Händen hielt er den schweren , ausgetrunknen Freudenbecher , der leer am schwersten wiegt . - Die wilden Hypothesen , welche der Mensch in einem solchen Falle durch sich traben lässet - wie in diesem z.B. die von Lianens Krankheit , Erkältung Gefängnis , Abreise - , sind in ihrem Wechsel und Werte mit nichts zu vergleichen als mit der ebenso großen Wildheit und Zahl der Plane , die er anwirbt und abdankt , z.B. den der Entführung , des Hasses , der Duelle , der Verzweiflung . Die harte , feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Zifferblatte . Er stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Träumen ; ohne daß er beider Gestalt erkennen oder vorbereiten kann . Er ging oft in die Stadt , deren sämtliche Gassen durchritten , durchlaufen und durchfahren wurden , weil man die Balken zum herrlichsten Throngerüste zusammentragen und - nageln wollte , auf welchen sich die fürstliche Braut bei ihrem Eintrittskomplimente im Lande am weitesten umsehen konnte ; aber er hörte nichts darin von der seinigen , als daß sie öfters mit dem Minister die Bildergalerie besuche . Dadurch schienen zwei ängstlichen Hypothesen , die ihrer Krankheit und ihres Hauskriegs , die Stacheln auszufallen . Das Beste , obwohl Schwerste war , geradezu den Minister wie den Vesuv zu besuchen , um da die schönste Aussicht zu haben . Er besuchte den Vesuvius . In der Tat war dieser Vulkan nie stiller und grüner ; er fragte nach allem und ließ sich über vieles heraus , was das Vermählungsfest unmittelbar anging ; auch sucht ' er seine Hoffnungen und Wünsche nicht zu verbergen , daß der Graf die bewundernswürdige Braut bewillkommen helfen werde . Am Ende mußte dieser auch die seinigen über die Weiber zu eröffnen wagen . Der Minister versetzte ungemein heiter , daß beide das » brave Fräulein von Wehrfritz « eben nach Blumenbühl zurückbrächten ; und ließ sich sofort aufs Lob dieser » unverdorbnen Natur « ein . Albano ging bald , aber viel froher . Auf seinem Wege brannten doch einige Gassenlaternen . Aber am Morgen geriet er in ein Winkelgäßchen , wo keine einzige war ; nämlich Rabette , das Renntierchen , kam nach Lilar gelaufen , wie gestern nach Pestitz - denn was ist für ein Landfräulein ein Meilenlauf anders als eine gerade Allemande ? - und schüttete und schüttelte vor ihm ihr Herz bis auf die Herzohren aus , woraus nichts herausfiel als frohe Bilder , einige Himmel , ein vollständiger Hochzeittag , ein Paar Schwiegereltern und eine Hauptmännin . » Die Ministers waren gegen mich so höflich gewesen , aber - nachher noch mehr gegen meine Eltern die Mutter - und sie haben den Hauptmann so sehr genannt und gelobt kurz , sie wissen freilich alles , mein herrlicher , herzlieber Bruder ! « sagte sie , - aber von Lianen wußte sie dem herrlichen Bruder nichts zu bringen , außer ihren Gesundheitspaß ; ihr freudiges Auge hatte sich nach gar keiner dunkeln Gegend gewandt . » Wir waren keine Minute allein , das machts « , setzte sie dazu und kam wieder auf ihren Huptmann , den der Minister als Marschkommissarius der einrückenden Fürstin auf die Haarhaarer Straße versendet habe ; doch verwies sie ihn auf die Illuminations-Nacht in Lilar , wo sie und Liane und beiderseitige Eltern dabei zu sein ausgemacht hätten . Du gutes Geschöpf ! wer gönnt dir nicht den blitzenden Ring der Freude , den du an deiner braun und hart gesottenen Hand ansiehst , und wer wünschet nicht gern , daß seine Steine nie ausfallen ! Bald darauf flog dem Verlassenen der Bruder der vergangnen Feste an das Herz , Karl . Er wiederholte beinahe Rabettens Aussagen , obwohl nicht ihre Entzückung ; er sagte - aber ohne sonderliche Rührung - , daß der Vater wirklich ihm den Bruderkuß mit einer Kußhand durch mehrere Zimmer zuwerfe , ihn ganz besonders aus- und anzeichne und zu Geschäften freundlich verbrauche - und das alles bloß , seitdem er hinter die Liebe gegen Rabette und das stille Zunicken der Eltern gekommen sei ; denn vom Herzen zwar sei bei dem Vater die Rede nicht , aber doch von Rabettens Weiberlehn , zumal da man ihm bei der romantischen Wechselreiterei seines Herzens nicht trauen könne , ob er nicht sonst einmal die Ärmste bringe . Mit einer seufzenden Brust , die gern mehr einer erwartenden mitgebracht hätte , erzählte Karl bloß , daß er Lianen gesund und still , aber keine Minute allein gefunden . Die Zusammenhaltung der fremden Dürftigkeit mit dem eignen offnen , reichen Glück war - so glaubte Albano - die schöne , zarte Ursache , warum Karl mit so flüchtiger , kühler Freude über die elterliche Einsegnung seines Seelenbundes weglief . O , wie liebt ' er ihn jetzt ! Könnt ' er ihn je mehr lieben , so tät ' ers , wenn Liane gar seinem Glück verloren wäre , bloß um sich und ihm zu zeigen , daß die heilige Freundschaft kein drittes Herz begehre , um ein zweites zu lieben . Dieses Gewölke des Schweigens legte sich nun wochenlang und immer finstrer um seine schönsten Höhen fest , und der Schuldlose ging unter dem Dunkel im Kreise von Widersprüchen umher . Wie mußte dieser Jüngling sich abarbeiten , wenn er bald dachte , daß die Eltern wohl gar eine Verwandtschaft mit ihm ausschlagen , da er doch mehr ihre vergessen als vergelten zu müssen glaubte , und daß sie zwei Herzen der politischen Herzlosigkeit opfern könnten - oder wenn er auf die fromme Liane den Verdacht des Weichens vor elterlichen Angriffen fallen ließ , der noch aus der Vergangenheit Zufuhr durch die Vermutung erhielt , daß sie ihn wohl mehr poetisch und fromm und mehr mit Flügeln umhalset als mit Armen und daß sie überhaupt , an so lange Ergebungen gewöhnt , Opfer und Neigungen kaum absondern und jene für diese halten könne - oder wenn er bald und am öftersten alle diese Waffenspitzen gegen seine eigne Brust kehrte und sich fragte , warum er in der Freundschaft ein so festes Vertrauen habe und in der Liebe ein so wankendes : Dann führte ihn dieser Vorwurf zu einem zweiten über jeden vorigen , den er der guten Seele gemacht , bloß um sie nach der Proselytenmacherei und Reformiersucht , welche die Männer mehr an ihren Weibern als Freunden üben , für seine eigne Gußform einzuschmelzen Letzteres konnt ' er rügen , wie Holberg127 bemerkt , daß die Männer Landgüter nicht so gut erhalten als die Weiber , weil jene mehr als diese sie reformieren wollen : aus demselben Grunde verderben die Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene . Um nur aus dem langsamen Gerichtshof der Zukunft schneller sein Bluturteil zu holen oder ein schöneres Blatt , ging er wieder ins ministerielle Haus . Er wurde vom Minister wieder lächelnd und von der Mutter ernst empfangen , und - auf seine Frage war Liane nicht wohl auf . - Er legte dem alten , sich jetzt wärmer andrängenden Schoppe , der seit einiger Zeit neben dem Skalpell des Doktors weiter kein Herz studierte , als was auszuspritzen und zu präparieren war , eine kurze Frage über des Doktors Besuche beim Minister vor ; wie erstaunt ' er , da er vernahm , daß niemand weiter aus dem Hause welche in jenem mache , da Liane ganz blühend in alle Zirkel fahre , als bloß der Lektor häufigere ! Er begriff wohl , daß nur die Medusenköpfe der Eltern das weichste Herz gegen ihn versteinern könnten ; aber eben das fand er nicht recht , er foderte keck , daß er von ihr mehr als die Eltern geliebt werde ; » nicht aus Egoismus , « ( sagt ' er zu sich ) » nicht meinet- , sondern ihrentwegen . « Der Liebende will eine große , unbeschreibliche Liebe - von der er sich immer nur als den zufälligen und unwerten Gegenstand glaubt - , bloß um selber die höchste zu geben . Sogar der schweigende Lektor , der sonst alle neu aufgehende Lichter hinter Licht- und Ofenschirme stellte , teilte ungebeten dem Grafen die Neuigkeit zu , Liane werde bei der kommenden Fürstin - etwas , Gesellschaftsdame . Sein alter eifersüchtiger Argwohn über Augustis Wünsche oder Verhältnisse erlaubte ihm keine Antwort darauf . Jetzt ermannte sich sein Geist , und er schrieb geradezu an die Seele , die ihm gehörte ; und schickte dem Bruder das Blatt zur Übergabe . - Dieser kam den Tag darauf ; schien ihm aber noch keine Antwort zu haben , weil er sie sonst mit dem ersten Gruß gegeben hätte . Karl führte ihn an den Haarhaarer Hof , wo er neulich gewesen - sagte , jeder Nerve da hätte Steifstiefeln an und jedes Herz einen Reifrock - kam weiter preisend auf die jüngste , aber angefeindetste Prinzessin , Idoine - erklärte , sie besitze nach allen Vorzügen , z.B. der Heiligkeit , der Güte , des entschiednen Charakters , der sich sogar auf dem Throne sein eignes Los und Leben aussucht , ferner der Liebenswürdigkeit , da sogar die niemand liebende Fürstin-Braut an ihrem Herzen hänge , noch den Vorzug der täuschenden Ähnlichkeit mit Lianen . » Hat diese nun mein Blatt ? « fragte Albano . Karl händigt ' es ihm wieder ein : » Bei Gott ! « ( sagt ' er feurig und doch doppelsinnig ) » ich konnt ' es ihr jetzt nicht beibringen - Aber Bruder , kannst du nur eine Minute lang glauben , sie bleibe nicht ewig die Deinigste ? « - » Ich glaube gar nichts « ( sagte Albano beleidigt und zerriß sein Blatt in Blättchen von der Größe der Buchstaben darauf ) - » Wollen nur wir « ( fuhr er mit gerührter Stimme fort ) » bleiben , wir wie sind , fest wie Eisen und biegsam wie Eisen aus Glut ! « Der gerührte Freund suchte folgenden Trost hervor : » Erwarte doch nur den Illuminations-Abend128 - da spricht sie mit dir - sie muß durchaus erscheinen , und du sollst dich wundern , in welcher Rolle und für wen . « Er nickte stumm ; er setzte sich ihre Rolle leicht aus ihrer Ähnlichkeit mit Idoine und aus ihrem angeblichen Hofamte zusammen ; aber was half es seinem Glück ? Mit der Umkehr seines Blättchens , das er wider seinen Ehrgeiz abgeschickt , kam dieser verstärkt zurück . Nun war auf Albanos blutende Lippe ein heißes Siegel gedrückt ; er hatte nun nichts für und vor sich als die Zeit , die jetzt sein Gift wurde , und erst später , wie er hoffte , seine Arzenei . Über sein aufgerufenes Ehrgefühl wurde überhaupt nichts Herr ; er konnte hinaufsehen zu einer Richtstätte , auf der Blut aufsprang , aber er konnte nicht an einen Pranger schauen , wo unter gift-schwerer , tötender Pein eigner und fremder Verachtung ein niederblickendes , verworrenes Gesicht auf die sündige Brust hing . Karl näherte sich zuweilen mit einigen Lichtern dem langen , nächtlichen Rätsel ; aber Albano , so sehr er sie wünschte , machte ihn irre durch Entgegentreten und suchte ihn nicht einmal auszuhören , geschweige auszufragen . So lag er auf harten , jugendlichen , stachlichten Rosen-knospen , die eine einzige Stunde zu weichen Rosen aufschließen kann . Siege geben Siege - - wie Niederlagen Niederlagen ; er fand jetzt gegen die Empfindungen , die ihn belagerten , wenn nicht einen Entsatz , doch eine auf die Ewigkeit verproviantierte Bergfestung in einer - Sternwarte . Mit ganzer , festzusammengefaßter Seele warf er sich auf die theoretische Sternkunde , um nicht den Tag , und auf die tätige , um nicht die Nacht zu sehen . Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischenberge zwischen der Stadt und Blumenbühl und deckte beide auf ; aber er schickte seine Augen nur auf Sternbilder , nicht auf jene rosenroten Stellen der Erde aus , wo sie jetzt aus den kalten Blumenkelchen nur Wasser statt Honig hätten saugen können . So ging er unter den Fest-Zurüstungen in Lilar dem langsamen Abend , wo ihn die Gegenwart der schönsten Seele entweder segnen oder zerstören sollte , bewahrt entgegen , vergeblich von Zeit zu Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals aufblickend , der sich immer bewegte , ungewiß , ob friedlich oder kriegerisch . 74. Zykel Die Siegel von den inrotulierten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht abnehmen - oder die blinden Fenster derselben ab und die wahren aufreißen - oder so viele bedeckte Wege und Wagen aufdecken - oder endlich die ganze Sache - - das sind lauter Metaphern - und die unähnlichsten dazu - , welche zu nichts dienen können , als die lang ' erwartete Auflösung , welche sie beschreiben wollen , nur noch länger und verdrüßlicher aufzuhalten ; vielmehr , glaub ' ich , wird besser der ganze Kriegs- und Friedensetat im ministeriellen Palaste sogleich frei entblößet wie folgt : Herr von Froulay war , wie schon gedacht , mit einem belle-vue im Gesicht und mit einem mon-plaisir im Herzen ( falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als ausgesucht scheinen ) von Haarhaar nach Hause gekommen . Er sagte seiner Frau offen , was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert , - die künftige Fürstin , die für ihn mehr als gewöhnliche Neigung gefasset habe . Er warf ein volles , prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand - weiter lobt ' er an Frauen nichts129 - , so wie einen schwachen Streifschatten auf der seinigen ihren ; und schätzte sich glücklich mit der Eroberung einer Person , deren feine , fortgesetzte Koketterie ( sagt ' er ) er seines Orts als Muster empfehlen könne , und deren Neigung er , das verhehl ' er gar nicht , auf halbem Weg erwidere , aber nur auf halbem , da der Herzog von Lauzun130 so wahr behaupte : um die Liebe von Prinzessinnen zu behalten , so halte man sie nur recht hart und kurz . Im alten Manne schießet sonach , wie wir sehen , ganz spät - nicht ungleich den frischen Zähnen , die oft Greise erst als Neunziger trieben - ein Liebhaberherz unter dem Stern an ; allein es ist mehr zu wünschen als zu hoffen , er werde dabei sonderlich den Lächerlichen spielen . Denn da er die ganze Woche das Steuerruder des Staats entweder auf der Ruderbank , um es zu bewegen , oder auf der Schnitzbank hält , um es für den Fürsten fein und leicht zuzuschnitzen : so ist er Sonnabends so müde , daß ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden könnte - und hätt ' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Füße oder Moses Gebote - , eine Dido aus dem Sturm in die nächste Höhle zu begleiten . Er tuts nicht . Ebenso frei wie von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentalischer und weinerlicher , zumal da er besorgt , daß diese ihn am Ende in jene verflechte , weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat rückwärts- als hinaufwärtssteigend . Das Ironische und Stachlige am Mann machte ihm wie andern Weltleuten jede Vermählung - auch die der Seelen - am Ende so sauer als den Igeln die Stacheln die ihrige . Er hebt also in Zukunft für die Fürstin nur eine kalte , politische , kokette , höfliche Liebe auf , wie sie wohl selber hat und wie er braucht , um weniger sie als von ihr zu erobern , und zuerst den ganzen Fürsten . Ich verspreche mir Welt-Leser , die hoffentlich keine Beleidigung für diesen in Froulays Neigung für jene finden ; denn sobald nur einmal der Hofprediger die kopulierende Hand auf die Fürstin gelegt , so hat dieser Haushofmeister gleichsam den Schnitt131 in die Pfauhenne getan , und sie kann dann unangerührt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden . Ich habe im zweiten Bande schon die Besorgnis der Ministerin mitgeteilt , daß der Minister , wenn er ( in diesem ) wiederkäme und Liane nicht zu Hause fände , keifen würde ; aber wider Erwarten genehmigte er ; ihr Gebrauch des Dorfluft-Bads schlug recht in seine Absicht ein , sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben . Er sagte der Mutter , es sei ihm nicht mißfällig , daß sie sich jetzt gar ausheile , da die neue Fürstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame erlesen werde auf sein Wort . Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen sehen , ohne dessen Polarität für sich zu probieren und damit etwas entweder zu ziehen oder zu stoßen . Wie der berühmte Gottesgelehrte Spener - ein Vorfahr des unsrigen - so schön täglich zu Gott dreimal für seine Freunde bat : so findet man mit ähnlicher Freude , daß der Hofmann bei seinem Gotte , dem Fürsten , täglich ein wenig für seine Freunde bittet und etwas haben will . Die Ministerin , gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen , sondern erst im Ausführen kriegend , vertrug sich mit seinem neuesten leicht , weil er wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eben in keiner helfenden Gemeinschaft zu stehen schien . Eines Abends landete leider der fatale , ängstliche Lektor - der das kleinste Visitenblatt an eine Fuldaische Geschichtskarte anklebte - vor ihr mit seinem Postschiff an und stieg mit den Staats- und Reichsanzeigen von ihren beiden Kindern unter beiden Armen - unter jedem hatt ' er eines - ans Land ; und doch warum fahr ' ich über den Mann her ? Konnte ein Doppelroman , zumal im Freien gespielt , verborgner bleiben als sonst ein einfacher ? Ihr Erstaunen kann nur mit dem größeren ihres Gemahls verglichen werden , der zufällig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr - von Schropp aus Magdeburg - , um auf die Bedienten zu horchen , eingeschraubt hatte , und der jetzt manches vernahm . Doch hatte das Doppel-Ohr von Augustis leisen Hoflippen nur einzelne , lange , eigne Namen , wie Roquairol und Zesara , mit den weiten Maschen seines Nachtgarns aufgefischt . Kaum war der leise Lektor hinaus , so trat er mit dem Ohr in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den Berichten ab . Er hielt es unter seiner Würde , je seinen Argwohn - der sich auch in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argusohren und - Augen nicht zumachen ließ - oder sein Horchen nur mit einer Silbe oder Schamröte zu verkleistern oder zu decken ; die schönen Lilien der ungefärbtesten Unverschämtheit waren ihm nicht aufgemalt , sondern eingebrannt . Die Ministerin ergriff sogleich die weibliche Partei , die Wahrheit zu sagen - zur Hälfte ; nämlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annäherungen zum Wehrfritzischen Hause , dessen Landgut und Landschaftsdirektorat recht anpassend dem Schwiegervater angegossen waren . Indes hatte dieser in der Gattin Antlitz den Trauerrand um dieses frohe Notifikationsschreiben viel zu klar und breit gesehen , um sich nicht nach dem vortönenden Wort Zesara , das sein zarthöriger Blech-Sucher auch mit aufgefasset , obwohl vergeblich zu erkundigen ; denn die Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb , um ihr diesen Wolf in ihr Eden nachzuhetzen ; sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und Engel zu bringen ; und umging seine Frage . Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fährte weiter ; er bekam Darmgicht - so wurde dem Doktor Sphex gesagt - , foderte von diesem schnelle Hülfe und auch einige Nachrichten von seinem Mietsmann , dem Grafen . Herr und Madame Sphex waren ohnedies dem aufgeblasenen Jüngling so gram - durch ihre ausgeschickten vier Kinder , als enfants perdus in jedem Sinn , als vier Gehörknochen jeder Stadt-Sage , war viel von Blumenbühl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen . - - Kurz die Gehörknochen griffen in fremde so gut ein , daß Froulay in einigen Tagen imstande war , mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an seinen Sohn zu fragen , den er mitnehmen wolle . Er fand einen , den er recht freudig erbrach , ohne doch etwas von Albanos oder Lianens Hand darin zu finden , ausgenommen einige dumme Anspielungen Rabettens auf jenes Paar , welche für den Minister so viel waren , als hätt ' er mit seinen scharfen Mautners-Suchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf das konterbande getroffen . Ohne langes knechtisches Kopieren des vorigen Siegels setzte er das zweite auf den Brief und ging erleuchtet davon . Wir können ihm alle nachfolgen , wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner Rechtfertigung aufgehalten haben bei meinem Schutz- und Stichblatt für das zweite Briefsiegel in Staatssachen . Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als Vater zustehe - wiewohl dieser jenen , der Landesvater jeden andern Vater und seinen eignen dazu voraussetzt - , das will ich nicht entscheiden , außer durch die eben hergesetzte Parenthese . Der Staat , der die Postpferde vor die Briefe spannt , hat , scheint es , das Recht , diesen nicht sowohl blinden als blind machenden Passagieren genauer unter das geschlossene Siegel-Visier zu sehen , um zu wissen , ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege . Der Staat , ein immer ziehender Lichtmagnet , will ja nur Licht in der Sache und besonders Licht über alles Licht überhaupt ; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt , ohne Couvert ; alles , was durch seine Tore reitet und fährt , soll nur , sei es auch in ein Couvert gekleidet , den roten Mund aufmachen und sagen , was für Name und für Geschäfte . - Da der gemeine Soldat seine Briefe vorher seinem Offizier vorweisen muß - der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur der Mönch seine dem Prior - der amerikanische Kolonist seine dem Holländer132 ( damit er sie verbrenne , wenn sie über ihn klagen ) - : so kann wohl kein Staatsmann , er mag nun den Staat für eine Kaserne - oder für eine Engelsburg - oder für ein monasterium duplex - oder für eine europäische Besitzung in Europa ansehen , ihm das Recht absprechen , sich alle Briefe so offen zu erhalten , wie Fracht- , Adelskauf- und Apostelbriefe es sind . Der einzige Fehler ist bloß , daß er die Briefe nicht eher vorbekommt als zugepicht und zugesperrt ; das ist unmoralisch genug ; denn es nötigt die Regierung , auf- und zuzumachen - den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie zu stecken , wie der Koch mühsam die Schnecke aus ihrer Schale drehet und dann , sobald sie vom Feuer weg ist , in diese wieder zurückgeschoben aufsetzt . Letzteres ist der Punkt und Hauptwind , der uns weiterzuführen hat . Denn so allgemein es auch anerkannt , so wie Observanz sei , daß die Regierung aus demselben Grunde , woraus sie den letzten Willen öffnet , auch jeden vorvorletzten und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben - und daß ein Fürst noch viel leichter Diener-Briefe in dieselbe Entzifferungskanzlei ( und in ihr Vorzimmer , die Entsieglungskammer ) müsse ziehen können , worin Fürsten- und Legatenbriefe aufgehen vor der Springwurzel - : so ist doch das Korkziehen der Briefe - das Koppelsiegel - das Vikariatsiegel - das mühsame Nachmachen des L. S. oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrüßliches und beinahe Abscheuliches ; aus dem Unrecht muß daher ein Recht gemacht werden durch gesetzliche Wiederholung . Etwas davon würde , hoff ' ich , sein , wenn befohlen würde , die Briefe nur auf Stempelpapier zu schreiben ; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelämtchen läse dann vorher alles durch . Oder man könnte die Pitschafte , als Münzstempel für Privatmünzen , nicht mehr zulassen . Es schlüge sich dann eine Siegel-Kammer mit großen Rechten ins Mittel und verpetschierte , wie jetzt den Nachlaß der Verstorbnen , alsdann der Lebendigen ihren . Oder - was vielleicht vorzuziehen - eine Brief-Zensur müßte anfangen . Ungedruckte Zeitungen , nouvelles à la main , nämlich Briefe , können , weil sie noch größere Geheimnisse austragen , nie eine größere Zensurfreiheit fodern , als gedruckte Zeitungen genießen ; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein umherrennender Zirkelbrief wird . Ein Katalog verbotener Briefe ( index expurgandarum ) wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort . Oder man vereide die Postmeister , daß sie treue Referendarien alles dessen werden , was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen , die sie vor deren Abgang auf die geistige Briefwaage gelegt und mit der Hoffnung wieder zugemacht , sie nach dem Leibnizischen Prinzip des nichtzuunterscheidenden Siegels weiterzuschicken . Findet der Staat alle diese Wege , Briefe zu lesen und zu schließen , neu und hart : so mag er auf seinem fortfahren , sie aufzumachen . * Lachend flog Froulay zur Frau und beteuerte , ihre Falschheit gegen ihn sei ihm gar nichts Neues - ihren gegenwärtigen Plan , bloß um dem Herrnv . Bouverot und ihm entgegenzuarbeiten , versteh ' er ganz wohl - daherhabe Rabetteherein- , die Tochter hinausgemußt inzwischen woll ' er der Heuchlerin und Betschwester , und wer es sei , zeigen , daß sie nicht bloß eine Mutter habe , sondern auch einen Vater . - » Sie muß sogleich herein ; je la ferai damer133 , mais sans vous et sans Mr. le Comte « , beschloß er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle . Aber die Ministerin fing - gemäß ihrer harten Verachtung gegen seine Projekte und Kräfte - mit jener Kälte , die jeden Warmen mehr erbittert hätte als diesen Kalten , an , ihm zu sagen , daß sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr mißbilligen und bekriegen müsse als er - daß sie bloß im zu weit getriebenen und sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offne Seele lieber ihr als sich geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albanos nach Blumenbühl gelassen - daß sie aber ihm ihr Wort hier gebe , mit gleichem Feuer gegen den Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn , und daß sie , so wie sie Lianen kenne , des schönsten leichten Erfolges fast versichert sei . Allerdings war ihm das unerwartet und - unglaublich , zumal nach dem vorigen Verschweigen ; nur die feinste Männerseele sondert in der weiblichen die zusammenlaufenden Grenzen der Selbsttäuschung und der willkürlichen Täuschung ab , der Schwäche und des Trugs , des Zufalls und des Entschlusses ; die Ministerin ohnehin gehörte unter die Weiber , die man erst lieben muß , um sie zu kennen , was sich sonst umkehret . Er akzeptierte auf der einen Seite gern das Bekenntnis der Beistimmung und Mitwirkung - bloß um es künftig als Waffe gegen sie zu wenden - ; konnt ' aber auf der andern ihr nicht verbergen , daß sie also wieder ( so sprach er stets ) nach eignem Geständnis über ihre Kinder aus Mangel an Argwohn fehlgesehen habe . Er behielt die Gewohnheit bei , auf eine offenherzige Seele , die ihm ihre Lücken zeigte , durch diese Lücken , als hab ' er sie selber gebrochen , gewaffnet einzudringen . Das Beichtkind , das vor ihm um Vergebung kniete , drückt ' er tiefer nieder und zog statt des Löseschlüssels den Hammer des Gesetzes hervor . Ich bin hier den Spaniern , die mich einst aus schlechten Übersetzungen kennen lernen , und der österreichischen goldnen Vliesritterschaft , die vielleicht das Original im Nachdruck lieset , es schuldig , die Ursachen anzugeben , warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste - statt Hoftrauer - ansagen ließ bei dieser Annäherung ihres Ordenssohnes , eines spanischen Großen , der oft einen deutschen Fürstenzepter als Elle an sich legt . - Denn jeder Spanier muß sich bisher darüber gewundert haben . Ich antworte jeder Nation . Die Froulays hatten gegen die Verbindung erstlich nichts als die - Gewißheit der Trennung ; da aus demselben Grunde , den mir die Vliesritter und Spanier entgegengesetzt , der alte Gaspard de Cesara auf keine Weise eine Brücke zwischen seinem Gotthard und der Jungfrau kann schlagen lassen . Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine viel ältere , weisere , die er für den deutschen Herrn und dessen Gelder und Liaisons trug , entgegenstellen , so wie des Vliesritters alten Groll . Drittens hatte die Ministerin außer denselben Gründen - und außer einigen für den Lektor vielleicht - noch einen ganz entscheidenden , und der war : sie konnte den Grafen nicht ausstehen ; nicht bloß allein darum , weil sie eine harte Ähnlichkeit zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze , im Aufbrausen , in genialischer Wildheit gegen arme Eheweiber , im Mangel an religiöser Demut und Gläubigkeit , sondern sie konnte ihn vorzüglich deshalb nicht gut ausstehen , weil sie ihn nicht - leiden konnte . Wie das System der Prädestination einige Menschen zur Hölle verurteilt , sie mögen nachher den Himmel verdienen oder nicht : so nimmt eine Frau den Haß , zu welchem sie jemand einmal verdammte , nicht wieder zurück , es mögen Land und Stadt , Gott , die Jahre und der Person Tugenden dagegen sagen , was sie wollen . Im Friedensschlusse des gewöhnlichen Zimmerkriegs wurden zwischen den Eheleuten diese geheimen Artikel ausgemacht : der Graf muß des Vaters und des Direktors wegen mit höflichster Achtung behandelt und beiseite geschoben werden - und Liane sanft und langsam von Wehrfritzens Hause abgelöset - die ganze Scheidung des Verlöbnisses muß ohne elterliche Einmischung bloß durch die abspringende Tochter selber zu geschehen scheinen - und alles ein Geheimnis bleiben . Froulay hoffte , vor Lianens früherem Verlobten , dem deutschen Herrn , den ganzen Zwischenakt geheimzuhalten , da er zumal jetzt im August mehr an den Spieltischen der Bäder als zu Hause war . So blieb es ; und in dieses kalte , schauerliche Geklüft zog die freundliche Liane hinein , als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das selige