind überzeugt , daß sich in gleicher Weise zwei Tigerkatzen begrüßen würden , die nur durch ein breites Wasser verhindert sind , sich ihrem glühendsten Wunsche gemäß die Augen auszukratzen . Ein Husten der furchtbarsten Art aber stört oft den Minister in seinem Vortrage , wenn er zum Beispiel irgend eine Auszeichnung , einen Orden , ein Geschenk für einen armen Künstler verlangt und er mit eindringlichen Worten spricht , wie aufmunternd ein solcher Sonnenstrahl der Allerhöchsten Huld sei , wie das Talent nur wachsen und gedeihen könne im warmen Schein der Königlichen Gnade : ein Husten Seiner Majestät nämlich , wobei sie sich an das Fenster wendet und die Excellenz versichert , es werde doch jetzt endlich ein beständigeres Wetter eintreten . - Doch kehren wir in die Wohnung des Grafen Fohrbach zurück , der unterdessen Cigarre und Toilette beendigt hat , und nun , im Begriff an den Wagen zu gehen , durch den Kammerdiener einen Augenblick aufgehalten wird , der sich erlaubt , ihm den neuen Jäger vorzustellen . Das war , wie wir bereits wissen , ein großer , schlank gewachsener Mann , der sich jetzt in der glänzenden Livrée , mit dem schwarzen , wohl gekämmten und frisirten Barte ungemein stattlich ausnahm . Dabei hatte sein Gesicht ein angenehmes Aussehen und sein Auge hielt den festen Blick des Grafen , der ihm einige Fragen stellte , sehr gut aus . Um drei Viertel auf elf Uhr fuhr Graf Fohrbach am Schlosse vor und stieg die breiten Treppen hinauf bei zahlreichen Wachen , Thürstehern und Lakaien vorbei . Ein verschmitzt aussehender Kammerdiener legte die Hand an den Drücker , um die Thüre zu öffnen und hustete in diesem Augenblicke ziemlich bedeutungsvoll . Es war dies wieder einer jener Husten , von denen wir vorhin gesprochen . Der Adjutant wandte augenblicklich den Kopf herum und der Kammerdiener lächelte . » Gibt es was Neues ? « fragte Graf Fohrbach leicht hin . » Nicht viel Besonderes , « entgegnete der Kammerdiener , indem er die Augenbrauen in die Höhe zog . » Die Herren und Damen vom Dienste frühstücken in der gelben Gallerie und es erscheint heute zum ersten Mal das neue Ehrenfräulein Ihrer Majestät . « Nach diesen Worten öffnete der Kammerdiener leise die Thüre , und sobald der Adjutant eingetreten war , zog er sie geräuschlos wieder in ' s Schloß , zupfte seine weiße Halsbinde in die Höhe und rieb sich alsdann still lächelnd die Hände . Graf Fohrbach schritt durch mehrere Vorzimmer , die , wie in den Königlichen Schlössern gewöhnlich , einander ziemlich ähnlich sahen , nur daß Farben der Tapeten und Möbelstoffe in jedem verschieden waren , daß in diesem Alabaster- und Marmor-Vasen , dort welche aus China und Japan standen . Um diese kleine Verschiedenheit aber wieder auszugleichen und eine gewisse Harmonie herzustellen , waren die Gemälde an den Wänden meistens Protektionskäufe , gleich unbedeutend , gleich langweilig . In der gelben Gallerie , wo der Frühstückstisch servirt war , befand sich außer einigen Lakaien , die emsig und wichtig , geräuschlos und schnell auf einem Nebentische Porzellan und Silber ordneten , vorderhand nur ein alter einsilbiger Kammerherr , der damit beschäftigt war , nachdem er den Barometer prüfend betrachtet , die grauen am Himmel hinziehenden Schneewolken zu beobachten , und unser Bekannter , der Major S. , den Graf Fohrbach heute ablöste . Der Major stand in einer Fenstervertiefung , und als er bemerkte , daß ihn der Graf mit den Augen suche , hustete er leicht . » Wie gehts ? « sagte der neue Adjutant , während er zu seinem Freunde in die Ecke trat . » So , so ! - Das Wetter ist nicht ganz klar , es scheinen mir trübe Wolken umher zu ziehen ; auch haben wir noch keine Rapporte gehabt , was kein gutes Zeichen ist . Ferner wurde der Intendant des Hoftheaters auf ein Uhr bestellt . « » Da wird man aufpassen müssen . « » Für dich gibt ' s eigentlich nicht viel zu thun . Nach dem Rapport sind einige Audienzen , deren Namen du im Vorzimmer aufgeschrieben findest ; das Papier liegt im Pult . « » Schön . - Wirst du mit uns frühstücken ? « » Ich habe nicht Lust , muß auch nach Hause . - Apropos ! du wirst eine Bekanntschaft machen : das neue Ehrenfräulein Ihrer Majestät hat heute den ersten Dienst und kommt zum Frühstück . « » Ist sie schön ? « Der Major erhob den Kopf , zog die Augenbrauen in die Höhe und entgegnete : » Ob sie schön ist ! - ein glänzender Stern am dunkeln Nachthimmel . « » Nun , wir können dergleichen Sterne brauchen , es war zuweilen recht finster bei uns . - Wie heißt sie ? - Nicht wahr , es ist ein Fräulein von S. ? Ihr seid ja wohl weitläufig verwandt . « » Ziemlich entfernt . Sie heißt Eugenie von S. - eine vornehme , aber nicht reiche Familie . Das Mädchen ist kaum Neunzehn , aber groß und majestätisch gewachsen , eine Figur wie Ihre Majestät ; dabei dunkles Haar , ein glänzendes Auge und die herrlichsten Zähne von der Welt , ah ! ich sage dir , Zähne , glänzend weiß ; man ist glücklich , wenn sie den Mund öffnet . « » Nur wegen der Zähne ? « fragte lachend der Graf . » O nein , sie ist zugleich eines der gebildetsten und gescheidtesten jungen Mädchen , die ich seit längerer Zeit kennen lernte . « » Natürlicherweise wird sie häufig in euer Haus kommen ? « » Ich hoffe so ; weißt du - eine Verwandte - « » So werde ich mich bemühen , deine Frau zu warnen . « » Damit du einen Vorwand hast , öfters zu kommen , « erwiderte lachend der Major . » Nimm dich in Acht , junger Mann , wenn sie dich anblitzt und du hast gerade einen erregbaren Moment , so ist ' s um deine Ruhe geschehen . - Aber , « fuhr er lebhafter fort , während er einen Schritt vortrat , » sage mir offenherzig , hast du sie schon irgendwo gesehen - kennst du sie ? « » Ich gewiß nicht . « » Du wußtest nicht , daß sie so außerordentlich schön und liebenswürdig ist ? « » Auf mein Wort , nein . Ich habe nur im Allgemeinen von ihr sprechen gehört . - Aber wozu diese Fragen ? « » Nun , ich glaube dir . Vorhin unterhielt ich mich mit der Frau von B. - « » Mit der Obersthofmeisterin ? « Der Major nickte mit dem Kopfe . » Wir sprachen über die Einrichtung der jungen Dame , über ihre Wohnung und dergleichen - « » So , über ihre Wohnung ! Wird die im Schlosse selbst sein ? « » Natürlicherweise ; sie ist aber sehr gut ausgewählt , das kleine Appartement Numero sechzehn , die Fenster der Zimmer gehen auf den geschlossenen Hof , wo es euch nicht vergönnt ist , mit euren armen Pferden halsbrechende Courbetten zu machen . - Aber jetzt höre ! Wir sprachen auch von ihrer Dienerschaft : eine ältere Kammerfrau brachte sie mit , ein jüngeres Kammermädchen bekommt sie hier . « » Ja , was geht das mich an ? « » Ein jüngeres Kammermädchen , das - du empfohlen . « » Ich empfohlen ? - Und an wen ? « » Besinne dich . Du hast der Frau von B. neulich von einem Kammermädchen gesprochen , das eine Stelle suche . « » Ah richtig ! « sagte sich erinnernd der Adjutant . » Ich kenne sie aber nicht ; der Baron Brand hat mich darum gebeten . « » So , so , Baron Brand , « erwiderte der Major nachdenkend . » Das ist ein gefährlicher Mensch bei den Damen ; sogar die alte Obersthofmeisterin schwärmt für ihn , und das will viel sagen . Er war gestern Abend bei ihr zum Thee , zugleich mit Fräulein Eugenie von S. ; da kam die Rede auf deine Empfohlene und ob sie vielleicht passend sei für das neue Ehrenfräulein . Die Obersthofmeisterin schüttelte lächelnd den Kopf und meinte , sie wisse doch nicht recht , ob deine Rekommandationen in dieser Richtung zu beachten seien ; aber Baron Brand erinnerte sich zufällig desselben Mädchens , - was weiß ich ! sie habe bei einer seiner Cousinen gedient und besitze die glänzendsten Zeugnisse . - Was glaubst du wohl ? Darauf änderte sich mit einem Mal die Ansicht Ihrer Excellenz und deine Empfohlene ist angestellt . « » Das sind schöne Geschichten ! « sprach lachend Graf Fohrbach , indem er seine Säbelkuppel herabzog . » Nun ich hoffe , die Person wird vorkommenden Falles einiges Dankbarkeitsgefühl besitzen . « » Gegen dich oder gegen den Baron ? « » Ich denke gegen mich , denn ich bin doch der unmittelbare Empfehler . « » Aber nimm dich in Acht , coeur de rose ist ein verfluchter Kerl . Es sollte mich gar nicht wundern , wenn er der schönen Eugenie nächstens ein Parfum aufschwätzt . « » Nein , dazu ist er zu klug ; das könnte sie in einen üblen Geruch bringen . - Aber stille ! der Kammerdiener an der Thüre hat sich schon dreimal geräuspert - man kommt . « Die Flügelthüren des anstoßenden Saales wurden jetzt in der That geöffnet und die Damen vom Dienste erschienen . Es waren das meistentheils gereifte Schönheiten , künstlich erhaltene Blumen , aber ohne erquickenden Duft , gerade so wie ihre Schwestern von Papier und Seide , und ebenso wie diese rauschend und klappernd . Eugenie von S. , die bescheiden als die Letzte kam , hätte nicht so wunderbar schön zu sein gebraucht , als sie wirklich war , um zwischen ihren Kolleginnen wie eine Sonne aus grauem Gewölk hervorzustrahlen . Graf Fohrbach war in der That überrascht von der lieblichen Erscheinung der jungen Dame und einigermaßen befangen , als er ihr von seinem Freunde , dem Major , vorgestellt wurde . Sie verneigte sich auf ' s Freundlichste und versicherte im Laufe des Gespräches , sie wisse ganz genau , daß sie von ihrer Mutter Sr. Excellenz dem Herrn Kriegsminister empfohlen sei , sie hoffe , diese Empfehlung werde freundlich aufgenommen worden sein und ihr so recht bald Gelegenheit werden , einen Mann kennen zu lernen , den sie sehr schätze und verehre . Natürlicherweise erwiderte der Graf etwas auf diese Worte Passendes , dann setzte man sich zum Frühstück , der Major empfahl sich , Messer und Gabeln fingen an zu klappern , die Bedienten schoßen hin und her wie emsige Schwalben , und bald war das Frühstück beendigt , worauf sich die Damen dahin zurückzogen , woher sie gekommen . Der einsilbige Kammerherr und der Adjutant begleiteten sie bis an die Thüre , und hier hoffte der Letztere noch einen Blick der schönen Eugenie aufzufangen . Sie verneigte sich auch freundlich gegen die beiden Herren , doch galt ihnen Gruß und Blick zu gleichen Theilen , worüber der Graf eben nicht besonders erfreut war . Achtunddreißigstes Kapitel . Goldene Fesseln . Den von seinem Freunde erhaltenen Instruktionen gemäß , das heutige Wetter betreffend , nahm nun der neue Adjutant , nachdem er das Vorzimmer zur Wohnung Seiner Majestät betreten , seiner Stellung als Barometer gemäß , eine sehr ernste und würdevolle Haltung an . Der Säbel hing korrekt eingehakt an der Kuppel , die Uniform war fast hermetisch verschlossen , der Federhut wurde mit beiden Händen auf dem Rücken gehalten und darauf ging der Adjutant mit gemessenen Schritten auf und ab , hie und da den Kammerdiener betrachtend , der sich zwischen der Thüre und einer großen Standuhr befand , die er beide zugleich im Auge behielt . Bald nachher hörte man draußen Equipagen vorfahren , die Tritte fielen herab , die Schläge wieder zu , dann schlürften leise Schritte auf den Steinplatten des Korridors , die Thüren öffneten sich und die obersten Staatsbeamten traten ein . Graf Fohrbach ging ihnen entgegen und empfing Jeden ernst , würdevoll , aber alle auf verschiedene Art. Die Minister erhielten ein sehr tiefes Compliment , begleitet von einem vollkommen gleichgiltigen Gesichte ; nur bei dem des Königlichen Hauses - er war ein genauerer Bekannter des Grafen - zog dieser auf einen fragenden Blick die Augenbrauen etwas in die Höhe und zuckte leicht mit den Achseln . Die Excellenz nahm den Adjutanten beim Arm und zog ihn in eine Fenstervertiefung , wohin bald nachher noch einige der Vertrauten , nachdem sie den Größen des Staats einige verbindliche Worte gesagt , folgten . Diese , die Minister , gingen zu Zwei und Zwei auf der anderen Seite des Zimmers mit leisen Schritten und fast unhörbarem Geflüster auf und nieder oder blieben auch an dem Marmorkamine stehen , Hut und Papier in der Hand , mit langen Gesichtern , ernsten Blicken und dem allerwürdevollsten Aussehen . Sie führten eigentlich keine zusammenhängende Konversation ; sie sprachen nur Vermuthungen aus und räusperten sich häufig mit vorgehaltener Hand , nickten zuweilen taktmäßig mit dem Kopfe und warfen jede Sekunde die sehnsüchtigsten Blicke nach der gewissen Thüre , nach dem Kammerdiener und nach der Uhr . Die Gruppe an der Fensternische war schon etwas lebendiger und gesprächiger ; man handelte das innere und äußere Wetter ab und brachte Beides mit einander in Verbindung . » Wird Seine Majestät heute ausreiten ? « fragte der Minister des Hauses den Oberststallmeister , welcher diese Frage mit einem bedeutsamen Achselzucken beantwortete , und darauf versetzte : » Ich weiß nicht , ob es räthlich ist . « » Es ist auf drei Uhr ein Pferd bestellt , « flüsterte der Kammerdiener aus seiner Ecke in der demüthigsten Haltung und mit einem ganz unterthänigen Spitzen des Mundes , begab sich aber hierauf augenblicklich an die andere Seite der Thüre , nachdem ihm der Hofmarschall für diese Einmischung einen sehr strengen Blick zugeworfen . » Man kann Seine Majestät bei diesem Wetter unmöglich ausreiten lassen , « sagte der Minister des Innern . » Der König ist ohnedies etwas erkaltet , und das Wetter ist , wie mich der Leibarzt versichert , seiner Constitution durchaus nicht zuträglich . « » Aber wenn Seine Majestät befohlen hat , « bemerkte schüchtern der Hofmarschall , » so sind Allerhöchstdieselben nicht wohl anders zu bestimmen . « Der Minister des Hauses warf dem Oberststallmeister einen bedeutsamen Blick zu , worauf sich der letztere durch sein spärliches Haar fuhr und , nachdem er diesen Blick zurückgegeben , ruhig sagte : » Seine Majestät kann unmöglich bei diesem Wetter ausreiten , Seine Majestät wissen nicht , welch ' kalter Wind draußen geht . « » O ja , « warf der Hofmarschall ein , » Sie machten vor dem Frühstück einen kleinen Spaziergang . « Die Exzellenzen wandten sich hierauf gleichmäßig dem Fenster zu , und die beiden Anderen verstanden diese Bewegung und zogen sich diskreter Weise etwas zurück . » Seine Majestät soll heute nicht reiten , « sagte der Minister ; » ich werde mir auf drei Uhr eine Audienz erbitten , ich habe da etwas Wichtiges vorzutragen und will ihn schon eine halbe Stunde beschäftigen . « Mittlerweile waren die Minister einzeln in das königliche Kabinet getreten und kamen wieder zurück : einer an der Thür noch mit einem ziemlich verdrießlichen Gesicht , das er aber gewaltsam aufzuklären bemüht war , sobald er in ' s Vorzimmer zurückkam , um dem Kollegen eine Niederlage , die er erlitten , nicht anmerken zu lassen ; ein anderer aber kehrte äußerst strahlend wieder und befolgte das umgekehrte Manöver , weil ihm Alles daran gelegen war , daß die Uebrigen nicht erfahren sollten , es sei ihm ein wichtiger Vorschlag durchgegangen . Zu denen am Fenster war noch der Intendant des Hoftheaters getreten , der ein sehr verdrießliches und unbehagliches Gesicht machte . » Ich bin da in großer Verlegenheit , « sagte er . » Seine Majestät haben auf heute Abend den schwarzen Domino zu befehlen geruht und das wirft mir mein ganzes Repertoir durcheinander . « » Wie so , bester Baron ? « meinte der Oberststallmeister . » Das sind Kleinigkeiten ! Es kann ihnen ja gleichviel sein , was Sie heute Abend geben . - Und dann verlangt seine Majestät durchaus nichts Unmögliches : der schwarze Domino ist vollkommen montirt , war in den letzten Wochen glaube ich fünfmal und macht deßhalb durchaus keine Schwierigkeiten . « » Excellenz halten mir zu Gnaden , das ist in Wahrheit schwieriger , als es sich ansieht . Allerdings war diese Oper fünfmal in den letzten Wochen ; aber gerade das ist mein Kummer : ich wollte sie für den nächsten Sonntag aufheben . « » Um eine bessere Einnahme