ebenso freigebig in seinem Lobe , als er früher verschwenderisch im Tadel gewesen war . Die Dame entdeckte ihrerseits an dem verwandelten Hypochondristen eine Eigenschaft , welche ihn ihr höchst schätzenswert machte . Wilhelmi besaß eine Fülle von antiquarischen Kenntnissen , und setzte Madame Meyer über manches , was sie hatte , durch seine Erläuterungen erst in das Klare . Was ihn aber einer Frau besonders empfehlen mußte , war seine Art , die Tatsachen vorzutragen . Er teilte sie nämlich nicht nach der Weise deutscher Gelehrten weit ausholend mit , sondern gab seine Kunde in kurzen , aphoristischen , alles ausdruckenden Sätzen , welche sich dem Gedächtnisse leicht einprägten und ohne Mühe nachgesprochen werden konnten . Auf diese Weise hatte er die Freundin bald mit einer Menge von Thesen bekanntgemacht , welche sie rüsteten , den Verlegenheiten schlagfertig zu begegnen , denen sie sonst in ihrem Gesprächskreise hin und wieder mit Leidwesen unterlegen war . Denn obgleich manches der Wilhelmischen Lehre nur für problematisch gelten konnte , so verfehlte es doch , mit angenehmer Keckheit von einem schönen weiblichen Munde axiomatisch vorgetragen , nie seine Wirkung auf den überraschten Gegner . Es war , als wolle der Himmel selbst in diesem Falle durch Zeichen und Wunder wirken . Eines Tages , als Wilhelmi mit ihr ein früher noch nicht besehenes Kabinett durchmusterte , stand er vor dem Altarbilde eines heiligen Stephanus still , von welchem die Hälfte fehlte . Die Tafel war dicht an dem Körper des Märtyrers abgespalten worden , von den Peinigern ließ sich nichts erblicken . Madame Meyer , welche Wilhelmi in den Anblick dieses Werks versunken sah , legte die Hand auf seine Schulter und sagte : » Wohl mögen Sie über dieses liebe , gemütliche Bild erstaunen , welches mir doch nur Schmerzen verursacht . Ich achte es für die Krone meiner Sachen , aber ich entsage oft für Monate seinem Anblicke , weil mir der verstümmelte Zustand desselben durch die Seele geht . Was habe ich nicht versucht , getan , aufgewendet , um die andre Hälfte herbeizuschaffen , welche durch die Ungebühr der Zeit oder eine rohe Faust vielleicht für immer vernichtet ist ! « » Madame « , versetzte Wilhelmi , der ganz Erstaunen war , » mich ergreift weniger der Anblick dieses vortrefflichen Werks von seltner Innigkeit des Gefühls , als daß , wenn mich nicht alles trügt , ich den andern Teil der Tafel besitze . Ich verlangte nach dem Heiligen , wie Sie sich nach den Steinigern sehnten . « Die Meyer stand sprachlos . Auf einen Wink Wilhelmis entfernte sich der Bediente , und brachte aus dessen Quartiere das bezeichnete Fragment herbei . Es blieb kein Zweifel ; sobald man nur das Stück angepaßt hatte , zeigte sich die Vermutung bestätigt . Die Gruppe der Steiniger war vollständig , fast noch besser erhalten , als der gemarterte Jüngling . Nie sind häßliche Frevelgesichter von hübschen Augen mit gerührteren Blicken betrachtet worden . Es waltete unter den beiden Kunstfreunden ein langes Schweigen ob , während welches jeder seinen besondern Gedanken nachhing . Endlich brach Wilhelmi dasselbe und sagte , daß , solange er am Orte verweile , er sehr gern die beiden Hälften vereinigt lassen wolle . Madame Meyer nahm dies dankbar an , und fragte schüchtern , ob ihm sein Fragment nicht feil sei , was Wilhelmi ernsthaft verneinte . Man erzählte einander von der Erwerbung dieses Kunstwerks , und brachte bald heraus , daß beide Stücke an einem und demselben Orte von dem spekulierenden Verwalter aufgehobner Klostergüter eingehandelt worden waren . Man untersuchte die Kanten der Fragmente und fand , daß der Riß keinesweges alt war . Aus allerhand sonstigen Anzeichen schloß man zuletzt mit ziemlicher Gewißheit , daß jener klug berechnende Mann , der herrschenden Neigung vertrauend , welche derartige Altertümer auch im verstümmeltsten Zustande aufsuchte , selbst die Tafel zerspalten haben möge , und denn auch wirklich die beiden Teile teurer losgeschlagen hatte , als er vom ungetrennten Ganzen erwarten dürfen . Er hatte also im kleinen mit dem Gute der Kirche vorgenommen , was der Staat im großen ; er hatte dismembriert . Ein eifriges Gespräch , welches dieser fröhlichen Begebenheit folgte , wurde durch den Eintritt der gewöhnlichen Abendgesellschaft unterbrochen . Bei dem Erscheinen der Fremden zeigten sich Madame Meyer und Wilhelmi sehr verlegen , wovon der Grund darin zu suchen , daß zum Schlusse jener andächtigen Kunstunterredung die Hände sich gefunden hatten , und die ersten Eintretenden von dieser Vereinigung Zeugen geworden waren . Die Gäste nahmen nun gebührenden Anteil an dem hergestellten Stephanus und an der Freude der Wirtin , es ließ sich aber aus manchen Mienen und Flüsterworten abnehmen , daß man sich während dieses Abends doch mehr mit dem natürlichen , als mit dem Kunstereignisse beschäftige . Wilhelmi sprach in den nächstfolgenden Tagen nichts als Gutes von der Stadt und ihren Bewohnern , kehrte alles zum Besten , und verwies Hermann seine finstre Laune , obgleich dieser sich ganz ruhig und gleichmütig verhielt . Eilftes Kapitel Inzwischen hatten die Untersuchungen gegen die Demagogen ihren weiteren Verlauf genommen , lieferten jedoch nicht die Ergebnisse , nach welchen die Behörden hauptsächlich hinsteuerten . Die Verschuldungen der Jünglinge lagen so ziemlich klar zutage , ihnen aber war im voraus verziehen ; sie sollten mit dem Schreck davonkommen . Was man am eifrigsten suchte , war , das Dasein und die Glieder jenes Männerbundes zu ermitteln , welcher Staat und Thron allerdings ernstlicher mit dem Umsturze bedrohte . In dieser Beziehung waltete noch ein undurchdringliches Dunkel ; die geheimen Störenfriede und Verderber waren mit solcher Klugheit zu Werke gegangen , daß trotz aller Korrespondenz nach den verschiedensten Gegenden Deutschlands hin , mehr nur Vermutungen als Tatsachen zum Vorschein kommen wollten . Der Beamte , welcher jene Nachforschungen zu leiten hatte , ging in Medons Hause viel ein und aus . Er erzählte dort im Vertraun manches von jenen Dingen , und so erfuhr Hermann , daß der grimmige Mecklenburger durch das ihm , wie wir wissen , in größter Sanftmut zuerkannte einsame Gefängnis gezähmt worden sei , und seine Bekenntnisse abzulegen beginne . » Er gesteht « , sagte der Beamte , » daß ihm in Zürich ein Mann erschienen sei , welcher ihm von dem wirklichen Vorhandensein eines Männerbundes Kunde gegeben und ihn aufgefordert habe , einen Bund der Jungen zu stiften , welcher sich an jenen anlehnen solle . Er hat von jenem Manne Zeichen und Symbole empfangen , und ist denn auch wirklich der Stimme der Verführung gefolgt . « Medon hörte dieser Erzählung mit Gleichgültigkeit zu . » Man sollte « , sagte er , » den jungen Leuten kurzen Prozeß machen , sie sind einmal für ihre Lebenszeit vergiftet , der Staat müßte , wenn er mehr klug als milde wäre , den schädlichen Stoff zerstören , welcher , wenn man ihn bestehn läßt , in wechselnder Gestalt sich immer wieder hervordrängen wird . « » So sind Sie für strenge Maßregeln ? « fragte der Beamte . » Durchaus « , versetzte Medon . » Auch hierin könnte uns das Altertum zum Lehrmeister dienen . Es vertrug sich nicht mit seinen Feinden , es vernichtete sie . « » Nehmen Sie sich in acht , daß Sie nicht über sich das Verdammungsurteil aussprechen « , sagte der Beamte scherzend . » Sie können leicht auch in diese Untersuchung verwickelt werden . « » Wieso ? « fragte Medon . » Sie müssen doppelt in der Welt umhergehn « , versetzte jener . » Der Student beschreibt den Mann , welcher ihn so freventlich verlockt , Zug vor Zug , wie Sie aussehn ; selbst das Mal , welches Sie an der linken Handwurzel haben , hat er bei dem Hokuspokus , den der falsche Prophet mit ihm getrieben , bemerkt . Zuletzt muß ich Sie mit ihm konfrontieren , und Sie können noch als Rädelsführer der politischen Verschwörungen unsrer Zeit in meine Gefängnisse wandern . « Man lachte hierüber , und der Sache wurde eine Zeitlang nicht weiter gedacht . Doch fing der Beamte einmal später wieder an , von dem Gegenstande zu reden , und sagte zu Medon : » Wir Aktenleute sind eine Art von Fetischanbetern , die Dienstpflicht ist unser Götze , dessen Gebote wir erfüllen müssen , sie seien noch so unsinnig . Wollen Sie mir glauben , daß ich bei meinem Mecklenburger Demagogen den Gedanken an Sie nicht mehr aus dem Kopfe loswerden kann ? Ich rede mir tagtäglich das Ungereimte dieser Ideenverknüpfung vor , und dennoch , sobald der Mensch wieder anfängt , den Apostel des Männerbundes zu beschreiben , ist es mir , als müsse ich Sie ihm vorstellen , weil das Signalement nun einmal schwarz auf weiß in meinen Protokollen steht , und ich ein Individuum kenne , auf welches dasselbe zu passen scheint . Es läßt mir keine Ruhe ; abgeschmackte Träume phantastisch-juristischer Art ängstigen mich . Letzte Nacht träumte mir , ich stände am Jüngsten Tage vor den Schranken des Weltgerichts . Der Engel mit der Posaune fragte donnernden Tons : Warum hast du die Konfrontation unterlassen ? worauf ich keine Antwort geben konnte . Ich wurde deshalb zur Höllenstrafe verurteilt , welche darin bestand , daß ich alle meine Corpora delicti aufessen sollte , obgleich sich darunter Sachen von Stahl und Eisen befanden . - Etwas Auffallendes , um eines aberwitzigen Spiels des Zufalls willen zu veranlassen , würde ich mir nie vergeben können ; allein ich wollte Sie schon ersuchen , doch einmal wie von ungefähr auf mein Verhörzimmer zu kommen , wo Ihnen denn ebenso von ungefähr der Demagoge vorgeführt werden sollte . Dann wäre mein Gewissen beruhigt ; versagen Sie mir also diese Gefälligkeit nicht . « » Ich will das recht gern tun « , versetzte Medon . » Nur müßte ich Sie bitten , noch einige Zeit in Geduld zu stehn . Ich habe eine Reise vor , und bis dahin jede Minute besetzt . « » Lieb wäre es mir doch , wenn sich ein halbes Stündchen dazu vor der Reise finden wollte « , sagte der Beamte . » Die Sache ist im übrigen zum Spruche reif , und wenn ich gesehen , daß Sie es nicht waren , welcher dem Demagogen in Zürich begegnete , so kann ich das Papier getrost den Herrn am grünen Tische zuschicken . « » Es wird sich noch davon reden lassen « , versetzte Medon , und brach das Gespräch ab ; welchem Hermann , unbemerkt nahestehend , zugehört hatte . Kurz darnach wurde er zu Johanna berufen . » Wollen Sie mir einen Dienst leisten ? « fragte sie ihn . » Jeden « , versetzte er . » Können Sie schweigen ? « fuhr sie fort . » Ich hoffe es « , erwiderte er . » Ich werde diesen Ort vielleicht auf einige Zeit verlassen müssen « , sagte sie mit leiser Stimme . » Bis hieher hat mich ein schlimmes Geschick führen dürfen , weiter aber nicht . Ich werde Sie vielleicht um Schutz und Begleitung ansprechen auf heimlicher Wandrung . Vor allem suchen Sie ein einsames Haus , womöglich mitten im wildesten Walde zu entdecken , darin ich verborgen leben kann . « Hermann , bestürzt über dieses Ansinnen , tat stammelnd einige Fragen nach dem Beweggrunde eines so leidenschaftlichen Entschlusses . Sie legte den Finger auf seine Lippen und sagte : » Stille ! Wollen Sie mir nicht helfen , so wird Gott mir beistehn . « - Verwirrt gelobte er ihr jeden Dienst , welcher sich mit Ehre und Pflicht vereinigen ließe . Der Charakter Medons , das Verhältnis der beiden Gatten wurde ihm immer rätselhafter . Hier schien kein einzelnes Verschulden , keine besondre Zwistigkeit vorzuliegen , sein und ihr Dasein schien eine große Unseligkeit zu sein . Medon war gesprächig , belehrend , wie sonst , doch nahm Hermann an seinen Reden und Scherzen etwas Überreiztes wahr . Er ließ fallen , daß er vielleicht den Winter in Italien zubringen werde , doch müsse ein solcher Entschluß , wenn man ihn überhaupt ausführen wolle , urplötzlich ausgeführt werden , denn Reisen gelängen nur , aus dem Stegreife unternommen . Sein häuslicher Zirkel hatte den höchsten Glanz erreicht . Ein Prinz , der für das Musterbild aller Geistreichen galt , war auf Johanna aufmerksam geworden , hatte sich ihr genähert , Zutritt zu ihren Abenden erbeten , und war seitdem beständig dort . Dieser vornehme Stern zog andre Planeten und Monde nach sich , so daß der Glanz der Kerzen dort bald durch das Blinken aller der Ordenskreuze und Ehrenzeichen beinahe ausgelöscht wurde . Man sprach davon , daß der Staat sich nicht länger so außerordentliche Kräfte , wie die Medons , entgehn lassen werde , daß ihm Anstellung in einem hohen Posten bestimmt sei , wobei man nur von seiner Liebe zur Ungebundenheit eine abschlägige Antwort befürchtete . So viel ist gewiß , daß er noch längere vertrauliche Zusammenkünfte mit obersten Beamten hatte , als früherhin , und daß nach und nach dienstliche Papiere und Hefte von den Zentralstellen zur Begutachtung in sein Kabinett zu wandern begannen . Der Prinz belebte die Gesellschaft durch Mitteilungen aus seinem Hof- und Reiseleben . Er hatte ein großes Talent im Erzählen , und die gewöhnlichsten Vorfälle bekamen durch eine epigrammatische oder satirische Wendung in seinem Munde etwas Anziehendes . Noch stärker war er im Vortrage von Märchen , zu welchen sich unser lockrer Lebensstoff ihm gern verflüchtigte . Er gab deren mehrere an jenen Abenden , aus dem Stegreife beginnend , ohne Anmaßung von etwas Außerordentlichem , in so schlichter Einfalt nur noch stärker die Zuhörer fortziehend . Eins derselben ist aufbewahrt worden , und mag dieses Buch beschließen . Johannas Wangen wurden blässer und blässer . Oft kam sie Hermann in ihrem sammetnen Gewande , unter ihren Perlen und Juwelen , wie eine geschmückte Leiche vor , und nur ihre Worte , das tiefste Gefühl atmend , wenn er sich ihr nahte , bewiesen ihm , daß hier noch ein schönes Leben sich rege , aber freilich unter einer ungeheuren Last zuckend . Zwölftes Kapitel Mondscheinmärchen In jener grauen Urzeit , von welcher sich die Menschen die verworrensten Begriffe machen , war es , wie neuere Forschungen lehren , mit der Welt folgendermaßen beschaffen . Die Erde war alles , und außer ihr gab es nichts , nur eine falsche Bescheidenheit späterer Zeiten hat vom Chaos oder Universum gefabelt , aus welchem unser guter Ball nebst vielen andern Ballen und Bällchen hervorgesprungen sei . Die Erde hatte aber dazumal die Form eines Nestes , nämlich in der Mitte war sie einige tausend Meilen vertieft , und die Seitenflächen bogen sich als schützende Ränder hoch und weit über . Es gab weder Gras noch Baum , weder Tiere noch Menschen auf der Erde , auch schien keine Sonne , dennoch war es auf ihr , und in der Höhlung des großen Nestes weder unfein , noch still , noch dunkel . Ihre Oberfläche war glatt und sanft anzufühlen wie der feinste Sammet , sie sang sich selbst ein süßes Lied von jener frohen Ewigkeit vor , und phosphoreszierte dabei im buntesten Lichte . Dieser selige Zustand hat ziemlich lange gedauert . Endlich aber , wie denn nichts ungestört bleiben kann , regte sich ein gefährlicher Fürwitz in der Erde , und sie sprach so zu sich : » Wozu ein Nest ohne Eier ? Meine Bestimmung ist nur halb erreicht . « Flugs empfand sie ihre Einsamkeit und die Sehnsucht nach Eiern , aus denen sich , wie sie meinte , die anmutigsten Gesellschafter und Gespielen für sie entwickeln würden . Wie froh erstaunte sie , als sie eines Morgens beim Erwachen in ihrem Schoße eine Menge der schönsten Eier fand ! Auf welche Art sie dieselben gewonnen , auf welchem geheimnisvollen Wege der Zeugung ihr diese Bescherung geworden , darüber schweigt Geschichte und Märchen . Genug , sie lagen , in Kreisen gereiht , im Grunde des großen Nestes , waren durchsichtig , wie die Edelsteine , herrliche Figuren schmückten die glänzenden Schalen , im Innern pulsierte es , ein eignes , wildkräftiges Leben . Mutter Erde , vor Freude ganz wirblicht , machte eine schräge Bewegung , woraus später die Schiefe der Ekliptik entstanden ist , erinnerte sich aber noch zur rechten Zeit ihrer neuen Pflichten , nahm sich zusammen und weinte nur einige Tränen in den unendlichen leeren Raum hinab . Darauf begann sie liebevoll ihr vertrautes Gut zu wärmen und machte tausend Plane , wie sie mit den Vöglein , wenn sie aus den Eiern gekrochen wären , freundlich und herzlich verkehren wolle . Unter diesen Sorgen , Gedanken und Träumereien war es in dem einen Eie rege geworden , es pickte , und eine leuchtende , beflügelte Gestalt brach durch die Schale . Anfangs war sie noch einigermaßen in den Grenzen erträglicher Größe , aber mit Sturmeseile wuchs sie , wahrscheinlich durch die einströmende atmosphärische Luft geschwellt , ins Ungeheure , so daß der Erde vor dieser Geburt angst und bange wurde . Doch faßte sie sich und sagte : » Gesell , du wirst nicht vergessen , wer deine Stärke also gepflegt ? Komm , sei mein Freund . « - » Was Freund ? « fuhr sie der feurige Recke an , » ich habe nicht Zeit zur Empfindsamkeit , meine Bahn geht selbständig durch die unermeßlichen Räume . « Und damit schoß er fort , der Undankbare , und ward der erste Fixstern . Seinem Beispiele folgten die andern Geburten , die nun bald nacheinander kamen , sie wollten alle nichts von Häuslichkeit und gemütlichem Zusammenleben wissen , vielmehr eigne Fortüne droben im Blauen machen , was ihnen denn auch gelungen sein muß , wie der gestirnte Himmel besagt . Nur ein Flüchtling , eine schöne üppige Person von lebhaftem Temperament , bereute den Undank , als sie ein paar Millionen Meilen weit fortgerannt war , hielt inne in ihrem wüsten Laufe , und ward feuerrot vor Scham . Sie sieht sich noch immer von Zeit zu Zeit nach dem verlaßnen Neste um , und das Erröten dauert auch noch fort , welches uns sehr zustatten kommt , denn wenn die Sonne sich nicht so schämte , und uns dadurch nicht mit einheizte , wären wir alle längst erfroren , weil die Dinge bald eine betrübte Gestalt annahmen , wie ich gleich erzählen werde . Zuerst schüttete die Erde , in ihren Hoffnungen so schmerzlich getäuscht , einige noch nicht ausgekommne Eier zornig über Bord . Sie fielen eine geraume Zeit unaufhaltsam in die Tiefe , endlich stießen sie doch irgendwo an eine scharfe Weltecke , die Schalen zerbrachen , und die unreifen Geburten taumelten heraus . Diese haben nun ein Leben und haben keins , im halbwachen Traume schießen sie dahin und dorthin , ziehen einen feurigen Schweif von allerhand Eulenspiegeleien hinter sich her , und sind mit einem Worte unglückselige Kometen , auf die am ganzen Sternenhimmel kein Verlaß und Glaube ist . Doch , was gehn uns die Kometen an ? Auf der Erde entstanden ganz andre Folgen der mißlungnen freundlichen Absicht . Zuvörderst zog sie sich aus der offnen Nestgestalt in die abgeplattete Kugelform zusammen , welcher nur bis auf eine geringe Tiefe etwas anzuhaben ist . Sodann schlug sich in ihren Eingeweiden durch einen heftigen Gallenerguß Proteus , der Metallkönig , nieder , der also eigentlich der kristallisierte Verdruß der Erde ist , und bei allen nachfolgenden Händeln eine große Rolle spielt . Darauf , um ihr einigen Ersatz zu geben , geschah die Schöpfung in sechs Tagen mit Kräutern und Bäumen , Fischen , Vögeln , vierfüßigem Getier und endlich dem Menschen . Die Erde tröstete sich wohl , als sie das alles auf sich grünen und blühen , krabbeln und zappeln sah , aber dann war ' s ihr doch wieder nicht recht , und sie sprach alle Tage unzählige Male zu sich selbst : » Das tut ' s doch alles nicht . « Und sooft sie das für sich sagt , stirbt oder verdorrt etwas . Proteus aber , der Metallkönig , der alte Verdruß , drängt sich unaufhaltsam an das Tageslicht . Denn es ist nicht wahr , daß die Menschen ihn suchen , und daß er gern in seinen dunklen Kammern bliebe ; nein , er blickt und lockt nach ihnen aus dem Finstern , und wenn er ihnen nicht anders beizukommen vermag , so sucht er ihre Träume heim . Dann müssen sie , von Unruhe gepeinigt , die Erde aufreißen und ihr Elend herauffördern . Denn wenn er oben ist , so ergreifen den alten Griesgram kindische Launen ; er kann es nicht leiden , in zerstückten Gliedern sich durch die Welt zu breiten , er will immer beisammen sein . Aus dieser Sehnsucht des Metalls nach sich entstehen dann alle Plagen , welche das unglückliche Menschengeschlecht heimsuchen : Krieg , Eigennutz , Dieberei , Raub . Denn so strebt z.B. der aufgespeicherte Vorrat an Schwertern , Gewehren und Kanonen in den Zeughäusern des einen Landes nach seinesgleichen in dem andern , das Eisen reizt durch geheime Einflüsse den Arm des Menschen so lange , bis dieser sich zu seinem Dienste darbietet , und es mit großem Getöse aus dem Verschlusse hervorholt . Dann heißt es , die und die Nation habe der andern den Krieg erklärt . Nun ziehen die Heere , oder vielmehr die verstreuten Glieder des Proteus einander entgegen . Endlich treffen sie sich , und es gibt ein frohes Wiedersehn und Umarmen , bei welchem die dazwischen befindlichen Menschen übel wegkommen ; das nennen sie dann eine Schlacht , und meinen , sie wären es , die selbige geschlagen , während doch nur Eisen und Stahl sich lebhaft begrüßten , und die Schlünde des Erzes einander feurige Küsse zuwarfen . Ebenso geht es mit Silber und Gold . Wo dessen eine Menge vorhanden ist , da regt sich in ihm die Lust , mit einem Schatze , der anderswo liegt , verbunden zu sein . Die bösen roten und weißen Zauberaugen schauen nach Händen um , welche den Gefallen ihnen täten , der Wucherer und Betrüger , den sie erblicken , wird von ihnen bestrickt , er muß daran , und mit allerhand schlimmen Künsten die getrennten Horte zusammenbringen . Er meint , den Mammon zu haben , und der Mammon hat ihn . Aber über den Redlichen ist diesem die Gewalt versagt , daher der auch für die Vereinigung der Metalle nichts tut , den Proteus , wenn dieser sich aus Irrtum einmal zwischen seine Finger verirrte , sogleich wieder aus denselben fallen läßt , mit andern Worten zeitlebens arm bleibt . Also geht es zu in der Welt ; das wissen wir alle . Wie anders und schöner es aber geworden wäre , wenn die Erde die Vöglein aus den Eiern sich zur Gesellschaft hätte ausbrüten können , das deutet in gewissem Maße uns der Mondschein an . Nämlich , als schon die Fixsterne die Flucht ergriffen hatten , und die Kometen zu früh zur Welt gekommen waren , tönte es aus einem Winkel gar lieblich und bat um milde Behandlung . Die Erde sah nach , und bemerkte , daß eins der Eier zurückgeblieben war , dessen Inwendiges sich eben zum äußeren Leben hindurchrang . Es war eine sanfte Mädchengestalt , viel sanfter und zarter , als die andern , welche , sobald sie nur auf ihren kleinen Füßen stehn konnte , unaufgefordert der Erde den Eid der Treue leistete , und versprach , ihr immer hold und gewärtig zu sein . Die Erde aber , welche der Undank der übrigen tief erbitterte , und in welcher sich schon Proteus , der Metallverdruß abgelagert hatte , ließ , wie es in solchen Fällen geht , die Unschuldige büßen , verstieß sie mit harten Worten , und rief , sie möchte sich ihre Kamaraden am Sternenhimmel suchen , ihr solle sie nicht vor die Augen kommen . Und damit schüttelte sie sich dermaßen , daß die arme kleine Luna eine weite Strecke weit weggeschleudert wurde . Aber sie ließ sich in ihrer treuen Sinnigkeit nicht irremachen . War ihr auch ein näheres Verhältnis untersagt , so konnte ihr doch niemand verbieten , der zornigen Mutter zu folgen , und sie in gemeßner Entfernung zu umkreisen . Das hat sie denn nun auch redlich die vielen tausend Jahre her getan und wird es tun bis an der Welt Ende , was aber wahrscheinlich noch lange ausbleibt . Der Zorn der Erde ist längst vorüber , und sie lechzt eigentlich im stillen innigst nach der Vereinigung mit Lunen . Allein diesem Umstande tritt die inzwischen entstandne Schöpfung entgegen , da sich voraussehn läßt , daß , wenn die beiden großen Mächte zusammenkämen , Wälder und Felder , Tiere und Menschen dazwischen zerquetscht werden würden . Ein solches Verderben will nun die Erde als gute Haushälterin nicht , und so hat denn an ein Auskunftsmittel gedacht werden , und Luna hat sich entschließen müssen , nur zu scheinen . Der Mondschein ist der schwärmerische Ersatz für den Kuß der Mutter und Tochter . Er ist kein bloßer Schein ; Luna haucht in ihm ihre Liebe an den Busen der Mutter , welche davon bis in ihre Tiefen selig erschüttert wird . Nicht Geheimes , oder Unbekanntes verkünde ich , was ich erzähle , ist jedem bewußt . Wer hat nicht die Zauber der Mondnacht empfunden ? Alle Geschöpfe fühlen , daß etwas Großes , Liebes vorgehe , und sind in einer Art von Verwandlung , die Läuber der Bäume zittern , die Blumen spenden süßen Duft , die Lilien schicken leichte Flämmchen aus ihren Kelchen , die Vögel singen im Schlafe , und in den Herzen der Menschen sprießt die Liebe . Immer stärker wird das Verlangen Lunas nach der guten , gekränkten Mutter , sie wächst mit ihren Wünschen und wird aus der Sichel zur Halbscheibe , aus dieser zum Vollmonde . Aber Proteus , dem alles sanfte Zerfließen ein Greuel , ärgert sich und ergrimmt zu wilden Gedanken , wenn die Sachen so weit gekommen sind . Die Erze in den Schachten rauschen und glimmern , die Waffen in den Rüstsälen klirren , die Goldstücke und Taler in den Säckeln der Reichen klappern unheimlich . Vor diesem bösen Wesen erschrickt Luna , nimmt ab bis zum Neumonde , und scheint für immer verschüchtert zu sein . Aber wer kann das Herz zwingen ? Kaum hat sich der grimme Proteus wieder etwas zur Ruhe begeben , so blinkt auch die liebe Sichel wieder am Saume des Horizonts hervor , und das trauliche Spiel beginnt aufs neue . Den Tod hätten wir gewiß alle davon , wenn Luna das Verbot der Mutter überwände , und sich , anstatt des Scheins , an ihr Herz legte . Aber gedenke ich , wie glücklich mich schon der Mondschein gemacht hat , in welchen süßen Frieden er mich einschlummernd gewiegt , so möchte ich mir oft einen so frohen Untergang wünschen , nach welchem wir vielleicht als leichte Wolkenträume in einer höheren Ordnung der Dinge wieder auferständen . Siebentes Buch Byzantinische Händel Gott legt uns die Nüsse vor , aber er knackt sie uns nicht auf . Aus einem Stammbuche Erstes Kapitel Abermals sah Hermann das tiefe gewundene Tal vor sich liegen , aus welchem die weißen Fabrikgebäude des Oheims hervorleuchteten . Die Maschinen klapperten , der Dampf der Steinkohlen stieg aus engen Schloten und verfinsterte die Luft , Lastwagen und Packenträger begegneten ihm , und verkündigten durch ihre Menge die Nähe des rührigsten Gewerbes . Ein Teil des Grüns war durch bleichende Garne und Zeuche dem Auge entzogen , das Flüßchen , welches mehrere Werke trieb , mußte sich zwischen einer Bretter-und Pfosteneinfassung fortzugleiten bequemen . Zwischen diesen Zeichen bürgerlichen Fleißes erhoben sich auf dem höchsten Hügel der Gegend die Zinnen des Grafenschlosses , in der Tiefe die Türme des Klosters . Beide Besitzungen nutzte der Oheim zu seinen Geschäftszwecken . Auch die geistliche hatte er unter der Fremdherrschaft zu billigem Preise erworben . Lange Gebäude , mit einförmigen Trockenfenstern versehen , unterbrachen die Linien der gotischen Architektur auf der Höhe und in der Tiefe ; der Wald , welcher die Hügel bedeckte , war fleißig gelichtet . Gräfin Theophilie kam ihm entgegen , in einem Buche lesend . » Was führt Sie her ? « fragte sie ihn . Er gab eine allgemeine , ausweichende Antwort , und da er von ihr manches über den Oheim zu erfahren wünschte , so trug er sich ihr zum Begleiter an . Sie gingen über angenehme Busch- und Wiesenplätze . Die Bleichen und Betriebsamkeitsstätten vermied sie , nach andern Gegenden strebte sie mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit hin . Er sah an solchen Stellen Rasenbänke oder Überbleibsel ehemaliger Pavillons und Tempel . Sie stiegen den Berg hinauf , und standen nach einer kurzen Wendung vor dem Seitenflügel des Schlosses . » Wenn meine Gesellschaft Sie nicht langweilt , und die enge Wendeltreppe Sie nicht abschreckt , so kommen Sie immerhin noch ein wenig zu mir « , sagte sie . Als er sich oben nach kurzem Gespräch von ihr beurlauben wollte , hielt sie ihn angelegentlich zurück und rief : » Sie sehen ein , wie wohl es mir tut , mit jemand mich zu unterhalten , auf dessen Stirne nicht der Wechselkurs geschrieben steht , oder dessen Kleider nicht vom Rauche der Maschinen duften ! Das Plaudern ist von alters her mein Element , ich finde es sehr begreiflich , daß jene Französin in den amerikanischen Wildnissen einige hundert Meilen weit wanderte , um mit einer Nachbarin zu schwatzen , und ich könnte es in gleichen Verhältnissen ihr wohl nachtun . Da nun heute zum Glück ein Herr Nachbar mich besucht , so will ich diese Gunst des Zufalls auch recht ausbeuten . « Er erwiderte ihr , der Oheim werde es übelnehmen , daß