sprengen hörte , worauf sogleich Membrocke , nachdem er seinen Bericht angehört , den Zug zur größten Eile antrieb . Sie glaubte an den Bewegungen ihrer Sänfte errathen zu können , daß man Seitenwege einschlug , und zweifelte nun nicht länger , daß sie verfolgt würden . Doch wer verfolgte sie ? dieser eine Gedanke löschte alle übrigen Betrachtungen aus . Sie wagte nicht , Membrocke zu fragen , der , wie sie hörte , unruhig hin und her sprengte . Auch blieb ihr wenig Zeit zu Schlüssen übrig , denn das wilde Heranjagen von Pferden überzeugte sie , daß sie eingeholt wären . Nach einigen Versuchen , die Eile zu verdoppeln , hielt plötzlich die Sänfte , von einem verworrenen Stimmengeräusch umgeben . Halt ! Halt ! schrie eine wohlbekannte Stimme , und sogleich hörte sie Membrocke in einem heftigen Wortwechsel mit Lord Richmond und Ormond . Mit entsetzlicher Ruhe beantwortete Membrocke die Vorwürfe seiner Verfolger . Er fragte sie mit kaltem Hohne , welches Recht sie hätten , ihn und die Lady zu verfolgen , und sie von ihm zurück zu fordern , da es ihm doch wohl ohne den Willen der Lady selbst nicht hätte gelingen können , sie zu entführen . Haltet ein mit dieser Verläumdung , rief Richmond , außer sich ; sie ist Euch nicht freiwillig gefolgt . Geraubt habt Ihr sie , mit Gewalt entführt , und ich fordere sie von Euch zurück im Namen der Herzogin von Nottingham , deren Haus Ihr durch solche That zu beschimpfen wagtet ! Augenblicklich übergebt das Fräulein uns und steht uns dann Rede über die Beleidigung , die Ihr derselben anzuthun gewagt . Ueberlaßt die Wahl dem Fräulein selbst , lachte Membrocke ; sie mag bestimmen , wem sie folgen will ; sie mag sagen , ob sie mir freiwillig gefolgt , oder ich sie entführt habe . Wahrlich , Mylords , wir ereifern uns sehr unnütz , da ein Wort aus dem Munde des schönen Fräuleins Euch besser aufklären wird , als meine eifrigsten Bemühungen , und glaubt mir , ich bin ganz bereit , Euch die Lady zu überlassen , wenn sie Euch nur folgen will ! Es lag eine Sicherheit in Membrockes Betragen , die Ormonds Herz mit den entsetzlichsten Zweifeln erschreckte , während sie Richmonds Zorn nur erhöhte . Haltet ein mit Euern Schmähungen , rief er , Euer Mund kann die reinste Tugend nicht beschimpfen ! Er stürzte zu der Sänfte hin und riß die Thür derselben auf . Maria hatte jedes Wort der schrecklichen Unterhandlungen gehört und , empört über Membrockes boshafte Benutzung ihrer Lage , nur zu wohl erkannt , daß ihr keine Rettung von dem schmählichen Verdachte blieb . Als sie Richmond erblickte , glühend und außer sich , mit Seelenangst auf ihre Entscheidung harrend , da verließ sie ihre Besinnung , und ihre erste Bewegung war , sich aus der Sänfte zu stürzen . Bleibt , Mylady , sagte Membrocke kalt , und beantwortet die Fragen dieser gestrengen Richter ! Sagt , folgt Ihr mir aus eignem Antriebe , habt Ihr mich zum Begleiter dieser Reise angenommen , oder habe ich Gewalt gebraucht und Euch entführt ? Entführt ? wiederholte mit Abscheu Maria , nein ! nein ! Er entführt mich nicht , o eher den Tod ! Und doch , schrie Richmond , doch seid Ihr mit ihm ! Nun seht Ihr wohl , lachte Membrocke , mit Gewalt erlangt man nichts über das stolze Kind . Lady , sprach Richmond , indem er erblassend sich an den Schlag der Sänfte hielt , wie kamt Ihr in seine Gewalt ? Nicht um meinetwillen frage ich , mir steht kein Recht zu ; sondern um meiner Mutter willen , die um Euch trauert , wie um ihr eigenes Kind . Ich beschwöre Euch , antwortet mir , warum verließt Ihr uns , warum finde ich Euch in der Gewalt des Lord Membrocke ? - Er schwieg , sichtlich erschöpft ; seine abgebrochenen Reden , seine am Boden ruhenden Augen zeigten nur zu deutlich die tiefe Bewegung seiner Seele . Maria fühlte jedes seiner rührenden Worte als eine neue Wunde ihrer Brust . Auf seine Achtung verzichten zu müssen , gegen ihn nicht die Rechtfertigung erwähnen zu dürfen , die ihr Andenken bei ihm rein von Schuld erhalten mußte , - sie glaubte diesen Gedanken in seiner ganzen Qual schon früher erschöpft zu haben ; aber wie ganz anders war es jetzt , ihm gegenüber , von seinen rührenden Worten , von dem viel rührendern Ausdruck seiner Stimme und Mienen begleitet . Noch ein Mal fragte sie sich , ob es hier keinen Ausweg gebe , noch ein Mal seufzte sie nach Rettung ; aber die Antwort , die ihr klarer gegenwärtiger Verstand ihr gab , blieb dieselbe . Alsbald kam ihr die Kraft zurück , die schon halb entschwunden geschienen . Sagt Eurer ehrwürdigen Mutter , theurer Lord , sprach sie dumpf , aber fest , mein Leben würde ein Dankgebet bleiben für meine Wohlthäter ; sagt ihr , ich verdiene noch immer den Segen , den sie auf mein Haupt niedergelegt , noch ein Mal flehe ich sie an , ihn nicht zu widerrufen . Ein Mehreres habe ich zu meiner Rechtfertigung nicht . Ich bitte Euch , verzögert meine Reise nicht und überlaßt mich dem Schutze des Lord Membrocke . Großer Gott ! rief Richmond mit der höchsten Heftigkeit , wie schrecklich müßt Ihr betrogen sein , da Ihr so im Rechte zu sein glaubt ! Wie können wir Euch verlassen , da wir hieran nicht zweifeln dürfen ! Mylady , hier ist Lord Ormond ; er genoß Euer Vertrauen ; ich beschwöre Euch , laßt ihn die Umstände prüfen , die einen mindestens so auffallenden Schritt veranlaßten . Ormond , tretet näher ; ich bitt ' Euch , redet , bewegt das Fräulein , Euch zu vertrauen . Gewiß , Ihr werdet hintergangen ; o , mißtrauet Eurer Jugend , Euerm Mangel an Erfahrung ; Euer tugendhafter Muth , Euer offener Karakter haben Euch verlockt . Ormond war zwar näher getreten , aber wie gelähmt von dem Vorgefallenen und ihren eben gehörten Erklärungen . Die Worte erstarben ihm ; er hob nur seine Augen zu ihr auf , in denen der Vorwurf mit dem Schmerze um den Vorrang kämpfte . Es ist genug , rief Maria , allen ihren Muth sammelnd , ich werde nicht betrogen ; unläugbare Beweise haben die traurige Nothwendigkeit bestätigt , der ich mich jetzt unterwerfe . Ich muß schweigen , aber vielleicht würdigt mich noch Gott dereinst des einzigen von mir ersehnten Glückes , mich vor Euch gerechtfertigt zu sehen ; ja , vielleicht ist es mir durch diesen mich niederbeugenden Schritt dereinst noch möglich , meinen theuern Wohlthätern nützlich zu werden . Laßt mich jetzt , Mylords , und richtet nicht , wenn es Euch möglich ist . Ihr wollt fort von uns , stammelte Richmond , fort von Euern Freunden ? Ihr verschmähet unsern Beistand , Maria , theure Maria ? Die Unglückliche verhüllte ihr Gesicht , ihr Muth war dahin , ihre Sinne schwanden , sie hörte nichts mehr . Es scheint mir , Mylord , daß ich Euch alle Geduld und Nachsicht bewiesen , auf die Ihr irgend Anspruch machen konntet , sprach endlich Membrocke . Ich fordere jetzt , daß Ihr zurücktretet und die Lady ihrer freien Wahl überlaßt , die , wie Ihr gesehen , zu meinen , nicht zu Euern Gunsten ausfiel . Noch immer ruhten Richmonds Augen auf Maria , die mit verhülltem Gesicht auf ihren Knien in der Sänfte lag und kein Zeichen des Lebens gab , das , den Andern unbewußt , von ihr gewichen war . Ormond ergriff , von Richmonds Zustand gerührt , seinen Arm und zog ihn zurück , wohl einsehend , daß ihre Macht vorläufig hier nicht ausreiche , doch fest entschlossen , Membrocke nicht aus den Augen zu verlieren . Membrocke benutzte dies , verschloß die Sänfte und setzte den ganzen Zug in rasche Bewegung . Als sie dahin zogen und kein Zeichen des Widerstandes in der Sänfte noch eine Hoffnung übrig ließ , stürzte Richmond an Ormonds leidende Brust , und Beide hielten sich im Bewußtsein eines großen Schmerzes fest umschlungen . - Wir müssen Beide jedoch sich selbst überlassen und der unglücklichen Maria folgen , die wir mehrere Tage später in einer völlig veränderten Lage wieder finden . Lord Membrocke nämlich , nachdem er sie bis dahin mit leidlicher Haltung geführt hatte , übergab sie eines Morgens beim Aufbruch zur weiteren Fortsetzung der Reise einem andern Begleiter , der angeblich auf einige Zeit ihre Reise leiten würde , da es ihm jetzt obliege , voran zu eilen , um ihren Oheim von ihrer nahen Ankunft zu unterrichten . Alles , was Lady Maria von der Gegenwart des Lord Membrocke befreite , schien ihr glaublich und annehmbar . Sie fügte sich daher ohne Gegenrede in diese Anordnung und trennte sich mit erleichtertem Herzen nach kurzem höflichen Abschiede . Ihrem Oheim durch diesen Mund den Gruß ihrer Liebe voran zu schicken , konnte sie sich nicht überwinden . Der Tag , an dem wir uns ihr wieder zugesellen , war einer der angestrengtesten der ganzen Reise . Die anbrechende Nacht verhüllte von Außen die Gegenstände und gestattete keine Wahrnehmungen mehr über den Weg , den Lady Maria in ihrer kleinen Sänfte zu verfolgen hatte . Die unwillkürliche Zerstreuung , die der Tag ihr gewährte , hörte hiermit auf , und zurück gedrängt in ihren Sitz , ward sie aufs Neue von allen Bedenklichkeiten über ihre Lage ergriffen . So sehr sie sich durch die Entfernung des Lord Membrocke erleichtert fühlte , konnte sie doch daraus keinen beruhigenden Schluß ziehn . Aufs Neue entzog sie ihm vielmehr ihr mühsam geschenktes Vertrauen , um zu erforschen , ob sie endlich doch von ihm betrogen worden sei . Aber was ward dann aus dem Briefe des Oheims , denn sie nicht bezweifeln konnte ? Warum überließ er sie ohne Widerstand jetzt einer andern Obhut ; was konnte ihm eine Entführung aus dem Schlosse ihrer Beschützer nützen , wenn er sich nicht dadurch seine Gewalt über sie sichern wollte ? Und in welcher Gewalt war sie jetzt ? Setzte sie ihre Reise nach Lord Membrockes Bestimmung fort , sollte sie dennoch ihren Oheim erreichen , oder war noch irgend ein ihr unbekanntes Interesse für ihre Person , das jetzt über ihr waltete ? Oft erschreckte sie der Gedanke , jener wilde Lord , welcher sie zwang , aus dem Schlosse ihrer Tante zu entfliehen , könne jetzt über sie gebieten ; aber wie wenig stimmte dafür die Art ihrer Behandlung , wie wenig paßte das Wesen des Mannes , der ihr Reisegefährte war , zu den bösen Absichten , die sie dann hätte fürchten müssen . Der Fremde , der sie begleitete , hatte allmälig ihre Achtung und ihr Vertrauen gewonnen .. Obwol er erst im mittleren Alter stand , war dennoch der Ausdruck seines Gesichts von einem tiefen schwermüthigen Ernst , und seine scharfen edeln Züge wurden durch die Blässe seiner Farbe noch erhöht . Er lächelte nie , aber sein Ernst war mit so viel Milde gepaart , sein Organ so wohltönend , daß eine mehr hervortretende Freundlichkeit nicht vermißt ward . Er war weit davon entfernt , gegen Lady Maria die Dienstbeflissenheit eines galanten Mannes anzunehmen . Ruhig nahm er wahr , was ihr nöthig oder angenehm sein konnte , und er ertheilte darnach seine Befehle , ohne jemals selbst sich einer Dienstleistung zu unterziehen . Ihre Anfangs dringenden Aufforderungen , sich über seine Absichten und Vollmachten zu erklären , und ihr zu sagen , ob sie noch das frühere Ziel ihrer Reise erreichen werde , wußte er ganz von sich abzulehnen , indem er mit der höchsten Milde immer aufs Neue wiederholte , daß sie ohne Furcht und Sorge seiner Führung vertrauen könne , daß keine Art von Widerwärtigkeit sie treffen solle , so lange sie unter seinem Schutze sei , und daß ihr wahres Wohl bei dem Ziel ihrer Reise jetzt mehr bedacht werde , als früher . Dabei nöthigte er sie aber , ohne Unterbrechung dieselbe fortzusetzen , und ihre Nachtlager waren nicht mehr in wohl eingerichteten Schlössern , sondern in Schlupfwinkeln und Ruinen oder unscheinbaren Hütten , die bei ihrem ersten Anblick wenig Aussicht aus eine menschliche Wohnung gaben . Hier fanden sich Personen , welche so wenig zu ihren Umgebungen zu gehören schienen , daß Maria ' s edles Zartgefühl erschrak , als sie dieselben zu den niedrigen Diensten ihrer Aufwartung sich herablassen sah . Sie hörte hier auf den hölzernen Sitzen , bei mühsam verstopften Thüren und Fenstern , und einem elenden Gericht von grobem Mehl , die hohen würdevollen Reden der gebildeten Welt und bemerkte eine Vertrautheit mit allen Formen dieser höhern Kreise , verbunden mit einer stoischen Verachtung der daran haftenden Eitelkeit . Wenn auch häufig in gleichem Maaße die tiefste Bitterkeit dabei hervortrat , erfüllte doch das Elend , wozu so gebildete Geister verdammt waren , das Herz Maria ' s mit Theilnahme , welche sie zur Verzeihung , ja , zur Vertheidigung jeder dadurch erzeugten Härte stimmte . Sie ahnete bald , daß sie allein unter Personen sich befand , welche der verfolgten katholischen Kirche angehörten , die geneigter waren , im Vaterlande zu darben , als in andern Ländern geduldete Flüchtlinge zu sein . Auch schienen ihr die kolossalen Ruinen , in denen sie zu verschiedenen Malen einen mühsam geschützten Wohnort finde , trotz der Nacht , die sie hinführte und oft wieder vor dem Morgen davon wegrief , den zerstörten Klöstern anzugehören , wovon sie in der Geschichte von der Ausrottung der katholischen Religion in England so viel gehört hatte . Ihr Zartgefühl und die Achtung für ihren schwermüthigen Gefährten hielt sie ab , sich darüber Gewißheit zu verschaffen ; ja , sie fühlte bald ihr eigenes Herz so von Theilnahme für diese Märtyrer erfüllt , daß sie nur der eigenen Achtung für sie genügte , wenn sie in ein ehrendes Schweigen alle weitern Ansprüche auf Erläuterungen begrub und damit das Vertrauen vergalt , das man ihr bei ihrem jedesmaligen Empfange bezeigte . Sie zweifelte eben so wenig , daß ihr Begleiter , seiner Gesinnung nach , zu jenen Unglücklichen gehöre , und sein Reisegewand , obwohl es keine bestimmte Form der Kleidung erkennen ließ , erinnerte sie doch , ebenso wie sein kahles Haupt , an das Kostüm der Priester jener Kirche . Auch ward ihre Reise durch sehr unbesuchte Wege fortgesetzt , und es schien ihr ebenso sehr das Bestreben ihres Begleiters , sich und sein Gefolge wie sie selbst zu verbergen . Außerdem suchte er , während des Tages an dem Schlage ihrer Sänfte reitend , sie zu unterhalten , und dies auf eine so ausgezeichnete Art , daß der Lady oft die Stunden im Fluge vorüber gingen . Auch wußte er sie selbst zu Mittheilungen zu veranlassen , und bekannt mit allen Personen von Bedeutung , die in die Zeit seines Lebens gehörten , beantwortete er alle ihre Fragen auf das Genügendste und mit mancher feinen Gegenbemerkung . Hauptsächlich lenkte er oft seine Unterredungen auf religiöse Gegenstände und entwarf die erschütterndsten Gemälde von den Leiden und Unterdrückungen , welche die Katholiken in England von der Härte und Unduldsamkeit der Protestanten zu erleiden hatten . Er wußte die Verfolgten zu Helden ihrer Ueberzeugung zu machen , und die Stärke und Fülle des Trostes hervorzuheben , der ihnen aus ihrem Glauben erwachse ; wogegen er mit einzelnen scharfen Zügen die Gegenpartei schilderte , als in einer von Gott verlassenen ruchlosen Verdorbenheit versunken . Diese Erzählungen rührten um so mehr das Herz der Zuhörerin , da sie in ihrer eigenthümlichen Zusammenstellung den Stempel der Wahrheit trugen . Auch konnte es an Stoff hierzu nicht leicht fehlen , bei der noch frischen Erinnerung an die wirklichen Greuel der Verfolgung , die unter Elisabeth den vom Volke gehaßten Glauben vertilgen sollten . Auch Jakob war noch zu manchen ähnlichen Verordnungen durch die öffentliche Meinung gezwungen worden , wenn auch er , obwol selbst eifriger Protestant , Toleranz gern übte . Eigentliche Verfolgungen wurden gewiß von ihm weder gebilligt , noch veranlaßt , aber dennoch zu wenig gehindert , um nicht zu den traurigsten Bedrückungen Gelegenheit zu lassen . Maria fand sich bei diesen Unterredungen auf keinem fremden Boden ; ihre Erzieher hatten die höchste Toleranz in religiösen Beziehungen gepredigt , und sie kannte sehr wohl den verschiedenen Standpunkt des Religionswesens unter den Regierungen seit Heinrich dem Achten . Sie so vorbereitet und klar zu finden , erregte offenbar die besondere Aufmerksamkeit ihres Begleiters , und seinen geschickten Bemerkungen that sich bald die ahnungslose Seele seiner jungen Gefährtin zu einer unbefangenen Erzählung ihrer Erziehung und einer begeisterten Schilderung ihrer Erzieher auf ; wodurch ihm mancher unerwartete Aufschluß über die geheimsten Religionsansichten der wichtigen Person kam , die das Fräulein als ihren Oheim bezeichnete . Der Weg , den die Reisenden an dem vorliegenden Abend zurücklegten , war so verdorben und uneben , daß ihr Begleiter sich voraus begeben hatte , um die Gefahren zu untersuchen , die dem Transport einer Sänfte bevorstehen konnten . Langsam nur zogen die müden Thiere über den immer ungleicher werdenden Boden . An Maria ' s Ohr drangen von Zeit zu Zeit dumpfe Töne , die sie zwar bei dem Fortbewegen des Zuges , dem Anrufen der Pferde und Diener untereinander , nicht verfolgen konnte , die ihr aber zu wohlbekannte Jugenderinnerungen wiedergaben , um sie nicht endlich zu überzeugen , daß sie in die Nähe der Küste gekommen , und daß es das Meer sei , das sein majestätisches Wellengeräusch zu ihr herüber trug . Diese Ueberzeugung versetzte sie in eine unbeschreibliche Aufregung . Es schien ihr gewiß , daß sich jetzt ihre nächste Zukunft entscheiden mußte . An die Küste hatte man sie geführt und also Wort gehalten , denn hier durfte sie auch ihren Oheim erwarten . Dies geliebte Bild trat mit einem Male , mit dem ganzen Zauber kindlicher Liebe ausgestattet , vor ihre Seele und unterdrückte darin jedes andere Bild , jede andere Beziehung zum Leben . Mit Enthusiasmus ward sie sich der süßen Pflicht bewußt , für ihn zu leben und sein Schicksal mit ihm zu theilen . Indem sie in dem kleinen Raum der Sänfte niederkniete , stieg ein Gebet aus ihrer Seele , welches Gott Dank sagte für den heiligen Beruf , den er ihr verliehen , und worin sie ihn anflehte , ihre Seele zu kräftigen , um Alles zu vollenden zu seiner Ehre . Sehr überrascht war daher ihr Begleiter , als er den Zug ausruhen ließ und , zur Sänfte mit einer Fackel zurückkehrend , die Lady ohne alle Spuren der Ermüdung fand , und mit so leuchtenden Augen , mit so heiterer Stirn , in so fester Stellung überhaupt , daß die Worte der Theilnahme , die in Bezug auf die Beschwerden des Weges ihm auf den Lippen schwebten , erstarben und er , von Erstaunen überwältigt , eine Frage nach der Ursache wagte . Denkt Ihr , Sir , antwortete ihm entzückt lächelnd das schöne Mädchen , ich höre die Stimme des Meeres nicht ? Es hat mich in der Wiege zur Ruhe gesungen , es war der Takt zu meinen Jugendträumen ; wo ich es höre , scheint mir die Heimath ! Verwandte , Glück und Sicherheit ahne ich , wo ich seinen Gruß vernehme , und mit der Zuversicht , die ich jetzt empfinde , will ich Euch danken , ehrwürdiger Mann , daß Ihr Wort hieltet , daß Ihr mich mit rastloser Güte und Großmuth beschütztet und mich jetzt meinem großen Beruf entgegen führt . O sagt offen , wann werde ich zu ihm gelangen ? Ist er mir schon nah ? Werde ich bald seinen Segen empfangen ? Wer den Gang ihrer Gedanken so wohl zu erforschen gewußt , wie ihr Begleiter , konnte nicht lange mißverstehen , was sie jetzt bewegte , und sein augenblickliches Erstaunen wich einem sehr milden Gefühl von Theilnahme und Wehmuth , welches in sich wahrzunehmen , ihn vielleicht selbst überraschte . Er mußte unwillkürlich daran denken , wozu die Natur sie berufen habe , und wozu der Wille der Menschen sie jetzt bestimme , und er sah trübe zu Boden , als der fragende Blick aus diesen klaren Augen seine Antwort ihm abzufordern trachtete . Habt Geduld , liebe Lady ! sagte er mit verlegenem Ausdruck , Ihr habt recht gerathen , wenn Ihr am Ziel Eurer Reise Euch glaubt . Das Fernere werdet Ihr dort durch Andere , als mich , hören ; mir selbst ist nicht bekannt , ob Euern Hoffnungen die Erfüllung nah oder fern liegt . Nun so laßt uns weiter reisen , rief das Fräulein , damit mir endlich Sicherheit werde , und ich handeln darf , oder erfahren , wer für mich so uneingeschränkt zu handeln strebt ; mein Geist sehnt sich hinaus , ich fühle Kräfte und den Willen , sie meiner Pflicht zu weihn . Die schnell gegebenen Befehle zur Fortsetzung der Reise unterbrachen diese kurze Unterredung , und bald erreichte der Zug einen Weg , der geebneter schien und , jetzt durch das Hervorbrechen des Mondes sicher erhellt , keine weitern Schwierigkeiten darbot . Alsbald durchzog man noch ein kleines Waldgehege von dürftigem Fichtenholze , und unmittelbar dahinter erkannte die scharf aufmerkende Reisende das Felsenufer des Meeres und die oberen Dächer und Thurmspitzen eines Bauwerks , welches , zwischen die Felsspalten hineingedrängt , unterhalb den Blicken noch entzogen war . Maria drückte die bebende Hand auf ihr Herz . Sie schien sich zu entsetzen bei diesem Anblick , der sie mit der Ahnung einer großen Lebensentscheidung erfaßte . Aber tief blau ruhte jetzt der aufgehellte Himmel über den weißen Kreidefelsen , und unzählige freundliche Sterne blickten mit ihren wohlbekannten Namen und Bildern wie alte Bekannte . Ein süßer Trost zog in ihr bewegtes Herz , und als sie gerade über der höchsten Thurmspitze das Zeichen des Himmelswagens stehn sah , der so auch über den Zinnen von Burtonhall und dem Waldschlosse der Tante stand , lächelte sie , wie Kinder , die geliebte Spielkameraden wieder sehn . Es zeigte sich jetzt bei dem Einzug in die felsigen Küstenschluchten ein bequemer Weg , der fast unmerklich ansteigend bis zum Schlosse fort lief , welches nun auf einer Plattform großartig und geräumig sichtbar ward . Auf der einen Seite mit seinem Unterbau in das Meer reichend , von der andern Seite genugsam von dem Felsen entfernt , um eine freie Stellung und einige Anlagen von Gärten zu erlauben , die , so gut es die Rauheit der Küste zuließ , Versuche der Kultur zu beabsichtigen schienen , hatte das Ganze ein wohlerhaltenes und festes Ansehn . Für Lady Maria , welche an die rauhe Lage solcher Besitzungen gewöhnt war , zeigte sich darin nichts Abschreckendes . Im Gegentheil schweifte ihr Auge mit Entzücken über das Schloß hinweg , nach dem dunkeln Spiegel des Meeres , das in majestätischer Ruhe , nur seinen eigenen ebenmäßigen Bewegungen gehorchend , wie erzürnt von dem Widerstand der kreidigen Ufer , seine dumpfe , gebieterische Stimme vernehmen ließ . O Du lieber Gefährte meines Lebens , seufzte sie sehnsuchtsvoll , stehe mir bei und sei mein Schutz ! Da ward ihr der liebe Anblick entrückt ; die Sänfte lenkte ein , und bald erreichten die Reisenden ein wohl verschlossenes Brückenthor , vor dem man anhielt , und das sich erst dem ziemlich oft wiederholten Schalle des Hornes öffnete , welches einer der Diener ertönen ließ . Alsbald thaten sich die mächtigen Thorflügel der innern hohen und festen steinernen Mauer auf , welche von dem Flügel des Schlosses aus einen weitläuftigen , regelmäßigen Hof umschloß , der in sehr gefälliger Eintheilung mit Taxus-Hecken und geschnittenen Bäumen der leicht durchwinternden Cypressen zu Spaziergängen und Ruheplätzen im Freien bestimmt schien . Um den Theil aber , der sich unterhalb des Schlosses befand , führte ein in offene Bogen eingetheilter Gang , der als eine spätere Anlage sehr zierlich und wohlerhalten zugleich in der Mitte das große Eingangs-Portal zeigte , dem sich jetzt die Reisenden auf einem ringsumlaufenden gepflasterten Wege nahten . Der Begleiter der Lady , der von einigen Dienern bis hierher geleitet war , hob die Lady aus der Sänfte und führte sie schweigend in die wohlerleuchtete große Halle ein , die nach allen Seiten Thüren und zwei Haupttreppen zeigte , und die Verbindung des ganzen Hauses zu enthalten schien . Hier empfing sie ein alter gebeugter Diener in zierlicher einfacher Kleidung , der sich vor Maria ' s Gefährten bis zur Erde beugte und seine Hand zu küssen strebte , welches dieser aber zu verhindern wußte . Dann warf er einen schnellen Seitenblick auf die Lady und blieb verlegen stehn . Nun , Miklas , sprach der Begleiter , wie steht es mit unserem Empfange ? Willst Du für die Lady auf das Beste sorgen ? Miklas aber schwieg und zuckte die Achseln , dann hob er italienisch an , in der Hoffnung , dadurch seine Antwort der Lady zu entziehn : Ihr seid noch nicht so weit , wie Ihr hofft , sie weigern sich , die Signora zu empfangen , ihr Obdach zu geben . Ihr müßt das erst bewirken , ehrwürdiger Herr , denn Ihro Gnaden sind mehr erzürnt , als willfährig zu nennen . Genug , genug ! erwiederte der Andere , welcher wohl wußte , daß Maria den alten verstanden hatte ; führt die Lady in ein Zimmer und mich zu Eurer Gebieterin ! Seid gewiß , Lady , fuhr er zu Maria gewendet fort , daß ich auch jetzt treulich für Euch sorgen werde . Der Alte führte die Lady unterdessen gegen eine der Thüren des Untergeschosses , und indem er sie öffnete , rief er laut hinein : Margarith , empfange diese Dame ! Maria trat in ein kleines gewölbtes Gemach , dessen hohes Fenster fast bis zur Erde reichte und nach dem hell vom Monde beleuchteten Bogengange des Hofes hinaus ging , und das in seiner übrigen Ausstattung , wenn auch reinlich und anständig , doch das Zimmer eines Hausvogtes zu sein schien , wofür sie den Alten sogleich gehalten hatte . Mit allen Zeichen der Verlegenheit und der Ueberraschung sprang ein junges Mädchen aus der Fensternische ihr entgegen , die gleichfalls wohlhabend , aber in die Tracht geringerer Stände gekleidet war . Dicht vor der Lady stehend , konnte sie die Augen nach einem flüchtigen Blick nicht wieder erheben , und begann ein verzweifeltes Spiel der Hände mit ihren silbernen Brustlatzketten . Maria vergaß , dem schönen , verlegenen Kinde gegenüber , sogleich Alles , was sie selbst in diesem Augenblick bewegte , und mit der ganzen holden Freundlichkeit ihres für jeden Bedrängten stets offenen Herzens , ergriff sie das verlegene Mädchen bei der sich sträubenden Hand und redete ihr zu : Sei nicht bange , mein Engel , Du sollst in mir keinen unfreundlichen Gast haben ; gewiß , fuhr sie fort , bist Du des Hauswarts Tochter , und hast wol noch mehr Geschwister oder eine liebe Mutter , die Du mir wol rufen kannst ? Laß doch Deine Angst , sieh , ich setze mich selbst , da Du versäumst , mich zu nöthigen ; doch laß nur Deine Unruhe , dann wollen wir uns noch viel erzählen , bis der Vater mich abruft . Ein tiefer Seufzer stieg hier aus dem Busen der Geängstigten ; sie blickte auf und dann schnell nach dem Fenster zurück . Es war eine so auffallende Qual auf ihrem Gesichte wahrzunehmen , daß Lady Maria sie vorerst aufgab und sich ohne Weiteres fast dicht bei der Thür auf einen ledernen Stuhl niederließ , um ihrer jungen Gefährtin Zeit zur Besinnung zu lassen . Aber es schien , als ob dies kleine Räthsel damit sich nicht beruhigen könnte . Denn anstatt sich zurück zu ziehen , stand sie noch immer vor Maria , und während sie oft sich nach dem Fenster umsah , schien sie darauf ihre Stellung vor der Lady abzuändern , daß sie den Anblick desselben ihr entzöge . Endlich brach sie in Thränen aus und lief mit der Schürze vor den Augen zum Fenster zurück . Als Maria sie ein Weilchen hatte weinen hören , gewann ihr Mitleiden über ernstere Betrachtungen die Oberhand . Es ist mir leid , daß ich Dich so betrübe , liebes Kind , hob sie sanft an ; kann ich auch den Grund nicht errathen , will ich Dich doch gern erleichtern , wenn Du mir nur einen andern Platz zeigen willst , wo ich der Rückkehr meines Begleiters warten kann . Das Schluchzen hörte auf , mit leisen Schritten nahte sich das Mädchen . Ach ! sprach ein tief betrübtes Stimmchen , theure Lady , was müßt Ihr von mir denken ; ach , ich Unglückliche , wie habe ich Euch so schlecht behandelt . Indem fuhr sie erschrocken zusammen und schaute nach dem Fenster um , an dem Lady Maria ein leises Klirren gehört , wodurch aber die Angst des Mädchens sich wieder aufs Höchste zu steigern schien . Nein , Lady , brach sie endlich mit gejagter Stimme los , hier könnt Ihr nicht bleiben , es ist hier - kalt , es ist hier so unwürdig für vornehme Leute , ich werde Euch hinführen , wo es besser ist . Wie Du willst , mein Kind , sagte Maria sanft und stand sogleich auf , der Kleinen folgend , die nun zur selben Thür hinaus , fast fliegend vor ihr her in einen Eingang trat , der einen erleuchteten Gang verschloß , an dessen Seite sie eine hohe Thür öffnete , die Lady einzutreten nöthigte und dann eben so schnell davon lief , als sie vorangeeilt war . Maria sah sich jetzt in einem ziemlich langen , aber nicht breiten Gemache , welches an der einen Seite