. » Meines Bleibens ist hier auch nicht länger , als die Pflicht verlangt , « sagte sie wie unbewußt , mit zuckenden Lippen , und nahm das Kind vom Boden auf , um es beruhigend an ihr Herz zu drücken ; Donna Mercedes aber streckte sie lebhaft , wie von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben , ihre Rechte hin . Diese junge majestätische Frau , die stolzes Geblüt in den Adern hatte , war gekommen wie eine treue Tochter , um ihr Trost zu bringen und sie zu stützen , nicht beachtend , daß sie damit öffentlich ein Haus betrete , welches das Verbrechen entehrt hatte ... Und war sie auch sein und der bittergehaßten » Zweiten « Kind , so war sie doch auch Felix ' Schwester , die den Bruder zärtlich geliebt und gepflegt hatte bis an sein frühes Ende , war sie doch neben den zwei Kindern die einzige Überlebende – alle anderen schliefen unter der Erde , der Rache entrückt . Sie stieß sich den Dolch ins eigene Fleisch , wenn sie das Rachewerk auch auf die Unschuldige erstreckte , auf die einzige , mit welcher sie von jenen Tagen reden konnte , in denen sie geliebt und deshalb in Wirklichkeit gelebt hatte ... War es nicht hohe Zeit , die Sonnenwärme der Liebe wieder aufzusuchen , wo sich die Schatten des Alters schon so breit und kältend über den Lebensweg hinstreckten ... Während so der Schicksalssturm das Klosterhaus reinigend und sühnend durchbrauste , war es im ersten Stock des nachbarlichen Schillingshofes schwül und gewitterhaft . Die Herrin des Hauses war noch immer leidend , und die Dienstboten , die droben verkehren durften , meinten , Fräulein von Riedt , die sie pflege , habe einen sehr schweren Posten . Sie verliere jedoch nie die Geduld und nähme die bösesten Worte , die ihr oft in das Gesicht geschleudert würden , mit so viel Gemütsruhe hin , als habe sie gar kein Ohr dafür . Dazwischen sei es aber auch hie und da für einen oder mehrere Tage stiller droben , und die Frau Baronin wisse dann gar nicht , was sie alles ersinnen solle , um Fräulein von Riedt Liebes und Gutes zu erzeigen , es fehle nicht viel daran , daß sie vor ihr auf die Kniee falle . Diese Umwandlung vollziehe sich aber stets , wenn Briefe mit einem gewissen Poststempel ankämen . Die Baronin hatte noch immer die Gewohnheit , ruhelos durch die Zimmer und Säle zu laufen ; dafür verließ sie aber auch ihre Gemächer nicht . Nur einmal wollte der Gärtner Zeuge gewesen sein , wie sie gegen Mitternacht immer und immer wieder das Atelier umkreist habe , bis ihr Fräulein von Riedt auf die Spur gekommen sei und nach einem heftigen Wortwechsel , wobei die Gnädige mit den Füßen gestampft , die Entwischte in das Säulenhaus zurückgebracht habe . Am meisten wurde sie auf der Terrasse gesehen . Auch da wandelte sie oft unruhig durch die Orangenbäume , aber immer nur an dem Geländer hin , das die Plattform auf der Ostseite begrenzte . Von da konnte sie ziemlich die ganze Linie der Platanenallee übersehen , und über das Gebüsch hinweg war auch der kleine Oberbau des Ateliers sichtbar , in dem Baron Schilling seine Wohnung hatte . Da , unter einem Zeltdach , nahm sie mit Fräulein von Riedt die Mahlzeiten ein , hielt auch manchmal ein Buch oder eine Stickerei in den Händen , hauptsächlich aber war das der Beobachtungsposten , von dem aus sie den Verkehr zwischen Säulenhaus und Atelier verfolgte . Kein Gericht , keine Flasche Wein , die in das Atelier getragen wurden , entgingen ihren scharfen Augen , noch weniger aber ein lebendes Wesen , das die Kiesbahn der Allee beschritt . So hatte sie auch eines Tages ihren Mann – zum erstenmal seit ihrer Rückkehr – unter den Platanen herkommen sehen . In diesem Augenblick des freudigen Erschreckens war es ihr nicht in den Sinn gekommen , daß ja auch das Erdgeschoß Bewohner habe – ein unbeschreibliches Siegesgefühl hatte sie durchstürmt – er gab nach , er beugte sich endlich , endlich , und kam zu ihr ! ... Sie hatte mit einem langen , höhnisch triumphierenden Blick das leichterblaßte , über die Arbeit geneigte Gesicht der Stiftsdame fixiert , war aber unbeweglich unter dem Zeltdach sitzen geblieben und hatte den Oberkörper steif und unnahbar emporgereckt – so hatte sie gesessen und gewartet , äußerlich eine Statue an Kälte und strenger Haltung und im Innern fiebernd vor Ungeduld und Erwartung ; aber der wohlbekannte Schritt war nicht laut geworden auf der Treppe , der » Bereuende « war nicht in die Glastür getreten , an der zuletzt ihre Blicke wahrhaft verzehrend gehangen hatten ; nur der Bediente Robert war mit dem Eßzeug gekommen und hatte dabei über das Ereignis in der unteren Wohnung und den » gnädigen Herrn « berichtet , der » eben auch in den Salon gegangen sei « . Seitdem hatte sie ihren Mann wiederholt brieflich aufgefordert , sich mit ihr über die Erneuerung im Holzsalon , die der stattgehabte Skandal nötig mache , zu verständigen , da ja auch ihr Interesse damit nahe berührt werde ; und die Antwort hatte kurz und bündig gelautet , daß man anständigerweise erst die Beerdigung im Nachbarhause abwarten müsse , ehe man mit dem Handwerkerlärm beginne . In das Säulenhaus war Baron Schilling nicht wieder gekommen , aber auf dem Klostergute war er gewesen . Er hatte lange in der Amtsstube gesessen und eine eingehende Besprechung mit der Majorin gehabt , und bei seinem Nachhausekommen hatte der Gärtner mit Beihilfe des Hausknechtes sofort vor seinen Augen einen schmalen Durchgang in den Zaun hauen müssen , der das Schillingsche Gebiet vom Klostergarten trennte . Tief gereizt hatte die Baronin von der Terrasse aus dem Beginnen zugesehen ; sie war ja doch die eigentliche Besitzerin des Schillingshofes , ohne ihre Genehmigung durfte kein Strauch versetzt , kein Beet verändert werden . Und nun gab er sich dort als alleiniger Besitzer – unerträglich ! ... Er durchbrach eigenmächtig die wohltätige Schranke , die das » Bauernelement « von dem vornehmen Boden geschieden , und suchte offenbar einen intimen nachbarlichen Verkehr einzuleiten , und das in einem Augenblick , wo es offenbar geworden war , daß » die Menschen da drüben « in ehrloser Weise die Schillings um eine wertvolle Erwerbung bestohlen hatten ... » Er ist verrückt ! « hatte sie in ihrer gewohnten , stillzornmütigen Art gemurmelt und hastig nach Hut und Handschuhen gegriffen , um hinunter zu gehen und auf Grund ihrer Rechte energisch Einsprache zu erheben ; allein die Stiftsdame war ihr zuvorgekommen . Sie hatte sich an die Glastür gestellt und mit unerschütterlicher Ruhe erklärt , sie gebe es nicht zu , daß sich ihre » Schutzbefohlene « einer Beschämung vor der Dienerschaft aussetze ; denn daß ihr sofort eine scharfe Zurückweisung da unten entgegengeschleudert werde , lasse sich nach dem neulichen Auftreten und Vorgehen des rücksichtslosen Mannes im Atelier ohne Mühe voraussagen . So war die Baronin voll kochenden Ärgers geblieben und hatte noch an demselben Abend sehen müssen , wie die Majorin durch die Bresche im Zaun herübergekommen und in das Säulenhaus gegangen war . Die Versöhnung hatte sich also , wie der Augenschein lehrte , vollzogen ; das Ziel war erreicht worden , trotzdem die Frau Baronin sich von jeder Mitwirkung losgesagt und durch ihre Abreise die Durchführung des Planes boshaft zu vereiteln gesucht hatte . Sie war nicht vermißt worden , man hatte ihr nicht ein einziges Mal reuevoll geschrieben , daß sie zurückkehren möge – sie hatte immer noch an starren Trotz geglaubt , nun sah sie , daß man ihrer in Wirklichkeit gar nicht gedacht hatte . Sie hätte weinen mögen vor Groll und Ingrimm ! ... 37. Der Rat Wolfram und sein kleiner Sohn ruhten seit gestern im Erbbegräbnis an der Seite der » armen stillen Frau Rätin « . Die beiden Verstorbenen waren am frühen Morgen in aller Stille beigesetzt worden . Auf den Höfen des Klostergutes herrschte wieder der Wirtschaftslärm , als sei er nie unterbrochen gewesen . Das große Mauertor stand tagsüber weit offen , die Knechte fuhren unermüdlich aus und ein – denn die Ernte hatte begonnen – und die Mägde hantierten mit arbeiterhitzten Gesichtern in den Ställen und Bodenräumen und am Kochherd , auf dem in mächtigen Kesseln das Essen für die Erntearbeiter bereitet wurde . Die Majorin überwachte alles , wie sie es seit vielen Jahren getan . Es war unmöglich , eine so große Wirtschaft , die bisher wie ein pünktliches Uhrwerk gegangen war , mit einem Ruck zum Stillstehen zu bringen ; da hieß es geduldig den Faden abwickeln , und die aus allen Fugen gerüttelte Frauenseele bedurfte ihrer ganzen Willensstärke , um diese Aufgabe durchzuführen . Nur vom Milchverkauf hatte sie sich freigemacht ; das besorgten jetzt die Mägde in der Gesindestube ; ebenso hatte sie alles Geschäftliche bezüglich der Hinterlassenschaft des Rates vorläufig in Baron Schillings Hände gelegt , der ihr in diesen Tagen des Schreckens und der namenlosen Bedrängnis wie ein Sohn näher getreten war . Sie hatte auch mit ihm vereinbart , daß der verhängnisvolle Gang vom Schillingshofe aus zugemauert werde ; die Amtsstube und das Eßzimmer standen verschlossen – sie mied die zwei Schwellen wie glühendes Eisen . Nun kam Baron Schilling am Tage nach der Beisetzung behufs einer vorläufigen Untersuchung mit zwei Handwerkern , einem Kunsttischler und einem Maurer , in den Holzsalon . Er hatte Donna Mercedes vorher benachrichtigt und fand deshalb den Salon leer , aber die Türen nach Josés ehemaligem Krankenzimmer und der anstoßenden Kinderstube waren nicht fest geschlossen , man hörte das Geplauder der spielenden Kinder herüber . Der Tischler schlug die Hände zusammen über das zerstörte kostbare Kunstwerk der Holzschnitzerei , und der Maurer untersuchte die dahinterliegende glatte , braune Tür an der Innenseite . Die alten Mönche seien Schlauköpfe gewesen , meinte er und zeigte auf verschiedene kleine Schieber und Riegel auf der Fläche . Auch ohne eine der Türen – die durchsichtige sowohl wie die feste , glatte – zu öffnen , hatte man durch kleine Rundungen zwischen übereinander geflochtenen Ranken oder im Kelch einer Blume den ganzen Salon übersehen können . Und diese verschiebbaren kleinen Platten liefen geräuschlos in sorgfältig eingeölten Rinnen und zeugten so unwiderleglich vom allerjüngsten Gebrauche . Die Polstertür aber , von einem dicken , unverwüstlichen Leder überspannt , hatte zu allen Zeiten jeden Schall zwischen den zwei Häusern aufgefangen , und zum Überfluß zeigte sich auch noch das Innere der Wand mit den geschnitzten Heiligen drüben in der Amtsstube durch Polsterwerk verkleidet . Während dieser Besichtigung trat plötzlich der Bediente Robert in den Salon . » Die gnädige Frau Baronin ! « meldete er , und seitwärts tretend , schlug er den Torflügel zurück . Die Baronin erschien auf der Schwelle . Sie war in grauer Seide , hatte das große Goldkreuz auf der Brust , und über dem blonden Scheitel lag eine weiße Barbe , die unter dem Kinn lose geschlungen war – das Gesicht erschien dadurch noch schmäler und länger . Ihre Augen überflogen forschend das Zimmer ; sie hatte jedenfalls vorausgesetzt , Donna Mercedes vorzufinden . Auf ihren Wangen lag ein schwaches Rot ; es belebte die Erscheinung wie das fieberische Funkeln ihres Blickes – die bleichgrauen Augensterne waren in diesem Augenblick entschieden stahlfarben ... Man sah , sie wollte imponieren ; sie hielt den Oberkörper stolz und steif , als sei sie ihrer Rückenschwäche für immer ledig . » Ah , da bist du ja , mein Freund ! « sagte sie sehr unbefangen . Sie erwiderte den ehrerbietigen Gruß der Handwerker mit einem kaum merklichen Kopfnicken und hielt ihrem Mann mit nachlässiger Grazie die Fingerspitzen hin . Sie schien gar nicht daran zu denken , daß sie ihn seit dem stürmischen Auseinandergehen im Atelier nicht wieder gesprochen . Baron Schilling war bei Roberts Meldung rasch aus der Mauertiefe getreten . Unwillkürlich fuhr sein erster Blick durch die offene Tür ; aber der unvermeidliche Schatten der » Gnädigen « , die Stiftsdame , war nicht sichtbar . Ihre Pflegebefohlene war entweder heimlich entwischt , oder sie hatte sich losgemacht . Bei dieser Wahrnehmung milderte sich der Ausdruck der Erbitterung auf seinem Gesicht , dafür erstarrte seine Gestalt förmlich in eisiger Zurückhaltung . Er berührte die hingestreckten langen Finger kaum mit seiner schönen , kräftigen Rechten . Gereizt zog sie die Hand zurück und nahm das langnachschleifende Kleid auf , um dem Flügel näherzutreten . » Sieh da , der Missetäter , der mir gleich am ersten Tag nach meiner Ankunft die heftigsten Nervenkrämpfe verursacht hat ! « bemerkte sie mit jenem halben , häßlichen Lächeln , das nur gemacht schien , die langen , weißen Zähne zu entblößen , ohne die flachen Mundwinkel reizvoll zu vertiefen und die Wangen zu runden . » Solch ein Klimperkasten , nimmt er sich nicht wunderlich aus , gerade in meinem Zimmer , Arnold ? – Er ist ein ausgesprochener Hohn auf mein ganzes Sein und Wesen ! ... Hast du gewußt , daß man dergleichen – Überfracht mitbringen würde ? « » Es wäre sehr überflüssig gewesen , mir das anzuzeigen , « versetzte er kurz , mit einem forschenden Blick nach der leicht klaffenden Tür des Nebenzimmers . » Im übrigen möchte ich dir zu bedenken geben , daß dieses prachtvolle Instrument kein Klimperkasten ist , so wenig wie es in deinem eigenen Zimmer steht – du bewohnst den ersten Stock . « » O , bitte recht sehr , mein Freund ! Ich danke Gott , daß mit dem Vermauern dieses Spitzbubenweges der unheimliche Lärm verschwinden wird – « » Es ist nicht Adams arme Seele gewesen , wie du in deiner Unfehlbarkeit festgestellt hattest , und den › Spitzbubenweg ‹ haben Klosterbrüder angelegt , Klementine – « » Verschwinden wird , « wiederholte sie mit eintöniger , gleichmütiger Stimme , seine boshafte Bemerkung völlig unbeachtet lassend . » Diese Räume habe ich in der ersten Zeit unserer Ehe bewohnt , und du weißt , daß ich an meinen Rechten festhalte ... Im ersten Stock ist die Beleuchtung für meine empfindlichen Augen zu grell ; ich muß meist hinter herabgelassenen Vorhängen ohne frischen Luftzug halb ersticken . Hier dämpft der Säulengang wohltätig das Licht . Aus dem Grunde hatte ich dich auch wiederholt gebeten , dich wegen Beschleunigung der Ausbesserung mit mir zu verständigen – du wirst mir zugeben , daß ich auch ein Wort dreinzureden habe , wie und wann dieselben in Angriff genommen werden sollen – und deshalb bin ich jetzt gekommen ... Ich brenne darauf , mich hier unten wieder einzurichten . « Er lachte hart auf und wandte ihr den Rücken , um die Handwerker zu entlassen , die ihre Untersuchung inzwischen beendet hatten . Ihnen auf den Fersen folgend , schien er mit den Leuten zugleich hinausgehen zu wollen . » Nun – soll ich allein hier bleiben ? « rief sie empört , bewegte sich aber nicht von der Stelle ; sie stützte vielmehr die Hand fester auf den Flügel , neben dem sie stand . » Hast du mir noch etwas zu sagen ? « fragte er von der Schwelle aus zurück , nachdem die Leute das Zimmer verlassen hatten – er hielt das Türschloß in der Hand . » In dem Fall muß ich dich bitten , mich in den Garten zu begleiten . Ich finde es nicht sehr anständig , so unverfroren in Räumen zu verhandeln , die uns augenblicklich durchaus nicht zur Verfügung stehen . « » Mein Gott , wir haben ja doch nicht kontraktlich vermietet ! Übrigens wird sich dein Gast der Einsicht gewiß nicht verschließen , daß die Erneuerung der zerstörten Wand an Ort und Stelle besprochen werden muß – « » Wärst du bei der Sache geblieben – « » Aber ich bitte dich , was habe ich denn anderes berührt ? Meine spätere Übersiedelung in diese Wohnung ist ja eng damit verknüpft ... Übrigens wirft du mir zutrauen , daß ich diesen meinen Lieblingswunsch unterdrückt haben würde , « – sie sprach im Ton der ausgesuchtesten Höflichkeit – » wüßte ich nicht , daß die Mission im Schillingshofe zu Ende ist . Die Versöhnung ist erfolgt , offenkundig erfolgt , wie ich mich täglich überzeuge ; die Majorin Lucian wird ihre Enkel voraussichtlich in der Kürze zu sich nehmen – dann steht die Wohnung hier leer , ehe man sich dessen versieht . Ich kann mir nicht denken , daß sich Frau von Valmaseda auch nur einen Tag länger , als unbedingt nötig ist , in unserem einfachen Hause genügen läßt . Die Dame hat ihrem verstorbenen Bruder der Opfer genug und übergenug gebracht , wie ich recht gut einsehe . Und du wirst ihr ebensowenig zumuten , zu bleiben – « » Ich ? ! « – Seine Hand ließ das Türschloß los , er trat in das Zimmer zurück . – » Wie möchte ich auch nur um eine Linie die Befugnisse überschreiten , mit denen Felix mich betraut hat ! Darüber hinaus habe ich keine Macht – noch weit weniger aber auch den Willen , sie zu erlangen und auszuüben . « » Nun , dann wären wir ja im Einverständnis , mein Freund ! Und Frau von Valmaseda wird ohne Zweifel entschuldigen – « In diesem Augenblick wurde die Tür des Nebenzimmers weiter geöffnet , und Donna Mercedes trat heraus . Sie hatte bis dahin wohl nicht die Absicht gehabt , sich sehen zu lassen , denn ihre gewaltige Haarflut , die sonst das Netz bändigte , war nur lose mit einem Kamm aufgenommen ; er lief als breite , goldene Spange durch die blauschwarzen Strähne und ließ da und dort lockige Enden und Ringel nach dem Nacken , gegen die Stirn und Schläfen entschlüpfen . Ein lebhafter Trieb schien die junge Dame in das Zimmer zu drängen . » Ich habe nichts zu entschuldigen ; Sie sind vollkommen in Ihrem Recht , Frau Baronin , « sagte sie , die Herrin des Schillingshofes mit einem verbindlichen Kopfneigen begrüßend . » Ich sehe auch ein , daß die Verunstaltung Ihres Salons so schnell wie möglich beseitigt werden muß , und doch bin ich gezwungen , Sie noch für einige Tage um Aufschub zu bitten , so schwer es mir auch wird . Mein kleiner Neffe ist noch nicht erstarkt genug , um den Lärm und die Unruhe des Hotellebens ohne Schaden zu ertragen – der Arzt ist augenblicklich entschieden gegen einen derartigen Wohnungswechsel . « Die Baronin ließ ihre Augen verstohlen , aber rastlos musternd an der auffallenden Erscheinung auf und nieder gleiten . Sie hatte sich eben noch der größten Höflichkeit , des sanftmütigen Tones beflissen ; allein nichts war mehr geeignet , ihr die Stimmung zu vergiften , als eine schöne Frau . Und diese Amerikanerin da war , in der Nähe besehen , von einer wahrhaft erschreckenden Schönheit und dabei eine gewiegte Kokette in Entfaltung ihrer Reize . Gab es wohl einen herrlicheren Anblick als dieses flutende , auf dem Scheitel lässig zusammengefaßte Haar , wie es den feinen , stolzgetragenen Kopf umwogte , kaum das pikante , kleine , von den mächtigen Sonnenaugen gleichsam durchleuchtete Gesicht und einen schmalen Streifen des zarten Halses freilassend ? – Das entschied . » Das Wolframsche Haus möchte wohl im Augenblick an Stille nichts zu wünschen übrig lassen , denn die Frau Majorin Lucian bewohnt es allein , « sagte die Baronin mit niedergeschlagenen Augen und harmloser Miene eintönig und doch anzüglich : » aber es eignet sich selbstverständlich nicht zum Aufenthalt einer eleganten Dame . « » Das ist ' s nicht ! « fiel Donna Mercedes ein . » Ich würde viel leichter dort hinübergehen , als ich mich jetzt anschicke , meine Bitte zu wiederholen ... Aber es geschieht für meines Bruders Kinder , nicht für mich . Ich erfülle nur meine Pflicht , wenn ich sie nicht in das düstere , dem frischen Luftzug schwer zugängliche Haus bringe , in dem sie sich obendrein fürchten und ängstigen . Auch die Großmama wünscht es durchaus nicht . « Baron Schilling war inzwischen , unweit seiner Frau , an den Flügel getreten . Er hatte ein Notenheft aufgenommen und schlug die Blätter um . » Wozu diese sehr überflüssigen Erörterungen , und wie mögen Sie vom Hotel sprechen , gnädige Frau ? « fiel er kühl und gelassen ein , ohne von den Noten aufzusehen . » Stehen Ihnen nicht meine Zimmer , in denen Frau Lucile gewohnt hat , unumschränkt zur Verfügung , solange es Ihnen nur irgend wünschenswert erscheint , im Schillingshof zu bleiben ? « » Ich danke , « lehnte sie kurz und schroff ab . » Es handelt sich , wie bereits gesagt , nur um Tage . Ich stehe im Begriff , eine Villa , nahe der Stadt zu kaufen – « » Sie ? ! « – Er ließ das Notenheft sinken , und ein dunkles Rot schoß in seine Wangen . » Sie standen ja neulich schon mit einem Fuß gewissermaßen auf den Schiffsplanken , um sich in der fernen Heimat zu › vergnügen ‹ – und nun wollen Sie plötzlich auf deutschem Boden Anker werfen ? Auf deutschem Boden ? « » Ja , auf deutschem Boden , mein Herr , « bestätigte sie trotzig . » Beabsichtigen Sie , mich Landes zu verweisen ? « » Das ist kein Vorrecht der Schillings , « entgegnete er mit kaltem Lächeln . » Mein Einwurf galt nur dem sonderbaren Wechsel der Stimmungen – « » Oh , kommt da die Stimmung noch in Betracht , wo sich die Verhältnisse so umstürzend verändert haben ! « fiel sie tiefgereizt ein ; trotzdem klang ihre Stimme wie unterdrückt von verschluckten Tränen . » Ich habe die Mutter meines Bruders lieb gewonnen , seine Kinder gehören nunmehr zu ihr . Diese drei Menschen sind aber die einzigen , die ich noch besitze , die einzigen , sage ich , die meinem Herzen teuer sind – und das entscheidet . Ich fühle , daß ich mich von ihnen nicht trennen kann . Darum werfe ich Anker auf deutschem Boden , den ich mehr als je verabscheue ! – Ja , mehr als je ! ... Wenn Sie meinen , darin habe sich meine Stimmung geändert , so ist das ein lächerlicher Irrtum , ein Wahn des germanischen Nationaldünkels . « Sie hielt inne und strich sich mit der Hand über die Stirn – sie schien über ihre eigene Leidenschaftlichkeit zu erschrecken : dazu ruhte der Blick der widerwärtigen , grauen Frau so aufdringlich und kaltlauernd auf ihr . Ihre ganze Selbstbeherrschung aufbietend , brach sie mit einer Gebärde des Unwillens ab und fügte ruhiger hinzu : » Die Villa erinnert mich nach Stil und Lage an mein niedergebranntes Geburtshaus daheim , und im Sommer kann ich mich leicht der Täuschung hingeben , als sei ich nicht auf deutschem Boden . Die großen Treibhäuser sorgen für die südliche Flora , welche das hübsche Schlößchen umgibt und sich ziemlich bis unter die Waldbäume des umschließenden Parkes verirrt – « » Sie wollen die Fürstlich Trebrasche Besitzung kaufen ? « unterbrach sie Baron Schilling gepreßt , während die » Gnädige « ihre Augen weit öffnete in einem Gemisch von Erstaunen , Ärger und unwillkürlicher Hochachtung . » Ja , mein Herr – ist das so verwunderlich ? Glauben Sie , eine Dame könne keinen Kauf abschließen , ohne vormundschaftlichen Rat und Beistand ? ... Ich kann Ihnen versichern , daß ich ganz genau weiß , was ich tue . Der Fürst geht nächste Woche nach Italien , um für immer dort zu leben , und der zwischen uns vermittelnde Agent versichert , die Wohnung im Erdgeschoß sei erst kürzlich neu hergerichtet worden , ich würde sie sofort mit den Kindern beziehen können . « » Aber das trifft sich ja prächtig , « sagte die Baronin sehr höflich , wobei sie sich zum Gehen anschickte . » Ich bitte Sie , nach wie vor diese Wohnung als Ihr einstweiliges Heim anzusehen ... Gegen deinen Vorschlag freilich , bezüglich der Übersiedlung in deine Räume , lieber Arnold , müßte auch ich energisch widersprechen , da ich nicht länger zugeben werde , daß du in dem engen , heißen Oberbau des Ateliers bleibst . Es ist erdrückend schwül unter den niedrigen Zimmerdecken , wie ich mich neulich selbst überzeugt habe . Ich werde Befehl geben , daß man deine eigentlichen Zimmer unverweilt wieder wohnlich für dich herrichtet . « Es war ein unbeschreiblicher Ausdruck von lächelndem Hohn , mit dem Baron Schillings Blick die Frau seitwärts streifte , die schlau die Gegenwart eines dritten benutzte , um ihm die Rückkehr in das Säulenhaus abzutrotzen . » Bemühe dich nicht , « versetzte er ganz ruhig . » Das hat meine gute Birkner längst besorgt ... Die Fensterläden bleiben geschlossen und werden voraussichtlich unter Jahr und Tag nicht wieder geöffnet werden . Morgen geht meine neueste Arbeit nach Wien zur Ausstellung , und ich werde ihr nach höchstens zwei Tagen folgen , um dann in Kopenhagen behufs meiner Vorstudien einen längeren Aufenthalt zu nehmen . « » Mein Gott – und das erfahre ich erst in diesem Augenblick ? Wie soll denn die Jungfer mit den nötigen Vorbereitungen fertig werden ? Und meine Reisetoilette – verzeihe , Arnold , aber diese Überstürzung ist denn doch ein wenig rücksichtslos . « – Sie zog mit hastigen Händen die Zipfel der Barbe fester unter ihrem Kinn und nahm eiligst die Schleppe auf . – » Dann habe ich aber auch nicht einen Augenblick zu verlieren , wenn ich zur rechten Zeit reisegerüstet sein will – « » Du wirst doch nicht denken , daß ich dir zumute , mich zu begleiten ? « unterbrach er sie . » Du fühlst dich kränker als je , wie du mir mitgeteilt hast ; das nordische Klima sagt dir nicht zu – außerdem bist du kaum von einer anstrengenden Reise zurückgekehrt – « » Gleichviel , ich gehe unter allen Umständen mit . « » Wir werden sehen . « – Er sagte das kurz und schroff und verabschiedete sich mit einer tiefen , ernsten Verbeugung , jedenfalls zugleich für die » Jahre « seiner Abwesenheit , von Donna Mercedes , die wie eine Bildsäule , ohne Bewegung , auf ihrem Platze verharrte . Das gab ihrer Erscheinung einen unsäglich hochmütigen Ausdruck . Die Baronin mochte meinen , diese geldstolze » Südamerikanerin « halte schon ein dankendes Kopfneigen unter ihrer Würde , und deshalb nahm auch sie , trotz ihrer großen inneren Aufregung , eine stolz abweisende Haltung an und grüßte kaum mit einem Augenwinken zurück , während sie dem Hinausgehenden folgte . Donna Mercedes hörte , wie sie draußen die Flurhalle durchschritten und die nach dem Garten führende Tür unverweilt öffneten . Ohne kaum selbst zu wissen , daß sie es tat , ging sie hinaus in den Gang und trat an das gegenüberliegende Fenster . Dort unter den Platanen gingen sie hin . Die Frau mit dem gekrümmten Rücken hing vertraulich am Arm des dahinschreitenden Mannes ... Ein Nebel legte sich vor die Augen der jungen Dame – sie drückte sich tief in die Ecke der Fensternische , und heiße Tränen rollten unaufhaltsam über das stolze Antlitz . – – 38. » Deine Hand fiebert , « sagte die Baronin , während sie draußen auf der Freitreppe des Säulenhauses ihren Arm in den ihres Mannes schob und seine Rechte dabei streifte . Er aber fuhr bei dieser Berührung mit der unwillkürlichen Gebärde des Wegschleuderns zurück , als habe ihn eine Viper gestochen . Sie biß sich auf die Unterlippe , hing sich jedoch um so fester an seinen Arm . » Du bist ernstlich böse , wie mir scheint , « sagte sie , » und ich habe doch im Grunde nichts verbrochen . Hast du wirklich das Recht , von mir zu verlangen , daß ich eine treue , aufopfernde Freundin ohne weiteres vor die Tür stoße , weil sie dir unsympathisch ist ? « » Das Recht habe ich , und ich bin noch einmal so unverzeihlich nachgiebig gewesen , die Erfüllung meiner gerechten Forderung in deine Hand zu legen , anstatt selbst gründlich › Kehraus ‹ zu machen . Es war das alte Spiel – die Freundin triumphiert , und ich habe mich einfach lächerlich gemacht . « » Mein Gott , niemand hat mehr darunter gelitten als ich ! Aber das ist ja nun zu Ende . Eine bessere Gelegenheit , Adelheid los zu werden , « – ihre Stimme sank zum Flüstern herab , und sie sah sich scheu um , ob kein Horcher in der Nähe – » läßt sich nicht denken . Wir verreisen eben , und es bedarf nur eines ausdrücklichen Befehles , daß ich dich begleite , um jeden Einwand zu entkräften . « » Und du glaubst wirklich , ich spreche den Befehl aus ? « Er zog seinen Arm , den sie umschlungen hielt , straff nieder und blieb stehen – bis dahin hatte er im förmlichen Sturmschritt dem Atelier zugestrebt , so daß sie sich nur mit Mühe an seiner Seite zu halten vermochte . » Allerdings wirst du das tun , « bestätigte sie entschieden , aber in seltsam heiserem Ton und sah ihn mit lodernden Augen an , in denen sichtlich Angst und eine wilde Drohung um die Herrschaft stritten . Er lachte bitter auf . » Nachdem du gerade jetzt wieder in drastischer Weise gezeigt hast , wie liebevoll du meinen Wunsch und Willen zu achten gewohnt bist ? ... Ich reise allein , jetzt und immer ! Und auch du hast die vollkommene Freiheit , zu gehen , wohin du willst . Ich habe mich ja schon jedes Einspruchs begeben , als du nach Rom gingst , ohne meine Einwilligung auch nur mit