hinter den Stühlen der Frauen und Töchter sammelten sich die jungen Männer , die entweder zu spät gekommen waren , um einen Sitz zu finden , oder deren Lebhaftigkeit es vorzog , sich an keinen Ort binden zu lassen . Sie stellten sich entweder gleich wie Edelknechte , bereit , auf den ersten Wink der Dame von dannen zu fliegen , und auszurichten , was sie befohlen , oder sie kauerten und knieten nieder auf gepolsterten Schemeln , um ihren Bräuten , Liebchen oder Freundinnen kurzweilige Reden und zärtlich Geflüster in die Ohren zu wispern . Nach und nach sammelte sich jedoch der große Schwarm um das untere Ende der Tafel , wo ein junger Mann in feiner Kleidung das Wort führte , und allerlei lustige Sprüche und Fündlein an die Reihe kommen ließ . Der fröhliche Erzähler war Dagobert , der erst vor Kurzem eingetreten und seinen Standpunkt hinter dem Lehnstuhle der Frau von Dürningen genommen , einer Adelichen aus der Gegend von Friedberg , die , nur zum Besuch , über das Fest nach Frankreich gekommen war . Mit ihr , der freundlich und gemüthlich gestimmten Wittib in dem besten Alter , und mit ihrer Tochter , einem gar muntern und lieblichen Mägdlein von vierzehn Jahren höchstens , beschäftigte sich Dagobert vorzüglich , da , den trocknen Vetter der Dame ausgenommen , beinahe niemand der Anwesenden ein Wort an die Fremden richtete . Die Mutter wußte den Liebesdienst des ehrlichen Junkers zu schätzen , und hörte seinem Gespräche gern zu ; mit größrer Theilnahme jedoch die holde Regina , welche den hellen Blick kaum von des angenehmen Gesellschafters Lippen verwendete , lächelnd seinen Worten mit dem lauschenden Ohre folgte , und züchtig erröthete , so oft seine Augen auf ihrem Antlitz verweilten . Der schelmische Jüngling schien es nicht zu bemerken , und machte sich ein Vergnügen daraus , seine Scherze fast immer an das Mädchen selbst zu richten , und dadurch die umstehenden Junggesellen schier eifersüchtig zu machen . » Vergönnt mir , « sprach er unter anderm : » vergönnt mir Euer Ritter zu seyn , holde Jungfrau aus der Fremde ! Nennt mir Eure Farbe , damit ich sie trage zum Zeichen , daß ich der Eurige bin . « - » Unsers Wappens Farbe ist blau und Silber und grün , « erwiederte das Mädchen unbefangen : » ich selbst jedoch , nicht wahr , Mutter ? ich habe noch keine Farbe , mit der ich Euch zieren könnte . « - Die Mutter nickte lächelnd . » Das ist schlimm ! « scherzte Dagobert : » So werdet Ihr mir mindestens erlauben , Euch dies Osterei zu überreichen , mit dem Spruch , den ich mir dabei denke ? « - » Und dieser ist ? « fragte Regina neugierig . - » Er lautet ganz einfach ; « versetzte Dagobert : » Ich wünsche , Liebchen , froh und frei , mich Dir , Dich mir zum Osterei . « » Ei wie schön ! « rief Regina , von einer strahlenden Röthe übergossen ; die Mutter streichelte ihr aber die glühende Stirn und das goldne gescheitelte Haar , und sagte mit scherzhaftem Vorwurf : » Nicht doch , junger Herr ! Euer höfelndes Gerede macht die Dirne eitel . « - » Warum sollte sie auch nicht eitel seyn ? « fragte Dagobert lustig entgegen : » Hat sie doch schon in der Taufe die Vollmacht und das Recht erhalten , eitel und stolz herabzusehen auf uns Übrige ? Was bedeutet denn Regina anders als eine Königin ? Und wenn diese kleine Königin bestimmt ist , Hunderte zu beherrschen durch die Macht ihrer Holdseligkeit , .. warum nicht auch mein Herz , eines der Empfänglichsten ? « - » Diese glatten Reden voll Muthwillen passen wenig zu dem geistlichen Stande , dem Ihr bestimmt seyd , junger Herr ! « warf der Vetter der Frau von Dürningen , ein hagrer , aller Lust feindseliger Patrizier von steifsten Schrot und Korn ein . Diether ' s Sohn schaute ihn groß an , und erwiederte : » Lieber Herr , das mache ich mit meinem Gewissen aus . Wollt mir das gütig erlauben . Habt Ihr mir keinen Spruch entgegen zu schenken ? « fuhr er fort , sich lächelnd an Reginen wendend . » O ja , « entgegnete die Dirne geschwätzig : » hört nur zu , ob ich mich recht darauf besinne ; ich , Du , das Ei , das sind unser drei . Theilen wir das Ei , bleiben unser zwei . « - Das Mädchen schwieg , als ob der Spruch zu Ende sey . Dagobert lachte . » Man kann den überlästigsten Freier nicht besser abfertigen ! « betheuerte er : » Ihr habt aber den Schluß des Reims vergessen , schöne Maid . Er schließt also : Einen wie uns zwei , bleibts bei Einerlei . Oder nicht ? « - » Bleibts bei Einerlei ! « wiederholte halb ernstlich , halb schalkhaft das Fräulein mit einer lustigen Verneigung , und ein fröhlich Gelächter erscholl aus dem Munde der Umstehenden , während des Oberstrichters Sohn , der ausschweifende Jungherr Schweikard , der nach dem eiteln Ruhme geizte , überall der einzig gefeierte Lustigmacher zu seyn , mit mißmuthiger Geberde dem Beifall entfloh , der einem andern zu Theile wurde , und seinem Vater einige Worte in ' s Ohr raunte . Dieser nickte beifällig , und wandte sich heimlich flüsternd an den unsern sitzenden Schultheiß . Die Beiden wechselten viele und schnelle Worte , mit drohenden Blicken bald auf den , jetzt erst bemerkten Dagobert hinzielend , bald auf dessen Vater , der schon längst wie auf Kohlen neben dem Schultheiß saß , aber der Schicklichkeit halber , dem Bürgermeister , der auf der andern Seite sein Nachbar war , und ihn in Fluthen von Erzählungen längst vergeßner Begebenheiten vertiefte , zuhören mußte . Dem Altbürger war es klar , daß der Schultheiß mit seiner überraschenden Freundlichkeit und vorhergegangnen Schimpf , nur bezwecke , vor der Gesellschaft den Zwist sammt dessen Ursache zu verbergen , oder ihm eine noch empfindlichere Beleidigung zufügen zu können . Daher konnte ihm kein Bissen schmecken , kein Tropfen munden , und ihm war es sehr willkommen , als der Stubendiener ihn benachrichtigte , im Vorgemach harre ein Knecht , der ihm Wichtiges zu verkünden habe . Er stand schnell auf ; indessen erschien aber auch bereits der Hausmeister und rief mit vollen Backen ; » Ihr werdet Euch wundern , ehrsamer Herr Frosch . Das Unglück .... mir selbst zittern alle Glieder ! « - » Nun , was gibt ' s ? « fragte der Schultheiß mit schadenfroher Ahnung , während der Bürgermeister den erschrocknen Diether wieder auf den Stuhl niederzog . - » Eure Tochter , das tugendbelobte Fräulein Wallrade « .... - stammelte der Schwätzer ferner . » Meine Tochter ? « entgegnete Diether mit erlöschender Stimme . - » Sie ist in ' s Unglück gerathen , da sie eine Stunde Feldwegs von Wiesbaden gekommen ! « platzte der Hausmeister heraus : » Die Herren vom Stegreif , welche dort und hier die Landstraßen unsicher machen , haben sie aufgefangen , und , Gott weiß in welches ihrer Raubnester gebracht . Erst gestern wurden ihre Leute freigelassen und mit verbundnen Augen in der Nacht an einem Kreuzwege ausgesetzt , wenig Stunden von hier , unfern auch von dem Gebirge . Knecht und Zofe haben die erschreckliche Kunde mitgebracht , und Eure Hausfrau fordert Eure Heimkehr , Herr ! « - » Gleich , gleich , « stotterte Diether halb außer sich , und nach Mantel und Piret rufend , welches ihm der Stubendiener zögernd und faul herbeibrachte . Indessen ging die Nachricht schnell um die ganze Tafel , und Dagobert sprang ebenfalls auf , um dem Vater zu folgen , der sich gerade der Thüre näherte , als der Schultheiß zu dem Bürgermeister laut genug sagte : » Wie könnt Ihr nur eine Frage verschwenden nach dem Thäter , wohlweiser Herr ? Wie die Sachen in jenem Hause stehen , ist mir nicht fremd . Man muß wissen , daß die Stiefmutter und der eigne Bruder die arme Schwester stets verfolgten , und daß der Erstern leiblicher Bruder ein weitberüchtiger Buschklepper ist , der im Stadtbann wie im Kirchenbann liegt , um den ganzen Handel begreifen zu können . « - Diether horchte hoch auf ; schleuderte dann einen vernichtenden Blick auf seinen Sohn , und rannte ungestüm aus der Thüre . Dagobert , den Groll des Vaters übersehend , trat jedoch festen Schritts und schnell auf den Schultheißen zu , und sagte mit Gewicht : » Wie mögt Ihr nur , edler Herr , solch unüberlegt Wort in offner Gesellschaft meinem Vater und mir zum Gehöre reden ? Wie mögt Ihr meine Stiefmutter beschimpfen , die des Leuenberger ' s sittenlosen , übeln Wandel nicht theilt , sondern stets ein Muster von Rechtschaffenheit für die ganze Stadt gewesen ? « - Der Ritter maß den Jüngling , auf den sich alle Blicke richteten , vom Kopf bis zu den Füßen , und verzog höhnisch den Mund . » Wenn ich auch sehr gut begreife , « sprach er , » wie es kommt , daß hier der Stiefsohn für die Stiefmutter so heftig Partei nimmt , so möchte ich das Recht wohl kennen , das Euch zusteht , mich zur Rede zu setzen ? Ich muß Euch auffordern , vorlauter Mensch , zu schweigen , wenn ich nicht reden soll . « - » Frei heraus : « entgegnete Dagobert , in welchem das vom Schultheiß gegen Esther beabsichtigte Unbill die Flamme schürte : » Frei heraus ! Ich habe schon gesehen , daß ihr scheel auf mich schaut . Vielleicht erfahre ich jetzt , warum . Doch rathe ich Euch , jede Schmähung gegen Vater oder Mutter unterwegs zu lassen , soll ich nicht vergessen ... « - » Mäßigt Euch ! « flüsterten ihm mehrere theilnehmende Freunde zu , und ein begütigender Blick von der Frau von Dürningen machte ihn schweigen . - » Ihr habt Euch schon vergessen ; « braußte der Schultheiß auf ; » doch soll man nicht sagen , als wollte ich vergelten , was der Jugend Thorheit , oder der Trunk aus Euch spricht ; als Ritter und als Schultheiß vergebe ich Eure rohe Unart . Aber als Stubenmeister dieser löblichen und reinadelichen Gesellschaft habe ich ein Wort zu Euch zu sprechen , das früher schon gefallen wäre , hätte ich früher Eure Anwesenheit bemerken , oder Euern Vater nicht schonen wollen . Warum , junger , unbesonnener Gesell , erfordern unsre Ordnungen acht Ohrenschilder zur Aufnahme in die Genossenschaft ? Damit nur reinadeliche Gesinnung in diesem Kreise herrsche . Wer gegen Sitte , Zucht und Biederkeit handelt , was schlechter Gesellschaft plegt , zum Abschaum des Pöbels herniedersteigt , und mit Rohheit den Adel und die Würde schmäht , wird aus diesem Haus gewiesen , und also thue ich Euch . « - » Mir ? « fuhr Dagobert auf , und rings ward es stumm . - » Euch ! « wiederholte der Schultheiß mit der zu Boden schlagenden Hohheit , die ihm zu Zeiten eigen war : » Denkt des gestrigen Tags , und fragt Euch selbst , ob Ihr ferner würdig seyd , auf diesem Boden zu stehen . Wer mit Juden , Mördern und Dieben verkehrt , sie gegen die öffentliche Gewalt in Schutz nimmt , den Richter in seinem Amte lästert und bedroht , wer sich nicht schämt , an den unehrlichen Stöcker auf offner Gasse Hand zu legen , um das Gesindel zu befreien , .. der stehe nicht mehr unter uns , nicht heut , nicht morgen und nimmer . Dort ist die Thüre . Geht ! « - » Um aller Heiligen willen ! was ist vorgefallen ? « fragten die meisten aus der Versammlung , und zur Antwort flog die Erzählung des Vorfalls gestrigen Tags , entstellt , vergrößert und gehässig gemacht , rings umher , von dem Oberstrichter , seinem Sohne und des Schultheißen Neffen verbreitet . Die Dagobert Zunächststehenden wichen um mehrere Schritte zurück , denn der Angeklagte hatte ja mit Juden zu thun gehabt , und den Nachrichter berührt , war vielleicht von dem letztern wieder berührt worden . Die Frauen , die am längsten für ihn Theilnahme gehegt , rümpften , da sie von der Judendirne hörten , höhnisch die Nase . Die Frau von Dürningen mit ihrer Tochter sah scheu und befangen , obwohl nicht zürnend nach dem Jüngling . So sehr indessen Mehrere auf des Schultheißen rücksichtslose Schmachrede einen heftigen Ausbruch von Dagobert ' s Wuth befürchteten , den wieder andre , der Folgen wegen , wünschten , so sehr hatten sich diese geirrt . Die letzten Worte des Stubenmeisters hatten eine himmlische Ruhe über das Antlitz des Beleidigten verbreitet . - » Ich dachte bis jetzo unter gefühlvollen Menschen zu stehen ; « erwiederte er , sich ernst umschauend : » doch hab ' ich mich geirrt . Es ist wohl keiner unter all ' diesen edeln Herren , der nicht sein Geld verschwendete , um einem lahmen Pferde wieder auf die Beine zu helfen ; keine unter all ' diesen Frauen , die nicht ihr Herz zerrissen fühlte , sähe sie ihren Schooßhund in Gefahr . Doch sprechen sie über mich das Urtheil , weil ich mit den erbarmenswerthesten Menschen Mitleid fühlte ; weil ich eine Grausamkeit abwehrte , die nur in dem traurigsten Verfolgungsgeist , nicht im Richteramte ihren Grund findet . In Gottesnamen denn ; ich wußte nicht , daß Juden weniger als Hunde und Gäule sind , und diese Lehre ist der Verweisung aus diesem Hause wohl werth . Ich gehe mit Freuden , und thue dieses ohne Groll , denn ich erzähle nicht einmal den ehrsamen Anwesenden , was zwischen dem gestrengen Herrn Schultheiß und dem schlechten Judenarzt Joseph abgeredet worden ist . « - Mit einem mitleidigen Blicke streifte er noch einmal alle Umstehenden , besonders den höhnisch lächelnden Oberstrichter und den verlegnen Schultheiß , gürtete langsam seinen Stoßdegen um , band das Piret unterm Kinn fest , und verließ ohne irgend ein Zeichen des Lebewohls , wie ein im Rückzuge noch furchtbarer Feind , das Tafelzimmer . Sein Scheiden war das Zeichen zu offnem Zwiste in der Gesellschaft . Manche , mit dem Geschlechte der Frosche theils befreundet , theils verschwägert und verbunden , erkühnten sich , dem Stubenmeister Vorwürfe über sein hartes Benehmen gegen den Sohn eines angesehenen Altbürgers und Schöffen zu machen . Ohne Dagobert ' s Schuld an dem Vorfalle in der Judengasse vertheidigen zu wollen , theils von Vorurtheile befangen , theils zu muthlos , um gegen die Vorurtheile Andrer anzukämpfen , sprachen sie von dem zahlreichen Anhange Diether ' s , der sich in seinem Sohne schwer beleidigt sehen würde ; von der Rache , die wohl auf eine oder die andre Weise nachfolgen dürfte . Die Widersacher bestritten hingegen verächtlich alle Mahnungen , verlachten jede Drohung , und gedachten des Ausgewiesenen und seines Vaters mit den ehrenrührigsten Beinamen . » Sie mögen versuchen , wie weit ihre Ohnmacht reicht ; « rief der Schultheiß : » ich habe meine Pflicht gethan , und werde als Stubenmeister wie als Schultheiß mein Recht behaupten . « - » Für rebellische Bürger gibt es noch Thürme ! « drohte der Oberstrichter . - » Was ist hier auch viel zu scheuen ? « lachte des Schultheißen Neffe : » Dagobert ' s Wandel auf dem Concil ist stadtbekannt , sein Leumund nicht ehrenvoll . « - » Der verruchte Mensch will nicht einmal der Mutter Gelübde erfüllen , und Pfaffe werden ! « klagte der Vetter der Frau von Dürningen mit heuchlerischer Miene . - » Wohl uns , wenn der lüderliche Pickelhäring sich nicht mehr in adliger Gesellschaft zeigen darf ; « schrie des Oberstrichters Sohn , und der Schultheiß fügte , wie mit prophetischer Zuversicht hinzu : » Es dürften vielleicht bald ganz andre Dinge von dem Hause der Frosche zur Sprache kommen ! « - Die dem geschmähten Geschlechte Anhängenden brachen schmollend und zürnend auf ; die Freuden des Festes waren gestört , und aus der fröhlichen Ostertafel eine gallige Gasterei geworden , an welcher Feindseligkeit und Haß ihr Panier aufsteckten . - Verachtung gegen seine Feinde , aber auch ein ruhiges Bewußtseyn im Herzen , hatte Dagobert sein väterlich Haus wiedergefunden . Vollbrecht öffnete ihm die Thüre . » Wo ist mein Vater ? « fragte er den Knecht . - » Der gestrenge Herr hat sich durch den Peter zum Stadthauptmann leuchten lassen , um ihm die Anzeige von dem Raube zu machen . « - » Gut ; « versetzte Dagobert : » Die zurückgekommenen Leute meiner Schwester ? « - » Sie schlafen schon in wohlverriegelten Stuben , « berichtete Vollbrecht : » denn die ehrsame Frau meinte , sie könnten wohl selbst allenfalls das arme Fräulein getödtet , oder an einen Räuber verkauft haben . « - » Möglich wär es allerdings ; « erwiederte Dagobert : » ich will morgen die Leute sprechen . Gib mir die Kerze , und warte indessen auf den Vater . « - Dem wie aus dem Himmel herabgefallnen Bubenstück nachsinnend , stieg Dagobert die Treppe empor , und kam eben an Frau Margarethens Gemache vorüber , als dessen Thüre sich leise öffnete , und der Altbürgerin Stimme ein leises : » Junker Dagobert ! seyd Ihr ' s ? « daraus vernehmen ließ . - » Ja freilich ehrsame Frau ; « antwortete der junge Mann : » Behüt ' Euch Gott und segne Euern Schlaf . « - » O bleibt , « flüsterte Margarethe , mit der weißen Hand aus dem Halbdunkel , hervorwinkend : » laßt mich den Augenblick benutzen und tretet bei mir ein . « - Dagobert stutzte , und Margarethens frühere unverholne Leidenschaft für ihn , und auch zugleich etwas von des ägyptischen Josephs Geschichte fiel ihm ein . Er zögerte . - » Um der göttlichen Barmherzigkeit willen ! « seufzte die Stiefmutter dringend : » Einen Augenblick nur hört mich an . Fürchtet nichts , mein lieber Sohn ! « - Die Bitte klang so rührend , daß Dagobert ferner kein Bedenken trug , einzutreten in das warme trauliche Gemach , in welchem , beim halben Schimmer einer verdeckten Lampe , die schöne Margarethe im tiefen Nachtgewande ihn empfing . Sein Herz pochte , seine Hand zitterte in der ihrigen , aber besonnener als sie , zog er den Schirm von der Lampe , und fühlte eine Art von Beruhigung , da er in kein von lüsternem Verlangen erregtes Gesicht , sondern in ein Antlitz voll Kummer und Gram , in thränenvolle Augen sah . - » Was begehrt Ihr ? « fragte er sanft und mitleidig die weinende Frau : » Ich bin bereit mit Wille und That ; nur einen Rath verlangt nicht , denn ich bin gerade in einer ganz besondern Stimmung , wo mir Alles bunt durch den Kopf geht . « - » Ich bin gränzenlos unglücklich ! « brach Margarethe unter bittern Thränen aus , und sank auf einen Stuhl : » Ich bin ein armes Weib , nicht fehlerfrei , aber so entsetzlich sollt ' ich doch nicht für meine unschweren Vergehen büßen ! « - » Der Gedanke und der Wunsch nach einem Fehltritt macht ihn oft zur Folter , als sey er schon vollbracht , « meinte Dagobert ; doch bereute er schnell den Stachel seines Worts , und setzte hinzu : » redet , und gebe Gott , daß ich helfen könne . « - » Mein Herr , Euer Vater war hier ; « sprach Margarethe in kurzen Absätzen . - » Er hat unmenschlich gegen mich gewüthet . Argwohn und Grimm theilen sich in seine Seele . Unbezweifelt scheint es ihm , daß mein Bruder Wallraden aufgefangen , und daß ich die Anstifterin des Frevels gewesen . Ich kann bei dem ewigen Gott beschwören , daß ich unschuldig bin , aber Herr Diether glaubt meinen Schwüren nicht . Wie soll ich ihn überzeugen ? Sprecht ; Ihr könnt mir Euern Rath nicht verweigern , noch Eure Hülfe ; denn auch Euch verwickelt der Argwohn in seinen Verdacht . Er glaubt ein Verständniß zwischen uns beiden wahrzunehmen . « - » Ein schönes Vertrauen in Gattin und Sohn ! « erwiederte Dagobert aufwallend : » Uns traut er einen Bund von dieser Schändlichkeit zu ? Wir sollten einen Menschen , unsre Verwandte an Räuber verkauft , wohl gar aus dem Wege geräumt haben ? Der Vater hat sich sehr geändert . Aber Ihr habt Recht , arme Stiefmutter . Wer nicht glauben will , muß die Überzeugung in der Hand sehen . Um Euern Ruf und den meinigen zu retten , setze ich mich morgen zu Pferde , und reite in der Welt herum , bis ich die Spur des Unkrauts gefunden . « - » Ihr seyd ein wackrer edler Mensch ! « sagte Margarethe mit auflebender Hoffnung , seine Hand in ihre gefalteten nehmend : » Seyd Ihr mein Hort , wenn mich die ganze Welt verläßt , ... dann fürchte ich nichts . Guter Dagobert ; « fuhr sie mit dem Ausdruck verschämter Dankbarkeit fort : » leider kann ich noch nicht so offen gegen Euch seyn , als ich es sollte , denn Ihr seyd unfähig , mich zu verrathen und unglücklicher zu machen , als ich schon bin . Indessen , kehrt Ihr zurück , so sollt Ihr mehr erfahren , von dem Ihr Euch nicht träumen laßt ; und dann beklagt mich vollends , und flucht mir nicht . « - » Ich verstehe Euch nicht ; « entgegnete Dagobert unbefangen : » ich hoffe auch nicht , jemals aus Euerm Munde etwas Fluchwerthes zu erfahren ; aber bei dieser Gelegenheit entsinne ich mich plötzlich eines Auftrags , den ich von guter Hand erhalten , und dessen ich mich gegen Euch entledigen muß , bevor ich ausreite , lieb Schwesterlein zu suchen . Der arme Jude Ben David , der unter der Anklage unerhörter Verbrechen im Kerker jammert mit seinem hundertjährigen Vater , läßt Euch dringend um Hülfe anflehen . « Margarethe erblaßte . - » Es sey die höchste Zeit , läßt er Euch vermelden , « fuhr Dagobert fort : » die Folter sey ihm schon angedroht , und er würde sie am Ende nicht aushalten können . Ihr möchtet also , da er von Euch allein Hülfe erwarten könne , damit nicht säumen , und seiner Ergebenheit gewiß seyn . « - » Nicht säumen ! « wiederholte Margarethe langsam und erschöpft : » Dieses setzt meinem Elend die Krone auf . Wie soll ich ihn , wie mich retten ? « setzte sie händeringend und außer sich hinzu . - » Beruhigt Euch , « sprach Dagobert tröstend : » Euch rette ich vom schmählichen Verdacht , und einer Fürbitte ist der arme Jude wohl werth . Die Schöffen werden über den Elenden richten , und ein gutes Wort an den Vater ist wohl nur mit dem Ansuchen gemeint . Schlägt ' s der Vater ab , so habt Ihr Menschenpflicht gethan , und könnt ruhig seyn . « - » Ruhig ? « rief Margarethe wie in Verzweiflung : » Ich muß den Juden retten .... bald retten , oder ich bin verloren ! Dagobert ! Edler Mensch ! Mann , den ich leidenschaftlich liebte , den ich noch verehre wie einen Heiligen ! nimm Dich meiner an . Es streitet wider Dein eignes Recht , aber ... rette den Juden , rette mich ! Das Schicksal droht mein Verhängniß mit Füßen zu treten , wie das des Kindes , das in jener Kammer schläft . « - » Johann ' s ? « fragte Dagobert bestürzt : » Ehrsame Frau ! Der Himmel behüte Eure Vernunft . Ihr redet irre ! « - » O nein , nein ! « schluchzte Margarethe : » Euch allein und dem Himmel befehle ich mein und des Knaben Loos ! O , dieser Knabe ... er hat keinen Vater .... Dagobert ! nehmt Euch seiner an ! Werdet Ihr des Knaben Vater ! « Dagobert trat erschrocken zurück , als die Frau ihm zu Füßen sank , und wie vernichtet die Hände vor das Gesicht schlug , da Dieter , heimkehrend , plötzlich in das Zimmer trat . Entsetzt blieb der Greis am Eingang stehen , und Dagobert eilte , nachdem er die Stiefmutter aufgehoben und in den Sessel gebracht , auf ihn zu : » Liebster Vater ! « rief er , ohne in seiner Seele nur eine Ahnung von dem bösen Schein zu haben , den dieses späte und seltsame Beisammenseyn auf ihn und Margarethen warf : » Ihr kommt zu rechter Zeit . Nehmt die Mutter in Euern Schutz . Ihr Verstand leidet unter dem Argwohn , den Ihr auf sie geworfen . Mich schmerzt es , daß Ihr auch mir mißtraut . Doch , Euch zu überführen , verlaß ich Morgen mit dem Frühsten die Stadt , um Wallraden aufzusuchen , und ohne sie kehre ich nicht wieder . Vergönnt mir nur , ihren Knecht mit mir zu nehmen , denn sein bedarf ich , und versprecht mir , gegen den Schultheiß , der mich heut auf ' s gröblichste beleidigte , meine Sache zu führen bis zu meiner Heimkehr , damit der Ritter und sein Gelichter nicht glauben , daß ich aus Feigheit oder Beschämung ihnen ausgewichen . « - Diether schwieg eine lange Weile hindurch , den finstern Blick zur Erde geheftet . Dann sprach er kurz : » Ich werde allezeit meines Hauses Ehre zu bewahren wissen . Mache was Du willst . Du thust aber Recht , wenn Du nicht ferner weilst . « - Dagobert sah ihn groß an ; um aber des Vaters Grimm nicht zu reizen , ging er still davon . Diether starrte wild zum Himmel auf . » Die Gewißheit ist da , die ich erbeten ! « grollte er dumpf in sich hinein ; dann fügte er , zu der Frau gewendet , hinzu : » Beschämt stand ich vor meinem Sohne , nachdem ich Eure Worte gehört . Es kann also ferner nicht zwischen uns bleiben , wie bisher . Ich hasse das Aufsehen und die Lästerungen ; befehle Euch jedoch , Eure Stuben nicht zu verlassen , und weder mit noch ohne den Knaben einen Versuch zu machen , bis zu mir zu dringen . Ich will Euch ferner nicht mehr sehen , und in Stille und Ruhe überlegen , wie ich , ohne Euch vor der Welt zu Schanden zu machen , noch mich herabzuwürdigen , Euer Geschick bestimmen möge . « - Dies sagend kehrte er der in Schmerz und Angst aufgelösten Gattin unerbittlich den Rücken und verschloß sich in seinem Gemache . Sechstes Kapitel . Ist auch mein Haus nicht groß und schön , Und leer Gewölb und Speicher , Brauch ' ich vom Thurm nur umzusehn , Und wer ist dann noch reicher ? Ich denke über Feld und Hain Der einzige Herr und Fürst zu seyn Und daß die Unterthanen mir es glauben Will ich sie , eh ' ein and ' rer kömmt , berauben . Ballade . Der Leuenberger Veit saß auf einem Vorsprunge in der Burg zu Gelnhausen , von welchem er durch ein Gitter in ' s Freie schauen konnte . Seine Base Petronelle hinkte um den Herd des anstoßenden Gemachs , das zugleich Küche , Wohnstube und Schlafkammer vorstellte , und blinzelte nur von Zeit zu Zeit nach dem Vetter , der sich gerade beschäftigte , seinem Falken ein neues Geschühe anzupassen . Der Falke machte ein sehr verdrüßlich Gesicht , aber sein Herr noch ein verdrüßlicheres . Seinem ungeduldigen Blick und noch ungeduldigeren Händen wollte das Nesteln und Schnallen der langen und kurzen Gefäße und Wurfschnüre nicht schnell genug gelingen . » Warte , verdammter Falk ! « schalt er : » deinen Trotzkopf werde ich schon zu beugen wissen . Seit neun Monden machst du mir das Leben sauer , und bist so einfältig , als ob du gerade aus dem Gestäude gehoben wärst . Aber hungern sollst du und wachen , daß dir der Kitzel vergehen wird in kurzer Zeit . « - Damit packte er den wilden Vogel auf , zog ihm die Haube übern Kopf und setzte ihn drinnen auf die Stange . Als nun aber Veit pfeifend und mit auf den Rücken gelegten Händen wieder hinaus auf den Vorsprung ging , und in ' s Weite starrte , konnte die Muhme nicht länger an sich halten . - » Wenn Hunger und Nachtwachen jeden Trotzkopf zahm machen könnten , « keifte sie vom Heerde her , » so müßte auch der Deinige schon lange in der Ordnung seyn , Neffe . « - » Habt Ihr etwas geredet , Muhme ? « sprach der Leuenberger spitzig zu ihr hinüber . - » Schon lange , toller Mensch , « erwiederte Petronella , nach dem Blasebalge greifend : » Aber was hilfts ? Der Herr mag noch so reichlich die Heerstraßen segnen , Du bringst gewiß nichts heim , das der Mühe werth wäre . Daß gestern der Weinhändler von Nürnberg mit seinen Fässern ungeschlagen hier vorbeikam , werde ich Dir nimmer vergessen . « - » Pah ! « rief Veit , und schlug ein Schnippchen in die blaue Luft : » Den Käsebergern muß man auch aus Freundschaft etwas gönnen . « - » Ei ja ; « spöttelte die Alte : » Deine alte getreue Base kann aber daheim darben , während ihr ein Becher Rheinwein dann und wann so gut thun würde . « - » Trinkt klares Wasser , « lachte