, der etwas freundlicher schien , bannte mich dann wieder in ihre Nähe , und versöhnte mich auf lange mit mir selbst . - Doch , wozu die Freuden und Leiden , die Schwankungen meines Gefühls dir schildern ? - Ich sah wohl , wie aufmerksam sie mich prüfte , wie scharf sie mich aus der Ferne , auch wenn sie mit andern lebhaft sprach , beobachtete . Selbst Dorothea machte mir von Zeit zu Zeit einige Hoffnungen , sie meine , ich werde geliebt , nur klagte sie darüber , daß die sonst so zärtliche Freundin sich seit einiger Zeit auch von ihr zurückzöge , und gegen sie verschlossener sei , als jemals . Wir hatten an einem der schönen Herbsttage einen gemeinschaftlichen Spaziergang in jenen schönen Buchenwald gemacht in welchem du dich auch einmal verirrtest . Ich führte Albertinen , Emmrich ging mit Dorotheen , der begünstigte Bassist mit Charlotten . Dieser zündete mitten im Walde ein Feuer an , und Dorothea kochte mit Hülfe Charlottens den Kaffee in der grünen Wildnis ; sie hatten spaßend die Geschirre und allen Bedarf in ihren Körbchen mitgenommen . So veranstaltete sich unvermutet ein kleines ländliches Fest , und es nahm sich artig aus , wie die rote Flamme , die in dem dürren Reisig hoch aufloderte , die Stämme und die belaubten Zweige der Buchen färbte . Nachher spazierte man noch , weit vom Wege ab , rechts und links . Endlich waren wir denn auch völlig verirrt , denn keiner hatte in seinen lebhaften Gesprächen auf den Weg geachtet . Der Bassist schrie laut , aber vergeblich , von nirgendher eine Antwort . Wir fürchteten endlich , die Nacht könne uns überraschen , und wie es in solchen Fällen wohl zu geschehen pflegt , alle strengten sich an , um etwas zu ersinnen , dessen Gelingen immer noch mißlich blieb . Emmrich lief mit Dorothea fort , um Menschen aufzusuchen , der Bassist und Charlotte in derselben Absicht nach einer andern Richtung . Diese fingierten den Rettungsversuch vielleicht nur , um sich noch mehr zu verirren . Man hörte die vier verschiedenen Stimmen noch ein Weilchen , endlich verhallten alle , und ich war mit der schüchternen Albertine ganz allein . Es war einer der seligen Augenblicke unsers Daseins , denn jetzt bekannte sie mir ihre schon längst gehegte Liebe . Den ersten heiligen Kuß , den ich auf ihre Lippen drückte , erwiderte sie herzinnig . So erschüttert , begeistert , zitternd , wagte ich es , damit sie mich ganz kenne , das Geständnis , daß ich mich von Charlotten habe verleiten lassen , meinem bessern Gefühl , der Heiligkeit der Liebe , ungetreu zu werden . O Leonhard , da lächelte sie über meine Heftigkeit , oder Übereilung , wie soll ich es nennen ? so milde , so lieblich und herzerobernd , und sagte : O Liebster , diese deine Sünde ist mir längst bekannt ; ohne daß ich es begehrte , hat mir die plauderhafte Lene dies alles schon damals erzählt , als du noch nach jener Hütte eiltest . - O Herzensfreund , wie war ich gedemütigt und entzückt zugleich ! denn niemals , in keinem Augenblick , hat sie dieser Charlotte ihren Zorn , oder nur ihre Unzufriedenheit merken lassen , sowenig sie ihr gefallen konnte , sosehr jene sie auch verletzte und kränkte . Ja , an einem Tage , als Charlotte an Migraine litt , und alle , Dorothea , die Tante und meine Mutter über Land gefahren waren , hat sie sie christlich gepflegt , ihr vorgelesen , sie gewartet , und niemals das kleinste Zeichen gegeben , daß sie von ihr mehr wüßte , oder von ihr gekränkt sei . Oh , wie tief war ich gedemütigt , wie grausam beschämt ! Aber wie wuchs auch seit diesem Augenblick meine Liebe und Verehrung zu diesem einzigen Wesen ! Ja , es ist mir so gut geworden , wie ich es mir immer wünschte . Diese stille Laube , dieser Platz im wilden Walde , jede Stelle wo ich mit ihr wandelte , die Bäume , an denen ich stand , und sie erwartete , alle diese Plätze sind mir Heiligtümer geworden , und werden mich noch im hohen Alter prophetisch anreden , und mich mit unsterblichem Zauber locken . Dort also ist mein Orient und mein Wunderland . Und glaubst du wohl , Freund , daß , seit Albertine meine Gattin ist , ich in gewissem Sinn verliebter binn als vorher ? Aber Eros hat mir auch ein neues Herz in meinem Busen geschaffen , in bin ein anderer Mensch geworden . - Doch , Liebster , warum haben wir den alten Magister heut nicht gesehen ? « » Morgen laß uns darüber sprechen « , sagte Leonhard , » es ist spät . « Und die beiden Freunde trennten sich . Am folgenden Tage aß Leonhard zu Mittag bei seinem Freunde Elsheim , obgleich erst einiger Streit vorangegangen war , weil Leonhard nur höchst ungern seine Lebensweise , selbst dem Freunde zu Gefallen , änderte . Elsheim hatte keine anderen Gäste , und als sich Albertine entfernt hatte , begann zwischen den beiden Freunden wieder folgendes Gespräch , die vormaligen Begebenheiten betreffend . » Du bist mir gestern noch manches schuldig geblieben « , fing Leonhard an , » und so will ich denn auch gegen dich , Geliebter , keine Scheu tragen , und frage dreist : Was ist aus Charlotten geworden ? « » Ja , ja « , antwortete der Baron , » es ist ganz recht von uns , und geziemt unserer Dankbarkeit , daß wir einer solchen Schönheit nicht vergessen . Dieses wunderbare Wesen , ja , Freund , sie ist noch immer schön , aber sie hat ihre Bahn , die ihr vielleicht am besten geziemte , auf eine seltsame Weise verlassen . Mochte sie es überdrüssig sein , so allein und einzeln zu bleiben da sie alles um sie her sich verheiraten sah , hatten die Virtuosen , die nun abgereiset waren , ihre letzten Liebhaber , als leichtsinnige Musiker ihr Verdruß gemacht , und vielleicht ihrem Ruf geschadet , genug , sie nahm sich vor , sich ebenfalls zu verheiraten , um als ehrsame Frau , unter dem Schilde ihres Eheherrn , alle Verleumdungen und nachteiligen Gerüchte niederzuschlagen , und da ihr nichts mißrät , was sie ernsthaft will , so war sie denn auch schon nach vier Wochen , zum Erstaunen der ganzen Nachbarschaft , eine ehrbare und unbescholtene Hausfrau . « » Und wen hat sie geehlicht ? « fragte Leonhard in gespannter Erwartung . Elsheim antwortete lächelnd : » Der gute Mannlich ist von ihr geheiratet worden , denn einen Monat vorher war es ihm wohl noch nicht als möglich erschienen , daß ihn dies Schicksal betreffen könne . Aber er ist glücklich mit ihr , sie ist es mit ihm , und wer kann dann noch etwas Erhebliches gegen diese Verbindung sagen ? Seit zwei Monaten ist er auch Vater eines Knaben , und er weiß es schon jetzt genau , wie er diesen erziehen will , und welche Talente sich in dem Kinde entwickeln werden . Sie ist völlig umgewandelt , wenn man den Ausdruck von einem Wesen brauchen darf , welches niemals einen Charakter hatte . Sie hat sich nämlich der Frömmigkeit ergeben , Mannlich hat nachfolgen müssen , und steht jetzt mit den Missions-Gesellschaften und anderen frommchristlichen Brüderschaften in Korrespondenz und enger Verbindung . Er ist , von ihr angetrieben , so eifrig geworden , daß er oft auf seinem Gute fromme Konventikeln hält ; er predigt , sie singt , Bauern und Dienstboten helfen , und sein eigener Kutscher schreit bei offenen Fenstern so laut , daß sie es oft , wenn der Wind so steht , auf dem nächsten Gut vernehmen . « » Und das Komödienspiel ? Und Berlichingen ? Und Goethe ? « fragte Leonhard . » Alles das « , sagte Elsheim , » ist jetzt die allergrößte Sünde und Bosheit , die der Teufel in persönlicher Gestalt auf der Erde eingeführt hat . Alle Poesie , die geistliche abgerechnet , ist abscheulich ; alle , die sich daran erfreuen , sind ewig verdammt , und kommen mit Shakespeare , Raffael , Lessing , vorzüglich aber mit Goethe , wenn der einmal stirbt , in ein und denselben Schwefelpfuhl . « » Ist es möglich « , rief Leonhard im höchsten Erstaunen , » daß diese Menschen , gerade diese , sich von ihrer ersten Bahn so weitab verirren konnten ? « Elsheim sagte : » Gerade diese am ersten , Freund , denn in ihnen ist kein Widerhalt , keine Sperrung und kein Hemmschuh , der dem Laufe abwärts irgend entgegenwirkte . Ich sagte ihr einmal : Schöne Frau , Sie sind noch viel zu jung und reizend , um jetzt schon mit dem Heiland zu kokettieren , der bleibt Ihnen für alle Zukunft gewiß , nehmen Sie doch fürs erste noch einige junge Fäntchen in Anspruch , die nichts Besseres wünschen , als von Ihnen aus dem Groben gebildet zu werden ; - aber - ich wurde mit meiner Sündhaftigkeit , falschem Witz , Arroganz und Übermut von der Frommen schön abgeführt und zur Ruhe verwiesen , so daß ich es nicht zum zweitenmal wagte , sie in ihrem Glauben irremachen zu wollen . « Leonhard war nachdenklich geworden ; dann sagte er : » Erinnerst du dich der schönen , bedeutenden Worte Othellos , als er schon alle Schandtaten seiner Frau erfahren hat und sie glaubt als er schon ihren Tod beschlossen hat , wie er immer wieder von seiner Liebe und ihrer Schönheit überwältigt ausruft : Aber , es ist doch schade ! Jago , es ist schade , - Wie soll man die Schönheit künftig anbeten , da auch diese ein solches Ende genommen hat ? « » Ja wohl « , antwortete Elsheim , » denn sie war schön und ist es noch . Lange noch wird sie es bleiben , und man muß sich nur darüber am meisten verwundern , daß diejenige , die sonst das Netz nach allen Männern auswarf , nun so prüde und zurückgezogen lebt , und so strenge ist , daß sie auch nicht den unschuldigsten Scherz , auch die harmloseste Leichtfertigkeit nicht duldet . Albertine ist jetzt , mit ihr verglichen , ein ausgelassener Freigeist . « » War dies denn nun auch « , sagte Leonhard , » im Buch des Schicksals so niedergeschrieben , oder ist es eine willkürliche Sündhaftigkeit , schlimmer als die vorige ? « » Mag es sein , wie es will « , erwiderte Elsheim , » ich habe wenigstens dazu beigetragen , meinen ehemaligen Freund und Ausbildner in diese Lage zu versetzen . Sein Gut ist jetzt schuldenfrei , er kann anständig leben , Sorgen werden ihn nicht quälen , wenn er nicht auf eine wahnsinnige Art wirtschaftet , und die Summe , die ich ihm dazu vorgeschossen habe , werde ich niemals zurückverlangen . « » Billigst du es nicht auch « , warf Leonhard schnell ein , » da ich jetzt eine Tochter habe , und die Aussicht auf mehrere Kinder wahrscheinlich ist , daß wir unserm Franz , damit er , auch wenn wir sterben sollten , seine Laufbahn machen kann , ein kleines Kapital niedergelegt haben ? Friedrike war sehr erfreut , als sie mir diesen Gedanken vortrug , daß ich ihn sogleich billigte , und auch von dem Meinigen dem hinzufügte , was sie von ihrem Vermögen dazu bestimmt hatte . « » Brav , mein Leonhard ! « rief Elsheim , » und ihr erlaubt mir auch gewiß , diesen Fond noch etwas durch meinen Betrag zu vergrößern . « » Aber wo sind die Virtuosen geblieben ? « fragte Leonhard , nachdem er seinem freigebigen Freunde gedankt hatte . » Sie reiseten von mir nach England « , sagte dieser , » und sind dort beide zu früh gestorben . Kein Wunder übrigens , da sie gar zu leicht lebten , und weder sich , noch ihr schönes Talent irgend schonten . Überhaupt aber , Freund , ich möchte mir wegen der Konfusion Vorwürfe machen , die wir durch unser Komödienspielen dort in der Gegend , wo bis dahin dergleichen nie war erhört worden , angerichtet haben . Du hast es noch mit angesehen , wie jener Ehrenberg von den Dummköpfen bewundert wurde . Was aber wirst du sagen , wenn ich dir erzähle , daß er jetzt ein Gutsbesitzer und wohlhabender Mann ist ? Er richtete auf den Gütern von Dülmen und Bellmann ein schönes Nationaltheater ein , man gab die brillantesten Stücke , und von den Weibern spielten die ergrauenden Töchter der Witwe die Hauptrollen . Plötzlich wollte die eine von diesen mit aller Gewalt den Ehrenberg heiraten . Widerspruch von allen Seiten . Aber er kam zu spät , die Liebenden hatten im festen Vertrauen auf ihr Glück ein Hausmittel angewendet , so daß die Mutter wohl ihre freiwillige Zustimmung geben mußte , wenn sie nicht den Ruf ihrer Tochter preisgeben wollte ; wie denn die Unvermählten immer im hoffnungslosesten Zustande gerade dann leben , wenn sie recht guter Hoffnung sind . Die Theaterwut hatte so überhandgenommen , daß Bellmann und selbst Dülmen von Zeit zu Zeit mitspielten , die jungen Bellmänner , die von Natur Enthusiasten waren , nicht einmal zu nennen . Aber auch aus dieser Begeisterung hat sich eine Mesalliance entsponnen , die ebenfalls schon ihre guten Früchte , das heißt Kinder , getragen hat . Da die Lene immer zur Aushülfe herbeigeholt wurde , ja offne große Rollen übernehmen mußte , so hat in einigen der älteste Sohn Bellmann sie so reizend gefunden , daß er sie in einer mondhellen Nacht entführte , und sie nach zwei Tagen als angetraute Gattin in das Haus seines Vaters zurückbrachte . Der verwilderte Schulmeister hat seitdem immer die allerwichtigsten Rollen gespielt , und erkennt kaum den großen Ehrenberg für seinen Nebenbuhler . Er hat sich Stiefeln machen lassen , von solcher Künstlichkeit , daß man jetzt sein hölzernes Stelzbein gar nicht mehr gewahr wird , und so hat er zum Erstaunen der Welt den Kaspar den Thorringer , sowie den Otto von Wittelsbach , und selbst den König Philipp im Don Carlos dargestellt . Die Edelleute , die ihn beschützen und bewundern , sind in den Narren so vernarrt , daß er jetzt wie ein Bruder mit ihnen lebt . Da er sein Schulamt ganz versäumte , bekam er anfangs oft Verweise , manches Mal selbst scharfe , dann Drohungen , und endlich , weil nichts fruchtete , hat man ihn abgesetzt . Der Adel der Provinz hat aber für den großen Mann eine Subskription eröffnet , so daß er sich jetzt viel besser , als bei seiner Schule steht . Nun dirigiert er mit Ehrenberg bei Dülmen , Bellmann , der Freifrau und einigen anderen Edelleuten das Theater und unterrichtet die wißbegierige Jugend im Spiel . Auch der Verwalter Lenz hat , voll Begeisterung , die Ökonomie aufgegeben , und ist seiner schönen Stimme wegen jetzt Tenorist bei einem großen , namhaften Theater . Ich wünsche diesem lieben Mann von Herzen Glück und eine fernere Ausbildung seines schönen Talentes . « » Freilich « , sagte Leonhard , » ist dein gutgemeinter Scherz zu einer ziemlichen Verwilderung ausgeartet . So geht es aber oft im Leben , und es ist eine gute Andeutung oder Allegorie für die Geschichte der deutschen Kunst . Es wäre eigentlich nicht uneben , wenn ein guter Kopf die Historie unserer wirklichen deutschen Bühne beschriebe , und uns zeigte , daß es dort eigentlich ebenso hergegangen sei . Zettel hat ja doch eigentlich bei uns über Sommernacht , Elfen , Fürsten und Herren , und die ganze anmaßliche Aristokratie den Sieg davongetragen . « » Er ist aber selbst Aristokrat « , wandte Elsheim lachend ein , » und seine Kameraden erkennen ihn als den besten ; müßte er nur nicht eigentlich von dem ganz unfähigen Mondschein verdrängt werden ? Nun aber « , fing Elsheim nach einer Pause wieder an , » habe ich dir so viel gebeichtet , und deiner Neugierde genuggetan - doch du - wie ist es dir denn ergangen ? Wo bist du damals geblieben ? Wie kommt es , daß ich dich so verändert , und zu deinem Vorteil verwandelt , wiedertreffe ? Nun sprich auch einige gescheite Worte , um mich darüber aufzuklären . « » Wie gern « , sagte Leonhard . » Du mußtest , um der Liebe zu Albertinen fähig zu werden , dich in Charlotten vergaffen , und so war es notwendig , daß ich ein anderes poetisches Abenteuer bestehen , eine alte Sehnsucht meines Herzens sich erfüllen mußte um jetzt ohne Resignation , ohne Gefühl eines Mangels , mit meiner Friedrike ganz und auf meine Lebenszeit glücklich zu sein . Ich nannte dir damals jene Kunigunde , die ich in der Nähe von Bamberg hatte kennen lernen ; du erinnerst dich vielleicht noch , was mir mit ihr begegnete - « » Wohl erinnere ich mich « , sagte Elsheim ; » es ist eine Geschichte , die sich nicht so leicht vergißt . « » Ich ging wieder von Nürnberg nach Bamberg « , fuhr Leonhard fort ; » man kann nicht andächtiger sein , als ich es auf meiner Wallfahrt war . Die Eltern lebten noch , und waren durch die Großmut eines künftigen Eidams nach dem Elend vieler Jahre wohlhabend geworden . Kunigunde , voll , frisch , schöner , als je , lebte noch in dem letzt leeren Hause , in dem Gärtchen , unter den alten Geräten , und hatte mich mit der größten Sicherheit erwartet . « » Dich ? erwartet ? « rief Elsheim im größten Erstaunen . » So ist es « , antwortete Leonhard , » ich traf sie in dieser ruhigen Geister-Stimmung . Unser Erkennen war , als wenn wir uns gestern getrennt hätten . Was soll ich dir sagen , mein Bruder ? - Ich blieb dort im Hause beinahe drei Wochen , und habe in ihrer teuern Nähe alle Seligkeit ausgenossen , die dem sterblichen Menschen nur vergönnt sein mag . Ich wußte nämlich , daß ihr bestimmter Bräutigam in dieser Zeit nicht kommen könne , denn ich hatte es in Nürnberg mit angesehen , wie der Berauschte und Wütende dort mit einem Pferde stürzte und umkam ; und dieser ganz Abscheuliche war niemand anders , als jener edle Wassermann . « » Wassermann ! « rief Elsheim . » Kein anderer « , sagte Leonhard , » und wie recht hatte daher meine Antipathie , die sich so lebhaft regte , als dieser Widerwärtige sich uns zum erstenmal zeigte . Sonderbar genug war es auch dasselbe Untier , mit welchem ich schon damals kämpfte und aus dessen Händen ich Kunigunden erlöste ; er hatte sich seitdem aber so in aller Hinsicht verändert , daß ich ihn anfangs nicht wiedererkannte . « » Die Sache ist aber ganz mythisch « , sagte Elsheim . » Höre weiter « , fuhr Leonhard ganz ernsthaft fort . » Sie glaubte fest an ihren nahen Tod . Ich blieb in der stillen Hütte dort , sah die Eltern und führte das Geschäft ihrer Erbschaft zu aller Zufriedenheit ; dann wieder , von aller Welt vergessen , von niemand bemerkt , jede Stunde , Minute in ihrer Nähe , in ihren Armen , stets Gespräche und Küsse wechselnd , nichts wünschend und vermissend , war ich dort in so manchen Stunden wie auf einer menschenleeren , fernen und unentdeckten Insel im Ozean . « » Eine Feengeschichte « , sagte Elsheim , » oder sie war mehr eine Kalypso , eine verborgene Göttin , und du ihr Odysseus , nur mit dem Unterschiede , daß du dich nicht mit Tränen nach der Heimat zurücksehntest . « » In ihrer Seligkeit « , sprach Leonhard weiter , fühlte ich mich am meisten beseligt . » O Freund , welch tiefes , unergründliches Wesen ist das menschliche Herz ! Welch ein Wunder-Rätsel unverstanden und doch so einfach , die Liebe des Weibes ! In einer unserer schönen Stunden gestand sie mir , daß ich sie nur einmal im Leben gekränkt habe , an jenem Nachmittag , da ich sie von dem Ruchlosen erlöst , sie mir ihre ganze Liebe angeboten und ich diese süßeste Vereinigung , um das Schicksal nicht herauszufordern , verschmäht hatte . « » Mich dünkt « , sagte Elsheim , » auch Sigune klagt im Titurel auf eine ähnliche Weise , als sie vor dem Leichnam ihres Geliebten in tiefer Trauer sitzt . Auch hierin ist deine Geschichte Legende und grenzt an das Wunderbare . Früher verschmähtest du diese Liebe und ihren Triumph , um ihn jetzt nach so manchem Jahr zu feiern ; damals flohst du aus ihrer Nähe , und jetzt , nach langer Frist , machtest du einen Weg von funfzig oder sechszig Meilen , um deinen alten Fehler wiedergutzumachen und dir die Schöne zu versöhnen . Sonderbar ! « » Was auch sonderbar ist « , sagte Leonhard , » daß ich damals in meinem Glück durch keinen Vorwurf gestört wurde ; wir fühlten uns beide nur befriedigt . Auch nachher , auch seit diesen zwei Jahren , habe ich jene schönen Wochen nicht bereuen können . Aber , als ich nun zurückkam , war es wie ein Traum , oder wie eine Sehnsucht , oder wie soll ich es nennen , von mir genommen ; jetzt erschien mir meine Friedrike erst im klarsten Licht , meine Liebe zu ihr lebte im schönsten Bewußtsein , und auch sie fühlte , daß ich inniger , herzlicher zu ihr zurückkehrte , als ich ausgereiset war , sie sah , daß mein Glück dasselbe blieb und von keiner Laune mehr gestört ward . Und so wird es nun bleiben bis in unser Alter hinauf . « » Und jene lebt noch ? « fragte Elsheim . » Ach ! Freund « , sagte Leonhard tief erseufzend , » ihr Wesen war so geisterhaft , überirdisch ; sie sprach mit solcher Sicherheit von ihrem nahen Tode , daß ich oft in der Wonne ihrer Nähe schaudern mußte . In ihren Angelegenheiten reisete ich in das Würzburgische . Sie erwartete einen Bruder , der lange außer Landes gewesen war . Wie ich zurückkomme , finde ich die Familie in Tränen . Sie war dem Bruder zwei Meilen entgegengegangen ; sie hatte sich , wie die Eltern sagten , so erhitzt , daß sie seitdem bettlägerig war . Sie starb lächelnd in meinen Armen , und machte die Prophezeiung von ihrem nahen Tode wahr . « » Weißt du denn auch « , sagte Elsheim , » daß alles dies eine wundersame Geschichte ausmacht ? Mein Himmel , da fehlt ja nur wenig zu einem phantastischen Märchen ! Und doch ist der Grundstoff davon wieder so alltäglich ! - Aber nun , Freund , bleibt uns noch übrig , daß du mir etwas von deinem alten Magister erzählst . « » Heute nicht « , sagte Leonhard sehr gerührt , » es möchte nur das Phantastische noch vermehren . Nimm diesen Brief fürs erste mit , und lies ihn aufmerksam in deinem Hause . Morgen sprechen wir dann weiter . « Mit einer herzlichen Umarmung trennten sich die beiden Freunde , beide gerührt und beide nachdenkend . Dorothea , die nur erst wenig in der Stadt gelebt hatte , war über alles erfreut , was sie sah und hörte . Auch nahm sie großen Anteil an den mechanischen Anstalten , Fabriken und Arbeiten aller Art. Darum besuchte sie auch gern in Emmrichs oder Leonhards Begleitung dessen Tischlerwerkstätte , und sah den Arbeitern zu , indem sie sich daran ergötzte , zu lernen , wie aus dem rohen vierkantigen Brett durch vielfache Behandlung und mannigfaltige Instrumente nach und nach ein zierliches Gerät hervorgeht , in welchem man nur durch anstrengende Erinnerung seine erste ursprüngliche Gestalt wiedererkennt . » Und doch ist jenes erste Brett « , sagte sie , » schon von der künstlichen Sägemühle bearbeitet , die es vom Baumstamm so sicher und glatt abschneidet . « In dieser Freude und Liebhaberei traf sie ganz mit Friedriken zusammen , die auch so große Lust an der verständigen menschlichen Tätigkeit hatte . Diese meinte oft , die Welt sei nur dazu geschaffen , daß sich alles auf ihr rühre und bewege , und je mehr Maschinen klapperten und spännen , Mühlen rauschten und Eisenhämmer tobten , die Webestühle sausten , und Bauleute , Maurer , Bergmänner klopften , rutschten und hämmerten , um so glücklicher sei das Menschengeschlecht . Deshalb war sie oft in hoher Freude , wenn sie von den Werkstätten ihres Mannes her die Arbeit rauschen und raspeln hörte , die an manchen Tagen in das lauteste Toben ausartete . Sie pflegte zu sagen : » Dadurch hat die Stille des Sonntags erst einen Sinn , daß sie einen so schönen und heiligen Gegensatz mit dem alltäglichen Lärmen macht . « Leonhard , sosehr er mit Leib und Seele Handwerker war , widersprach dem oft , und es gab Stunden , in denen ihm das Geräusch seiner Arbeitssäle nicht wohlgefiel . Heut war Dorothea mit Elsheim gekommen , und nachdem sie sich lange an der Tätigkeit erfreut hatte , ging sie zu Friedriken , die nun sehr mit ihr darüber lachte , daß ihr Mann auf des Barons Schlosse für einen berühmten Professor der Baukunst gegolten habe . Die heitere Friedrike ergötzte sich sehr an den vielen kleinen Anekdoten und Lächerlichkeiten , die dort vorgefallen waren , doch hütete sich das kluge Mädchen , viel von Charlotten und deren verführerischer Schönheit zu erzählen . Elsheim ging mit Leonhard über den Hof zu dessen abgelegenem Stübchen , wo sie vor den Fenstern den alten Nußbaum sahen und nichts von dem Geräusch der Tätigkeit vernahmen . Elsheim gab dem Freunde den Brief des Magisters zurück und sagte : » Mein Leonhard , man dünkt sich klug und erfahren , man meint Gedanken und Schicksale erlebt zu haben , und dennoch möcht ich mich nicht unterfangen zu sagen , daß ich diese seltsame Epistel ganz verstanden habe . Aber ebensowenig möcht ich behaupten , sie sei Unsinn und enthalte gar kein Verständnis . Wenn ich mich so ausdrücken darf , so gibt es wohl eine Staffel der Verrücktheit oder des Wahnsinus , die durch das Überschreiten der Vernunftgrenze eine gewisse Heiligkeit und Weihe erhalten hat . So sahen es oft die Alten an , und im Orient herrscht noch dieser Glaube . Manche alten Einsiedler und religiösen Erscheinungen , vieles , was wir so geradehin Schwärmerei nennen , muß wohl aus diesem Standpunkt angesehen werden , nur daß diese Überschreitung oder Freimachung des Geistes von der Vernunft aus einer anderen Ursache herrührte . Und doch war es auch die Liebe , welche eine heilige Therese und ähnliche Gemüter , wie die seltsame Guyon und so viele andere , erregte , vor deren Schriften wir jetzt , wenn wir nicht unbillig sein wollen , mit jener stummen Ehrfurcht stehen , bei der uns das , was wir begreifen , mit Entzücken erfüllt , und die mit einer Art von Gespensterfurcht gemischt ist . « Leonhard billigte diesen Ausspruch , und erzählte dann , wie er die näheren sonderbaren Umstände von der Verwirrung des Magisters erst bei seiner Zurückkunft von Friedriken erfahren habe . » Diesen Brief « , fuhr Leonhard fort , » schickte sie mir , weil sie ihn gar nicht verstand . Der alte Mann blieb aber immer wunderlich , und in einem solchen Zustand poetischer Aufregung , daß ihn Friedrike vermied , und noch weniger mit ihm allein sein mochte , weil seine sonderbaren Reden sie ängstigten , und der kleine Franz sie einmal weinend bat , sie möchte ihm einen andern Lehrer geben , denn bei diesem könne er nichts mehr lernen , da der Alte selber alles vergesse , Ober- und Niedersachsen , Schwaben und Pommern miteinander verwechsle , und ihm die Grammatik so wunderlich erkläre , daß er selber auch ganz verwirrt werden müsse . Vom Einmaleins und dem Rechnen wolle er gar nichts mehr hören , denn der verwirrte Mann behauptete , zwei mal zwei mache gar nicht vier , es gäbe keine Zwei , und es sei Sünde und Bosheit , von dieser Zwei nur zu sprechen . Das Kind selbst war außer sich , und unter dem Vorwand , daß Franz krank sei und sich jetzt nicht anstrengen könne , ließ sie wenigstens fürs erste die Stunden aufhören . Der Alte aber kam nach wie vor alltäglich in unser Haus , aß am Tisch und schien , wenn sich Menschen zugegen fanden , so wie sonst , nur daß er viel schweigsamer war , vor sich hin grübelte , und nur selten an den Reden der andern teilnahm . An einem Nachmittage , als der Alte geblieben war , faßte sich Friedrike ein Herz und sagte zu ihm : Lieber Herr Magister , warum wollen Sie nicht wieder so werden , wie Sie ehemals waren ? man verkennt Sie ganz , und dadurch wird man sich fremd . Sie verdienen aber unser bestes Vertrauen . - Schöne Frau , fing der Alte an , es kann geschehen , wenn wir ein Paktum aufrichten , und wenn Sie dies halten und erfüllen , so kann ich wohl wieder ein solcher Mensch werden , wie ich vordem war . - Und was verlangen Sie ? fragte Friedrike . - Wir kennen uns nun schon seit lange , sagte er feierlich , aber die Freundschaftsbezeigung haben Sie noch nie an mich gewendet , daß Sie mir einen Kuß gegeben hätten , wie Sie doch manchmal sogar an den kleinen Krummschuh verschwendeten . Erlauben Sie mir einen einzigen Kuß ,