Blick spannte ihn zu so großer Anstrengung , daß er in wenigen Stunden alle übertraf ; für Tanz und Musik zeigte er besonders glückliche Anlage . Diese frühe Heftigkeit , diese Anstrengungen bewegten ihn zu gewaltsam ; eine ängstliche Besorglichkeit bemächtigte sich seiner oft mitten in der größten Kühnheit ; auf den höchsten Bäumen , die er zum Staunen aller erkletterte , beengte ihn dann eine Angst , daß er mit Tränen bat , ihn herunterheben zu lassen ; von seinen Büchern , von seinen Schreibereien nahm er jeden Tag feierlichen Abschied , als sähe er sie nicht wieder ; während er die wunderlichsten Abhärtungen an seinem Körper versuchte , bebte er vor einem Ohrenklingen , als sei es eine furchtbar nahende Krankheit . Das alles war ein Gegenstand des Spottes der Geschwister , und dieser Spott entfremdete sie von ihm ; einsam baute er sich eine Art Festung , in die er niemand einließ , eine Schwester ausgenommen , und von wo aus er allen Vergnügungen der Geschwister zusah , zu denen er , wenn es ihm einfiel , mit gewaltigem Eifer eintrat . Der Graf meinte ihn zum Soldaten bestimmt , und ließ ihm diese frühzeitige Beschäftigung mit Befestigungen und militärischen Schriftstellern ; aber der Himmel hatte ihn milder gelenkt . Eines Morgens wurde er vergebens zum Frühstücke gerufen ; der Graf ging endlich mit dem Vorsatze ihn zu strafen nach der Festung , und fand ihn nicht , aber statt seiner einen Brief , der durchnäßt von Tränen , und sehr undeutlich geschrieben dem Erschrockenen die Nachricht brachte , daß der Knabe in das Kloster des heiligen Laurentius geflüchtet sei , wo jene Komödie ihn damals zu seinem Besten geführt ; er habe sich auf einer großen Sünde überrascht , zu deren Buße er dort als Novizius ein geistliches Leben anfangen wolle . Der Graf ritt zornig zu dem Abte des Klosters , und fragte ihn , wie er es wagen könne , ein Kind ohne Wissen der Eltern aufzunehmen ? Hier unterrichtete ihn der Abt , daß er nach seiner Pflicht niemand abweisen dürfe , der sich in den Schutz der Kirche flüchte , am wenigsten aber einen reuigen Sünder , der sein Heil in ihrem Schoße suche . - » Aber welche Sünde kann der Kleine getan haben , von dem wir nie andres als Liebe erfuhren ? « - » Diese Liebe « , sagte der Abt , » ist sein Verderben ; durch ein heiliges Buch ist sein Gewissen geschärft , er bekennt sich sträflicher Leidenschaft zur eignen Mutter schuldig , er ehrt sie über Gott . « - Vergebens wandte der Graf ein , daß diese kindische Grille eher ein Wahnsinn als eine Schuld zu nennen ; er ging zu dem Kleinen , der aber schon das Gelübde des Stillschweigens angenommen , im Gebete versenkt vor dem heiligen Laurentius lag ; er hörte ihn , aber er antwortete nicht . Der Graf hoffte , daß die Zeit ihn am besten heilen würde , und überließ ihn einige Zeit dem strengen Leben . Nach vierzehn Tagen kam er wieder , und ermahnte ihn zur Rückkehr ins väterliche Haus ; der Kleine hatte Erlaubnis zu sprechen , und beantwortete diesen Zuspruch mit einer abschreckenden Darstellung aller Sorgen der Welt . Als der Graf von den Sorgen seiner Mutter um ihn sprach , da wendete er sich ab , und betete mit unzähligen Tränen . Der Graf war so tief gerührt , daß er ihn gewaltsam dem Kloster entreißen wollte , aber der Abt erinnerte ihn feierlich , warum er ihn seiner Bestimmung gewaltsam entreißen wolle , um ihn vielleicht der Schuld hinzugeben ; » jede Schuld « , sagte er , » ist eine verfehlte Bestimmung . « Der Graf dachte hier unwillkürlich an Dolores , und an den Wallfahrtort , und ließ dem Kleinen noch längere Bedenkzeit . Aber die Zuversicht zu dem neuen Leben wuchs immer mehr in ihm ; er war ein Vorbild aller im Kloster ; sein Wesen erinnerte den Grafen an Traugott , er glaubte , seine religiöse Gesinnung sei eine Vorahndung des Todes , und nahm schmerzlichern Abschied bei jedem neuen Besuche . Die zurückgelassenen Papiere des Johannes sammelte er sorgfältig , und schrieb traurig einige Worte der Erinnerung darauf : Hatte nicht der frische Morgen Dich in seinem Arm gewiegt , Haben dich die müden Sorgen Vor dem Abend schon besiegt . Hatte nicht die Sonnenhelle Dich mit ihrem Strahl umspielt , Müde liegst du an der Schwelle Einer Nacht , die alle kühlt . Hatten nicht des Muts Gedanken Dich zum heitern Tanz geführt , Mußten deine Tritte wanken , Als dein Herz da tief gerührt . Hatten nicht die frohen Töne Deine Stirne kühl umkränzt , Ach wo ist nun alles Schöne , Wo dein Blick , der uns umglänzt . Hatte nicht die erste Liebe Dich mit süßem Wort geweckt ; Ach bald ist ' s die letzte Liebe , Die mit Erde dich bedeckt . So heftig der Graf und die Gräfin von diesem Ereignisse erst zerrissen waren , so mild wußte Klelia sie beide auf die Gnade aufmerksam zu machen , ein geliebtes Kind in so heiliger Bestimmung zu verlieren . Johannes starb auch nicht , vielmehr wuchs er kräftig auf in seinem strengen Leben , und viel Segen kommt von ihm in künftigen Tagen der Leiden über das ganze Haus , nachdem er vorreif in körperlicher und geistiger Entwickelung , vielleicht auch in Hinsicht seines Standes , frühzeitig die Priesterwürde erhalten . Siebentes Kapitel Rückkehr des alten Grafen P ... mit seiner ostindischen Familie nach dem Palaste in Deutschland Erinnern wir uns noch einmal , daß der Graf das Schloß seines Schwiegervaters , des Grafen P ... , als ein verschlossenes Denkmal seiner früheren Zeit , seines Glücks und Unglücks unbewohnt zurückgelassen hatte , aber für dessen Erhaltung sorgen ließ ; jährlich erhielt er Nachricht , was unvermeidliche Zufälle im Schlosse oder Garten verändert ; aber wie alles mit Einsichten gebaut , so schien alles durch die Zeit zu gewinnen und kleine Beschädigungen waren ohne große Kosten ergänzt . Ein seltsames Toben , das in gewissen Nächten das Schloß erfüllte , die Erleuchtung , die dann in mehreren Zimmern bemerkt wurde , gaben zu wunderlichen Gerüchten Anlaß ; man sprach von dem Geiste des alten Grafen , der da umginge , und wie in alter Zeit in Festlichkeiten schwelge . Keiner wagte es ohne Auftrag , die Sache zu untersuchen ; auch dieses wurde dem Grafen berichtet , der aber unter dem hellen sizilischen Himmel die Dunst- und Nebelgestalten des Nordens wenig beachtete ; seinen Schwiegervater hatte er wegen des Leichtsinns , mit welchem er die Seinen verlassen , nie leiden können , sein Geist war ihm ganz gleichgültig . Ungefähr zehn Jahre nach dem Auszuge des Grafen , in derselben Nacht , die vor eilf Jahren den Treubruch der Gräfin verhüllte , kam ihr Vater , der alte Graf P ... mit vier großen sechsspännigen Kutschen über die Heerstraße die Anhöhe herunter gefahren , von welcher die beiden Schlösser und die alte Stadt so herrlich zu übersehen . Er fuhr mit einer ostindischen Frau und zwei Kindern , die sie ihm in Ostindien geboren , in einem Wagen ; seine dort erworbenen Schätze und seine Dienerschaft folgte in den drei andern . Er hatte seinen Namen verändert , und galt für einen Engländer ; von den Seinen hatte er nichts erfahren , nicht einmal ob seine Frau und Kinder noch lebten ; die Sehnsucht nach seinem Schlosse , von dem er seiner Moham ( der neuen Frau ) täglich vorerzählte , trieb ihn einzig in diese Gegend zurück . Von der Anhöhe sah er viele Zimmer seines Schlosses hellerleuchtet ; erst jetzt gedachte er ernstlich in seinem leichtsinnigen Gemüte , wie er seine neue Frau , seiner ersten vorstellen solle , die beide nichts von einander wußten , wenn diese vielleicht noch am Leben sei . Die Geschichte des Herrn von Gleichen , der seiner Frau aus den Kreuzzügen heimkehrend eine Sarazenin zuführte , die ihn aus Liebe von der Sklaverei befreit , und dafür aus Dankbarkeit von der ersten Frau als Mitgenossin ihres Ehebettes anerkannt wurde : diese Geschichte , die seinem Leichtsinne bis dahin als genugtuend für alle Fälle vorgeschwebt hatte , wollte ihn nicht ganz beruhigen . Er ließ langsam fahren , und stieg mit Herzklopfen vor dem Schlosse aus dem Wagen , und trat in das Schloß , das offen stand , und wo ihn eine prachtvolle Dienerschaft empfing . Er fragte , ob die Gräfin P ... noch zu sprechen wäre ; die Diener sahen ihn verwundert an , und fragten ihn , ob er nicht wisse , daß sie schon seit neun Jahren mit dem Herzoge von A ... verheiratet wäre , sie würden ihn anmelden . Er nannte sich Moham und sagte , daß er Bestellungen von einem alten Freunde des Hauses brächte . Sobald dieses ausgerichtet , wurde er zu der Frau vom Hause geführt , er fand sie wenig verändert , nur etwas blässer ; sie kannte ihn nicht , was nicht zu verwundern , da er sehr gealtert und vom heißen Klima fast dunkelbraun gebrannt worden ; er sagte ihr , daß ihr voriger Mann noch lebe , und daß er von ihm gesendet sei , das Schloß nach dem Maße seiner jetzigen Reichtümer zu verschönern . Die Herzogin erwiderte ihm , daß er kein Recht auf das Schloß behalten , daß sie es von seinen Schuldnern erkauft und selbst , nachdem sie den Leichtsinnigen in allen öffentlichen Blättern vorgefordert , einem andern Manne , dem spanischen Herzoge von A ... vermählt sei . Der Graf verriet sich nicht ; so unangenehm ihm der Verlust seines Schlosses war , so lieb war ihm der Verlust seiner Frau , die ihm gar nicht mehr liebenswürdig erschien ; er sagte , daß er alles ihrem ersten Gemahl berichten wolle , doch glaube er durch das unumschränkte Zutrauen desselben wohl berechtigt zu sein , um ein Nachtlager für sich und die Seinen zu bitten . Die Frau vom Hause bewilligte es ihm gern , und stellte ihm den Herzog , ihren Gemahl vor , der eben mit großer Pracht ins Zimmer getreten war . Der Herzog überhäufte ihn mit Artigkeiten , und schimpfte doch dabei auf den alten Grafen , der darüber in einer ängstlichen Verlegenheit war ; die Ostindianerin Moham hatte sich und ihre Kinder verschleiert ; man setzte sich zu Tische , man aß und trank prachtvoll , und der Herzog machte der fremden Frau mit solcher unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit den Hof , daß diese sich entschleierte und ihm sichtbare Zeichen ihrer Zuneigung gab . Die Verlegenheit des Grafen hatte den Gipfel erreicht , als der Tisch aufgehoben wurde , und sich einer nach dem andern unter verschiedenem Vorwande beurlaubte ; dem Herzoge sagte zuletzt ein Diener Botschaft von der Gräfin Dolores , und er wurde so heftig bewegt , zitterte so gewaltsam , die Haare sträubten sich ihm empor , er flog zur Türe hinaus ohne Abschied , und nahm das letzte Licht mit sich fort . Der alte Graf fühlte bei seinem Anblicke eine Reue , einen innern Vorwurf , den er nie möglich geglaubt ; er wagte nicht an seine Tochter Dolores zu denken , und wußte nicht warum ; Frau und Kinder drängten sich ebenfalls erschrocken in dem Dunkel an ihn , und sie warteten alle ängstlich , aber vergebens , daß die Lichter von der Dienerschaft wieder gebracht würden , wie es die Schicklichkeit forderte . Plötzlich erhellte sich indessen das Zimmer von außen ; ihre eigenen Leute und viele Bürger der Stadt durchrannten mit Feuergeschrei die Vorsäle , und kamen nun zu ihnen ; mit halben Worten erfuhren sie jetzt , daß das Schloß mit dem Glockenschlage zwölfe an vier Ecken habe angefangen zu brennen ; mit Mühe konnte der Graf sich und die Seinen und seine reichen Wagen retten , von denen schon einer abgepackt worden ; seine ostindischen Leute erstarrten vor den unbegreiflichen Erscheinungen , und waren ihm mehr Last als Hülfe . Nachdem er alles und alle im freien Felde geborgen , und die Bürger hörte , wie sie so nachlässig zum Löschen gingen , weil sie meinten , das sei Gottes Finger , der vor dem Einzuge ihres Fürsten , noch das hochmütige Schloß des Grafen habe demütigen wollen , daß er eine reine Aussicht aus seinen Zimmern bekomme , auch sei es schon lange darin umgegangen mit allerlei Erscheinungen ; da kam er auf den Glauben , das Feuer sei absichtlich angelegt gewesen . So bitter ihm dieser Gedanke im ersten Augenblicke war , so herrlich sich die schönen Verhältnisse des Gebäudes mit scheidender Sehnsucht in dem Feuer verklärten , so hatte er , der alles aufgeben , alles vergessen konnte , auch darüber sich bald gefaßt ; er zündete seinen Zigaro an einem heruntergestürzten brennenden Balken an , und ließ sich mit einigen müßigen Zuschauern in Unterredung ein . Er fragte zuerst nach dem Herzoge von A ... , der ihm ganz unbekannt sei ; sie verwunderten sich alle , daß er den nicht kenne , der habe die junge Gräfin Klelia geheiratet , sei aber nun schon lange tot , und der brave Graf Karl , der an Gräfin Dolores vermählt , sei mit ihr zur Witwe hingezogen , keiner wisse recht warum ; doch sage man , der alte Graf P ... sei so oft im Schlosse umgegangen und habe so viel Tumult nach seiner Art gemacht , daß sie es nicht aushalten können , gewiß wäre es , daß nach ihrem Abzuge kein Mensch vor seinem Spuken im Schlosse hätte aushalten können . - Der Graf war nicht wenig erstaunt , sich als ein Gespenst in seinem alten Wohnsitze anerkannt zu wissen ; er fragte mit einigem Herzklopfen , ob man nicht wisse , wo der alte Graf geblieben . - » Der hochmütige üppige Narr « , antwortete ein Bürger , » nachdem er unserm Fürsten mit Bauen und Fresserei alles gebrannte Herzleid angetan , mußte schuldenhalber davon laufen , ließ Frau und Kinder im Stich , und die Frau starb bald aus Gram . « - Jetzt wußte er genug von dem Schicksale der Seinen ; er drehte sich um , und das Gewissen zog eine tiefe Furche über seine Erinnerungen , wie der Ackermann über eine verfluchte und zerstörte Stadt . Er mußte fort , er wollte dieselbe Straße zurück , aber seine Pferde , die er den vorigen Tag sehr angestrengt , bedurften der Ruhe ; um nichts Übles mehr von sich zu hören , gab er sich für einen alten Freund des Grafen P ... aus , der ihn hätte besuchen wollen . - » Den Schelm « , sagte der Wirt , wo er abgetreten , » wollt Ihr besuchen Herr ? Da müßtet Ihr weit fahren und hoch steigen ; der ist in Amsterdam an den höchsten Galgen gegangen . « - » Bewahre Gott « , sagte der Graf . - » Ich schwöre es Euch bei Seel und Seligkeit « , antwortete der Wirt ; » ein holländischer Kaufmann , der ihn gar wohl kannte , hat ihn hängen sehen , weil er in Holland falsche Wechsel gemacht , und darüber Streit mit dem Erbstatthalter bekommen . « - Der Graf beschleunigte ungeduldig seine Abreise ; der Wirt konnte es nicht begreifen , daß er um den alten Spitzbuben , den Grafen so weit gefahren , und nicht einen Tag bleiben wolle , um den prächtigen Einzug ihres Fürsten zu sehen , der nach so vielen Jahren des Elendes wieder zurückkehre , den sie auf Händen in die Stadt tragen würden ; » ja daran erkennt man gleich den Herren Engländer « , versicherte der Wirt . - Der Graf sah tief gekränkt zum Fenster hinaus nach der Brandstätte ; viel Rauch , aber wenig Flamme stieg mehr auf . Mehrere Mauern waren halb eingestürzt , sie waren nicht dauerhaft gebaut , die übrigen besonders an den Zuglöchern der Fenster sehr geschwärzt . Das altertümliche fürstliche Schloß trat glänzend hervor im Morgenrot ; der Wächter blies mit seinem Horn von der hohen Zinne den Tag an , es schien noch Jahrhunderte zu überschauen und des Grafen luftiges Gebäude , das so lange darauf zu spotten schien , lag da wie eine untergehende leichtsinnige Zeit reuig abbittend vor einer alten dauerhaften , wiederkehrenden , bescheidenern . - Der Graf konnte das alles nicht länger ertragen , ihm war zu Mute , als erginge über ihn das Totengericht der ägyptischen Könige ; er sah zu , ob sich seine Leute etwas erholt hätten , und befragte sie , wie es ihnen im Schlosse ergangen . Ihre verwirrten Aussagen kamen alle darauf hinaus , daß sie von einer Dienerschaft , die sehr prächtig gewesen , sehr gut aufgenommen worden ; daß sich aber auf wiederholtes Klingeln einer nach dem andern mit den Lichtern entfernt , und sie gleich darauf das Feuer bemerkt , auch niemand von den Dienern wiedergesehen hätten . Der Graf gebot ihnen zu schweigen , fragte noch , wann denn der Fürst ankäme ; der Wirt sagte , um Mittag , da ließ er anspannen , um ihn zu vermeiden . Achtes Kapitel Der alte Graf P ... begegnet dem Fürsten , der in sein Land zurückkehrt Als sie den Berg hinauffuhren und der Graf in tiefen Gedanken sich noch einmal nach seiner ganz vergangnen , ganz untergegangenen Zeit umblickte , wurde er durch einen heftigen Stoß erweckt , sein Kutscher war sehr ungeschickt mit einem anderen Wagen zusammengefahren ; der Postillon wollte mit Schlägen über ihn her fallen , aber eine gebietende Stimme im Wagen gebot ihm Frieden , und er gehorchte im Augenblicke ; auch der Graf gebot seinem Kutscher , lieber zu helfen statt zu zanken . Die beiden Stimmen erkannten sich ; in der Stimme liegt die dauerndste Eigentümlichkeit des Menschen ; als sie sich ansahen , denn Wagen stand an Wagen , waren sie einander wieder ganz fremd ; es war aber in der Stimme etwas , das die tiefste Vergangenheit , die fröhlichste Jugend in ihnen erweckte . Der alte Graf stieg aus dem Wagen , der andre Reisende gleichfalls ; » heiliger Gott « , schrie der andre auf , » welch ein Unglück , kein Wort weiß ich davon , das schöne Schloß des Grafen ist abgebrannt , gut daß er das nicht erlebt hat ! « - Der Graf erkannte an diesem kurz ausgesprochenen » gut « seinen alten Freund und späteren Feind , den Fürsten ; so mitleidig hatte er ihn nie gedacht , nie so alt ; er war in seinen Gedanken noch immer der rasche Jäger , der über Felsengeklüfte den Kühnsten voraushetzte . - » Ach mein gnädiger Fürst , die Jahre haben mich unkenntlich gemacht , die Sonne meine Haut und das Feuer meine Fehler verbrannt ; es ist alles anders geworden , alles durchs Feuer gegangen , mein gnädiger Fürst , mir ist alles verloren und vergessen , nur die frühe Vertraulichkeit , in der wir der Welt Lust und Freuden durchstrichen , fleht zu Ihnen um Nachsicht , um ein mildes Verzeihen späterer Irrungen ; erlauben Sie , daß ich Ihre Hand küsse . « - Der Fürst sah ihn mit großen Augen an , wie ein altes teures Bildnis , welches nach einander viele ungeschickte Hände so wie die Zeit entstellend übergemalt ; er konnte kein Wort sagen und ließ sich unbewußt die Hand küssen ; nachher umarmte er ihn , dann weinte er und die Zunge war ihm gelöset und strömte über in alter Vertraulichkeit : » Sieh , ich wollte allen schmerzlichen Erinnerungen eines festlichen Einzuges entgehen , wollte einsam nach dem Schlosse zurückkehren , denn wie stimmte der Jubel meines guten Völkchens zu meiner Trauer , Frau und Kinder von mir entzweit zu wissen ; sieh nur und da kommst du so lebhaft und rufst mir dies und tausend andres mit lebendiger Stimme wieder auf ; meine Frau war dir sehr gut , sie spricht noch oft von dir ; einmal war ich sogar eifersüchtig auf dich . « - Und so wechselten beide mit Anklängen alter Zeiten , neuer Schmerzen ; die Wagen waren längst auseinander gehoben , aber ihre Hände ließen nicht von einander ; endlich zwang sich der Graf zum Abschiednehmen . » Torheit « , rief der Fürst , » du bist jetzt in meiner Gewalt , in meines Herzens Bannmeile , dich lasse ich jetzt und nimmer von mir , wir haben einander bis an unser Lebensende zu erzählen ; du hast Frau und Kinder , ich habe keine und verlange Ersatz vom Schicksale . Ich könnte nicht ruhig sterben , wenn mich kein Freund begleitete ; hast du zum Bauen nicht mehr Lust und Zeit , so ziehe zu mir , mein Schloß ist ganz leer . « - Der Graf gestand ihm , daß sich eine Geisterfurcht seit der Nacht seiner bemächtigt habe , sonst triebe ihn nichts fort ; er wäre ja bloß darum des weiten Weges gekommen , um sich hier wieder anzusiedeln ; dabei erzählte er ihm seinen wunderbaren Empfang im Schlosse . - Der Fürst sah tiefsinnig vor sich hin , und schrieb mit dem Stocke einige Züge in den Boden : » Ich kann die Gespenster bannen , denn sieh , ich bin auch ein Gespenst , ein Gespenst , das nur noch von dem träumenden Genusse früherer Tage , von seinen Gewohnheiten lebt . « - » Wer ist dann mehr Gespenst als ich « , rief der Graf , » einem fremden Weltteile klimatisiert , machte ich aus Nacht Tag , aus Tag Nacht : nun wohlan , so wollen wir es mit unsern unruhigen Brüdern der Mitternacht aufnehmen ! « - - Er winkte seinem Wagen und sie kehrten alle um ; er selbst ging Hand in Hand mit dem Fürsten zum Schlosse . Auf dem Wege fragte den Fürsten eine ausgestellte Wache , ob er nichts von ihrem Fürsten unterweges gehört , ob er noch eintreffe . Der Fürst zog seinen Geldbeutel , gab ihm ein Goldstück und fragte ihn , wer darauf abgebildet . - » Unser gnädiger Fürst « , antwortete die Schildwache . - » Nun so behalt ' s « , sagte der Fürst , » damit du ihn wiederkennst , wenn er kommt . « - Die Schildwache dankte verwundert und versicherte : seinen Landesherrn wollte er schon erkennen , der hätte bei ihm Gevatter gestanden . Der Fürst und der Graf gingen nachdenklich an das Schloßtor , es war verschlossen ; sie klopften an , der Türsteher fragte : » Wer da ? « - » Dein Fürst , Alter ! « rief der Fürst . - » Ach ja , der gnädige Fürst « , weinte der Alte , öffnete die Türe und umfaßte seine Kniee . - » Der kennt mich noch , weil er blind ist « , sagte der Fürst weggewandt zu dem Grafen . - Sie durchwanderten nun die alten Zimmer , die ihnen jetzt festlich dünkten , die ihnen sonst mit ihrer alten Pracht lächerlich gewesen ; der Graf stellte dem Fürsten seine Frau und Kinder vor , der sich in ihre fremde Art leicht zu finden wußte ; sie mußten alle auf dem Schlosse wohnen . Unterdessen hatte sich die Nachricht von des Fürsten Ankunft in der Stadt verbreitet ; die festlichen Anstalten , die bekannten weißgekleideten Mädchen , die zitternd eine Rede abquälen , die Blumen , die Kanonenschüsse , die er vermeiden wollte , nichts wurde ihm geschenkt ; doch von dem überraschenden Jubel von allen Seiten angezündet , brannte das ganze kunstreiche Feuerwerk in rascher Unordnung vor ihm ab , so daß er in der Gesellschaft des alten Freundes alles mitzugenießen vermochte . Festlicher füllte sich bald das Schloß nach des Grafen Anordnung mit morgenländischen Teppichen und Tänzen ; die weichlichen Belustigungen jener lebensreichen Gegenden erfrischten das austrocknende Alter des Fürsten ; der Graf verwandte mit Freuden einen Teil der erworbenen Schätze zu seinem Dienste , und diente ihm gern auch in allen ernsteren Verhältnissen mit seiner reichen Welterfahrung . Seinen Töchtern in Sizilien sendete er prachtvolle morgenländische Geschenke , doch wußte er nicht , was er ihnen dabei schreiben sollte , noch weniger verstand er ihre Briefe . Vater und Töchter hatten sich ganz von einander abgelebt , jedem war eine andre neue Zeit geworden ; doch dankte er dem Weltgeiste , den er in Indien verehren gelernt , daß er für seine Töchter im ewig ruhigen Verstande gesorgt , nachdem Vater und Mutter sie verlassen , die Welt sie aufgegeben , die Armut sie bekämpft , und die Schuld sie bestritten hatte . Die Trümmer seines alten Schlosses ließ er zu seiner Erinnerung unverändert stehen ; Reisende versichern , daß das Lebendige , Frische in dem Zerstörten : Marmorsäulen , die halb zu Kalk verbrannt , bunte Wandmalerei , halb geschwärzt , einen eigentümlichen Eindruck von Vergänglichkeit gewähre , der manchem schwermütigen , der Gegenwart überdrüssigen Gemüte so willkommen ist . Mehrere Monate waren schon im verbundenen Hauswesen des Fürsten und des alten Grafen fröhlich vollendet ; während jener noch immer aus Rücksicht , der er sich so oft in seinem Leben unterworfen hatte , den Freund zu fragen mied , wie er zu der schönen Frau und zu den großen Schätzen in Indien gelangt sei , ob Glück oder Fleiß sie ihm zugewendet ; lange glaubte er , daß irgendein Geheimnis darauf ruhe . Der Graf gehörte aber zu der Art Leuten , die aus Bequemlichkeit gern voraussetzen , was ihnen begegnet sei , müsse jeder wissen ; ganz zufällig kam es eines Nachmittags , wo er sich über die Frau , die von manchen indischen Gewohnheiten , besonders von der Verschleierung , durchaus nicht ablassen wollte , geärgert hatte , daß er zum Fürsten sprach , als sie hinausgegangen : » Ich kann nicht strenge gegen sie sein , teils weil es mein Wohlleben stören würde , teils weil ich dieser ihrer besonderen Natur zu viel verdanke . « - » Was dankst du ihr ? « fragte der Fürst aufhorchend . - GRAF P. : » Sie selbst und alle Reichtümer ; habe ich das nie erzählt ? « - FÜRST : » Nimmermehr . « - GRAF P. : » So wollen wir uns dazu ganz bequem setzen ; ich will den Vorgang kurz erzählen , doch ist genug Stoff zu einem langen Schauspiele darin . Auf der Reise nach Ostindien wurde ich mit einem Deutschen , der sich Thomas nannte , mehr durch die Sprache als durch Übereinstimmung in Art und Bildung genau bekannt ; er war ganz roh und wollte sich im Soldatenstande emporschwingen , er war eben so leicht zu befriedigen mit seinem Schicksale , als ich damals noch ungenügsam war ; ich beleidigte ihn oft mit meinem Hochmute . In Ostindien verlor ich ihn aus den Augen . Ich lebte hoch , so lange mein Geld dauerte ; nachher bemühte ich mich vergebens nach guter Anstellung ; ich handelte , aber die Leute dort waren verschlagener als ich ; bald hatte ich nichts , weder Waren noch Geld . Den Europäern mochte ich nicht dienen , ich lief zu den Völkerschaften des innern Landes , die zwar den Engländern Steuern entrichten , doch ihrer näheren Aufsicht entzogen sind . Mir wurde manche sonderbare Begebenheit , doch war mir das fremdartigste Ereignis , als ich meinen Schiffskameraden Thomas auf dem Nabobsthrone von Tipan fand ; die schöne Moham war seine Frau und die eigentliche Herrscherin des Landes ; seine Prahlereien von der Kenntnis europäischer Kriegskunst hatten ihn zu dieser Würde erhoben . Ich trat in seine Dienste und hoffte wenigstens Minister zu werden , aber statt dessen machte er mich zum Entenfänger ; mit einem Schwimmgürtel angetan , den Kopf in einem großen ausgehöhlten Wasserkürbis versteckt , in welchem ein paar Löcher für die Augen geschnitten , mußte ich den Fluß hinunterschwimmen ; bald setzten sich wilde Enten auf den Kürbis , diese zog ich mit der Hand schnell hervorlangend unters Wasser ; so brachte ich manches Dutzend nach Hause . Alle vier Wochen fiel es dem strengen Herrscher ein , mich zu sich kommen zu lassen , um Deutsch zu reden , bei welcher Gelegenheit er mir meinen sonstigen Hochmut oft vorrückte . Die Schönheit des Landes , der Überfluß an edlen Lebensmitteln macht in jenen Gegenden manche Beschwerde erträglich ; der Umgang mit einigen Büßern , die am Ufer meines Flusses wie Biber sich angebaut hatten , machte mir diesen Zustand sogar angenehm ; ich lernte von ihnen die Sanskritsprache , während ich vom Entenfange ausruhete . « - » Wunderbar « , unterbrach ihn hier der Fürst , » wunderbar ist dieser Zug aller Deutschen in unserer Zeit nach dem Indischen ; wie die Kirchen alle mit ihren Altären nach Osten zu gerichtet sind , und daher oft gegen die Dörfer , zu denen sie gehören , schief liegen , so denken alle an Indien , und lassen ihr Vaterland liegen , wie es will . « - GRAF : » Wer kann wissen , was uns daher noch kommt ? Ich lebte wohl ein Jahr in jener Schule , ich fühle , wie wenig ich noch begriffen und bin doch dankbar für die Aufklärungen des höheren Lebens . Damals störte mich ein unerwartetes Ereignis in meinen Forschungen . Thomas hatte allmählich alle Arten seiner Pracht vor mir ausgebreitet , ich hatte alles kraft meiner sanskritanischen Weisheit verachtet ; endlich sagte er mir , er habe doch etwas , das über alle Weisheit erhaben , das Höchste der Welt sei : seine schöne Frau ; die müsse ich einmal ganz ohne Schleier sehen . Vergebens stellte ich ihm vor , daß mir dies nach den Landesgesetzen bei Lebensstrafe nicht erlaubt sei ; ich erzählte