hat mich ja doch noch nicht Schlittschuhe laufen sehen , und das Wetter ist heut so schön « usw. - Ich zog meinen karmoisinroten Pelz an , der einen langen Schlepp hatte und vorn herunter mit goldnen Spangen zugemacht war , und so fahren wir denn hinaus , da schleift mein Sohn herum wie ein Pfeil zwischen den andern durch , die Luft hatte ihm die Backen rot gemacht , und der Puder war aus seinen braunen Haaren geflogen , wie er nun den karmoisinroten Pelz sieht , kommt er herbei an die Kutsche und lacht mich ganz freundlich an , - » nun , was willst du ? « sag ich . » Ei Mutter , Sie hat ja doch nicht kalt im Wagen , geb Sie mir Ihren Sammetrock « , - » du wirst ihn doch nicht gar anziehen wollen « , - » freilich will ich ihn anziehen . « - Ich zieh halt meinen prächtig warmen Rock aus , er zieht ihn an , schlägt die Schleppe über den Arm , und da fährt er hin , wie ein Göttersohn auf dem Eis ; Bettine , wenn du ihn gesehen hättest ! ! - So was Schönes gibt ' s nicht mehr , ich klatschte in die Hände vor Lust ! Mein Lebtag seh ich noch , wie er den einen Brückenbogen hinaus und den andern wieder herein lief , und wie da der Wind ihm den Schlepp lang hinten nachtrug , damals war Deine Mutter mit auf dem Eis , der wollte er gefallen . Nun , bei dieser Geschichte kann ich wieder sagen , was ich Dir in Töplitz sagte : daß es mich immer durchglüht , wenn ich an Deine Jugend denke , ja es durchglüht mich auch , und ich hab einen ewigen Genuß daran . - Wie freut es einem , den Baum vor der Haustür , den man seit der Kindheit kennt , im Frühjahr wieder grünen und Blüten gewinnen zu sehen ; - wie freut es mich , da Du mir ewig blühst , wenn zuzeiten Deine Blüten eine innigere höhere Farbe ausstrahlen und ich in lebhafter Erinnerung mein Gesicht in die Kelche hineinsenke und sie ganz einatme . - Am 28. November Bettine An Goethe Ich weiß , daß Du alles , was ich Dir von Dir erzähle , nicht wirst brauchen können , ich hab in einer einsamen Zeit über diesen einzelnen Momenten geschwebt wie der Tau auf den Blumen , der im Sonnenschein ihre Farben spiegelt . Noch immer seh ich Dich so verherrlicht , aber mir ist ' s unmöglich , es Dir darstellend zu beweisen , Du bist bescheiden und wirst ' s auf sich beruhen lassen , Du wirst mir ' s gönnen , daß Deine Erscheinung grade mich anstrahlte ; ich war die Einsame , die durch Zufall oder vielmehr durch bewußtlosen Trieb zu Deinen Füßen sich einfand . - Es kostet mir Mühe , und ich kann nur ungenügend darlegen , was so eng mit meinem Herzen verbunden ist , das doch einmal in meiner Brust wohnt und sich nicht so ganz ablöst . - Indessen bedurft es nur ein Wort von Dir , daß ich diese Kleinodien rauh und ungeglättet , wie ich sie empfing , wieder in Deinen ungeheueren Reichtum hereinwerfe ; was in die Stirn , die liebendes Denken geründet hat , in meinen Blick , der mit Begeistrung auf Dich gerichtet war , in die Lippen , die von diesem Liebesgeist gerührt zu Dir sprachen , hierdurch eingeprägt ward , das kann ich nicht wiedergeben , es entschwebt , wie der Ton der Musik entschwebt und für sich besteht in dem Augenblick , da sie aufgeführt wird . Jeder Anekdote , die ich hinschreibe , möchte ich ein Lebewohl zurufen ; - die Blumen sollen abgebrochen werden , damit sie noch in ihrer Blüte ins Herbarium kommen . So hab ich mir ' s nicht gedacht , da ich Dir in meinem vorletzten Brief meinen Garten so freundlich anbot , lächelst Du ? - Du wirst doch alles überflüssige Laub absondern und des Taus noch des Sonnenscheins nicht mehr achten , der außer meinem Territorium nicht mehr drauf ruht . - Der Schütze wird nicht müde , tausend und tausend Pfeile zu versenden , der nach der Liebe zielt . Er spannt abermal , zieht die Senne bis ans Aug heran , blickt scharf und zielt scharf ; und Du ! Sieh diese verschoßnen Pfeile , die zu Deinen Füßen hinsinken , gnädig an und denke , daß ich mich nicht zurückhalten kann , - Dir ewig dasselbe zu sagen . - Und berührt Dich ein solcher Pfeil niemals , auch nur ein kleines wenig ? - Dein Großvater war ein Träumender und Traumdeuter , es ward ihm vieles über seine Familie durch Träume offenbar , einmal sagte er einen großen Brand , dann die unvermutete Ankunft des Kaisers voraus ; dieses war zwar nicht beachtet worden , doch hatte es sich in der Stadt verbreitet und erregte allgemeines Staunen , da es eintraf . Heimlich vertraute er seiner Frau , ihm habe geträumt , daß einer der Schöffen ihm sehr verbindlicherweise seinen Platz angeboten habe , nicht lange darauf starb dieser am Schlag , seine Stelle wurde durch die goldne Kugel Deinem Großvater zuteil . Als der Schultheiß gestorben war , wurde noch in später Nacht durch den Ratsdiener auf den andern Morgen eine außerordentliche Ratsversammlung angezeigt , das Licht in seiner Laterne war abgebrannt , da rief der Großvater aus seinem Bette : » Gebt ihm ein neues Licht , denn der Mann hat ja doch die Mühe bloß für mich . « Kein Mensch hatte diese Worte beachtet , er selbst äußerte am andern Morgen nichts und schien es vergessen zu haben , seine älteste Tochter ( Deine Mutter ) hatte sich ' s gemerkt und hatte einen festen Glauben dran , wie nun der Vater ins Rathaus gegangen war , steckte sie sich nach ihrer eignen Aussage in einen unmenschlichen Staat und frisierte sich bis an den Himmel . In dieser Pracht setzte sie sich mit einem Buch in der Hand im Lehnsessel ans Fenster . Mutter und Schwestern glaubten , die Schwester Prinzeß ( so wurde sie wegen ihrem Abscheu vor häuslicher Arbeit und Liebe zur Kleiderpracht und Lesen genannt ) sei närrisch , sie aber versicherte ihnen , sie würden bald hinter die Bettvorhänge kriechen , wenn die Ratsherren kommen würden , ihnen wegen dem Vater , der heute zum Syndikus erwählt werde , zu gratulieren , da nun die Schwestern sie noch wegen ihrer Leichtgläubigkeit verlachten , sah sie vom hohen Sitz am Fenster den Vater im stattlichen Gefolge vieler Ratsherren daherkommen ; » versteckt euch « , rief sie , » dort kommt er und alle Ratsherren mit « , keine wollt es glauben , bis eine nach der andern den unfrisierten Kopf zum Fenster hinaus steckte und die feierliche Prozession daherschreiten sah , liefen alle davon und ließen die Prinzeß allein im Zimmer , um sie zu empfangen . Diese Traumgabe schien auf die eine Schwester fortgeerbt zu haben , denn gleich nach Deines Großvaters Tod , da man in Verlegenheit war , das Testament zu finden , träumte ihr , es sei zwischen zwei Brettchen im Pult des Vaters zu finden , die durch ein geheimes Schloß verbunden waren , man untersuchte das Pult und fand alles richtig . Deine Mutter aber hatte das Talent nicht , sie meinte , es komme von ihrer heitern , sorglosen Stimmung und ihrer großen Zuversicht zu allem Guten , grade dies mag wohl ihre prophetische Gabe gewesen sein , denn sie sagte selbst , daß sie in dieser Beziehung sich nie getäuscht habe . Deine Großmutter kam einst nach Mitternacht in die Schlafstube der Töchter und blieb da bis am Morgen , weil ihr etwas begegnet war , was sie vor Angst sich nicht zu sagen getraute , am andern Morgen erzählte sie , daß etwas im Zimmer geraschelt habe wie Papier , in der Meinung , das Fenster sei offen und der Wind jage die Papiere von des Vaters Schreibpult im anstoßenden Studierzimmer umher , sei sie aufgestanden , aber die Fenster seien geschlossen gewesen . Da sie wieder im Bett lag , rauschte es immer näher und näher heran mit ängstlichem Zusammenknittern von Papier , endlich seufzte es tief auf und noch einmal dicht an ihrem Angesicht , daß es sie kalt anwehte , darauf ist sie vor Angst zu den Kindern gelaufen ; kurz hiernach ließ sich ein Fremder melden , da dieser nun auf die Hausfrau zuging und ein ganz zerknittertes Papier ihr darreichte , wandelte sie eine Ohnmacht an . Ein Freund von ihr , der in jener Nacht seinen herannahenden Tod gespürt , hatte nach Papier verlangt , um der Freundin in einer wichtigen Angelegenheit zu schreiben , aber noch ehe er fertig war , hatte er , vom Todeskrampf ergriffen , das Papier gepackt , zerknittert und damit auf der Bettdecke hin und her gefahren , endlich zweimal tief aufgeseufzt , und dann war er verschieden ; obschon nun das , was auf dem Papiere geschrieben war , nichts Entscheidendes besagte , so konnte sich die Freundin doch vorstellen , was seine letzte Bitte gewesen , Dein edler Großvater nahm sich einer kleinen Waise jenes Freundes , die keine rechtlichen Ansprüche an sein Erbe hatte , an , ward ihr Vormund , legte eine Summe aus eignen Mitteln für sie an , die Deine Großmutter mit manchem kleinen Ersparnis mehrte . Seit diesem Augenblick verschmähte Deine Mutter keine Vorbedeutungen noch Ähnliches , sie sagte : » Wenn man es auch nicht glaubt , so soll man es auch nicht leugnen oder gar verachten « , das Herz werde durch dergleichen tief gerührt . Das ganze Schicksal entwickle sich oft an Begebenheiten , die so unbedeutend erscheinen , daß man ihrer gar nicht erwähne , und innerlich so gelenk und heimlich arbeiten , daß man es kaum empfinde ; » noch täglich « , sagte sie , » erleb ich Begebenheiten , die kein andrer Mensch beachten würde , aber sie sind meine Welt , mein Genuß und meine Herrlichkeit ; wenn ich in einen Kreis von langweiligen Menschen trete , denen die aufgehende Sonne kein Wunder mehr ist , und die sich über alles hinaus glauben , was sie nicht verstehen , so denk ich in meiner Seele : ja , meint nur , ihr hättet die Welt gefressen , wüßtet ihr , was die Frau Rat heute alles erlebt hat ! « Sie sagte mir , daß sie sich in ihrem ganzen Leben nicht mit der ordinären Tagsweise habe begnügen können , daß ihr starker Geist auch wichtige und tüchtige Begebenheiten habe verdauen wollen , und daß ihr dies auch in vollem Maße begegnet sei , sie sei nicht allein um ihres Sohnes willen da , sondern der Sohn auch um ihrentwillen ; und sie könne sich wohl ihres Anteils an Deinem Wirken und an Deinem Ruhm versichert halten , indem sich ja auch kein vollendeteres und erhabeneres Glück denken lasse , als um des Sohnes willen allgemein so geehrt zu werden ; sie hatte recht , wer braucht das noch zu beleuchten , es versteht sich von selbst . So entfernt Du von ihr warst , so lange Zeit auch : Du warst nie besser verstanden als von ihr ; während Gelehrte , Philosophen und Kritiker Dich und Deine Werke untersuchten , war sie ein lebendiges Beispiel , wie Du aufzunehmen seist . Sie sagte mir oft einzelne Stellen aus Deinen Büchern vor , so zu rechter Zeit , so mit herrlichem Blick und Ton , daß in diesen auch meine Welt anfing , lebendigere Farbe zu empfangen , und Geschwister und Freunde dagegen in die Schattenseite traten . Das Lied : » O laß mich scheinen , bis ich werde « legte sie herrlich aus , sie sagte , daß dies allein schon beweisen müsse , welche tiefe Religion in Dir sei , denn Du habest den Zustand darin beschrieben , in dem allein die Seele wieder sich zu Gott schwingen könne , nämlich ohne Vorurteile , ohne selbstische Verdienste aus reiner Sehnsucht zu ihrem Erzeuger ; und daß die Tugenden , mit denen man glaube , den Himmel stürmen zu können , lauter Narrenspossen seien , und daß alles Verdienst vor der Zuversicht der Unschuld die Segel streichen müsse , diese sei der Born der Gnade , der alle Sünde abwasche , und jedem Menschen sei diese Unschuld eingeboren und sei das Urprinzip aller Sehnsucht nach einem göttlichen Leben ; auch in dem verwirrtesten Gemüt vermittele sich ein tiefer Zusammenhang mit seinem Schöpfer , in jener unschuldigen Liebe und Zuversicht , die sich trotz aller Verirrungen nicht ausrotten lasse , an diese solle man sich halten , denn es sei Gott selber im Menschen , der nicht wolle , daß er in Verzweiflung aus dieser Welt in jene übergehe , sondern mit Behagen und Geistesgegenwart , sonst würde der Geist wie ein Trunkenbold hinüberstolpern und die ewigen Freuden durch sein Lamento stören , und seine Albernheit würde da keinen großen Respekt einflößen , da man ihm erst den Kopf wieder müsse zurechtsetzen . Sie sagte von diesem Lied , es sei der Geist der Wahrheit mit dem kräftigen Leib der Natur angetan , und nannte es ihr Glaubensbekenntnis , die Melodien waren elend und unwahr gegen den Nachdruck ihres Vortrags und gegen das Gefühl , was in vollem Maße aus ihrer Stimme hervorklang . Nur wer die Sehnsucht kennt ; ihr Auge ruhte dabei auf dem Knopf des Katharinenturms , der das letzte Ziel der Aussicht war , die sie vom Sitz an ihrem Fenster hatte , die Lippen bewegten sich herb , die sie am End immer schmerzlich-ernst schloß , während ihr Blick in die Ferne verloren glühte , es war , als ob ihre Jugendsinne wieder anschwellen , dann drückte sie mir wohl die Hand und überraschte mich mit den Worten : » Du verstehst den Wolfgang und liebst ihn . « - Ihr Gedächtnis war nicht allein merkwürdig , es war sehr herrlich ; der Eindruck mächtiger Gefühle entwickelte sich in seiner vollen Gewalt bei ihren Erinnerungen , und hier will ich Dir die Geschichte , die ich Dir schon in München mitteilen wollte , und die so wunderbar mit ihrem Tode zusammenhing , als Beispiel ihres großen Herzens hinschreiben , so einfach wie sie mir selbst es erzählt hat . Eh ich ins Rheingau reiste , kam ich , um Abschied zu nehmen , sie sagte , indem sich ein Posthorn auf der Straße hören ließ , daß ihr dieser Ton immer noch das Herz durchschneide , wie in ihrem siebenzehnten Jahre , damals war Karl VII. , mit dem Zunamen der Unglückliche , in Frankfurt , alles war voll Begeisterung über seine große Schönheit , am Karfreitag sah sie ihn im langen schwarzen Mantel zu Fuß mit vielen Herren und schwarzgekleideten Pagen die Kirchen besuchen . » Himmel , was hatte der Mann für Augen ; wie melancholisch blickte er unter den gesenkten Augenwimpern hervor ! - Ich verließ ihn nicht , folgte ihm in alle Kirchen , überall kniete er auf der letzten Bank unter den Bettlern und legte sein Haupt eine Weile in die Hände , wenn er wieder emporsah , war mir ' s allemal wie ein Donnerschlag in der Brust ; da ich nach Hause kam , fand ich mich nicht mehr in die alte Lebensweise , es war , als ob Bett , Stuhl und Tisch nicht mehr an dem gewohnten Ort ständen , es war Nacht geworden , man brachte Licht herein , ich ging ans Fenster und sah hinaus auf die dunklen Straßen , und wie ich die in der Stube von dem Kaiser sprechen hörte , da zitterte ich wie Espenlaub , am Abend in meiner Kammer legte ich mich vor meinem Bett auf die Knie und hielt meinen Kopf in den Händen wie er , es war nicht anders , wie wenn ein großes Tor in meiner Brust geöffnet wär ; meine Schwester , die ihn enthusiastisch pries , suchte jede Gelegenheit , ihn zu sehen , ich ging mit , ohne daß einer ahnte , wie tief es mir zu Herzen gehe , einmal , da der Kaiser vorüberfuhr , sprang sie auf einen Prallstein am Wege und rief ihm ein lautes Vivat zu , er sah heraus und winkte freundlich mit dem Schnupftuch , sie prahlte sich sehr , daß der Kaiser ihr so freundlich gewinkt habe , ich war aber heimlich überzeugt , daß der Gruß mir gegolten habe , denn im Vorüberfahren sah er noch einmal rückwärts nach mir ; ja beinah jeden Tag , wo ich Gelegenheit hatte , ihn zu sehen , ereignete sich etwas , was ich mir als ein Zeichen seiner Gunst auslegen konnte , und am Abend , in meiner Schlafkammer , kniete ich allemal vor meinem Bett und hielt den Kopf in meinen Händen , wie ich von ihm am Karfreitag in der Kirche gesehen hatte , und dann überlegte ich , was mir alles mit ihm begegnet war , und so baute sich ein geheimes Liebeseinverständnis in meinem Herzen auf , von dem mir unmöglich war zu glauben , daß er nichts davon ahne , ich glaubte gewiß , er habe meine Wohnung erforscht , da er jetzt öfter durch unsere Gasse fuhr wie sonst und allemal heraufsah nach den Fenstern und mich grüßte . O , wie war ich den vollen Tag so selig , wo er mir am Morgen einen Gruß gespendet hatte ; da kann ich wohl sagen , daß ich weinte vor Lust . - Wie er einmal offne Tafel hielt , drängte ich mich durch die Wachen und kam in den Saal , statt auf die Galerie . Es wurde in die Trompeten gestoßen , bei dem dritten Stoß erschien er in einem roten Sammetmantel , den ihm zwei Kammerherren abnahmen , er ging langsam mit etwas gebeugtem Haupt . Ich war ihm ganz nah und dachte an nichts , daß ich auf dem unrechten Platz wäre , seine Gesundheit wurde von allen anwesenden großen Herren getrunken , und die Trompeten schmetterten drein , da jauchzte ich laut mit , der Kaiser sah mich an , er nahm den Becher , um Bescheid zu tun und nickte mir , ja , da kam mir ' s vor , als hätte er den Becher mir bringen wollen , und ich muß noch heute daran glauben , es würde mir zuviel kosten , wenn ich diesen Gedanken , dem ich so viel Glückstränen geweint habe , aufgeben müßte , warum sollte er auch nicht , er mußte ja wohl die große Begeistrung in meinen Augen lesen ; damals im Saal bei dem Geschmetter der Pauken und Trompeten , die den Trunk , womit er den Fürsten Bescheid tat , begleiteten , ward ich ganz elend und betäubt , so sehr nahm ich mir diese eingebildete Ehre zu Herzen , meine Schwester hatte Mühe , mich hinauszubringen an die frische Luft , sie schmälte mit mir , daß sie wegen meiner des Vergnügens verlustig war , den Kaiser speisen zu sehen , sie wollte auch , nachdem ich am Röhrbrunnen Wasser getrunken , versuchen , wieder hineinzukommen , aber eine geheime Stimme sagte mir , daß ich an dem , was mir heute beschert geworden , mir solle genügen lassen , und ging nicht wieder mit ; nein , ich suchte meine einsame Schlafkammer auf und setzte mich auf den Stuhl am Bett und weinte dem Kaiser schmerzlich süße Tränen der heißesten Liebe , am andern Tag reiste er ab , ich lag früh morgens um vier Uhr in meinem Bett , der Tag fing eben an zu grauen , es war am 17. April , da hörte ich fünf Posthörner blasen , das war er , ich sprang aus dem Bett , vor übergroßer Eile fiel ich in die Mitte der Stube und tat mir weh , ich achtete es nicht und sprang ans Fenster , in dem Augenblick fuhr der Kaiser vorbei , er sah schon nach meinem Fenster , noch eh ich es aufgerissen hatte , er warf mir Kußhände zu und winkte mir mit dem Schnupftuch , bis er die Gasse hinaus war . Von der Zeit an habe ich kein Posthorn blasen hören , ohne dieses Abschieds zu gedenken , und bis auf den heutigen Tag , wo ich den Lebensstrom seiner ganzen Länge nach durchschifft habe und eben im Begriff bin , zu landen , greift mich sein weitschallender Ton noch schmerzlich an , und wo so vieles , worauf die Menschen Wert legen , rund um mich versunken ist , ohne daß ich Kummer darum habe . Soll man da nicht wunderliche Glossen machen , wenn man erleben muß , daß eine Leidenschaft , die gleich im Entstehen eine Chimäre war , alles Wirkliche überdauert und sich in einem Herzen behauptet , dem längst solche Ansprüche als Narrheit verpönt sind ? Ich hab auch nie Lust gehabt , davon zu sprechen , es ist heute das erstemal . Bei dem Fall , den ich damals vor übergroßer Eile tat , hatte ich mir das Knie verwundet , an einem großen Brettnagel , der etwas hoch aus den Dielen hervorstand , hatte ich mir eine tiefe Wunde über dem rechten Knie geschlagen , der scharfgeschlagne Kopf des Nagels bildete die Narbe als einen sehr feinen regelmäßigen Stern , den ich oft darauf ansah während den vier Wochen , in denen bald darauf der Tod des Kaisers mit allen Glocken jeden Nachmittag eine ganze Stunde eingeläutet wurde , ach , was hab ich da für schmerzliche Stunden gehabt , wenn der Dom anfing zu läuten mit der großen Glocke , es kamen erst so einzelne mächtige Schläge , als wanke er trostlos hin und her , nach und nach klang das Geläut der kleinen Glocken und der ferneren Kirchen mit , es war , als ob alle über den Trauerfall seufzten und weinten ; und die Luft war so schauerlich , es war gleich bei Sonnenuntergang , da hörte es wieder auf zu läuten , eine Glocke nach der andern schwieg , bis der Dom , so wie er angefangen hatte zu klagen , auch die allerletzten Töne in die Nachtdämmerung seufzte ; damals war die Narbe über meinem Knie noch ganz frisch , ich betrachtete sie jeden Tag und erinnerte mich dabei an alles . « Deine Mutter zeigte mir ihr Knie , über dem das Mal in Form eines sehr deutlichen regelmäßigen Sternes ausgebildet war , sie reichte mir die Hand zum Abschied und sagte mir noch in der Tür , sie habe niemals hiervon mit jemand gesprochen als nur mit mir ; wie ich kaum im Rheingau war , schrieb ich mir aus der Erinnerung so viel wie möglich mit ihren eignen Worten alles auf , denn ich dachte gleich , daß Dich dies gewiß einmal interessieren müsse , nun hat aber der Mutter Tod dieser kindlichen Liebesgeschichte , von der ich mir denken kann , daß sie kein edles männliches Herz , viel weniger den Kaiser würde haben ungerührt gelassen , eine herrliche Krone aufgesetzt und sie zu etwas vollendet Schönem gestempelt . - Im September wurde mir ins Rheingau geschrieben , die Mutter sei nicht wohl , ich beeilte meine Rückkehr , mein erster Gang war zu ihr , der Arzt war grade bei ihr , sie sah sehr ernst aus , als er weg war , reichte sie mir lächelnd das Rezept hin und sagte : » Da lese , welche Vorbedeutung mag das haben , ein Umschlag von Wein , Myrrhen , Öl und Lorbeerblättern , um mein Knie zu stärken , das mich seit diesem Sommer anfing zu schmerzen , und endlich hat sich Wasser unter der Narbe gesammelt , du wirst aber sehen , es wird nichts helfen mit diesen kaiserlichen Spezialien von Lorbeer , Wein und Öl , womit die Kaiser bei der Krönung gesalbt werden . Ich seh das schon kommen , daß das Wasser sich nach dem Herzen ziehen wird , und da wird es gleich aus sein « ; sie sagte mir Lebewohl und sie wolle mir sagen lassen , wenn ich wiederkommen solle ; ein paar Tage darauf ließ sie mich rufen , sie lag zu Bett , sie sagte : » Heute lieg ich wieder zu Bett wie damals , als ich kaum sechszehn Jahr alt war , an derselben Wunde « ; ich lachte mit ihr hierüber und sagte ihr scherzweise viel , was sie rührte und erfreute ; da sah sie mich noch einmal recht feurig an , sie drückte mir die Hand und sagte : » Du bist so recht geeignet , um mich in dieser Leidenszeit aufrecht zu halten , denn ich weiß wohl , daß es mit mir zu Ende geht . « Sie sprach noch ein paar Worte von Dir , daß ich nicht aufhören sollte , Dich zu lieben , und ihrem Enkel solle ich zu Weihnachten noch einmal die gewohnten Zuckerwerke in ihrem Namen senden , zwei Tage drauf , am Abend , wo ein Konzert in ihrer Nähe gegeben wurde , sagte sie : » Nun will ich im Einschlafen an die Musik denken , die mich bald im Himmel empfangen wird « , sie ließ sich auch noch Haare abschneiden und sagte , man solle sie mir nach ihrem Tode geben nebst einem Familienbild von Seekatz , worauf sie mit Deinem Vater , Deiner Schwester und Dir als Schäfer gekleidet in anmutiger Gegend abgemalt ist , am andern Morgen war sie nicht mehr , sie war nächtlich hinübergeschlummert . Das ist die Geschichte , die ich Dir schon in München versprochen hatte , jetzt , wo sie niedergeschrieben ist , weiß ich nicht , wie Du sie aufnehmen wirst , mir war sie immer als etwas ganz Außerordentliches vorgekommen , und ich habe bei ihr so manche Gelübde getan . Von Deinem Vater erzählte sie mir auch viel Schönes , er selbst war ein schöner Mann , sie heiratete ihn ohne bestimmte Neigung , sie wußte ihn auf mancherlei Weise zum Vorteil der Kinder zu lenken , denen er mit einer gewissen Strenge im Lernen zusetzte , doch muß er auch sehr freundlich gegen Dich gewesen sein , da er stundenlang mit Dir von zukünftigen Reisen sprach und Dir Deine Zukunft so glanzvoll wie möglich ausmalte , von einem großen Hausbau , den Dein Vater unternahm , erzählte die Mutter auch und wie sie Dich da als junges Kind oft mit großen Sorgen habe auf den Gerüsten herumklettern sehen . Als der Bau beendigt war , der Euer altes rumpeliges Haus mit Windeltreppen und ungleichen Etagen in eine schöne anmutige Wohnung umschuf , in der wertvolle Kunstgegenstände mit Geschmack die Zimmer verzierten , da richtete der Vater mit großer Umständlichkeit eine Bibliothek ein , bei der Du beschäftigt wurdest . Über Deines Vaters Leidenschaft zum Reisen erzählte die Mutter sehr viel . Seine Zimmer waren mit Landkarten , Planen von großen Städten behängt , und während Du die Reisebeschreibung vorlasest , spazierte er mit dem Finger darauf herum , um jeden Punkt aufzusuchen , dies sagte weder Deiner Ungeduld noch dem eilfertigen Temperament der Mutter zu , Ihr sehntet Euch nach Hindernissen solcher langweiligen Winterabende , die denn endlich auch durch die Einquartierung eines französischen Kommandanten in die Prachtstuben völlig unterbrochen wurden , hierdurch war nichts gebessert , der Vater war nicht zu trösten , daß seine kaum eingerichtete Wohnung , die ihm so manches Opfer gekostet hatte , der Einquartierung preisgegeben war , daraus erwuchs mancherlei Not , die Deine Mutter trefflich auszugleichen verstand ; ein paar Blätter mit Notizen schicke ich noch mit , ich kann sie nicht besser ausmalen , Dir aber können sie wohl zur Wiederaufweckung von tausenderlei Dingen dienen , die Du dann auch wieder in ihrem Zusammenhang finden wirst , die Liebesgeschichten aus Offenbach mit einem gewissen Gretchen , die nächtlichen Spaziergänge und was dergleichen mehr , hat Deine Mutter nie im Zusammenhang erzählt , und Gott weiß , ich hab mich auch gescheut , danach zu fragen . Bettine An Goethe Was mich so lange gefangen hielt , war die Musik , ungeschnittne Federn , schlechtes Papier , dicke Tinte , es treffen immer viel Umstände zusammen . Am 4. Dezember war kalt und schauerlich Wetter , es wechselte ab im Schneien , Regnen und Eisen - - - - - - - - - - was hab ich nun besseres zu tun , als Dein Herz warmzuhalten , die Unterweste hab ich so schmeichelnd warm gemacht als mir nur möglich . Denk an mich . Ich habe des Fürsten Radziwill seine Musik aus dem » Faust « gehört , das Lied vom Schäfer ist so einzig lebendig darstellend , kurz , alle löbliche Eigenschaften besitzend , daß es gewiß nimmermehr so trefflich kann komponiert werden . Das Chor : » Drinnen sitzt einer gefangen « , es geht einem durch Mark und Bein . - Das Chor der Geister , wo Faust einschlummert , herrlich ! Man hört den Polen durch , ein Deutscher hätt es nicht so angefangen , um so reizender . Es muß so leicht vorgetragen werden wie fliegende Spinnweb in den Sommerabenden . Zelter ist manchmal bei uns , ich suche herauszubringen , was er ist . Ungeschliffen ist er zwar , recht und unrecht hat er auch , Dich liebzuhaben behauptet er auch , er möchte der Welt dienen und führt Klage , daß sie sich ' s nicht will gefallen lassen , und daß er alle Weisheit für sich behalten muß . Einen Standpunkt hat er sich erwählt , von dem aus er sie von oben herab beschaut . Und der Welt ist ' s einerlei ,