Menge derer , die auf unsern Beutel auch gegen unser Wollen Anspruch zu machen beflissen sind . Muster aller Art und Preisverzeichnisse verfolgen uns in Stadt- und Landhäusern , und wohin wir uns auch flüchten mögen , geschäftig überraschen sie uns , Gelegenheit bietend , welche selbst aufzusuchen niemand in den Sinn gekommen wäre . Was soll ich aber nun von dem Volke sagen , das den Segen des ewigen Wanderns vor allen andern sich zueignet und durch seine bewegliche Tätigkeit die Ruhenden zu überlisten und die Mitwandern den zu überschreiten versteht ? Wir dürfen weder Gutes noch Böses von ihnen sprechen ; nichts Gutes , weil sich unser Bund vor ihnen hütet , nichts Böses , weil der Wanderer jeden Begegnenden freundlich zu behandeln , wechselseitigen Vorteils eingedenk , verpflichtet ist . Nun aber vor allen Dingen haben wir der sämtlichen Künstler mit Teilnahme zu gedenken , denn sie sind auch durchaus in die Weltbewegung mit verflochten . Wandert nicht der Maler mit Staffelei und Palette von Gesicht zu Gesicht ? und werden seine Kunstgenossen nicht bald da- , bald dorthin berufen , weil überall zu bauen und zu bilden ist ? Lebhafter jedoch schreitet der Musiker daher , denn er ist es eigentlich , der für ein neues Ohr neue Überraschung , für einen frischen Sinn frisches Erstaunen bereitet . Die Schauspieler sodann , wenn sie gleich Thespis ' Wagen verschmähen , ziehen doch noch immer in kleineren Chören umher , und ihre bewegliche Welt ist an jeder Stelle behend genug auferbaut . Ebenso verändern sie einzeln , sogar ernste , vorteilhafte Verbindungen aufgebend , gern den Ort mit dem Orte , wozu ein gesteigertes Talent mit zugleich gesteigertem Bedürfnis Anlaß und Vorwand gibt . Hierzu bereiten sie sich gewöhnlich dadurch vor , daß sie kein bedeutendes Brettergerüst des Vaterlandes unbestiegen lassen . Hiernach werden wir sogleich gemahnt , auf den Lehrstand zu sehen ; diesen findet ihr gleichfalls in fortdauernder Bewegung , ein Katheder um das andere wird betreten und verlassen , um den Samen eiliger Bildung ja nach allen Seiten hin reichlich auszuspenden . Emsiger aber und weiter ausgreifend sind jene frommen Seelen , die , das Heil den Völkern zu bringen , sich durch alle Weltteile zerstreuen . Dagegen pilgern andere , sich das Heil abzuholen ; sie ziehen zu ganzen Scharen nach geweihter , wundertätiger Stelle , dort zu suchen und zu empfangen , was ihrem Innern zu Hause nicht verliehen ward . Wenn uns nun diese sämtlich nicht in Verwunderung setzen , weil ihr Tun und Lassen ohne Wandern meist nicht denkbar wäre , so sollten wir diejenigen , die ihren Fleiß dem Boden widmen , doch wenigstens an denselben gefesselt halten . Keineswegs ! Auch ohne Besitz läßt sich Benutzung denken , und wir sehen den eifrigen Landwirt eine Flur verlassen , die ihm als Zeitpächter Vorteil und Freude mehrere Jahre gewährt hat ; ungeduldig forscht er nach gleichen oder größeren Vorteilen , es sei nah oder fern . Ja sogar der Eigentümer verläßt seinen erst gerodeten Neubruch , sobald er ihn durch Kultur einem weniger gewandten Besitzer erst angenehm gemacht hat ; aufs neue dringt er in die Wüste , macht sich abermals in Wäldern Platz , zur Belohnung jenes ersten Bemühens einen doppelt und dreifach größern Raum , auf dem er vielleicht auch nicht zu beharren gedenkt . Lassen wir ihn dort mit Bären und anderm Getier sich herumschlagen und kehren in die gebildete Welt zurück , wo wir es auch keineswegs beruhigter antreffen . Irgendein großes , geregeltes Reich beschaue man , wo der Fähigste sich als den Beweglichsten denken muß ; nach dem Winke des Fürsten , nach Anordnung des Staatsrats wird der Brauchbare von einem Ort zum andern versetzt . Auch ihm gilt unser Zuruf : Suchet überall zu nützen , überall seid ihr zu Hause . Sehen wir aber bedeutende Staatsmänner , obwohl ungern , ihren hohen Posten verlassen , so haben wir Ursache , sie zu bedauern , da wir sie weder als Auswanderer noch als Wanderer anerkennen dürfen ; nicht als Auswanderer , weil sie einen wünschenswerten Zustand entbehren , ohne daß irgendeine Aussicht auf bessere Zustände sich auch nur scheinbar eröffnete ; nicht als Wanderer , weil ihnen anderer Orten auf irgendeine Weise nützlich zu sein selten vergönnt ist . Zu einem eigenen Wanderleben jedoch ist der Soldat berufen ; selbst im Frieden wird ihm bald dieser , bald jener Posten angewiesen ; fürs Vaterland nah oder fern zu streiten , muß er sich immer beweglich erhalten ; und nicht nur fürs unmittelbare Heil , sondern auch nach dem Sinne der Völker und Herrscher wendet er seinen Schritt allen Weltteilen zu , und nur wenigen ist es vergönnt , sich hie oder da anzusiedeln . Wie nun bei dem Soldaten die Tapferkeit als erste Eigenschaft obenan steht , so wird sie doch stets mit der Treue verbunden gedacht , deshalb wir denn gewisse wegen ihrer Zuverlässigkeit gerühmte Völker , aus der Heimat gerufen , weltlichen und geistlichen Regenten als Leibwache dienen sehen . Noch eine sehr bewegliche , dem Staat unentbehrliche Klasse erblicken wir in jenen Geschäftsmännern , welche , von Hof zu Hofe gesandt , Fürsten und Minister umlagern und die ganze bewohnte Welt mit unsichtbaren Fäden überkreuzen . Auch deren ist keiner an Ort und Stelle auch nur einen Augenblick sicher ; im Frieden sendet man die tüchtigsten von einer Weltgegend zur andern ; im Kriege , dem siegenden Heere nachziehend , dem flüchtigen die Wege bahnend , sind sie immer eingerichtet , einen Ort um den andern zu verlassen , deshalb sie auch jederzeit einen großen Vorrat von Abschiedskarten mit sich führen . Haben wir uns nun bisher auf jedem Schritt zu ehren gewußt , indem wir die vorzüglichste Masse tätiger Menschen als unsere Gesellen und Schicksalsgenossen angesprochen , so stehet euch , teure Freunde , zum Abschluß noch die höchste Gunst bevor , indem ihr euch mit Kaisern , Königen und Fürsten verbrüdert findet . Denken wir zuerst segnend jenes edlen kaiserlichen Wanderers Hadrian , welcher zu Fuß , an der Spitze seines Heers , den bewohnten , ihm unterworfenen Erdkreis durchschritt und ihn so erst vollkommen in Besitz nahm . Denken wir mit Schaudern der Eroberer , jener gewaffneten Wanderer , gegen die kein Widerstreit helfen , Mauer und Bollwerk harmlose Völker nicht schirmen konnte ; begleiten wir endlich mit redlichem Bedauern jene unglücklichen vertriebenen Fürsten , die , von dem Gipfel der Höhe herabsteigend , nicht einmal in die bescheidene Gilde tätiger Wanderer aufgenommen werden könnten . Da wir uns nun alles dieses einander vergegenwärtigt und aufgeklärt , so wird kein beschränkter Trübsinn , keine leidenschaftliche Dunkelheit über uns walten . Die Zeit ist vorüber , wo man abenteuerlich in die weite Welt rannte ; durch die Bemühungen wissenschaftlicher , weislich beschreibender , künstlerisch nachbildender Weltumreiser sind wir überall bekannt genug , daß wir ungefähr wissen , was zu erwarten sei . Doch kann zu einer vollkommenen Klarheit der einzelne nicht gelangen . Unsere Gesellschaft aber ist darauf gegründet , daß jeder in seinem Maße , nach seinen Zwecken aufgeklärt werde . Hat irgendeiner ein Land im Sinne , wohin er seine Wünsche richtet , so suchen wir ihm das einzelne deutlich zu machen , was im ganzen seiner Einbildungskraft vorschwebte ; uns wechselseitig einen Überblick der bewohnten und bewohnbaren Welt zu geben , ist die angenehmste , höchst belohnende Unterhaltung . In solchem Sinne nun dürfen wir uns in einem Weltbunde begriffen ansehen . Einfach-groß ist der Gedanke , leicht die Ausführung durch Verstand und Kraft . Einheit ist allmächtig , deshalb keine Spaltung , kein Widerstreit unter uns . Insofern wir Grundsätze haben , sind sie uns allen gemein . Der Mensch , so sagen wir , lerne sich ohne dauernden äußeren Bezug zu denken , er suche das Folgerechte nicht an den Umständen , sondern in sich selbst , dort wird er ' s finden , mit Liebe hegen und pflegen . Er wird sich ausbilden und einrichten , daß er überall zu Hause sei . Wer sich dem Notwendigsten widmet , geht überall am sichersten zum Ziel ; andere hingegen , das Höhere , Zartere suchend , haben schon in der Wahl des Weges vorsichtiger zu sein . Doch was der Mensch auch ergreife und handhabe , der einzelne ist sich nicht hinreichend , Gesellschaft bleibt eines wackern Mannes höchstes Bedürfnis . Alle brauchbaren Menschen sollen in Bezug untereinander stehen , wie sich der Bauherr nach dem Architekten und dieser nach Maurer und Zimmermann umsieht . Und so ist denn allen bekannt , wie und auf welche Weise unser Bund geschlossen und gegründet sei ; niemand sehen wir unter uns , der nicht zweckmäßig seine Tätigkeit jeden Augenblick üben könnte , der nicht versichert wäre , daß er überall , wohin Zufall , Neigung , ja Leidenschaft ihn führen könnte , sich immer wohl empfohlen , aufgenommen und gefördert , ja von Unglücksfällen möglichst wiederhergestellt finden werde . Zwei Pflichten sodann haben wir aufs strengste übernommen : jeden Gottesdienst in Ehren zu halten , denn sie sind alle mehr oder weniger im Credo verfaßt ; ferner alle Regierungsformen gleichfalls gelten zu lassen und , da sie sämtlich eine zweckmäßige Tätigkeit fordern und befördern , innerhalb einer jeden uns , auf wie lange es auch sei , nach ihrem Willen und Wunsch zu bemühen . Schließlich halten wir ' s für Pflicht , die Sittlichkeit ohne Pedanterei und Strenge zu üben und zu fördern , wie es die Ehrfurcht vor uns selbst verlangt , welche aus den drei Ehrfurchten entsprießt , zu denen wir uns sämtlich bekennen , auch alle in diese höhere , allgemeine Weisheit , einige sogar von Jugend auf , eingeweiht zu sein das Glück und die Freude haben . Dieses alles haben wir in der feierlichen Trennungsstunde nochmals bedenken , erklären , vernehmen und anerkennen , auch mit einem traulichen Lebewohl besiegeln wollen . Bleibe nicht am Boden heften , Frisch gewagt und frisch hinaus ! Kopf und Arm mit heitern Kräften , Überall sind sie zu Haus ; Wo wir uns der Sonne freuen , Sind wir jede Sorge los . Daß wir uns in ihr zerstreuen , Darum ist die Welt so groß . « Zehntes Kapitel Unter dem Schlußgesange richtete sich ein großer Teil der Anwesenden rasch empor und zog paarweise geordnet mit weit umherklingendem Schalle den Saal hinaus . Lenardo , sich niedersetzend , fragte den Gast : ob er sein Anliegen hier öffentlich vorzutragen gedenke oder eine besondere Sitzung verlange ? Der Fremde stand auf , begrüßte die Gesellschaft und begann folgende Rede : » Hier ist es , gerade in solcher Versammlung , wo ich mich vorerst ohne weiteres zu erklären wünsche . Diese hier in Ruhe verbliebenen , dem Anblick nach sämtlich wackern Männer geben schon durch ein solches Verharren deutlich Wunsch und Absicht zu erkennen , dem vaterländischen Grund und Boden auch fernerhin angehören zu wollen . Sie sind mir alle freundlich gegrüßt , denn ich darf erklären : daß ich ihnen sämtlich , wie sie sich hier ankündigen , ein hinreichendes Tagewerk auf mehrere Jahre anzubieten im Fall bin . Ich wünsche jedoch , aber erst nach kurzer Frist , eine nochmalige Zusammenkunft , weil es nötig ist , vor allen Dingen den würdigen Vorstehern , welche bisher diese wackern Leute zusammenhielten , meine Angelegenheit vertraulich zu offenbaren und sie von der Zuverlässigkeit meiner Sendung zu überzeugen . Sodann aber will es sich ziemen , mich mit den Verharrenden im einzelnen zu besprechen , damit ich erfahre , mit welchen Leistungen sie mein stattliches Anerbieten zu erwidern gedenken . « Hierauf begehrte Lenardo einige Frist , die nötigsten Geschäfte des Augenblicks zu besorgen , und nachdem diese bestimmt war , richtete sich die Masse der Übriggebliebenen anständig in die Höhe , gleichfalls paarweise unter einem mäßig geselligen Gesang aus dem Saale sich entfernend . Odoard entdeckte sodann den zurückbleibenden beiden Führern seine Absichten und Vorsätze und zeigte sodann seine Berechtigung hiezu . Nun konnte er aber mit so vorzüglichen Menschen in fernerer Unterhaltung von dem Geschäft nicht Rechenschaft geben , ohne des menschlichen Grundes zu gedenken , worauf das Ganze eigentlich beruhe . Wechselseitige Erklärungen und Bekenntnisse tiefer Herzensangelegenheiten entfalteten sich hieraus bei fortgesetztem Gespräch . Bis tief in die Nacht blieb man zusammen und verwickelte sich immer unentwirrbarer in die Labyrinthe menschlicher Gesinnungen und Schicksale . Hier nun fand sich Odoard bewogen , nach und nach von den Angelegenheiten seines Geistes und Herzens fragmentarische Rechenschaft zu geben , deshalb denn auch von diesem Gespräche uns freilich nur unvollständige und unbefriedigende Kenntnis zugekommen . Doch sollen wir auch hier Friedrichs glücklichem Talent des Auffassens und Festhaltens die Vergegenwärtigung interessanter Szenen verdanken , sowie einige Aufklärung über den Lebensgang eines vorzüglichen Mannes , der uns zu interessieren anfängt , wenn es auch nur Andeutungen wären desjenigen , was in der Folge vielleicht ausführlicher und im Zusammenhange mitzuteilen ist . Nicht zu weit Es schlug zehn in der Nacht , und so war denn zur verabredeten Stunde alles bereit : im bekränzten Sälchen zu vieren eine geräumige , artige Tafel gedeckt , mit feinem Nachtisch und Zuckerzierlichkeiten zwischen blinkenden Leuchtern und Blumen bestellt . Wie freuten sich die Kinder auf diese Nachkost , denn sie sollten mit zu Tische sitzen ; indessen schlichen sie umher , geputzt und maskiert , und weil Kinder nicht zu entstellen sind , erschienen sie als die niedlichsten Zwillingsgenien . Der Vater berief sie zu sich , und sie sagten das Festgespräch , zu ihrer Mutter Geburtstag gedichtet , bei weniger Nachhülfe gar schicklich her . Die Zeit verstrich , von Viertel- zu Viertelstunde enthielt die gute Alte sich nicht , des Freundes Ungeduld zu vermehren . Mehrere Lampen , sagte sie , seien auf der Treppe dem Erlöschen ganz nahe , ausgesuchte Lieblingsspeisen der Gefeierten könnten übergar werden , so sei es zu befürchten . Die Kinder aus Langerweile fingen erst unartig an , und aus Ungeduld wurden sie unerträglich . Der Vater nahm sich zusammen , und doch wollte die angewohnte Gelassenheit ihm nicht zu Gebote stehen ; er horchte sehnsüchtig auf die Wagen , einige rasselten unaufgehalten vorbei , ein gewisses Ärgernis wollte sich regen . Zum Zeitvertreib forderte er noch eine Repetition von den Kindern ; diese , im Überdruß unachtsam , zerstreut und ungeschickt , sprachen falsch , keine Gebärde war mehr richtig , sie übertrieben wie Schauspieler , die nichts empfinden . Die Pein des guten Mannes wuchs mit jedem Momente , halb eilf Uhr war vorüber ; das Weitere zu schildern , überlassen wir ihm selbst . » Die Glocke schlug eilfe , meine Ungeduld war bis zur Verzweiflung gesteigert , ich hoffte nicht mehr , ich fürchtete . Nun war mir bange , sie möchte hereintreten , mit ihrer gewöhnlichen leichten Anmut sich flüchtig entschuldigen , versichern , daß sie sehr müde sei , und sich betragen , als würfe sie mir vor , ich beschränke ihre Freuden . In mir kehrte sich alles um und um , und gar vieles , was ich Jahre her geduldet , lastete wiederkehrend auf meinem Geiste . Ich fing an , sie zu hassen , ich wußte kein Betragen zu denken , wie ich sie empfangen sollte . Die guten Kinder , wie Engelchen herausgeputzt , schliefen ruhig auf dem Sofa . Unter meinen Füßen brannte der Boden , ich begriff , ich verstand mich nicht , und mir blieb nichts übrig als zu fliehen , bis nur die nächsten Augenblicke überstanden wären . Ich eilte , leicht und festlich angezogen wie ich war , nach der Haustüre . Ich weiß nicht , was ich der guten Alten für einen Vorwand hinstotterte , sie drang mir einen Überrock zu , und ich fand mich auf der Straße in einem Zustande , den ich seit langen Jahren nicht empfunden hatte . Gleich dem jüngsten leidenschaftlichen Menschen , der nicht wo ein noch aus weiß , rannt ' ich die Gassen hin und wider . Ich hätte das freie Feld gewonnen , aber ein kalter , feuchter Wind blies streng und widerwärtig genug , um meinen Verdruß zu begrenzen . « Wir haben , wie an dieser Stelle auffallend zu bemerken ist , die Rechte des epischen Dichters uns anmaßend , einen geneigten Leser nur allzu schnell in die Mitte leidenschaftlicher Darstellung gerissen . Wir sehen einen bedeutenden Mann in häuslicher Verwirrung , ohne von ihm etwas weiter erfahren zu haben ; deshalb wir denn für den Augenblick , um nur einigermaßen den Zustand aufzuklären , uns zu der guten Alten gesellen , horchend , was sie allenfalls vor sich hin , bewegt und verlegen , leise murmeln oder laut ausrufen möchte . » Ich hab ' es längst gedacht , ich habe es vorausgesagt , ich habe die gnädige Frau nicht geschont , sie öfter gewarnt , aber es ist stärker wie sie . Wenn der Herr sich des Tags auf der Kanzlei , in der Stadt , auf dem Lande in Geschäften abmüdet , so findet er abends ein leeres Haus , oder Gesellschaft , die ihm nicht zusagt . Sie kann es nicht lassen . Wenn sie nicht immer Menschen , Männer um sich sieht , wenn sie nicht hin und wider fährt , sich an- und aus- und umziehen kann , ist es , als wenn ihr der Atem ausginge . Heute an ihrem Geburtstag fährt sie früh aufs Land . Gut ! wir machen indes hier alles zurecht ; sie verspricht heilig , um so neun Uhr zu Hause zu sein ; wir sind bereit . Der Herr überhört die Kinder ein auswendig gelerntes artiges Gedicht , sie sind herausgeputzt ; Lampen und Lichter , Gesottenes und Gebratenes , an gar nichts fehlt es , aber sie kommt nicht . Der Herr hat viel Gewalt über sich , er verbirgt seine Ungeduld , sie bricht aus . Er entfernt sich aus dem Hause so spät . Warum , ist offenbar ; aber wohin ? Ich habe ihr oft mit Nebenbuhlerinnen gedroht , ehrlich und redlich . Bisher hab ' ich am Herrn nichts bemerkt ; eine Schöne paßt ihm längst auf , bemüht sich um ihn . Wer weiß , wie er bisher gekämpft hat . Nun bricht ' s los , diesmal treibt ihn die Verzweiflung , seinen guten Willen nicht besser anerkannt zu sehen , bei Nacht aus dem Hause , da geb ' ich alles verloren . Ich sagt ' es ihr mehr als einmal , sie solle es nicht zu weit treiben . « Suchen wir den Freund nun wieder auf und hören ihn selber . » In dem angesehensten Gasthofe sah ich unten Licht , klopfte am Fenster und fragte den herausschauenden Kellner mit bekannter Stimme : ob nicht Fremde angekommen oder angemeldet seien ? Schon hatte er das Tor geöffnet , verneinte beides und bat mich hereinzutreten . Ich fand es meiner Lage gemäß , das Märchen fortzusetzen , ersuchte ihn um ein Zimmer , das er mir gleich im zweiten Stock einräumte ; der erste sollte , wie er meinte , für die erwarteten Fremden bleiben . Er eilte , einiges zu veranstalten , ich ließ es geschehen und verbürgte mich für die Zeche . So weit war ' s vorüber ; ich aber fiel wieder in meine Schmerzen zurück , vergegenwärtigte mir alles und jedes , erhöhte und milderte , schalt mich und suchte mich zu fassen , zu besänftigen : ließe sich doch morgen früh alles wieder einleiten ; ich dachte mir schon den Tag abermals im gewohnten Gange ; dann aber kämpfte sich aufs neue der Verdruß unbändig hervor : ich hatte nie geglaubt , daß ich so unglücklich sein könne . « An dem edlen Manne , den wir hier so unerwartet über einen gering scheinenden Vorfall in leidenschaftlicher Bewegung sehen , haben unsere Leser gewiß schon in dem Grade teilgenommen , daß sie nähere Nachricht von seinen Verhältnissen zu erfahren wünschen . Wir benutzen die Pause , die hier in das nächtliche Abenteuer eintritt , indem er stumm und heftig in dem Zimmer auf und ab zu gehen fortfährt . Wir lernen Odoard als den Sprößling eines alten Hauses kennen , auf welchen durch eine Folge von Generationen die edelsten Vorzüge vererbt worden . In der Militärschule gebildet , ward ihm ein gewandter Anstand zu eigen , der , mit den löblichsten Fähigkeiten des Geistes verbunden , seinem Betragen eine ganz besondere Anmut verlieh . Ein kurzer Hofdienst lehrte ihn die äußern Verhältnisse hoher Persönlichkeiten gar wohl einsehen , und als er nun hierauf , durch früh erworbene Gunst einer gesandtschaftlichen Sendung angeschlossen , die Welt zu sehen und fremde Höfe zu kennen Gelegenheit hatte , so tat sich die Klarheit seiner Auffassung und glückliches Gedächtnis des Vorgegangenen bis aufs genaueste , besonders aber ein guter Wille in Unternehmungen aller Art aufs baldigste hervor . Die Leichtigkeit des Ausdrucks in manchen Sprachen , bei einer freien und nicht aufdringlichen Persönlichkeit , führten ihn von einer Stufe zur andern ; er hatte Glück bei allen diplomatischen Sendungen , weil er das Wohlwollen der Menschen gewann und sich dadurch in den Vorteil setzte , Mißhelligkeiten zu schlichten , besonders auch die beiderseitigen Interessen bei gerechter Erwägung vorliegender Gründe zu befriedigen wußte . Einen so vorzüglichen Mann sich anzueignen , war der erste Minister bedacht ; er verheiratete ihm seine Tochter , ein Frauenzimmer von der heitersten Schönheit und gewandt in allen höheren geselligen Tugenden . Allein wie dem Laufe aller menschlichen Glückseligkeit sich je einmal ein Damm entgegenstellt , der ihn irgendwo zurückdrängt , so war es auch hier der Fall . An dem fürstlichen Hofe wurde Prinzessin Sophronie als Mündel erzogen , sie , der letzte Zweig ihres Astes , deren Vermögen und Anforderungen , wenn auch Land und Leute an den Oheim zurückfielen , noch immer bedeutend genug blieben , weshalb man sie denn , um weitläufige Erörterungen zu vermeiden , an den Erbprinzen , der freilich viel jünger war , zu verheiraten wünschte . Odoard kam in Verdacht einer Neigung zu ihr , man fand , er habe sie in einem Gedichte unter dem Namen Aurora allzu leidenschaftlich gefeiert ; hiezu gesellte sich eine Unvorsichtigkeit von ihrer Seite , indem sie mit eigner Charakterstärke gewissen Neckereien ihrer Gespielinnen trotzig entgegnete : sie müßte keine Augen haben , wenn sie für solche Vorzüge blind sein sollte . Durch seine Heirat wurde nun wohl ein solcher Verdacht beschwichtigt , aber durch heimliche Gegner dennoch im stillen fortgenährt und gelegentlich wieder aufgeregt . Die Staats- und Erbschaftsverhältnisse , ob man sie gleich so wenig als möglich zu berühren suchte , kamen doch manchmal zur Sprache . Der Fürst nicht sowohl als kluge Räte hielten es durchaus für nützlich , die Angelegenheit fernerhin ruhen zu lassen , während die stillen Anhänger der Prinzessin sie abgetan und dadurch die edle Dame in größerer Freiheit zu sehen wünschten , besonders da der benachbarte alte König , Sophronien verwandt und günstig , noch am Leben sei und sich zu väterlicher Einwirkung gelegentlich bereit erwiesen habe . Odoard kam in Verdacht , bei einer bloß zeremoniellen Sendung dorthin das Geschäft , das man verspäten wollte , wieder in Anregung gebracht zu haben . Die Widersacher bedienten sich dieses Vorfalls , und der Schwiegervater , den er von seiner Unschuld überzeugt hatte , mußte seinen ganzen Einfluß anwenden , um ihm eine Art von Statthalterschaft in einer entfernten Provinz zu erwirken . Er fand sich glücklich daselbst , alle seine Kräfte konnte er in Tätigkeit setzen , es war Notwendiges , Nützliches , Gutes , Schönes , Großes zu tun , er konnte Dauerndes leisten , ohne sich aufzuopfern , anstatt daß man in jenen Verhältnissen , gegen seine Überzeugung sich mit Vorübergehendem beschäftigend , gelegentlich selbst zugrunde geht . Nicht so empfand es seine Gattin , welche nur in größern Zirkeln ihre Existenz fand und ihm nur später notgedrungen folgte . Er betrug sich so schonend als möglich gegen sie und begünstigte alle Surrogate ihrer bisherigen Glückseligkeit , des Sommers Landpartien in der Nachbarschaft , im Winter ein Liebhabertheater , Bälle und was sie sonst einzuleiten beliebte . Ja er duldete einen Hausfreund , einen Fremden , der sich seit einiger Zeit eingeführt hatte , ob er ihm gleich keineswegs gefiel , da er ihm durchaus , bei seinem klaren Blick auf Menschen , eine gewisse Falschheit anzusehen glaubte . Von allem diesem , was wir aussprechen , mag in dem gegenwärtigen bedenklichen Augenblick einiges dunkel und trübe , ein anderes klar und deutlich ihm vor der Seele vorübergegangen sein . Genug , wenn wir nach dieser vertraulichen Eröffnung , zu der Friedrichs gutes Gedächtnis den Stoff mitgeteilt , uns abermals zu ihm wenden , so finden wir ihn wieder in dem Zimmer heftig auf und ab gehend , durch Gebärden und manche Ausrufungen einen innern Kampf offenbarend . » In solchen Gedanken war ich heftig im Zimmer auf und ab gegangen , der Kellner hatte mir eine Tasse Bouillon gebracht , deren ich sehr bedurfte ; denn über die sorgfältigsten Anstalten dem Fest zuliebe hatte ich nichts zu mir genommen , und ein köstlich Abendessen stand unberührt zu Hause . In dem Augenblick hörten wir ein Posthorn sehr angenehm die Straße herauf . Der kommt aus dem Gebirge , sagte der Kellner . Wir fuhren ans Fenster und sahen beim Schein zweier helleuchtenden Wagenlaternen vierspännig , wohlbepackt vorfahren einen Herrschaftswagen . Die Bedienten sprangen vom Bocke : Da sind sie ! rief der Kellner und eilte nach der Türe . Ich hielt ihn fest , ihm einzuschärfen , er solle ja nichts sagen , daß ich da sei , nicht verraten , daß etwas bestellt worden ; er versprach ' s und sprang davon . Indessen hatte ich versäumt zu beobachten , wer ausgestiegen sei , und eine neue Ungeduld bemächtigte sich meiner ; mir schien , der Kellner säume allzu lange , mir Nachricht zu geben . Endlich vernahm ich von ihm , die Gäste seien Frauenzimmer , eine ältliche Dame von würdigem Ansehen , eine mittlere von unglaublicher Anmut , ein Kammermädchen , wie man sie nur wünschen möchte . Sie fing an sagte er , mit Befehlen , fuhr fort mit Schmeicheln und fiel , als ich ihr schöntat , in ein heiter schnippisches Wesen , das ihr wohl das natürlichste sein mochte . « » Gar schnell bemerkte ich « , fährt er fort , » die allgemeine Verwunderung , mich so alert und das Haus zu ihrem Empfang so bereit zu finden , die Zimmer erleuchtet , die Kamine brennend ; sie machten sich ' s bequem , im Saale fanden sie ein kaltes Abendessen ; ich bot Bouillon an , die ihnen willkommen schien . « Nun saßen die Damen bei Tische , die ältere speiste kaum , die schöne Liebliche gar nicht ; das Kammermädchen , das sie Lucie nannten , ließ sich ' s wohl schmecken und erhob dabei die Vorzüge des Gasthofes , erfreute sich der hellen Kerzen , des feinen Tafelzeugs , des Porzellans und aller Gerätschaften . Am lodernden Kamin hatte sie sich früher ausgewärmt und fragte nun den wieder eintretenden Kellner , ob man hier denn immer so bereit sei , zu jeder Stunde des Tags und der Nacht unvermutet ankommende Gäste zu bewirten ? Dem jungen , gewandten Burschen ging es in diesem Falle wie Kindern , die wohl das Geheimnis verschweigen , aber , daß etwas Geheimes ihnen vertraut sei , nicht verbergen können . Erst antwortete er zweideutig , annähernd sodann , und zuletzt , durch die Lebhaftigkeit der Zofe , durch Hin- und Widerreden in die Enge getrieben , gestand er : es sei ein Bedienter , es sei ein Herr gekommen , sei fortgegangen , wiedergekommen , zuletzt aber entfuhr es ihm , der Herr sei wirklich oben und gehe beunruhigt auf und ab . Die junge Dame sprang auf , die andern folgten ; es sollte ein alter Herr sein , meinten sie hastig ; der Kellner versicherte dagegen , er sei jung . Nun zweifelten sie wieder , er beteuerte die Wahrheit seiner Aussage . Die Verwirrung , die Unruhe vermehrte sich . Es müsse der Oheim sein , versicherte die Schöne ; es sei nicht in seiner Art , erwiderte die Ältere . Niemand als er habe wissen können , daß sie in dieser Stunde hier eintreffen würden , versetzte jene beharrlich . Der Kellner aber beteuerte fort und fort , es sei ein junger , ansehnlicher , kräftiger Mann . Lucie schwur dagegen auf den Oheim : dem Schalk , dem Kellner , sei nicht zu trauen , er widerspreche sich schon eine halbe Stunde . Nach allem diesem mußte der Kellner hinauf , dringend zu bitten , der Herr möge doch ja eilig herunterkommen , dabei auch zu drohen , die Damen würden heraufsteigen und selbst danken . » Es ist ein Wirrwarr ohne Grenzen « , fuhr der Kellner fort ; » ich begreife nicht , warum Sie zaudern , sich sehen zu lassen ; man hält Sie für einen alten Oheim , den man wieder zu umarmen leidenschaftlich verlangt . Gehen Sie hinunter , ich bitte . Sind denn das nicht die Personen , die Sie erwarteten ? Verschmähen Sie ein allerliebstes Abenteuer nicht mutwillig ; sehens- und hörenswert ist die junge Schöne , es sind die anständigsten Personen . Eilen Sie hinunter , sonst rücken sie Ihnen wahrlich auf die Stube . « Leidenschaft erzeugt Leidenschaft . Bewegt , wie er war , sehnte er sich nach etwas anderem , Fremdem . Er stieg hinab , in Hoffnung , sich mit den Ankömmlingen in heiterem Gespräch zu erklären , aufzuklären , fremde Zustände zu gewahren , sich zu zerstreuen , und doch war es ihm , als ging ' er einem bekannten ahnungsvollen Zustand entgegen . Nun stand er vor der Türe ; die Damen , die des Oheims