vier Brandmauern eines Gebäudes ragen , aus welchen der Hals des Schlotes wie ein Zeigefinger emporwies ; denn das Dach war eingestürzt . In diesen Trümmern hörten wir heftige Schläge auf den Amboß . Wir traten hinein und sahen den Magischen in voller Arbeit . Er hatte den Rock abgeworfen , die Hemdärmel zurückgestreift und schlug mit einem rostigen Hammer unaufhörlich auf den Amboß . Sein Gesicht war von Ruß , der sich hier herum noch stellenweise an den Wänden erhalten hatte , geschwärzt , aus dieser Finsternis brannten seine roten Augen , die weit aufgerissen , ihm wild im Kopfe rollten , die dürren Glieder flogen während des Hämmerns wie die Teile des Kinderspielzeuges , welches Hampelmann genannt wird . Unsere Begleiter , die Jungen , lachten , als sie ihn sahen , der Nachbar nannte den Anblick scheußlich , ich fand ihn erhaben . Zwischen dem Hämmern rief er jezuweilen : » Bist endlich mürb , du Mordgeist ? « - Anfangs sah er uns , in seine Arbeit vertieft , gar nicht , als er uns aber erblickte , ließ er den Hammer sinken und sagte : » Nun hastu genug , nun bistu zahm ! Wie sehr im Irrtum waret Ihr , Herr von Münchhausen , mir von meiner gewohnten Lebensweise abzuraten ! In jener elendigen Nüchternheit konnten meine abgeschwächten Kräfte durchaus keinen Geist entdecken , sobald ich mich aber , wie gestern abend geschah , einmal wieder tapfer anfüllte , war auch meine Begabung in ihrem vollen Flor wieder beisammen . Ich weiß nicht , wie ich in diese wüste Gegend , und zwischen diese Trümmer geraten bin , außer , daß es mir wahrscheinlich ist , durch übernatürliche Führung hineinbefördert zu sein . Heute in der Frühe nun , sobald ich die Augen aufschlug , stand er vor mir dort an der Esse , rußig , das Schurzfell vorgebunden , wollte grob sein , fragte , was ich in seiner Schmiede tät ' , ich sollte mich ' naus scheren - « » Wer ? « fragten wir alle . » Wer ? Wer sonst , als der Grobschmidt , der hier umgehen tut ? - Aber ich nahm ihn wacker zusammen , sagt ' , ob er nicht wiss ' , daß ich der Dürr sei , schmiß ihn auf seinen eigenen Amboß , und arbeitet ' ihm mit dem Hammer so lange auf die luftigen Knochen los , bis er klein beigab , zu winseln begann , mir seine verborgene Missetat bekannte und auch schon einige Lust , erlöset zu werden , spüren läßt . Nur sei hier der rechte Ort nicht , den Heilsweg zu betreten , es sei hier oben zu einsam , er müsse mehr unter Menschen , sagte er . « » Wo ist er ? « fragten die Straßenjungen . » Ich will ihn euch zeigen « , rief der Magische , packte den größten Jungen bei den Haaren , stieß ihn mit der Nase auf den Amboß und rief : » Siehst ihn nun ? « » Ja , ja « , schrie der Knabe , dem das Blut aus der Nase drang , » ich sehe ihn . « Die andern Jungen versicherten zitternd , sie sähen ihn ebenfalls , ich hatte ihn von Anfang an gesehen , sobald der Magische ihn nur genannt hatte , ob der Nachbar ihn gesehen , weiß ich nicht . - » Mit der Nas ' muß man diese ahitophelschen , antichristischen Zeiten auf die Geister stoßen , sonst sind sie blind bei sehenden Augen ! « rief der Magische . Er horchte nach dem Ambosse hin , rief dann : » Willst wandern und dir Quartier suchen ? Wohl , voran ! Sa sa , nur voran ! Immer voran ! Darin muß man euch freie Hand lassen . « - Er schritt , die Glieder ekstatisch reckend und schüttelnd , zur Trümmerschmiede hinaus , mit starren Blicken dem Grobschmidt folgend , der durch die Lüfte voranflog . Es war so dunkel geworden , daß man keine Hand vor Augen sehen konnte , dennoch erblickte ich ihn ganz deutlich , als ich mit der Stirn gegen einen Baum fuhr , denn da sprühten die hellen Schmiedefunken mir vor dem Gesicht umher . Es ging immer bergunter nach Weinsberg zu , die Jungen waren vorangesprungen , die ersten der Glaubigen . Wegen der Finsternis waren zum Glück nicht viele Leute mehr auf den Straßen , sonst hätte es gewiß einen Auflauf gegeben . Unweit des Hauses der Nähterin rief der magische Schneider überlaut : » Aha ! Schlupfst da hinein ? « sprang in das Haus , sprengte mit einem heftigen Fußtritte die Türe und war schon in Zeichen und Wundern mitten inne , als ich etwas später die Stube betrat . Der Nachbar hatte sich voll Furcht und Zittern entfernt . Die Schnotterbaum lag an der Erde , verdrehte ihren Körper , ächzte und stöhnte . Der Magische kniete über ihr , hielt ihr die Faust geballt vor den Mund und polterte : » Hab ' ich ' s Euch nicht angesagt ? Ist er nicht eben in Euch hineingefahren ? « - » Ach wohl « , winselte die Nähterin , » es mußte ja so kommen ! Als Ihr die Türe sprengtet , fuhr er mir wie ein kuhler Wind in den offenen Mund . Tut mir die Gnade , und befreiet mich von ihm , er stößt mir fast das Herz ab . « » Das werde ich wohl bleiben lassen « , versetzte der Magische , » es ist mir sauer genug geworden , den Hund für die beiden Herren zu erwischen , nun soll er sich erst in Euch zum Glauben bekehren . « » Das tue ich mein Tage nicht « , rief der Dämon aus der Schnotterbaum , » ich bin ein gottloser Magister , und ein solcher will ich leben und sterben ! « Diese Antwort setzte mich in das größte Erstaunen . » Meister « , sagte ich zum Schneider , » ist uns denn etwa der Grobschmidt unterweges abhänden gekommen ? Diese Jungfer Schnotterbaum scheint anstatt seiner ihren verstorbenen Herrn Vater zur Einquartierung empfangen zu haben . « » Nichts als Winkelzüg ' ! « rief der Magische . » Solche Höllenbrut wechselt in einem Augenblicke sechzigmal die Farb ' , um nur ein Schnippchen zu schlagen . Ein Grobschmidt und kein Magister sitzet und wohnet in der Schnotterbaum , und zwar ' n der Grobschmidt oben aus der Teufelsschmiede , der seinen Knecht mit dem Hammer erschlagen und dann in den grundlosen Tümpel gestürzt hat , allwo seine Knochen noch tief unter Schlamm und Moder liegen . « Weinend und schluchzend sagte die Nähterin : » O Gott , muß ich einen so furchtbarlichen Geist in mir beherbergen ? Ich glaubte zum wenigsten , mit meinem seligen Herrn Vater davonzukommen . « - » Ja , Jungfer « , sprach der Schneider und half ihr vom Boden auf , » dawider hilft nun nichts . Wem ein Dämon beschieden ist , der bekommt ihn . Übrigens werdet Ihr wohl einsehen , daß fortan Eure Stelle nur in dem Etablissement der Herren Doktoren Kernbeißer und Eschenmichel sein kann . « Traurig und erschöpft antwortete die Schnotterbaum : » Dem ist so . Die Schickungen müssen nun ihren Gang gehen . « - Sie packte ein Bündelchen Wäsche zusammen und gab ihrem Hänfling Futter auf acht Tage . Dann legte sie ihre Nähsachen in sauber gefaltete Pakete , reichte diese einem Jungen und hieß ihm , sie den Leuten zurückzubringen , mit der Bestellung , sie könne nicht mehr arbeiten , denn sie habe einen Dämon im Leibe . Während dieser kleinen Beschäftigungen kamen Kernbeißer und Eschenmichel , denen schon etwas angesagt worden war . Dürr , welcher , als die beiden Doktoren eintraten , mitten in der Stube stand , sagte groß und ruhig , wie Falstaff , als er den Percy bringt : » Da habt ihr den Dämon ! « Wir führten die Schnotterbaum im Triumph nach dem Etablissement und gaben ihr ein kleines Familienfest aus dem Stegereif . Dürr ging oder taumelte vielmehr bald nach seinem Stalle , worin er ein für allemal seine Wohnung aufgeschlagen hatte , der außerordentliche Mensch . Kernbeißer ließ zur Ehre der Magie den Stall mit bunten Lampen erleuchten . Sehr glücklich sanken wir alle auf unser Lager . Wir glaubten über alle Berge zu sein . Eschenmichel stand nur in Zweifel , ob er den Dämon katholisch oder evangelisch machen solle . Die Schnotterbaum lag die Nacht durch in wütenden Krämpfen , was uns weiter nichts anging , denn wir hatten es nicht mit ihr , sondern mit ihrem Mietsmanne . Die folgenden Tage und Wochen waren freilich stürmisch , und wir sahen , daß wir noch nicht einmal die Vorhügel des Berges , geschweige den Berg erstiegen hatten . Der magische Schneider blieb dabei , daß der Grobschmidt aus der Teufelsschmiede in die Schnotterbaum gefahren sei , und kämpfte wie ein Held für diese Wahrheit , die er , sooft er nüchtern war , dem Dämon unter fürchterlichen Bedräuungen in das Antlitz sagte , oder vielmehr in den Mund der Besessenen hinein . Dagegen versicherte der Dämon , er sei kein Grobschmidt , sondern ein Magister , habe keinen Knecht mit dem Hammer erschlagen , sondern nur über dies und das frei gedacht . Es war wohl das erstemal , daß das Zwischenreich so mit sich selbst in Konflikt geriet . Denn einer von beiden konnte doch nur recht haben , der Seher Dürr , oder der Dämon . Die Schnotterbaum verhielt sich dabei leidend . Sie pflegte zu sagen : » Ich bin dermaßen herunter , daß mir ' s gleich ist , wen ich in mir trage , den Grobschmidt oder den Magister , meinen Vater . Ist ' s der letztere , dann haben sich die Herren eine Rute gebunden , als sie mich ins Haus nahmen , denn der Magister wird eine Bosheit auslaufen lassen , von welcher ihnen nichts träumet . « VIII. Der Geist eines Grobschmidts mit den Erinnerungen eines Magisters Endlich nach unablässiger Bedräuung , vielem und oftmaligem Anschreien , Beschwören in dem Idiome der inneren oder Ursprache , schrecklichem Gebärden und Einwirken durch Augenrollen brachte es der magische Schneider dahin , daß der Dämon in sich schlug und anfing der Wahrheit , wenn auch noch nicht Gotte die Ehre zu geben . Eschenmichel hatte dazu durch fleißige Vorhaltungen in seiner logisch-scharfen Manier wacker mitgeholfen . So zum Beispiel sagte er eines Tages zum Dämon : » Wenn wir sehen , daß du ein Grobschmidt bist , so kannst du doch kein Magister sein , begreifst du das nicht , Verworfener ? « - Dämon wurde dazumal ganz still und schämte sich vermutlich seiner Dummheit . Am vierzehnten September abends sieben Uhr erfolgte die erste offene Beichte . Das Leibliche der Jungfer Schnotterbaum lag damals , von den unaufhörlichen Krämpfen und Anspannungen bestürmt , fast im Zustande der Auflösung . Der Dämon aber sprach aus ihr , zwar mit schwacher jedoch mit vernehmlicher Stimme , ja , er wolle es nur gestehen , er sei der Grobschmidt Bumpfinger aus der Teufelsschmiede und nicht der Magister Schnotterbaum , von Hall bürtig . Gestand hierauf auch alles ein , was wir bereits von ihm wußten . Die folgenden Tage wurden nun verwendet , den Dämon in seiner wahren Gestalt recht fest werden zu lassen . » Denn « , sagte Dürr , » schlägt er wieder in den Magister zurück , so geht die Arbeit von vorn an . « Er mußte deshalb wohl zwanzigmal seine Grobschmidtsgeschichte vom ermordeten Knecht wiederholen , dergestalt , daß die Schnotterbaum von diesen Anstrengungen ungeduldig wurde und einstmals ausrief : » Liebe Herren , laßt es nun gut sein , er hat es ja schon so oft dargelegt , und im übrigen wird er doch nicht mehr sagen , als ihm mein Vater eingibt . « Diese Rede klang dunkel , wir sollten aber bald die Aufklärung empfangen . Denn nächsten Tages wurde auf Eschenmichels Antreiben ein scharfes Verhör mit dem Dämon erhoben , dessen Zweck dahin ging , allerhand nähere Auskünfte über höllische Dinge und über Eigentümlichkeiten des Zwischenreichs zu erlangen . Ich will die Hauptfragen und die darauf gegebenen Antworten hieher verzeichnen . ESCHENMICHEL : Wie bist du in das Zwischenreich gelangt ? DÄMON : Wie man vom Fleck kommt . Guckt ' erst ein wenig in die Höll ' , konnten mich aber da nicht brauchen , weil ich nicht an sie glaubt ' , die Höll ' überhaupt dummes Zeug ist . ESCHENMICHEL : Dummes Zeug ? DÄMON : Ja , dummes Zeug . MAGISCHER SCHNEIDER : Wie sieht die Höll ' aus ? DÄMON : Sie sieht gar nicht aus . MAGISCHER SCHNEIDER : Gar nicht aus ? DÄMON : Nein , gar nicht aus . Hier machte das Verhör eine Pause . Wir sahen einander voll Erstaunen an . Kernbeißer rief : » All mein Lebtage macht ihr diesen Dämon nicht zu einem regelmäßigen und aufrichtigen Grobschmidt ! Kein Grobschmidt wird sagen , die Hölle sei dummes Zeug und sehe gar nicht aus . Für solche Zweifel hantiert er selbst zuviel im Feuer . « - » Nur still « , sagte Eschenmichel , » man muß nicht verzagen . « - Das Verhör nahm folgendermaßen seinen Fortgang . MAGISCHER SCHNEIDER : Hastu was vom Teufel erfahren ? DÄMON : O ja , die ganze Wahrheit . ESCHENMICHEL : Wie sieht der Teufel aus ? DÄMON : Er hat auch kein Aussehen nit . KERNBEISSER : Wie denn so ? DÄMON : Er ist auch nix . Er ist auch dummes Zeug . MAGISCHER SCHNEIDER mit fürchterlicher Gebärde : Bistu denn kein Grobschmidt nit ? DÄMON zitternd : Ach wohl bin ich der , aber von Höll ' und Teufel denk ' ich just wie der Magister Schnotterbaum . » ' s ist klar ! ' s ist klar ! « rief Kernbeißer , » der Grobschmidt kann sich von den Erinnerungen , Gedanken und Zweifeln des Magisters noch nicht losreißen ! « - Dürr fluchte und wetterte , daß man die Nücken des Zwischenreiches nie auslerne . - » Das ist ja eben das Erhabene und Göttliche « , sprach Eschenmichel mit Salbung , » daß in diesem Gebiete sich immer tiefere Tiefen austiefen , und unter dem Abgrunde der Abgrund gründet . Aller Wahrscheinlichkeit nach sind zu gleicher Zeit zwei Geister in die Schnotterbaum gefahren , der Grobschmidt und der Magister ; diese haben sich nun in ihr unauflöslich miteinander verwickelt und verschlungen und verknotiget , so daß man nicht mehr weiß , wo der Schmidt anfängt und der Magister aufhört . Demnach tritt denn der großen und merkwürdigen Erfahrung , die wir an dem halben Kindsgeiste haben , diejenige nicht kleinere und unmerkwürdigere Tatsache symmetrisch entgegen , welche wir hier erleben , nämlich , daß im Zwischenreiche auch eine völlige Konfusion der Geister möglich ist . « Nach dieser tiefsinnigen Bemerkung bat ich um die Erlaubnis , allein mit der Schnotterbaum reden zu dürfen , welche mir auch gegeben wurde , da niemand Lust bezeigte , das Verhör jetzt fortzusetzen , und der Dämon daher , seines Zwanges entledigt , aus dem Halse wieder in die Magengegend hinabsank , wie unsere Kranke sagte . Als die andern das Zimmer verlassen hatten , befragte ich sie , ob sie mir nicht den wunderbaren Vorgang erklären könne . » Ach « , versetzte sie weinend , » ich lebe in großer Qual . Ich werde von Tag zu Tag schwächer , und sehne mich inbrünstig nach meiner Nähstub ' , und nach meinem sonnigen Platz unter den Rebstöcken , da meine ich , würde mir gleich wieder wohl werden bei Hohlsaum und Doppelnaht . Nun weiß ich freilich wohl , denn die Herren und der Dürr sagen es mir ja täglich , daß dieses schwache und sündliche Gedanken sind . Wer einmal ein Gefäß der Wunder ist , muß aushalten , und so will ich denn auch , ich armer , elendiger Mensch . Ich denk ' den ganzen Tag über an die Gottlosigkeiten ( der Himmel verzeihe mir , daß ich so sprechen muß ! ) meines seligen Herren Vaters , und da ich ein sehr gutes Gedächtnis von jeher gehabt , und daher nichts vergessen habe , was mir von demselben zu Ohren gekommen ist an lästerlich-leichtfertigen Sachen über Bibel und Christentum , so drängt sich das alles nun jetzt zuhauf in mir empor , und die Sachen werden laut in mir , die ich so sehr verabscheue . Und da der Grobschmidt , den ich bei mir führen soll , von nichts weiter in mir hört , als von diesen Magistersünden , so mag es wohl daher kommen , daß in den schrecklichen Abendstunden , wo der Dürr und die beiden Herren ihr schweres Werk mit mir beginnen , wo ich zwischen Beten , Singen , Ausfragen , Faustdrohen , Anschnarchen und Anbrällen nicht weiß , wo mir der Kopf steht , wo es mir grün und gelb vor den Augen wird , meine Sinne sich verwirren und ich wie im hitzigen Fieber rede - « » Wie ? Jungfer Schnotterbaum ? « » Ach , ich bitte Sie , mir das unbedachte Wort nicht übelzunehmen und es ja nicht den andern Herren zu verraten . Nein , ich wollte vielmehr sagen , wo , während ich im hitzigen Fieber liege , das Ding in mir zu reden anfängt , daß dann , sage ich , der Grobschmidt auch nur Magistersachen zu sagen weiß , und der Affe des Magisters ist . Eine Erklärung kann ich Ihnen nicht geben . « - Was war damit erklärt ? Die Auslegung erschien doch gar zu dürftig . Und so blieb dieses große Rätsel der Geisterwelt ungelöst . Wurde sogar mit jedem Tage dunkler . Befragten wir nämlich den Grobschmidtsdämon , ob er sich der Vorfälle aus seinem Erdenleben wohl noch erinnere , so antwortete er : O ja , er wisse die Stunde noch ganz genau , da er im Stift zum ersten Male lateinische Stunde gegeben . Erkundigte man sich , was ihm in gegenwärtiger Zurückgezogenheit am leidesten tue , versetzte er , daß er seinen Juvenal nicht bei sich habe . IX. Tatsache : die Erlösung eines Dämons hängt von tausend Zufälligkeiten ab Obiger Satz ist aus Eschenmichels Diario abgeschrieben , der gleich mir seit dem ersten Tage dieser magischen Behandlung genau Buch führte . Wir hatten uns in die Schriftverfassung geteilt . Ich brachte die historischen Tatumstände zu Papier , und er zog aus denselben die übernatürlichen Folgerungen . Nun merket das neue Wunder ! Ohne daß wir vor dem Schreiben uns besprachen , paßte jederzeit seine Folgerung auf mein Faktisches wie ein Handschuh auf den andern . Daraus ist zu schließen , daß diejenigen , welche von der höheren Welt berichten , unter dem Flügelschlage der Inspiration schreiben , erhaben über alle Kritik . Eschenmichel sagte am dreißigsten Oktober : » Laßt uns , da mit diesem halbschlächtigen Geiste sonst nichts zu beginnen ist , jetzunder an seine Bekehrung gehen . « Kernbeißer entgegnete : » Wolltest du , Bruder , mich nicht lieber die Schnotterbaum kurieren lassen ? die Person verfällt sichtlich . « - » Nein « , rief Eschenmichel , » auf den Dämon kommt es an , nicht auf die Schnotterbaum ! « Am folgenden Tage , den ersten November spuckte der magische Schneider in seine Hände , wie er zu tun pflegte , wenn er Schwieriges vorhatte , und nachdem er durch kräftige Formeln den Dämon von der Magengegend in den Hals hinaufgebracht , redete er ihm ins Gewissen , sagte ihm , er solle sich schämen , ob ihm nicht das lausige , lumpichte Zwischenreich zum Verdruß sei ? schilderte ihm die himmlischen Freuden , malte diese mit Pastoralklugheit etwas doppelfarbig , so daß sie den Grobschmidt wie den Magister anziehen konnten , sagte unter anderem , da droben bleibe das Eisen immer warm , was geschmiedet werden solle , und für jede lateinische Stunde gebe es drei Kreuzer mehr , als auf Erden , sprach endlich geradezu davon , daß hier nicht gefackelt werden dürfe , sondern der Dämon sich erlösen lassen müsse . Auf diese Bußpredigt war Dämon anfangs sehr grob . Sagte , wir sollten uns alle packen , wir besäßen nicht soviel Verstand im ganzen Leibe , wie er im kleinen Finger . Was uns sein Heil angehe ? Er sei mit dem Quartier in der Schnotterbaum zufrieden . » Glaubt ihr auch in den Himmel zu kommen ? « fragte er . - » Ja « , riefen wir einhellig . - » Nun , dann ist das schon ein hinreichender Grund für mich , haußen zu bleiben « , versetzte er . » Denn solche Tröpfe , wie ihr seid , würden mir die ewige Seligkeit verleiden . Bekümmert euch um eure Siebensachen , laßt mich ungeschoren , ich will platterdings nicht erlöst sein . « Er fügte noch allerhand Spöttereien hinzu , die ich nicht nachschreiben mag . Aber sie waren wirklich , cerebraliter genommen , das Gescheiteste , was hier seit Monaten sich laut gemacht hatte . Eschenmichel , Kernbeißer und ich konnten dagegen nichts aufbringen , hüllten uns folglich schweigend in unser höheres Bewußtsein . Aber der Schneider war der Mann nicht , sich von einem tückischen Geiste einschüchtern zu lassen . Zeigte sich der Dämon grob , so wurde der Schneider gröber , auf ein Schimpfwort hatte dieser zehn stärkere , und mit Gründen , die der Dämon hinterlistigerweise brauchen wollte , ließ er sich gar nicht ein ; er sagte nur , wenn solche Sophismen sich in die Unterredung einschleichen wollten , mit donnerndem Ton : » Halt ' s Maul ! « Nachdem Schneider und Dämon einander wohl eine Stunde lang wie die Rohrsperlinge ausgeschimpft hatten , wurde der Dämon wirklich kleinlaut und brummte : » Der Vernünftigste gibt nach . Mit solchem verwetterten Bügeleisen ist ja gar nicht auszukommen . Gut , ich will mich erlösen lassen , aber wie soll ich ' s anfangen ? Ich hab ' ja keine Händ ' und Füß ' , etwas Gutes zu schaffen . « - » Du dummer Dämon ! « rief der Magische , » was braucht ' s da Händ ' und Füß ' ? Du wirst erlöst , damit gut . « - » Nur nicht immer so ungeschliffen ! « erwiderte der Dämon . » Ihr könnt doch mit Geistern manierlich umgehen , besonders wenn man in einer Frauensperson sitzt . « » Siehstu deinen guten Engel neben dir stehen ? « fuhr ihn der Schneider an , da ein Lichtstrahl durch das dunkle Zimmer schoß . Nachher hörten wir , der Knecht sei zur nämlichen Zeit unten mit der Stallaterne über den Hof gegangen . Wie wunderbar , daß der himmlische Bote gerade diesen natürlichen Vorfall wählte , seine Erscheinung eindringlicher zu machen ! - » Ich seh ' alles , was ihr seht ; ihr habt mich schon fast ebenso verstutzt und verdutzt gemacht , wie die Schnotterbaum « , antwortete der Dämon auf die Frage des Schneiders . Letzterer fragte den Dämon , wie der Engel aussehe ? und erhielt zum Bescheide : » So , wie ein Engel sich trägt ; ein Habit , weiß , von Nessel , blaue Flügel mit Gold verbrämt . « - Dämon gab diese und mehrere dergleichen Nachrichten mit murrender , unwilliger Stimme ; offenbar belästigte ihn der himmlische Geschäftsträger . Im Verlaufe der desfalls gepflogenen Unterredungen sagte er einmal : » ' s ist doch grausam , daß ich nun noch gar einen Engel auf den Pelz krieg ' , da ich nimmer an Engel geglaubt habe ! « - Hier aber brachte ihm Kernbeißer , der sich sonst in der ganzen Sache als handelnde Person zweiten Ranges darstellte , einen Kernschuß bei . Er warf ihm nämlich rasch ein , daß Dämon seiner Denkungsart zufolge ja auch nicht an ein Leben nach dem Tode geglaubt haben könne , und nun stecke er doch selbst mit Haut und Haar mitten drin . - Dieser Grund traf den Dämon , machte ihn zahm , und von jetzt an ließ er den Engel über sich ergehen . Letzterer wurde nun beauftragt , sich gehörigen Orts zu erkundigen , wann die Erlösung des Grobschmidt-Magisters zu gewärtigen stehe ? Er versprach , gleich dieserhalb abzureisen , und , da die Wege noch so ziemlich seien , nach dreien Tagen abends sieben Uhr wieder einzutreffen mit hoffentlich günstiger Resolution . Die drei Tage gingen in stiller Erwartung hin . Der Engel bildete , das begriff jeder , eine neue Katastrophe in diesem Wunderdrama . Eschenmichel schlug alles nach , was er in der Kabbala , bei den Gnostikern und bei Emanuel von Swedenborg über Engel finden konnte , Kernbeißer sah mit tränenden Blicken in die Wolken und dichtete schöne Lieder , in deren einem er den seelenvollen Ausdruck eines Kalbsauges pries . Die Schnotterbaum , welche kaum noch vom Lager aufzustehen vermochte , zupfte still an der Bettdecke , schaute seltsam vor sich hin , und ich hörte sie zuweilen wie unwillkürlich sagen : » Was der Dämon verschwieg , der Engel bringt ' s an Tag . « Wer aber am dritten Tage abends sieben Uhr ausblieb , war der Engel . Dämon kam , wie gewöhnlich , folgsam aus der Magengegend heraufgestiegen , wußte auf Befragen nicht das mindeste über den Ausgebliebenen zu vermelden , hielt sich etwas kurz und fast spöttisch in seinen Antworten und äußerte , da sehe man , daß auf solche Leute kein Verlaß sei . - Der Magische ergoß hierauf einen Regen von Fluch- , Beschwörungs- und Schimpfworten über den Nichterscheinenden , in der Meinung , ihn dadurch herbeizuzwingen . Es war aber alles vergebens . Bis nach Mitternacht wurde jegliche thaumaturgische Kunst fruchtlos angewendet ; der nichtsnutzige Dämon lachte und schrie unaufhörlich : » Ich bleib ' unerlöst ! Ich bleib ' unerlöst ! Juchheirassasa ! Juchheirassasa ! « - Endlich wurde die Schnotterbaum von diesen Dingen schwach und drohte , für tot liegenzubleiben . Da fing Kernbeißer des Magischen aufgehobenen Arm , welcher schon wieder eine Himmelszwangsgebärde ausführen wollte und rief : » Du bist zu heftig , du außerordentlicher Mensch ; deine Gaben und Kräfte sind für die verworfenen Geister eingerichtet , aber diese süßen , seligen , rosigen Flügelknaben wollen mit Zartheit behandelt sein . Deshalb ist mein Vorschlag : Du behältst den Dämon , und überlässest mir und meinem Bruder Eschenmichel , der mich mit seinen Kenntnissen unterstützen wird , den Engel . « Diese Geschäftseinteilung fand den Beifall des Magischen und wurde auch sogleich ausgeführt . Kernbeißer setzte sich vor die Besessene hin und sang mit sanfter Stimme : Du lichtes , leichtes Wesen , Wo säuseln deine Schwingen ? Wir dürsten , zu genesen An deines Fluges Ringen . Bist du denn nicht ein Träumen Aus unsern ersten Tagen ? Wie lange willst du säumen , Von ihnen uns zu sagen ? Von unsern Kinderreden , Und kindlichem Gelüste ? Du führtest uns durch Eden , Führ ' uns auch durch die Wüste ! Darin nur eine Quelle Den Schmachtenden erquicket : Die fromme , heil ' ge Welle , Die unter Wimpern blicket ! Die Kranke schluchzte , und der Engel war sogleich da . Er entschuldigte sein spätes Erscheinen und sagte , sein allzugroßer Eifer trage Schuld . Er sei nämlich , wie eine in unaufhaltsamem Fluge begriffene Kugel über das Ziel , den himmlischen Raum , hinausgeschossen immer weiter und weiter in das sogenannte große Nichts , habe freilich , sobald er des Irrtums innegeworden sei , kehrt gemacht , indessen doch durch seinen übermäßigen Schuß Zeit und Weg verloren . Was die Erlösung betreffe , so werde diese am dreizehnten Dezember Schlag acht Uhr erfolgen . - Engel empfahl sich darauf . Dämon lachte und sagte : » Wenn ich am dreizehnten Dezember erlöset werde , so will ich Hans heißen . Ich habe noch etwas auf dem Herzen und ehe das nicht herunter ist , kein Gedanke an Erlösung . « » Was hast du auf dem Herzen ? « fragte Kernbeißer . » Herr , fraget nicht danach « , antwortete der Dämon , » es ist ein verfängliches Ding , keinem nütz , zweien zu großem Schaden ! « Eschenmichel wurde verlegen und bat Kernbeißern , von weiterem Eindringen abzustehen , man müsse auch gegen Dämonen diskret sein . » Nein « , sagte Kernbeißer , » wenn er etwas auf dem Herzen hat , da wird nicht eher Ruhe , als bis es herunter ist « . Ach , der Dämon hatte wohl recht gehabt ! Am dreizehnten Dezember abends acht Uhr keine Erlösung ! Er kam bis auf die Lippen , da fiel ihm auf einmal wieder ein blasphemischer Gedanke ein , und alsobald rutschte er auch wieder hinunter , so daß ein jeder von uns das Geräusch hörte . Es war , wie wenn ein Sack auf den Fußboden fiel . Der magische Schneider rief : » Sein guter Engel muß es doch aber wissen , muß auch den blasphemischen Gedanken vorhersehen , wie darf er denn die Leut ' so anführen ? « Der Engel , durch Kernbeißers sanften Gesang berufen , kam , bat um Vergebung , er müsse sich im Datum geirrt haben , es sei droben gar zu viel zu tun , und er setzte nun den Termin für die Erlösung auf den fünften Januar , dann , als auch dieser fruchtlos verstrich , auf den dritten Februar , und so , bei immer wiederkehrenden Fehlschlagungen der Erlösung nacheinander auf sechs verschiedene Tage in den Monaten März , April