stand und eben Hannchen Schlurck ' s Hand geküßt hatte , da ihm die ruhige , klare und lebensfrohe Weise der Frau , die wieder den Champagner wie gewöhnliches Getränk hatte einschenken lassen , ganz wohl gefiel , rief ihm Melanie leise zu : Bleiben Sie doch noch ! Als Lasally noch über die morgende Equipirung sprach und nun der Knäuel der Gesellschaft wieder nicht recht auseinandergehen wollte , streifte sie an Dankmar vorbei und flüsterte die Worte : Gehen Sie lieber ! In einer Viertelstunde an der steinernen Vase im untern Garten ... Dankmar winkte ihr leise bejahend zu , sprach noch einmal laut seine Freude aus , morgen in so angenehmer unterhaltender Gesellschaft seine Rückreise antreten zu dürfen und empfahl sich . Die noch Gebliebenen flüsterten erstaunt hinter ihm her . Er hatte das Talent gehabt , trotzdem daß er wenig sprach , sich doch immer als den Mittelpunkt des Abends zu erhalten und jedem Worte , jeder Bewegung , die von ihm ausging , die allgemeinste und seinem Zweck und Wesen nachspürende Aufmerksamkeit zu sichern . Das Gerücht , das ihn zum Prinzen Egon machte , hatte sich bis zu ihnen noch nicht verbreitet ... Es schlug vom Dorfe herauf zehn , als Dankmar an die steinerne Vase im untern Garten trat , wo er Melanien erwarten sollte . Es war dieselbe , an die er sich bei der ihn wie ein Schlag treffenden Erzählung über Hackert ' s Frevel hatte lehnen müssen . Wie bewegt war sein Herz ! Wie flossen die wunderbarsten Erfahrungen und Eindrücke in seinem Innern zu einem Gefühle zusammen , das nicht mehr jene behagliche Sorglosigkeit über ihn ausgoß , die er in dem ersten Anfang des über ihn verhängten Misverständnisses empfand ! Wie neu war das Alles und wie folgenschwer konnte es werden ! Schon sah er sich als gerichtlicher Zeuge in der Nothwendigkeit , seine gegen Hackert ausgesprochene Beschuldigung zurücknehmen oder beweisen zu müssen . Eben so verwickelt konnten sich die Beziehungen zum Fürsten gestalten . Und diese bedenkliche Melanie ! Was bezweckte sie ? Wohin riß sie der Muth , den der von ihm doch nur wenig genährte Glaube an seine Einerleiheit mit Egon dem jungen , waghälsigen Mädchen einflößte ? Scheiterte Das , was sie vielleicht unternahm ... mußte er es nicht verantworten ? Wie erschrak da sein rechtskundiger und bei allem Freimuth an Gesetzmäßigkeit gewöhnter Sinn ! ... Und doch traten alle diese Bedenklichkeiten gegen den allgewaltigen Zauber zurück , mit dem ihn Melanie in so kurzer Zeit wie seinen Bruder Siegbert umstrickt hatte . Gibt es denn auch ein wonnigeres Gefühl , als so im Fluge , ohne Anstrengung , ohne lange Werbung , von Frauen zärtliche Hingabe zu gewinnen ? Noch hatte Dankmar sich keiner Gunst von Melanie rühmen können , aber er fühlte es dieser zarten Hand , wenn sie ihn flüchtig berührte , der Brust , wenn sie in seiner Nähe sich hob , dem Hauch ihres Mundes an , wenn sie ihm leise ein Wort der Vertraulichkeit zuflüsterte , daß ein excentrisches Wesen , welches vielleicht Allen gefallen wollte und Keinem sich ergab , ihm den Siegespreis der Liebe bieten könnte ... Dankmar war , sonst vielgeliebt , selbst eher kalt gegen die Frauen . Sie beschäftigten ihn nie so ausschließlich , wie andere junge Männer , deren ganzes Fühlen und Denken sich nur um die Liebe spinnt ... Aber Melanie ' s Herz ... das klopfte schon dicht an seinem eigenen Herzen . Ihre Wange ... er fühlte es , sie schmiegte sich schon zum Kusse seines Mundes hin ... Er griff in die Luft ... doch wußte er , daß diese Arme sich nicht mehr lange vergebens nach den schönsten und liebenswürdigsten Formen ausstrecken würden ... So stand er , der junge leidenschaftliche Mann , den wir entschuldigen müssen , eine Weile harrend an der Marmorvase , überwältigt von Sehnsucht , zitternd auf den Triumph über ein liebendes Weib , den Fuß auf den Sockel der Vase , das Haupt in den Arm stützend und hinaufschauend in den mondscheinumflossenen Flügel des Schlosses , den Melanie bewohnte . Endlich kam sie . Unter den Blumen , den Sternen , dem Mondglanz hier in der Stille der Nacht , von keinem Zeugen gestört , als dem plätschernd herabhüpfenden Wasserfall , wollte Dankmar sie gleich mit dem Entzücken der rasch aufgeloderten Liebe begrüßen . So dacht ' er ' s sich , als er sie die Gartenstufen herniederschweben sah , in eine Mantille von purpurrothem mit weißem Schwan besetzten Sammt gehüllt und auf dem vollen schweren Geflecht des Haares ein weißes Schleiergewebe tragend , das hinten herabfiel fast bis in den Nacken ... Doch sprach sie ihn schon aus der Ferne an , redete schon im Herabsteigen fast gleichgültig mit ihm und schnitt durch Vermeidung einer Pause und aller Feierlichkeit die förmliche Begrüßung ihres schnellgewonnenen Freundes ab , dessen Aufmerksamkeit nun sogleich von der Galanterie abgezogen und von ihrem Plane gefesselt wurde . Endlich ein freier Augenblick ! sagte sie schon auf mindestens zwölf Schritte entfernt ; ein Augenblick , wo ich Ihr Vertrauen erwidern darf ! Aber nur ein kurzer ! Die Zeit drängt . Sie sollen sehen , daß Sie sich in dem Muthe eines närrischen Mädchens nicht irrten . Sie erhalten das Ihnen so theure Bild zurück , irgendwo auf der Reise , wo wir den Train des Herrn von Harder einholen werden . Aber die Mittel , die ich anwenden werde , es zu erobern , dürfen Sie mir nie , nie anrechnen . Versprechen Sie mir Das ? Wie Das so klang in der stillen Nacht ! Wie die Büsche dabei so flüsterten ! Wie so milchweiße , bläuliche Lichter über die Sprecherin glitten und Alles so magischumflossen , so bebend , so fast ohnmächtig und wie schattenhaft war ! Melanie ! rief Dankmar , Sie sind ein Engel ! Wenn ich nicht annehmen müßte , daß nur der Reiz des Abenteuers Ihren Geist in dieser Angelegenheit beseelt und Ihnen die Flügel des erfindenden Genius an den ebenso schönen wie schelmischen Nacken setzt ... ( er wollte ihn küssen ; sie wehrte es ) ich würde es wagen , mich Ihnen zu Füßen zu werfen und von Liebe zu sprechen ... O Sie Böser ! sagte Melanie . Wenn die Gräfin d ' Azimont Das hörte ... Was soll mir diese Frau ! war Dankmar im Begriff auszurufen und einzugestehen , daß er selbst ja nimmermehr der Prinz wäre . Aber die Vorliebe , mit der Melanie auf diese erträumte Rivalin zurückkam , war ihm wie ein Nebel , den er zu verwehen fürchtete . Dennoch sagte er : Melanie , ich bin nicht der Prinz , aber ich bin sein bester Freund auf der Welt . Was Sie thun , thun Sie für ihn ! Sie thun es für mich ; denn Niemanden kann Egon ' s Glück mehr am Herzen liegen als mir ! Kann Egon hier Egon sein ? Kann er den Muth , die Selbstüberwindung haben , sich da zu verrathen , wo man sein und seiner Mutter Andenken mit Füßen tritt ? Ich bin der Theil des Prinzen , der noch Vertrauen zu den Menschen hat , der Theil , der nicht verzweifeln will , wenn er noch Geschöpfen begegnet , die in Körpern der Engel auch eine überirdische Seele tragen ... Melanie schlug ihre mächtigen braunen Augen zu ihm empor , daß das volle Licht des Mondes in sie fiel und ihre Schimmer in jenem feuchten Glanze zitterten , der ihnen etwas Verklärtes gibt ... Sie sah ihn fragend und mit zärtlicher Innigkeit an . Melanie hatte Das erreicht , wohin vielleicht ihr Ehrgeiz dunkel tastete , vielleicht war es Zufall , daß ein Mann , der ihr ein Fürst schien , auch zugleich der erste sein mußte , dem gegenüber sie sich klein , ja demüthig vorkam - es war ihr , als wenn sie , ein bunter , flatternder , leichtsinniger Schmetterling , die Flamme gefunden hätte , die ihr gewisser Tod werden sollte , ihr Tod wenigstens für dies leichtsinnige Schmetterlingsdasein .... Melanie wehrte Dankmar ' s verlangenden Arm zurück , aber nur um ihn aus einiger Ferne inniger betrachten zu können . Eine Locke seines Haares , die ihm im Sturme seiner aufgeregten Sinne auf die Stirne fiel , streifte sie ruhig zurück , als hinderte sie ihr die Aussicht in sein Auge und seine Seele . Lassen Sie ! sagte sie sanft . Melanie ! rief Dankmar noch einmal mit gesteigerter Glut der Empfindung und wollte sie ansichziehen ... Seiner männlichen Kraft gelang es ; aber sie wandte , in seinen Armen liegend , rücklings das Haupt und verweigerte ihm die zärtliche Berührung der Wangen , nach der er schmachtete . Sie that Dies so entschieden , daß er es ließ und sich an einem Bilde begnügte , das den Meißel des Bildhauers herausfoderte ... Gute Nacht ! sagte sie , losgewunden , mit lächelnder Lieblichkeit , und auf Wiedersehen für Morgen ! Damit war sie für Dankmar fast einem Traume gleich entschwunden . Wie er sich nun anschickte , hinunter zu wandern und durch das erste beste Seitenheck auf den großen Weg zu springen , fühlte er eine so herausfodernde , ihn riesig durchströmende Kraft in sich , daß er fast laut zu jubeln begann . Alles lachte ja in ihm . Jeder Gefahr , jedem drückenden Gedanken wurde die Volte geschlagen , jeder Bedenklichkeit die Anlehnung aus seinem Innern wegescamotirt . Ja , er hätte sich mit dem Arm gegen die Bäume stemmen und sie niederbeugen mögen ! Es war ihm , wie dem biblischen Erzvater gewesen sein mochte , als er auf der Heide mit einem unsichtbaren Engel rang . Er hätte den Dämon niedergeworfen , so titanisch fühlte sich seine Muskelkraft . Er lachte über sein Abenteuer selbst . Selbst des Gefangenen im Thurme , dem er jetzt noch vor dem Gitterfenster hinauf Muth und Trost zuzusprechen beschloß , gedachte er im heitersten Humor und sagte sich : Ich bin wahr gewesen ! Ich war Dankmar Wildungen ! Ich habe meine eigene Rolle gespielt und deine Fürstenkrone mir nicht aufs Haupt gesetzt . Ich ! Ich fühlte den Druck ihrer Hand ! Wie schlug diese warme Brust an der meinen , wie strömte das elektrische Feuer der Berührung aus ihren Adern in die meinen , und wenn ihr die Schuppen vom Auge fallen , wer weiß , ob der Wahn siegt oder die Wirklichkeit ! Sie liebt nicht Das , was ich scheine , sie liebt Das , was ich bin ! Und in diesem Hoffen und Entzücken , das seine Adern schwellte , seine Sehnen stärkte , konnte ihm zuletzt auch nichts Willkommneres geschehen , als der plötzliche Anblick Hackert ' s ... Er war es , der hinter den Büschen rauschte ... Das schleichende Rascheln um Dankmarn her verrieth ihn schon längst ... Er sah ihn jetzt am Fuße des Weges sich ducken und lauern ... ob auf ihn , ob auf Die , an denen er sich auf dem Schlosse so teuflisch gerächt hatte ... er wußte es nicht , mußte aber annehmen , daß er auf ein neues Verbrechen sann ; denn an dem Rauschen hörte er , daß es war , als streifte er mit einer langen Stange an dem Laube der hohen Hecken . Bald sahe er deutlicher ; Hackert hielt eine Leiter in der Hand , die er in dem Augenblicke fallen ließ , als er Den , der noch so spät den Schloßweg herunterkam , erkannte . Elender Hallunke ! rief Dankmar zornentbrannt schon von Ferne . Mörder ! Dieb ! Wie Hackert - er war es wirklich - diesen zornigen Anruf hörte , sprang er ins Gebüsch . Er mochte sich diese Begrüßung nicht haben träumen lassen . Dankmar in einer Stimmung , als müßte er die längst ihn schon quälende Spannung und Ungewißheit über Hackert durch irgend eine Probe seiner männlichen Kraft und wäre sie mit der Faust endlich lösen , rief : Steh , Bube ! Steh ! Aber Hackert entrann und als ihm Dankmar noch nachrief : Eine Kugel in dein Ohr , Mörder ! Wo ist mein Pferd , Gauner ? ... war er plötzlich ganz verschwunden . Dankmar fühlte sich in einer Stimmung , als hätte ihm Liebe und Wein die Zunge gelöst und zum Redner gemacht , dem Worte nur ein dürftiger Nothbehelf für Thaten sind . Er schickte Hackerten die tollsten Shakspeare ' schen Flüche und lange , kunstvolle Verwünschungen nach , bis er zuletzt über sich selbst lachte und im steten Hinblick auf die Stelle , wo Hackert verschwunden war , fast über die Leiter stolperte , die quer im Wege lag . Was hat er mit dieser Leiter gewollt ? sagte er sich , und darüber sinnend , fiel ihm der Thurm ins Auge , der nun dicht in der Nähe stand . Der Gedanke , mit kurzem Proceß seinen theuern neuen Freund , den gefangenen jungen Fürsten , zu befreien , ergriff ihn so lockend , wie der Kitzel zu dem fröhlichsten Abenteuer . Nun sind wir einmal im Zuge ! sagte er sich , lud die schwere , irgendwo aus einem Bauerhofe entwandte Leiter , an der er mit Vergnügen bemerkte , daß sie für das Thurmfenster lang genug sein mußte , sich auf und schleppte sie an dem einen Ende auf dem Rücken , an dem andern hinter sich her im Grase zu dem kleinen Hügel hin , wo der Thurm völlig unbewacht in der Stille der Nacht wie eine friedliche Warte und Einsiedelei lag . Die Eisenstäbe oben aus der Mauer auszuwühlen , war schwer und doch vielleicht bei der Schadhaftigkeit und Zerbröckelung des Kalkes nicht unmöglich , wenn nur Egon die Messer und Gabeln von ihrem Mittagessen zurückbehalten hatte . Sorgfältig schaute sich Dankmar um . Hackert war verschwunden , Alles still . Nur Käfer summten im Grase und dann und wann platzte ein humoristischer Froschruf auf vom Felde her , wo es moorige Stellen gab .... Dankmar war so guter Laune , daß er sich zu seinem Unternehmen erst noch eine Cigarre anzündete . Die Leiter , aufgerichtet an dem Thurm , reichte vollkommen an das vergitterte Fenster , das zu Egon ' s Gewahrsam gehörte . Vorsichtig kletterte er , noch einmal sich mit Behutsamkeit umblickend , die Sprossen hinauf . Leider sah er schon auf halber Länge , daß die Eisenstäbe dick waren , und als er über sich hinaufgriff , fühlte er wol auch , wie fest sie saßen .... Das Fenster stand auf . Der volle Mondenschein fiel in die dunkle Kammer , die er schon von unten als die rechte erkannte . Egon ! rief er bis hinauf und lauschte . Keine Antwort . Er stieg höher und blickte in das offene Fenster . Wie groß war sein Erstaunen , als er drinnen nirgend eine Spur des Prinzen entdeckte ! Vielleicht hätte er versteckt in einem Winkel schlafen können ... er spähte ... er übersah das ganze kleine Gemach . Er rief einige male mit unterdrückter Stimme : Egon ! Egon ! Es gab keine Antwort . Um ganz sicher zu sein , zog er ... die Cigarre war in der Aufregung weggeworfen ... noch sein Streichfeuerzeug und machte mit mehren zusammengehaltenen Zündhölzchen , um die Wirkung des Scheines zu verstärken , Licht ... Der hellere Glanz bestätigte ihm nur , was er schon im Mondenscheine gesehen hatte . Der Gefangene war entweder schon befreit oder von selbst entflohen . Die Empfindungen , mit denen Dankmar nun die Leiter hinabstieg , waren getheilt . Ehe er jedoch nicht alle Umstände genau kannte , wagte er kaum ein Urtheil zu fällen . Wenn ihn Egon schon in der Krone aufgesucht hätte ? Beim Schließer nebenan wagte er nicht zu klopfen und anzufragen . Da im Anbau der Wohnung war Alles so still , so finster und schläfrig . War Egon entflohen , warum die Häscher wecken ? Auch drüben im Amthause sah man kein Lichtchen mehr . Im Dorfe nichts als Anzeichen des tiefsten Schlafes aller seiner Bewohner . Selbst in der Krone , zu der er langsam und nachdenklich schritt , hatte er Mühe , die Leute , die ihn erwarteten und im Erwarten eingeschlafen waren , zu wecken . Als er hörte , daß Niemand , auch nicht Einer , nach ihm gefragt hatte und somit der Gefangene ihm fast spurlos verschwunden war ( denn morgen in der Frühe hatte er wol keine Zeit mehr , ihm nachzuspähen ) , überkamen ihn die sonderbarsten und quälendsten Zweifel . Es war ihm fast , als wenn sein Fuß nicht mehr die Erde berührte , als wenn er mit seinen guten Absichten , mit all seiner Liebe und Aufopferung , wie ein Getäuschter , in der Luft schwebte und wahrhaft komisch erschien er sich , wenn er an seine Figur auf der Leiter dachte , wie er einen Gefangenen befreien wollte , der ihm vielleicht , es war ihm Dies ein höhnischer Gedanke , ein tolles Märchen aufgeheftet und zu einer Posse misbraucht hatte ! Die Einsamkeit der Nacht , die Qual der Schlaflosigkeit mehrte den lästigen Reichthum der Vorstellungen , die er sich über dies plötzliche Verschwinden machen mußte . Er sah sich mitten im Zuge von Dingen , die ihm plötzlich nun wie die Neckereien eines bösen Geistes vorkamen ... und wenn ihm nicht Eines sicher geblieben wäre , das Gefühl , mitten in diesem Spuk doch ein wahrhaft Wirkliches gehabt zu haben ... das warme Klopfen eines schönen Mädchenherzens an seiner von Lust und Liebe erfüllten Brust ... er würde wie in einem Chaos der unleidlichsten und leersten Eindrücke rathlos umhergetaumelt sein . An diese eine unleugbare und nicht mehr in Trug zerrinnende Thatsache hielt sich denn auch Dankmar . Sie gab ihm Besinnung , Ruhe , Gefühl der Sicherheit , Behaglichkeit und Schlaf . Er schloß aber doch die Augen viel zu spät für die frühe Stunde , in welcher er Befehl gegeben hatte , ihn am nächsten Morgen zu wecken . Zehntes Capitel Heimwärts Nach einem ereignißreichen Tage , an welchem sich vielfache Fäden für zukünftige Erlebnisse angesponnen haben , spornt bei tüchtigen Naturen das Erwachen nur zum Muth und zur Entschlossenheit . Alles Das , worauf man in der Frühe sich vom Abend her mit Staunen besinnt und was einmal nun nicht mehr zu ändern ist , tritt jetzt in Form einer Pflicht und einer gewissenhaft durchzuführenden Aufgabe vor die Seele zurück und weit entfernt , zu klagen und sich in Betrachtungen zu verlieren , wie das Alles hätte möglich sein können , rührt ein entschlossener Geist die ihm zugebotestehenden irdischen Hände , kämpft sich durch die Schreckbilder eitler Erwägungen hindurch und beginnt oft von einem solchen schwierigen und aufgabenreichen Tage den Abschnitt eines neuen Lebens . Dankmar , ein freier Naturmensch , war noch keineswegs ein fertiger abgeschlossener Charakter . Er fühlte zu oft noch , daß immer wieder neue Erfahrungen an seinen Gesichtspunkten rüttelten , neue Bekanntschaften , neue Thatsachen ihn ganz aus seinem gewohnten Gleichgewichte werfen konnten . Aber bis zu der Einwurzelung hatte er es denn doch schon gebracht , daß er nicht mehr von jedem Eindrucke , der ihm unvorbereitet kam , sogleich willenlos hin und her geschleudert wurde . Während Siegbert mehr ein Gemüths- und Phantasieleben führte , hatte Dankmar die thatkräftige und verständige Richtung seines Innern vorzugsweise schon entwickelt und sich in ziemlich sichern Grundzügen seine etwanige künftige Laufbahn entworfen . Er liebte das Recht , dessen Studium und Praxis er sich zur Lebensaufgabe gewählt hatte , er liebte es auch an und für sich selbst . Er hatte schon als Kind einen leidenschaftlichen Trieb zur Gerechtigkeit und konnte Denen , die seinen für Das , was ihm wahr schien , aufflammenden Eifer misverstanden , heftig , ja gewaltthätig erscheinen . Er scheute schon als Knabe keine Gefahr , wo ihn das Bewußtsein einer richtigen Handlungsweise , einer Ausgleichung fremder Unbill begeisterte . So war er auf der Universität nicht nur oft in Zweikämpfe verwickelt , die er ohne Tollkühnheit mit besonnenem Muthe bestand , sondern noch weit öfter Zeuge und Vermittler fremder Ehrenhändel und nicht selten Schiedsrichter in Streitfragen , wo er den Ausbruch einer übereilten Berufung an die Waffen hintertrieb . Sein männliches Wesen gewann ihm alle Herzen . Bei jedem Anlaß , wo verschiedene Ansichten sozusagen grell aufeinander platzten , wählte man ihn zum Vorsitzer der Debatte . Er hatte überall die angenehme Genugthuung , daß sich ihm die tüchtigsten Menschen unterordneten , worüber er nicht um seinetwillen , sondern um der Sache selbst willen Freude empfand . Bunten Seifenblasen lief er nicht nach . Er ließ das süße Geschäft des Träumens seinem weichern Bruder . Dennoch verwarf darum Dankmar Siegbert ' s Richtung noch nicht . Er hielt hier eine männliche Befruchtung , dort eine weibliche Empfangnahme in allen Geistern für nothwendig ; denn die Geister , sagte er , haben kein Geschlecht . Für sich selbst aber behielt er Das als Richtschnur , was seinem Wesen entsprach . Er scherzte oft tändelnd ohne gedankenlos zu werden , er spottete ohne zu verwunden . Im Übrigen hielt er sich in seinem gewohnten Ernste , den er gefällig , leicht , ohne Kopfhängerei zur Schau trug . Unterstützt von einer sehr edlen Gestalt , die sichtbar die Kraft und Fülle einer unverdorbenen Jugend ansichtrug , hätte er in der Welt großes Glück machen müssen , wenn ihn nicht die spärlich zugemessenen Mittel beengt und von einer freien Bewegung in größeren Kreisen entfernt gehalten hätten . Wie oft rief er nicht mit dem Dichter : Ich bin ein Fisch auf dürrem Sand ! Seine einzige Schwäche war vielleicht die , daß er auf eine plötzliche Erhebung durch irgend eine hohe Flut hoffte .... In diesem Sinne war er romantischer und abergläubischer als Siegbert . In diesem Sinne glaubte er an Wunder . Ob diese hohe Flut nun in einer Zeitbewegung oder einem günstigen Zufalle , in der Liebe oder wol gar in einem persönlichen Unglück bestehen würde , war ihm fast gleich . Genug er glaubte an die Nothwendigkeit , daß an jeden Menschen einmal vom Schicksal irgend ein Hebel gesetzt wird , der ihn aus der Gewöhnlichkeit und dem träge sich fortspinnenden Genuß eigener Hände- und Geistesarbeit herausschleudern müsse . Die Das bestreiten , sagte er einmal zu Siegbert , der bei all seiner Romantik in gewissen Dingen » praktisch « , ja nüchtern sein konnte ; die Das bestreiten , Bruder , haben wahrscheinlich nicht den Muth gehabt , den ihnen vom Schicksal dargebotenen Finger , das zugeworfene Ankertau kühn zu ergreifen ! Wer da zögert und fürchtet , man könnte vielleicht mitten in den Wolken von der Hand der Himmlischen plötzlich losgelassen werden oder das Tau könnte reißen , Der versäumt sein besseres Erdenloos durch eigene Schuld . In spätern Jahren , wenn man wie eine Schnecke zu seinem solid erfaßten Ziele fortgekrochen ist und vielleicht irgend ein Häuschen zur Unterkunft gegen Regen und Ungemach gefunden hat , später entsinnt man sich dann sehr wohl , daß man einst an einem Seitenwege gestanden hat , wo uns ein unerklärliches Etwas in der Brust zurief : Lenke hier ja ein ! Man steht vielleicht nicht sehr hoch und übersieht nun doch , daß jener Weg zur eigentlichen Hauptstraße führte und daß Viele , die ihn wandelten , es weiter brachten als wir . Eine einzige unterlassene Bekanntschaft kann sich so empfindlich rächen ! Ein einziges Wort von einem edlen , einflußreichen Menschen , nicht aufgegriffen und befolgt , war so für immer verloren . Ja ein Besuch , den man den Muth hätte haben sollen , einem freundlichen Gelehrten oder Staatsmanne oder einer schönen Frau zu machen , die in einer Gesellschaft , wenn auch nur drei holde , ermunternde Worte zu uns sprach , konnte für uns Vortheile , Lebensplane , Lebensrichtungen zeitigen , die sich blöde Zaghaftigkeit kaum möglich gedacht hatte . Und in diesem Sinne , sagte er sich immer , greif ' ich einmal irgendwo ganz keck zu , wenn ich bemerke , daß an der Wand Etwas , wenn auch nur vom leisesten Schatten einer Schicksalshand spukt und dämmert , und wenn ich Gefahren erblicke , wenn ich selbst vor kühlerm Urtheil gestehen müßte , eine Thorheit zu begehen , ich finde mich schon aus ihren Folgen wieder heraus , versinke nicht , kämpfe solange ich kann mit den Wogen und bin , wenn ich aus der Betäubung erwache , entweder drüben am andern Ufer , wo Glück und Freude blühen , oder ich erwache nie mehr aus ihr , und Das wäre dann auch gut . Ein solches geheimnißvolles Schattenspiel an der Wand war Dankmarn nun der Verlauf des ganzen gestrigen Tages . Er hätte , wenn er Siegbert ' s Wesen folgen wollte , jetzt fliehen müssen . Ein Brief an diese gefährliche Melanie , der Vorwand plötzlicher Abhaltung , vielleicht die ausdrückliche Berichtigung ihres Misverständnisses , wenn sie es , wie Dankmar kaum wissen konnte , noch hegte , alles Das wäre Siegberten nun sogleich gebieterisch in den Sinn gekommen . Er hätte alle Fäden abgerissen und sich wieder in sein Atelier geflüchtet , den Pinsel ergriffen und in Gott und sich vergnügt Leinwand bemalt . Ganz anders der entschlossene feurige Dankmar . Der hielt nun fest , was ihm der Zufall an Drähten von der großen Weltkomödie in die Hand gespielt hatte . Prinz Egon war nicht mehr zu finden . War es ein Betrüger gewesen , so ergab er sich darein und nahm Das , was sich aus unangenehmen Irrthümern als angenehme Wahrheit ergeben hatte , für ein Übriges , für einen reellen Gewinn . Zum Justizdirector von Zeisel konnte er nicht mehr gehen , denn es war zu früh am Tage . Der Thurm , an dem der Büttel wohnte , lag ihm sogar zu fern . War der Prinz entflohen , so konnte ihm nur damit gedient sein , einen Vorsprung zu gewinnen , den er durch seine Meldung vielleicht verloren hätte . Auch hatte er genug zu thun mit seiner Reiserüstung . Schon schlug es fünf Uhr und um sechs wollte Melanie vor der Thür der Krone halten , so meldete ein Jockei Lasally ' s , den dieser geschickt hatte , um den Einspänner des Fremden in Empfang zu nehmen . Dankmar überwies ihm sein geliehenes Fuhrwerk mit strenger Weisung zur Obhut und Schonung . Auch Bello wurde ihm anempfohlen , den er sorgsam zu hüten versprach . Die Rechnung beim Wirthe wurde berichtigt . Er sah dabei mit Schrecken , wie seine zwanzig kleinen Papiere schon zusammengeschmolzen waren , und wenn er vollends gedenken mußte , daß diese Summe fast eine bei Hackert gemachte Anleihe war und daß ihn ohne Zweifel in der Residenz die Nachricht empfangen würde , ein ihm von Lasally ' s Bereiter , dem alten Levi , anvertrautes stattliches Pferd wäre wieder von Hackert auf irgend eine Weise wenn nicht ganz zugrundegerichtet , doch vielleicht gemishandelt zurückgeschickt worden , so ergriff ihn vor den möglichen künftigen Verwickelungen fast ein Anflug von Muthlosigkeit . Melanie aber erschien ihm bei solcher Stimmung wie Ariadne . Sie war ihm die Retterin aus dem Labyrinthe jeder Gefahr . Wie er sie und Lasally und das ihm bestimmte Pferd und einen Reitknecht dahersprengen hörte , verschwand jede Besorgniß . Er trat auf die Schwelle des Gasthauses und empfing schon in der Ferne Melanie ' s freundlichen Morgengruß . Sie nickte ihm alle Träume der vergangenen Nacht zu . Sie sagte ihm nicht durch Worte , sondern durch einen einfachen Blick : Ich bin Dieselbe , die ich gestern war ! Ich bin Die , die sich in der Mondnacht deiner Umarmung nur darum entwand , um dir , wenn du willst , für ' s Leben zu gehören ! Lasally sprach Einiges über den Gaul , den er Dankmarn hatte satteln lassen . Dieser , seit frühen Jahren ein geübter Reiter , fand sich bald auf ihm zurecht und erfreute Melanie nicht wenig durch seine kundige Haltung der Bügel und der Lenkseile . Sie trug einen grauen Hut mit schattiger breiter Krempe , einen blauen Schleier und ein weites , bis oben geschlossenes , gleichfalls blaues Reitkleid . Die Reitgerte hielt sie unter dem linken Arm angepreßt , während die linke Hand die Zügel hielt , denn in der Rechten hatte sie ein weißes zierliches Papier , von dem sie Verse ablas , die ihr heute schon in aller Frühe überreicht waren . Sie kamen vom Pfarrer , der sie ihr am Fuße des Schloßberges entgegengehalten und einen Abschied genommen hatte , von dem Melanie versicherte , er hätte sie mehr beängstigt als erfreut . Denn ich bin wol glücklich , sagte sie , Die zu erobern , die mir gefallen , aber geschätzt zu werden , wo man es am wenigsten erwartete , setzt in Verlegenheit ! Am Ende des Dorfes , dicht vor Zeck ' s Schmiede , hielten drei Reisewagen , die schon die ganze übrige Gesellschaft aufgenommen hatten . Nach der Abreise Melanie ' s und ihrer Mutter wollte Niemand mehr auf dem Schlosse zurückbleiben . Man hatte bis in die tiefe Nacht gepackt und sich mit wenigen Stunden Schlaf begnügt . Diese lebensfrohen , vom Dasein so begünstigten Herrschaften reisten mit allem Comfort des Besitzes . Die Wagen waren elegant und bequem , die Kutscher in Livreen . Recht großmüthig theilte Melanie ' s Mutter noch an die Diener des Schlosses Geldspenden und Geschenke aus ; kärglicher zeigte sich Reichmeyer , der sich zu seinen Zeitungen und Cursen zurücksehnte . Die Wirthschaftsräthin war geradezu geizig . Bartusch , der Hannchen Schlurck gegenüber saß , theilte außerdem noch an die alte Brigitte manche Befehle aus und verhieß eine baldige Rückkehr , worauf sie nicht zu erwidern verfehlte , daß sie Alle in Gottes Hand gegeben wären und daß der alte