Stunde war für Flitte der einzige Epiktet . Nr. 54. Surinamischer Äneas Malerei - Wechselbrief - Fehdebrief Licht und leicht flogen die Horen in Dr. Huts vielgehäusigem Hause ein und aus und holten Honig . Hier , in diesem sonnenhellen Eiland der unschuldigen Freude , sah Walt keinen höflichgroben Fraisse - hörte keinen Geld-Werber und Geld-Jäger , der das durch Kontrakte eingezäunte Wild pürscht , keinen aus den fünf ( Mosis-Bücher- ) Klassen der Gläubiger , die uns ewig an die Lebens-Darre und Dörrsucht erinnern - hier hört ' er nur Liederchen und Sprünge ; hier waren ganze Sackgäßchen aus dem neuen Jerusalem . Denn was aus dem alten teils von Juden , teils von Christen einwanderte , konnt ' er nicht hören , weil Flitte sich von seinen Arsenikkönigen der Metalle , den Gläubigern , bloß in einem fernen Schmollwinkel vergiften ließ . Im ersten Stockwerke wohnte die streitende Kirche , Flitte und die Könige ; im dritten die triumphierende , Flitte und Walt . Indes brachte der Notar es doch nicht so weit , daß er gar nichts gemerkt hätte . » Ich wollt ' , ich wäre kurzsichtiger ( sagt ' er sich ) ; bedenkt man , wie froh und freigebig der gute Mensch schon ist in Drangsalen , und wie ers vollends wäre ohne die geringsten Qualen - - denn wahrlich gewisse Menschen hätten Tugend , wenn sie Geld hätten - , und mit welcher Süßigkeit er vom Reichsein spricht : wahrhaftig , so wüßt ' ich keinen schönern Tag als den , wo der arme Narr die höchsten Geldkästen und Geldsäcke plötzlich in seiner Stube stehen sähe . Wie könnten einem solchen Menschen schon die Zinsen von den Zinsen der englischen Nationalschuld aufhelfen ! « Er fragte , warum , da alle Leiden Ferien finden , denn die eines deutschen Schuldners nie absetzen , indes in England doch der Sonntag ein Ruhetag des verschuldeten Ohrs ist , wie sogar um die Verdammten ( nach der jüdischen Religion ) am Sabbat , am Feste des Neumonds und unter dem wöchentlichen Gebete der Juden die Hölle erstirbt und ein sanfter kühler Nachsommer des begrabnen Lebens über die heißen Abgründe weht . Lieblich überwallete ihm das Herz , wenn er sich das Seelenfest ausfärbte , womit er den Flötenspieler durch den Elsasser und diesen durch jenen zu beschenken hoffte , wenn er Vulten die unschuldige liberale poetische Lebensfreiheit Flittens beschwüre und diesem einen Spiel- und Edelmann zugleich zuführte : » O ich will dabei dem wackern Bruder das Bewußtsein und Geständnis , geirrt zu haben , so sanft ersparen ! « sagt ' er entzückt . Immer wärmer lebten beide sich in die Woche und ineinander hinein , sie hätten die Probewoche lieber wiederholt als geendigt . Flitten war das liebende warme Wesen , womit Walt wie mit einer elektrischen Atmosphäre umgeben war , etwas Neues und Anziehendes ; er konnte zuletzt schwer mehr ohne ihn aus dem Hause . Walt machte daraus desto mehr , je weniger beide eigentlich , wie er fühlte , einander unterhalten konnten ; ihre Nervengewebe hatten sich verstrickt , sie waren wie Polypen ineinander gesteckt ; doch fraß jeder so auf eigne Rechnung , daß keiner weder der Magen noch die Nahrung des andern war . Es kam der letzte Probe- und Flitterwochentag . Walt scheuete alles Letzte , jedes scharfe Ende , sogar einer Klage . Ein Ripienist von Vults Spiele im Rosenhof hatte dessen Eintreffen verkündigt . Auch der Dr. Hut wollte nachts anlangen . Einige schöne Mitternachtsröte stand ihm bevor . Flitte bat ihn , diesen letzten Nachmittag , wo sie beisammen wären , ihn zu Raphaelen zu begleiten , welche ihm heute flüchtig sitze zu einem schlechten Miniatur- Porträt für den Geburtstag ihrer Mutter : » Wir drei sind süperbe allein « , fügt ' er hinzu . » Wenn ich nun male , parlier ' ich wenig ; und doch animiert Reden ein Gesicht unglaublich . « Ob Walt gleich wenig delikate Welt darin fand , daß man ihn als Sprach- und Reiz-Maschine vor ein Sitzgesicht aufzustellen trachtete : so folgte er doch . Er wars schon gewohnt seit einer Woche , einige Male des Tags zu erstaunen über Mangel an zärtester Denkart , sowohl auf dem Markte als in den besten Häusern , welche äußerlich einen glänzenden Anstrich und Anwurf hatten . Mit Vergnügen kam er in dem eigenen Hause wie in einem fremden an . Raphaela lächelte beiden von der obersten Treppe herab und führte sie hastig in ihr Schreibzimmer hinein . Hier waren schon widersprechende Weine , Eise und Kuchen gehäuft . Da eine Frau leichter das Herz als den Magen eines Mannes errät : so weiß sie freilich nicht , was er abends um 4 Uhr am liebsten trinkt . Ein Bedienter nach dem andern sah durch die Türe , um einen von Raphaelens Wünschen zu holen und erfüllt zurückzubringen . Die ganze Dienerschaft schien ihre Regierung für eine goldne von Saturn zu halten ; man sah einige von der weiblichen sogar im Park spazieren gehen . Die immer voller ins Zimmer hineinströmende Abendsonne und der Freudenglanz , der jedem Gesichte steht , bewarfen das Mädchen und die Situation mit ansehnlichen Reizen . Flitte war gegen Raphaela nicht die Falschheit selber , sondern ein Fünftelsaft von Wesen - nämlich ein Fünftel galant , ein Fünftel gut , eines sinnlich , eines geldsüchtig , ein Fünftel ich weiß nicht was , als sie zu Walts Entzücken gesagt hatte : » Schmeicheln sollen . Sie meinem Gesichte nicht , es hilft nichts ; machen Sie es nur , daß ma chère mère es wiedererkennt . « - - Im Notar kroch heimlich die stille Freude herum , daß er jetzt gerade unter seinem eignen Zimmer stehe , im Hause zugleich Gast und Mietsmann , daß er ferner nicht die kleinste Verlegenheit spüre - denn Flitte war ihm nicht fremd , und über eine Frau war schon zu regieren - , und daß die schönsten Düfte und namenlosesten Möbel jede Ecke schmückten : » Hätt ' ich aber dies sonst als Bauernsohn aus Elterlein denken sollen ? « dacht ' er . Flitte zog nun das Elfenbein und das Farbenkästchen hervor und erklärte dem Modelle ' je freier und belebter es sitze , desto besser glück ' es dem Maler . Indes hätte sie ebensogut auf dem Nordpol sitzen können , er aber auf dem Südpol kleben : die Ähnlichkeit wär ' ihm nicht anders gelungen ; er , überhaupt kein malerischer Treffer , wollte nichts treffen als das , was sie anhatte . Sie setzte sich hin und verfertigte das Sitz-Gesicht , das die Mädchen unter dem Malen schneiden . Die noble masque , womit sich alsdann der Mensch überstülpen will , ist das Kälteste , wozu er je sein Gesicht aushauet , so daß seltner Menschen als ihre Büsten porträtiert werden . Dieses Gesicht heißet in weiblichen Pensions- Anstalten das Sitz-Gesicht der Mädchen ; - dann kommt das gespannte Frisiergesicht - dann das essende Butterbrot-Gesicht , eines der breitesten - endlich zwei Ballgesichter , das eine , die Wetterseite , für die Putzjungfer , das andere , die Sonnenseite , für den Tänzer . Walt kam jetzt in Gang und ins Feuer , und zwar um selber zu malen , nicht um andere malen zu helfen . Er kelterte -vortrefflich genug - Auszüge aus seiner neuesten Reise um die Welt und mischte beiher ein , daß er ihre Freundin , Wina , unter der Katarakte gesehen . Unter allen Erzählern und Unterhaltern sind Reisebeschreiber die glücklichsten und reichsten ; in eine Reise um 1 / 1000000 der Welt können sie die ganze Welt bringen , und niemand kann ihnen ( zweitens ) widersprechen . Der Notar wollte sich seiner malerischen Stärke in Sommer- und Herbst-Landschaften - Flitte lieferte die Winterlandschaft - noch stärker bedienen und setzte zu einem wandbreiten goldnen Bergstücke der Rosenhöfer Berghörner an ; - aber Raphaela war ganz entzückt davon und brachte die Rede bald auf ihre Freundin Wina , um solche allein fortzuspinnen . Sie erhob deren Reize und Handlungen mit Feuer- sie zeigte ein Mahagoni-Kästchen , worin deren Briefe lagen - sie wies die sogenannte Winens-Ecke im Winkel , wo diese gewöhnlich saß und zwischen der Park-Allee der untergehenden Sonne nachsah - sie glänzte ganz liebend und warm . - Der Notarius war ziemlich schwach bei sich ; nach seinen stillen Augen zu urteilen , jubelte er laut , feierte er Bacchanalien , trieb artes semper gaudendi , lieferte Lusttreffen , sprach sich selber die Seligsprechung - ja er ging so weit , daß er sich zufällig hineinsetzte in Winas Ecke - Der Jubel wuchs ganz . Man trank fort - in jeder halben Viertelstunde machte ein Diener die Türe auf , um einem zweiten spätern Befehle wegzufangen . Flitte wußte gar nicht , wie er auf einmal zu der Glückseligkeit gelangte , daß man so viel sprach ohne alles Langweilen zum Henker , und daß Raphaela sich so herrlich enthusiasmierte . Zufällig rückte Walt den Fenster-Vorhang , und eine Sonne voll warmer Tinten übergoß Raphaelens Gesicht , daß sie es wegkehrte ; auf sprang Flitte , wies ihr ihr Sbozzo , fragte , ob es nicht halb aus den schönen Augen gestohlen sei . » Halb ? Ganz ! « sagte Walt aufrichtig , aber einfältig ; denn sie hätte demselben Bildchen ebensogut mit dem Hinter-Kopfe und Stahlkamm gesessen . Der Elssaser gab ihr darauf einige Küsse öffentlich . Er tats vermutlich zu abrupt , dachte zu wenig daran , daß auch erblickte Empfindungen - so gut als gelesene - vor dem Zuschauer wollen motiviert sein ; Walt sah eiligst in den Park und stand endlich gar auf . » Ich wäre ja ein Satanas « , dacht ' er , » ließ ' ich sie nicht einander abherzen « und schlich unter einem landschaftsmalerischen Vorwand ein wenig auf sein Zimmer . Flitte machte sich , sobald er die Türe zugedrückt , vom schönen Munde wieder ans Malen desselben und punktierte fleißig . » Wie müssen jetzt die Seligen « , sagte oben Walt , » einander an den Herzen halten , und die Abendsonne glüht prächtig dazwischen hinein ! « - In seine eigne Stube quoll das Füllhorn der Abendrosen noch reicher und weiter aus ; dennoch standen seine verschlissenen Zimmer-Pièces ( die Wohn- und die Schlaf-Kammer ) im Abstich von der eben verlassenen Putz-Stube , und er maß die Kluft seines äußerlichen Glücks . Er wurde weich und wollte aus Sehnsucht , die Liebe wenigstens zu sehen , eben eilig hinunter , als Vult hereintrat . Ans Herz , ins Herz flog ihm Walt : » Ach so himmlisch « , sagt ' er , » daß du jetzt eben kommst ! « Vult , mit sanfter Stimmung zurückkehrend , tat zuerst ( nach seiner Gewohnheit ) die Fragen nach fremder Geschichte , eh ' er die nach eigner auflöste . Walt teilte frei und froh den Ablauf des Notariats-Amtes und den Verlust der 70 Stämme mit . » Schlimm ists nur « , sagte Vult gelassen , » daß ich gerade selber verschwende und Geld verachte ; sonst würd ' ich dir aus Vernunft , Gewissen , Geschichte zeigen , wie sehr und wie recht ich meine Ebenbildnerei an andern , z.B. an dir , verfluche . Verachtung des Geldes macht weit mehrere und bessere Menschen unglücklich als dessen Überschätzung ; daher der Mensch oft pro prodigo , nie pro avaro erklärt wird . « - » Lieber ein volles Herz als einen vollen Beutel ! « sagte lustig Walt und sprach sogleich von der neuen Erbamts-Wahl und von der schönen Flittes-Woche und vom Lobe des Elsassers : » Wie oft « , beschloß er , » wünscht ' ich dich her in unsere heimlichen geflügelten Feste hinein ; auch damit du ihn weniger hart richten lerntest ; denn dies tust du , Lieber ! « » Flitte scheint dir erhaben ? ein Seelenklassiker oder so ? Und seine Lustigkeit poetisches Segel- und Flugwerk ? « fragte Vult . » Ich habe in der Tat « , versetzte Walt , » recht gut seinen schönen Temperaments-Leichtsinn , der nur Gegenwart abweidet , von dem dichterischen leichten Schweben über jeder unterschieden ; er freuete sich nie lange nach . « - - » Hat er dich in deiner Probe-Woche , die du dir selber sehr gut ohne allen fremden Rat gewählt , keine bedenklichen Sprünge machen lassen , die etwa Bäume kosten ? « sagte Vult . » Nein « , versetzte Walt , » aber französische Fehltritte hat er mir abgewöhnt . « Hier fuhr der Notarius fort und bediente sich der fragenden Figur , ob Flitte ihm nicht das Feinste entdecket habe , z.B. daß man nie oder selten comment fragen müsse , sondern höflicher Monsieur oder auch Madame ? Hab ' ers nicht gerügt , fragte Walt , als er so ganz unfranzösisch bon appetit wünschte , oder eine Kammerfrau , femme de chambre , zur Kammerjungfer machte , oder einen friseur nicht coiffeur hieß ? Hab ' er ihm nicht gut erklärt , warum porte-chaise dumm sei , weil man die Wahl habe zwischen einer chaise à porteur und porteurs de chaise ? » Ich glaube nicht « , sagte Vult , » daß dich diese Sprachstunden mehr kosten als den Rest des Kabel-Walds . « - » Ein Hund woll ' er heißen « , sagte Walt , » schwur mir Flitte , benütz ' ers . In der Rechtschreibung aber dient ' ich ihm , z.B. jabot schrieb er chapeau . Ach , bekäme der Arme nur weniger Gläubiger und mehr Geld ! « - » Das wird eben deine Klippe auf ihm « , sagte Vult . » Wer arm wird - nicht wers ist - verdirbt und verderbt , und wär ' s nur , weil er jeden Tag einen andern Gläubiger oder denselben anders zu belügen hat , um nur zu bestehen . So feiert er jeden Tag ein Fest der Beschneidung fremder Narren . So muß auch jeder Schuldner ungemessen prahlen ; er muß mit Leibnizens Dyadik die 8 ( z.B. Gulden ) mit 1000 schreiben . Welche Reden - jeden Tag eine andere - hab ' ich oft denselben Schuldmann an seinen Faust- und Pfand-Gläubiger halten hören und seine herrliche Unerschöpflichkeit Dichtern und Musikanten gewünscht , womit er dasselbe Thema - daß er nämlich eben nichts habe - so köstlich und süß immer mit Variationen vorzuspielen verstanden ! « - » Ich lasse dich erst ausreden « , sagte Walt . » So beschoß z.B. , um es kurz zu machen « , fuhr Vult fort , » der polnische Fürst * * * in W. jeden Gläubiger anders ; denn ich stand dabei ; gemeines tiefes Volk beschoß er teils mit dem dragon , der 40 Pfund schießt , teils mit dem dragon volant , der 32 - nämlich er war grob gegen das Grobe - Honoratioren , besonders Advokaten , denen er schuldete , griff er teils mit der coulevrine , die 20 Pfund schießt , teils mit der demi-coulevrine an , die 10 - höher hinauf gebraucht ' er den pelican , der sechs - den sacre von 5 - den sacret von 4 - und gegen seinesgleichen , einen Fürsten , den ribadequin , der 1 Pfund schießt . « » Nun « , begann Walt , » darf ich dir doch mit einiger Zufriedenheit berichten , daß der gute Mensch , weit entfernt , hartherzig zu sein , eben durch Arme selber ein Armer wird . Aus lauter guter Freude Über ihn bezahlt ' ich hinter seinem Rücken zwei Damenschneiderinnen ; denn er selber braucht doch nur einen Herrenschneider , und zwar einen ; so aber überall ; z.B. die Bitterlich . « Da entbrannte der Bruder - sagte , dies sei vollends der Satan , im Dezember Häuser anzuzünden , um einige Brände an Hausarme auszuteilen - niemand verschenke mehr als Personen , die man später henke - nichts sei weicher als Schlamm , der versenke -Tyrannen , solche Tränen-Räuber , sängen und klängen wie Seraphim , aber mit Recht , da Seraphim feurige Schlangen bedeuteten - und hass ' er etwas , so sei es diese Mischung von Stehlen und Schenken , von Mausen und Mausern - - » O Gott , Vult ! « sagte Walt , » kann der Sterbliche so hart richten ? - Soll denn ein Mensch sich gar nicht ein wenig liebhaben und etwas für sich tun , da er doch den ganzen Tag bei sich selber wohnt und sich immer hört und denkt , was ihn ja schon mit den niedrigsten Menschen und Tieren zuletzt versöhnt , nämlich das Beisammensein ? Wer nimmt sich denn eines armen Ichs von Ewigkeit zu Ewigkeit so sehr an als dieses Ich selber ? - Ich weiß recht gut , was ich sage ; und jeden Einwurf . Doch basta ! - Nur möcht ' ich wissen , wenn man wie du schon kalt und ohne Leidenschaft die armen Menschen so rauh richtet und nimmt : was dann werden soll in heftiger Hitze , wo man von selber übertreibt . Vielleicht wie mit deiner Uhr , wovon du mir sagtest , daß der Stift , bloß weil er eben und recht passe , in kalter Zeit gut tue , aber in der Hitze , weil er sich ausdehne , das Werk aufhalte . « » Solltest du nicht getrunken haben ? « sagte Vult , » du sprichst heute so viel ; aber in der Tat sehr gut . « Nun bat ihn Walt , selber mitzutrinken und mit ihm hinabzugehen , um sich drunten mit eignen Ohren von seinem schönen Leben mit Flitte zu überreden . » Der Tollheit wegen tu ' ichs « , versetzt ' er , » ob ich gleich weiß , daß ich beiden bürgerlichen Narren einen Eitelkeits-Jubel über die Herablassung eines adeligen bereite ; du aber mußt mich mit einer Feinheit zu entschuldigen wissen , die kaum zu schätzen ist . « » Hr . v. Harnisch « , führte drunten Walt ihn ein , » fand mich in meinem Zimmer ; wie sollt ' ich , Demoiselle , nun mein Vergnügen schöner teilen , als daß ichs mit ihm und mit Ihnen zugleich teilte . « Er warf dies so leicht hin und bewegte sich so leicht auf und ab - auf den teils von Flitte bisher polierten Rädern , teils auf den vom Wein eingeölten - , daß Vult ihn heimlich auslachte und sich dabei ärgerte ; er verglich still den Bruder mit Minervens Vogel , mit einer Eule , der der Vogelsteller gewöhnlich noch einen Fuchsschwanz anheftet . Das erstemal , da ein Mensch , den wir vorher als unbeholfen gekannt , uns beholfen und gewandt vorübertanzt , will er unsrer Eitelkeit durch einen Schein der seinigen nicht sonderlich gefallen . Vult war sehr artig - sprach über Malen und Sitzen - lobte Flittes Miniatur-Punktierkunst als ziemlich ähnlich , ob die Farben-Punkte gleich so wenig als roter und weißer Friesel ein Gesicht darstellten - und lockte dadurch den Bruder , der aufrichtiger lobte , in den Ausbruch der schelmischen Zartheit hinein : » Raphaela ist ja nicht weit von Raffael . « Als jene indes nach ihrem Trauerreglement der Lust , sich ihr Freudenöl in Tränentöpfen zu kochen , auf des Flötenspielers Musik , dann schnell auf die Blindheit und deren schönen Eindruck auf andere verfiel und sich nach seinem Augen-Stand erkundigte , unterbrach Vult sie kurz : » Das war nur ein Scherz für mich und ist vorüber Hr . Notar , wie können wir beide so müßig dastehen und reden , ohne zum Malen zu helfen ? « - » Hr . von Harnisch ? « fragte Walt , ohne comment zu sagen . » Kann denn nicht einer von uns , Freund , vorlesen « , versetzte Vult , » ist nichts dazu da ? - und ich dazu die Begleitung blasen ? - Wie oft sah ich auf meinen Reisen , daß Personen , welche saßen , sich hoben und entfalteten , weil nichts die Physiognomie , welche der Maler auffangen will , in ein so schönes Leben setzt als eine mit Musik begleitete Vorlesung von etwas , das gerade anpaßt ! « - Raphaela sagte , sie nehme freilich ein Doppelgeschenk von Musik und Deklamation dankend an . Vult faßte einen nahen Musenalmanach - blätterte - sagte , er müsse klagen , daß in allen Musenkalendern leider der Ernst zu hart mit dem Spaß rangiere , wie in J. P ... s Werken , wolle aber Hoffnung geben , daß er vielleicht durch Töne zu diesen Mißtönen Leittöne herbeischaffe - und reichte Walten eine Elegie , mit der Bitte , sie vorzulesen und darauf unbekümmert die satirische Epistel und dann das Trinklied . Da dieser erfreuet war , daß er seinem Feuer eine Sprache , obwohl eine nachsprechende , geben durfte : so verlas er so heiß , laut und taub das sehr rührende Gedicht , daß er gar anfangs nicht vernahm , mit welchen närrischen 6 / 8-Takten , Ballett-Passaden , sogar mit einem Wachtelruf ihn der Bruder flötend sekundierte . Erst als er die satirische Epistel vorlas , hörte er in der Kälte einigen Wider-Ton , daß nämlich Vult dem Witze mit Lagrimosis-Passagen und einigen Silben aus Haydns sieben Worten zur Seite ging ; er nahm sie aber für Überreste voriger Rührung . Dem Trinkliede nachher setzte Vult mehrere Languidos-Halte , gleichsam schwarz und weiße Trauerschneppen an . Der Widerstreit preßte den Zuhörern einen gelinden Angstschweiß aus , der eben , wie Vult fest behauptete , ein Gesicht , das sitze , beseele . Aber plötzlich trat ein ganz anderer Miß- und Dur-Ton , der vier Fuß lang war , höflich mit dem Hut in der Hand ins Zimmer . Es kam nämlich der Reisediener des Kaufherrns in Marseille , bei welchem Flitte lange gewesen , und präsentierte ihm einen fälligen Wechsel , den er auf sich ausgestellt . Flitte verlor die Farben , die er Raphaelen geliehen , und verstummte ein wenig , und wurde wieder reich an roter . Endlich fragte er den Reisediener : » Warum er so spät am Verfalltage komme ? Jetzt hab ' er eben nichts . « Der Diener lächelte und sagte , er habe ihn vergeblich gesucht zu seinem Verdrusse , denn er müsse jede Minute fort , sobald er die Valuta habe . Flitte zog ihn aus dem Zimmer auf ein Wort ; aber fast noch unter dem Worte trat der Fremde wieder mit gezuckten Achseln ein und sagte : » Entweder - oder - ; in Haßlau gilt das sächsische Wechselrecht . « Lieber fuhr Flitte in die Hölle , welche wenigstens gesellig ist , als in die Einsiedelei des Kerkers ; dennoch lief er ohne eine sanfte Miene auf und ab und murmelte fluchende Angriffe ; endlich sagt ' er französisch Raphaelen etwas ins Ohr . Diese bat den Reisediener so lange um Geduld , bis eine Antwort auf ein Blättchen von ihr zurück sei ; es war eine Bitte an ihren Vater um Geld oder Bürgschaft . Flitte setzte sich wieder zum Malen mit jener Folie des Stolzes nieder , wovon der Diener eigentlich den Juwel besaß . Walt jammerte leise und flatterte so ängstlich um den Bauer als Flitte in demselben und folgte jedem Umherschießen des eingekerkerten Vogels außen am Gitter nach . Vult beobachtete scharf den gewandten Diener : » Sollt ' ich Sie nicht « , sagt ' er , » in der Gegend von Spoleto schon gesehen haben , wovon die alten Römer , wie bekannt , die Opfer-Tiere hergeholt wegen der weißen Farbe ? « - » Ich war nie da und reise bloß nördlich ( sagt ' er ) , mein Name klingt zwar italienisch , aber nur meine Großeltern warens . « - » Er heißet Mr. Paradisi « , sagte Flitte . Endlich kam Neupeters Antwort . Flitte sah keck mit Raphaela ins aufgehende Blatt : » Ich glaube , Du bist betrunken . Dein Vater P.N. « Mit großem Schmerzen blickte sie sinnend auf die Erde . Der Elsasser war von oben und von unten gerädert zu einem organischen Knäul und sann , wiewohl ins Blaue hinein . Paradisi trat höflich vor Raphaela und bat um Vergebung , daß er sie und die Gesellschaft in der schönen Stunde des Malens unterbrochen habe ; » aber « , beschloß er , » Hr . Flitte ist in der Tat ein wenig mit schuld . « - » O sacre ! « sagte er , » was bin ich ? « - » Sie kommen « , fragte Raphaela , » aus Norden wieder hiedurch ? und wann ? « » In sechs Monaten , aus Petersburg « , sagte der Reisediener . Darauf blickte sie ihn , dann den Notar mit feucht-bittenden Augen an . » O , Hr . Paradisi ! « fuhr dieser heraus , » ich will ein Wort mit wagen - ein Kriegszahlmeister , den Hr . Flitte im Reichs-Anzeiger auffodert , muß ihn dann gewiß bezahlt haben - « - » Lassen Sie denn keine Bürgschaft bis zu Ihrer Rückkehr zu , edler Signore ? « fragte Raphaela . » Herr Harnisch ! « sprach sie und zog ihn in ihr Schlafzimmer . » Nur auf ein Wort , Hr . Notar ! « sagte Vult . » Gleich ! « versetzte Walt und folgte Raphaelen . » Ach guter Harnisch « , fing sie leise an , » ich bitte Sie mit Tränen - ich weiß , Sie sind ein edler Mensch und lieben den armen Flitte so aufrichtig - denn ich weiß es von ihm selber - Und er verdients , er geht Freunden durchs Feuer . - Mit diesen meinen Tränen .... « Aber ein nahe laute Trommelschule von Kriegs-Anfängern , ein taubstumm-machendes Institut , zwang sie unwillig innezuhalten . Er blickte ihr unter der Lärmtrommel in die großen runden Regen-Augen und nahm ihre weiße Wachs-Hand , um etwan durch beides ihre Bitte zu erraten . » Mit Wonne tu ' ich alles « , rief er im wohlduftenden Kabinette voll Abendsonnen und roter Fenstervorhänge , voll Amor und Psychen und vergoldeter Standuhren mit herübergelegten Genien , » weiß ich nur was . « » Ihre Bürgschaft für Hrn . Flitten « , fing sie an , » sonst muß er heute noch ins Gefängnis ; - hier in Haßlau , ich beteure Ihnen , borgt und bürgt für ihn kein Mensch , selber mein lieber Vater nicht . - O wäre meine Wina da ; - oder hätt ' ich mein Nadelgeld noch .... « Sie schlug ihren weißen Bettvorhang auf die Seite und wies ihn oben auf die kurze Furche des blendenden Deckbettes mit den Worten : » Da liegt er stets am Morgen , der holdselige Wurm , den ich ernähre , ein Soldatenkind - aber ich bürg ' Ihnen für alles . « - » Hr . Notarius Harnisch « , rief Vult aus dem Malerzimmer , » Sie sind hier nötig ! « » Ich bin in der Tat selig « , sagte Walt und faltete die gehobnen Hände . » Auch jene teuren Spielwaren dort auf dem Tisch schafften Sie für Kinder an ? « - » Ach ich wollte lieber , ich hätte das Geld noch « , sagte Raphaela . - » Mit welcher Gesinnung ich Hrn . Paradisin Bürgschaft leiste - denn ich leiste sie - brauch ' ich wahrlich Ihnen in solchem Zimmer nicht auszusprechen ; glauben Sie mir ! « sagt ' er . Sie stürzte aus einer von ihr halb angesetzten Umarmung zurück , drückte die Hand und führte ihn daran heiter in die Gesellschaft zurück , der sie alles meldete . Der Reisediener dankte dem Mädchen lange und verbindlich , kam aber mit einer feingekleideten Frage über des Bürgen Rückbürgschaft zum Vorschein . Sie schrieb hastig eine Bitte an ihren Vater , den der Diener längst für solid gekannt , damit er diesen über Walts künftige Reichtümer belehre und bewähre . Paradisi ging handküssend damit ab und versprach , wiederzukommen . Vult bat freundlich den Notar um einen Augenblick auf seinem Zimmer . Auf der Treppe dahin sagte er : » Himmel , Hölle ! Rasest du ? - Öffne nur hurtig ! - Eile , fleh ' ich ! - O Walt , was hast du heute gemacht im Schlafzimmer ! - Dreh nicht - es ist Brot im Schlüssel - Klopf ihn aus - Ist denn der Mensch ewig ein Hund , der zu passen hat ? - Was hast du darin gemacht ! - Wieder ein Ebenbild von dir ; - wenn nun Feuer wäre ! - Aber so bist du überall ... Ein Ebenbild wäre mir daraus wahrlich lieber entgegengehüpft als du selber - Gottlob ! « Die Stube war offen . Walt begann : » Ich erstaune ganz . « - » Du merkst also nicht « , sagte Vult , » daß alles ein vom Satan gedrehter Fallstrick ist , womit sie dich Hrn . Bürgen würgen und in den Fußblock schnüren , damit du dich ihnen nach der dummen Testamentsklausel43so lange verzinsest , als du sitzest ? « - » Ich fürchte nichts « , sagte Walt . - » Du hoffest wohl « , versetzte Vult , » der alte Kaufmann werde dir den Kredit schon abschneiden , daß man deine Bürgschaft gar nicht annimmt ? « - » Das verhüte der Himmel ! « sagte Walt . - » Du verbürgst dich ? « - » Bei Gott ! « schwur Walt . Der Flötenspieler sank jetzt steilrecht und versteinert auf den Stuhl , starrte waagrecht vor sich hin , jede Hand auf eines von den aufgesperrten , rechtwinklichten