sich her darstellt . Es ist jene Valeria , die Frucht einer geheimen Liebe Diocletians , welche in Britannien geboren und erzogen worden war . Ich erinnere mich , dir einen Theil ihrer Geschichte geschrieben zu haben , wie ich sie von Constantin erzählen hörte . Ein stiller tiefer Kummer liegt auf diesem schönen Gesicht , dessen blendende Weiße kaum durch einen leichten Anflug des zartesten Roths belebt wird . Große dunkelblaue Augen bewegen sich langsam unter langen seidenen Wimpern , und die Farbe der Augen wiederholt sich lieblich in dem feinen Geäder , das die blendende Haut durchschimmert . Ihre lange schlanke Gestalt ist nicht stolz , kaum aufrecht , das schöne Köpfchen , von goldnem Gelocke umflossen , sinkt beständig auf die Brust , ihre ganze Haltung zeugt von tiefem Kummer . So erschien sie mir , als ich sie das erste Mal sah , das anziehendste Bild der Schwermuth und stillen Ergebung . Seit zwei Jahren hat sie keine Nachricht mehr von ihrem Lehrer und Freund . Er wollte nicht , daß sie ihm noch schreiben sollte , und sein Wunsch ist ihr Gesetz , sie verehrt seinen Willen , seine Entschlüsse mit jener Heiligkeit , mit der vielleicht nur die ersten Jünger die Gebote ihres Meisters ehrten und hielten . Treu und unauslöschlich bewahrt sie sein Bild in ihrer Brust , Religion , Tugend und die Gluth der ersten Liebe verklären es in himmlischem Glanz , und nicht inniger hängt sie an den Lehren unsers göttlichen Stifters , als an den Aussprüchen ihres Freundes . Ihre Pflegeeltern haben sie auf Befehl ihres Vaters hierher geführt ; denn seit man sie aus ihrer heimathlichen Insel , von der sie nie ohne wehmüthige Begeisterung , ohne Thränen spricht , entfernt hat , ist ihr Leben sehr unstät , und ihr Aufenthalt überall nur kurz . Sie ergibt sich in dies schwere Schicksal , nachdem mancher vergebliche Kampf , mancher vereitelte Versuch zur Flucht sie belehrt hat , daß eine höhere Macht über sie waltet , der zu entfliehen sie zu schwach ist . Uebrigens liebt sie ihre Pflegeeltern , die mit schwerem Herzen die Befehle des Augustus an ihrem geliebten Schutzbefohlenen üben , und dies einzige Gefühl , sagte sie mir neulich , schützt sie vor Verzweiflung . Ich sehe wichtigen und erschütternden Auftritten entgegen . Agathokles weiß , daß Florianus auf dem Wege hierher ist , um nach Salona zu gehen , und dort mit Constantin zu sprechen . Noch ahnet Valeria nichts davon , und ich weiß nicht , ob ich es ihr sagen oder verbergen , und ihre Pflegeeltern bitten soll , sich mit ihr zu entfernen . Ich würde sie sehr schmerzlich vermissen , wenn ich sie verlieren sollte ; denn ich bin ihres Umgangs schon sehr gewohnt , und ich fühle wohl , daß auch sie mit Liebe und innigem Vertrauen an Agathokles und mir hängt . Von meinem häuslichen Glücke sage ich dir nichts ; du kennst es , es ist größer , als ich es je dachte , je hoffen konnte . Ein gesunder blühender Knabe knüpft seit etlichen Monaten ein neues inniges Band zwischen uns . Agathokles , meine theure Junia ! ist der beste Vater , wie er der zärtlichste Gemahl , der treueste Freund ist , und mir bleibt keine Sorge für diese Welt , als Gott zu bitten , daß er mir mein Glück , und die stille Scheu erhalte , mit der ich es zitternd , aber selig genieße . Fußnoten 1 Anasus , der alte Name des Ennsflusses . 92. Agathokles an Constantin . Laureacum , im Junius 304 . Große Gemüther hat , wie ich glaube , und wie die Geschichte lehrt , die Vorsicht darum von Zeit zu Zeit erweckt , und mit vorzüglichen Gaben ausgerüstet , daß sie gleich himmelanstrebenden Felsen die Gewitter , welche das Menschengeschlecht treffen , mit höherm Haupt tragen , und so den Uebrigen zum Schutz und zum Beispiel dienen sollen , woran ihre Schwäche sich erhebe und stärke . Noch erhebender wird solch ein Muster , wenn jenes starke Gemüth zugleich ein zum Herrscher berufenes ist , und sich sein göttlicher Beruf , Andre zu leiten und zu zügeln , zuerst an der Macht offenbart , die es über sich selbst und seine edelsten Triebe ausübt . So , o mein Constantin ! kenne ich dich seit dem ersten Augenblicke , wo wir uns sahen , so hast du dich stets bewährt , und so wirst du es bei der Nachricht thun , die ich dir zu geben habe . Wir erwarteten seit einiger Zeit die Ankunft deines verehrten Lehrers und Freundes , des Centurio Eneus Florianus , hier in Laureacum . Ein Zufall wollte , daß gerade jetzt auch Valeria mit ihren Pflegeeltern sich hier befand . Von dir unterrichtet theilte ich dem Asinius Ponticus meine Nachricht mit , und überließ es ihm zu thun , was seine Pflicht erheischen würde . Er machte auch wirklich in aller Stille Anstalten zur Abreise , aber unvermuthet traf Florianus um mehrere Tage früher ein , und Aquilinus , der Präfect der Stadt , ein Geschöpf und treues Werkzeug des grausamen Galerius , ließ ihn auf der Stelle als einen Ausspäher , als einen verdächtigen Abgesandten des Constantins verhaften , und ihm abnehmen , was er an Briefen und Schriften für dich und Diocletian nach Salona bei sich hatte . Vergebens wandte ich Alles an , was in meiner Macht stand , um dem Präfecten die Ungerechtigkeit , die Gefahr seines widerrechtlichen Unternehmens einsehen zu machen , und Florianus zu befreien , mit dem mir sogar nicht erlaubt wurde zu sprechen . Sie Ruhe , mit der der Präfect auf seinem Beginnen bestand , die Sicherheit , mit der er verfuhr , ließ mich bald fürchten , daß er nicht ohne höhern Befehl handle , daß das , was mir Anfangs ein Ausbruch unverständiger Härte schien , lange bereitete , geheißene Maaßregel war , wodurch sich Galerius Einsicht in alle unsere Plane , und Rache an dir verschaffen wollte . Sein widriges Vorhaben mißlang doch zum Theil . Florianus war besonnen genug gewesen , die geheimsten Briefe auf seiner Brust zu verwahren . Er verlangte mit mir zu sprechen , man verweigerte es ihm durchaus . Asinius Ponticus , der , so lange Florianus verhaftet war , keine Gefahr für Valerien sah , blieb in Laureacum , und wandte Alles an , um seinen alten Freund zu befreien , oder ihn wenigstens zu sehen ; auch seine Bemühungen waren fruchtlos . Valeria schwebte zwischen Furcht und Hoffnung , Freude und Verzweiflung . Da faßte , als er keine Möglichkeit sah , seine Briefe , seine Nachrichten , den ganzen Zweck seiner wichtigen Sendung an dich und den Augustus in treue Hände niederzulegen , Florianus endlich muthig den Entschluß , sie zu vertilgen . Unbemerkt , wie er hoffte , und langsam war er dahin gekommen , an der Flamme der Lampe , die sein Gefängniß erhellte , und zu der er , damals noch ungefesselt , mit einiger Mühe zu gelangen gewußt hatte , die Briefe zu verbrennen . Sein Beginnen ward entdeckt . Die Gewißheit , daß er noch geheimere Briefe besessen , und der Verdruß darüber , daß er sie den Augen seiner Feinde zu entziehen gewußt hatte , entfesselte nun den ganzen Grimm des Aquilinus , und ließ ihn ohne Schonung gegen seinen Gefangenen wüthen . Unter nichtigen Vorwänden , denen man eine Art von rechtlicher Form zu geben suchte , ward er vor das Tribunal gezogen , dessen Beisitzer , würdige Gehülfen des Präfects , das Urtheil schon gefällt hatten , ehe noch der Angeklagte erschienen war . Er ward zum Tode verurtheilt . Ich eilte zum Aquilinus , ich versuchte Alles , was in meiner Macht stand , um , wo nicht das Leben deines Freundes , doch wenigstens unter allerlei scheinbaren Vorwänden einen Aufschub von ihm zu erhalten , bis der Eilbote , den ich gleich bei Florianus Gefangennehmung an dich abgefertigt hatte , zurück seyn würde . Sey es nun , daß Aquilinus meine Absicht merkte , sey es , daß er gemessene Befehle von seinem Gebieter hatte - mit der größten Urbanität und unter steten Versicherungen seiner Achtung und seines Bedauerns , daß er meinen Wünschen nicht willfahren könnte , schlug er mir meine Bitten ab . Ich ging tief bekümmert weg . Am zweiten Tage ließ er mich rufen . Mit glatten Worten und Schmeicheleien , die mich empörten , da ich sie für nichts anders halten konnte , als für die Hülle niedriger Bosheit und Tücke , sagte er mir , aus Rücksicht gegen mich , und aus wahrer Achtung gegen seinen Gefangenen , dessen edles Betragen ihn innigst bewege , wolle er das letzte , das einzige Mittel versuchen , das ihm zu seiner Rettung bliebe , obwohl er gestehen müsse , daß er nichts Geringes wage , und diese Nachgiebigkeit ihm vielleicht bedeutenden Verdruß zuziehen könnte . Florianus sollte , wie schon Viele vor ihm in diesen Gegenden gethan , seinen Glauben abschwören , der dem Galerius so verhaßt sey , und er hoffe dann , daß der Cäsar dieses Opfer nicht mit Unwillen ansehen , und es ihm , dem Aquilinus , verzeihen werde , daß er ihn dafür frei gelassen , und das Leben geschenkt habe . Was ich geantwortet habe , was ich antworten konnte , weißt du im Voraus , und auch Florianus thut , was ich und du nicht anders erwarten konnten . Aber der Wunsch , ein Leben , das er nicht mehr erhalten konnte , das er auch ohne diesen schimpflichen Preis längst nicht mehr zu erhalten wünschte , wenigstens nicht nutzlos hinzuopfern , bewog ihn zum Schein , sich jener entehrenden Bedingung zu fügen . Er täuschte mit schlauer Klugheit seine Verfolger , und erbot sich , an dem von ihnen bestimmten Tag öffentlich auf dem Forum der Stadt ihr Verlangen zu erfüllen . Das Gerücht von seiner Willfährigkeit , von dem Schauspiel , das man zu erwarten hatte , lief in Laureacum und der Gegend schnell umher . Es gelangte auch zu uns , und zu der unglücklichen Valeria . Wir glaubten es nicht , wir ahneten Etwas von dem Vorhaben des unglücklichen , edlen Mannes , ohne jedoch Alles errathen zu können . Valeria war am gewissesten , am hoffnungslosesten von seinem sichern Tode überzeugt . Sie hatte durch List und Gold sich ohne unser Wissen schon ein Mal den Weg in seinen Kerker gebahnt , sie hatte verkleidet mit ihm gesprochen , ihr hatte er , so viel sie es fassen konnte , die Aufträge an dich mitgetheilt , und du wirst von mir erhalten , was ich durch dieses treue , bedauernswürdige Wesen , als ein heiliges Vermächtniß ihres über Alles verehrenden Freundes für dich erhielt . Der Tag des großen ängstlichen Schauspiels brach an . Noch muß ich dir vorher sagen , daß die Grausamkeit des Galerius und seiner Werkzeuge in diesen Gegenden bereits bedenkliche Folgen für das Christenthum hatte . Viele haben lieber ihr Leben , als ihren Glauben geopfert , aber auch Viele - und wer kann dem großen , meist ungebildeten Haufen dies wohl streng verargen ? - Viele haben , müde der Neckereien , die ihr ganzes irdisches Glück zerstörten , geschreckt durch die unerhörten Martern , unter denen die Muthigern ihr Leben lassen mußten , das einzige Rettungsmittel ergriffen , das die List ihrer Verfolger ihnen ließ - sie haben den Göttern geopfert , und solch Abschwörungen , wie man sie deinem verehrten Freunde zumuthete , waren nichts Neues in dieser Zeit . Desto nöthiger , desto wirksamer war jetzt ein Beispiel , und zwar ein großes , in die Augen fallendes , ein Beispiel an einem Manne , den Rang , Verhältnisse und persönliches Verdienst ohne dies auf einen erhabenen Standpunkt gestellt hatten . Das mochte dein edler Freund wohl erkannt , und seinen Plan darauf gegründet haben . Eine unzählige Menge Volkes , und darunter sehr viele Christen , waren versammelt . Florianus erschien , im ganzen feierlichen Schmucke seines Standes , eine edle , ehrfurchtgebietende Gestalt , in der vollen Reise des männlichen Alters . Alle Augen waren auf ihn geheftet , Mitleid , Liebe , Neugier , Bewunderung und Mißbilligung malte sich auf den Gesichtern , je nachdem sein Vorhaben oder die Vorstellung , die man sich von ihm machte , die Gemüther verschieden bewegte . Das Opferfeuer vor einem Götterbilde wurde angezündet , der Priester reichte dem Centurio das Rauchfaß , und mit Anstand stieg er die Stufen hinauf , von denen er die Versammlung leicht übersehen konnte . Jetzt , statt zu opfern , wandte er sich gegen das Volk , und mit hinreißender Beredtsamkeit , und einem Ton der Stimme , der tief in die Herzen drang , mit flammendem Blick , die Gluth des edelsten Zornes auf der dunkeln Wange , Hub er an , seinen Abscheu vor der ihm zugemutheten Handlung , die Niedrigkeit des Götterdienstes , die Würde seiner Religion , und die hohe Belohnung der muthigen Bekenner zu schildern . Der Präfect gebot ihm Stillschweigen , aber das Volk , das den kühnen Redner zu hören wünschte , überstimmte den Befehl . Florianus fuhr fort , er ermahnte seine Brüder zur Standhaftigkeit , er verwies sie auf ein besseres Leben . Da drangen die Prätorianer ungestüm von allen Seiten herbei , ein wilder Tumult erhob sich , der Präfect , von Zorn außer sich , gab schnell Befehl zu seinem Tode , die Wache bemächtigte sich des Gefangenen , der ihrer Wuth überlassen wurde , das Volk suchte ihn zu befreien , aber seine Bemühungen waren vergeblich . Um keine Zeit zu verlieren , um keine Möglichkeit zur Rettung übrig zu lassen , schleppten die wüthenden Soldaten ihn auf die Brücke , und stürzten ihn von dort in die Fluthen des Anasus , der eben von heftigen Regengüssen im Gebirge geschwellt , strudelnd und schäumend daher brauste , und sein Opfer gierig verschlang1 . So endete dein trefflicher Freund ein Leben , das , stets der Tugend geweiht , auch noch in den letzten Augenblicken nur diesen Zweck hatte , und schied mit dem Bewußtseyn aus dieser Welt , ein hohes Beispiel gegeben , und einen Eindruck in den Gemüthern hinterlassen zu haben , der bald segensvolle Früchte der Treue , des Muths tragen würde . Ich setze nichts weiter hinzu . Alles , was ich sagen könnte , würde den Eindruck , den die einfache Erzählung bei dir sicher hervorbringen muß , nur schwächen oder stören . Ihm ist wohl , und selig derjenige , der einst mit solchem Bewußtseyn , zu solchem Zwecke , wie Florianus , sein Leben hingeben kann ! Leb ' wohl . Fußnoten 1 Der heilige Florian ist einer der bekanntesten und am meisten verehrten Volksheiligen in Oesterreich . Die Legende erzählt von ihm , daß er - ein römischer Offizier von bedeutendem Range - nach Laureacum , dem heutigen Enns , gekommen , um dort entweder die Christen zur Standhaftigkeit zu ermahnen , oder selbst zum Muster zu dienen , und für seinen Glauben zu sterben . Der Präfect Aquilinus ermahnte ihn , den Götzen zu opfern , er weigerte sich , und wurde in die Enns gestürzt . Hier soll nun eine christliche Matrone , mit Namen Valeria , seinen Körper aus dem Strom ziehen , und auf einem mit Ochsen bespannten Wagen bis an jenen Platz haben führen lassen , wo jetzt das bekannte schöne Stift Florian steht . Ich habe diese Geschichte so zu benutzen gesucht , wie sie in meinen Plan zu taugen schien , und die wunderbare Erzählung von der Entstehung einer Quelle am Fuße des Berges , um die müden Thiere zu laben , die den Wagen nicht mehr weiter ziehen wollten , auf etwas andere Art eingeflochten . 93. Theophania an Junia Marcella . Laureacum , im Julius 304 . Ich habe sehr trübe Tage durchlebt , meine Junia ! Schon seit ich Noricum betrat , verging vielleicht keine Woche , wo nicht irgend ein Beispiel unerhörter Grausamkeit von Seiten unserer Verfolger , oder schimpflicher Weichheit und niedrigen Eigennutzes von Seiten so mancher Abtrünnigen mein Herz mit Trauer , meine Einbildungskraft mit düstern Bildern erfüllte . Das traurigste von Allen erlebte ich hier in Laureacum . Florianus ist todt . Er fiel , ein Opfer des Hasses , ein strahlendes Beispiel für so Manche seiner Brüder , schmerzlich und ewig von dem zärtlichsten Herzen betrauert , das vielleicht je in einer weiblichen Brust schlug . Sie erfuhr seine Nähe , seine Anwesenheit an dem Orte , wo sie sich zufälliger Weise befand , nur durch die Nachricht von seiner Gefangennehmung , von seiner dringenden Gefahr . Er war nicht fern , er athmete eine Luft mit ihr , nach drei hoffnungslosen Jahren hatte ihn ein günstiges Geschick in ihre Nähe gebracht , und - er war gefangen und die Möglichkeit , ihn noch ein Mal zu sehen , zu sprechen , für die sie noch vor wenig Monaten den Rest ihres Lebens hingegeben hätte , lag nun so nahe , und war ihr durch undurchdringliche Mauern , durch den strengen Befehl des Präfects , keinen Menschen mit dem Gefangenen sprechen zu lassen , verwehrt . Es ist schlechterdings unmöglich , den Zustand zu beschreiben , in welchem sich Valeria in dieser Zeit befand . Ich fürchtete , daß er ihr Leben aufreiben werde . Diese gespannte Thätigkeit , diese glühende Liebe , diese schwärmerische Verehrung , und diese Ueberzeugung ewiger Trennung ! All ' ihr Gold , alle Versuche , die sie auf jedem nur ersinnlichen Wege machte , um den Präfect mit Recht und Unrecht für ihren heißen Wunsch zu gewinnen , bewirkten ihres Freundes Freiheit nicht . Sie erhielt nicht ein Mal die Erlaubniß , ihn in Gegenwart von Zeugen zu sprechen . Eine finstere Stille trat nun auf ein Mal an die Stelle ihrer vorigen Lebhaftigkeit . Man sah , daß sie über einem Entschluß brütete . Gott weiß , woher diesem sonst so sanften , so schüchternen Mädchen die List , die Kühnheit kam , Alles das in ' s Werk zu setzen , was sie that . Genug , an einem Abend trat sie bleich , verstört , mit verweinten Augen , und einer unruhigen Heftigkeit in ihrem ganzen Wesen in mein Zimmer , sie sah sich überall ängstlich , scheu herum . Sind wir allein ? fragte sie mit dumpfer hastiger Stimme , dann warf sie sich an meine Brust , und mit einem schmerzlichen Schrei rief sie : Ich habe ihn gesehen ! - nun will ich sterben - er stirbt auch ! Es war ihr auf Wegen , über die ich erstaunte , als sie späterhin uns Alles zu erzählen vermochte , gelungen , die Wachen zu bestechen , und verkleidet in sein Gefängniß zu dringen . O welch ' ein Wiedersehen nach drei Jahren ! Sie war der Verzweiflung nahe . Aber Florianus Geist erhub und stärkte sie . Noch ein Mal vor dem gewissen Tode erlaubte er sich , den Regungen seines Herzens ganz zu folgen , noch ein Mal schwelgten ihre Seelen in den leidenschaftlichen Ergießungen unglücklicher Zärtlichkeit , noch ein Mal wiederholte er ihr , was durch drei Jahre sein Mund streng verschwiegen hatte , das Geständniß seiner grenzenlosen Liebe , seiner Trauer um sie , seiner heißen Sehnsucht nach diesem Augenblick , den er , ach ! nicht so bald , und nicht auf diese Art zu erleben glaubte . In ihre treue Brust legte er seine Geheimnisse nieder . Sie preßte in dem kurzen Raum von ein paar Stunden , der ihnen vergönnt war , alle Leiden , alle Hoffnungen , alle bitteren Erfahrungen von drei traurigen Jahren , und alle wehmüthige Seligkeit eines solchen Wiedersehens zusammen . Sie genoß dies traurige Glück mit vollen Zügen . Sie riß sich endlich halb ohnmächtig aus seinen Armen , und mit dem festen Bewußtseyn , ihn nie wieder auf dieser Erde zu sehen , und kam in diesem Zustande zu mir . Nie werde ich den Eindruck dieser Stunde vergessen . Eine Art von Schauer überfiel mich , der Gedanke , wie mir zu Muthe wäre , wenn ich an Valeriens Stelle wäre , und eben so von Agathokles scheiden müßte , drängte sich mir mit einer marternden Lebhaftigkeit auf , und ich weiß nicht , was es ist , Junia ! aber ich kann ihn seit dem nicht wieder los werden . Bei jeder Veranlassung , oft sogar ohne dieselbe steigt er in meinem Gemüthe empor , umzieht meine Seele mit düstern Schatten , und erscheint nicht selten in ängstenden Träumen unter tausenderlei Gestalten und Zusammenstellungen wieder . So bleibt , wenn an einem trüben Herbstmorgen die Sonne endlich das schwere Gewölk zertheilt , noch hier und dort auf den Bergen der düstre Nebelflor , die Ueberbleibsel der Nacht , gelagert , und ach ! oft noch , ehe die Sonne sinkt , steigt er herauf , und begräbt den kurzen Tag in schnelle Schatten ! O meine Junia ! Wenn das nur keine Ahnungen sind ! Ich darf meinem Agathokles nichts davon sagen , er verweiset sie in das Reich der Träume , aber ich habe mehr als eine Ursache , für meine Zukunft besorgt zu seyn . Florianus heldenmüthiger Tod , seine letzte Ermahnung an die Christen , die gesegneten Folgen , die man wirklich schon in dem Betragen unsrer Brüder fühlt , ihre größere Standhaftigkeit , ihre muthige Verachtung irdischer Vortheile haben , wie ich fürchte , einen gefährlichen Funken in Agathokles Seele geworfen ! Den Tag , wo Florianus starb , sah ich ihn zum ersten und letzten Male . Der Zug ging in höchster Feierlichkeit , denn das Volk vermuthete nichts weniger als seinen Tod , vor unserm Hause vorüber . Er kam - im vollen Schmucke seines Ranges , ungefesselt an der Seite des Präfects , ein schöner Mann in der vollen Reife der Jahre , groß , edel , kräftig . Sein dunkles Auge war mit einem Ausdruck von Wohlwollen und innerer Hoheit bald auf das Volk , das ihn umgab , bald auf seinen Begleiter gerichtet , mit dem er ruhig und , wie es schien , von gleichgültigen Dingen sprach . Nur ein paar Mal sah ich ihn den Blick zum Himmel richten ; dann aber war auch eine Verklärung darinnen , die mehr als Alles , was ich wußte , den nahen Bürger einer bessern Welt verkündigte , der im Begriff war , sein Leben für seine Ueberzeugung aufzuopfern . Alles , was ich vorhin von ihm gehört hatte , und jetzt sah , machte es mir sehr wahrscheinlich , daß er eine solche Leidenschaft in Valeriens Herzen hatte entzünden können . Er hatte den Götzen nicht geopfert , seine Religion nicht abgeschworen , wie es das getäuschte Volk erwartete - in dem beigeschlossenen Blatt findest du die weitläufige Erzählung des ganzen Vorfalls - und endigte nun in den Fluthen des Anasus sein Leben . Valeria war auf Alles vorbereitet . Sobald die schauerliche Scene vorüber , und der unwürdige Präfekt in seinem Palast angelangt war , eilte sie zu ihm , und ihr Gold erhielt , was ihren rührendsten Bitten nicht gewährt wurde , die traurige Gunst , den Leichnam ihres geliebten Freundes im Anasus suchen , und auf eine anständige Art bestatten zu lassen . Der Strom war von einem Gewitterregen in den Gebirgen zu einer außerordentlichen Höhe angeschwollen , und tobte in seinen Ufern strudelnd und reißend dahin . Kein Schiffer wollte es wagen , einen Kahn durch die wilden Fluthen zu drängen - aber was wäre der Liebe und dem Golde unmöglich ! Valeria bestieg selbst einen Fischernachen , eine übermäßige Belohnung verschaffte ihr ein Paar kühne Ruderer , sie zwangen den Kahn mitten durch die schäumende Fluth , und fanden bald unweit der Brücke unter den Gesträuchen des Ufers den theuern Rest , den sie suchten . Valeria weinte nicht , als ihn die Schiffer vor sie hin in den Kahn legten , kein Seufzer , keine Thräne erleichterte ihren dumpfen Schmerz . So blieb sie diesen und den folgenden Tag , bis die fromme Sorge einiger Christen der verehrten Leiche alle Dienste , der Treue erwiesen hatte . In der Gegend umher , die ziemlich flach ist , hatte Valeriens Liebe schon seit dem letzten Gespräch mit ihrem Freund zu diesem Vorhaben eine schickliche geheime Stelle gesucht und gefunden . Unfern von Laureacum erheben sich in Südwesten einige kleine Hügel mit Laubwäldern bedeckt . Hinter einem derselben in einem stillen Thale , an einer frischen Quelle , der einzigen , die diese wasserarmen Gefilde netzt und erquickt , wollte sie sein verborgenes Grab machen lassen . Ihre Liebe hatte sinnreich gewählt . An dem Ort , der allein Leben ausspendete , sollte das Kostbarste verwahrt werden , das sie besaß , von seiner Ruhestätte aus sollte sich Segen verbreiten , und die fromme Dankbarkeit vielleicht einst in fernen Jahrhunderten , wo so gern alle Geschichten die Gestalt der Fabel und des Wunderbaren annehmen , diese einzige Quelle als ein Geschenk des verehrten Mannes betrachten , der hier nach seinem heldenmüthigen Tod Ruhe gefunden hatte.1 Sie selbst begleitete die geliebte Hülle an den einsamen Ort . Hier begruben ihn ihre Begleiter , trauernde Christen , unter frommen Gebeten und heiligen Gefühlen . Als der Hügel erhöht , und ein einfaches Kreuz darauf gepflanzt , und nun jede Spur der theuren Gestalt von der Erde verschwunden war , da brach Valeriens gewaltsame Spannung , und ihre Kraft verließ sie . Mit einem lauten Schrei sank sie ohnmächtig auf das Grab , keine Bemühung vermochte sie wieder zu erwecken - man brachte sie bewußtlos nach Laureacum zurück . Eine tödtliche Krankheit , die sie bald mit ihrem Freunde zu vereinigen versprach , stürzte ihre Pflegeeltern und alle ihre Freunde in die tiefste Bekümmerniß . Ihre Jugend überwand endlich den Sturm , und sie genas langsam dem Körper nach . Ihr Herz wird nie genesen . Sie ist viel bei uns , wir thun , was wir können - aber was vermag die treuste Freundschaft gegen einen Schmerz , wie Valeriens ? Ich bin überzeugt , Junia , daß dies der größte ist , den je ein menschliches Herz fühlen kann , ich war nahe daran ihn zu empfinden , und ich glaube , oder eigentlich ich hoffe , ich würde ihn nicht überleben . Laß mich abbrechen , es ist nicht gut , in einer Zeit , wo fremdes Leiden unsre Thätigkeit , unsre Geisteskräfte auffordert , diese durch geträumte Schmerzen und mögliche Schreckbilder zu lähmen . Leb ' wohl . Fußnoten 1 Nicht weit von der Stelle , wo der Sage nach der Körper des h. Florianus begraben worden , steht jetzt das Stift der regulirten Chorherren zu St. Florian auf einem Hügel . An seinem Fuße entspringt jene Quelle , wirklich die einzige mit frischem guten Wasser , in dieser sonst so fruchtbaren , aber wasserarmen Gegend . Das Stift zeichnet sich durch äußere Schönheit der Bauart , durch eine treffliche Verfassung , noch mehr aber durch sein würdiges Oberhaupt , den gegenwärtigen Herrn Probst , einen eben so kenntnißreichen als edlen Mann , und durch viele gelehrte schätzbare Mitglieder vor den meisten Stiftern in Oesterreich und Deutschland sehr vortheilhaft aus . 94. Agathokles an Phocion . Laureacum , im August 304 . Seit wir uns zu Athen auf meiner Hieherreise sahen , ist mein Leben eine ununterbrochene Kette von eben so wichtigen als unangenehmen Geschäften gewesen . Die wenigen Briefe , die ich dir senden konnte , werden dir schon ziemlich eine Vorstellung von meinen Verhältnissen gegeben haben ; so brauche ich dir nur zu sagen , daß sie noch immer fortwähren , und daß ich nicht absehe , wann und wie sie aufhören werden . Ich habe in diesen Gegenden für Constantin und meine Glaubensgenossen viel zu sorgen , zu wirken und zu bereiten . Es kommt die Zeit , sie ist vielleicht näher , als wir denken , wo große Entschlüsse reifen , Alles umfassende Veränderungen eintreten , und die neue Form der Dinge ganz neue Maaßregeln erfordern wird . Diocletian liegt noch krank in Salona , wo Constantin seiner mit Achtung und kindlicher Sorge pflegt . Galerius verstärkt seine Macht täglich auf geheimen und offenen Wegen . Es ist Constantin in seiner Lage nicht möglich , das Gleiche zu thun , ohne Verdacht zu erregen , da er nur des Cäsars Sohn , nicht wirklich Cäsar ist . Was geschehen kann , und unabänderlich geschehen muß , wenn nicht alle Plane scheitern sollen , muß also theils in Geheim durch ihn , theils durch seinen Vater geschehen . Es ist schon Vieles gethan , aber noch weit mehr zu thun übrig , und ich hoffe mit Zuversicht viel Gutes und Großes für die Menschheit von dem , was jetzt bereitet wird . Du zwar , mein geliebter Freund ! wirst nicht ganz in unsere Plane einstimmen . Deine Ansichten sind verschieden . Ich werde es nicht unternehmen , sie zu bekämpfen , noch weniger sie unrichtig zu nennen , aber ich fühle mein Herz erleichtert , wenn ich dir die Beweggründe , die mich handeln machen , genau auseinanderlegen , und so mein Inneres dir , dem Lehrer und Leiter meiner Jugend , unverhüllt zeigen kann . Du hast mir in deinem letzten Briefe zugegeben , daß Religion für die Menschen überhaupt nothwendig , und daß sie , weil der Mensch auch im rohesten Zustand Spuren von übersinnlichen Begriffen zeigt , gewissermaßen in seiner Natur gegründet sey . Aber du ließest ihn , den unsichtbaren Urheber des Ganzen , den Schleuderer des Blitzes , den Spender der Ernten nur mit dem Verstande aufsuchen und finden , und bist überzeugt , daß jene Vermuthungen , auf welche die freiwirkende Vernunft des Menschen durch