zu gehen ? « stieß er in namenloser Aufregung hervor und preßte die schlanken , bebenden Hände an seine Brust . Sie schwieg und strebte mit tiefgesenktem Kopf ihre Hände frei zu machen – sie wollte offenbar das von flammender Röte übergossene Antlitz hinter ihnen verbergen . » Ich will mit Ihnen sterben , wenn es sein muß ! « – flüsterte er ihr ins Ohr . – » War es nicht so ? ... Gisela , dieser Ruf galt dem Portugiesen mit dem hochtönenden Namen ; der aber ist versunken für immer in dem Augenblick , da sich seine Mission erfüllt hat « – seine Stimme war klanglos , denn das Mädchen hatte jetzt , heftig den Kopf schüttelnd , in der Tat die Hände losgerungen . » Vor Ihnen steht der schlichte Deutsche mit dem einfachen Namen , den er nie wieder ablegen wird – « » Und zu ihm sage ich « – unterbrach sie ihn mit fester Stimme und hob die Augen voll unsäglicher Liebe zu ihm empor – » nicht sterben will ich , Berthold Ehrhardt ; aber leben , leben will ich für Sie ! ... « Noch hielt der Mann an sich . » Wissen Sie auch , was Sie da aussprechen , Gisela ? ... Nein , Sie können es unmöglich in seinem ganzen Umfang begreifen , denn Sie sind zu unerfahren in Welt und Leben ! Ich will es Ihnen sagen ... Sie geben mir mit diesen wenigen Worten das Recht , Sie einst in Wirklichkeit als mein ausschließliches Eigentum für Zeit und Ewigkeit in mein einsames Haus tragen zu dürfen ... Und ich darf dabei eine meiner Schwächen nicht verhehlen – ich würde Sie unerbittlich festhalten in dieser Einsamkeit , aus Furcht , es könnte ein fremder Blick auf Sie fallen ... Ich weiß es , ich würde ein grausamer Egoist sein , ich würde von Ihnen verlangen , nur für mich zu leben ; ich würde nicht eins dieser goldenen Haare von fremder Hand berühren lassen ; ich würde jeden Ihrer Pulsschläge mit eifersüchtigem Auge bewachen ... Und für alles , was Sie zu ertragen hätten , bliebe Ihnen kein anderer Ersatz , als das Bewußtsein , einem einzigen Herzen das Paradies auf Erden zu erschließen , einem Manne – « » Dem einzigen Manne , den ich liebe , « fiel sie ihm ins Wort . » Hörten Sie nicht , wie ich dem Fürsten erklärte , daß mir mein Lebensweg bereits klar und bestimmt vorgezeichnet sei ? Es ist der Weg , den ich einzig und allein an Ihrer starken Hand gehen will ... Schließen Sie mich ein in die Einsamkeit . Ich weiß nur ein Glück , das ich mir wünsche : Sie zu trösten und durch meine Liebe und Hingebung mit Ihrer traurigen Vergangenheit zu versöhnen ... Nehmen Sie mich hin – ich bin Ihr Eigentum ! « Und er hatte sie bereits hingenommen . Er hielt sie mit dem rechten Arm umschlungen und drückte mit der zitternden linken Hand ihr Köpfchen an seine breite , gewaltige Brust , in leidenschaftlicher Glut , aber doch sanft und sacht , wie man ein zartes , gebrechliches Vögelchen liebkost . » Ich gehe mit Ihnen , wohin Sie wollen , « flüsterte sie , während die heißen , zuckenden Lippen , die sie schon einmal auf der Hand gefühlt hatte , die leuchtende Mädchenstirn berührten . » Ich gehe mit Ihnen auch dahin , wo Sie mit den Tigern kämpfen – « » Nein , nein ! « stammelte er . » Wie möchte ich meine weiße Blume , meine zarte , schlanke Birke dem kühlen , deutschen Wald entreißen ? ... Ach , Gisela , du bist unwiderruflich mein ! « rief er in ausbrechendem Jubel . – » Und nun sollen auch nicht einmal deine kleinen Füße den Boden mehr berühren , dem ich dich für immer entführe ! « Er hob sie plötzlich mit gewaltigen Armen empor , drückte sie fest an seine heftig atmende Brust und stürmte mit ihr durch die Alleen zum Schloßtor hinaus , dessen Flügel schmetternd hinter ihnen wieder zufielen . Bald darauf stand Gisela allein an der Tür des Pfarrhauses , während der Portugiese seitwärts verharrte und das Mädchen mit seinen Augen behütete , bis es Einlaß gefunden habe . Es war bereits späte Nachtzeit ; aber im Wohnzimmer der Pfarre brannte noch Licht . Gisela klopfte , und fast unmittelbar darauf wurde die Haustür geöffnet . Die junge Dame winkte noch einmal mit der Hand in das Dunkel zurück , dann trat sie in die Haustür und stand vor der Pfarrerin , die , eine Lampe in der Hand , wie versteinert in das Gesicht des späten Gastes blickte . » Frau Pfarrerin , « sagte die junge Gräfin sanft bittend und ergriff die Hand der Frau , » Sie haben auf der Waldwiese von der Liebe gesprochen , die das Christentum zu allererst predige – an diese Liebe wende ich mich und bitte Sie inständig um ein Asyl in Ihrem Hause . « Die Pfarrerin setzte die Lampe rasch auf einen niedrigen Schrank , der in dem Hausflur stand , nahm beide Hände des jungen Mädchens zwischen die ihrigen und sah ihr mit ihrem scharfen , klugen Blick tief in die Augen . » Das soll Ihnen werden , liebe Gräfin « , sagte sie fest und kräftig beteuernd . » Sie sollen in meinem Haus und in meinem Herzen einen Platz finden wie mein eigen Kind ... Aber was muß geschehen sein , daß – « » Es ist schweres Unrecht geschehen , Frau Pfarrerin « , unterbrach sie Gisela . » Lang verschwiegene Sünden und Verbrechen sind an das Tageslicht gekommen ... ich weiß jetzt , daß ich während meines ganzen jungen Lebens mit beiden Füßen auf einem Abgrunde voll Verderbnis und heimtückischer Anschläge gestanden habe ... Ich will reine Luft atmen , ich will das Schlimme , das mir noch anhaftet aus meinem bisherigen Leben , hier abstreifen – Sie haben ein großes Herz voll warmer , mütterlicher Liebe und einen starken , furchtlosen Geist – ich weiß es und habe Sie lieb gehabt , seit ich Sie so mutig vor dem Minister stehen sah ... Sie sollen mich belehren und leiten und vorbereiten zu einem hohen , heiligen Beruf ... Muß ich Ihnen erst alle die schauerlichen Entdeckungen mitteilen , um derentwillen ich das weiße Schloß verlassen habe , um es nie wieder zu betreten ? « » Ach was , liebe Gräfin , das brauche ich nicht zu wissen , müßte auch lügen , wenn ich sagen wollte , ich guckte gern hinter die Ränke und Schwänke der hohen Herren – man kommt selten mit heiler Haut und Seele wieder davon ... Mir genügt , daß Sie Schutz in meinem Hause suchen ... Armes Kindchen , es muß schon hageldick gekommen sein , um solch ein unschuldiges Gemüt aus seiner Harmlosigkeit aufzurütteln ! ... Und nun kommen Sie « – sie schlang ihren Arm um Giselas Schulter , während der Humor aus ihren klaren , blauen Augen sprühte – , » freilich habe ich ein großes mütterliches Herz ; stecken doch acht liebe Blondköpfchen drin , und wo sie hausen , da findet sich auch ein trauliches Plätzchen für Sie ... Macht die Tür weit auf , ihr Mädchen ! « rief sie mit strahlendem Gesicht nach der Wohnstube hinüber , wo die Tür ein wenig klaffte und hier und da ein neugierig herauslauschendes Näschen und ein blonder Scheitel sichtbar wurden . – » Es ist so etwas wie das Christkindchen über Nacht in unser Haus gekommen ... Ihr habt es immer schon von fern gern gehabt , nun dürft ihr ' s euch auch in der Nähe besehen ! « Die Tür wurde weit zurückgeschlagen – an der Schwelle standen schüchtern und verschämt drei Mädchengestalten – aus den » kleinen , wilden Panduren « waren schöne , kräftige Blondinen geworden . » Das ist meine Älteste « , sagte die Pfarrerin nicht ohne mütterlichen Stolz und deutete auf die mittlere der drei Gestalten , ein hochgewachsenes Mädchen mit ernsten , nachdenklichen Zügen . » Dem Vater seine kleine Gelehrte , sein Famulus bei seinen astronomischen Studien . Sie hat viel lernen müssen , weit mehr als diese zwei wilden Hummeln da , und hat auch einen hohen , heiligen Beruf vor sich – sie wird Vorsteherin und Pflegerin im Neuenfelder Erziehungshause – gelt , meine Alte ? « Sie strich über das dicke , schlicht zurückgeschlagene Haar der Tochter , und diese ergriff die liebkosende mütterliche Hand und küßte sie . » Und das sind unsere zwei Hauskobolde « , fuhr die Pfarrerin fort , die beiden Mädchen vorstellend , die zu Seiten der älteren Schwester standen , wie die strotzenden Knospen um die voll aufblühende Rose . » Sie haben nichts als Schnurren und Schnaken im Kopf , finden des Lachens und Kicherns kein Ende , und wenn ich ' s litte , da spielten sie am liebsten noch mit der Puppe . « Die Mädchen lachten lustig auf , während aus den Augen der Pfarrerin die Mutterlust strahlte . » Wollt ihr meine Schwestern sein ? « fragte Gisela und bot ihnen die Hand . Ein schüchternes » Ja « kam von allen Lippen , aber der Händedruck wurde herzlich erwidert . » Und nun hurtig , hurtig , macht das Eckstübchen zurecht ! « gebot die Mutter . Die Mädchen ergriffen einen Schlüsselbund und flogen zur Tür hinaus . » Sie sind heute außer Rand und Band « , lachte die Pfarrerin . » Da sehen Sie – morgen gibt es eine Überraschung ! Mein Mann feiert seinen zweiundfünfzigsten Geburtstag : deshalb sind wir , ganz gegen die strenge Hausordnung , auch noch nicht zu Bett . « Nahe an einem der Fenster stand ein weißgedeckter Tisch ; er war mit Girlanden besteckt ; auf seiner Platte lag inmitten verschiedener gestickter und gehäkelter Kleinigkeiten ein sehr wertvolles astronomisches Werk . » Das haben meine Mädchen mit Handarbeiten verdient « , sagte die Pfarrerin , auf die Bücher zeigend . » Und die hat unser Wildfang , das Röschen , mit seinen kleinen widerspenstigen Fingern gestrickt , « fügte sie laut auflachend hinzu und ließ ein Paar großer , derber Strümpfe in der Luft baumeln . » Das hat manche heiße Stunde gekostet ! Aber nun ist sie glücklich , und selbst in ihr Gebet heute abend schlichen sich die glücklich fertig gebrachten › himmellangen ‹ Strümpfe ein . « Sie öffnete geräuschlos eine Tür und ließ das Lampenlicht in den dunklen Raum fallen . » Da liegt sie – mein Nesthäkchen « , flüsterte sie – wie bebte und schmolz diese kräftige Stimme in weicher Zärtlichkeit ! – » Was nur das kleine Ding morgen sagen wird , wenn sie ihre liebe Gräfin im Pfarrhause sieht ! « meinte sie leise in sich hineinlachend . Das blonde Köpfchen des Kindes ruhte im süßen , tiefen Schlaf auf dem Kissen , und die langen Zöpfe fielen auf den Bettrand hinab . Eine himmlische Ruhe überkam das junge Mädchen in diesem Hause ... Eben noch mit Grausen in den plötzlich geöffneten Abgrund der Verworfenheit blickend , über den sie blinden Auges so lange hingewandelt war , erschien ihr diese Häuslichkeit wie ein Tempel , ruhend auf den Säulen wahrer Tugend und durchweht von echt gottseligem Frieden . Und die stattliche , kräftige Frau , die da neben ihr stand , dieses Bild der Standhaftigkeit und unerschrockenen Gesinnungstreue , mit wie viel feinem Takt versuchte sie die sichtbare Aufregung der Geflüchteten zu dämpfen , sie abzuziehen von den Ereignissen , die sie fortgetrieben hatten aus dem sogenannten Vaterhause , indem sie sie in die harmlosen Freuden ihrer Häuslichkeit ohne weiteres einführte ! ... Es fiel ihr nicht ein , sich zu fragen : was werden die » hohen Herren « dazu meinen , daß du eine ihresgleichen in ihrer Abtrünnigkeit bestärkst ? Wird dir der Schutz , den du ihr gewährst , nicht teuer zu stehen kommen ? Sie wollte im Augenblick nicht einmal wissen , zu welch hohem und heiligem Beruf sie die junge Gräfin vorbereiten solle – das mußte sich ja alles finden ! Sie forschte nicht , sie fragte nicht , sie wollte nur eins fürs erste : beruhigen und das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertigen . Welches Gottvertrauen aber , welche moralische Stärke mußte der ganzen Familie innewohnen ! ... Binnen kurzem sollte sie aus diesem Hause vertrieben werden – es war ein tiefschmerzliches Ereignis , das sie betroffen , und doch hatte es das glückliche Zusammenleben nicht zu stören , die harmlosen Familienfreuden nicht zu verscheuchen vermocht . Nach zwölf Jahren zum erstenmal wieder stieg Gisela an der Hand der Pfarrerin die Treppe hinauf , welche die stolze Jutta von Zweiflingen an jenem verhängnisvollen Weihnachtsabend auf Nimmerwiederkehr hinabgeschritten war ... Das junge Mädchen hatte noch eine dunkle Erinnerung an jenen Vorfall ; sie erkannte auch den großen Vorsaal wieder , der damals so naß gewesen war und wo ihr die großen , harten Sandbrocken um die ängstlich ausweichenden , feinbeschuhten Füßchen gekollert waren . Und da tat sich das Eckstübchen mit seinen zwei Fenstern und dem lustig trommelnden Windöfchen vor ihr auf ! – das Eckstübchen , das Frau von Herbeck einen unwürdigen Kerker für » die herrliche Jutta « genannt und in dem die stolze Zweiflingen den ersten Träumen des Verrates und der Treulosigkeit sich hingegeben hatte ... Die prachtvollen Palisandermöbel mit dem aprikosenfarbenen Seidendamastbezug standen freilich nicht mehr an den Wänden , und das Mädchenporträt im weißen Atlasgewande mit dem Granatblütenstrauß im Haar hing jetzt im Ministerhotel zu A. und beschloß neben dem Bild des letzten , schönen , unglücklichen Zweiflingen die lange , stolze Ahnenreihe der schönen Exzellenz . Dafür sahen nun die kräftigen Züge Luthers von der helltapezierten Wand des Stübchens nieder , und wenn auch nur wenige altmodische Möbel umherstanden , so waren sie doch sauber und einladend . Auf Tisch und Kommode lagen Servietten und bunte Decken , und das Bett in der Ecke , so ein echtes , hochaufschwellendes Thüringer Pfarrhausbett , leuchtete in blendender Frische . Gisela trat an eins der Eckfenster und öffnete es , während die Pfarrerin noch einmal hinausging ... Die wonniglaue Nachtluft zog herein und flüsterte in dem Laub des Birnbaumes , der mit seinem längsten Ast an die Scheiben klopfte . Mit dem Nachtwind flogen einzelne verlorene Trompetenstöße herüber – dort drüben tanzten sie noch und wußten nicht , daß unter ihren Füßen ein Pulverfaß lag , daß mit jeder Sekunde der Funke näher heranflog , der jählings die ganze stolze und jubelnde Herrlichkeit zerstörend in die Luft schleudern würde . Das junge Mädchen bog sich weit hinaus und sah nach der dunklen , bergaufsteigenden Masse , deren gewaltige , kühngeschwungene Umrisse sich dämmernd vom strahlenden Nachthimmel abhoben – es war das Stück Bergwald , das das altersgraue , grünumsponnene Waldhaus in sich einschloß . Der majestätische Mann , an dessen Herzen sie geruht , hatte ihr beim Scheiden zugeflüstert , er werde sein Haus heute nacht nicht mehr betreten – es sei zu eng für sein Glück . Er wolle auf der Wiese vor dem Waldhause auf und ab wandeln , und die Fontäne solle ihm vorplaudern von dem Mädchen im blauen Gewande , mit dem blonden Haar , das vor noch ganz kurzer Zeit als unnahbare Gräfin Sturm neben ihr gestanden und die weißen Hände in ihren silbernen Sprühregen gehalten habe ... Er wolle dort geflissentlich noch einmal alle Schmerzen der Entsagung , die er durchlitten , an sich vorüberziehen lassen , um dann der Morgensonne doppelt entgegenzujubeln , die ihm die Stunde bringe , in der er sein Glück wieder in die Arme nehmen dürfe ... Die Pfarrerin trat wieder ein und brachte das Glas Wasser , das sie mit Himbeersaft gemischt hatte . » Ach was – jetzt sehen wir nicht mehr nach dem weißen Schlosse hinüber ! « schalt sie und schloß ohne weiteres das Fenster . » Jetzt muß das Kindchen schlafen , vorher aber diesen guten , frischen Himbeersaft trinken , der verscheucht alle bösen Träume , und morgen – morgen ist alles wieder gut ! « Diese einfachen Worte , die nur eine Mutterstimme so süß beschwichtigend aussprechen kann , fielen wie erlösend auf das heißklopfende Herz des jungen Mädchens . Sie warf sich ungestüm an die Brust der großen , starken Frau , schlang die Arme um ihren Hals und brach in einen Tränenstrom aus . » Nun , nun , Herzchen , « beruhigte die Pfarrerin . » Freilich , schaden kann ' s nicht – weinen Sie sich nur recht von Herzen aus , das wischt alle schlimmen Eindrücke weg ... Aber dann sind Sie mir guten Mutes – das bitte ich mir aus ! ... Sie sind ja bei Pfarrers , und da darf Ihnen kein Härchen gekrümmt werden , und wenn zehn Exzellenzen kommen und drohen sollten . « Die gute , prächtige Frau ! ... Sie hatte einen klaren , durchdringenden Verstand und ein scharfes , kluges Auge ; aber das erkannte sie doch nicht , daß die Tränen des tieferregten Mädchens – die ersten Wonnetränen der jungen Braut waren ... 32 Während die junge Reichsgräfin Sturm das weiße Schloß und den aristokratischen Boden für immer verließ , ging der Minister in seinem Arbeitszimmer auf und ab – es sah aus , als zermartere der Mann sein Gehirn nach einem einzigen klaren Gedanken . Das Haar , das sonst einen glatten Bogen über die Stirn beschrieb , fiel wirr durcheinander – die Hand fuhr dann und wann , ganz gegen die Gewohnheit des eine tadellose Außenseite streng festhaltenden Diplomaten , in grimmiger Hast durch die parfümierten , graugesprenkelten Strähnen . Endlich warf er sich erschöpft an den Schreibtisch und begann zu schreiben . Die schöne , junge Braut mit den großen Taubenaugen und den Feldblumen in den Händen lächelte fort und fort von der Wand hernieder auf den Mann , dem allmählich leichte Schweißperlen auf die wachsbleiche Stirn traten , während die Zähne wie im Fieber hörbar zusammenschlugen und die Hand , die sonst einem eisernen Willen auch in eisern starren , festen Linien gehorchte , krause , unsichere Hieroglyphen auf das Papier warf . Schon nach wenigen Zeilen schleuderte er die Feder weit von sich , nahm den Kopf zwischen die Hände und rannte abermals in unbeschreiblicher Aufregung hin und her ... War es doch , als scheue er sich vor dem zierlichen Tisch dort vor dem Fenster , der einen kleinen Mahagonikasten auf seiner runden Platte trug . Das Tischchen stand immer auf derselben Stelle , seit Baron Fleury das weiße Schloß sein eigen nannte und nach seinem Geschmack eingerichtet hatte , und der Mahagonikasten war der unzertrennliche Reisebegleiter Seiner Exzellenz und befand sich auch im Bureau des Ministerhotels zu A. stets in seiner Nähe . Während aber jetzt sein Fuß dem unscheinbaren Möbel sichtbar auswich , glitten die scheuen Augen immer wieder hinüber , als zucke aus dem kleinen Kasten ein magnetisch bezaubernder Schlangenblick ... Und mit jeder vorüberrollenden Viertelstunde , welche die Uhr mit seinem silbernen Klange unerbittlich pünktlich anzeigte , verdoppelten sich die Schritte des Auf- und Abwandernden , bis er plötzlich , wie mittels eines gewaltsamen Ruckes , halb atemlos vor dem Tischchen stehen blieb und mit hastigen , unsicher tappenden Händen den Kasten aufschloß ... Er sah nicht hinein in das kleine , elegant ausgestattete Viereck – seine Augen irrten über den türkischen Fenstervorhang , wie wenn sie die orangegelben Arabesken zählen müßten , während seine Rechte einen Gegenstand ergriff und in die Brusttasche gleiten ließ . Diese einzige Bewegung gab plötzlich der haltlos zusammengebrochenen Erscheinung des Mannes einen Anschein von Entschlossenheit zurück ... Er schritt nach der Tür . Auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um – durch die klaffende Tür und das schräg gegenüberliegende geöffnete Fenster fuhr der Nachtwind und jagte die Flamme aus der auf dem Schreibtisch stehenden Kugellampe – sie züngelte nahe am Vorhang hin . Der Minister stieß ein leises , hämisches Lachen aus ; er verfolgte einen Augenblick die Flammenzunge , wie sie sich reckte und streckte und , um wenige Linien zu kurz , vergeblich an dem Stoff zu lecken versuchte – unwillkürlich streckte er die Hand aus , als müsse er ihr zu Hilfe kommen – bah , wozu ? Das Schloß war zu einer enorm hohen Summe versichert , und die drunten tanzten , waren längst entflohen , bis die Flammen an den Deckenbalken fraßen und die Kronleuchter hinunterschleuderten ! ... Er schloß die Tür leise und glitt auf den Zehen durch mehrere anstoßende Zimmer . Vor dem Gemach seiner Gemahlin blieb er stehen und drückte das Ohr an die Türspalte – leise Klagelaute drangen heraus ... Jetzt kam die namenlose Verzweiflung , die er bisher noch niedergedrückt und verbissen hatte , zum Ausbruch und packte und schüttelte den lauschenden Mann . – Die Frau , die da drin so schmerzlich weinte , war sein Abgott , das einzige Wesen , das er je geliebt , und das ihn , den alternden Mann , noch jetzt mit ungeminderter , glühender Leidenschaft erfüllte . Bis zur Unkenntlichkeit entstellt in seiner Erscheinung , drückte er geräuschlos die Tür auf und blieb auf der Schwelle stehen . Da lag die schöne Titania auf ein Ruhebett hingestreckt . Sie hatte das Gesicht tief in die Kissen eingewühlt , über Busen und Rücken wogte das entfesselte , nachtschwarze Haar , und die weißen , bis an die Schultern entblößtem Arme hingen wie leblos über die atlasgepolsterte Lehne des Ruhebettes hinab – nur die kleinen Füße hatten offenbar nichts von ihrer Energie eingebüßt ; sie standen auf dem zu Boden geschleuderten brillantenen Fuchsienkranz und schienen ihn in Atome zertreten zu wollen . » Jutta ! « rief der Minister . Bei diesen markerschütternden Lauten fuhr sie empor , wie von der Tarantel gestochen . Mit einer wilden Gebärde schüttelte sie das niederflutende Haar aus dem Gesicht und stand plötzlich auf ihren Füßen – das Bild einer entfesselten Furie . » Was willst du bei mir ? « schrie sie auf . » Ich kenne dich nicht ! Ich habe nichts mit dir zu schaffen ! « Sie deutete nach der Richtung des Salons , wo sie den Fürsten wußte , und stieß ein grauenhaftes Gelächter aus . » Ja , ja , die Wände haben Ohren gehabt , mein Herr Diplomat , und ich genieße das Vorrecht , das große Staatsgeheimnis um einige Stunden früher zu wissen , als das staunende Publikum ! ... Die Hölle kann ihre Qualen nicht raffinierter ersinnen , als ich sie dort drüben , hinter der Tür durchlitten habe ! « Ihre Mundwinkel bogen sich in vernichtendem Hohne niederwärts . » Exzellenz , es war mir sehr überraschend zu hören , daß Sie das Fürstenhaus so reizend getäuscht haben ! ... Und da liegt die Herrlichkeit « – sie stieß mit dem Fuße verächtlich nach dem Fuchsienkranz – , » mit der Sie › Ihren Abgott ‹ zu schmücken beliebten ! ... Wie sie wohl alle jubeln und triumphieren werden , die boshaften Neider , bei der unschätzbaren Entdeckung , daß sich die Diamantenfee in lächerlicher Unwissenheit mit Rheinkieseln und böhmischem Glas bestreut hat ! « Die kleinen Hände der halb wahnwitzigen Frau wühlten in den Haarmassen , die von den Schläfen niedersanken . Der Minister ging schwankenden Schrittes auf sie zu – sie floh und stieß mit den Händen nach ihm . » Du wirst dich nicht unterstehen , mich zu berühren ! « drohte sie . » Du hast keine Rechte mehr an mich ! ... Oh , wer mir die verlorenen elf Jahre zurückgäbe ! ... Ich habe meine Jugend , meine Schönheit an einen Dieb , an einen Fälscher , an einen Bettler verschleudert ! « – » Jutta ! « In diesem Augenblick fand der Mann seine Haltung wieder . Es war noch einmal die überlegene Ruhe des allmächtigen Ministers , mit der er Schweigen gebietend der Frau die Rechte entgegenstreckte . » Du bist wieder einmal sinnlos vor Leidenschaft « , sagte er streng . » Ich habe dich in solchen Momenten stets wie ein verzogenes , unartiges Kind behandelt , dem man Muße läßt , sich auszuschreien . Dazu bleibt mir jetzt keine Zeit . « – Er verschränkte mit scheinbarer Gelassenheit die Arme über der Brust . » Wohl , du hast recht « – fuhr er fort – , » ich habe gefälscht und betrogen – ich bin ein Bettler ! Es bleibt uns nicht einmal das Kopfkissen , um das Haupt darauf zu legen , wenn sie alle kommen werden , die verbriefte Rechte an mich haben ... Nie hast du einen Vorwurf , ein Bedenken von mir gehört ; aber wenn du diese Stunde lediglich dazu benutzest , mich zu schmähen , dann muß ich dir auch sagen , für wen ich mich ruiniert habe ... Jutta , denke zurück und überzeuge dich , daß du mit jedem Jahr unserer Ehe mehr deine Ansprüche bis ins Maßlose gesteigert hast – selbst die Fürstin konnte zuletzt mit deinem glanzvollen Auftreten nicht mehr Schritt halten ... Ich habe ohne Widerrede stets herbeigeschafft , was du begehrtest – ich habe deine Hände buchstäblich im Gold wühlen lassen . Meine unselige , blinde Liebe zu dir hat mich zum gefügigen Werkzeug deiner schrankenlosen Verschwendungssucht gemacht ... Es klingt geradezu kindisch und lächerlich , wenn du die elf Jahre unserer Ehe als verloren beklagst ; sie haben dir Gelegenheit gegeben , das Leben mit seinen Genüssen bis auf die Neige auszukosten ; und daß du das gründlich verstanden hast , kann ich dir mit meinem Soll und Haben erschöpfend beweisen . « Die Baronin hatte bis dahin mit abgewendetem Gesicht in einer fernen Fensternische gestanden . Jetzt fuhr sie herum ; die dämonisch schönen Augen funkelten in tiefster Gereiztheit und Rachsucht . » Ach , du kannst es ja ganz vortrefflich , das alte Lied , das auch die zuvorkommende Welt stets anstimmt , wenn ein Haus zusammenbricht : › Die Frau ist schuld ! ‹ lachte sie auf . » Schade , mein Freund , daß ich so oft zugegen war , wenn du in Baden-Baden oder in Homburg , oder wie sie alle heißen mögen , die verführerischen grünen Tische , Unglück zum Verzweifeln hattest ! ... Ich habe mich bei dergleichen Gelegenheiten stets mit Befriedigung überzeugt , daß auch deine Hände vortrefflich im Golde zu wühlen verstanden ; aber willst du etwa leugnen , daß du zu allen Zeiten ein notorischer Spieler gewesen bist ? « » Es fällt mir nicht ein zu leugnen oder auch nur noch eine Silbe zu meiner Verteidigung zu verlieren ... Wer , wie ich , im Begriff ist , einen dunklen Weg anzutreten – « » Jawohl , dunkel , dunkel ! « unterbrach sie ihn und trat um einen Schritt näher an ihn heran . » Mit der Exzellenz ist ' s freilich aus und vorbei , « zischte sie . » Baron Fleury steigt herab von seiner Höhe und betritt den einzigen Weg , der ihm übrig bleibt , die Laufbahn des – Croupiers ! « » Jutta ! « stieß er hervor . Er ergriff die weißen Arme , die die Wonne seiner Augen gewesen waren , und schüttelte sie ingrimmig . Sie riß sich los und flüchtete nach einer Tür , aber ihre zurückgewendeten Augen hingen mit unverhohlenem Abscheu an den Händen , die sie zum erstenmal schonungslos gepackt hatten . » Du sollst mir nicht mehr nahe kommen – mir graut vor dir ! « rief sie hinüber . » Du fängst es schlau an ! Indem du mir die Schuld aufbürdest , willst du mich zwingen , in Gemeinschaft mit dir ihre Folgen zu tragen ! ... Aber täusche dich nicht ! Ich werde dir niemals in die Schande , die Dunkelheit und den Mangel folgen ! ... Ich habe dir gegenüber keine Pflichten mehr – sie sind erloschen in dem Augenblick , da du als ehrlos entlarvt wurdest ... Wenn etwas in diesen furchtbaren Stunden mich mit Genugtuung erfüllt , so ist es das Bewußtsein , daß ich dir geistig niemals verwandt gewesen bin – ich habe dich nie geliebt ! « Das war der letzte Schlag für den von der Sonnenhöhe einer beneideten Lebensstellung , eines angemaßten Glückes in den tiefsten Abgrund hinabstürzenden Mann – es konnte keiner mehr kommen ; aber auch keiner konnte sich in der Wirkung mit den letzten wenigen Worten messen , die der rote Frauenmund so unbarmherzig hinwarf . Der Minister taumelte nach der Tür zu , als wolle er das Zimmer verlassen , allein die Füße schienen ihm treulos zu werden – er lehnte sich mit bedecktem Gesicht an die Wand . » Du hast mich , trotz aller deiner Schwüre und Beteuerungen , nie geliebt , Jutta ? « fragte er nach einem minutenlangen tödlichen Schweigen in das Zimmer zurück . Die Frau schüttelte mit einer Art von wildem Triumph energisch den Kopf . Er stieß ein bitteres Hohnlachen aus . » O Weiberlogik ! ... Diese Frau setzt sich hoch auf den Richterstuhl strenger Tugend ; sie stößt den Betrüger erbarmungslos von sich und gesteht dabei mit liebenswürdiger Naivität ein , daß sie ihren Mann auf die empörendste Weise elf Jahre lang betrogen und – am Narrenseil herumgeführt hat ! ... Geh , geh , auch du wirst Karriere machen ! Noch liegen einige gerettete Jahre der Jugend und Schönheit vor dir ; aber das Ende dieser Karriere – nun , ich will diskreter sein als du und diesen Wänden nicht erzählen , wie die Karriere der Frau Baronin Fleury , Exzellenz , schließlich verlaufen wird ! « Er ging zur Tür hinaus ; aber beim Schließen derselben warf er noch einen Blick in das eben verlassene Zimmer . Die Frau