Wänden herum , und was er fühlte , waren abenteuerliche Schränke mit einer Menge Säulen , dazwischen Teller und Porcellain-Figuren . Er verfolgte seine Entdeckungsreise rechts an der Wand herum , und stieß auf eine Gipsstatue ; das war ihm nun schon interessanter , seine Hand gleitete leis auf und nieder , und er verweilte hie und da mit mehr Anteil , er konnte auch kein Stückchen Gewand entdecken , und fand , daß es eine Venus sei . Es tat ihm leid , daß er sie nicht ganz zugleich auffassen konnte , um den reinen Kunsteindruck zu haben , aber sie war nur zu fühlen , und es ging ihm wie gewissen Kunstforschern , die das Gefühl der Antike in den Fingern haben , und um sich die Vortrefflichkeit der Formen einzuprägen , vom Nacken mit der Hand niedergleiten , am Hintern aber etwas modern werden , und einige freundliche Schläge mit Schalkheit drauf fallen lassen . - Er verspätete sich allerdings etwas bei der Venus , und hätte er nicht etwas leise rauschen hören , so würde er über ihr alles vergessen haben , außer was er vermißte , daß sie lebendig sei . - Unruhig tappte er weiter , und berührte einen seidnen Bettvorhang : da er den Stuhl , der vor dem Bette stand untersuchte , fand er weibliche Kleider , ein gestricktes kurzes Röckchen , und ein gestricktes Jäckchen , seidne Strümpfe : unter das Bett faßte er mechanisch , und faßte ein paar niedliche Schuhe . Als er den Bettvorhang zurückzog , hörte er atmen , das setzte ihn in keine geringe Verlegenheit , und da er untersuchen wollte , wer es sei , knurrte ein Hund , und machte große feurige Augen . Er wollte nun nach dem Fenster hin , um die Laden aufzustoßen , sein Fuß berührte etwas Tönendes , er faßte nieder , es war eine Guitarre , die am Stuhle lehnte , er klimperte darauf , aber das Atmen neben ihm ward nun doppelt , er schritt etwas vorwärts und fand , daß irgend ein Ausgang sein müsse , denn es herrschte ein Luftzug . Da er drauflos ging mit den Händen , wie mit Fühlhörnern durch die dicke Finsternis , fuhr er heftig zusammen , seine Finger berührten einen Menschen , er zog die Finger zurück , und bald waren sie wieder vorwärts ; er gleitete über kühlen festen Armen aufwärts , zu einem sehr schmalen Ärmel , eilte über diese Brücke , und es zitterte unter seinen Fingern , lachte und floh , er wollte nach dem Luftzug , da schlug eine Türe zu , die ihm dicht an der Nase vorbeiflog . Er ging nun unwillig quer durch die Stube , rannte einen Tisch mit Gläsern um , und trat bald in einen erhobenen Erker , öffnete die Fensterladen , und sah glühend in die kühle Nacht hinein . Sein Herz pochte heftig , er war ungeduldig , und immer fühlte er nur noch seine Fingerspitzen . Da stand er nun in einem dunklen Vorgrund zu dem hellen Gemälde , aber war dies Liebchens Fenster ? Es rauschte der breite Rhein nur noch als Musik aus der Ferne , aus den Dörfern und dem naheliegenden Städtchen klangen die lustigen Walzermelodien , unordentlich doch gleich taumelnd und kreisend zusammen . Der süße Mostgeruch drang unter seinem Fenster von dem Weinberge herauf , der nahe Wald säuselte , und in der herrlichen trunknen Landschaft schossen jauchzend Schwärmer und Raketen in die Höhe , und zerplatzten noch fröhlich im Tode - aber Godwi konnte seinen bösen Mut nicht bezwingen . Es war ihm wie einem alten Popanz aus den Kindermärchen , der Menschen gewittert hatte . Nun wendete er sich von dem Fenster , um zu versuchen , ob er nicht eine Klingel in der Stube finden könnte , einigen Lärm zu machen ; auch erinnerte er sich der Gläser , die er umgeworfen hatte , und endlich war er entschlossen , zu Bette zu gehen , wenn sich nicht bald jemand sehen ließe : als er aber die Stufe des Erkers herabsteigen wollte , faßten ihn zarte Hände , und zogen ihn auf einen kleinen Sopha , der an der einen Seite des Erkers angebracht war . - So weit hat mir heute Godwi erzählt . Es ist mir traurig zu Mute , ich muß die Begebenheiten der überfließenden Gesundheit in Mensch und Natur beschreiben , und mir löst sich dieser Gegensatz immer mehr ; ich schreibe mechanisch nieder , um meine Begräbniskosten herauszubringen . - Lieber Leser , wenn du wüßtest , wie traurig das ist , singen , fröhliche Lieder singen , und kaum die Lippe , viel weniger das Herz rühren zu können . Während ich beschreibe , wie Godwi den herrlichen Rheinwein trank , muß ich große Arzneigläser leeren , und reicht mir Freund Haber Gerstenschleim . Wenn ich schreibe , wie er in der dunklen Stube an der Venus den Kunsteindruck nur einzeln hatte , habe ich den Eindruck der häßlichen Wirklichkeit an einer alten Wärterin ganz ; - wenn er am seidnen Bettvorhang rauscht , und die freundlichen Kleidungsstücke mustert , sehe ich traurig über die Blumen der kattunenen Bettdecke ; - für seine Empfindung , wie ihn der Hund mit glühenden Augen knurrend ansah , habe ich wohl noch einiges Mitgefühl in schweren Träumen , wenn mich das Alp drückt ; aber ich stoße erwachend nicht an eine tönende Guitarre , wider den Boden des trägen Bettes stößt mein Fuß , meine Hände klimpern nicht auf den Saiten , sie spielen auf der Bettdecke hin , und Haber sieht die alte Wärterin bedächtlich an , weil dieses kein gutes Zeichen sein soll . Wo Godwi den süßen Schrecken hatte , und seine Finger über den zitternden warmen Busen hingleiteten , macht man mir schwerfällige Umschläge auf die Brust - wenn ich aus dem Bett spränge , würde ich nicht volle Weinflaschen mit dem freundlichen Tischchen umwerfen , leere Arzneigläser auf dem traurigen Nachttische würde mein schwankender Tritt erschüttern . O ! öffnet mir die Vorhänge , öffnet mir die Fenster , daß ich die grünen Bäume sehe , die kühle Luft hereinwehe , daß mein Auge sich an dem hohen Himmel ergötze . - Aber mir wird nicht besser , die Krankheit ziehet mich mit kalten Armen auf die Kissen nieder . Die lustigen Musikanten Da sind wir Musikanten wieder , Die nächtlich durch die Straßen ziehn , Von unsren Pfeifen lustge Lieder Wie Blitze durch das Dunkel fliehn . - Es brauset und sauset Das Tambourin , Es prasseln und rasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Die Fenster gerne sich erhellen , Und brennend fällt uns mancher Preis , Wenn wir uns still zusammenstellen Zum frohen Werke in den Kreis . Es brauset und sauset Das Tambourin , Es prasseln und rasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . An unsern herzlich frohen Weisen Hat nimmer Alt und Jung genug , Wir wissen alle hinzureißen In unsrer Töne Zauberzug . Es brauset und sauset Das Tambourin , Es rasseln und prasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Schlug zwölfmal schon des Turmes Hammer , So stehen wir vor Liebchens Haus , Aus ihrem Bettchen in der Kammer Schleicht sie , und lauscht zum Fenster raus . Es brauset und sauset Das Tambourin , Es rasseln und prasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Wenn in des goldnen Bettes Kissen , Sich küssen Bräutigam und Braut Und glaubens ganz allein zu wissen , Macht bald es unser Singen laut . Es sauset und brauset Das Tambourin , Es prasseln und rasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Bei stiller Liebe lautem Feste Erquicken wir der Menschen Ohr , Denn holde Mädchen , trunkne Gäste Verehren unser klingend Chor . Es brauset und sauset Das Tambourin , Es rasseln und prasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Doch sind wir gleich den Nachtigallen , Sie singen nur bei Nacht ihr Lied , Bei uns kann es nur lustig schallen , Wenn uns kein menschlich Auge sieht . Es brauset und sauset Das Tambourin , Es rasseln und prasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Die Tochter : Ich habe meinen Freund verloren , Und meinen Vater schoß man tot , Mein Sang ergötzet eure Ohren , Und schweigend wein ich auf mein Brot . Es brauset und sauset Das Tambourin , Es rasseln und prasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Sing und um Sang , Um Kling und um Klang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Die Mutter : Ists Nacht ? ists Tag ? ich kanns nicht sagen , Am Stabe führet mich mein Kind , Die hellen Becken muß ich schlagen Und ward von vielem Weinen blind . Es sauset und brauset Das Tambourin , Es rasseln und prasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Sing und um Sang ; Um Kling und um Klang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Die beiden Brüder : Ich muß die lustgen Triller greifen , Und Fieber bebt durch Mark und Bein , Euch muß ich frohe Weisen pfeifen , Und möchte gern begraben sein . Es sauset und brauset Das Tambourin , Es rasseln und prasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Der Knabe : Ich habe früh das Bein gebrochen , Die Schwester trägt mich auf dem Arm , Aufs Tambourin muß rasch ich pochen - Sind wir nicht froh ? daß Gott erbarm ! Es brauset und sauset Das Tambourin , Es rasseln und prasseln Die Schellen drin ; Die Becken hell flimmern Von tönenden Schimmern , Um Kling und um Klang , Um Sing und um Sang Schweifen die Pfeifen , und greifen Ans Herz , Mit Freud und mit Schmerz . Dreiunddreißigstes Kapitel Mit sanften Händen zog es ihn nieder , und er setzte sich gerne . » Ich weiß es nicht anders zu machen , lieber Freund , « sagte das Mädchen , » es war mir angst und bange vor Ihnen . Da Sie so wild ans Fenster stürzten , glaubte ich , Sie wollten hinausspringen . « » Aber um Gottes willen , ich weiß ja gar nicht , wo ich bin , wie von einem Gewitter in ein fremdes Haus , in eine dunkle Stube getragen , und ich glaubte , in eine große Gesellschaft zu kommen . « - » Haben Sie eine solche Freude an großer Gesellschaft ? « » Nein ! aber ich mache gern alle Bekanntschaften bei vielen Lichtern , im Lichte will ich leben , und in der Nacht sterben . « - Mit diesen Worten nahm er das Mädchen freundlich bei der Hand , und zog sie ans offne Fenster . » Kommen Sie ans Sternenlicht , meine Liebe . « - Das Mädchen sah schüchtern an die Erde , er faßte sie unter das Kinn , und hob ihr das Köpfchen in die Höhe : da sah sie ihn freundlich mit ihren großen dunklen Augen an , und es rollte eine Träne auf seine Hand - die Träne fiel Godwi aufs Herz . - Es war ihm , als habe er das Mädchen schon gesehen . » Sie weinen « , sagte er freundlich zu ihr . » Ach , mein Herr ! es tut mir so manches leid , so leid , das Herz möchte mir brechen . « - Da wendete sie sich schnell von ihm , und setzte sich auf das Sopha und weinte laut . - Godwi stand am Fenster , er war so verlegen , so gerührt , er machte sich Vorwürfe , und wußte nicht warum , hatte er die Unschuld verführen wollen ? Er hatte ja an keine Unschuld der ganzen Welt nur gedacht - warum weinte das Mädchen nur , warum war sie da , warum hatte sie ihn zu sich gezogen ? Er näherte sich ihr , und sprach mit sanfter gelassener Stimme : » Meine Liebe , weinen Sie nicht ! ich weiß ja nicht , warum und wie ich herkomme . - Auch will ich Ihnen gar nichts tun , - sagen Sie mir , wo bin ich , wer sind Sie , wer hat mich hierher gebracht ? « Da richtete sie sich in die Höhe und sagte : - » Ach , mein Herr , ich bin Violette , die Tochter der Gräfin von G. , und das ist unser Gut . Sie haben mir auch nichts getan , und das ist es nicht ; aber ich muß doch weinen . « - » Was fehlt Ihnen nur , und wer hat mich nur hierhergebracht ? « » Meine Mutter hat Sie hergebracht . « - » Ihre Mutter ? es war ja ein Reiter . « - » Meine Mutter reitet immer wie ein Mann gekleidet . « » Aber waren Sie denn in der Stube , als ich hereintrat ? « - » Nein , meine Mutter schickte mich erst herein ! Sie sagte , ich sollte Sie unterhalten , bis sie käme : dort neben dem Bette war die Tür offen , da kam ich herein , Sie rührten mich an , ich war fast des Todes vor Schrecken , und ich durfte doch nicht fortlaufen , da schlug ich die Tür zu und lief hierher . « - » Aber ich hörte Sie ja nicht laufen . « » Ach , das ist es eben , ich bin mit bloßen Füßen . « - Das Mädchen drängte sich in den Winkel und sagte : » Ach wie schäme ich mich . « - Godwi wußte nun gar nicht , was er mit ihr anfangen sollte . - » Sind Sie denn nicht gerne hierher gegangen ? « - » Gewiß nicht , gewiß nicht , heute nun gewiß nicht - die Mutter jagte mich aus dem Bette , ich war schon eingeschlafen , sie sagte : junge Mädchen müßten immer lustig sein , und ich sollte mich nicht so kindisch betragen , wenn sie mich nicht wie ein Kind behandle - sie sei so freundlich gegen mich und wolle mir eine Freude machen , nun solle ich auch nicht eigensinnig sein ; - ach , liebe Mutter , sagte ich , es macht mir sicher keine Freude ; - zier dich nicht , Violette , sagte sie dann , - tue mir den Gefallen , und gehe hin , und sprich mit dem Manne , sag ihm , ich käme bald : es ist der artige Mann , der jüngst so freundlich mit dir tanzte , da zog sie mir die Decke weg , und lachte mich aus , ich mußte herüber , ich konnte mich nicht einmal ankleiden . « - » Ihre Mutter ist ein seltsames Weib ; glaubt sie denn wirklich , daß Ihnen so etwas Spaß mache ? « - » Wohl muß sie es glauben , und ein andermal würde es mich auch so nicht betrüben - aber heute - « » Waren Sie denn heute so müde ? « » Das nicht , aber ich bin lange nicht so zufrieden zu Bette gegangen , ich hatte den ganzen Tag überdacht , ja zwei Tage , und es fiel mir gar keine Sünde ein ; ich habe am Sonntage erst gebeichtet , und ich verglich mein ganzes Tun mit dem , was mir der Pater gesagt hatte , und es war auch kein Fleckchen zu finden , ich betete noch , wie ich es nur machen sollte , der Mutter immer gehorsam zu sein - da kam sie , da mußte ich herüber , und nun ist alle meine Freude hin . « - » Meine Liebe , halten Sie es denn für Sünde , bei mir zu sein ? « - » Ich weiß nicht , aber gut ist es nicht . Die Mutter hat mir es schon einmal so gemacht , da küßte mich der Mann , und war so heftig - mein Herr , ich kann es nicht vergessen , - ich konnte es lange nicht vergessen , und seit jener Zeit bin ich nicht mehr ruhig , ich kann an nichts allein denken , es sind immer andre ängstliche Gedanken dabei , die ich nicht verstehe - als ich es beichtete , schmälte mich der Pater sehr , und sagte : ich sollte mir solche Gedanken aus dem Sinne schlagen , - sie führten zum Verderben - das wären böse weltliche Gedanken . « » Und ist Ihnen das gelungen ? « » In der Beichte hatte ich gar nicht daran gedacht , daß ich nicht wisse , was das sei : aus dem Sinn schlagen , aber ich war des Paters Worten recht getreu , und gab mir alle Mühe , - doch ich konnte so gar nicht recht Reu und Leid erwecken vor den Gedanken , und je mehr ich mich quälte , je größer und wunderlicher wurden die Bilder in mir , - ich wußte mich nicht zu lassen , und gab mir alle Mühe - meine Mutter bemerkte es , - denn ich schnitt manchmal ordentlich Gesichter , - da ich ihr sagte , was es sei , lachte sie mich aus und sprach : ich sollte froh sein , daß ich einmal zu denken anfange , der Pater meine das nicht so , wenn er sage : Schlage dir es aus dem Sinn , so heiße das : Lasse dir nicht bang drum sein . « - Godwi war fest entschlossen , sobald er mit der Mutter zusammenkomme , sie recht ernstlich darüber zu Rede zu stellen , und sie dazu zu bewegen , das Mädchen lieber von sich zu entfernen . Er wendete sich wieder zu ihr und sprach : » Liebe Violette , Ihr Unglück tut mir sehr weh , wenn ich Sie irgend erschreckt habe , so sollen Sie mir es verzeihen ; ich will auch mit Ihrer Mutter sprechen , und mich bemühen , daß sie Sie mit allen solchen Anmutungen verschont - reichen Sie mir die Hand darauf , nicht wahr , wir sind gute Freunde ? « - Violette gab ihm zitternd die Hand , und näherte sich ihm vertraulich . - » Ich gebe Ihnen gern die Hand , und sind Sie so , wie Sie scheinen ? Wie froh wäre ich , wenn Sie mein Freund sein wollten , ich bin recht verlassen hier . « - Hier ward sie wieder stumm , und lehnte die Stirne an seine Schulter . - Godwi umfaßte sie leis , und sagte : » Gutes Mädchen , wie alt sind Sie ? « - » Ich bin funfzehn Jahre alt ; wie alt sind Sie denn ? « Diese Frage störte ihn etwas , und er antwortete lieber nicht darauf . » Ihr Vater lebt wohl nicht mehr , und Sie haben keine Geschwister ? « » Mein Vater ist schon einige Jahre tot , ich habe aber noch eine kleine Schwester , sie ist nun fünf Jahre alt . Ich erinnere mich meines Vaters noch wohl , er war ein kleiner Mann , und nie recht freundlich ; - zweimal erinnere ich mich recht deutlich , wie er aussah , ich meine , ich sähe ihn noch . - Er saß hier , wo wir sitzen , und zankte mit einem Pächter . Der Pächter stand in der Mitte der Stube , und sagte immer : Ich kann nichts davor , gnädiger Herr , - die gnädige Frau hat mir gesagt , sie würde mich von Haus und Hof peitschen lassen , wenn ich dem Jungen noch einmal einen Schlag gäbe , was soll ich nun machen ? - Er soll den Burschen unter die Soldaten schicken , oder ich schicke ihn hin - da kam meine Mutter herein , und mein Vater schwieg still , schickte den Pächter weg , und sagte : Es ist gut . - Meine Mutter aber sagte : Was haben Sie wieder mit dem Manne gehabt , wollen Sie denn mit aller Gewalt einen Gerichtshof aus meiner Schlafstube machen ? Ich muß genug wesentliche Schwächen hier von Ihnen ertragen , sparen Sie Ihre unwesentlichen . - Ich sorge für meine Ruhe und die Ihrige , Madame , sagte mein Vater . - Meine Mutter aber lachte ; Sie müssen sehr ruhig sein , sagte sie , daß Ihnen der Sohn dieses Bauren so viel Unruhe macht ; aber er soll nun bald immer um Sie sein , damit Sie sich an den armen Jungen gewöhnen , ich habe ihn heute als Jokei angenommen , - da ging sie auf meinen Vater zu , und küßte ihn mit den Worten ; - Sei nicht so kümmerlich , alter Mann , da du ein junges Weib hast , mußt du auch hübsch freundlich sein , - dann ging sie weg , - o ich weiß es noch recht gut , und kann es nicht vergessen ! Ich saß hier auf der Stube des Erkers , und spielte mit dem Joli , der dort auf dem Bette liegt , er war damals noch ganz klein , - aber ich glaube , ich hätte es nicht so behalten , wenn nicht geschehen wäre , was gleich darauf folgte . - Mein Vater saß so traurig da , und das tat mir leid : ich näherte mich ihm , und sagte : Sieh , Vater , der kleine Hund tanzt ; da stieß er mich mit dem Fuße , daß der Hund schrie , und ging zur Türe hinaus . - Das anderemal , daß ich mir ihn ganz vorstellen kann , ist das letztemal , er saß auch hier und hatte mich auf dem Schoße ; er war still , und ich las in einem Buche ; meine Mutter saß dort auf dem Stuhle am Bette , und zog lederne Beinkleider an - sie wollte spazieren reiten , - er sah dann und wann traurig nach ihr hin , und da sie es bemerkte , hielt sie ein , und sagte fragend , Eh bien ? - Ich freue mich über Ihre schönen Beine , Madam . - Das ist sehr freundlich und gut gemeint , sagte sie . - Alle Bauern und Bürger freuen sich auch drüber , fuhr mein Vater fort , - das ist ein Beweis von Sinn , erwiderte die Mutter - und der Säckler von Mainz , versetzte der Vater , hat auch Sinn , denn er erzählt allen Domherren von Ihren Beinen , und das ganze Rheingau hat Sinn , denn jeder sechzehnjährige Bursche , der Sie reiten sieht , sagt : ich will ein Säckler , ein Hosenschneider werden , wenn die Gräfin sich neue Beinkleider machen läßt . Ja , sagte sie , das ganze Rheingau hat Sinn ; aber Sie sind ein Sonderling , und streben nach dem Gegenteil , da knallte sie mit der Peitsche , stellte sich vor den Spiegel , kam zu meinem Vater , und sagte , indem sie ihm die Wange hinbot : Embrassez votre petit Cavalier - adieu ! und war zur Türe hinaus . - Mein Vater schwieg still , ich knöpfte ihm die Weste auf und zu , - Vater , sagte ich , warum hast du denn eine so weite Weste an ? - Mein Kind , sagte er , das kommt von Kummer und Sorgen , die Eltern haben immer viel zu sorgen - und davon wird man mager , und die Kleider werden zu weit ; - ich sagte - wenn ich nähen kann , will ich dir eine Falte hineinlegen , - da ritt meine Mutter lustig zum Tore hinaus und der Jokei mit ihr . - Sieh , was deine Mutter lustig reitet , sagte mein Vater , - da setzte meine Mutter mit dem Pferde über den Schlagbaum , und Friedrich hinterdrein , und fort waren sie um die Bäume herum ; - die wird so lange über die Schranken setzen , sagte mein Vater , - bis sie den Hals zerbricht - und ging weg . « - » Das sind lauter traurige Sachen , meine Liebe « - sagte Godwi - » aber erzählen Sie fort . « » Mein Vater starb bald darauf , - und die Mutter war nicht sehr traurig . - Friedrich lebte auch nicht mehr lang , er war immer nach meines Vaters Tode um die Mutter herum gewesen . - Da er krank war , kam die Mutter nicht von seinem Bette , und da er tot war , mußte ich einen Kranz von Rosen flechten , den setzte sie ihm auf ; - er ist in unserm Garten begraben , und über dem Grabe ist ein Gartenhäuschen erbaut , in dem die Mutter oft von fremden Herrn besucht wird . - Das Leben geht nun immer so fort , ich habe wenig Freude , auch lerne ich nicht viel : für mich allein , wenn ich sehr traurig bin , schreibe ich manchmal meine Gedanken auf und zerreiß es dann wieder . Meine kleine Schwester heißt Flametta . Man sagt , sie sei Friedrichs Kind , und meine Mutter liebt sie sehr . - Ich bin immer allein , und denke über meine Mutter und mich . « - » Was denken Sie denn von Ihrer Mutter und von sich ? « » Von meiner Mutter ? Warum niemand mit ihr umgeht , warum die Leute sagen , sie habe keinen guten Ruf , warum ich gar keine Mädchen sehe , - und von mir , ach ! da denke ich immer in die Zukunft , und muß manchmal ausrufen : es wird kein gut Ende nehmen ! Und dann weine ich . - Sagen Sie mir , was ist das nur ? « - Hier nahm sie Godwi bei der Hand , trat mit ihr ans Fenster : er hatte sie umschlungen , und ihre Wange lehnte an der seinigen , es war ihm sehr wohl , und sehr bang . - Der Mond stand über der ruhigen Gegend , und wußte nichts von des Kindes Schmerz , und seiner Rührung , - da sang Violette mit ihrer freundlichen Stimme folgende Verse eines katholischen Liedes . Was heut noch grün und frisch dasteht , Wird morgen schon hinweggemäht , Die edlen Narcissen , Die Zierden der Wiesen , Die schön Hiazinthen , Die türkischen Binden . Hüte dich , schöns Blümelein ! Viel hunderttausend ungezählt , Was nur unter die Sichel fällt , Ihr Rosen , ihr Lilien ! Euch wird man austilgen , Auch die Kaiser-Kronen Wird man nicht verschonen , Hüte dich , schöns Blümelein ! Das himmelfarbne Ehrenpreis , Die Tulipane gelb und weiß , Die silbernen Glocken , Die goldnen Flocken , Sinkt alles zur Erden , Was wird daraus werden ? Hüte dich , schöns Blümelein ! Ihr hübsch Lavendel , Rosmarin , Ihr vielfarbige Röselin , Ihr stolze Schwertlilgen , Ihr krause Basilgen , Ihr zarte Violen , Euch wird man bald holen . - Hüte dich , schöns Blümelein ! - Godwi hatte dem kindischen Totenliede schweigend zugehört - - » Das ist ein trauriges Lied , Violette « , sagte er . - » Traurig ? es ist ja ein Ernte-Lied - ich kann auch ein Lied vom Säemann , das fängt an - : Es ist ein Säemann , der heißt Liebe - . « Godwi küßte das Mädchen , sie erwiderte es freundlich , aber es war kein Kuß , der sich getreu blieb , er verweilte so lange , daß die Gemüter sich wechselten , da klingelte es - . » Ich muß nun fort , Lieber , « sagte Violette , » die Mutter klingelt , ich gehe jetzt schlafen , - ich werde von Ihnen träumen . « Godwi führte sie an die Tür , und sie umarmten sich innig . - Aber die Tür ging auf und die Mutter trat herein . - Die Tür ging auf , der Arzt trat herein . Ich soll mich ruhiger halten , nicht soviel schreiben , sonst sei seine Mühe umsonst , - grade das Gegenteil , wenn ich gar nicht schreibe , wird seine Mühe umsonst sein , denn ich werde ihn nicht bezahlen