den Häusern und auf den Straßen alles still ; denn mit der ersten Morgenröthe ist auch schon alles wieder munter ; sogar die Frauen würden sich ' s zur Schande rechnen , von dem Sonnengotte ( der hier vorzüglich verehrt wird ) in den Armen des Schlafs überrascht zu werden . Wir Cyrener sind einer andern Lebensart gewohnt , und ich bringe daher in mondhellen Nächten , wenn schon alles weit um mich her im ersten Schlafe versunken ist , gewöhnlich noch ein paar Stunden allein in einem Gartensaale zu , der in Gestalt eines kleinen Tempels dem Cypressengange gegenüber steht , und von etlichen Reihen prächtiger Ahornbäume umschattet wird . Diese einsamen nächtlichen Stunden sind es , worin ich mich aus den Zerstreuungen des Tages in mich selbst zurückziehe , und nach Pythagorischer Weise mir selbst Rechenschaft darüber ablege , was ich gethan oder verabsäumt , um was ich besser oder schlechter geworden , was ich gesehen , gehört oder gelesen habe , das des Nachdenkens und Aufbehaltens werth ist , und was ich morgen vorzunehmen oder zu besorgen gedenke ; kurz , es sind , wenn ich so sagen kann , die Digestionsstunden meines Geistes , die mir zu meiner Lebensordnung so nothwendig sind , daß ich mir nur selten erlaube , ihnen eine andere Anwendung zu geben . Ich weiß nicht wie es kam , daß gerade an diesem Abend die Erinnerung an Lais alle andern Gedanken in mir verdrängte . Ich hatte ungefähr acht Tage vorher einen Brief von ihr erhalten , worin sie mir ihre Trennung von Arasambes berichtete , und daß sie im Begriff sey nach Milet abzugehen . Welche seltsame Unruhe des Geistes , dachte ich , treibt sie aus einer beneidenswürdigen Lage heraus , um des eingebildeten Glücks einer unbeschränkten Freiheit zu genießen , die ihr am Ende vielleicht doch nur zur Fallgrube werden könnte ! Sie vermochte alles über Arasambes ; es stand in ihrer Macht ihn auf immer an sich zu fesseln ; und mit welchem Muthwillen zerbricht sie ihren eigenen Zauberstab ! Wie leichtsinnig treibt sie wieder in den Ocean des Lebens hinaus , ohne Plan und Zweck , wohin Zufall und Laune des Augenblicks sie führen werden ! Was wird endlich das Schicksal dieses außerordentlichen Weibes seyn , in welchem die Natur alle Reize ihres Geschlechts mit den glänzendsten Vorzügen des männlichen so sonderbar zusammengeschmelzt hat ? Der Charakter der schönen Lais war mir immer ein Räthsel gewesen , dessen Auflösung ich vergeblich gesucht hatte . Indem ich mich jetzt von neuem bemühte , alle die reizenden Widersprüche , woraus er zusammengesetzt ist , und in deren Verbindung gerade der Zauber ihrer unwiderstehlichen Liebenswürdigkeit liegt , unter Einen Begriff zu bringen , fiel mir plötzlich die große Aehnlichkeit auf , die ich zwischen ihr und dem außerordentlichsten Manne unsrer Zeit , dem ehemaligen großen Liebling des Sokrates , zu sehen glaubte . Sie ist , sagte ich zu mir selbst , unter den Frauen , was Alcibiades unter den Männern war . In beiden hat die Natur alle ihre Gaben mit üppiger Verschwendung aufgehäuft . Wohin er kam , war er der erste und einzige ; wo sie erscheint , wird sie immer die erste und einzige sey . Er würde die Welt erobert haben , wenn er nicht so gewiß gewesen wäre daß er es könne : sie würde sich überall alle Herzen unterwerfen , wenn sie es nur der Mühe werth hielte . Ein allzu lebhaftes Selbstgefühl war die Quelle aller seiner Ausschweifungen , Fehler und falschen Schritte : eben dieß ist und wird immer die Quelle der ihrigen seyn . Wäre er zwanzig Jahre später in die Welt gekommen , und sie wären einander ( wie nicht zu zweifeln ist ) begegnet , sie würden sich vereiniget , und , wie Platons Doppelmenschen33 , unglaubliche Dinge gethan haben . Aber nur zu wahrscheinlich bereitet sie sich ein ähnliches Schicksal . Dieses innige Gefühl dessen was sie ist , und was sie seyn kann sobald sie will , würde sie wahrscheinlich antreiben irgend eine große Rolle zu spielen , wenn es nicht bei ihr , wie bei Alcibiades , mit der Indolenz eines kaltblütigen Temperaments verbunden wäre , die der Energie ihrer Einbildungskraft das Gegengewicht hält , und die Ursache ist , warum sie mit den größten Kräften nie etwas Großes unternehmen , oder , wenn sie es begonnen hätte , nie zu Stande bringen wird . Daher dieser übermüthige Leichtsinn , der sich über alles wegsetzen kann , sich aus allem ein Spiel macht , und , weil ihm nichts groß genug ist , nothwendig alles klein finden muß . Wär ' es ihr zu Sardes eingefallen Königin zu werden , sie wäre nach Susa gegangen , und hätte den Artaxerxes zu ihrem Sklaven gemacht . Daß sie es nicht versucht hat , kommt bloß daher , weil sie zu fahrlässig dazu ist , und weil ihr Stolz Befriedigung genug in dem Gedanken findet , schon als Lais alles zu seyn was sie will . Mit einem andern Temperamente wäre sie vielleicht die ausgelassenste aller Hetären ; aber ich fürchte sie ist fähig , es aus bloßer Eitelkeit zu werden , wenn sie sich ' s jemals in den Kopf setzen sollte , auch hierin unübertrefflich zu seyn . Diese Betrachtungen machten mich unvermerkt wehmüthig ; die bloße Möglichkeit , daß die Liebenswürdigste ihres Geschlechts dereinst noch unglücklich seyn , und vielleicht sogar unter sich selbst herabsinken könnte , war mir peinlich , und ich verlor mich im Nachdenken , ob dieser weibliche Alcibiades nicht wenigstens in eine Art von Aspasia zu verwandeln seyn möchte - als ich auf einmal eine hohe Gestalt in einem langen weißgrauen Gewande zwischen den Cypressen langsam gegen mich herschweben sah , in welcher ich beim ersten Anblick die Gestalt und den Anstand der Freundin zu sehen wähnte , welche mich schon eine Stunde lang in Gedanken beschäftigte . Ich gestehe dir , daß ich zusammenfuhr , aber nichtsdestoweniger , zwischen Grauen und Neugier was daraus werden würde , die Augen starr auf die wunderbare Erscheinung heftete . Noch schwebte die Gestalt immer vorwärts ; aber in dem Augenblick , da sie eine vom einfallenden Mondlicht stark beleuchtete Stelle betrat , blieb sie ohne Bewegung stehen , und nun war es unmöglich zu zweifeln , daß ich die Gestalt der Lais vor mir sehe . Aber wie sollte sie selbst auf einmal hierher gekommen seyn ? Da es unläugbar ihre Gestalt war , was konnt ' es anders seyn als eine Erscheinung , die mir sagen sollte , daß sie selbst nicht mehr lebe ; es sey nun , daß Arasambes sie in einem Anfall von Eifersucht ermordet , oder daß sie auf der Rückreise nach Griechenland Schiffbruch gelitten , oder sonst durch einen Zufall das Leben verloren hatte . Diese Gedanken blitzten so schnell in meiner Seele auf , daß meiner Philosophie nicht Zeit genug blieb , sie in Untersuchung zu nehmen ; und ich bekenne dir unverhohlen , daß mir ungefähr eben so zu Muthe war , wie einem jeden seyn mag , der einen abgeschiedenen Geist zu sehen glaubt . Ich wollte von meinem Ruhebettchen aufstehen , aber meine Füße waren mit Blei ausgegossen , und meine Arme ohne Kraft ; so daß ein ziemliches Weilchen verging , bis ich wieder einige Gewalt über meinen Körper erhielt . Die Gestalt stand noch immer unbeweglich , und ich konnte deutlich sehen , daß sie einen zärtlich ernsten Blick auf mich heftete . Die immer zunehmende Gewißheit , daß es der Schatten meiner Freundin sey , brachte nun mein stockendes Blut wieder in Bewegung ; mir ward warm ums Herz , und eine unaufhaltsame Gewalt riß mich zu dem geliebten Schatten hin . Mit weit ausgebreiteten Armen flog ich auf sie zu , aber die Ausrufung , » bist du es , liebste Lais ? « blieb mir am Gaumen kleben . Doch im nämlichen Augenblick , da ich mit ausgespannten Armen auf sie zueilte , öffnete sie auch die ihrigen , und einen Augenblick darauf fühlte ich , mit unaussprechlichem Entzücken , daß ein warmer elastischer Körper meine Arme füllte , daß ihr Busen an dem meinigen überwallte , kurz , daß das vermeinte Gespenst - Lais selbst war . Die Seligkeit dieses Augenblicks fühlst du , indem du dich an meine Stelle denkst , viel besser , als wenn ich das Unbeschreibliche zu beschreiben versuchen wollte . Alles , was ich davon sagen kann , ist , daß es der längste und kürzeste meines Lebens war ; denn er könnte eine Stunde gedauert haben , und hätte mir doch nur ein Augenblick gedäucht . Mir war , als ob ich mit ihr zusammenwachsen müßte , um mich ihres Daseyns recht gewiß zu machen . Lais gestand mir , daß sie sich ein eigenes Vergnügen daraus gemacht habe , meine Philosophie sowohl als meine Freundschaft auf diese Probe zu setzen , und mich die Gunst eines so unerwarteten Besuchs mit einer kleinen Angst erkaufen zu lassen , die den Werth derselben erhöhen würde . Es freut mich , setzte sie hinzu , daß ich meine Absicht , dir den Genuß eines noch unbekannten Wonnegefühls zu gewähren , so glücklich erreicht habe : und ich hoffe du wirst dich desto leichter in die Nothwendigkeit fügen , dich eben so unvermuthet wieder von mir zu trennen als du mich gesehen hast ; denn in einer Stunde muß ich wieder am Bord seyn . Ich komme gerades Weges von Sardes ; meine vorgegebene Reise nach Milet sollte dir bloß verbergen , was ich damals schon beschlossen hatte . Der nämliche Eilbote , der dir meinen Brief überbrachte , hatte den Auftrag , mir ein eigenes Schiff zu miethen , welches mich sobald als möglich zu den Poseidonien nach Aegina bringen soll . Alles ist zur Abfahrt bereit , der Wind ist günstig , und die Seeleute sind , wie du weißt , hartherzige Leute . Du zweifelst wohl nicht , Kleonidas , daß mir diese Nachricht etwas unerwartet kam ; ich hatte mir wenigstens auf etliche Tage Hoffnung gemacht . Aber du kennst auch das unwiderstehliche Gemisch von Anmuth und Majestät , womit diese Zaubrerin ihre Willenserklärungen als unwiderrufliche Beschlüsse des Schicksals anzukündigen pflegt . Es fand nicht nur weder Einwendung noch Bitte gegen diese Verfügung statt , sondern dein armer Freund mußte sich auch bequemen , diese ganze kostbare Stunde über in dem langen Cypressengang mit ihr auf und ab zu schlendern , und sich einen kurzen Auszug ihrer Geschichte seitdem wir uns nicht gesehen hatten , erzählen zu lassen , die ein paar Stunden später unendlich unterhaltend gewesen wäre , aber jetzt mit einer Zerstreuung angehört wurde , von welcher er sich nicht völlig Meister machen konnte . Sie schien es endlich gewahr zu werden . Denn als sich ihre am Ausgang des Wäldchens zurückgelassenen Leute von ferne sehen ließen , und ihr ein Zeichen gaben , sagte sie lächelnd : ich fühle daß ich deine Schuldnerin bin , lieber Aristipp , und ich würde dir den Antrag thun , mich auf der Stelle nach Aegina zu begleiten , wenn ich nicht besorgen müßte , daß es Aufsehen erregen und deine Sokratischen Freunden eine sehr erwünschte Gelegenheit geben möchte , dir einen Namen in Griechenland zu machen . Ich selbst mache mir , wie du weißt , nichts aus dem was die Leute von mir sagen : aber ich hätte sehr Unrecht , wenn ich glaubte daß eine solche Gleichgültigkeit auch dir gezieme . Sich fremden Meinungen gänzlich aufzuopfern wäre thöricht : aber die meisten Menschen sind eine so neidische und hämische Art von Thieren , daß wir es ihnen um unsrer eigenen Ruhe willen zu verbergen suchen müssen , wenn wir glücklicher sind als sie . Ich bin überzeugt , Kleonidas , daß alles dieß ihr Ernst war , und so antwortete ich ihr wie es diese Ueberzeugung forderte . Es wäre unartig gewesen ihr merken zu lassen , daß ich sie , auch ohne Rücksicht auf das Urtheil der Welt , nicht nach Aegina begleitet haben würde . Indessen hatte ich keiner Verstellung nöthig , um ihr zu zeigen , daß es mich nicht wenig koste , mich ihrem Gutdünken zu unterwerfen . Denn freilich hätte ich mir aus dem Spott und den Vorwürfen der Sokratiker eben so wenig gemacht als sie , wenn ich bloß meiner Neigung , wie sie ihren Launen , folgen wollte . Das Vergnügen , die ihrige durch diesen seltsamen Besuch befriedigt zu haben , machte sie so aufgeräumt , daß es ihr gelang mich zuletzt auf eben denselben Ton zu stimmen . Was für eine Aufnahme meinst du daß die Wittwe des Arasambes sich von den Korinthiern versprechen dürfe ? fragte sie mit der unschuldig leichtfertigen Miene , die ihr so wohl ansteht , und setzte , ohne meine Antwort zu erwarten , hinzu : ich habe ein unfehlbares Mittel mich bei ihnen in Ansehen zu setzen ; denn ich muß dir sagen , daß ich sehr reich von den Ufern des goldenen Paktols zurückkomme . - Du hast ein noch unfehlbareres , sagte ich ; aber - Ich verstehe dich , fiel sie mir lachend ins Wort , und was dein Aber betrifft , so begreifst du leicht , daß der zweijährige Aufenthalt zu Sardes mich nicht demüthiger gemacht hat als ich vorher war . Ich rathe niemanden meinetwegen nach Korinth zu reisen . Du kennst meine Liebe zur Freiheit , meinen Haß gegen euer übermüthiges Geschlecht , und das Vergnügen , das ich gleichwohl daran finde , mit Männern umzugehen , und sie für die Augenlust , die ich ihnen wider Willen mache , nach allen Regeln der Kunst zu peinigen . Dabei wird es wohl bleiben . - Ich wünschte , liebe Lais , sagte ich , daß es nicht dabei bliebe . Möchtest du doch das Glück das deiner Musarion zu Theil geworden ist ( das einzige das du noch nicht kennst ) nicht muthwillig von dir stoßen , wenn es dir sich anböte ! - » Hab ' ich es nicht schon mit Arasambes versucht ? Es geht nicht , lieber Aristipp ! Wer vermag etwas gegen die allmächtige Natur ? Die Glückseligkeit ist immer eben dieselbe ; nur in den Mitteln und in der Art zu genießen , liegt die Verschiedenheit . Ich fühle mich , so wie ich bin , glücklich : was kannst du mehr verlangen , mein Freund ? « - Sie sagte dieß mit einer so reizenden Unbefangenheit , daß es Thorheit gewesen wäre ihr eine ernste Antwort darauf zu geben . Unsre letzte Umarmung war nicht ganz so warm , und dauerte nicht halb so lange als die erste . Wirklich würde mir ' s schwer geworden seyn , ihr länger zu verbergen , wie schmerzlich es mir war , in allem was sie sagte und that , den weiblichen Alcibiades immer deutlicher zu erkennen . - Aber hatte ich Recht , der schönen Lais übel zu nehmen , daß sie Lais war ? Und sollte nicht fehlgeschlagne Erwartung ( wiewohl ich es mir auf der Stelle nicht gestehen wollte ) die wahre Ursache der übelverhehlten Lauigkeit gewesen seyn , womit ich mich , zu bald für eine Freundschaft wie die unsrige , ihren schönen Armen entwand ? Daß sie es nur zu gut merkte , bewies sie mir , im Augenblick des Scheidens , durch einen Kuß , von jenen nektarischen , die sie allein küssen kann , und welche auch du , wenn ich nicht irre , bei einer gewissen Gelegenheit kennen gelernt hast . Brauchte es mehr , um die dünne Eisrinde plötzlich zu schmelzen , womit sie das Herz des treuesten ihrer Freunde umzogen gefühlt hatte ? Aber ehe ich wieder zur Besinnung kommen konnte war sie meinen Augen so schnell entschwunden , daß ich alles wieder für eine bloße Erscheinung hätte halten können , wenn der magische Kuß nicht noch eine ganze Stunde auf meinen Lippen fort gebrannt hätte . Nun , lieber Klonidas , wie gefällt dir meine Gespenstergeschichte ? Gewiß ist sie keine von den schlechtesten , die du in deinem Leben gehört hast . Aber was wirst du von deinem Aristipp denken , der bei dieser Gelegenheit schwach genug war , die schöne Lais erst für ein Gespenst anzusehen , und sie dann wieder von sich zu lassen , als ob sie es wirklich gewesen wäre ? Lache immerhin über mich , Kleonidas ; ich mache eine so alberne Figur in meinen eigenen Augen , daß ich keine Schonung von dir verlangen kann . 14. Kleonidas an Aristipp . Wirklich , lieber Aristipp , scheint mir dein Aufenthalt unter den weichlichen Asiaten deine Nerven ein wenig abgespannt zu haben : nicht , weil dir so gut als einem andern etwas Menschliches begegnen kann ; und noch weniger , weil du die schöne Lais wieder gehen ließest wie sie gekommen war ; - wie hättest du es anders machen können ? Sie ist doch wohl keine Person , mit der man ungestraft den Satyr spielen dürfte ? - sondern weil du nicht gewahr worden bist , daß die Schwachheit , deren du dich selbst beschuldigest , bloß darin liegt , daß du dich schämest wo sich nichts zu schämen ist . Ich weiß nicht wo ihr Philosophen die Einbildung her nehmt , ihr müßtet etwas mehr als menschliche Menschen seyn , oder wir andern sollten wenigstens so gutmüthig seyn , euch auf euer Wort dafür gelten zu lassen . Ich für meine Person finde in deiner Gespenstergeschichte nichts , was nicht ganz natürlich wäre , und dem weisen Sokrates selbst so gut hätte begegnen können wie dir . Du befindest dich in einer mondhellen Nacht allein in einem Garten ; alles schlummert weit umher ; Nacht , Einsamkeit und allgemeine Stille stimmen dich zu dem , was man wachend träumen nennen könnte . Der Mondschein allein versetzt uns schon in eine andere , oder vielmehr in die nämliche Welt , die den gemeinen Vorstellungen vom Hades zum Urbild gedient hat ; in eine Welt , wo alles sich dem Auge ganz anders darstellt , als wir es bei Tage sehen ; wo wir Mühe haben in den zweifelhaften farbenlosen Gestalten , die ein mattes oft unterbrochnes Schattenlicht bald erscheinen bald wieder verschwinden läßt , die gewohntesten Gegenstände wieder zu erkennen ; wo es ohne Hülfe des Gefühls fast immer unmöglich ist , Schatten und Körper nicht zu verwechseln ; kurz , in eine von der Sonnenwelt so verschiedene Zauberwelt , daß der Einbildungskraft bei der geringsten Veranlassung nichts leichter ist , als Gegenstände des Homerischen Schattenreichs dem , was wir wirklich sehen , unterzuschieben . In dieser Lage stellt sich dir auf einmal die Gestalt einer Person dar , für welche du seit mehrern Jahren eine besondere Anmuthung fühlst , und mit welcher du dich unmittelbar zuvor in Gedanken unterhalten hattest ; eine Person , die , deiner gegründeten Meinung nach , jetzt zu Milet seyn muß , und die du dir in diesem Augenblick so wenig in Rhodus , als dich selbst in Milet , denken kannst . Was ist da natürlicher , als daß du , bei dieser Disposition deiner Sinne und - deiner Einbildung , nicht - was du in diesem Momente für unmöglich hältst - diese Person selbst im Leben , sondern die bloße wesenlose Gestalt der nicht mehr Lebenden zu sehen wähntest ? Denn , wie viel auch die Philosophie gegen dergleichen Erscheinungen einzuwenden hat , ihre Unmöglichkeit kann sie nicht beweisen ; und wenn gleich deine Vernunft die Gespenstergeschichten , die du von Kindheit auf erzählen hörtest , aus ihrem eigenen Kreise verwiesen hat , aus deiner Seele konnte sie dieselben nicht hinausbannen ; sie zogen sich in die nächtlichste Region deiner Phantasie zurück , und es brauchte nichts als das Zeugniß deiner Augen , die dir die Gestalt einer weit entfernt geglaubten Person unmittelbar darstellten , um nicht nur deine Phantasie plötzlich ins Spiel zu setzen , sondern deine Vernunft selbst zu einem Trugschluß zu verleiten , dessen Täuschung sie keine Zeit hatte wahrzunehmen . Du wirst sagen : eben darum , weil ich die Gestalt der Lais auf mich zugehen sah , hätte ich sogleich gewiß seyn sollen , daß sie es selbst sey : denn es war doch unendlichmal wahrscheinlicher , daß sie ihren Reiseplan geändert , und anstatt nach Milet zu gehen , den Weg nach Rhodus genommen , meine Wohnung ausgekundschaftet , und sich vielleicht ein Vergnügen daraus gemacht habe , mich unversehens zu überraschen . Ich antworte : alles dieß war vernünftiger Weise nichts weniger als wahrscheinlich ; wenn du es aber auch bei ruhiger Ueberlegung wahrscheinlicher hättest finden müssen , als die Erscheinung eines Geistes , so bedenke , daß die Phantasie in einem solchen Augenblick ihr Gaukelspiel viel zu behende macht , als daß sie dir Zeit zu Abwägung der Wahrscheinlichkeiten gelassen hätte . Das Zeugniß der Augen , das Vorurtheil , was du sahst könne nicht Lais selbst seyn , und die Einbildung es müsse also ihr Geist seyn , wirkten so unendlich schnell zusammen , daß alle drei in eine einzige sinnliche Vorstellung , deren du dir klar bewußt warst , zerflossen ; und , wie gesagt , eben dasselbe wäre jedem andern an deiner Stelle begegnet . Ich wenigstens stehe dir nicht dafür , daß mir selbst , ungeachtet ich durch dein Beispiel gewarnt bin , mit Musarion oder dir nicht eben dasselbe begegnen könnte , wenn ich euch zu einer Zeit , da ich euch weit von mir entfernt wüßte , unter ähnlichen Umständen , plötzlich auf mich zuschleichen sähe . Denn freilich gehört auch der langsame gespenstmäßige Gang und das weißgraue Gewand so gut zur Sache als Einsamkeit , Mondschein und nächtliche Stille . Um dir meine Behauptung noch einleuchtender zu machen , frage ich dich : wenn du die schöne Lais nicht umarmt , nicht mit ihr gesprochen , und dich also nicht durch Gefühl und Ohr von ihrer Körperlichkeit hättest überzeugen können ; - wenn zum Beispiel ( was wenigstens an einem andern dazu geschickten Orte durch künstliche Veranstaltungen hätte bewirkt werden können ) , wenn , einen Augenblick zuvor ehe du ihr in die Arme fielst , plötzlich eine Flamme zwischen dir und ihr aufgefahren , und ein dichter Rauch , unter einem vermeinten Donnerschlag , ihre Gestalt deinen Augen plötzlich entzogen hätte , - würdest du ( vorausgesetzt daß dieß alles täuschend genug ausgeführt und der Betrug dir nicht von Lais selbst entdeckt worden wäre ) nicht vielleicht noch jetzt deinen Sinnen mehr glauben als deiner Philosophie , und alles für eine Erscheinung aus der Geisterwelt zu halten geneigt seyn ? Wenigstens bin ich versichert , daß unter zehntausend , denen ein solches Abenteuer begegnete , nicht Einer wäre , der es für etwas anders nähme . Ich kenne sehr verständige Leute , die , wenn von solchen Wunderdingen die Rede war , gegen alles , was von Andern erzählt wurde , die erheblichsten Einwendungen zu machen hatten , aber immer damit aufhörten , mit der größten Ueberzeugung von der historischen Wahrheit der Sache , irgend eine Gespenster- oder Zaubergeschichte zu erzählen , von welcher sie sich selbst als Augenzeugen aufstellten . Noch einmal also , ich sehe nicht was für Ursache du hättest es dich verdrießen zu lassen , daß du der schönen Lais nicht durch unzeitige Besonnenheit einen Spaß verderbt hast , um dessentwillen sie sich eine Reise von dreizehnhundert Stadien zu Land und zu Wasser nicht verdrießen ließ . Ich kann mir zwar wohl einen Menschen denken , der auf dem Wege des philosophischen Todes , den uns Plato in seinem Phädon empfiehlt - dadurch , daß er den Sinnen , der Phantasie und allen Trieben und Leidenschaften der menschlichen Natur schon bei lebendigem Leibe abgestorben ist - sich in die Unmöglichkeit gesetzt hat , von ihnen getäuscht zu werden : aber ich weiß daß ich dieser Mensch nicht seyn möchte , und wünsche dir Glück daß du es eben so wenig bist als ich . Den andern Punkt betreffend , hätte sich , dünkt mich , jeder Mann , der nicht von allem Gefühl des Schicklichen und aller Achtung gegen sich selbst verlassen wäre , eben so , wie du , benehmen müssen ; überdieß lag es wohl nicht an deinem guten Willen , wenn du dich am Ende mit einem Kuß abfinden lassen mußtest . Man ist freilich auf eine so sonderbare Grille nicht gefaßt , wie diese war , die Reise von Sardes nach Rhodus zu machen , um einem guten Freund einen Kuß zu geben ; indessen hängt es immer von einer Schönen ab , wie viel Werth sie auf ihre Gunsterweisungen legen will , und der Kuß , den du zur Entschädigung erhalten hast , war nach deinem eigenen Geständniß so viel werth , daß du ihn nicht zu theuer erkauft hättest , wenn du ihm bis zu den Hyperboreern hättest entgegen reisen müssen . Die Wahrheit zu sagen bin ich mit dir weit besser zufrieden als mit der Dame , die mir in den zwei Jahren ihrer unumschränkten Herrschaft über den königlichen Arasambes von Seiten des Charakters mehr verloren als gewonnen zu haben scheint . Ich fürchte sie hat sich durch die fliegende Eile , womit jeder ihrer Winke befolgt werden mußte , durch die unermüdete Aufmerksamkeit , womit ein eben so großmüthiger als vielvermögender Liebhaber allen ihren Wünschen zuvorkam , kurz , durch die grobe Abgötterei , die zu Sardes mit ihr getrieben wurde , die böse Gewohnheit zugezogen , jede Phantasie , die ihr zu Kopfe steigt , auf der Stelle zu befriedigen , und zu erwarten daß man sich alles , was sie zu sagen und zu thun beliebt , wohl gefallen lasse . Mit Einem Wort , Aristipp , dein weiblicher Alcibiades ist das wahre Wort des Räthsels . Geben die Götter , daß die Aehnlichkeit sich nicht bis auf den Ausgang der Abenteuer erstrecke , in welche sie sich mit einem solchen Charakter noch verwickeln könnte . Das zarte dankbare Herz meiner Musarion leidet nicht wenig bei der Freiheit , die wir uns in unsern Urtheilen über ihre geliebte Pflegemutter heraus nehmen . Sie möchte sich selbst gerne verbergen , daß wir Recht haben , und würde uns zürnen , wenn sie zürnen könnte , daß wir alles im vollen Sonnenlichte sehen , was sie selbst nur in dem sanft verhüllenden und verwischenden Mondlicht , oder in der verschönernden Beleuchtung der Abendsonne sehen will . Demungeachtet bittet sie mich , dir in ihrem Namen für die freundliche Art zu danken , wie du ihrer gegen Lais erwähnt hast . Das holdselige Weibchen gibt mir täglich neue Ursache , mich in ihrem Besitz glücklich zu fühlen . Ich weiß nicht ob du dich erinnerst , daß ich eine Schwester habe , die bei deiner ersten Abreise von Cyrene noch ein Kind von vier bis fünf Jahren war ? Da wir vor einiger Zeit das Unglück hatten unsre gute Mutter zu verlieren , bat Musarion meinen Vater , daß er ihr die junge Kleone anvertrauen möchte , die jetzt gerade in die Jahre tritt , wo die Aufsicht und Leitung einer mütterlichen Freundin einem Mädchen am nöthigsten ist . Du zweifelst nicht , daß es ihr mit der besten Art zugestanden wurde ; und so habe ich schon seit mehreren Wochen das Vergnügen , eine Schwester , die ich nach Musarion über alles liebe , unter ihren Augen , gleich einer lieblichen noch ganz unversehrten Rosenknospe unter den schirmenden Blättern des mütterlichen Stockes , allmählich zur schönsten Blüthe sich entfalten zu sehen . Gedenkst du dich noch lange zu Rhodus zu verweilen , Aristipp ? - Wie gerne wir dir auch die mannichfaltigen Genüsse gönnen , die dir in dem Lande , welches sich Minerva und Apollo mit den Musen und Grazien zu ihrem eigenen Sitz erkoren haben , von allen Seiten zuströmen , so gibt es doch Tage und Stunden ( und es sind gerade die seligsten unsers glücklichen Familienlebens ) , wo wir uns alle nach dir sehnen , und die Athener und Korinthier , Milesier und Rhodier - und wer kann sie alle zählen , die uns das Glück , dich zu besitzen , vorenthalten ? - so herzlich darum beneiden , daß es ihnen unmöglich wohl bekommen kann . 15. An Kleonidas . Die sittenrichterliche Miene , womit du die scherzhaften Stellen meines letzten Briefes beinahe gar zu ernsthaft beantwortest , lieber Kleonidas , läßt dir so gut , daß ich nicht ungehalten über dich werden könnte , wenn ich auch Ursache hätte es - über mich selbst zu seyn . Es ist nicht unmöglich , daß die Asiatische Luft , die ich seit einigen Jahren athme , die Wirkung auf mich thut , die du bemerkt haben willst ; wenigstens wäre dieß eben so natürlich , als daß der zarte Sinn meines Kleonidas für das Geziemende und Schöngute durch die glückliche Beschränktheit , Regelmäßigkeit und halcyonische Stille seines häuslichen Künstlerlebens immer zärter werden , und daher manches mehr oder weniger auffallend finden muß , woran wir andern sorglos und vogelfrei in der Welt herum treibenden Menschen nicht den geringsten Anstoß nehmen . Es ist , denke ich , mit dem moralischen Gefühl , wie mit dem organischen : das Anwehen eines rauhen Lüftchens fällt den zarten Wangen eines fast immer in den Mauern des Frauengemachs eingekerkerten Mädchens , oder eines mit Rosen aufgefütterten Knaben empfindlicher , als das Anprallen des schärfsten Nordwindes der ledernen Haut eines abgehärteten Kriegsmannes oder Seefahrers . Indessen , wenn gleich auch hier das eben Rechte in der Mitte liegt , so gesteh ' ich doch willig ein , daß es in sittlichen Dingen besser ist zu viel als zu wenig Zartgefühl zu haben . Meine Vergleichung unsrer Korinthischen Freundin mit dem berüchtigten Sohn des Klinias hätte ich von dir lieber bestritten als bekräftigt sehen mögen . Vielleicht urtheilen