auf die ehemalige Dienerin zu üben , denn sie seufzte tief auf und wurde glühend roth . St. Julien , der die Bewegung der Fremden bemerkte , ohne zu ahnen , daß er sie veranlasse , glaubte , sie habe ein Gesuch bei der Gräfin , und verließ deßhalb bald das Zimmer , um durch seine Gegenwart nicht zu stören . Wer ist dieser junge Mann ? rief die Professorswittwe außer sich , die Hände der Gräfin ergreifend , als sie allein waren . So fällt Ihnen die große Aehnlichkeit auch auf ? fragte die Gräfin mit zitternder Stimme , indem Thränen über ihre Wangen flossen . Mein Gott , mein Gott ! rief die Professorin bebend , es ist ja Herr Blainville , wie er leibte und lebte , sogar das Zucken des Mundes , womit er das Lachen unterdrückte , wie er mich in meiner Alteration bemerkte . Die Gräfin hatte kaum noch Zeit , ihre ehemalige Dienerin mit den Verhältnissen des jungen Mannes bekannt zu machen und sie zu bitten , von allen Leiden , die sie mit einander erlebt hätten , nichts dem Prediger anzuvertrauen , weil es für sie kränkend sein würde , wenn diese Schmerzen ein Gegenstand allgemeiner Gespräche werden sollten , und die Wittwe des Professors hatte kaum feierlich versprochen zu schweigen , als die Tochter derselben blöde und zitternd eintrat , und sich furchtsam der Gräfin näherte , um ihre Hand zu küssen , wie es ihr früher die Mutter befohlen hatte . Die Gräfin fühlte Mitleid mit dem armen Kinde , das , offenbar durch eine übel angebrachte Strenge der Mutter unterdrückt , kaum zu athmen wagte . Sie sprach gütig mit dem eingeschüchterten jungen Mädchen , konnte aber doch nichts als einzelne Sylben von ihr als Antwort gewinnen . Sie machte hierauf der Mutter den Vorschlag , ihre Tochter ganz bei Emilie wohnen zu lassen , weil junge Mädchen besser zu einander paßten , als zu bejahrten Frauen . Die Professorin fühlte sich geschmeichelt und gab ihre Einwilligung , worauf die Gräfin Emilie zu sich bitten ließ , um ihr ihre neue Freundin vorzustellen . Diese betrachtete mit Theilnahme das zitternde Kind , und die Wittwe des Professors sagte , nachdem sie Emilie mit einem scharfen Blick betrachtet hatte , zur Tochter : So kannst Du denn gleich hier bleiben ; ich werde allein zu meinem Vetter , dem Schulzen , zurück gehen und unsere Sachen herschaffen lassen , damit wir noch heute in Ordnung kommen . Die Worte hatte sie mit Härte und Trockenheit an die Tochter gerichtet . Hierauf trat sie zu Emilie , faßte ihre Hand und sagte , mit einer Thräne im Auge : Ich lasse gern mein Kind bei Ihnen , Sie sehen gut und milde aus , und werden eine Waise nicht verspotten , wenn sie auch die feinen Manieren nicht hat , die ich ihr nicht habe geben können und der selige Professor auch nicht . Der gute Mann verstand nichts von Kindererziehung , obgleich er dicke Bücher darüber schrieb . Emilie drückte die Hand der rohen , aber guten Frau und sagte : wenn Ihre Tochter mir Vertrauen schenken will , so werde ich sie als meine liebe Freundin betrachten . Lieber Gott , erwiederte die Professorin , was hat so ein Kind zu vertrauen ? Das wäre ja ein Unglück , wenn die schon ihre Geheimnisse hätte . Die Gräfin konnte das Lächeln über dieses Mißverständniß nicht unterdrücken und sagte : Lassen Sie Ihre Tochter ohne alle Sorge bei uns , meine liebe Freundin , und eilen Sie , sich Ihrem Wunsche gemäß einzurichten , damit ich die Freude habe , Sie bei mir recht bald einheimisch zu sehen . Die Professorin ging und es ließ sich bemerken , daß die blöde Marie nach der Entfernung der Mutter tief aufathmete und sich sichtlich erleichtert fühlte . Sie ließ sich nun auch zum Sprechen bewegen , und obgleich sie in allen Kenntnissen selbst für ihr Alter zurück zu sein schien , so ließ sich doch eine natürliche Munterkeit des Geistes , ja selbst eine Anlage zur Schalkhaftigkeit nicht verkennen , und man bemerkte deutlich , indem sie über ihre häuslichen Einrichtungen sprach , daß sie mit der von der Mutter erhaltenen Erziehung nicht so zufrieden war , wie diese es zu verdienen glaubte , sondern es regte sich in dem jungen Mädchen eine lebhafte Sehnsucht nach allen ihr versagten Kenntnissen , und sie hüpfte fröhlig an Emiliens Hand hinweg , indem sie ihr Glück pries , sich zum ersten Male in ihrem Leben ohne die Gegenwart der Mutter einer jungen Freundin gegenüber zu befinden . Die Wittwe des Professors besorgte mit gewohnter Thätigkeit ihre Geschäfte und bezog schon vor der Mittagstafel die von Dübois auf dem Schlosse für sie eingerichteten Zimmer . Der Haushofmeister hatte für seine Freundin auf ' s Beste gesorgt , und sie fand Alles bequem und sauber eingerichtet , auch ein zu ihrer Bedienung bestimmtes Mädchen . Er war ihr auch beim Auspacken und Ordnen ihrer Kleider behülflich und führte sie dann nach dem Zimmer , wo er für sich und seine Gäste die Tafel hatte bereiten lassen , und wo er ihr seinen jungen Freund Gustav vorstellte . In Eintracht setzten sich diese drei zu Tische , und heitere , ungezwungene Gespräche würzten das Mahl . Dübois bediente mit ächt französischer Höflichkeit seine Freundin , für die er ein ungeheucheltes Wohlwollen empfand , der junge Gustav fand sich durch das Beispiel des Haushofmeisters zu gleicher Aufmerksamkeit bewogen , und Beider Bestrebungen wurden von der Wittwe des Professors dankbar anerkannt . Da aber Dübois sie immer Madame anredete , so folgte sein junger Freund auch hierin seinem Beispiele , und dieß verdüsterte , nachdem es einige Male geschehen war , sichtlich die Stirn der Frau Professorin . Mit auffallendem Verdruß wendete sie sich zu dem jungen Menschen und sagte mit ziemlicher Heftigkeit : Mein lieber junger Herr , wenn mich Herr Dübois Madame nennt , so hat das nichts auf sich , wir sind alte Freunde , auch wissen die Franzosen nicht , was sich schickt ; sie kennen keinen Unterschied und nennen Alles gradeweg Madame , ein Fischerweib und ihre Königin oder Kaiserin , aber ein Deutscher muß Lebensart lernen , und daher können Sie mich immer nach meinem Titel Frau Professorin nennen , denn selbst der Neid muß es meinem seligen Manne lassen , daß er ein gelehrter Professor war . Der junge Mann schwieg mit Bestürzung , und Dübois sagte lächelnd : Vergeben Sie mir meinen Fehler , wertheste Freundin , wodurch unser Freund auch zum Irrthum verleitet wurde . Ich werde mir die französische Unhöflichkeit abgewöhnen und den Ihnen zukommenden Titel nicht mehr vergessen . Gott bewahre , rief seine Freundin , zwischen uns bleibt es beim Alten , aber die Jugend muß anständig erzogen werden , meinen Sie das nicht auch ? Freilich , freilich , sagte Dübois lächelnd , und nicht wahr , mein Sohn , fuhr er , zu Gustav gewendet , fort , Du wirst die erhaltene Lehre nicht wieder vergessen ? Der Jüngling neigte sich beistimmend , und die Heiterkeit kehrte zu der kleinen Gesellschaft zurück , die ohne weitere verdrießliche Störung ihre Mahlzeit beendigte . - XI Die schüchterne Marie hatte im obern Stockwerke im Speisesaale an der Tafel Platz genommen und hielt sich ängstlich an der Seite ihrer Beschützerin Emilie . Sie konnte ihre Blödigkeit nicht überwinden , und wagte weder zu essen noch ein Wort zu sprechen , so gütig sie auch von allen Seiten aufgemuntert wurde . Die Gräfin bat am Ende , Jedermann möge sie ungestört lassen , weil diese Blödigkeit nur durch die Zeit zu überwinden sei , wo sie sich dann von selbst verlieren würde . Der Arzt fühlte sich gekränkt durch das ungeschickte Betragen seiner Verwandtin und vermuthlichen künftigen Braut ; doch tröstete er sich mit dem Gedanken , daß sie eigentlich noch ein Kind sei , dessen Fähigkeiten unter seiner Leitung ausgebildet werden könnten . Der Obrist Thalheim und seine Tochter , so wie der Prediger nahmen Theil an dem Mittagsmahle , welches durch heitere , freundschaftliche Gespräche zu Mariens Qual verlängert wurde , die erst dann wieder frei athmete , als man endlich die Tafel aufhob . Emilie und Therese beschlossen nach der Tafel einen Spaziergang in den Garten zu machen und forderten ihre neue Freundin auf , sie zu begleiten . Herzlich froh , aus dem Saale zu entkommen , schloß sie sich gern an , und Emilie fragte , als sie in den dunkeln Baumgängen auf und ab gingen , weßwegen sie denn unter lauter wohlwollenden Freunden so ängstlich gewesen sei . Mein Herz war aus großer Ehrerbietung so beklommen , antwortete das unschuldige Kind . Der Graf meint es gewiß gut mit Jedermann , aber er hat so vornehme Augen , daß mir bange wurde , so oft er mich ansah ; vor der Frau Gräfin fürchte ich mich schon weniger , denn sie ist eine Frau , aber auch der junge Herr Graf sieht so vornehm ernsthaft aus und dann der alte Herr Obrist so majestätisch . Wie er hat gewiß der alte König von Preußen ausgesehen , von dem er so viel spricht . Glauben Sie mir , ich kam mir recht unverschämt vor , daß ich mich unterstand , mit allen den Herren zu Tische zu sitzen , und ich weiß nicht , weßhalb sie alle den Herrn St. Julien so zu lieben scheinen , denn der hat doch gewiß ein schlechtes Herz . Wie kommen Sie darauf ? fragte Emilie überrascht . Bemerkten Sie denn nicht , erwiederte Marie , wie er immerfort meinen Herrn Vetter , den Doktor , zum Besten hatte , und doch sagt er selbst , daß er ihm das Leben gerettet hat . Aber können Sie denn läugnen , fragte Therese , daß der Doktor etwas sonderbar in seinem Betragen ist ? Ach ! das verstehen Sie nicht , antwortete die Kleine empfindlich , das kommt von der Gelehrsamkeit . Ich habe viele gelehrte Herren gesehen , die noch viel sonderbarer sich betrugen , und mein seliger Vater selbst , der ein großer Mann war , wie alle Andern sagten , sah doch auch seltsam genug aus . Das müssen Sie nur Herrn St. Julien deutlich machen , sagte Emilie ein wenig spöttisch ; wenn er seinen Fehler einsieht , wird er ihn gewiß verbessern . Gott bewahre mich davor , mit dem Menschen zu sprechen , rief die Kleine erschrocken . Er würde ja noch weit mehr Ursache finden , über mich zu spotten , als über meinen armen Vetter . Sie sind ja sehr gegen ihn eingenommen , bemerkte Emilie . Und Sie kennen ihn so wenig , fügte Therese hinzu , Sie wissen nicht , wie gut er ist , fragen Sie nur Ihren Vetter selbst , ob er ihn nicht herzlich liebt . Das würde wenig beweisen , sagte die Kleine mit altkluger Miene . Meine Mutter hat es tausend Mal gesagt , je größer die Gelehrsamkeit der Herren ist , die sie aus den Büchern haben , je einfältiger sind sie in der Welt , worin sie leben , und deßhalb wird es mein Vetter auch gar nicht bemerken , wenn ihn Herr St. Julien verspottet . Das sehe ich besser ein , wie er , ob ich gleich noch ein Kind bin , wie meine Mutter sagt . Emilie und Therese lächelten über den Eifer ihrer jungen Gefährtin , mit welchem sie den Arzt vertheidigte , und waren sehr zufrieden , als die Töchter des Predigers zum Besuch kamen , deren Alter mehr dazu geeignet war , daß sich die noch sehr junge Marie ihnen anschließen konnte . Sie verlor auch in deren Gesellschaft bald die große Schüchternheit , und in jugendlicher Lust überließ sie sich mit ihnen der Freude , und die jungen Mädchen liefen um die Wette , versteckten sich in den Hecken und tobten als glückliche Kinder umher , während die älteren Freundinnen viele ernsthafte und hochwichtige Gegenstände mit einander besprachen . Jede hatte der Andern vertraut , wie drückend die Einsamkeit für sie sein würde , wenn nun die Freunde schieden , an deren Umgang sie sich so gewöhnt hätten , und Jede fühlte recht wohl , welcher Kummer dann das Herz der Andern erfüllen würde . Der Graf hatte sich mit dem Obristen in sein Kabinet zurückgezogen , um ihm auseinander zu setzen , was er für seinen Vetter zu thun gesonnen sei , um diesem dadurch den Weg zu bahnen , sein Glück von Therese und ihrem würdidigen Vater zu erbitten ; denn obgleich die tiefe Leidenschaft des jungen Grafen so wenig , wie die aufrichtige Neigung der schönen Therese den beobachtenden Freunden ein Geheimniß sein konnte , so fand es der Graf doch schicklich , dem Obristen erst seinen Plan vorzulegen , wie das häusliche Glück seines Verwandten gesichert werden sollte , ehe dieser förmlich um die Hand der Geliebten anhielte . Der Obrist fand neue Ursache , die Großmuth seines Freundes zu bewundern , und willigte im Voraus in das Glück seines Kindes . Der junge Graf und St. Julien waren zu Dübois hinunter gegangen , um ihren Kapellmeister aufzusuchen , wie St. Julien den jungen Gustav nannte . Sie fanden die Wittwe des Professors bei dem Haushofmeister ; Beide saßen am Kaffeetische , aber man sah , daß die Unterhaltung nicht heiter gewesen war , denn Beide hatten viel geweint . So wie aber St. Julien eintrat , entfuhr ein Ausruf der Verwunderund der ihre Thränen trocknenden Frau , und sie betrachtete mit auffallender Aufmerksamkeit den jungen Mann , der denn auch seinerseits seine Verwunderung hierüber nicht bergen konnte . Beide eingetretenen Freunde hatten seit einiger Zeit eine so innige Verbindung geschlossen , daß ihnen jede Förmlichkeit lästig wurde , und sie nannten sich daher gewöhnlich bei ihrem Taufnamen ; deßhalb sagte auch jetzt der junge Graf , nachdem Dübois seinen Pflegesohn gerufen hatte , wie er den jungen Gustav nannte : Laß uns nun gehen , Adolph , um unsere Musik gehörig einzuüben . Heißen Sie Adolph ? rief die Wittwe des Professors , indem sie mit Heftigkeit aufsprang . Ja , erwiederte St. Julien , und ich denke , dieß ist ein gewöhnlicher Name , den ich führen darf , wie jeder Andere , ich begreife nicht , was darin seltsam oder befremdend sein könnte . Die Wittwe des Professors hatte ihn während dieser Rede starr angesehen , und schlug nun mit sichtlichem Erstaunen ihre Hände zusammen und ihre Augen flossen in Thränen über . St. Julien kam auf den Verdacht , daß sie an Geistesverwirrung litte , und sah Dübois befremdet an . Dieser sammelte sich selbst mit Anstrengung und sagte mit erzwungenem Lächeln : Meine werthe Freundin und ich , wir haben so viele gute und kummervolle Stunden mit einander verlebt , und es knüpfen sich für uns Beide theure Erinnerungen an den Namen Adolph , die auch mich zuweilen in Ihrer Gegenwart bewältigt haben , deßhalb werden Sie die Bewegung der Frau Professorin verzeihen . Ich will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen , sagte St. Julien , den Dübois sichtliche Bewegung ernsthaft machte . Sie haben mich nie mit Fragen belästigt , und es ist nur billig , daß ich Ihre Bescheidenheit nachahme . Er reichte dem alten Manne freundschaftlich die Hand , verbeugte sich gegen die Wittwe des Professors und entfernte sich mit seinen beiden Freunden . Als die Andern allein waren , sagte der Haushofmeister : Meine beste Freundin , wir müssen behutsamer das Geheimniß der Gräfin zu bewahren suchen . Die wehmüthige Erinnerung an die Vergangenheit hat heute eine zu mächtige Herrschaft über uns geübt , und wir sind in unserer Betrübniß unvorsichtig gewesen . Das mag sein , erwiederte die Professorin , aber ich lasse es mir nicht nehmen , der Herr St. Julien sieht dem seligen Herrn Blainville ähnlich , wie ein Tropfen Wasser dem andern , und Gott weiß , wie das zusammenhängt . Unsern kleinen Herrn habe ich selbst gewartet und habe tausend Mal das kleine braune Maal unter dem linken Auge betrachtet , das hat nun der Herr St. Julien auch , und das ist doch wunderbar genug . Aber liebe Freundin , sagte Dübois , ich habe Ihnen alle Verhältnisse des Herrn St. Julien auseinander gesetzt . Seine Mutter lebt und wird in Kurzem hier sein , um den Sohn abzuholen . Das kann sein , sagte die Wittwe des Professors , aber ich habe es öfter gehört , daß , wenn man ein Kind brauchte und Gott keins gewährte , man sich ein fremdes verschafft hat . Meine theure Freundin , welchen Gedanken erregen Sie in mir , rief Dübois in freudiger Bestürzung . Ich werde hier bleiben , sagte die Professorin trotzig , bis die Frau Mutter kommt . Ich werde sehen , wie das zusammenhängt , denn so ähnlich sieht ein Mensch dem andern nicht durch Zufall . Sie zeigen mir eine Hoffnung , sagte Dübois , indem er die Hände seiner Freundin zitternd faßte , die mein altes Herz nicht mehr zu hegen wagte ; aber um Gottes Willen , lassen Sie uns der Gräfin nichts davon sagen ; ich glaube , sie würde sterben , wenn wir in ihr eine Vermuthung erregten , die sich nur zu wahrscheinlich in kurzer Zeit als nichtig erweisen wird . Glauben Sie nur sicher , erwiederte die Wittwe des Professors , daß ich schweigen kann , wenn ich will und wenn es mir nöthig scheint . Ich rede nur , wo ich es für gut halte , und meinen Schreck habe ich nun auch überstanden . Ich werde jetzt auch mit dem Herrn St. Julien ganz ruhig reden können und werde meine Zeit abwarten , wenn ich es für gut halte , hervorzutreten . Aber sagen Sie mir doch , hat denn die große Aehnlichkeit die Gräfin auf gar keine Vermuthung geführt ? Ich glaube wohl , erwiederte Dübois , daß sie beim ersten Anblicke des jungen Mannes eine schwache Hoffnung hatte , aber da ja seine Mutter lebt , so mußte sie bald das Nichtige derselben erkennen . So sind die vornehmen Leute , grollte seine Freundin . Daß man ein Kind stehlen kann , ist ihr gewiß noch gar nicht eingefallen . Nun ich betrachte es als eine Fügung Gottes , daß ich hieher habe kommen müssen , und ich werde mir die Frau Mutter des Herrn St. Juliens etwas genauer betrachten , ehe der hinweg geht , den ich für unsern kleinen Herrn halte . Der Haushofmeister fing selbst an nach so bestimmten Aussprüchen seiner Freundin Hoffnungen zu nähren und ermahnte nur die lebhafte Frau zur Behutsamkeit und Vorsicht , und Beide beschlossen , weder dem Grafen noch seiner Gemahlin das Geringste von ihren Vermuthungen vor der Ankunft der Mutter des jungen Mannes mitzutheilen , und dann ihr Betragen nach den Umständen einzurichten . Während dieser verschiedenen Unterredungen war der Prediger mit dem Arzte in dessen Zimmer , wo Beide , während sie eifrig Tabak rauchten , sich darin vereinigten , das Betragen des alten Lorenz und seines Sohnes zu tadeln , der Prediger aber dennoch dem Arzte rieth , sich klüger und mit mehr Mäßigung als bisher gegen Beide zu benehmen . Der Doktor Lindbrecht wollte außer sich gerathen , daß ein Geistlicher ihn , wie er es nannte , zur Falschheit ermahnen wollte , da er mit seiner Feuerseele keinen Schurken sehen könne , ohne ihm seine Verachtung zu zeigen , und keinen Verläumder , ohne ihn mit männlicher Kühnheit zu widerlegen . Der Pfarrer bewies mehr Geduld als gewöhnlich gegen den Arzt , um ihm überzeugend zu beweisen , daß dieses thörichte Angreifen des jungen Lorenz nicht allein für ihn selbst unangenehme Folgen haben würde , sondern auch leicht dem Grafen nachtheilig werden könne , so lange die Franzosen noch ihre Besatzung im Lande hätten und noch immer gewissermaßen die Herren spielten . Sie hörten ja selbst , schloß er , daß der elende Mensch , der junge Lorenz , sich wie mit einer ehrenvollen Sache damit brüstete , daß er im Dienste eines französischen Generals sei . Bedenken Sie , was daraus alles entstehen kann , wenn Sie in so offenbarer Feindschaft mit ihm leben , daß Sie ihn angreifen , wo Sie ihn treffen . Der Arzt sah endlich die Nothwendigkeit ein , die Glut seiner Seele zu beherrschen , wie er sagte , und er hatte bald Gelegenheit , eine Probe seiner Mäßigung und Klugheit abzulegen . Als der Geistliche seinen widerstrebenden Freund endlich mit Mühe auf die Bahn der Klugheit geleitet hatte , begaben sich Beide nach dem Gesellschaftssaale , wo sie den Grafen und den Obristen schon fanden , noch in erste Gespräche vertieft , die den Obristen , so schien es , lebhaft angeregt hatten , denn er betrachtete mit Rührung sein schönes Kind , als Emilie mit ihrer Freundin Therese fast zu gleicher Zeit den Saal betrat , begleitet von Marie und den Töchtern des Predigers , die sämmtlich etwas erhitzt nach ihren lebhaften Spielen eintraten . Da die jungen Männer sich ebenfalls mit der Gesellschaft vereinigten und kurz darauf auch die Gräfin erschien , so konnte die Musik beginnen , worauf sich heute St. Julien besonders freute , da er ein zärtliches Duett mit Emilie vorzutragen hatte , welches auch glänzend gelang , weil die eigene Empfindung sich den Tönen vertraute und Beide ihr unschuldiges Geheimniß , welches sie sich selbst noch nicht gestanden hatten , in fremde Worte gehüllt , schwebend auf himmlischen Tönen , öffentlich bekannten . Es gibt wohl wenige Menschen , auf die Musik gar keinen Eindruck macht ; auch war nicht Einer in der Gesellschaft , der sie nicht auf seine Weise empfand , aber doch war Niemand so davon ergriffen , als die Verwandte des Arztes . Die Wangen des jungen Mädchens glühten und die großen blauen Augen strebten vergeblich die Thränen zurück zu halten , die zu ihrer Angst und Qual wie Thautropfen auf Rosen glänzten . Emilie näherte sich ihr nach beendigtem Gesange mitleidig , denn alle Schüchternheit , die sie im Garten bei lebhaften Spielen verloren hatte , war zurückgekehrt in der ernsthaften vornehmen Gesellschaft . Macht Musik einen so traurigen Eindruck auf Sie , fragte Emilie das junge Mädchen leise , daß Sie Ihre Thränen nicht zurückhalten können ? O ! flüsterte Marie lebhaft und leise , ich habe niemals andern Gesang gehört , als in der Kirche und zuweilen von Studenten auf der Straße , weil die Mutter mich nirgends hingehen ließ . In der Kirche habe ich auch so mitgesungen , wie alle Andern , aber lieber Gott , was ist das für ein Unterschied ! Wie Sie hier sangen , war mir zu Muthe , als ob der Himmel geöffnet wäre und die Engel von oben herunter sängen . Ja gewiß , ich habe es schon heute bemerkt , hier sind alle Herrlichkeiten vereinigt in diesem Schlosse und Garten , und die Menschen darin leben , wie die Seligen im Paradiese ; durch diese Mauern dringt keine Noth , und was Jammer und Schmerzen bedeuten , wissen Sie nicht . Emilie lächelte still . Sie dachte an die jammernden Gebete , die hier zum Himmel aufgestiegen waren , an die in diesen Sälen verhallten Seufzer , an die zahllosen Thränen , die beinah alle Bewohner schon vergossen hatten , und entfernte sich von Marie , um nicht durch deren kindliches Gerede sich selbst zur Wehmuth stimmen zu lassen . Die Stimmung der Gesellschaft veränderte sich , als ein Bote , den der Graf nach der nächsten Stadt geschickt hatte , zurückkehrte und unter mehreren Briefen auch ein Schreiben an den Grafen mitbrachte , worin ihm aufgetragen wurde , den französischen Kapitain St. Julien ungesäumt vor den Kommandanten der Festung * * * zu stellen , die Bescheinigung , daß solches geschehen sei , der Behörde einzuliefern und zugleich anzugeben , weßhalb er den besagten St. Julien bei sich behalten und auf welche Autorität , statt ihn den Behörden einzuliefern . Dieses Schreiben verscheuchte die Heiterkeit , die noch eben die Gesellschaft belebt hatte , denn es mahnte ernsthaft an die nahe Trennung , und rief außerdem manches Ernste und Kummervolle lebendig hervor , was sich Jeder gern zu verhüllen bestrebt hatte . Die Männer vereinigten sich , um zu berathen , was nun geschehen müsse , und indem Alles überlegt wurde , erkannte der Graf von Neuem , wie vielen Dank er dem Prediger schuldig sei , der damals schon , als St. Julien leblos in das Haus des Grafen gebracht wurde , mit Besonnenheit und Genauigkeit dafür gesorgt hatte , daß man gehörig antworten und sein Betragen rechtfertigen konnte . Es wurde nach ernsthafter Berathung beschlossen , daß gleich des anderen Tages St. Julien nach der Festung * * * abreisen solle , begleitet von dem Grafen und dem Arzte , von dem Ersten , damit die für die preußische Behörde erforderliche Bescheinigung nicht verweigert würde , und von dem Zweiten , damit erforderlichen Falls ein Zeugniß abgelegt werden könne , durch welches der junge Mann gerechtfertigt würde , so daß sein Ausbleiben von seinem Regimente nicht zu seinem Nachtheil für eine willkührliche Handlung ausgegeben werden könnte . Sobald Sie die Bescheinigung vom Kommandanten erhalten haben , sagte der Prediger , dann senden wir mit dieser die Eingabe zugleich ein , die wir machten , um anzuzeigen , wie ein französischer Offizier verwundet im Walde gefunden worden sei , nebst dem Zeugnisse der Aerzte über seinen gefährlichen Zustand und dem Bescheide der Behörde , daß besagter Offizier so lange unter Ihrer Obhut bleiben könne , bis weiter über ihn verfügt würde , und so sind alle Unannehmlichkeiten vermieden . Der Graf sah dieß wohl ein , und sein Blick trübte sich , nicht aus Besorgniß vor Unannehmlichkeiten , wie der Prediger zu glauben schien , sondern er verdüsterte sich bei dem Gedanken an die baldige unvermeidliche Trennung . Er reichte St. Julien die Hand , die dieser zärtlich drückte , indem er schweigend die großen dunkeln Augen abwendete , die überzuströmen drohten . Gustav näherte sich dem jungen Grafen , der sich still und sinnend an eine Fenstervertiefung lehnte , und dessen umwölkte Stirn zeigte , daß noch andere Gedanken sein Gemüth bewegten , und nicht allein die nahe Trennung . Emilie war blaß geworden und hatte mit der Gräfin den Saal verlassen . Der Arzt war , nachdem er vernommen hatte , daß sein Zeugniß bei dem französischen Generale vielleicht nöthig sein würde , im Gefühle seiner Wichtigkeit einige Mal mit hastigen Schritten im Saale auf und abgegangen , und zog sich nun in sein Zimmer zurück , einen weitläuftigen Krankenbericht aufzusetzen , den er dem Kommandanten der Festung * * * vorzulegen gedachte , um ihn zu belehren , wie gründlich und vollkommen nach den Regeln der Kunst St. Juliens Wunden geheilt worden wären . So war die Heiterkeit und Freude aus dem Kreise der Freunde entflohen und kehrte auch nicht für diesen Abend zurück , als man sich von Neuem vereinigte . Jeder fühlte das Bedürfniß , sich ungestört seinen Gedanken zu überlassen , und man trennte sich deßhalb früher als gewöhnlich . Der Graf und St. Julien waren am andern Morgen in Begleitung des Arztes nach der Festung * * * abgereist , und der junge Graf , der sie zu Pferde eine Strecke begleitet hatte , war zurückgekehrt , und wandelte einsam und traurig in den dunkeln Baumgängen des Gartens . Sein Schützling und Freund , der junge Gustav , hatte sich zu ihm gesellt , und suchte ängstlich und schweigend aus den trüben Blicken seines Beschützers dessen Kummer zu errathen . Endlich brach der Graf Robert das Schweigen , indem er sagte : Bald wird nun hier alles auseinander gehen , was sich so schön zusammen gefunden hat , und auch von Dir , mein guter Junge , muß ich mich nun bald trennen . Sie haben es selbst gewollt , erwiederte der Jüngling schüchtern , ich wäre gern bei Ihnen geblieben . Das wäre eine Thorheit gewesen , versetzte der junge Graf . Dein eigenes Bestes fordert die Trennung , Du mußt Deine Studien vollenden . Aber vergiß nur über Deinen Studien nicht , daß Du ein Vaterland hast , denke daran , daß Dein König Deiner vielleicht in der Zukunft bedarf , und daß es die erste und edelste Pflicht aller Männer jedes Standes ist , ihrem Vaterlande ihren Arm zu leihen , wenn ihn dasselbe zu seinem Schutze bedürfen sollte ; kurz , gedenke aller unserer Gespräche , die wir führten , wenn wir unser Vaterland beweinten , aber gedenke ihrer in Deinem verschwiegenen Innern und lasse Dich nicht verleiten , Knaben zu vertrauen , worüber sich nur Männer berathen sollen . Lasse Dich nicht dadurch täuschen , daß Du vielleicht denkst , ich habe ja doch auch manches Ernste mit Dir besprochen , ohne Deine Jugend als Hinderniß zu betrachten . Dich hat ein hartes Schicksal erzogen und Dich frühe gereift ; Deine Seele ist männlich geworden , obwohl Du noch ein Jüngling bist . Ich werde gewiß alle Ihre Lehren in treuer Brust bewahren , erwiederte der Jüngling , und gewiß nicht der letzte sein , der , wenn es gilt , dem Vaterlande seine Dienste anbietet . Ich habe den Krieg in der Nähe gesehen , ich habe alle Leiden erfahren , die er herbei führen kann , und ich bin eben darum meiner um so gewisser , wenn es einmal dazu kommt ; denn mich kann nichts Unerwartetes erschrecken und entmuthigen , und kein neuer grausenhafter Anblick kann meine Seele verwirren , und dennoch , wenn ich hier in diesen Baumgängen friedlich mit Herrn St. Julien auf und abgehe , so treibt mich oft der Gedanke auf ein Mal von ihm , daß er zu unsern Feinden gehört , und heute hat es mich recht mit