erblickte den Herrn Baron Alzibiades von Wipp , der vor mir herging , und ich weiß nicht , wie mir der Gedanke kam , ihm meine Dienste anzubieten . Vielleicht war es ein dunkles Gefühl , daß ich auf diese Weise Gelegenheit erhalten würde , mich an dem undankbaren Professor zu rächen , wie es sich später denn auch wirklich begab . - Ich tänzelte an den Baron heran , wartete ihm auf und folgte , als er mich mit einigem Wohlgefallen betrachtete , ihm ohne Umstände nach in seine Wohnung . Sehen Sie , so sprach er zu einem jungen Menschen , den er seinen Kammerdiener nannte , unerachtet er sonst keinen andern Diener hatte , Sehen Sie , Friedrich , was sich da für ein Pudel zu mir eingefunden hat . Wär ' er nur hübscher ! Friedrich rühmte dagegen den Ausdruck meines Antlitzes sowie den zierlichen Wuchs und meinte , ich müsse von meinem Herrn schlecht gehalten sein und habe ihn wahrscheinlich deshalb verlassen . Setzte er noch hinzu , daß Pudel , die sich so von selbst aus freiem Antriebe einfänden , gewöhnlich treue rechtschaffene Tiere wären , so konnte der Baron nicht umhin , mich zu behalten . Unerachtet ich nun durch Friedrichs Vorsorge ein recht glaues Ansehn gewann , so schien der Baron doch nicht sonderlich viel auf mich zu halten und litt es nur eben zur Not , daß ich ihn auf seinen Spaziergängen begleitete . Das sollte anders kommen . - Wir begegneten auf einem Spaziergange der Professorin . - Erkenne , guter Murr , das gemütliche Gemüt - ja , so will ich sagen - eines ehrlichen Pudels , wenn ich versichere , daß , unerachtet mir die Frau sehr weh getan , ich doch eine ungeheuchelte Freude empfand , sie wiederzusehen . - Ich tanzte vor ihr her , bellte lustig und gab ihr meine Freude auf alle nur mögliche Weise zu erkennen . Sieh da , Ponto ! rief sie , streichelte mich und blickte den Baron von Wipp , der stehengeblieben , bedeutend an . Ich sprang zu meinem Herrn zurück , der mich liebkoste . Er schien auf besondere Gedanken zu geraten ; mehrmals hintereinander murmelte er in sich hinein : Ponto ! - Ponto , wenn das möglich sein sollte ! Wir hatten einen nahegelegenen Lustort erreicht ; die Professorin nahm Platz mit ihrer Gesellschaft , bei der sich jedoch der liebe gutmütige Herr Professor nicht befand . Unfern davon setzte sich Baron Wipp , so daß er , ohne sonderlich von den andern bemerkt zu werden , die Professorin beständig im Auge behielt . Ich stellte mich vor meinen Herrn und guckte ihn an , indem ich leise mit dem Schweif wedelte , als erwarte ich seine Befehle . Ponto , wiederholte er , Ponto , sollte es möglich sein ! - Nun , setzte er nach einem kurzen Stillschweigen hinzu , nun , es kommt auf den Versuch an ! - Damit nahm er einen kleinen Papierstreifen aus der Brieftasche , schrieb einige Worte mit Bleistift darauf , rollte ihn zusammen , steckte ihn mir unter das Halsband , wies nach der Professorin und rief leise : Ponto - Allons ! - Nicht ein solcher kluger , in der Welt gewitzigter Pudel hätte ich sein müssen , als ich es wirklich bin , um nicht sogleich alles zu erraten . Ich machte mich daher sogleich an den Tisch , wo die Professorin saß , und tat , als verspüre ich großen Appetit nach dem schönen Kuchen , der auf dem Tische stand . Die Professorin war die Freundlichkeit selbst , sie reichte mir Kuchen mit der einen Hand , während sie mich mit der andern am Halse kraute . Ich fühlte , wie sie den Papierstreifen hervorzog . Bald darauf verließ sie die Gesellschaft und begab sich in einen Nebengang . Ich folgte ihr . Ich sah , wie sie des Barons Worte eifrig las , wie sie aus ihrem Strickkästchen einen Bleistift hervorholte , auf denselben Zettel einige Worte schrieb und ihn dann wieder zusammenrollte . Ponto , sprach sie dann , indem sie mich mit schalkischem Blick betrachtete , Ponto ! du bist ein sehr kluger vernünftiger Pudel , wenn du zu rechter Zeit apportierst ! - Damit steckte sie mir das Zettelchen unter das Halsband , und ich unterließ nicht , eiligst hinzuspringen zu meinem Herrn . Der mutmaßte sogleich , daß ich Antwort brächte , denn er zog alsbald den Zettel unter dem Halsbande hervor . - Der Professorin Worte mußten sehr tröstlich lauten und angenehm , denn des Barons Augen funkelten vor lauter Freude , und er rief entzückt : Ponto - Ponto , du bist ein herrlicher Pudel , mein guter Stern hat mir dich zugeführt . Du kannst denken , guter Murr , daß ich nicht weniger erfreut war , da ich einsah , wie ich nach dem , was sich soeben zugetragen , in der Gunst meines Herrn hoch steigen müsse . In dieser Freude machte ich beinahe unaufgefordert alle nur mögliche Kunststücke . Ich sprach wie der Hund , starb , lebte wieder auf , verschmähte das Stück Weißbrot vom Juden und verzehrte mit Appetit das vom Christen u.s.w. Ein ungemein gelehriger Hund ! So rief eine alte Dame , die neben der Professorin saß , herüber . Ungemein gelehrig ! erwiderte der Baron . Ungemein gelehrig ! hallte der Professorin Stimme nach wie ein Echo . - Ich will dir nur ganz kurz sagen , guter Murr , daß ich den Briefwechsel auf die erwähnte Weise fortwährend besorgte und noch jetzt besorge , da ich zuweilen sogar mit Briefchen in des Professors Haus laufe , wenn er gerade abwesend . Schleicht aber manchmal in der Abenddämmerung der Herr Baron Alzibiades von Wipp zur holden Lätitia , so bleibe ich vor der Haustüre und mache , läßt sich der Herr Professor nur in der Ferne blicken , solch einen grimmigen Teufelslärm mit Bellen , daß mein Herr ebensogut als ich die Nähe des Feindes wittert und ihm ausweicht . « - Mir kam es vor , als könne ich Pontos Betragen doch nicht recht billigen , ich dachte an des verewigten Muzius , an meinen eignen tiefen Abscheu vor jedem Halsbande , und schon dies setzte mich darüber ins klare , daß ein ehrliches Gemüt , so , wie es ein rechtschaffener Kater in sich trägt , dergleichen Liebeskuppeleien verschmähe . Alles dieses äußerte ich dem jungen Ponto ganz unverhohlen . Der lachte mir aber ins Gesicht und meinte , ob denn die Moral der Katzen so gar strenge sei , und ob ich selbst nicht schon hin und wieder über die Schnur gehauen , d.h. etwas getan , was für den engen moralischen Schubkasten etwas zu breit sei . - Ich dachte an Mina und verstummte . » Fürs erste , « sprach Ponto weiter , » fürs erste , mein guter Murr , ist es ein ganz gemeiner Erfahrungssatz , daß niemand seinem Schicksal entgehen kann , er mag es nun anstellen , wie er auch will ; du kannst als ein Kater von Bildung das Weitre darüber nachlesen in einem sehr belehrenden und ganz angenehm stilisierten Buche , Jacques le fataliste betitelt . War es nach dem ewigen Ratschluß bestimmt , daß der Professor der Ästhetik , Herr Lothario , ein - Nun , du verstehst mich , guter Katz , aber zudem hat ja der Professor durch die Art , wie er sich bei der merkwürdigen Handschuhgeschichte - sie sollte mehr Zelebrität erhalten , schreib was darüber , Murr - benommen , seinen ganz entschiedenen , ihm von der Natur eingepflanzten Beruf bewiesen , in jenen großen Orden zu treten , den so viele , viele Männer tragen mit der gebietendsten Würde , mit dem schönsten Anstande , ohne es zu wissen . Diesen Beruf hätte Herr Lothario erfüllt , gäb ' es auch keinen Baron Alzibiades von Wipp , keinen Ponto . Hatte aber wohl überhaupt Herr Lothario etwas anderes , Besseres um mich verdient , als daß ich gerade seinem Feinde mich in die Arme warf ? - Dann aber fand auch der Baron gewiß andere Mittel , sich mit der Professorin zu verstehen , und derselbe Schaden kam über den Professor , ohne mir den Nutzen zu bringen , den ich jetzt wirklich von dem angenehmen Verhältnis des Barons mit der holden Lätitia verspüre . Wir Pudel sind nicht solche überstrenge Moralisten , daß wir in unserm eignen Fleische wühlen und die im Leben schon sonst knapp genug zugeschnittene gute Bissen verschmähen sollten . « - Ich fragte den jungen Ponto , ob denn der Nutzen , den ihm sein Dienst bei dem Baron Alzibiades von Wipp verschaffe , in der Tat so groß und wichtig sei , daß er das Unangenehme , das Drückende der damit verbundenen Knechterei aufwiege . Damit gab ich ihm nicht undeutlich zu verstehen , daß eben diese Knechterei einem Kater , dessen Freiheitssinn in der Brust unauslöschlich , immer widerlich bleiben müsse . » Du redest , « erwiderte Ponto stolz lächelnd , » du redest guter Murr , wie du es verstehst , oder vielmehr wie es dir deine gänzliche Unerfahrenheit in den höhern Verhältnissen des Lebens erscheinen läßt . Du weißt nicht , was es heißt , der Liebling eines solchen galanten gebildeten Mannes zu sein , als es der Baron Alzibiades von Wipp wirklich ist . Denn daß ich seit der Zeit , als ich mich so klug und dienstfertig benommen , sein größter Liebling geworden , darf ich dir , o mein freiheitsliebender Katz , wohl nicht erst sagen . Eine kurze Schilderung unserer Lebensweise wird dich das Angenehme , das Wohltätige meiner jetzigen Lage sehr lebhaft fühlen lassen . - Des Morgens stehen wir ( ich und mein Herr nämlich ) nicht zu früh , aber auch nicht zu spät auf ; das heißt , auf den Schlag eilf Uhr . - Ich muß dabei bemerken , daß mein breites weiches Lager unfern dem Bette des Barons aufgeschlagen ist , und daß wir viel zu harmonisch schnarchen , um beim plötzlichen Erwachen zu wissen , wer geschnarcht hat . - Der Baron zieht an der Glocke , und sogleich erscheint der Kammerdiener , der dem Baron einen Becher rauchender Schokolade , mir aber einen Porzellannapf voll des schönsten süßen Kaffees mit Sahne bringt , den ich mit demselben Appetit leere wie der Baron seinen Becher . Nach dem Frühstück spielen wir ein halbes Stündchen miteinander , welche Leibesbewegung nicht allein unserer Gesundheit zuträglich ist , sondern auch unsern Geist erheitert . Ist das Wetter schön , so pflegt der Baron auch wohl zum offnen Fenster hinauszuschauen und die Vorübergehenden mit dem Fernglas zu begucken . Gehen gerade nicht viele vorüber , so gibt es noch eine andere Belustigung , die der Baron eine Stunde hindurch fortsetzen kann , ohne zu ermüden . - Unter dem Fenster des Barons ist ein Stein eingepflastert , der sich durch eine besonders rötliche Farbe auszeichnet , in der Mitte dieses Steins befindet sich aber ein kleines eingebröckeltes Loch . Nun kommt es darauf an , so geschickt herabzuspucken , daß gerade in dieses kleine Loch hineingetroffen wird . - Durch viele anhaltende Übung hat es der Baron dahin gebracht , daß er auf das dritte Mal Treffen pariert und schon manche Wette gewann . Nach dieser Belustigung tritt der sehr wichtige Moment des Anziehens ein . Das geschickte Kämmen und Kräuseln des Haars , vorzüglich aber das kunstmäßige Knüpfen des Halstuchs besorgt der Baron ganz allein ohne Hilfe des Kammerdieners . Da diese beiden schwierigen Operationen etwas lange dauern , so benutzt Friedrich die Zeit , um mich auch anzukleiden . D.h. mit einem in lauwarmes Wasser eingeweichten Schwamm wäscht er mir den Pelz , kämmt die langen Haare , die der Friseur an schicklichen Örtern zierlich stehen lassen , mit einem genugsam engen Kamme durch und legt mir das schöne silberne Halsband um , das der Baron mir gleich verehrte , als er meine Tugenden entdeckt . Die folgenden Augenblicke sind der Literatur und den schönen Künsten gewidmet . Wir gehen nämlich in eine Restauration oder in ein Kaffeehaus , genießen Beefsteak oder Karbonade , trinken ein Gläschen Madeira und gucken etwas weniges in die neuesten Journale , in die neuesten Zeitungen . Dann beginnen die Vormittags Visiten . Wir besuchen diese , jene große Schauspielerin , Sängerin , ja auch wohl Tänzerin , um ihr die Neuigkeiten des Tages , hauptsächlich aber den Verlauf irgendeines Debüts von gestern abend , zu hinterbringen . Es ist merkwürdig , mit welchem Geschick der Baron Alzibiades von Wipp seine Nachrichten einzurichten weiß , um die Damen stets bei guter Laune zu erhalten . Niemals ist es der Gegnerin oder wenigstens Kombattantin gelungen , sich nur einen Teil des Ruhms anzueignen , der die Gefeierte krönt , die er soeben im Schmollzimmerchen heimsucht . - Man hat die Arme ausgezischt - ausgelacht - Und ist denn wirklich erhaltener glänzender Beifall nicht wohl zu verschweigen , so weiß der Baron ganz gewiß ein neues skandalöses Geschichtchen von der Dame aufzutischen , das ebenso begierig vernommen als verbreitet wird , damit gehöriges Gift die Blumen des Kranzes vor der Zeit töte . - Die vornehmeren Visiten bei der Gräfin A. , bei der Baronesse B. , bei der Gesandtin C. u.s.w. füllen die Zeit aus bis halb vier Uhr ; und nun hat der Baron seine eigentlichen Geschäfte abgemacht , so daß er um vier Uhr sich beruhigt zu Tische setzen kann . Dies geschieht gewöhnlich wieder in einer Restauration . Nach Tische gehen wir zu Kaffee , spielen auch wohl eine Partie Billard und machen denn , erlaubt es die Witterung , eine kleine Promenade ; ich beständig zu Fuß , der Baron aber manchmal zu Pferde . So ist die Theaterstunde herangekommen , die der Baron niemals versäumt . Er soll im Theater eine überaus wichtige Rolle spielen , da er das Publikum nicht allein von allen Verhältnissen der Bühne und der auftretenden Künstler in Kenntnis setzen , sondern auch das gehörige Lob , den gehörigen Tadel anordnen , so aber überhaupt den Geschmack im richtigen Geleise erhalten muß . Er fühlt einen natürlichen Beruf dazu . Da man den feinsten Leuten meines Geschlechts ungerechterweise den Eingang in das Theater durchaus nicht verstattet , so sind die Stunden während der Vorstellung die einzigen , in denen ich mich von meinem lieben Baron trenne und mich allein auf meine eigne Hand belustige . Wie dies nun geschieht , und wie ich die Konnexionen mit Windspielen , englischen Wachtelhunden , Möpsen und andern vornehmen Leuten benutze , das sollst du künftig erfahren , guter Murr ! - Nach dem Theater speisen wir wieder in einer Restauration , und der Baron überläßt sich in heitrer Gesellschaft ganz seiner frohen Laune . Das heißt , alle sprechen , alle lachen und finden alles auf Ehre göttlich , und keiner weiß , was er spricht , und worüber er lacht , und was als auf Ehre göttlich gerühmt werden darf . Darin besteht aber das Sublime der Konversation , das ganze soziale Leben derer , die sich zur eleganten Lehre bekennen , wie mein Herr . Manchmal fährt aber auch wohl der Baron noch in später Nacht in diese , jene Gesellschaft und soll dort ganz exzellent sein . Auch davon weiß ich nichts , denn der Baron hat mich noch niemals mitgenommen , wozu er vielleicht seine guten Gründe haben mag . - Wie ich auf weichem Lager in der Nähe des Barons herrlich schlafe , habe ich dir schon gesagt . Gestehe aber nun selbst , guter Katz , wie nach der Lebensweise , die ich hier ausführlich beschrieben , mich der alte mürrische Oheim eines wüsten , liederlichen Wandels anklagen kann ? - Es ist wahr , daß ich , schon hab ' ich dir ' s gestanden , vor einiger Zeit gerechten Anlaß gab zu allerlei Vorwürfen . Ich trieb mich umher in schlechter Gesellschaft und fand eine besondere Lust darin , mich überall , vorzüglich in Vermählungsschmäuse ungebeten einzudrängen und ganz unnützen Skandal anzufangen . Alles dies geschah aber nicht aus reinem Trieb zu wüster Balgerei , sondern aus bloßem Mangel an höherer Kultur , die ich bei den Verhältnissen , wie sie in dem Hause des Professors bestanden , nicht erhalten konnte . Jetzt ist das alles anders . Doch ! - wen erblick ' ich ? - Dort geht der Baron Alzibiades von Wipp ! - Er sieht sich nach mir um - er pfeift ! - A revoir Bester ! « - Schnell wie der Blitz sprang Ponto seinem Herrn entgegen . Das Äußere des Barons entsprach ganz dem Bilde , das ich mir wohl nach dem , was Ponto von ihm gesagt , machen durfte . - Er war sehr groß und nicht sowohl schlank gewachsen als spindeldürr . Kleidung , Stellung , Gang , Gebärde , alles konnte für den Prototypus der letzten Mode gelten , die aber , bis ins Phantastische hinaus getrieben , seinem ganzen Wesen etwas Seltsames , Abenteuerliches gab . Er trug ein kleines , sehr dünnes Röhrchen mit einer stählernen Krücke in der Hand , über das er Ponto einigemal springen ließ . So herabwürdigend mir auch dieses schien , gestehen mußte ich doch , daß Ponto mit der höchsten Geschicklichkeit und Stärke jetzt eine Anmut verband , die ich sonst noch niemals an ihm bemerkt . Überhaupt , wie nun der Baron mit vorgestreckter Brust , den Leib eingezogen , mit einem sonderbaren ausgespreizten Hahnentritt weiter fortwandelte und Ponto in sehr zierlichen Kurbetten bald vorwärts , bald nebenher sprang und sich nur ganz kurze , zum Teil stolze Begrüßungen vorübergehender Kameraden erlaubte , so sprach sich darin ein gewisses Etwas aus , das , ohne mir deutlich zu werden , dennoch mir imponierte . - Ich ahnte , was mein Freund Ponto mit der höheren Kultur gemeint , und suchte , soviel möglich , darüber ganz ins klare zu kommen . Das hielt aber sehr schwer , oder vielmehr , meine Bemühungen blieben ganz vergebens . - Später habe ich eingesehen , daß an gewissen Dingen alle Probleme , alle Theorien , die sich in dem Geiste bilden mögen , scheitern , und daß nur durch die lebendige Praxis die Erkenntnis zu erringen ; die höhere Kultur , die beide , der Baron Alzibiades von Wipp und der Pudel Ponto , in der feinen Welt erlangt , gehört aber zu diesen gewissen Dingen . - Der Baron Alzibiades von Wipp lorgnettierte mich im Vorübergehen sehr scharf . Es schien mir , als läs ' ich Neugierde und Zorn in seinem Blick . Sollte er vielleicht Pontos Unterhaltung mit mir gewahrt und ungnädig vermerkt haben ? Mir wurde etwas ängstlich zumute , ich eilte schnell die Treppe hinauf . - Ich sollte nun , um alle Pflichten eines tüchtigen Selbstbiographen zu erfüllen , wiederum meinen Seelenzustand beschreiben und könnte das nicht besser tun als mittelst einiger sublimer Verse , die ich seit einiger Zeit so recht , wie man zu sagen pflegt , aus dem Pelzärmel schüttle . Ich will - ( Mak . Bl . ) » - - mit diesem einfältigen armseligen Spielwerk den besten Teil meines Lebens vergeudet . - Und nun jammerst du , alter Tor , und klagst das Geschick an , dem du vermessen Trotz botest ! - Was gingen dich die vornehmen Leute , was ging dich die ganze Welt an , die du verhöhntest , weil du sie für närrisch hieltest und selbst am närrischsten warst ! - Beim Handwerk , beim Handwerk mußtest du bleiben , Orgeln bauen und nicht den Hexenmeister spielen und den Wahrsager . - Sie hätten sie mir nicht gestohlen , mein Weib wäre bei mir , ein tüchtiger Arbeiter säß ' ich in der Werkstatt , und rüstige Gesellen klopften und hämmerten um mich her , und wir förderten Werke , die sich hören und sehen ließen wie keine andere weit und breit . - Und Chiara ! - vielleicht hingen muntre Knaben mir am Halse , vielleicht schaukelte ich ein schmuckes Töchterlein auf den Knien . - Tausend Teufel , was hält mich ab , daß ich nicht den Augenblick davonrenne und das verlorne Weib suche in der ganzen weiten Welt ! « - Damit warf Meister Abraham , der dies Selbstgespräch gehalten , das kleine begonnene Automat sowie alles Handwerkszeug unter den Tisch , sprang auf und schritt heftig hin und her . - Der Gedanke an Chiara , der ihn jetzt beinahe niemals verließ , rief alle schmerzliche Wehmut in seinem Innern hervor , und wie mit Chiara damals sein höheres Leben begonnen , verließ ihn auch jetzt jener trotzige , dem Gemeinen entsprossene Unwille darüber , daß er über sein Handwerk hinweggeschaut und wirkliche Kunst zu üben sich unterfangen . - Er schlug Severinos Buch auf und schaute lange die holde Chiara an . - Wie ein Mondsüchtiger , der , der äußeren Sinne beraubt , nur nach dem innern Gedanken automatisch handelt , ging Meister Abraham dann zu einem Kasten , der in einem Winkel des Zimmers stand , räumte Bücher und Sachen , womit er bepackt , herunter , öffnete ihn , nahm die Glaskugel , den ganzen Apparat zum geheimnisvollen Experiment mit dem unsichtbaren Mädchen hervor , befestigte die Kugel an einer dünnen seidnen Schnur , die von der Decke herabhing , stellte im Zimmer alles so her , wie es zu dem versteckten Orakel nötig . Erst als er mit allem fertig geworden , erwachte er aus der träumerischen Betäubung und erstaunte nicht wenig darüber , was er begonnen . » Ach , « jammerte er dann laut , indem er ganz ermattet , ganz trostlos in den Lehnstuhl sank , » ach , Chiara , arme , verlorne Chiara , niemals werd ' ich wieder deine süße Stimme verkünden hören , was in des Menschen tiefster Brust verschlossen . Kein Trost mehr auf Erden , - keine Hoffnung als das Grab ! « - Da schwankte die Glaskugel hin und her , und ein melodischer Ton ließ sich vernehmen , wie wenn Windeshauch leise hinstreift über die Saiten der Harfe . Aber bald wurde der Ton zu Worten : » Noch ist Leben nicht dahin , Trost und Hoffnung nicht verschwunden , Was vermag der frömmste Sinn , Hält ihn schwerer Eid gebunden ? Meister ! Mut ! - du wirst gesunden , Blick ' auf zu der Dulderin , Die da heilt die tiefsten Wunden , Bittrer Schmerz bringt dir Gewinn . « » O du barmherziger Himmel , « lispelte der Alte mit bebenden Lippen , » sie ist es selbst , die zu mir spricht von dem hohen Himmel herab ; sie wandelt nicht mehr unter den Lebendigen ! « - Da ließ sich jener melodische Ton abermals vernehmen , und noch leiser , noch entfernter erklangen die Worte : » Nicht erfaßt der bleiche Tod , Die im Herzen Liebe tragen ; Dem glänzt noch das Abendrot , Der am Morgen wollt ' verzagen . Bald kann dir die Stunde schlagen , Die entreißt dich aller Not ; Zu vollbringen magst du wagen , Was die ew ' ge Macht gebot . « Stärker anschwellend und wieder verhallend , lockten die süßen Töne den Schlaf herbei , der den Alten einhüllte in seinen schwarzen Fittich . Aber in dem Dunkel ging strahlend wie ein schöner Stern der Traum vergangenen Glücks auf , und Chiara lag wieder an des Meisters Brust , und beide waren wieder jung und selig , und kein finstrer Geist vermochte den Himmel ihrer Liebe zu trüben . - - Hier hat , wie der Herausgeber es dem geneigten Leser bemerklich machen muß , der Kater wieder ein paar Makulaturblätter ganz weggerissen , wodurch in dieser Geschichte voller Lücken wiederum eine Lücke entstanden . Nach der Seitenzahl fehlen aber nur acht Kolumnen , die eben nichts besonders Wichtiges enthalten zu haben scheinen , da das Folgende sich im ganzen noch so ziemlich an das Vorhergegangene reiht . Also weiter heißt es : - - - nicht erwarten durfte . Fürst Irenäus war überhaupt ein abgesagter Feind von allen ungewöhnlichen Vorfällen , vorzüglich wenn seine eigne Person in Anspruch genommen wurde , die Sache näher zu untersuchen . Er nahm daher , wie er es in kritischen Fällen zu tun pflegte , eine Doppeltprise , starrte den Leibjäger an mit dem bekannten niederschmetternden Friedrichsblick und sprach : » Lebrecht , ich glaube , wir sind ein mondsüchtiger Träumer und sehen Gespenster und machen einen ganz unnötigen Hallas ? « » Durchlauchtigster Herr , « erwiderte der Leibjäger in sehr ruhiger Fassung , » lassen Sie mich fortjagen wie einen ordinären Schuft , wenn nicht alles buchstäblich wahr ist , wie ich es erzählt habe . Ich wiederhole es keck und freimütig : Rupert ist ein ausgemachter Spitzbube . « » Wie , « rief der Fürst in vollem Zorn , » wie , Rupert , mein alter treuer Kastellan , der funfzig Jahre dem Fürstenhause gedient , ohne jemals ein Schloß einrosten zu lassen oder im Auf- und Zuschließen zu mankieren , der soll ein Spitzbube sein ? Lebrecht ! - Er ist besessen , Er ist rasend ! Himmeltausend Sapp - « Der Fürst stockte wie immer , wenn er sich auf dem Fluchen ertappte , das allem fürstlichen Anstande entgegen . Der Leibjäger nutzte diesen Augenblick , um ganz geschwinde einzufallen : » Durchlauchtigster Herr werden nur gleich so hitzig und fluchen denn so gräßlich , und man darf über so etwas doch nicht schweigen , man kann doch nichts behaupten als die reine Wahrheit . « - » Wer ist hitzig , « sprach der Fürst gelassener , » wer flucht ? - Esel fluchen ! - Ich will , daß Er mir die ganze Sache in gedrängter Kürze wiederhole , damit ich in einer geheimen Sitzung alles meinen Räten vortragen kann zur umständlichen Beratung und Entscheidung über die fernerhin zu ergreifenden Maßregeln . Ist Rupert wirklich ein Spitzbube , so - Nun , das Weitere wird sich denn finden . « » Wie gesagt , « begann der Leibjäger , » als ich gestern Fräulein Julien vorleuchtete , schlüpfte derselbe Mensch , der hier schon längst herumschleicht , bei uns vorüber . Halt , dacht ' ich in meinem Sinn . Den Urian wirst du doch ertappen , und löschte , als ich das liebe Fräulein bis oben heraufgebracht , meine Fackel aus und stellte mich ins Dunkel . Nicht lange dauerte es , so kam derselbe Mensch aus dem Gebüsch hervor und klopfte leise an das Haus . Behutsam schlich ich einher . Da wurde das Haus geöffnet , und ein Mädchen trat heraus , und mit diesem Mädchen schlüpfte der Fremde hinein . Es war die Nanni , Sie kennen sie doch , durchlauchtigster Herr , der Frau Rätin schöne Nanni ? « » Coquin , « rief der Fürst , » mit hohen gekrönten Häuptern spricht man nicht von schönen Nannis , doch ! - fahr ' Er fort , mon fils . « - » Ja , « sprach der Leibjäger weiter , » ja , die schöne Nanni , ich hätt ' ihr solchen dummen Verkehr gar nicht zugetraut . - Also weiter nichts als eine einfältige Liebschaft , dacht ' ich in meinem Sinn ; aber es wollt ' mir gar nicht in den Kopf , daß nicht noch was anders dahinterstecken sollte . Ich blieb am Hause stehen . Da kam nach einer guten Weile die Frau Rätin zurück , und kaum war sie ins Haus getreten , als oben ein Fenster geöffnet wurde und mit unglaublicher Behendigkeit der fremde Mann hinaussprang , gerade in die schönen Nelken und Levkojenstöcke hinein , die dort vergattert stehen , und die das liebe Fräulein Julia selbst so sorglich wartet . Der Gärtner lamentiert schrecklich ; er ist mit den zerbrochenen Scherben draußen und wollte bei dem durchlauchtigsten Herrn selbst Klage führen . Ich habe ihn aber nicht hineingelassen , denn der Schlingel ist angesoffen schon am frühen Morgen . « - » Lebrecht , « unterbrach der Fürst den Leibjäger , » Lebrecht , das scheint eine Imitation zu sein , denn selbiges kommt schon in der Oper von Herrn Mozart , Figaros Hochzeit geheißen , vor , die ich zu Prag geschaut . Bleib ' Er der Wahrheit getreu , Jäger ! « - » Auch , « sprach Lebrecht weiter , » auch nicht eine Silbe rede ich anders , als ich es bekräftigen kann mit einem körperlichen Eide . - Der Kerl war hingestürzt , und ich gedachte ihn nun zu fassen ; doch schnell wie der Blitz raffte der Kerl sich auf und rannte spornstreichs - wohin ? was denken Sie wohl , durchlauchtigster Fürst , wohin er rannte ? « - » Ich denke nichts , « erwiderte der Fürst feierlich , » turbier ' Er mich nicht mit lästigen Fragen nach Gedanken , Jäger ! sondern erzähle Er ruhig so lange , bis die Geschichte aus ist , dann will ich denken . « » Gerade , « fuhr der Jäger fort , » gerade nach dem unbewohnten Pavillon rannte der Mensch . Ja - unbewohnt ! - Sowie er an die Türe geklopft , wurd ' es inwendig hell , und wer nun heraustrat , war niemand anders als der saubere ehrliche Herr Rupert , dem der Fremde hineinfolgte ins Haus , das er nun wieder fest verschloß . Sie sehen , durchlauchtigster Herr , daß Rupert Verkehr treibt mit fremden gefährlichen Gästen , die bei ihrer Schleicherei gewiß Böses im Schilde führen . Wer weiß , worauf alles abzielt , und es ist ja möglich , daß selbst mein durchlauchtigster Fürst hier in dem stillen ruhigen Sieghartshof