Denn diese kleine Dame « fuhr er leicht grüßend gegen Fennimor fort , » scheint dazu nicht zu passen , und ich bin wie ein Unsinniger gefahren , Ihr altes Eulennest zu erreichen , und bedarf jetzt Ruhe . « Er wollte Leonin ' s Arm ergreifen und ihn mit sich ziehen . Da erwachte Fennimor ; sie stand auf , schritt auf Beide zu und heftete ihre großen , angstvollen Augen so fest auf den Marquis , daß dieser den Blick nicht zu ertragen vermochte . » Berührt ihn nicht , « sagte sie dann mit einer Geisterstimme , » berührt ihn nicht ! Ihr dürft keinen Antheil an ihm haben - und Du , Leonin , gehe nicht mit ihm , er ist nicht rein geblieben , Du gehest verloren mit ihm ! « So gewandt Souvré jeden Gegenstand zu behandeln wußte , war er doch mehr auf die Impertinenzen der großen Welt abgerichtet ; hier trat ihm eine Verwerfung , eine Verachtung entgegen , die sich um kein Bonmot , um keinen Scherz drehte , der durch einen noch böseren Witz wieder bezahlt werden konnte . Ihr Ernst , der von einer fast überirdischen Schönheit unterstützt ward , überwältigte ihn mit der Macht der Wahrheit , und der Pathos , mit dem sie ihn so ohne Rücksicht bezeichnete , hatte etwas so Mächtiges , daß er sich ihm nicht zu entziehn vermochte und einen Augenblick davon berührt ward , wie von einem Strafgerichte . Aber was hätte auf lange die Gewalt gehabt , ihn gegen seinen Willen zu beherrschen ! Fast erschrocken fühlte er ihren Einfluß auf sich , und doppelt erzürnt , sprang er um so wilder mitten durch . Ein mißtönendes Gelächter erschallte aus seinem Munde . » In Wahrheit , « rief er , » Deine Kleine ist die anmuthigste tragische Schauspielerin , die ich noch je sah ! Aber ein ander Mal - jetzt bin ich zu abgespannt ! Komm ' , Leonin ! Ein Bett ist mir jetzt lieber , als alle kleinen Theaterscenen ! « Erschrocken war Fennimor bei Souvrés Gelächter in Leonin ' s Arme geflogen - scheu blickte sie daraus hervor auf jenen hin . » Wehre ihn ab ! « sagte sie schaudernd , » er ist ganz zerfallen mit Gott , das kannst Du leicht fühlen . O , bleibe bei mir , bis er fort ist ! « rief sie flehend , als Leonin , sie sanft beruhigend , sich von ihr losmachen wollte , » bleibe bei mir , bis er fort ist , er thut Dir sonst ein Leid ! « Souvré lachte wieder - Leonin führte sie zu ihrem Sitze zurück . » Fasse Dich , Fennimor ! Es ist ja derselbe , der Dich schon ein Mal so gegen Ordnung und Recht erschreckt hat - erkennst Du ihn denn nicht wieder ? « » Ja , ich erkenne ihn , « sagte Fennimor mit schwacher Stimme . » Ich fühle den Stich von damals wieder durch mein Herz - es wird nicht ohne Grund sein . O , rette Dich , rette Dich - er will Deine Seele ! « » Beruhige Dich , geliebte Fennimor , « rief Leonin zärtlich , » ich will ihn wegführen - von Dir wegführen , damit Deine Angst sich legt - später wirst Du ruhiger sein . « » Gehe nicht ! o , gehe nicht ! sonst wird es mein Tod ! « stammelte Fennimor und glich in diesem Augenblicke fast einer Sterbenden . » Wenn er Dich wegführt , sind wir auf immer getrennt - dann ist Deine Seele dem Bösen verfallen , mein Leib dem Tode ! « Ihr Kopf sank zurück ; sie konnte ihn nicht mehr mit ihren ohnmächtigen Händen halten . Leonins Herz war zerrissen von Schmerz ; aber der höhnende , stechende Blick Sonvré ' s , der ihn beständig verfolgte , war so unerträglich , daß er Leonins Blut mit jedem Augenblicke mehr vergiftete . Er sprang auf , von Fennimors Seite hinweg , aus ihren matten Händen gleitend , er hörte ihren leisen Schrei , er sah , wie ihr brechendes Auge ihm noch folgte , und indem er Emmy rief , stürzte er auf Souvré zu , riß ihn mit sich fort - wie er hoffte - nur , auf wenige Augenblicke . Als die Thür zufiel , schlossen sich auch Fennimors Augen . Glückliche Bewußtlosigkeit deckte ihre Schmerzen zu . - Mit kalter , finsterer Entschlossenheit stand Emmy Gray ihr zur Seite . Hätte man den Ausdruck dieser strengen Züge deuten wollen , man hätte glauben können , sie wünsche ihrem Lieblinge den Tod , der scheinbar nur ihre Züge bedeckte . Wenigstens rührte sie keine Hand zu ihrer Belebung ; aber bitter und finster blickte sie nach der Thür , und eine Drohung von Haß und Verachtung konnte kein Wort deutlicher bezeichnen , als dieser Blick ! Fennimor schlug endlich die Augen auf ; aber sie blieb wie leblos in ihrem Stuhle . Emmy Gray ging schweigend ab und zu . Das Kind schlief wieder , die Mutter begehrte nicht danach , ihre Sinne schienen gebunden . Endlich strömte die Abendluft in die Fenster , die Emmy geöffnet - Fennimor ward davon belebt . » Wo ist er ? « war ihr erstes Wort . » Wenn Ihr den Grafen meint , « erwiederte Emmy , » so ist er bei dem Herrn Marquis . « » Erbarme Dich , Gott ! « rief Fennimor und verhüllte ihr Gesicht . Tiefe Stille herrschte fort - sie schien zu beten - dann siegte die Erschöpfung - ein kurzer Schlummer berührte ihre schweren Augenlieder . Die Abendsonne bestreute das schöne reiche Gemach mit glänzenden Lichtern ; in die Fenster schaute die herrliche Landschaft des Thales von Ste . Roche . Hinter Blumen und niedrigen Gesträuchen , die das Fenster zunächst umzogen , ruhte weiterhin in dem warmen sonnengefärbten Dufte des Sommers der Wald und der Fahrweg durch den Wiesengrund ; Alles athmete Schönheit , Genuß und Erfüllung . Nur Fennimors kurzer Schlaf hatte den unruhigen Athem des beklemmten Herzens ; ihre Wange sank bleicher ein , und das Auge war nur halb geschlossen . Emmy hörte Schritte nahen ; sie riß sich von dem schwermüthigen Anblicke ihres Lieblings los , um leise die Thür zu öffnen - der Marquis de Souvré trat herein . - » Meine gute Frau , « sprach er , » ich muß Eure Herrschaft sprechen , laßt mich nur näher treten . « » Da ist sie , « erwiederte Emmy , mit bitterm Hasse im Blicke . » Stirbt sie Euch noch nicht früh genug , so wird es Euch bald gelingen , es zu vollenden . « » Das alte Hexenschloß « lachte Souvré , » hat in Wahrheit würdige Bewohner ; jedes singt auf seine Weise irgend ein Beschwörungslied . Mit Euch muß ja ein ehrlicher Mann den Muth verlieren zu reden ! « » Ihr freilich , « zögerte Emmy nicht zu erwiedern , » Ihr solltet ihn billig verlieren ! Aber Ihr , prophezeihe ich , werdet ihn behalten , bis Ihr allen Frevel vollführt , den Ihr beabsichtiget . « » Immer besser ! « rief Souvré , » doch , Kind , Du bist zu gering zum Wortgefechte - tritt bei Seite - siehe , Deine Herrin ist erwacht ! « » Wer ist da ? « rief Fennimor zusammen schaudernd . - » Mein böser Geist ! « setzte sie ihn erkennend hinzu . » Ich hoffe , « sagte Souvré , sich ihr nahend , indem er über sie weg mit vornehmer Nachlässigkeit das Zimmer musterte , » Ihr habt jetzt die kleine Erschütterung überwunden , mit der Ihr jedes Mal meine Erscheinung beehrt ; es ist um so nöthiger , da Ihr gezwungen seid , mit mir einige Dinge zu besprechen , die für Eure Zukunft wichtig sind . « » Wo ist Leonin ? « fragte Fennimor , sich aufrichtend . - » Davon nachher ! « sagte Souvré leicht , indem er durch das Fenster blickte , » vorerst nicht bei mir , wie Ihr seht . « » Das ist gut , « erwiederte Fennimor ruhig , - » wenn er nur nicht bei Euch ist , da kann ich leichter Eure Gegenwart ertragen ; Ihr habt keine Gewalt über mich ! « » Nicht ? « sagte Souvré , und sein boshaftester Blick flog über sie hin ; » wir wollen sehn ! So vorbereitet , wie Ihr Euch auf mich habt , scheint es wohl , ist jede Schonung überflüssig ; doch wollen wir sehen , ob ich keine Gewalt über Euch habe . « » Ueber mein äußeres Schicksal sicher « - sagte Fennimor - » das fühle ich eben immer , wenn ich Euch sehe . Ich meine nur , über meine Seele habt Ihr keine Gewalt , und ich habe bessere Kraft , nun ich allein mit Euch bin ; wenn Leonin dabei ist , fühle ich nur das Leid , was Ihr ihm angethan , und dann ist der Schmerz größer . « » Ihr seid nicht zurückhaltend in Euren Meinungen über mich , das muß ich gestehen . Doch muß ich glauben , Ihr gebt mir den Ton an , der unter uns walten soll . So hört denn ! Ich habe mich aus Freundschaft für die Familie des Grafen Crecy-Chabanne der Mühe unterzogen , Leonin , den jungen Grafen und einzigen Erben , aus einer Verbindung loszumachen , in die ihn Leichtsinn , Unwissenheit und , wie ich gern eingestehe , Eure schönen blühenden Wangen und die zu bereitwillige Gastfreundschaft Eures Vaters geführt haben ; indem der junge Mann natürlich in seine ehrenvollen , angestammten Verhältnisse nicht zurückkehren konnte , ohne die Unzulässigkeit dieser anscheinenden Verbindung zu empfinden , da nie , auf keinem Punkte , weder bei seinen Eltern , weder bei seinem Könige , noch , und am wenigsten , bei seiner Kirche eine Anerkennung dieses leichtsinnig geschlossenen Vertrages denkbar ist . - Hiervon Euch , bei Eurer Unkenntniß der Welt , einen Begriff zu machen , habe ich übernommen ; zugleich Eure und Eures Kindes Verhältnisse so sorglos zu stellen , als es Euch zukommt , von einem Manne zu fordern , der in so unabhängigen Vermögensumständen ist , als der junge Graf Crecy . « » Ich kann Euch noch nicht verstehen , « entgegnete Fennimor , noch immer ruhig ; » denn , was Ihr sagt , ist ja Alles unrichtig - ich weiß nicht , was Ihr von unserer Vermählung denkt ! Freilich soll die Vermählung bei den Katholiken anders sein ; aber sie muß doch immer dasselbe bedeuten , sonst wäre ja die Eurige keine christliche Verbindung . « » Legt endlich Eure Unerschütterlichkeit ab , mit der Ihr mir unbeschreiblich lästig fallt ! « sagte jetzt Souvré , indem er übellaunig aufstand . » Ist denn das nicht zu verstehn , was ich Euch sage ? Ihr seid nach katholischem Rechte gar nicht vermählt , Eure anscheinende Verbindung in jeder Beziehung völlig ungültig . Kein Mensch erkennt Euch für des Grafen Gemahlin , kein Mensch dies Kind für ein ehelich geborenes an . Dies soll ich Euch bekannt machen , damit Ihr eine Art Erklärung darüber unterzeichnen könnt , die ich hier bei mir führe , die Euren Begriffen nach , eine Art Scheidung auch jener Ceremonie , auf die Ihr Euch zu stützen scheint , rechtskräftig bewirkt , und dem jungen Grafen Crecy , der zu einer hohen Hofverbindung bestimmt ist , seine Freiheit wieder giebt . « Fennimor stand auf , langsam aber fest , die Stuhllehne krampfhaft haltend - sie schien zu wachsen - das treulose Blut , was ihr Herz erdrücken wollte , strömte in ihre Wangen zurück . Die zahllosen Stiche , die sie empfangen und , zweifelnd , daß sie ihr gelten könnten , immer verläugnet hatte , wurden mit diesem letzten fürchterlichen Angriffe plötzlich alle zu reißenden Wunden . Sie war völlig enttäuscht ! Aber Sprache fand sie erst mit einem kurzen wilden Schrei , der ihre fest zusammen gepreßten Lippen brach - dumpf , aber erhaben sagte sie dann : » Du gehörst nicht zu Gott und weißt von seinen heiligen Geboten Nichts ! In welchem Namen soll ich zu Dir reden ? Unglückliche , verlorne Seele ! Der kleinliche Jammer Deiner Rede richtet Dich so fürchterlich , daß ich vor Gott erbebe , der schon Gericht über Dich hält in jedem Deiner verstockten Worte ! Armes , elendes Wesen - welch ein schauderhafter Lästerer bist Du ! Welch ein Grauen wird Dich befallen , wenn Gott den Nebel zerstreut , in den Dein armes , kleinliches Leben noch vor Dir selbst gehüllt ist , und Du Dich erkennst ! - Wie könntest Du , verlorenes Werkzeug jener verderbten Welt , aus der Du gesandt wirst , mir Zweifel einflößen gegen die Heiligkeit meiner Verbindung , gegen die Geburt meines Kindes ? « Wir wissen nicht , warum Souvré diese Rede nicht unterbrach , warum er endlich halb abgewendet in der Nähe ihres Stuhles stehen blieb , zuletzt die Augen auf sie richten mußte und ein Ansehn gewann , als versteinere sie ihn . Fennimor wollte ihn verlassen . Kräftigen Schrittes , erhaben in jeder Bewegung , wollte sie an ihm vorüber . Das weckte ihn . Mit Wuth beladen , kam sein Bewußtsein zurück . Sie hatte ihn bezeichnet , wie er war ; dies unbedeutende , unberechtigte Wesen hatte laut genannt , was die neckende Hölle in seinem Busen , während sie es sprach , hohnlachend bestätigt hatte - er war vor sich selbst entdeckt - und : Rache ! Rache ! war das einzige Geschrei seines beleidigten Innern . » Halt , « rief er , mit heiserer Stimme und entstellten Zügen , » halt ! Ihr dürft nicht fort , bis Ihr dies Blatt unterzeichnet habt . Dankt Gott , daß ich mich herablasse , mit Euch zu unterhandeln , die Ihr kein Recht habt an der Gemeinschaft ehrbarer Personen ! « Fennimor wies das Blatt mit der Hand zurück : » Ich werde Leonins erhabene Mutter befragen , welch einen ehrenvollen Platz sie der Gemahlin ihres Sohnes zugesteht . Von Euch fordere ich bloß Entfernung . Ihr , armes , elendes Wesen , könnt mich nicht herabwürdigen ! « Die Erwähnung von Leonins Mutter verstärkte augenblicklich den bösen Willen des Marquis . » Thörin , « sagte er lachend , » das fehlt nur noch an Eurer kindischen Anmaßung ! Gerade sie - sie schickt mich , Euch Eure Thorheit vorzustellen ; denn sie hält Euch für nichts mehr , als die Geliebte ihres Sohnes , obwol sie alle Eure geträumten kirchlichen Rechte kennt . Sie hat eine Braut für ihren Sohn gewählt , seiner würdig , und verachtet Euch vollständig ! « Fennimor blieb stehen . Sie hob Hände und Augen zum Himmel auf . - » O , Herr des Himmels , erbarme Dich ! Ich fürchte , Ihr sprecht eben die Wahrheit . Mein Vertrauen zu dieser einst so verehrten Frau war durch Manches gesunken , was mir Lesüeur erzählte . O , wie beklage ich sie ! « » Beklagt lieber Euch selbst « - stieß Souvré roh heraus , » Ihr habt es nöthiger ! Doch hoffe ich , da Ihr Eure Stützen brechen seht , so werdet Ihr jetzt nicht zaudern , Eure Unterschrift unter dieses Blatt zu setzen . Ihr entsagt darin für Euch und Euer Kind jedem rechtmäßigen Anspruch an den Grafen Crecy-Chabanne ; Ihr nehmt den Namen Lester wieder an und erhaltet dafür ein anstandiges Vermögen zur Versorgung für Euch und Euren Sohn , mit der Freiheit , nach England zurückzukehren , oder auch hier in Ste . Roche ohne weiteres Aufsehen zu verbleiben ; doch ohne Versuche , die Ruhe der Familie Crecy ferner zu stören , und ohne dazu das kleinste Recht behaupten zu wollen . « » Das läßt mir Leonin ' s Mutter sagen ? « rief Fennimor trostlos ; - » das , glaubte sie , könnte ich annehmen ? Ein Weib fordert das von einem Weibe ? Eine Mutter von einer Mutter ? - Nun , so soll diese entartete Welt erfahren , was die Worte bedeuten , die dort zu Gottes Hohn getragen werden ! « Mit ein Paar raschen Schritten trat sie dicht vor den Marquis . » Geht , geht ! « sagte sie kräftig , » sagt Ihr - es läge in keiner menschlichen Macht , das aufzulösen , was vor Gott geknüpft sei durch seinen heiligen Diener - durch das Gelübde der Herzen , die Gott zusammen gefügt hätte an jenem Tage . Sagt Ihr , ich sei die rechtmäßige Gemahlin ihres Sohnes ! Ich , Fennimor Lester , deren Vater überdies aus einer vornehmen englischen Familie abstammte und ein Priester war , sei in Nichts zu gering dafür . Sagt Ihr , daß das Kind dieser ehelichen Verbindung , der allein rechtmäßige Nachkomme ihres Sohnes , unentäußerlich , wie ich , seine Mutter , den Namen Crecy-Chabanne führen werde ; und wenn sie ein Zeugniß dafür bedarf noch außer dem Blatte des Kirchenbuches , welches Emmy Gray mit sich genommen und bewahrt hat - so soll sie ihren Sohn fragen und hören , ob er dies Lust hat zu läugnen ! « Da stieg der Triumph über sein Schlachtopfer in Souvré ' s Zügen auf . Mit dem verwundendsten Lächeln sagte er : » Ich glaube , er wird dazu Lust haben ! Denn er gerade wünscht , Ihr möchtet Euch in diese Anordnungen fügen . - Seine Schwäche und Euren heftigen Karakter fürchtend , hat er diese ganze Angelegenheit in meine Hand gelegt - er hofft , ich bringe dieses Blatt unterzeichnet zurück . « » Da sei Gott vor , daß Ihr Wahrheit redet ! Wo ist Leonin - ich will ihn augenblicklich selbst Euch gegenüber stellen ! « - Souvré zuckte die Achseln . - » Dies ist nicht mehr möglich ! Seine Rückkehr war vom Könige befohlen - er mußte zur bestimmten Stunde dort sein - dem peinlichen Abschiede zu entgehn . - Seht dort ! Ihr werdet an der Wahrheit nicht länger zweifeln ! « Fennimor sah ihn an , als sehe sie einen Geist - sie ließ sich selbst von ihm berühren - nach dem Fenster führen , und folgte mit den Augen , wohin er deutete . Da sah sie den Fahrweg durchs Thal Leonin ' s Reisewagen fliegen , sie erkannte seinen Postzug - seine Livreen . » Leonin ! Leonin ! « sagte sie leise gebrochen und griff in die Ranken , die um das Fenster hingen . So blieb sie stehen - die Augen unverwandt hinaus gerichtet . - Souvré - wir dürfen ihm das einzige Zeichen der Menschheit , was wir an ihm zu entdecken haben , nicht vorenthalten - schauderte , als er sah , wie sie immer blässer und blässer , zuletzt bläulich erdfarben ward , und die Augen und alle Züge sich zu versteinern schienen . Er redete sie an , er hoffte selbst auf den Widerwillen , den er ihr einflößte . Es war umsonst - sie hörte nichts mehr . Ihr Auge haftete an dem immer kleiner werdenden Reisezug - er verschwand . » Leonin ! « sagte sie dumpf , fast undeutlich - aber sie blieb unbeweglich stehn . Da ergriffen die Furien den Marquis de Souvré . Als ob er , von ihrem Anblick gerichtet , im nächsten Augenblicke des Todes sein würde , so stürzte er aus dem Zimmer . Emmy Gray saß zusammengekauert vor der Thür . » Geht hinein ! Geht - geht ! « rief er wild und stürzte über die Zimmer und Gänge fort nach den seinigen . Emmy wußte Alles . Es kostete sie keine Thräne , keinen Seufzer - finsterer Zorn machte sie jeder sanfteren Empfindung unmöglich ; selbst für den ihr über Alles theuern Gegenstand hatte sie kein mildes Wort . » So mußte es kommen ! Das wußte ich vorher ! Sie bezahlt es mit dem Leben ! So mag sie nur erst erlöst sein ! « - Sie hätte sich ihres Todes freuen können - sie rührte sie nicht an , und Fennimor blieb stehen , bis der Krampf jeden Schlag des Herzens hinderte und die Füße zusammen brachen . Sie glich so sehr einer Leiche , daß das Gerücht , sie sei gestorben , sich verbreitete , und der Arzt selbst lange zweifelhaft blieb . Als sie endlich erwachte , war die schreckliche Nacht vorüber . Der Marquis de Souvré hatte zuweilen nachgefragt ; Emmy hatte ihm nie geantwortet . Bis zu dem Bette war er vorgedrungen ; sie hatte nicht gehindert , daß er die Leiche sah , wie sie wähnte . Gegen Morgen war er abgereist . » Die unangenehmste Reise meines Lebens ! « sagte er verdrießlich . » Was das für ein krankhaftes Geschöpf war - gleich zu sterben ! « Später erst fiel ihm ein , daß dieser Tod Leonin auf dem Gewissen liegen werde , wenn er ihm auch Freiheit gäbe . Damit beruhigte er sich . Fennimor ward nicht durch den Tod erlöst . Ihr Erwachen war sogleich vollständiges Bewußtsein . Da Emmy sie nicht entkleidet hatte , erhob sie sich augenblicklich , und ihre tiefe Seelenangst trat in jeder Bewegung hervor . » Emmy , « sagte sie leise , » er hat mich doch so sehr geliebt ! « Dabei fing sie eine Wanderung durch das Zimmer an , die Alle im Laufe der Zeit zur Verzweiflung brachte . Immer dieselbe Linie haltend , von dem Fenster an , wo sie den Todesstoß empfangen hatte , bis in den äußersten Winkel des Zimmers , und wieder zum Fenster zurück . Sie hörte Nichts um sich her ! Sie sah Nichts ! Wenn sie angeredet ward , blieb sie stehen und sagte zu Jedem : » Er hat mich so sehr geliebt ! « Der Ausdruck ihres Engelsantlitzes war dabei so , daß Niemand ihn ohne Thränen sehen konnte . Auch zu ihrem Kinde sagte sie dasselbe . Sie kannte es nicht . Emmy schien durch Nichts mehr überrascht . Sie hatte dies Alles längst in ihrem argwöhnischen Nachdenken durchlebt und that jetzt nur , was sie im Voraus beschlossen . Eine Bäuerin erschien gegen Abend , da das Kind dem Verschmachten nahe , und die Milch der Mutter jeden Falles todtbringend war . Das eigne Kind verlassend , nährte das theilnehmende Weib das verwaiste . Die Nacht verging - Fennimor wanderte fort . Der Arzt und Emmy saßen stumm einander gegenüber . Kein Mensch durfte sie berühren - es schien ihr den größten Schmerz zu machen . - Wer hätte sie auch zwingen mögen ? Doch verschwand die Blässe allmählig , hohe Röthe stieg in ihre Wangen , die glühendste Fieberhitze ergriff sie ; sie ging heftiger nur . » Beruhigt Euch , « sagte der Arzt zu Emmy - » das überlebt sie nicht - sie war ja noch Wöchnerin - die Quellen ihres Busens sind versiegt , das deutet das Fieber an - es wird ihr Tod ! « » Dann sei Gott gepriesen ! « rief Emmy wild - » die scheußliche Welt , in die sie gerathen , ist nicht werth , daß ihr Fuß länger in ihr wandelt ! « Bald öffnete das steigende Fieber den stillen Mund . Erst plauderte sie leise - dann lauter - sie lächelte - sie hüpfte - sie flog , selbst unter der Gewalt der Krankheit noch reizend schön , und wie ein glückliches Kind auf kühlem Wiesengrunde ! - Sie war in Stirlings-Bai - sie rief den Vater und lächelte ihm zu - kein Andenken ihres späteren Lebens trat hervor - ihre Kinderjahre , Emmy , der Vater , ihre Bilderbücher , der Wald ! Welche anmuthige Arabeske lieblich und wunderbar durchschlungener Gedanken , bildeten ihre Phantasien ! Dies brach Emmy ' s Härte - schreiend fast , schluchzte sie ihren Jammer aus ; aber die , welche sonst ihrem leisesten Seufzer sorgsam nachspürte , hüpfte lächelnd und schwatzend an ihr vorüber und sah in den wilden Aufruhr dieser konvulsivisch zuckenden Gestalt , als ob sie eine schöne Blume aus den Wäldern von Stirlings-Bai erblicke . - Da schien dem mit angespannter Aufmerksamkeit sie beobachtenden Arzt , als ob sie , durch das Fieber bezwungen , Durst empfände . Dies war , was er gehofft und erwartet . - Schnell reichte er ihr den bereiteten Becher , der den Schlaftrank enthielt , auf den allein zu hoffen war . Er täuschte sich nicht ; sie trank mit kindischer Begierde und nannte es : Milch aus Stirlings-Bai . Der Gang aber ward nun matter und schleppender , die Worte gebrochen ; die Augenlieder sanken . Schon hatte Emmy die Thränen getrocknet ; widerstandlos trug sie den Liebling ihres Herzens auf das lange verlassene Lager , und bald breitete der Schlaf seine Segnungen über die Verwüstungen der Menschenhand . - Die Marschallin von Crecy saß in ihrem Ankleidezimmer und hörte der unschuldigen Louise zu , welche ihr von dem jungen Marquis d ' Anville erzählte , mit dem sie gestern bei dem Herzoge von Lesdiguères getanzt hatte , und der gar zu heiter und liebenswürdig war , so daß sie immer durch ihn an Leonin erinnert ward , mit dem sie auch früher so habe scherzen und lachen können . Die Marschallin hatte Nichts dagegen . Sie wußte jetzt genau , wie es mit Louise stand ; diese Brücke , welche Schwestern , die ihre Brüder sehr lieben , sich durch Vergleichungen zu bauen wissen , die sie dann unwillkürlich in ein anderes Gebiet der Empfindung hinüber leiten , war ihr vollkommen bekannt . Der junge neunzehnjährige Marquis war ihrer Tochter bestimmt ; doch erst nach drei Jahren sollte die Vermählung vor sich gehen , der junge Mann bis dahin entfernt werden durch den jetzigen Krieg , später durch Reisen . Sie ließ Louise ruhig plaudern und verstärkte nur durch einzelne Worte den erregten Eindruck , sich an der harmlosen Uebergabe des holden Kindes innerlich belustigend - als dieses trauliche Zwiegespräch plötzlich durch den Eintritt dessen aufgehoben ward , den Louise noch zur Erklärung ihrer Gefühle bedurfte - Leonin stand vor Beiden . Aber wie wenig glich er jetzt noch dem Bilde des frohen , unschuldigen Marquis d ' Anville ! Selbst die unerschütterliche Marschallin erschrak bei seinem Anblick , und wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke : Das ist Dein Werk ! Louise flog mit einem Freudenschrei in seine Arme . Aber Leonin schauderte , als er ein anderes weibliches Wesen an die Brust drückte , von der er Fennimor so eben verstoßen . Die Marschallin sah Alles - sie fürchtete sich fast vor ihm - da er da war , mußte das vollendet sein , was sie geleitet ; damit kam ihr ein kleines vorübergehendes Grauen an - die Vollendung stählte sie nicht so , wie der Eifer , sie zu erlangen . » Leonin , Du bist krank ! « rief Louise , als er sich matt und stumm von ihr los machte , um seine Mutter zu begrüßen , » ich erkannte Dich kaum ! « » In Wahrheit , mein Lieber , « sagte die Marschallin , » Sie haben keine gute Farbe - Sie müssen mit dem Arzte sprechen - Sie haben jetzt keine Zeit zum krank sein ! « » Lieber mit dem Beichtvater , gnädige Frau ! « erwiederte Leonin dumpf und bitter , » es könnte nöthiger sein ! « » Ganz nach Ihrem Bedürfnisse , « sagte die Marschallin , durch diese vorwurfsvolle Entgegnung erkältet und erzürnt . - » Oft ist uns der Seelenarzt so nöthig , als der leibliche . - Der König ist bereits zur Armee abgegangen ; die Königin hat ihr erstes Wiedersehen mit Seiner Majestät in Nancy , dorthin « - » In Nancy ? « unterbrach Leonin seine Mutter - » in Nancy ? in der Hauptstadt des Herzogs von Lothringen ? So verfügt man schon über das Eigenthum des Feindes , dessen Land man noch nicht einmal betreten hat ? « - » Mein Sohn , ich finde Ihren Ton sehr sonderbar ; es scheint mir höchst unpassend , und für Sie am meisten , als eine zum Hofstaat gehörende Person , sich mit einer Art - wie soll ich sagen , um es milde zu bezeichnen - einer Art Erstaunen mindestens , über diese allerhöchsten Beschlüsse zu äußern . Wer könnte zweifeln , daß Seine Majestät heute schon das Recht hätten , sich in Amsterdam ihr Diner zu bestellen ? Die Beschlüsse zu der einen oder andern stets passenden Eroberung sind zugleich Siege ! « Hierin lag etwas Wahres . Die Marschallin hatte nur nöthig , das Vorhandene zu benutzen , um ihrem Sohne zu imponiren . Dieser ganze Krieg war ein voraus empfundener Siegestaumel , den zu beargwöhnen , in der That ein ungehöriges Gefühl und der damaligen Zeit ganz fremd war . Die Naturanlage der Franzosen , sich in dem anmaßendsten Dünkel als die Ersten der Erde zu betrachten , erhielt die vollständigste Entwicklung und schlug Wurzeln , zu tief , um je zu ersterben , ein Stützpunkt bleibend für Alles , was die Zeit im mannigfaltigsten Wechsel daran hinauftrieb - was wir mit giftiger oder segensreicher Vegetation vergleichen könnten , die immer ein und derselben Wurzel entsprossen . Leonin war auch schon auf Kosten alles Andern zu sehr Franzose geworden , um nicht Ueberzeugungen schnell nachzukommen , die er um so hohen Preis erkauft . Er fühlte , er hatte sich unpassend geäußert , und fragte daher schnell : ob die Königin in Versailles anwesend sei ? - » Ihre Majestät haben den Bitten ihrer guten Stadt