bis die Sonne , welche diesem thränenvollen und hoffnungsseligen Tage geleuchtet hatte , hinter den Felsen sich neigte ; und gerade in dieser Stunde war es , wo Hippolits düstere Erscheinung sie so gewaltsam zwang , sich der Erde und dem Leben auf ihr wieder zuzuwenden . Mitternacht war längst vorüber und noch immer zitterten Schrecken und Schmerz in den Nerven der armen Gabriele . Vergebens bemühte sie sich , auf das morgende entscheidende Gespräch mit Hippoliten sich vorzubereiten ; es war ihr unmöglich , irgend etwas darüber zu beschliessen . » Wahr und treu und schonend will ich seyn , und das Uebrige Dem überlassen , der heut mich würdigte , wie durch ein Wunder Hippoliten als Retterin vom Untergange zu erscheinen , « sprach sie endlich sich zum Troste . Immer mußte sie indessen des Fläschchens noch gedenken und wohin sie auch die Augen wenden mochte , glaubte sie es sich entgegen blinken zu sehen . Ihr schauderte davor , und doch konnte sie es nicht lassen , mit Nachdenken und Forschen sich zu quälen : wo sie es früher gesehen haben könne ? Glücklicherweise ohne Erfolg . Denn hätte sie sich darauf besonnen , daß gerade ein solches Fläschchen in der Todesstunde ihres Vaters an einer goldnen Kette von seinem Nacken geöffnet herabhing , so wäre ihr auch mit einemmale die Art seines Todes klar geworden , und mit dieser Klarheit ein ewig nagender Schmerz in ihr kindlich frommes Gemüth gedrungen . Vielleicht hatte das Bild dieses Fläschchens sich ihr in jenem Moment eingeprägt , wo sie von Schmerz , Schrecken und Angst ; auch wohl von dem durch das ganze Zimmer sich verbreitenden betäubenden Duft des Kirschlorbeers ergriffen , zu den Füssen ihres sterbenden Vaters ohnmächtig hinsank . Vielleicht war auch die Ahnung einer Vergiftung damals in ihrer Seele entstanden , war in bewußtlosem Zustande , in welchem sie sich während ihrer , gleich darauf folgenden langen Krankheit befand , wieder verloschen , und jetzt durch den Anblick des Fläschchens aufs neue in ihr rege geworden . Vielleicht aber auch hatte der verklärte Geist , dessen Nähe sie den ganzen Tag über erfleht , und zu empfinden geglaubt , diese Ahnung ihr in die Seele gegeben , um Hippoliten zu retten , und ihr das Glück zu gewähren , ihn gerettet zu haben . Wer vermag es , hier zu entscheiden ? und wer , der es könnte , möchte hart genug seyn , diesen frommen Glauben , den Gabriele endlich freudig ergriff , als thörichten Wahn zu verdammen oder zu verspotten ? Hippolits Erwachen aus schwerem betäubendem Schlummer , glich am andern Morgen dem Erwachen aus Grabesdunkel in einer andern Welt . Die ganze Vergangenheit war ihm entschwunden und nur in ängstlichen Traumbildern schwebten die zuletzt verlebten Stunden vor seiner Seele . Als er allmählig zur vollen Besinnung gelangte , wünschte er nun wieder einzuschlafen , um von neuem alles zu vergessen . Mit unendlichem Grausen ergriff es ihn , wie alles jetzt so ganz anders seyn könne , hätte nicht Gabriele ihn wunderbar vor sich selbst errettet . Er bebte mit Entsetzen vor dem geheimnißreichen Schleier der Ewigkeit zurück , den er gestern im verzweiflungsvollem Erdreisten mit kecker Hand zu lüften im Begriffe stand . Dann wendete er den Blick zur Erde . Er sah sich selbst bleich , regungslos erkaltet , entstellt vielleicht zum Unkenntlichen , ein Grausen- nicht Wehmuth erregender Todter , von dem Layen und Geistliche sich fromm bekreuzend den Blick abwandten . Fern , Allen zum Graus in ungeweihte Erde gebettet , hob kein bethräntes Auge von dem niedrigen Hügel sich mit tröstender Hoffnung gen Himmel . Freunde und Verwandte konnten nur den Wunsch hegen , ihn sobald als möglich der Vergessenheit zu übergeben ; darum durfte kein Stein mit seinem Namen den Ort bezeichnen , wo man ihn hinlegte . Hippolit hatte den Tod nie gescheut , oft in jugendlichem Unmuth ihn herbei gerufen , wenn das Leben sich in frühern Zeiten seinen Wünschen nicht fügen wollte . Späterhin war er ihm oft dreist entgegen gegangen , wenn er aus keckem Uebermuth , oder um das Lächeln einer schönen Frau , oder wegen ein paar unbedacht hingeworfener Worte seiner Jugendgesellen das Leben wagte , als wäre es eine Seifenblase . Doch vor der abschreckenden Gestalt , in welcher der Tod jetzt seiner Fantasie vorschwebte , konnte er nur schaudernd sich abwenden . Das Blinken des krystallnen Fläschchens , das noch auf seinem Tische lag , verwundete ihn mit stechendem Schmerz , und er eilte , es wieder tief und sorgsam zu bewahren , um nur das Entsetzliche nicht mehr zu sehen . Dann bereitete er sich zu der gewünschten und gefürchteten Zusammenkunft , die ihm in den nächsten Morgenstunden bevorstand . Es gelang ihm , eine ruhigere Stimmung zu erringen , und nun begann er , seiner gestrigen Verzweiflung sich herzlich zu schämen . Wie damals , als er zwischen den Ruinen der Brandstätte erwacht war , schalt er auch jetzt sich unmännlich feig , und fühlte mit tiefer Reue , wie grausam und unwürdig er im Begriff gewesen war , auch Gabrielens Frieden auf immer zu zerstören , den geringen Antheil häuslichen Glücks , der ihr ward , zu vernichten , und vielleicht selbst ihre Ehre vor der Welt unheilbar zu verwunden . Endlich ward er zu Gabrielen gerufen . Er wagte es nicht , die Augen zu ihr zu erheben , bis er ihre sanfte rührende Stimme hörte , mit der sie freundlich ihn begrüßte , nach seinem körperlichen Befinden sich erkundigte . Doch als er sie anblickte , wär ' er beinah in ehrfurchtsvoller Anbetung vor ihr hingesunken . So glaubte er noch nie sie gesehen zu haben . Hoch und hehr , bei aller gewohnten Einfachheit , stand sie vor ihm wie eine Königin ; ihr Auge stralte in ungewohntem Glanz , ihre Wange war höher geröthet und alle Züge ihres schönen Gesichts trugen den Ausdruck festen , wenn gleich durch innre Güte gemilderten Ernstes . Hippolit fühlte in diesem Moment alle seine Wünsche in Demuth und Ergebung untergehen . Mit einer anmuthigen , wenn gleich etwas feierlichen Bewegung der Hand wies sie ihm seinen Platz ihr gegenüber an , einige Minuten vergingen , und keines von ihnen sprach ein Wort ; doch Gabrielens Fassung überwand gar bald dieses verlegne Verstummen . » Ich habe in vergangner Nacht recht viel , recht besorgt um Sie , Ihrer gedacht , lieber Hippolit ! « sprach sie zu ihm . » Ich möchte so gern dazu beitragen , Sie in ungetrübtem Jugendmuthe Ihrem eignen klaren Bewußtseyn wieder zu geben . Dann wäre alles gut . Denn ein düstrer unverstandner Wahn hat wunderlich Sie betäubt . Sie verkennen sich , die Welt und das Leben . Es wäre wohl die Pflicht der ältern erfahrneren Freundin , Ihnen wieder zurecht zu helfen , wüßte ich nur , wo zu beginnen ! « » O Gabriele ! ich bin Ihrer Sorge nicht werth . Gefühle , Leidenschaft , Erinnerungen , deren Vorstellungen Ihnen ewig fremd bleiben müssen , nagen an mir , reissen mich hin zu wildem verworrenem Thun ; geben Sie mich auf ! mir ist nicht zu helfen ; « erwiderte schmerzlich Hippolit . » Wie Sie mich betrüben ! « rief Gabriele ; » nach dem gestrigen Abend « - » Erwähnen Sie ihn nicht , aus Mitleid nicht , ich flehe darum , « unterbrach Hippolit sie in heftiger Bewegung . » Die Hälfte meines Lebens gäbe ich willig , um ihn zurückzukaufen . Wüßten Sie , welche wunderbare Verknüpfung unendlicher Zufälligkeiten bis zu diesem Wahnsinn mich trieb ! Doch warum mit der trüben Erzählung Sie behelligen ? Vergeben Sie dem Unglücklichen ; wenn es möglich ist , so vergessen Sie . Fürchten Sie nicht Aehnliches von mir , so lange ich meiner Besinnung mächtig bleibe . Ich werde harren , ich brauche dem Untergange nicht zu rufen , ich weiß , er wird mich früh genug ereilen . « » An diesem Morgen des neugeschenkten Lebens hoffte ich Sie anders gestimmt zu finden . Doch gebe ich darum die Hoffnung noch nicht auf , Sie besänftigend zum Bessern zu leiten , « erwiderte Gabriele . » Geduld ist die Pflicht der Frauen und der Freunde , ich will gern sie üben , aber üben Sie sie auch , lieber Hippolit . Hören Sie mich an , und ohne Widerstreben , ohne eigenwillig Ihr Gemüth gegen meine Stimme zu verhärten . « Hippolit unterbrach hier zwar Gabrielen mit lauten leidenschaftlichen Ausrufungen , doch sie achtete dessen nicht . Ein halb bittender , halb befehlender Blick machte ihn wieder verstummen , und sie fuhr fort zu reden . » In meiner Sorge um Sie , in meinem Gebet um Erleuchtung , wie Ihnen zu helfen wäre , kam mir plötzlich der Gedanke , Ihnen mit meiner Erfahrung zu nützen . Die Klippen , die ein Freund vor uns bezeichnete , sind leicht vermieden , und der Sieg , den Andre vor unsern Augen errungen , scheint uns nicht mehr unmöglich . Darum will ich allen Bedenklichkeiten entsagen , ich will Ihnen vertrauen was ich noch keinem sterblichen Wesen , so in Worte gefaßt , bekannte . Ich gebe Ihnen das theuerste Geheimniß meines Lebens in der Geschichte meines eignen Herzens . Sie sehen , ich achte Sie noch , Sie sind mir noch immer werth , was ich kann , gebe ich Ihnen , Hippolit ! und mehr dürfen und werden Sie nicht wünschen , « setzte sie , ihm freundlich die Hand bietend , hinzu . Mit hohem Erröthen begann sie nun von jener Zeit zu sprechen , da sie , früh verwaist , in eine ihr ganz fremde Welt versetzt , mit beklommnen Herzen , vereinzelt dastand . Doch Blick und Ton wurden immer lebendiger , als sie deren erwähnte , welche ihr so freundlich entgegen traten , Ernestos , der Frau von Willnangen und ihrer Auguste . Hippolit , ihr gegenübersitzend , blickte mit stummen Entzücken in ihr seelenvolles Gesicht , in ihre klaren Augen , die , während sie sprach , oft mit dem Ausdrucke herzlichen Wohlwollens auf ihm ruhten . » Ohne Ansprüche , geliebt zu werden , betrat ich die Welt , « sprach Gabriele , » doch bereit , mit inniger Liebe zu umfassen , was Liebenswerthes und Edles mir nahen werde . Denn ächte edle Liebe ist die Blüthe des Lebens ; sie bedarf keiner Gegenliebe um zu beglücken , sie ist sich selbst ihr eigner hoher Lohn . So hatte meine Mutter mich gelehrt . « Dann erwähnte Gabriele mit glänzenden Augen Ottokars erstes Erscheinen . Ohne ihn zu nennen , oder sonst auf kenntliche Weise zu bezeichnen , beschrieb sie ihn wie er ihr damals erschienen war und noch immer in ihrer Erinnerung lebte . Mit hinreissender Einfachheit und jungfräulichem Erröthen bekannte sie , wie sie zuerst in Demuth neben ihm gestanden hatte , und all ihr Wünschen einzig darauf hinausgegangen war , nur einmal so wie die Andern mit ihm sprechen zu können ; wie sie zuletzt in ihrem Gemüth doch zu der Ueberzeugung gelangt wäre , daß sie allein zu ihm gehöre , daß nur sie ihn ganz verstehe , obgleich er nie im Gespräch sich an sie gewendet habe , und wie dieß völlig von ihm Uebersehenwerden in verborgnen , schweigenden Nächten oft schmerzlich von ihr beweint worden sey . Dann kam sie zur Beschreibung jener einzigen Stunde , die in aller Seligkeit des Himmels und allem herzzerreissenden Schmerz des Erdenlebens beide auf ewig vereinte , indem sie für das ganze Erdenleben sie trennte . » Und so ist es noch jetzt ; « setzte Gabriele nach einem kurzen deutungsvollen Schweigen hinzu . » Sieben Jahre sind seit jener Stunde vorübergezogen . Wir sind für dieses Leben so ganz von einander geschieden , daß in all dieser langen Zeit kein Gruß , kein Blättchen , von uns mit unserm Namen bezeichnet , über die Kluft hinschwebte , die das Geschick und unser eignes Gefühl des Rechten zwischen uns zog . Wir sind mit unserm Loose zufrieden . Der irdische Schmerz ist niedergekämpft und nur die reine Freude , einander gefunden zu haben , ist uns geblieben . Bei jeder Erdennoth , jedem Zweifel , der im Gewühle des Lebens sich an mich drängt , hebt und hält mich das Bewußtseyn , daß er lebt , daß er kein Gebilde meiner Fantasie ist . Und auch ich - ich bin dessen überzeugt , - auch ich erscheine ihm zum Trost , wenn er es bedarf . Weiter haben wir für dieses Leben keine Wünsche mehr , sogar der , einander hier noch einmal wieder zu sehen , verstummte allmählig . Doch will ich meinem jungen Freunde nicht bergen , daß die Ruhe , welche jetzt mich beseligt , nur im schweren Kampfe errungen ward . Hippolit ! auch Sie sind zu diesem Kampfe berufen und werden siegen . « » Nimmermehr ! « rief Hippolit in leidenschaftlichem Schmerz . » Wie könnte ich je dahin gelangen , wo Gabriele in der Glorie einer Heiligen strahlt ! Seliger Engel ! warum bliebst du nicht in deinen Himmeln ? Warum mußtest du in dieser entzückenden Gestalt herabschweben , uns zu verderben ? « » Hippolit ! ich wiederhole es , Sie betrüben mich mit diesem wilden leidenschaftlichen Wesen ; Sie ängstigen mich , und es ist wohl besser , ich ende dieses Gespräch , um schriftlich einen vielleicht günstigern Moment zu treffen , « sprach Gabriele sehr ernst , als wolle sie aufstehen und das Zimmer verlassen , doch Hippolits Verzeihung erflehender Blick und sein sichtbares Bestreben , sich zu mäßigen , bewogen sie , noch zu bleiben . » Verzeihen Sie mir die Behauptung , « sprach endlich Hippolit , » Gabriele , schönes engelreines Wesen ! was Sie Liebe nennen , ist es nicht . So lieben nicht sterbliche Menschen ; wie Sie jenen namenlosen Glücklichen lieben , so lieben selige Geister « - » So lieben Frauen , « unterbrach ihn Gabriele , und ihrem Augen leuchteten in verdoppeltem Glanze . » Wie gern stimmte ich in kindlicher Demuth diesem Ausspruche bei , « rief Hippolit und wagte erröthend kaum , die Augen aufzuschlagen , aber ich darf gegen Sie nicht falsch seyn , « fuhr er fort . » Ich muß es bekennen , ein feindliches Geschick hat schon früh mich mit der Kehrseite des Lebens bekannt gemacht . Aus Erfahrung , deren ich jetzt nur in tiefer Beschämung gedenke , weiß ich , wie einsam Gabriele auf der Höhe steht , die über ihr Geschlecht sie erhebt , wie ohne alle Ahnung dessen « - Ein zürnender Ausruf Gabrielens unterbrach ihn . » Fürchten Sie nichts ! « fuhr er bittend fort ; » kein kühn ausgesprochnes Wort soll Sie beleidigen ; möge der Himmel mich noch elender machen , als ich es bin , wenn je die hohe Ehrfurcht mich verläßt , die in Ihrer Nähe mich immer ergreift . Doch wenn Sie je - wenn jemals - ach ! wie fange ich es an , um Ihnen gegenüber , das was ich denke , was ich fühle , in Worte zu fassen ? Wie soll ich Sie erbitten , es nicht Lästerung zu nennen , wenn ich bekenne , daß ich jetzt , von Ihrem holden Vertrauen beruhigt , ihn nicht mehr beneide , dessen nie zuvor geahnetes Daseyn schon gestern die Bosheit Ihrer Feindin und die unbedachte Vertraulichkeit Ihres Freundes mir verriethen . In nie gefühlten Qualen der Eifersucht jagte es mich in Wahnsinn und Tod . « » Sie sollen ihn auch nicht beneiden , Sie sollen neidlos ihm nacheifern , Sie sind es werth , neben ihm zu stehen , « sprach Gabriele mit begütigendem Tone , doch Hippolit fuhr fort , wie nachdenkend vor sich hin , weiter zu sprechen . » Dieß ruhige Gefühl wäre Liebe ? Nein , ich wiederhole es , Gabriele hat nie die Liebe gekannt . O - kennten Sie dieses verzehrende Feuer , dieß Wünschen ohne Namen und Ziel , diese Unmöglichkeit , anders wo zu athmen , als in der Nähe des Geliebten ! - O Gabriele , was soll aus mir werden ? Was soll mich schützen vor Wahnsinn und Verzweiflung ? « rief er , von seinem Schmerz aufs neue überwältigt ; » was kann mich retten ? « » Was auch mich und meinen Freund vor Untergang und Unwürdigkeit schützte , « erwiderte Gabriele fest und mild . Sie faßte die Hand , mit welcher er im wildem Unmuthe sein Gesicht verhüllte . » Blicken Sie mich an , « sprach sie ; » glauben Sie , daß diese Augen nie weinten ? Daß nicht auch meine Brust in schlaflosen Nächten nach Trost , nach Hoffnung , nach Beruhigung schmerzlich rang ? daß nicht auch er ? - o Hippolit , ich fordre ja nichts Unmögliches , nur was ich und er auch thaten und trugen . « » Entfernung ist Tod ! « rief Hippolit , alle Mäßigung vergessend , im wilden Schmerze . » Und Sie glauben mich zu lieben ? Kennt Liebe denn Trennung ? Ist sie nicht ewige Nähe ? Giebt es für sie Raum oder Zeit ? « erwiderte ihm Gabriele . Lange kämpfte sie mit ihm , erschöpfte Gründe und Bitten , um ihn zu einem Schritt zu bewegen , den sie im Fall seines unüberwindlichen Widerstandes entschlossen war , selbst zu thun . Mit der Ueberzeugung von Hippolits wirklich leidenschaftlicher Liebe war ihr auch die Nothwendigkeit klar geworden , ihn aus ihrer Nähe zu entfernen . Sie fühlte unendliches Mitleid mit ihm in ihrem Herzen , es betrübte sie unsäglich , ihn wieder ganz allein seiner leidenschaftlichen Natur überlassen zu müssen , ihn Rathund Hülflos in die ihm so gefährliche Welt hinauszustoßen . Auch dachte sie nicht ohne ein sehr schmerzliches Gefühl für sich selbst an die Trennung von ihm ; sie war seiner Gegenwart so gewohnt worden , daß sie kaum wußte , wie sie es anfangen solle , um sich von ihm loszureißen . Der schönste Schmuck ihres jetzigen Lebens ging ihr mit ihm verloren , das konnte sie sich nicht verhehlen , und gestand es auch ihm , offen und wahr . Ihr Mitgefühl milderte die Wildheit seines Schmerzes und machte ihn fähig , Bitten und Gründen seine Aufmerksamkeit zu schenken . Mit der größten Zartheit lenkte Gabriele auch seine Blicke auf ihre eigne häusliche Lage , die er nur zu genau kannte , auf die Gefahr , in welche er in unbedachten Augenblicken sie stürzen könnte , dieses Schattenbild von häuslicher Ruhe zu verlieren , das sie bisher mühsam erkämpft , mit unzähligen Opfern sich erhalten hatte . Selbst auf das Urtheil der Welt , das man ehren muß , ohne es achten zu können , machte sie in leisen Andeutungen ihn aufmerksam . Hippolit war es gewohnt , sie beinahe ohne Worte zu verstehen . Er konnte sich die Wahrheit dessen nicht verhehlen , was sie ihn mehr errathen ließ , als daß sie es ausgesprochen hätte , und der Gedanke , ihrer Ruhe dieß große Opfer zu bringen , ermuthigte ihn . Ihre bittenden Blicke besiegten ihn mehr als ihre Gründe ; der gebietenden Herrin hätte er vielleicht noch lange Widerstand geleistet , der mit ihm fühlenden Freundin mußte er nachgeben . Und so gelangte er denn endlich zu dem Entschlusse , zuerst in Ungarn Freunde und Verwandte zu besuchen , seine Güter zu bereisen und dann nach Italien zu gehen . In Jahresfrist sollte er selbst entscheiden , ob er dann siegreich genug aus dem schweren Kampfe mit seinem Herzen hervorgegangen sey , um zu verdienen , wieder in Gabrielens Nähe zu leben . » Was ich mir und meinem fernen Freunde versagen mußte , darf ich Ihnen erlauben , « sprach sie zu ihm . » Ich bitte Sie sogar , mir wöchentlich zu schreiben . Ich will an allem theilnehmen , was Ihnen begegnet , und auch Sie sollen von mir zuweilen Kunde erhalten , obgleich ich nicht versprechen kann , jeden Ihrer Briefe regelmäßig zu beantworten . Der Reisende hat immer leichter schreiben als der , welcher zu Hause bleibt , doch will ich gern freundlich und rathend Ihnen auch aus der Ferne die Hand reichen . Uebrigens vertraue ich Ihrem eignen Gefühle , ich bin gewiß , Sie werden nur schreiben was ich lesen darf ; Sie werden nie mich zwingen , einen Ihrer Briefe ganz unbeantwortet zu lassen , oder wohl gar alle zuletzt uneröffnet zurücksenden zu müssen . Hippolit wird so das Gemüth der Frau nicht verwunden , die ihn so gern und freudig ihren Edelknaben nannte , « setzte Gabriele , lächelnd unter Thränen , hinzu , indem sie ihm freundlich die Hand reichte , um so den vielleicht zu streng erscheinenden Ernst zu mildern , mit welchem sie diesen Ausspruch that . Hippolits endlicher Abschied von der hochgeliebten Frau duldet keine Beschreibung . Schon in der nächsten Stunde saß er auf seinem prächtigen , stolzen Araber , denn er wollte , nach seinen eignen und Gabrielens Wünschen , die noch am nehmlichen Abend von der Rothenburg zurückkehrende Gesellschaft vermeiden . Als er über den Schloßhof sprengte , sah er noch einmal zu Gabrielens Fenster auf ; sie stand da und winkte ihm das letzte Lebewohl zu . Sein Herz zuckte , als wolle es brechen , da er sie erblickte . Er vermochte es nicht , ihren Gruß zu erwidern , sondern spornte sein edles Roß so , daß es hoch auf sich bäumte und dann , wie vom Sturmwind getrieben , mit ihm zum Schloßthor hinaus den steilen Felsweg hinunterflog . Die ihm am Thore nachsehenden Bedienten schrien alle vor Schrecken darüber laut auf ; Gabriele lauschte bebend am Fenster , bis die Ruhe , mit welcher sie Alle sich dem Schlosse zuwenden sah , sie überzeugte , daß jede Gefahr vorüber sey und kein Unfall ihren jungen Freund betroffen habe . Dann wandte sie sich langsam vom Fenster ab , in stille Trauer und in wehmüthigem Andenken versunken . Sowohl Gabriele als Hippolit waren gleich bei der Ankunft auf der Rothenburg von der Gesellschaft vermißt worden , und obgleich Herr von Aarheim seine Gemahlin durch die ihr plötzlich zugestoßne Unpäßlichkeit sehr umständlich zu entschuldigen suchte , so fehlte es dennoch nicht an mannigfaltigen Muthmaßungen über den sonderbaren Zufall , der zugleich auch Hippolits Abwesenheit veranlaßt habe . Eugenia , mehr vielleicht aus Gewohnheit als aus böser Absicht , trug redlich dazu bei , die Aufmerksamkeit der Gesellschaft so lange als möglich mit diesem Problem zu beschäftigen ; Moritz selbst ward zuletzt dadurch angeregt , doch da niemand in seinem Beiseyn ganz verständlich sich auszudrücken wagte , so begriff er nicht recht , mas man eigentlich meinen mochte , und die ganze Geschichte machte keinen großen Eindruck auf ihn . Anders wurde es als er , wenig Stunden nach Hippolits Abreise , wieder zu Hause angelangt war . Hier vernahm er , daß sein junger Freund , durch dringende Ursachen bestimmt , plötzlich nach Ungarn gereist sey , ohne sich vorher bei ihm zu beurlauben . Das halbverstandne Geflüster und Gezische auf der Rothenburg kam ihm wieder in den Sinn , und brachte ihn jetzt auf den albernen Gedanken , seine Gemahlin könne aus wunderlicher Eifersucht den Augenblick benutzt haben , um den einzigen Menschen , dessen Gesellschaft ihn ergötzte , von ihm zu entfernen . So lächerlich diese Vermuthung auch war , so ermangelte er doch nicht , Gabrielen deshalb anzuklagen , und ihr dadurch manche böse Stunde zu machen . Der Verlust Hippolits und die Verpflichtung , die Fräulein Schöneck wieder in die Arme ihrer Mutter zu geleiten , mußten ihm jetzt zum Vorwande dienen , die Rückreise nach der Residenz zu beschleunigen . Ida und Bella gingen mit eben der fröhlichen Erwartung dem Geräusch der Stadt entgegen , mit der sie auf die romantische Einsamkeit der alten Burg sich gefreuet hatten . Mit nassem Auge und manchem unterdrückten Seufzer trennte sich Gabriele von dem geliebten Aufenthalte ; Moritz hingegen vermaaß sich hoch und theuer in seinem Herzen , die Schwelle des alten verwünschten Schlosses nie wieder zu betreten ; er fand jedoch für gut , diesen Vorsatz nicht laut werden zu lassen . Mit einem sehr unbehaglichen Gefühle , zu welchem die jetzige Gestaltung ihres häuslichen Verhältnisses nicht wenig beitragen mochte , betrat Gabriele in der Residenz abermals die gewohnte Bahn im geselligen Leben der großen Welt . Nie war ihr diese freudenarmer und uninteressanter erschienen , und dennoch durfte sie ihr , um ihres Gemahls willen , nicht entsagen . Letzterer ward mit jedem Tage mürrischer und unleidlicher . Gegen die Freude an Gabrielens glänzender Erscheinung in der Welt , hatte die Zeit ihn abgestumpft ; er bildete sich nicht mehr ein , die Bewunderung , welche sie überall erregte , mit ihr zu theilen , und sein ewiges Ausposaunen ihrer Vortrefflichkeit quälte sie nicht , wie wohl ehemals . Dafür machte ihn aber die fürchterlichste Langeweile zum unerträglichsten Gesellschafter , bis er durch irgend eine schnell aufgefaßte Lieblingsidee wieder angeregt und in Thätigkeit gesetzt ward . Doch als er diese endlich am Spieltisch gefunden hatte , gewährte sie ihm nur neue Anreizung zum ärgerlichsten Mißmuthe . Sein Verlust an demselben konnte bei seinem großen Vermögen zwar nicht in Anschlag gebracht werden , aber leider bildete er sich ein , das Geheimniß erfunden zu haben , den Gang des Spiels im Voraus aus mancherlei Nebenumständen berechnen zu können , und das öftere Mißlingen seiner mühsamen Kalkulazionen versetzte ihn beinahe an jedem Abende in den allerwiderwärtigsten Humor . Der Briefwechsel mit ihren entfernten Freunden gewährte Gabrielen wenig Erheiterung ihres jetzigen trüben Lebens . Ernesto ließ aus Italien selten von sich hören , und Frau von Willnangen mit ihrer Auguste waren selbst des Trostes bedürftig . Denn der General fand für gut , Adelberten noch immer entfernt zu halten , und beide Frauen führten auf dem Lande , in Sehnsucht und banger Erwartung , ein sehr einförmiges Leben . Gabriele hatte ihrer Freundin die Ereignisse nicht mitgetheilt , welche Hippolits Entfernung aus ihrer Nähe herbeiführten , denn sie achtete sich nicht berechtigt , das Geheimniß ihres Freundes ohne Noth zu verrathen . Indessen hatte sich doch eine Art Zwang in den Briefwechsel der Freundinnen durch dieses Verschweigen eingeschlichen , den beide fühlten , ohne sich ihn zu gestehen . Stille Trauer über den Jüngling , den sie gezwungen hinaus in die Verbannung gestoßen , waltete noch immer in Gabrielens Gemüth ; überall vermißte sie ihn , und seine Briefe , eigentlich das Tagebuch seines Lebens , waren fast die einzige Unterbrechung ihres bis zum Ueberdruß einförmigen Umhertreibens mitten im Geräusche . » Ich muß fort , « schrieb Hippolit Gabrielen , wenige Wochen nach seiner Ankunft im Vaterlande , » ich muß fort , ich halte es so nicht länger aus . Ruhe zu hoffen , wäre lächerlich ; so will ich denn Betäubung suchen . Betäubung andrer Art als mir die glänzenden Feste , die großen Jagdparthien geben , welche meine Verwandten mir zu Ehren hier anstellen . Wenn sich Abends , von unzähligen Fackeln beleuchtet , unsere oft aus zwanzig und mehr Wagen bestehenden Karavanen von dem Schloße eines Verwandten , wo wir einige Tage oder Wochen lang hauseten , zu dem Gute eines andern begeben , wo wir uns wieder im nehmlichen Kreise von Lustbarkeiten umherzutreiben gedenken , dann kommt mir unser Zug , dem die Landleute bewundernd nachstaunen , oft wie ein prächtiges Leichenbegängniß vor . Ich hörte einmal ein altes einfaches Lied singen , sein Anfang war : « » Mein Herz , das ist begraben , Tief und gar weit von hier « Mein Gedächtniß hat von dem Liede nichts aufbewahrt als diese wenigen Worte , aber ich kann sie nicht wieder los werden . Oft möchte ich meine Verwunderung laut darüber ausdrücken , daß man so viel Umstände mit mir macht , um mich zu ergötzen , aber die guten Leute wissen nicht , daß es eben sowohl Scheinlebende als Scheintodte gibt . Sie ahnen nicht , daß ich mit kalter , hohler Brust unter ihnen herumwandle , weil ich ohngefähr eben so aussehe wie alle andere Menschen , aber - Mein Herz , das ist begraben tief und gar weit von hier ! Eine freudige Regung , einen Strahl jugendlichen Lebens , hat mir denn doch das Wiedersehen , oder ich sollte lieber sagen , das Widerfinden , eines ehemaligen Jugendgefährten hier gewährt . Auf einer jener glänzenden Familienreisen führte unser Weg dicht neben dem Schlosse meines Oheims vorbei , dem ich als ein Unmündiger vom sterbenden Vater anvertraut ward , und der mich zum Lohne dieses Vertrauens für einen der Familie aufgedrungnen Bastard erklären lassen wollte , um mein reiches Erbtheil seinem eignen Sohne zuzuwenden . Seit einem halben Jahre ist der Oheim todt , aber ich mochte selbst den Ort nicht wiedersehen , wo er mit heuchlerischer Freundlichkeit mich umfing , und mich Sohn nannte , während er im Herzen den Plan , mich zu verderben , umhertrug . Sein Sohn , mein ehemaliger Spielgefährte , bewohnt jetzt das Gut , ich schlug indessen das Frühstück aus , das uns bei ihm erwartete , und bestand darauf , weiter zu fahren . Ich mochte die Brut des heuchlerischen Alten nicht sehen , die durch meinen Raub hatte bereichert werden sollen , und äußerte dieses ganz unverholen . Heute früh stand Vetter Max vor mir in meinem eignen Zimmer , ehe ich mich dessen versah , und bot mir die Hand zur Versöhnung . Ein einziger Blick in sein ehrliches , treuherziges Gesicht entwaffnete mich , und nun höre und sehe ich zu meiner unsäglichen Beschämung , was Max alles für mich gethan hat . Selbst mit Vernachlässigung seiner eignen Geschäfte , hat er Tag und Nacht nur dahin getrachtet , die