froh sein , noch so aus dieser Welt hinausgeschickt zu sein - er hatte Schlimmeres verdient . - Er war in Helena schon einen Contract eingegangen , uns zu verrathen - nur die Gier , noch höheren Lohn zu erhalten , hatte ihn bis jetzt daran verhindert - fort mit ihm , und Du , Bolivar , erwartest mich hier , bis ich zurückkehre . « Die Männer gehorchten schweigend den Befehlen , Kelly aber folgte Georginen in ihre Wohnung , wo ihn diese mit kaltem mürrischen Trotz empfing . » Wo ist die Kranke ? « sagte er , als er , in der Thür stehen bleibend , mit seinen Blicken den kleinen geschmückten Raum überflog - » wo ist das Mädchen , das Du hier bei Dir behalten und bewahren wolltest ? « » Wo ist der Knabe ? « rief Georgine jetzt , vielleicht noch durch das Bewußtsein eigener Schuld gereizt , wild und heftig dagegen auffahrend , » wo ist der Knabe , den jener teuflische Afrikaner auf Deinen Befehl erschlug ? Wo ist das Kind , das ich mir aufgezogen hatte - das einzige Wesen , das mit wahrer aufopfernder Liebe an mir hing , und dessen alleinige Schuld nur - die Treue gegen mich gewesen sein konnte . Kelly - Du hast ein entsetzliches Spiel mit mir gespielt , und ich fürchte fast , ich bin das Opfer einer gräßlichen Bosheit geworden . « » Du phantasirst , « sagte Kelly ruhig , während er den breiträndigen Hut abnahm und auf den Tisch warf - » was weiß ich , wo der Knabe ist - weshalb hast Du ihn von Dir gesandt ? - Ich rieth Dir stets ab . - Ueberhaupt kann er ja auch heute oder morgen zurückkehren , wer weiß , ob er nicht , froh der neugewonnenen Freiheit , in tollem Uebermuth in Helena herumtummelt , wo unser Aller Leben an seiner kindischen Zunge hängt . Wo ist das Mädchen ? - ruf es her ! « » Zurückkehren ? « rief Georgine in bitterem Schmerz - » ja , seine Leiche - Peter holt sie aus der Bucht drüben , wo sie der Neger versenkte - sein » toller Uebermuth « wurde in gieriger Fluth gekühlt , und seine kindische Zunge droht keinem Leben mehr Gefahr . « Der lange zurückgehaltene Schmerz des stolzen Weibes brach sich jetzt endlich in wilden , undämmbaren Thränen Bahn ; Georgine barg das Antlitz in ihren Händen und schluchzte laut . Kelly stand ihr erstaunt gegenüber und hielt das dunkle Auge fest und verwundert auf ihre zitternde Gestalt geheftet . » Was war Dir jener Knabe ? « sagte er endlich mit leiser , schneidender Stimme - » welchen Antheil nimmst Du an einem Burschen , der , aus gemischtem Stamm entsprossen , Dir nur als Diener lieb sein durfte ? - Georgine - ich habe Dich nie nach jenes Knaben Herkunft gefragt , jetzt aber will ich wissen , woher er stammt . « » Aus dem edelsten Blut der Seminolischen Häuptlinge ! « rief das schöne Weib und richtete sich , ihren Schmerz gewaltsam bezwingend , stolz empor - » seines Vaters Name war der Schlachtschrei einer ganzen Nation ; er ist unsterblich in der Geschichte jenes Volks . « » Und seine Mutter ? « Georgine fuhr wie von einem jähen Schlage getroffen zusammen ; - ihre ganze Gestalt zitterte , und fast unwillkürlich griff sie , eine Stütze suchend , nach dem Stuhl , neben welchem sie stand . Kelly ' s Lippen umzuckte ein spöttisches Lächeln , aber er wandte sich , als ob er ihre Bewegung nicht bemerke , oder doch nicht bemerken wolle , rasch dem kleinen Cabinet zu , wo Marie ihren Schlafplatz angewiesen bekommen . » Wo ist die Kranke ? « frug er , den Ton zu dem gleichgültigen Gesprächs verändernd - » ist sie in ihrer Kammer ? « » Sie schläft ! « sagte Georgine , wohl überrascht über das kurze Abbrechen seiner Frage , doch schnell gesammelt - » störe sie nicht - sie bedarf der Ruhe ! « » Ich will sie sehen ! « erwiderte der Capitain und näherte sich dem Vorhang , der das kleine Gemach von dem Wohnzimmer trennte . » Du wirst sie wecken , « bat Georgine - » thu mir die Liebe und laß sie ungestört . « Kelly wandte sich gegen sein Weib und schaute ihr mit so scharfem forschenden Blick in ' s Auge , als ob er ihre innersten Gedanken ergründen wollte . - Ihr Antlitz blieb aber unverändert und sie ertrug ohne Zucken den Blick . Schweigend drehte er sich von ihr ab und lüftete den Vorhang . - Das Bett stand diesem gerade gegenüber , und auf ihm , die schlanken Glieder von warmer Decke umhüllt - den Rücken ihm zugewendet , daß nur der kleine , von wirren Locken umschmiegte Kopf , ein Theil des blendend weißen Nackens und die rechte , auf der Decke ruhende zarte Hand sichtbar blieben , lag eine weibliche Gestalt . Die äußeren Umrisse hatten auch Aehnlichkeit mit dem entflohenen Mädchen : aber Kelly ' s scharfer Blick entdeckte rasch den Betrug . Im ersten Moment machte er allerdings eine fast unwillkürliche Bewegung , als ob er noch weiter vortreten wolle - plötzlich aber hielt er wieder ein , ließ noch einmal seinen Blick erst über die ausgestreckte schlummernde Gestalt , dann über das schöne , doch marmorbleiche Antlitz seines Weibes schweifen , und verließ dann rasch die Kammer und das Haus . Draußen schritt er an dem Neger vorüber , der noch neben dem Baum kauerte , an welchem er mißhandelt worden , und trat zwischen die jetzt in Bachelors Hall versammelten Männer . Die Zeit drängte - keinen Augenblick durfte er verlieren , denn der nächste konnte schon Verderben bringend über sie hereinbrechen , und in kurzen klaren Befehlen vertheilte er Einzelne der Schaar über die Insel , von denen einige die Ufer nach einem gelandeten Kahn absuchen , andere die Dickichte durchstöbern sollten . Fanden sie den Kahn , so war weiter nichts nöthig , als ihn wohlversteckt zu bewachen , der Ire mußte dann in ihre Hände fallen . Ahnte er aber , daß er endeckt sei , und hielt er sich verborgen , nun so konnte er auch die Insel nicht verlassen und war für den Augenblick unschädlich gemacht , bis ihn das Tageslicht seinen Verfolgern entdecken mußte . Posten wurden dann auch , jeder andern , bis jetzt noch unbekannten Gefahr zu begegnen , an all ' den Plätzen ausgestellt , wo eine Landung überhaupt möglich war , und die Bewohner der Insel erhielten gemessenen Befehl , ihre Sachen gepackt in Bereitschaft zu halten , um jeden Augenblick zum Aufbruch fertig und gerüstet zu sein . Ihre Boote mußten zu diesem Zweck doppelt bewacht und überhaupt Alles gethan werden , den Ausbruch des ihnen drohenden Wetters so lange als möglich zu verzögern . Noch war ja auch nicht einmal die Gewißheit da , daß ihr Schlupfwinkel ernstlich verrathen sei , denn die Beiden , die auf dessen Erforschung ausgegangen , konnten unschädlich gemacht werden . Ließen sich die Bewohner von Helena , oder besonders die der Umgegend wieder beruhigen , so wäre es thöricht gewesen , in unkluger Furcht voreilig einen Platz zu verlassen , wie es vielleicht keinen zweiten für sie in den Vereinigten Staaten gab . Auf jeden Fall konnten sie ihn dann so lange behaupten , bis sie im Stande waren , all ' ihre Habseligkeiten in die südlicher gelegenen Staaten , besonders nach Texas und Mexiko zu schaffen , so daß , wenn später ja einmal eine Nachsuchung gehalten wurde , die Nachbarn höchstens den leeren Horst , die Geier aber ausgeflogen fanden . Zu diesem Zweck mußte Kelly jedoch augenblicklich wieder nach Helena hinauf , und wollte nur in dem Fall gleich zu ihnen zurückkehren , wenn unverzögerte Flucht nöthig werden sollte . Galt es die letzte Rettung , so blieb ihnen auch immer das letzte Mittel gewiß , sich Bahn zu hauen , ehe die Feinde auch nur eine Ahnung bekamen , wie stark und zahlreich sie wären . Diese Anordnungen waren alle so umsichtig getroffen und die Kräfte derer , deren Macht sie zu fürchten hatten , so genau dabei berechnet , daß wirklich eine ganz genaue Kenntniß jener Verhältnisse dazu gehörte , mit solcher Sicherheit selbst den letzten Augenblick abzuwarten , wo eine einzige versäumte Stunde Alle in ' s Verderben stürzen konnte . Sei es aber nun , daß die Insulaner nicht von der Nähe der Gefahr so genau unterrichtet waren . denn Kelly theilte ihnen nur das mit , was sie nothwendiger Weise wissen mußten , oder vertrauten sie ihm und seiner Klugheit wirklich so viel , kurz die Meisten schienen die Sache ungemein leicht zu nehmen und trotzten sogar auf ihre Uebermacht . Solch lange Ungestraftheit ihres verbrecherischen Treibens hatte sie übermüthig gemacht , und Einige äußerten sich sogar ganz offen darüber , es wäre ihnen gleichgültig , ob sie entdeckt seien oder nicht . Den wollten sie sehen , der sie hier in ihrer eigenen Veste angriffe . Kelly dachte hierüber freilich anders und kannte recht gut die Gefahr , die ihnen drohte , wie die Mittel , die ihnen zu Gebote standen , ihr zu begegnen . Ihn beunruhigte aber auch jetzt das Ausbleiben des schon längst von Indiana erwarteten Bootes , denn der Zeit nach , und wenn es fortwährend flott geblieben , hätte es die Insel lange erreichen und passiren müssen . Der entsetzliche Nebel erklärte freilich in etwas dieses Zögern . Entweder hatte der alte Hosier die Sicherheit seines Bootes nicht preisgeben wollen , oder Bill mochte auch selbst gefürchtet haben , vielleicht zu früh aufzulaufen oder gar vorbei zu rennen und die kostbare Beute dadurch auf ' s Spiel zu setzen . Es schien indessen , als ob sich der Nebel lichten würde , der Wind fing wenigstens an zu wehen , immer hierfür ein gutes Zeichen , und es war also möglich , daß jenes Fahrzeug mit oder vielleicht gleich nach Tagesanbruch eintreffen würde . Während sich jetzt die Männer über die Insel zerstreuten , um die gegebenen Befehle zu erfüllen und ihr Asyl gegen Verrath zu schützen , schritt Kelly langsam zu dem Neger zurück und legte leise seine Hand auf dessen Schulter . Der Afrikaner zuckte zusammen , als er den leichten Druck der Finger auf seiner Achsel fühlte , sie hatten eine durch die Peitsche gerissene Wunde getroffen . - Bald erkannte er aber seinen Herrn und erhob sich schweigend . » Bolivar , « flüsterte der Capitain und blickte finster in das Antlitz des Negers - » sie haben Dich mißhandelt und mit Füßen getreten , weil Du mir ergeben bliebst ? « Der Neger knirschte mit den Zähnen und warf den funkelnden Blick nach dem hell erleuchteten Fenster der Herrin hinüber . » Ich weiß Alles , « sagte Kelly und hob beruhigend die Hand gegen ihn auf - » aber - vielleicht ist es gut , daß es so gekommen , auf keinen Fall soll es Dein Schade sein . Doch hier darfst Du nicht bleiben , « fuhr er nach kurzer Pause fort - » Georgine weiß , was Du gethan , und kennt in diesem Punkte keine Grenze ihrer Rache - wir haben uns Beide dagegen zu wahren . Packe das , was Du mitzunehmen gedenkst , zusammen und komm mit mir . « Bolivar blickte staunend zu dem Capitain empor . Es lag ein finsterer Ausdruck in diesen Worten - wollte er die Insel - wollte er Georgine ihrem Schicksal überlassen ? » Kehren wir nicht zurück ? « frug er , als er den Blick des Herrn von sich abgewendet sah . » Du nicht , wenigstens nicht in nächster Zeit - ich vielleicht schon morgen , « sagte Kelly - » doch eile Dich , eile Dich - unsere Minuten sind gemessen , wir haben manche lange Stunde gegen die Strömung des Mississippi anzurudern . « » Ich kann nicht rudern ! « murrte der Neger - » meinte Arme sind gelähmt - die Peitsche hat mich meiner Kraft beraubt . « » Du wirst steuern , « sagte der Capitain - » hast mich manchmal hinübergerudert und magst heute Deine Arme ruhen lassen . Doch , Bolivar , willst Du fortan auch mir nur folgen , Dein Leben meinem Dienst weihen und in unveränderter Treue an mir hängen ? Willst Du gehorchen , was auch immer der Befehl sein möge ? « » Ihr habt mich heute gerächt , Massa , « flüsterte der Neger , und seine dunkelglühenden Augen hafteten an der Gruppe , die eben den Leichnam des Erstochenen durch die Einfriedigung schleppte . » Das Blut jenes Schurcken , von Eurer Hand vergossen , ist über mich weggespritzt , und jeder einzelne Tropfen war wie Balsam auf meine brennenden Wunden ; glaubt Ihr , daß ich das je vergessen könnte ? « Kelly ' s prüfender Blick haftete wenige Secunden auf ihm , dann sagte er leise : » Genug - ich glaube Dir - geh jetzt und rüste Dich ; mein Boot liegt auf seinem gewöhnlichen Platz . « Und rasch wandte er sich von ihm ab , ihn zu verlassen . Da hemmte des Negers Ruf noch einmal seine Schritte . » Massa ! « sagte Bolivar und griff in die Tasche seiner Jacke - » hier sind zwei Briefe , die - der Rothhäutige bei sich gehabt hat - sie scheinen aber nicht für Euch bestimmt . « » Schon gut , « flüsterte Kelly und nahm sie an sich - » ich danke Dir « - und schnell verließ er durch das kleine nordwestliche Thor die innere Einfriedigung , die ein schmaler Pfad mit dem obern Theil der Zwischenbank verband . Bolivar aber schlich in seine eigene Hütte , raffte dort das Beste seines Eigenthums zusammen und verließ , ohne Gruß oder Wort weiter an irgend ein lebendes Wesen der Insel zu richten , durch den feuchtdunstigen Nebel hin und dem wohlbekannten Pfade folgend , die Colonie , um seinen Capitain an dem bestimmten Platz zu treffen . 28. Patrick O ' Toole ' s Abenteuer . Patrick O ' Toole schritt , als er die Männer am Ufer verließ , rasch zu des Richters Wohnung hinaus . Diesen wollte er jedoch nicht sowohl von seiner Absicht in Kenntniß setzen , denn er verlangte die Hülfe des Gesetzes noch nicht , sondern ihn vielmehr um den Compaß bitten , da der Nebel immer dichter und hartnäckiger zu werden schien . Er fand aber , wie wir schon früher gesehen haben , den Richter nicht zu Hause , und da ihm die Leute dort auch nicht einmal bestimmt angeben konnten , wann er wieder zurückkehren würde , so beschloß er kurz und gut auch ohne Compaß aufzubrechen und sein gutes Glück zu versuchen . Ohne weiteres Zögern schritt er also zu seinem kleinen Boot zurück , machte es flott , und ruderte nun langsam am westlichen Ufer hin , Bredschaw ' s Wohnung zu , die er mit der Strömung in etwa einer Stunde erreichen konnte . So lange er sich so nahe zum Lande hielt , daß er das Ufer oder wenigstens die dunkeln Schatten der Bäume noch erkennen konnte , ging das auch recht gut . Von Snags und Sawyern hatte er nichts zu fürchten ; sein Fahrzeug war zu leicht , um von diesen ernstlich bedroht zu werden , und warf ihn auch die Fluth dagegen , so trieb er bald wieder los . Höchstens konnte ihn vielleicht , wie das in der That manchmal geschieht , ein plötzlich emporschnellender Sawyer so auf die Seite werfen , daß er etwas Wasser einnahm . Das kam aber sehr selten vor , und rüstig , nur manchmal den Kopf wendend , ob er nicht ein erhebliches Hinderniß vor sich sehe , legte er sich scharf in die Ruder . Der leichte Kahn schoß fast pfeilschnell auf der schäumenden Strömung und an Wald und steiler Uferbank vorübergerissen hin , bis sich rechts die Bucht ihm öffnete , die Bredschaw bewohnte . In diese lief er ein und hörte nun von dem jungen Mann dieselbe Kunde , nur noch ausführlicher und bestimmter , wie jener sie dem Indiana-Bootsmann mitgetheilt . Er fühlte sich jetzt auch ziemlich fest überzeugt , daß sein Verdacht nicht allein begründet gewesen , sondern daß er sogar die ziemlich sichere Spur habe , dem nichtsnutzigen Gesindel , gegen das er einen unbesiegbaren Groll hegte , auf die Spur zu kommen . Allerdings rieth ihm Bredschaw ebenfalls ab , solchen Weg so unvorbereitet und allein , wie auch bei solchem Nebel zu unternehmen , wo er ja gar nicht im Stande sein würde , die Insel zu finden ; O ' Toole aber , störrisch das einmal angenommene Ziel verfolgend , erklärte , unter jeder Bedingung wenigstens den Versuch machen zu wollen , und meinte dabei ziemlich richtig , eigentlich sei solches Wetter gerade das geeignetste , da jener Platz , wenn er wirklich der Aufenthaltsort von Verbrechern wäre , heute gewiß nicht so sorgsam bewacht würde als sonst . Er hielt sich denn auch , um die schöne Zeit nicht unnöthig zu versäumen , nur kurze Zeit bei Bredschaw auf und nahm , von diesem fast gezwungen , noch eine wollene Decke mit , im Fall er genöthigt sein sollte , länger auszubleiben , als er jetzt beabsichtigte . Dann band er mit frohem Muthe sein Fahrzeug los , dem jungen Mann noch dabei zurufend , er solle bald wieder von ihm hören , den Bootsschuften wolle er ' s aber eintränken , ihn auf solche Art behandelt zu haben . Bredschaw blieb am Ufer stehen und sah ihm nach , bis das Boot seinen Blicken entschwand ; nur noch eine Zeit lang hörte er die regelmäßig langsamen Ruderschläge des wackern Irländers , und dann verschollen auch diese endlich in weiter , weiter Ferne . O ' Toole ging keck und unverzagt , ein ächter Sohn der » grünen Insel « , seinem Abenteuer entgegen , und mehr noch war es fast ein glücklicher Leichtsinn , ein sorgloses Ueberlassen der Zukunft , als reiner thierischer Muth , der ihn zu allerdings ungeahnten Gefahren trieb . Niemand in Arkansas hatte es aber auch für möglich gehalten , daß sich inmitten civilisirter Staaten , auf dem breiten , jedem Boot offenen Wege des ganzen westlichen Handels , eine so wohlorganisirte und so fürchterliche Bande festsetzen und behaupten konnte , als es hier wirklich der Fall gewesen . Nicht einmal Waffen hatte er mitgenommen , ein einfaches kurzes Jagdmesser ausgenommen , das er unter der Weste , mit einem Bindfaden befestigt , am Knopf seines Hosenträgers , und eigentlich mehr zum wirklichen Haus- und Feldgebrauch , denn als Vertheidungswaffe bei sich führte . Der Abend konnte nicht mehr fern sein . So angenehm unserem Kundschafter aber auch sonst wohl dieser Umstand gewesen , da er ihn immer noch mehr vor Entdeckung schützte , so zweifelhaft wurde es ihm nun selber , ob er in solch ' undurchdringlichem Nebel jene Insel auch wirklich finden würde . Weit entfernt war er auf keinen Fall mehr davon . Die Distance von der Weideninsel bis Einundsechzig wurde auf dem Wasser nur für acht Meilen gehalten , und die Strömung allein mußte ihn bei dem gegenwärtigen Wasserstand fünf Meilen die Stunde führen ; ruderte er also nur ein wenig zu , so konnte er recht gut die ganze Strecke in eben der Zeit zurücklegen . So lange er dicht am Ufer blieb , ging das auch an , er sah das Flußufer neben sich und behielt dadurch die genaue Richtung bei , jetzt aber , und nicht weit unter der Weideninsel , machte der Mississippi nach Arkansas hinein einen starken Bogen und zwang ihn dadurch , wenn er sich nicht ganz aus dem Wege fahren wollte , das Ufer zu verlassen . Nun war O ' Toole allerdings noch nie in einem recht ordentlichen Mississippinebel auf diesem Strome gewesen , sonst hätte er das auch wohl schwerlich ohne Compaß gewagt . Er arbeitete im Gegentheil noch immer mit dem Glauben , die Strömung müsse ihm ja auf jeden Fall die Bahn zeigen , wohin der Fluß gehe , wobei das zahlreich treibende Holz einen vorzüglichen Wegweiser abgeben werde . Außerdem war die Insel Einundsechzig ziemlich lang und breit , und er durfte , wenn er sich nur in der Mitte des Stromes halten konnte , allerdings hoffen , sie zu erreichen . Eins jedoch hatte er in dieser sonst vielleicht sehr vorzüglichen Berechnung vergessen , daß nämlich die Bestimmung einer Strömung ganz unmöglich wird , wo jeder feststehende Haltpunkt für das Auge fehlt . Ebenso wie man auf der See auch nur dadurch die Richtung der Meeresströmungen bestimmt , daß man das Fahrzeug auf kurze Zeit entweder durch einen wirklichen oder bloßen Nothanker soviel als möglich auf einer Stelle festhält und die Bewegung irgend eines in die Fluth geworfenen schwimmenden Gegenstandes beobachtet , ebenso ist es auf einem so ungeheuren Strom wie der Mississippi unmöglich , irgend eine Richtung anzugeben , wenn man sich in starkem Nebel auf seiner ruhigen Fläche befindet . O ' Toole ruderte nun zwar , als er das Ufer nicht mehr erkennen konnte , noch eine ganze Weile ruhig und zwar nach der Gegend fort , die er für die rechte hielt , gar bald aber machten ihn einzelne Stücke schwimmenden Holzes irre , und er hielt einen Augenblick , um zu sehen , welchen Weg diese trieben . Ja - die lagen , als er selbst mit Rudern aufhörte und also ebenfalls seinen Kahn der Fluth überließ , gerade so ruhig da , wie er selbst , und das Ganze sah aus wie ein von dichtem Dampf umschlossener See , der weder Ab- noch Zufluß habe und vollkommen still stehe . Er beobachtete nun eine Zeit lang einzelne treibende Stämme , um zu sehen , auf welche Seite die Fluth gegen sie drücke , das war aber nicht möglich - sie schwammen eben ungedrängt im Wasser und zeigten , da sie der Fluth auch nicht den geringsten Widerstand leisteten , sondern sich ruhig mit fortnehmen ließen , auch nicht den mindesten Einfluß derselben . Er fing jetzt wieder an zu rudern , aber auch das blieb sich gleich - es war eben , als ob er auf einem Teiche oder stillen See herumfahre , und wo Ost , Nord , Süd oder West sein könnte , wurde ihm jetzt zu einem vollständigen Räthsel . Der Fluß lag in spiegelglatter Ruhe um ihn her , und nur die Nebel schwebten in dichten , fest in einander gedrängten und wie es schien vollständig mit einander verbundenen Wölkchen darüber hin und wichen und wankten nicht . Was hätte er jetzt für einen einzigen , noch so fernen Blick des Ufers gegeben , um nur eine Idee zu bekommen , wo er sich eigentlich befinde . Der Wunsch schien aber nicht in Erfüllung zu gehen , ja die Dämmerung fing sogar an deutlich merkbar zu werden , und er verzweifelte nun fast daran , nicht allein die Insel , sondern sogar in vielen Meilen Entfernung ein Ufer zu erreichen . Nun giebt es allerdings ein Mittel , selbst in solchem Verhältniß und ohne Compaß eine gerade Richtung beizubehalten ; ist man nämlich gänzlich in Zweifel , woher die Strömung kommt oder wohin sie geht , so braucht man nur so lange im Kreise herumzurudern , bis man die Fluth vorn unter dem Bug rauschen hört . Dann kann man überzeugt sein , daß man gegen die Strömung anhält , und ist nun im Stande , die zu nehmende Richtung zu bestimmen . Allerdings würden aber selbst dann nur wenige Ruderschläge den Rudernden wieder auf den alten Fleck bringen , denn weil die seitwärts gegen das Fahrzeug andrängende Wassermasse auch den Bug bald stärker , bald schwächer niederdrückt , je nachdem man ein ganz klein wenig mehr auf- oder abhält , so wäre es unmöglich , die Richtung so genau im Gefühl der Hand zu haben . Das einzige Mittel in diesem Falle ist - da man doch in einem zweirudrigen Boot mit dem Rücken nach vorn sitzt - die Augen fest auf das Fahrwasser seines Kahns zu halten , d.h. auf den Streifen , den das Boot beim schnellen Durchschneiden des Wassers hinter sich läßt . So lange dieser eine durchaus gerade Linie beschreibt - denn eine kurze Strecke kann man selbst beim stärksten Nebel sehen - so lange behielt auch das Boot dieselbe bei , denn die geringste Abweichung würde es gleich hinter dem Stern durch eine krumme Linie verrathen . Man darf aber während dieser Zeit natürlich keinen Augenblick mit Rudern aufhören oder nachlassen , denn eine gleichmäßige Fortbewegung ist zu solcher Bestimmung unumgänglich nöthig . Davon hatte jedoch O ' Toole , der sich sonst wenig mit Wasserfahrten beschäftigte , keine Ahnung ; er wußte nur , daß er noch nicht weit genug vom Land entfernt sein könne , um sich schon oberhalb der Insel zu befinden . Trieb er also jetzt mit der Strömung abwärts , so führte ihn diese an seinem Ziele vorbei , und rasch griff er daher wieder zu den Rudern . Nur einmal noch betrachtete er mit prüfendem Blick die ruhige Nebelfläche um sich her , drehte dann den Bug dorthin , wo er die Mitte des Stromes glaubte , und zeigte in Handhabung der elastischen Ruder bald so guten Willen , daß das Wasser an seinem Buge rauschend schäumte und hoch aufspritzte . So arbeitete er wohl eine volle Stunde lang , daß ihm der Schweiß in großen perlenden Tropfen auf der Stirn stand und er bei richtiger Führung den Mississippi schon zweimal gekreuzt haben konnte , aber kein Land bekam er zu sehen , weder rechts noch links , weder vor noch hinter sich , und er fühlte nun wohl , daß er die falsche Richtung gefahren sei . Einen Augenblick ließ er die Ruder sinken und wischte sich den Schweiß von der Stirn , dann aber ergriff er sie wieder und legte sich von Neuem mit aller Kraft und bestem Willen hinein , bis er endlich einsah , daß alle seine Anstrengungen vergeblich sein mußten . Das Beste also , was er jetzt thun konnte , war , nach Arkansas zurückzukehren , um den Versuch ein anderes Mal unter günstigeren Verhältnissen zu erneuen . - Aber guter O ' Toole , es erwies sich als eben so schwer , nach Arkansas , wie nach Mississippi hinüberzuhalten . Nacht und Nebel umgab ihn bald mit undurchdringlichem Schleier , keinen Laut hörte er , nicht einmal das Gequake von Fröschen , das ihm die Nähe des Landes - gleichviel nun welchen Ufers - verrathen hätte . Er mußte sich inmitten des gewaltigen Stromes befinden . Da hielt er endlich , nachdem er sich noch eine ganze Zeit lang bis zu tödtlicher Ermattung abgemüht , mit Rudern ein , warf die Ruder in den Kahn und streckte sich selbst - gleichgültig gegen Alles , was ihn befallen könnte , in dem Stern des Bootes aus . - Einmal mußte er ja doch irgendwo antreiben , oder doch wenigstens Geräusch von irgend einem Boot oder dem Ufer , in dessen Nähe ihn die Strömung zuerst bringen würde , hören , und er hatte eingesehen , daß er selbst nicht im Stande sein würde , das Mindeste dafür oder dagegen zu thun . Er war förmlich verirrt und wußte in der That nicht mehr , wo er sich befand , ob er irgendwo festhänge , oder immer stromab , der Mündung des Arkansas zutreibe . In dumpfem Brüten lag er in seinem Boot ausgestreckt und schaute schweigend zu der grauen Masse hinauf , die ihn in fast fühlbarer Schwere und Feuchtigkeit umgab - da war es ihm plötzlich , als ob er das Quaken eines Frosches höre - er horchte hoch auf . Fast in demselben Augenblick vernahm er ein dumpfes Rauschen , und ehe er sich noch recht umschauen konnte , von welcher Richtung dies eigentlich komme - da er es natürlich auf der ganz entgegengesetzten Seite erwartet hatte - trieb auch sein schwankendes Boot schon in den starren Wipfel einer Eiche hinein . Land hatte er jetzt - Bäume wenigstens - und er wußte doch nun , daß er nicht mehr weiter stromab und von Helena fortgenommen werden könnte . Wo er sich aber befand , ob in Arkansas , Mississippi oder an einer der weiter unten gelegenen Inseln , vielleicht Drei- oder Vierundsechzig , das war ihm unmöglich zu bestimmen , ja , so hatten sich seine Gedanken verirrt , daß es einer langen Zeit bedurfte , bis er mit sich überhaupt im Reinen war , er befinde sich noch im Mississippi und sei nicht etwa in irgend einen Fluß oder eine Bayo unversehens hinein- , und diese Gott weiß wie weit hinaufgerudert . Das Einzige , worüber er vollkommen Gewißheit zu haben glaubte , war , daß er wenigstens fünfzig bis sechzig Meilen von Helena entfernt sein müsse . - Wo aber befand er sich ? Im Anfange wollte er rufen , denn vielleicht befanden sich Menschen in seiner Nähe , die ihn hörten . Doch konnte es nicht eben so gut möglich sein , daß er gerade in jenes Nest gerathen wäre , nach dem er suchte , und welchen Empfang durfte er von Denen hoffen , die ihm noch vor kurzer Zeit so unzweideutige Beweise ihres Hasses gegeben ? Nein - da heute nun doch einmal kein Gedanke daran war , Einundsechzig noch zu erreichen , und der Nebel auch auf jeden Fall den Morgenwinden weichen mußte , so beschloß er , seinen Kahn an einer sichern Stelle zu befestigen und nachher ruhig darin ausgestreckt den Tag abzuwarten . Das war