vor einiger Zeit eine Fremde in meiner Nachbarschaft an . Ich erzähle Dir wohl einmal mehr von ihr . Sie ist krank , unglücklich , wahnsinnig , weiß der Himmel , was nicht alles ! genug , es ist so etwas Verhülltes , das mich faßt , mich an sie zieht . Du kennst mich ja . Moralische Räthsel finden an mir ihren Mann . Je verschlungener der Knoten ist , desto erpichter bin ich darauf , den Fäden nachzuspüren . Das ist meine Aufgabe . Es ist eine unerquickliche Begleitung , nebenher zu laufen . Aber das Keimen und Werden , eine Hülle nach der andern abwerfen , und immer freier und freier hervortreten - ! Wie das spannt , Heinrich ! Was die Phantasie da arbeitet , wie man vorausschließt , sich irrt , die Richtung ganz verliert , und dann plötzlich wieder auf der natürlichsten , einfachsten Spur ist ! Man wird nicht müde , man weiß nichts von der Zeit . Gottlob ! daß einem immer wieder solche Probleme aufstoßen . Sie sind der einzige Sporn zum Leben ! Nun , die Kranke ist eine solche Aufgabe . Ich weiß nicht , ist sie jung oder alt ? Ihr Gesicht sah Niemand . Darüber giebt es nun Fabeln ohne Ende . Es ist aber kein Grund für irgend eine vorhanden , darum sind sie alle bodenlos , und das ist es eben , was mich dabei stachelt . Je mehr die Sache ohne allen Zusammenhang , wie ein Dunstbild , in dem weiten Umkreis der Muthmaßungen schwebt , desto mehr treibt sie zur Forschung und spannt die Fähigkeiten des Verstehens . Es ist keine Komödie , die sie spielt , wenn sie nur bei Nacht aus ihrem Versteck hervor tritt , und ruhelos die Gegend durchstreift . Sie ist auch keine Mondsüchtige , wie man anfangs sagte , ich bin ihr in der Dunkelheit wie im Sternenlicht begegnet , und , beim Himmel ! wenn sie so am See , unter den Weiden , in ihrem Garten sitzt , und in der Hoffnung , daß sie hier Niemand belauscht , laut und herzzerreißend weint , dann spüre ich nichts von Bewußtlosigkeit in ihr ; diese Thränen preßt ein heißes , bitteres Gefühl aus . Du wirfst es mir vor , ihr so unbescheiden zu folgen ! Ich sage Dir aber , ich suche sie nicht . Wir begegnen einander so , als wenn es sein müßte . Das war schon früher der Fall , auf ihrer Reise in einer fürchterlichen , stürmischen Nacht , in einem Augenblick , wo eine heiße , ungeduldige Erwartung mir kaum den Blick für etwas Fremdes ließ . Und doch ! und doch ! Ich meide sie seitdem . Zuweilen vergesse ich sie , wie mich , bin in meinen eigenen Gedanken , und gerade dann , eben als wenn es sein müßte ! Gewiß ist es , irgend eine geheime Beziehung treibt mich dann den Strom hinauf nach dem See hin , der sich in diesen ergißt . Und wäre es auch nur eine unbewußte , magnetische Beziehung . Ich sagte das gestern im Scherz zu Elisen . Sie lachte mich aus . Wir stritten darüber . Es kam nicht viel heraus . Sie war zuletzt empfindlich . So sind die Frauen ! Durch tausend Umwege beziehen sie die Dinge auf sich , und vollends , wenn sie ein Recht auf uns zu haben meinen . Muß denn Alles rechtskräftig hier auf Erden sein , um Ansprüche auf freie Existenz zu gewinnen ? Auch die Liebe ? Wenn sie doch der nicht das häusliche Matronenkleid über die glänzenden Flügel ziehen , und sie wieder zur Puppe machen wollten , was sie war , als die Seele heraustrat ! - - - - Es sind aufs neue Wochen hingegangen . Ich hatte Dir eben nichts zu sagen . Ich war verdrießlicher , als ich es rechtfertigen kann . Der Oheim erinnerte so oft , daß es Zeit werde , an meine Verbindung mit Elisen zu denken . Die Welt , sie selbst erwarte es vielleicht . Ich konnte ihm nicht unrecht geben . Aber , nenne es , wie Du willst , erkläre es , wie Du kannst , mich befiel jedesmal ein Grauen , das mich kalt durchrieselte , so oft ich an die entscheidende Minute dachte . Gestern Abend endlich versprach ich , mich in den nächsten Tagen ganz in der Stille trauen zu lassen . Ich schreibe hinüber nach dem Kloster . Ein Geistlicher von dort soll die Handlung verrichten , und zuvörderst das Aufgebot von der Kanzel lesen . Der Brief geht fort . Unwohl , frierend , mit heißem Kopf und klopfender Brust rette ich mich , vor unnützen Nachgedanken ins Bett , unter verhüllende Decken . Nicht von einem Traume , nicht durch ein Geräusch , ich besinne mich keines Tones , keiner deutlichen Empfindung , genug aber , ich erwachte . Es lag mir wie ein Band um die Brust . Kaum kannte ich früher eine ähnliche Angst . Lange in solchem Zustande auszuhalten , ist nicht meine Sache . Ich warf mich hin und her . Endlich sprang ich aus dem Bette , nahm meinen Mantel um , und trat ans Fenster . Es war eine schöne Nacht , heller Mondschein ! Ein Gang durch den Garten , sagte ich mir , wird die Nebel verjagen . In wenigen Augenblicken war ich an der Thür . Sie war verschlossen . Wieder umkehren , Jemand wecken , aufschließen lassen , war mir zu umständlich . Am andern Ende des Coridors führt ein Fenster nach dem Wildzwinger ! von da kommt man durch eine Allee in den Park . Der kürzeste Weg der beste ! dachte ich , und bin im Begriff , jenes Fenster zu öffnen - da sitzt - Herr des Himmels ! ich denke in die Erde zu sinken - da sitzt eine verschleierte Frau auf Emma ' s Sitz in der Allee , Hirsche und Rehe stehen um sie , eine schneeweiße Hand reicht ihnen ihr Futter , die Thiere scheinen sie zu kennen , sie drücken sich dicht an sie . Ich stehe wie eingewurzelt , dann schlage ich das Fenster zu , und stürze zurück in mein Zimmer . Es währte lange , ehe ich mich fassen konnte . Nachher besann ich mich wohl . Es war die Nachtwandlerin , die ich gesehen hatte . Ich erinnerte mich ihrer genau . Aber was war damit gewonnen ? Ist so etwas Zufall ? Traf Alles nur von ungefähr zusammen ? Nein , Heinrich ! ich sage Dir , das war kein Ungefähr ! Eine Warnung war es , dafür habe ich es auch genommen , und in aller Frühe einen Widerruf meines gestrigen Schreibens nach dem Kloster geschickt . Was ich dem Comthur , was ich Elisen sagen soll ? Ich weiß es nicht . Aber es wird mir schon beifallen , wenn ich nur erst wieder zu mir selbst komme . Ein Ritt im Freien mag das bewirken . Ich will doch sehen , ob nichts von der Kranken zu entdecken ist . - - - - Sie ist fort ! Abgereist ! Diesen Morgen . Das Haus ist leer , keine lebende Seele darin . Warum das ? Wie so plötzlich ! Wenn es doch ein Spuk wäre ! wenn sie es gar nicht war ! Ich glaube , sie hat mich angesteckt , und ich verliere auch den Verstand . Unbegreiflich ! unbegreiflich ! Die Gegend ist mir wie ausgestorben . Wohin sie nur gegangen sein mag ? Curd an seine Mutter Nicht wahr , das blieb das Klügste , was ich thun konnte . Was hilft das unnütze Bestehen auf einer Sache , die doch nun vorbei sein mußte . Es ist mir nahe gegangen , das leugne ich nicht , aber einmal mit mir fertig , kostet es mich nun auch keine unruhige Minute mehr . Geben Sie sich nun immer auch darein , gute Mutter ! Was geschehen ist , das ist geschehen . Verheirathet bin ich einmal . Agathe ist Ihre Schwiegertochter , und kann sie uns freilich Elise nicht vergessen machen , so ist sie doch eine hübsche , elegante Person , zieht sich allerliebst an , tanzt , wie eine Puppe , und ist so wohlerzogen , daß sie es gewiß niemals an Aufmerksamkeit gegen Sie wird fehlen lassen . Bis jetzt kann ich nur meinen Entschluß loben . Wir werden überall mit der ausgezeichnetesten Zuvorkommenheit empfangen , der Platz , den die Gräfin in der Gesellschaft einnimmt , giebt ihrer Tochter , wie mir , die angenehmste Stellung . Von der Seite muß ich gestehen , habe ich Vortheil von dem Tausch bei meiner Wahl gehabt , denn , wie man sich auch bemüht , aus Achtung für den Comthur , das Urtheil über unsere Verwandtin zu mildern , so wird sie doch nie wieder eine Rolle in den ersten Zirkeln spielen . Es ist zum Erstaunen , wie man gegen sie eingenommen ist . Jetzt , da man mich weniger empfindlich dagegen glaubt , äußert man seinen Tadel unverholen , und ich habe Gelegenheit , zu bemerken , daß es einem Mann von feinem Takt äußerst verletzend gewesen sein müßte , sie so vernachläßigt und isolirt unter Leuten von Ton zu sehen . Sie werden finden , daß ich meine Hochzeit sehr beschleunigt habe . Ja , liebe Mutter ! die reine Wahrheit zu sagen , so lag mir daran , eher verheirathet zu sein , als Elise . Es ging damals das Gerücht , man eile sich auf der Burg mit den Anstalten zum Empfange der neuen Gräfin . Mir stieg das Blut bei der Nachricht ins Gesicht . Ich mochte nicht aufsehen , und als Agathe mich auslachte , mich mit meiner Cousine neckte , wußte ich auf meine Ehre nicht ein Wort hervorzubringen . Halt ! dachte ich , nun ist es Zeit ! Ich muß mich vor ähnlichen Ueberraschungen sicher stellen . Acht Tage darauf stand ich mit meiner Braut vor dem Altar . Ein Mensch von Willenskraft nimmt bei jeder Gelegenheit seine Parthie . Elise soll doch frappirt gewesen sein , als sie es hörte . Um so mehr , da man vom Aufschube ihrer Verheirathung wieder allerlei murmelt , und Hugo ' s Laune unerträglich sein soll . Nun , wenn er jetzt wieder Ausflüchte suchte , wenn er zum zweitenmale die Ruhe der unglücklichen Elise aufs Spiel setzte , so wahr ich lebe ! alles Andere bei Seite gesetzt , ich zöge ihn zur Rechenschaft , und wäre er am Ende der Welt . Noch will ich glauben , es haben sich wirklich Hindernisse zwischen seine Pläne geschoben . Es kann sein , es muß sein , ich darf und will es nicht anders annehmen , doch erfahre ich das Mindeste , was einer Treulosigkeit entfernt ähnlich sieht - er soll mir ' s sagen , er soll mir ' s dann selbst sagen , weshalb er die Unglückliche täuschte , warum er mir mein Glück zertrümmerte , das Herz zerbrach und - doch ich will schweigen ! Ich werde schweigen bis an mein Ende . Es ist nun auch vorbei , ich weiß das recht gut , daran braucht mich Niemand zu erinnern . Ich meine nur soviel , daß ich nicht umsonst und um nichts ein Opfer gebracht haben will , daß ich mich nicht anführen lasse , und Elise doch meine Cousine bleibt . Wenn Alle sie verlassen , so gehört ihr immer noch mein Arm und mein Leben ! Verzeihen Sie , gute Mutter ! ich wollte Ihnen von meiner neuen Wohnung , meiner Einrichtung , unserm täglichen Leben , von der Aussicht erzählen , die mir eröffnet ist , ins Jagddepartement mit Vortheil versetzt zu werden , allein wenn ich einmal im Schreiben oder Sprechen auf dies Kapitel komme , dann gehen mir alle andere Gedanken aus . Gott im Himmel weiß auch , wie es zugeht , daß ich immer heftiger und zorniger bei der Erinnerung an Elisens verfehltes Leben werde , und meine Seele ordentlich darnach dürstet , mit dem Grafen anzubinden ! Fürchten Sie indeß keine Unbesonnenheit , gute Mutter ! Ich vermeide es , selbst nur nach der Gegend hinauszureiten , wo Wehrheim und die Burg liegen . Ich meide die Einsamkeit , ich meide mich , meine eigenen Gedanken . Könnte nur die Gräfin schweigen , und wollte Agathe mich nicht durch häßliche Gesichter demüthigen . Es gelingt mir mit vieler Mühe , kaum an mich zu halten . Nun lassen wir ' s , wie es ist ! Der Himmel verhüte Unglück ! Antwort Lieber Sohn ! Du erschreckst mich . Du weißt gar nicht , wie sonderbar Dein Brief lautet . Mein Gott ! was ereiferst Du Dich denn über fremde Angelegenheiten ! Laß doch den Grafen thun , was er will . Bist Du denn dazu gesetzt , ihn zur Rechenschaft zu ziehen ? Was das für Begriffe sind , die Du Dir von Dir selbst und von Deinen Pflichten machst ! Eben erst verheirathet , und für eine Andere den Ritter spielen zu wollen ! Du darfst gar nicht mehr an Elise denken . Stelle Dir einmal vor , was Deine Frau sagen würde , wenn ihr solch ' Gerücht zu Ohren käme ! Nein , lieber Sohn ! jedes Wort , was Du mir sagst , ist mir durch Mark und Bein gegangen . Ei mein Gott ! das fehlte noch . Und alles das um das Unglückskind , die Elise ! Die arme Seele ! Ja , darin hast Du recht , wenn er sie jetzt täuscht , wenn er sie noch einmal ins Verderben brächte - ! Der Himmel müßte ihn strafen . Ich habe es immer gesagt , die erstaunlich klugen Leute , die machen ihre Nebenmenschen nur unglücklich . Hat der Graf nun wohl ein Herz , und kann es mit ansehen , daß die Person , die ihm ihr ganzes zeitliches , und wer weiß , auch ihr ewiges Glück , aufgeopfert hat , sich abhärmt , und vor der Welt die Heitere nur darum spielt , damit man ihn nicht tadeln soll ? Sie hat mir vor ein Paar Tagen einen solchen sorglosen , gleichgültigen , kleinen Zettel geschrieben , lieber Sohn ! wie Du wohl von sonst her noch von ihr kennst . Ich lege ihn Dir hier bei , Du wirst wohl gleich fühlen , was es damit ist . Mir ward recht beklommen seitdem . Ich glaube aber , es kommt doch hauptsächlich von Deinem Brief , Curd . Gieb ja auf Dich Acht . Ich weiß nicht , Du kommst mir darin ganz anders vor . Ich finde , Du kriegst jetzt etwas von Deinem seligen Vater . Du hast ihn nicht gekannt , und was man so von ihm erzählt , darnach kommt er Dir vielleicht ein Bischen laut und wild , gar nicht so vornehm wie die heutige Jugend , vor . Nun , das ist wahr , mehr Erziehung hast Du , und von dem modischen Wesen , wie jetzt in der Stadt und auf dem Lande getrieben wird , davon hatte seine Seele keine Ahndung . Er war immer draußen auf dem Felde und auf der Jagd , und wenn ich es so deutsch ausdrücken soll , zuweilen war er wohl roh zu nennen . Feinere Manieren hast Du , das ist keine Frage . Aber eine feinere Seele , solch ' zärtlich Gemüth , und so gar nicht vergessen können , was er liebte , das hattest Du bis jetzt noch nicht gezeigt . Ich werde ewig daran denken , wie mein seliges Lottchen starb ! hat der Mann das wohl je verschmerzen können ? Das kleine Bettchen mußte immer bei ihm in der Kammer stehen , und wenn er manchmal noch so lärmend von einer mißglückten Jagd nach Hause kam , und er hing in der Kammer seine Flinte und Jagdtasche an die Wand , dann blieb er wohl bei der leeren Bettstelle stehen , setzte beide Arme in die Seiten , bückte den Kopf , und starrte hinein , als wollte er das Kind mit Gewalt wieder darin sehen . » Hm ! « sagte er dann vor sich in Gedanken , halb stöhnend , halb ungeduldig , schnippte mit den Fingern , ( was er immer sehr laut und schallend zu thun pflegte ) und kam ganz still und in sich gekehrt wieder heraus . Es währte eine Weile , ehe er dann zu irgend einem Menschen sprach . Ja , er hatte ein weiches Herz und ein treues , bis in den Tod . Aber das ist wahr , dem Doktor wurde er nicht wieder gut , seit er ihm das Kind hatte sterben lassen . Er sah ihn nachdem niemals in seinem Hause , und wo er wußte und konnte , ging er ihm aus dem Wege . Einmal trafen sie gerade bei einer Kindtaufe zusammen . Ich mag nicht daran denken , es war ein schlimmer Tag . - Daher weiß ich , daß er unversöhnlich und nachtragend war , wie Du es jetzt auch zu sein scheinst . Das ist aber nicht das beste Erbstück von Deinem Vater . Sei ja auf Deiner Huth . Man kann sich da etwas auf das Gewissen laden , und kriegt es dann nachher nicht wieder herunter . Nicht lange nach dem Kindtaufsschmauße starb der Doktor . Es glaubten Viele , und ich auch , er sei vor Aerger gestorben . Dein Vater that nicht , als denke er weiter daran ; aber er ist ihm bald gefolgt . So zieht Eins das Andere nach sich . Lebe recht wohl , mein lieber Sohn ! Bedenke Alles , was ich Dir gesagt habe , und grüße Deine Frau , die ich sehr begierig bin , kennen zu lernen . Elise an die Tante Sie sind wieder gut und freundlich ! Ich wußte es wohl . Lange konnten Sie auf Ihr Pflegkind nicht böse sein . Nun , und der Curd , Tantchen ! der hat eine ganz andere Frau bekommen , als Ihre blasse , hagere , kränkelnde Elise . Ich versichere Sie , so ein zierliches , frisches Persönchen , so grelle Augen , und einen Anzug , wie ihn die Prinzessinnen nicht allerliebster haben können . Wenn Beide in Curds niedlicher Equipage durch die Straßen fahren , die braune Muschel , das rothe Gestell , die schönen englischen Pferde , und der Piqueur , der so gewandt voraus reitet , - Ihr Mutterherz würde doch vergnügt schlagen , nicht wahr ? Sie sind so sorglich in der Nachsendung meiner Sachen , beste Tante ! Es ist Alles aufs Beste eingepackt , hier angekommen . Da steht es nun um mich her . Auch die Kisten und Koffer aus meiner ehemaligen Wohnung in der Stadt . So eine ganze Vergangenheit ! Neulich wollte ich mich einmal putzen . Ich ließ ein Paar Paquete öffnen . Ich mußte lachen über den zerknitterten Staat von ehemals ! Und wie mir die Kleider sitzen ! Nein , Ehre hätten Sie mit mir nicht vor der Welt eingelegt ! Da ist Agathe ein anderer Schmuck Ihrer Familie . Ich soll recht glänzend an meinem Hochzeitstage erscheinen . Der Oheim will das . Er ist feierlich in Allem , und hält viel darauf . Nun sehen Sie , ich bin eine gute Wirthin , ich meinte , unter meinen ehemaligen Hoftoiletten , da würde sich wohl genug finden , um auf der Burg die nöthige Figur zu machen . Ich bin aber sehr unglücklich im Suchen , und dann wie Alle , wenn sie nur etwas haben wollen , so treffen sie immer das Unrechte , mir ging es eben so . Ich fand in einer der Kisten Georgs abgelegte Kleidchen , sein Taufzeug und meinen Brautkranz Ich habe seitdem nicht weiter gesucht ! Ich denke , kommt Zeit , kommt Rath . Wir haben auch Zeit , Tantchen ! Die Erwartung mag leicht das Beste vom Leben sein . Wir nehmen es so . - Ueberdem wissen Sie ja , ich lasse gern Andere für mich sorgen ! Ruhe und Bequemlichkeit gehen mir über Alles . Ich wurde hier unterbrochen . Ich weiß wahrhaftig nicht mehr , was ich noch sagen wollte . Nehmen Sie es für gesagt , beste Tante ! und denken Sie , es könne nichts anders gewesen sein , als die erneuerte Versicherung meiner dankbaren Liebe . Hugo an Heinrich Was das noch werden soll ! Wie das enden wird ! Ich nehme mich zusammen , ich denke nur , was ich denken will , ich arbeite angestrengt . Eine Menge arithmetischer Aufgaben liegen um mich her . Ich biete Scharfsinn und Combinationsvermögen auf , mich von jedem fremden Gegenstande abzuziehen . Aber wenn mir endlich Nachts die Augen über der Arbeit zufallen , wenn ich träume - Heinrich , ein Traum kann unser Herr werden - schämst Du Dich nicht , von der Kraft des Menschen zu sprechen ? Immer sitzt sie da , da auf demselben Fleck unter ihren Thieren . Sie giebt ihnen das Futter mit der kleinen , weißen Hand , die gelbe Hirschkuh legt das Köpfchen an ihre Kniee . Die Fremde meine ich . O , denke nicht , ich fasele von dummem Spuk , das abgedroschene Geschwätz aller modernen Tages- und Monatsblätter . Nein , von ihr , von der Fremden rede ich . Was übt dies Wesen für eine unbegreifliche Gewalt über mich aus ! Siehst Du , dies ist viel tiefsinniger , viel grauenhafter , viel verzweigter in der geheimnißvollen Verwandtschaft der Seelen , als solch phantasmagorisches Gespenst ; unbewußt verwandt mit dem melancholisch wimmernden , ruhelos umherstreifenden Weibe ! Denke es Dir , Heinrich ! was zieht sie mir nach ? was brachte sie auf die Stelle ? was wollte sie da unter den Thieren ? Ist der Zug dahin Instinkt ? und können so willenlos zwei Menschen zu einander gezogen werden ? Gab es je ein Räthsel , meiner Entzifferung werth , so ist es dies ! Aber ich gestehe Dir auch , vor dem ich schüchtern zurücktrete . Und doch läßt es mich nicht ! Wirst Du es glauben , daß ich mich nur mit Mühe zurückhalte , ihr nicht zu folgen ? Folgen , dazu gehört , daß ich wüßte , wo sie geblieben ist . Ja , wer das wüßte ! Verschwunden , sage ich Dir . Spurlos ! und gerade an dem Morgen ! Gieb mir zu , es könnte einem Ruhigern etwas in den Kopf setzen . Ich bin ein Paar Tage recht krank gewesen . Seitdem ist , wie durch ein stillschweigendes Uebereinkommen , noch nicht wieder die Rede von der Anberaumung meines Hochzeitstages gewesen . Elise - sage mir , Heinrich , hat sie aufgehört , mich zu verstehen ? oder will sie es nicht ? Leicht , heiter , unbesonnen wie ehemals , schweift sie durch alle Regionen der guten Laune umher , neckt , reizt mich , bis ein Wort , eines von den unwillkührlichen , die zuweilen aus uns herausschreien , plötzlich an die bunten Flügel ihres Leichtsinns streichen , und diese , wie verbrannt , sinken . Sie wird dann stumm , wir sitzen ängstlich bei einander , bis ich gehe . Komme ich andern Tags wieder , so scheint das nicht gewesen . Es fängt wie gestern an , und endet so . Freiheit Freiheit ! - Ich muß es bewundern , wie dem Menschen der Begriff kam , da er zum Sclaven einmal bestimmt ist . Sieh ' Dir doch nur seinen innern und äußern Zustand an , und dann prahle mit hohen Vorrechten , die nicht Leben , nicht Bestimmung bestätigen . Es ist wenig damit gethan , daß man sagt , man lasse jedem seine Weise . Was kommt dabei heraus ? einmal , und gerade , wenn Dir am meisten daran liegt , unberührt zu bleiben , reiben sich die Freiheitsansprüche gewaltig an einander . Richtungen stoßen gegen Richtungen , der Krieg ist da , und conventionelle Aussprüche machen den Frieden . Du knirscht mit den Zähnen , und bist nichts als Dein eigner Narr . Wieder auf arithmetische Aufgaben zu kommen ; meinst Du , es sei der Mühe werth , den Verstand daran zu schärfen ? wirst Du jemals den Menschen in Dir berechnen lernen ? Und kannst Du das nicht , was willst Du mit dem Plunder von Wissenschaft ? In diesem Augenblick berechne ich , wann Walter wiederkommen wird . Ich habe ihn ausgeschickt , der Kerl ist pfiffig , er wird es ermitteln , wo sie hinging ! Sie ! sie ! Lache nicht , Heinrich ! Ich kann keine Ruhe finden , so lange ich nicht weiß , was dieses Wesen an mir hat . Warum ich nicht selbst ? Ihr nach ? Fragst Du ! Ja , wenn es erst dahin mit mir ist - dann ! Sonderbar ! Der Oheim läßt sich auf seine feierliche Manier in diesem Augenblick bei mir ansagen . Er muß etwas wollen , und seinen Sinn gerade auf diese Stunde gestellt haben . Ich bin doch neugierig ! Heinrich , der Onkel hat sich verrechnet . Von der Seite faßt er mich nicht . Ich habe hier keine Zugänge . Das Opfer eines Lebens um einer Chimäre willen ! Mich läßt das kalt , weil ich den ganzen Gedanken nicht begreife . Uebrigens sagt er mir nichts Neues . Ich bin nur neugierig , weshalb er mir es sagt . Unnütze Mühe ! Ich werde ja frühe genug thun , was sie wollen . Nun , er trat ein . Man sah ihm gleich an , daß er nicht ohne Absicht da war . Er fragte nach meinem Befinden . Ich mußte innerlich lachen . Meine Antwort beruhigte ihn vollkommen . Er stand und blätterte in einem Heft Kupferstiche . Ich ging auf und nieder . Leicht mochte ich ' s ihm nicht machen , darum schwieg ich . Endlich setzte er sich . Ich auch . Es begegnet uns oft , so eine Weile stumm neben einander zu sein , ohne daß uns dabei etwas auffällt . Heute schien es ihm peinlich . Er war in seiner hohen und trockenen Stimmung . » Lieber Hugo ! « brach er jetzt das Schweigen , » Du zwingst mich , etwas zu thun , was ich sonst nicht leicht thue , von mir selbst zu sprechen . « Der Eingang schnitt plötzlich ein . Ich stutzte , und sah verwundert zu ihm hin . » Schon lange , « fuhr er fort , » gehen wir an einander hin , ohne dasjenige berühren zu wollen , was zwischen uns liegt . « So weit , dachte ich , holt er aus ! Ich seufzte . Er mochte das anders deuten . » Du hast recht , « versicherte er . » Es ist allein meine Schuld . Schiebe das aber auf eine unüberwindliche Blödigkeit , die in meinem Charakter liegt , und die mir es auch jetzt schwer macht , mit Dir über diesen Gegenstand zu sprechen . « Jetzt hatte er mich ganz . Er rührte mich . Niemals widerstehe ich dem verschämten Bekenntnisse eigener Schwäche ! Und hier ! das Alter der Jugend gegenüber ! Wie gesagt , ich war sein . Er hätte viel mit mir machen können . Aber meine sichtliche Bewegung täuschte ihn über sein Uebergewicht . Er handelte jetzt mit mehr Selbstbewußtsein als Klugheit die alte Geschichte mit meinem Vater ab , er entwickelte Grundsätze , die nicht die meinigen sind , und that sich etwas darauf zu gut , daß er nicht geheirathet hatte . » Wirst Du es mich bereuen lassen , « setzte er dann als Moral von der Fabel hinzu , » daß ich auf ein Glück verzichtete , von dem Du doch auch einmal eine lebhafte Vorstellung zu haben scheinst , das Glück erfüllter Liebe ? « Ich lächelte . » Willst Du mich erröthen lassen ? « sagte er lebhafter , » eine theure Gefährtin von mir gewiesen , ihr großes Herz zu stetem Entsagen verdammt zu haben , aus Rücksichten , die Niemand anerkannt , aus Vorsorge , die Eigensinn und Wankelmuth zu Schanden machen ? Soll die edle Sophie täglich Zeuge von der Nutzlosigkeit einer Entsagung bleiben , die nur zerrissene Verhältnisse zur Folge hatte ? « Ich wollte etwas erwiedern . » Laß mich ausreden , « bat er , im Eifer erglühend , » laß mich ausreden . Als wir beide das Ordenskreuz auf die Brust hefteten , verdammten wir diese zu immerwährendem Verstummen . Wir haben Jahre hindurch geschwiegen , uns gemieden , und nur dem Alter ein Paar Sonnenblicke vor dem Abscheiden gegönnt . Ist es recht , daß Du auf diese kurzen Stunden noch einen Schatten wirfst ? Ich habe geduldig gelitten , als auch Du littest . Es war ein schmerzliches , doch vielleicht auch unvermeidliches Geschick . Ich trug es so , und ließ Dich ' s nicht empfinden . Jetzt aber , ein zweitesmal , jetzt , wo mehr als Glück , mehr als Ehre und gerettetes Bewußtsein auf dem Spiele steht , wo die rechtliche Handlung versöhnen , ihre Unterlassung den Namen beflecken muß , den ich der Nachwelt erhalten , ihn ihr rein überliefern wollte , jetzt , wo es unwiderruflich nothwendig wird , vor den Menschen zu bestehen , oder mit ihnen , mit sich , mit dem Himmel zu zerfallen ; jetzt frage ich Dich , zu was bestimmst Du Dich ? Es könnte sein , « fuhr er mit erhöhter Stimme , meiner Antwort begegnend , fort , » Du wähltest in Deinem finstern Unmuthe das Letzte , doch laß mich Dich