daß mir wohl ums Herz wurde ; er brachte jedem Nußkerne und allerlei Früchte ; wie zierlich setzten sie sich auf die Hinterfüße , schlugen den Schweif in die Höhe und wirbelten die Nüsse erst in ihren Vorderpfoten unter den blitzenden Augen umher , eh ' sie mit dem scharfen Zahne einsägten . Seht Herr , da hab ich eins mitgebracht , ein Junges . « - ANTON : » Es hat dir die Brust blutig gekratzt , laß dir das Blut abtrocknen . « SUSANNA : » Es schadet nichts , es tat nicht weh ; seht nur das artige Tier , jetzt legt es sich in meiner Hand rund zusammen zum Schlaf . « - ANTON : » Du hast doch das hier nicht gestohlen ? « - SUSANNA : » Es denkt doch keiner so schlecht von mir , wie Ihr . Der Alte hatte mich lieb , und da er die Mutter von diesem Kleinen nicht sah und sie im Neste tot fand , da holte er das Kleine heraus und gab es mir und weinte dann , als er die Alte schon kalt und steif fand , jetzt geht er herum und ladet die andern zum Begräbnisse . « - ANTON : » Hätte ich nur Farben , ich malte ihm das Tier zum Gedächtnis . « SUSANNA : » Lieber Herr , gleich schaff ich Euch Farben , der eine von den Alten ist ein Maler , und das Tier will ich Euch auch bringen , er hat es auf Moos vor dem Hause hingestellt , bis alle Gäste des Leichenzuges beisammen sind . « - ANTON : » Schnell , schnell , du aufmerksame Seele . « Susanna brachte in drei Sprüngen das Eichhörnchen , und nach kurzer Unterredung einen alten Mann , den sie Reichenthal nannte , mit allem Malerwerkzeuge , einer ebnen Holztafel mit Kreidegrund , in die Stube gezogen . ANTON : » Du bist zu ungestüm , Kind ; werter alter Herr , wollt Ihr mir Eure Tafel und Euer Gerät leihen , oder malt Ihr selbst vielleicht besser und seid geschickter , dies tote Eichhörnchen zu malen . « Simon versicherte ihm , daß er nie etwas anderes , als Wappen gemalt nach einem Zeichenbuche , niemals nach der Natur , und war daher nicht wenig verwundert , als Anton mit seiner Sicherheit und Fertigkeit in ein paar Stunden das Eichhörnchen , auf zwei gekreuzten Knochen sitzend , gemalt hatte , wie es an einem Schädel , wie an einer Nuß nagte . Inzwischen war im Hause , ohne daß die beschäftigten drei es wahrgenommen , ein ängstliches Suchen nach dem Leichnam des Eichhörnchens gewesen ; der Leichenzug hatte sich versammelt , das mit Blumen durchflochtene Kästchen sollte die Tote aufnehmen , aber sie war verschwunden ; man suchte an allen Orten , aber der trostlose alte Mann fand nirgends seinen Liebling wieder . Susanna mußte sich jetzt mit dem toten Eichhörnchen und mit dem Gemälde wieder zu dem Ehrenbette aus Moos hinschleichen , jenes darin verstecken und dieses aufstellen . Der Alte , der sich müde gesucht hatte , kam endlich , wie alle Leute , die etwas verloren , woran ihnen viel liegt , auf den Platz zurück , wo er es vermißt ; seine trüben Augen sahen das Bild für den lebenden Liebling an und ergossen sich in Tränen . » Sie sieht mich an « , rief er , aber jetzt fühlten seine Hände die Täuschung der Farben , und diese Täuschung blieb ihm noch lieb . » Wer hat mir die Freude bereitet « , fragte er , » dem lohne es der Himmel mit gleicher Freude ; das Bild ist mein Schatz , mein einziges Spiel und Gespräch , an meinem Bette soll es hängen , meinem Haupte gegenüber , daß es mich begrüße beim Einschlafen und mir begegne im Erwachen . « Während der Alte , der sich von seinen Lieblingen Eichhorn genannt hatte , also sprach , hatte der alte Graf Rappolt von Reichenthal die Geschicklichkeit seines Sohnes erfahren ; er kam zu ihm und sprach : » Lieber Sohn , ich kann dir die Freude nicht ausdrücken , die du mir mit deiner guten Gesinnung schaffst ; bei deiner Kunst wirst du ein herrliches Leben auf der Kronenburg führen , wir alten Wächter wußten meist nichts Besseres zu tun , als uns mit ganzer Seele an irgend ein Tiergeschlecht zu hängen , oder an eine Händearbeit , und dabei gehen die Lichter aus im Hirne ! « » Führt mich zur Kronenburg , teurer Vater ; ich möchte Euch dienen mit allen Kräften « , sagte Anton . » Du wirst vielleicht bald dazu reif gefunden werden « , sprach Graf Rappolt , » vielleicht auch niemals , denn nie werde ich dich durch Gunst dazu fördern ; kannst du hungern und dursten ? « » Nein ! « , rief Anton , » lieber möcht ich mich selbst stückweis verzehren , als hungern . « » Armer Sohn « , sagte Rappolt , » das hast du von deiner Mutter , da wirst du schwere Lehrjahre ausstehen , ehe du es lernst . « Susanna brach jetzt in Tränen aus am Fenster , der Alte unterstützte den Sohn , sie sahen die Alten paarweis vorüber ziehen ; zuletzt trug der Alte die kleine Leiche auf Moos und Blumen in einem zierlichen Korbe . Sie blieben in einem Winkel unter Tränenweiden stehen , wo mehrere weiße Denkmale schimmerten ; hier sangen sie während des Grabens und Einsenkens ein sanftes Lied , das deutlich in das Fenster schallte . Der Überdruß Auch weichen muß , Die Langeweil Hat nimmer Heil ; Mach dich von allem frei , So ist dir alles neu . Das einfältige Lied hatte einen eignen Trost für Anton , der jetzt erst merkte , daß ihn eine Art Überdruß und Langeweile über die Abwechselung seines Geschicks ergriffen hatte . » Lustig wollen wir leben « , rief er zum Vater , » heut will ich meinen Geburtstag feiern , denn mich durstet ; laßt mich unten in den Garten tragen , Vater , schafft mir junges Volk , das tanzen und springen kann ; die Ankunft des verlornen Sohnes muß gefeiert werden . « Einem Grafen von Stock , meinte der alte Rappolt , zieme sich wohl eine andere Art der Freude , inzwischen zieme es sich recht gut , daß heute die Hirten herantrieben , um ihre Abgabe dem Schlosse zu entrichten , wobei sie fröhlich zu tanzen und zu singen pflegten . Wirklich ließen sich schon die Feldschalmeien auf den Waldhügeln in Gruß und Gegengruß hören ; die Glocken des angetriebenen Viehes richteten die Aufmerksamkeit nach allen schönen Waldgründen , die sonst in dem großen Eindruck des Ganzen leicht übersehen werden . Rappolt befahl einigen Dienern , den Sohn in der Bettstelle herunter zu tragen , wobei Susanna Achtung gab , daß nirgends von den steifen alten Männern angestoßen wurde . Auf dem großen Platze vor dem Jagdschlosse waren schon die jungen Stiere und Kühe aufgestellt , alle mit Blumen und bunten Bändern geschmückt ; die Hirten nahmen von ihnen zärtlichen Abschied und übergaben sie den alten Dienern des Grafen , die sogleich Befehl erhielten , einige nach der Kronenburg zu führen . Dann wurden große Fässer mit Bier auf hohe Steine festgelegt , es wurde in große hölzerne Krüge gezapft und von den Mädchen umhergetragen , die zierlich gekleidet in roten Jacken mit silbernen Ketten und kurzen blauen Röcken , die Haare in langen Flechten , erschienen waren . Ein lustiger Tanz vergalt ihnen die Mühe , vier Paare tanzten in bunter Abwechselung , die Einladung und das Geheimnis der Liebe immer zierlicher zu verhüllen , daß es sich endlich ohne Schamröte kund machen konnte , während die übrigen alles spottend aussangen , selbst das , was noch nicht wahr geworden . Da hieß es : Auf , schwenkt die Mädchen rum ! Es tanzt sich gut im grünen Wald , Und seid dabei nicht stumm , Damit es lustig schallt Ju ja , ju ja ! Lustig wollen wir springen Allhier im grünen Wald . Nun waren einige Paare über einander gefallen , da sangen sie weiter : Das Moos ist gar zu weich , Das Moos ist gar zu glatt : Es war ein grüner Zweig , Der uns zu Fall gebracht ; Ju ja , ju ja ! Auf grünen Zweig wir kommen Allhier im grünen Wald . Wir trudeln uns herum Auf weichem glatten Moos , Der Maulwurf ist nicht dumm , Der wohnt im Erdenschoß ; Ju ja , ju ja ! Wir wollen uns begraben Allhier im Erdenschoß . Deck mich mit Rosen zu Und mit Vergißmeinnicht , Sonst hab ich keine Ruh , Wenn mich die Sonne sticht , Ju ja , ju ja ! Laß mir den Haber stechen Allhier auf grüner Heid . Gehört das Laub dem Baum ? Gehört das Laub der Luft ? Es spielt damit der Baum , Es spielt damit die Luft . Ju ja , ju ja ! Jetzt will ich dich erst küssen , Dann küsse mich einmal . Anton hatte seine Herzensfreude an all dem Jubel , an dem plumpen Schwenken der Mädchen , an dem Stampfen der Knechte ; er sprang im Bette hoch auf , wenn der Dudelsack , ein altes Ziegenfell , woran der Kopf mit messingenen Hörnern und Korallenaugen , in eine andere Melodie umsetzte , und ärgerte sich über Susannen , die sich hinter seinem Bette wie ein geängstigter Hund verkrochen hatte und auf jeden schlug , der sie wieder aus dem Zufluchtsorte herausbringen wollte . Der alte Rappolt hingegen meinte seinen Sohn zerstreuen zu müssen ; er sprach von manchen ernsthaften Begebenheiten und befahl bald , daß sein Völkchen , welches allmählich in der Erhitzung und Bewegung allzustark nach dem Stalle roch , sich in eine weitere Entfernung begebe . » Weißt du , lieber Sohn « , sagte er , » daß ich meine Jugendzeit als Kapuziner verbetet habe ? « » Nein « , sprach Anton zerstreut und sah in die Ferne , wo getanzt wurde , » da muß Euch das Hosentragen nachher schwer geworden sein . « » Die Kapuze lag heiß auf mir , als wär sie von geschmolzenem Blei gewesen , lieber Sohn ; wenn du eine hohe Klostermauer erblickst , denk nicht mit den Leuten von heute , daß da lauter Üppigkeit die müßigen Leiber füllt ; gemeiniglich ist das nur ein aufgegebenes Leben , das sich in Trunkenheit zu vergessen strebt , nachdem Not und Sünde , und Haß und Bosheit , eigne und fremde , viele Jahre die arme Jugend gegeißelt hat . « Bei diesen Worten weinte Susanna ; der Alte sah sie an und sagte : » Du bist ein schöner Reiterknabe , flennst wie ein altes Weib , geh fort zum Tanz und kriech hier nicht herum wie eine Katze ; was ich hier zu sprechen habe , geht dich nichts an ; fort , lauf , such dir ein Mädchen und sing ihr zärtlich vor , das andere wird sich finden . « Susanna aber klemmte sich fester an Anton , den eine Lust zu ihr durchdrang , wie er ihren festen Bau berührte ; er spielte mit ihren Haaren und bat den Vater sie zu dulden : der Knabe sei treu , aber schüchtern . » Nun , so sei wenigstens ganz ruhig « , sagte der Alte , und sie konnte sich jetzt nicht wehren , als Anton sie heimlich umfaßte . Die Geschichte des alten Rappolt Der alte Rappolt erzählte nun mit einem schmerzlichen Ernste sein Leben . » Ich bin das jüngste von drei Kindern , die meine Mutter , Katharina von Blanken , meinem Vater Wolf , als er schon hoch betagt war , geboren hatte . Gott habe sie beide selig und lasse sie niederschauen auf diesen ersten Freudentag meines Alters ! Meinem Vater habe ich die Augen auf der Kronenburg zugedrückt ; er starb auf der Wacht , nachdem er mich mehrere Jahre in dem Geheimnisse der Krone und der Gänge und des Gebetes wohl unterrichtet hatte . Das alles sollst auch du lernen , mein teurer Sohn Anton , wenn du erst zu verständigen Jahren gekommen und Rinde angesetzt hast auf deine glatte Stirn . Von meiner Mutter weiß ich nichts , als daß ich damals außer ihr nichts wußte ; sie spann viel und stand dazu früh auf ; von ihrem feinen Gespinst kommen alle die feinen Gedecke , worauf in der Kronenburg am Todestage Konradins gespeiset wird . Wenn sie nun bei einem Kienfeuer im Kamin früh Morgens aufsaß , da ruhte ich nicht mit Schreien , bis sie mich auf ein Kissen an die Erde gelegt ; da lag ich auf dem Rücken und spielte mit meinen Füßen , und sah sie wohl stundenlang an und lachte , wenn sie sang . Weiter weiß ich auch nichts von ihr , dabei sog ich an meinem Finger , was sie mir oft verbot , aber außer meinem Kissen und meinem Finger hatte ich gar kein Spielzeug . « » Vater « , fragte Anton , » weißt du nicht mehr , was Frau Katharina , die Großmutter , gesungen ? ich höre gern alte Lieder , denn man weiß doch nicht recht , wo sie herkommen . « » Ein paar Reime sind mir so geblieben « , sagte Rappolt , » nicht aus der frühen Zeit , sondern weil sie mein Vater immer zu ihrem Angedenken wiederholte : Mein Mann ist auf der Wacht Die lange schwarze Nacht , Und wenn der Morgen graut , Und wenn der Nebel taut , Hat er sich müd gedacht , Da bin ich frisch erwacht . Gott segne ihn , Gott stärke ihn Und laß ihn bald zu Tale ziehn . Ich hab nur kurzen Schlaf , Weil fern mein lieber Graf ; Noch ruhen Hahn und Kind , Es geht ein scharfer Wind ; Doch fahr ich in die Schuh , Ich habe keine Ruh ; Gott segne euch , Gott stärke euch , Ihr lieben Kinder , allzugleich . Von grauer Asch bedeckt Liegt helle Flamm versteckt , Und dieses Feuers Stärk Zeigt Gottes Gnadenwerk . Ich arbeit nicht allein , Gesellig ist der Schein , Gott segne ihn , Gott hüte ihn , In Ruh will ich den Faden ziehn . Ist mein Gespinst zu End , Streck ich zu Gott die Händ Und harre stille sein Im Totenhemde fein , Jed ' Kind ein Hochzeithemd Aus gleichem Stück bekömmt ; Gott segne sie , Gott stärke sie , Wenn ich zu meinem Heiland zieh . Sieh , lieber Sohn « , fuhr Rappolt mit ungewohnter sanfter Stimme fort , » was sie gesungen , das ward an ihr wahr , aber nicht an uns ; sie starb so weg , kein Mensch wußte wie , ich weiß es auch nicht recht , denn ich lief damals schon meinem älteren Bruder Wolf und der Schwester Gloria nach und hatte die Mutter etwas mehr vergessen . Als sie aber tot war und zur Erde bestattet wurde , da schrieen wir alle erbärmlich ; doch , wie es bei Kindern geht , eine alte Magd , die uns alles Gute tat , hatte bald unsre Liebe zur Mutter geerbt ; auch wuchsen wir selbst allmählich an , daß wir nach unsrem Kopfe wirtschafteten . Wir hielten alle drei auf strenge Ordnung , da war kein Winkelchen in unserm Zimmer , das nicht zu etwas Bestimmtem benutzt wurde . Ich trieb viel Vogelstellerei und hatte die eine Wand mit ausgestopften Vögeln besteckt ; nebenbei war ein Bauer mit lebendigen Vögeln , die ich in allerlei Sangweisen abrichtete , sowie ich auch noch jetzt das wilde Geschrei von allen so genau nachzumachen weiß , daß sie scharenweis zu der Kronenburg geflogen kommen und dort überwintern . Meine Schwester Gloria war sehr geschickt mit der Nadel in allerlei künstlichem Werk ; auch spielte sie das arabische Schachspiel besser als wir beide , worüber wir uns oft geärgert hatten , ihr Gerät stand zwischen den Fenstern auf der andern Seite . Mein Bruder Wolf war recht fleißig in aller Art Gelehrsamkeit , und täglich besuchte ihn ein Mönch aus der Gegend , der ihm in allem gelehrten Wesen Unterricht gab ; sein Schreibtisch und sein Bücherschrank besetzten die dritte Seite , an der vierten stand der Eßtisch . So lebten wir einen Tag wie den andern , und jeder lernte mit dem andern ; wir sagten es uns nie , wußten es auch nicht , hatten einander aber so lieb , daß wir keinen Unterschied zwischen einander zu machen wußten ; auch schliefen wir noch , wie in unserer ersten Kindheit , in einem großen Bette zusammen , beteten zusammen und küßten uns , ehe wir einschliefen . Lieber Sohn , zuweilen haben die Väter groß Unrecht ; der Himmel verzeihe meinem Vater , wie er uns einmal des Morgens aufgeschreckt , unter fürchterlichen Schimpfreden und Flüchen , die wir nicht verstanden , aus dem Bette riß und einzeln seinen Leuten übergab . Er hat mir in späten Jahren erst anvertraut , was ihn damals zu dem gewaltsamen Erscheinen gebracht : es war die Warnung des Niklas , Fabians verruchten Vaters , den wir nicht leiden mochten : wir trieben schändliche Sünden , deren Namen meine Lippen verunreinigen würden , zusammen ; er möchte nur frühe kommen , so würde er uns in einem Bette finden , obgleich drei andere für uns bereit ständen . Als er uns nun in dem großen Bette angetroffen , hatte er in Wahrheit gemeint , der Teufel habe uns zusammengeknebelt ; er brachte uns beide , um Buße zu tun , in zwei entfernte Klöster , und meine Schwester zu einer reichen adligen Witwe ihrer Verwandtschaft in Konstanz . Nicht einmal einen Abschied gönnte er uns Kindern , sondern einzeln schleuderte er uns aus dem Zimmer und befahl seinen Knechten , wohin er jeden von uns auf seinem Rosse führen sollte . Ich war von Kälte halb erstarrt , als ich in dem Waldkloster zu Hirschingen abgesetzt wurde , und wußte meiner Seele keinen Rat ; ich sann vergebens die lange Zeit , was ich verbrochen hatte , und wußte mir endlich nichts anderes zu denken , als daß ich unter meinen Vögeln irgend einen verzauberten Ritter gefangen , wie so damals die kindischen Märchen umgingen , der sich an mir hätte rächen müssen . Ein alter Abt nahm mich gutmütig auf und brachte mich zu einem Haufen anderer Knaben , die ihn sehr demütig begrüßten , aber entsetzlich über ihn schimpften , als er den Saal verlassen hatte ; auch hörte ich bald von ihnen so boshafte Reden , so schlimme Streiche , wie Heldentaten erzählen , daß ich meiner Unschuld mir bewußt wurde . Nach einigen Tagen , wo mein Vater mit dem Abte mochte gesprochen haben , wurde ich zu ihm gerufen ; er fragte mich so sonderbar aus , ich wußte nicht , was er wollte , ich mußte ihm so viel von meiner Schwester erzählen , daß ich ihm endlich den Argwohn nicht verbergen konnte , sie möchte mich verleumdet haben , wie sie uns zuweilen in sonderbarer Laune allerlei vorerzählte , von Zwergen und Zuckerhäuschen , die wir nachher umsonst im Walde aufgesucht hatten . Der Abt bestätigte meine Vermutung , wahrscheinlich aus guter Absicht , um die vom Vater ihm vorerzählte strafbare Neigung zwischen uns gänzlich zu unterdrücken , aber er wußte nicht , daß er den schönsten Funken offener , hingebender Freude und Freundlichkeit für alle Zeit in mir auslöschte ; wem sollte ich trauen , da meine liebreiche Gloria mich verlästert . Weh mein Kopf : Denke ich der Freudenfülle Meiner ersten Jugendzeit , Schäm ich mich der leeren Stille , Und mich faßt ein tiefer Neid , Und wen kann ich mehr beneiden , Als mich selbst in Jugendfreuden . « Der alte Rappolt hielt sich hier den Kopf , dann fuhr er fort : » Von meinen Klosterjahren weiß ich dir wenig zu sagen ; « der Ernst , womit alles Feierliche getrieben wurde , die Strenge aller Gesetze bezwangen mich mit den Jahren ; außer dem Kloster schien mir bald nichts Herrliches mehr zu wohnen , um uns her lag die große Einsamkeit , wir hörten nichts , als das wilde Geschrei der Bären , Wölfe und Lüchse daher , und in seltenen Tagen kamen Wallfahrten von armen Köhlern und Waldbauern , deren rohe Unwissenheit mich erschreckte ; die Anstrengung des Kirchendienstes , das Wachen und Lernen war die kräftigste Buße ; alle meine liebe wendete sich zu den gnadenreichen Bildern der Mutter des Herrn , die mir wie ewige Lichter in der Kirche brannten , zu denen ein heiliger Zauber alles schöne Licht aus der unendlichen Luft hinriß . Nachdem ich meine Gelübde als ein Nachfolger des heiligen Franziskus abgelegt hatte , ward ich nach andern Klöstern auf die Wanderschaft gesendet ; o der Greuel , die ich anschauen mußte , welche Buhlerei mit der Welt , die sie aufgegeben hatten , welche Üppigkeit mit den Gaben der Armut ! Oft saß ich im Beichtstuhl und konnte vor dem Schreien der Chorherren , die in der Kirche saßen und spielten , die Beichte der armen Sünder nicht vernehmen ; ich sah die Mönche in die Häuser zu den Frauen schleichen , wenn die Männer zur Arbeit ins Feld gegangen , da tobte ich und ward von vielen übermannt , geschlagen , in Kerker geworfen und ohne Zehrung weiter geschickt . In solcher Armut kam ich eines Abends von Kostnitz die Hügel herunter , und Gottes Herrlichkeit spiegelte mir aus dem See in die Seele ; die Berge hatten sich in Feuer gekleidet , und es schien alles wie zum Tage des Gerichts , wo die Toten erwachen und die Lebenden ihnen gleich sind und mit ihnen sich mischen ; da schien ich so frei von aller Welt , daß ich bald einzukehren vergessen und mit Verwunderung auf meinem Kopf fühlte , daß meine Locken mir vom Scheitel abgeschoren . Einige Ritter trabten mit Frauen auf mutigen Rossen vorüber , sie sahen mich nicht und sprachen mit einander von süßem Liebesspiel , von der Nacht und von der Jagd ; mir ward so weh ums Herz , gern wäre ich als ihr geringster Diener mitgezogen ; aber schnell waren sie mir aus den Augen , und ich stand vor einer Klosterpforte , wo ich ohne Nachdenken anklingelte . Mir wurde aufgetan , da es aber zu spät war , um mit den andern Mönchen im Refektorio zu speisen , so wurden mir einige Nahrungsmittel in meine Klause gereicht ; ich sprach wenig , und der Mönch , der mir die Gastfreundschaft tat , schien auch nicht zum Reden geneigt ; beim Abschiede sagte er mir , ich möchte mich durch keinen Lärm im Schlaf stören lassen , ich sei zu weit gegangen , um die Messe mitzusingen . Aber der Schlaf versteckte sich meinen offenen Augen , die in die Nacht , wie in ein Grab starrten ; das erhitzte Blut glänzte in Feuergestalten vor mir , und ich mußte immer meines Bruders Wolf und meiner Schwester Gloria denken , von denen ich so lange nichts gehört hatte ; sie sahen mich unendlich traurig an und zerflossen dann in Lichtwolken . Dieser Bilder überdrüssig , wollte ich erst auch den Fackelschein , der bei meinem Fenster , das nach dem Klosterhof sah , vorüberzog , für eine Täuschung kranker Sinne halten , bis ein leises Beten mich überzeugte , daß dort ein Fest gefeiert werde . Das Fenster war der Sommerluft geöffnet , ich trat heran und sah eine Reihe von Mönchen mit Fackeln in den Händen aus der geöffneten Knochenkammer hervorgehen , die leise betend sich im Kreise stellten . Die letzten , die heraustraten , waren ein Mönch ohne Fackel und ohne Kappe über das Haupt , neben ihm ging ein anderer ohne Fackel mit dem Kruzifix , der ihm die Hände faltete und mit ihm betete ; ein Laienbruder mit glänzendem Beile folgte beiden . Diese drei traten in die Mitte des Kreises , der Mönch ohne Kappe kniete nieder , betete , legte sein Haupt auf den Block , und der Laienbruder trennte es mit einem Hiebe von dem Rumpfe , das alles in einer Schnelligkeit , daß mir schwindelte ; in halber Ohnmacht hörte ich das Lied » Oremus pro fideli defuncto singen ; der Körper wurde zurück in die Totenkammer gebracht , der Zug der Mönche ging bei Glockenklang in die Kirche . War es die Wirkung dieser schaudervollen Erscheinung , oder trug ich die Krankheit schon im Blute , am Morgen lag ich im heftigen Fieber , aus dem ich nur für einzelne Stunden erwachte und bald wahrnahm , daß ich in ein anderes besseres Zimmer gebracht sei , das eine Aussicht auf ein anderes großes Gebäude hatte . Ich wurde sehr gutmütig in meiner Krankheit gepflegt , ich vermied , von jener Nacht zu sprechen , doch endlich brachte mich mein Wärter , Pater Posidonius , selbst auf dieses Gespräch , indem er mir erzählte , daß ich immer von einem Mönche phantasiert hätte , dem der Kopf abgeschlagen worden . Ich erzählte ihm das schaudervolle Nachtgesicht ; er hörte zu und versicherte , das habe alles seine Richtigkeit , ihr Kloster habe das Recht über Leben und Tod , und der Hingerichtete sei wegen einer Verbindung mit einer vornehmen Nonne im Kloster gegenüber hingerichtet worden . Hier hat er gewohnt , sagte er , von hier sah er zu der Nonne ins Fenster , hier wurde er auf Befehl des Abtes weggebracht , und die Verzweiflung gab ihm den unseligen Gedanken ein , sich kunstreiche Flügel zu machen ; das gelang ihm nicht , er kam nicht zu ihr , sondern in den Himmel , es war eine treue Seele ; sie weiß nichts von seinem Tode und wartet täglich , ihn zu sehen , denn dort haben sie kein so strenges Gesetz wie bei uns . Es wäre ihm auch nie etwas geschehen , sagte der Mönch sachte , aber der Abt hat selbst ein Auge auf die schöne Nonne geworfen . Kaum war der Mönch fort , so sah ich verwildert im Zimmer umher , ich wünschte mich weit fort , ich dachte , der Unglückliche werde mir mißgönnen , durch das Unglücksfenster , was ich bisher nicht der Mühe wert geachtet hatte , hinauszublicken ; wenn eine Maus durch die Kammer lief , glaubte ich seinen Geist herschreiten zu sehen . Kaum war ich hergestellt , so wollte ich weiterziehen ; aber mir ward angedeutet , daß ich die Mühe und die Kosten , die ich dem Kloster gemacht , durch kirchliche Dienste abverdienen sollte , so blieb ich halbgezwungen zurück . O wäre ich mit Gewalt herausgebrochen , hätte mein Leben selbst nicht geschont ! Es war an einem Sonntag abend , als ich ermüdet vom Beichtstuhl mich an das Fenster setzte , um die frische Luft zu genießen , die , mit Wohlgerüchen aus dem Garten der Nonnen durchdrungen , sich begierig in unsere Zellen ergoß ; da sah ich zum erstenmal nach dem Turme mir gegenüber und erblickte in der höchsten Klarheit bei einer Lampe eine Heilige an einem Stickrahmen , denn heilig war sie mir , das schwöre ich im Anblick der Waage , die vor uns am Himmel sichtbar geworden , mag der ewige Richter mein Herz wägen . Mein Auge sah immer weiter und klarer , mir ward , als stände ich unsichtbar neben ihr , so sah ich mich hinein in jeden Zug des hohen jugendlichen Gesichtes ; ich fühlte zu ihr alle Liebe , die ich bei meiner Schwester aufgegeben . Sie fuhr plötzlich von ihrer Arbeit auf , versteckte sie unter ihrem Bette und entriegelte die Tür ; es trat eine fröhliche alte Nonne mit einem Schachbrette herein , sie küßte meine Heilige , beide setzten sich näher zum Fenster und legten das Schachbrett auf einen kleinen Tisch ; die Heilige spielte mit den weißen Schachfiguren , die Alte mit den schwarzen . Das Spiel begann ; ich sah die sanfte Aufmerksamkeit der Heiligen , die Bosheit der Alten ; jene betete , diese fluchte mit ihren Augen , und beiden wurde gewährt . Die Nachtfalter , die erst vor dem Fenster und an der Lampe sich umhergetrieben , verwandelten sich in Gestalten ; rötliche kleine buntgeflügelte Engel umflogen die Heilige und setzten sich auf die Figuren , die sie ziehen sollte ; dahingegen kleine schwarze geschwänzte Teufelchen mit Fledermausflügeln die Gegenzüge der Alten bezeichneten . Der Kampf des Guten und Bösen wurde auch in meiner Brust gestritten bis tief in die Mitternacht ; endlich sah ich , daß meine Heilige ermüdete , sie sah nicht mehr die Engel , und die Alte ging triumphierend mit dem gewonnenen Spiele fort . Die Heilige sank ermüdet über den Sessel , und die Teufel und der Wind spielten in den Falten ihres Gewandes . O du heiliger Gott , welch ein weltträumender Sinn ging mir da auf , daß ich die Welt hätte verachten mögen ; weichliches Gras des Frühlings und glatte Früchte des Herbstes und Sommerquellen und Winterschlaf , alles in erstem Weine des Lebens berühret , erstes Atmen des lebendigen Wortes , worin die Welt sich verklärt ; Wunder des Glaubens , das Unmögliches der sehnenden Seele gewährt ; Fülle der Freude , die in allem widerklingt , von allem uns wiederkehrt : ihr seid doch geahnt ; aber die Liebe in einem kindisch-ernsten Gemüte , die in einem Augenblick Jahre reift , die ist nicht geahnt in den Abgründen ihrer trauernden Wollust , die den Menschen vernichtet , während er mit allem Leben zu prangen scheint . Lieber Sohn , ich vergesse ,