. Eine Träne hing an ihrer Wimper , während sie so still vor ihm stand . Da reichte ihr Möllner den Arm , man setzte sich zu Tisch . Ihr zur Rechten saß Heim . Ihr gegenüber Taun und Hilsborn . Dann kam Moritz mit Angelika und Herbert mit Frau Taun , an Heims anderer Seite die Staatsrätin . „ Erlauben Sie , daß ich Ihnen meinen Kollegen Taun vorstelle , “ sagte Möllner , nachdem sie sich gesetzt . „ Ein Freund ! “ fügte dieser den Worten Möllners bei . „ Er ist einer von denen , die für Sie stimmten , “ erklärte Möllner . „ O , da danke ich Ihnen , “ sagte Ernestine , „ im Namen meines ganzen Geschlechts . “ „ Ich darf diesen Dank nicht für mich allein in Anspruch nehmen . Hier meinen lieben Kollegen Heim und Hilsborn gebührt er vor mir , denn sie haben noch wärmer für Sie gekämpft als ich , dem Sie persönlich fremd waren . “ „ Wirklich , Vater Heim , Sie sprachen für mich ? “ fragte Ernestine erstaunt . „ Na , ja ! “ brummte Heim ärgerlich , daß Taun geplaudert hatte . „ Das Zeug , das Du einschicktest , war ja nicht so übel , und ich hätte Deinem unruhigen Geiste gern ein Feld eröffnet , auf dem Du Ersprießlicheres geleistet hättest , als ... “ Seine Baßstimme sank zum Flüstern herab , „ als den lieben Gott anzufeinden , wie der Hund den Mond , und Dir mit Deinem atheistischen Schnickschnack alle ordentlichen Leute zu Feinden zu machen . “ Ernestine zuckte zusammen , wie vom Blitze getroffen . Also das machte man ihr so schwer zum Vorwurf ! Sie erstaunte . Gab es denn wirklich in diesen „ aufgeklärten “ Kreisen noch Menschen , die sich am Unglauben stießen ? Hatte denn Leuthold gelogen , indem er ihr die wahre Bildung als gleichbedeutend mit der Entäußerung jedes religiösen Vorurteils schilderte , und wer war denn „ gebildelt “ , wenn es diese Gelehrten und ihre Frauen nicht waren ? „ Verletzt Sie die rauhe Außenseite unseres Freundes ? “ sagte Taun , dem Ernestinens Betroffenheit leid tat . „ Sie werden ja von früher noch wissen , welch edlen Kern diese harte Schale birgt . “ „ Wer spricht da von mir ? “ rief Moritz herauf . „ Ihr redet von einem edlen Kern , das kann doch nur ich sein ? “ „ Laß die Drei in Ruhe , eitler Mensch , “ lachte Johannes und winkte ihm , das ernste Kleeblatt zu verschonen . Ernestine sah Heim traurig an . „ Vater Heim war früher gütiger gegen mich . So unnachsichtig , fand ich ihn damals nicht . “ „ Das glaube ich ! “ sagte Heim leise . „ Damals warst Du ein Ding wie von Postpapier , das ein Hauch umwerfen konnte . Man war ja froh , wenn Du nur lebtest und übersah , wie dies meist bei schwächlichen Kindern geht , in der Angst um Deine körperliche Entwicklung die gefährliche Richtung , die Deine geistige nahm . “ „ Nun , nun , lassen Sie das nur gut sein , “ sagte Taun . „ Sie , mein Fräulein , werden das Rechte schon finden , darum ist mir nicht bange . Ihre Schriften geben Zeugnis von einer so ungewöhnlichen Begabung , daß Sie sicher die gelehrteste Frau des Jahrhunderts werden ! “ Ernestinens Augen flammten auf . Sie erhob das Haupt wie eine verdurstende Blume , die frisch begossen wurde . „ Die gelehrteste Frau des Jahrhunderts ! “ Dieses Wort fiel befruchtend in das Allerheiligste ihres Ehrgeizes . Heims Grobheit war vergessen . „ Das sagen Sie mir in einem Jahrhundert , in dem eine Karoline Herschel , eine Dorothea Rodde gelebt ? “ 72 Herbert , der von weitem die Unterredung belauschte , wandte sich an Moritz und fragte diesen leise : „ Wer war denn Dorothea Rodde ? Von der Schwester Herschels habe ich wohl gehört , weil sie eben die Schwester Herschels war , aber von der zweiten weiß ich nichts . “ „ Ja , hören Sie , da bin ich zuviel gefragt , “ lachte Moritz . „ Wer kann sich denn um die Großtaten all der Blaustrümpfe kümmern , die ein empfindsamer < < Frauenlob > > in irgend einer alten Scharteke verewigt hat ? “ 73 Ein finsterer Blick Ernestinens traf ihn . Sie hatte verstanden , wovon die Rede war , und heißer Zorn kochte in ihr auf . Zum Überfluß fragte auch noch Angelika über den Tisch herüber : „ Johannes , bitte , die Herren möchten gerne wissen , wer Dorothea Rodde war . “ Johannes zuckte die Achseln , „ Ich weiß es nicht . “ „ Sie — auch Sie nicht ! “ sagte Ernestine . „ Ist es denn möglich ! Diese Frau , die große Tochter des großen Gelehrten Schlözer kennt Niemand ? 74 Sie starb erst achtzehnhundertvierundzwanzig und schon ist sie vergessen ? “ „ Sie muß doch eben nichts von Bedeutung für die Wissenschaft geleistet haben , “ meinte Johannes . „ Sonst wäre sie nicht verschollen . “ „ Eine so merkwürdige Erscheinung wie diese Frau , sollte ich meinen , wäre an sich schon von Bedeutung für die Wissenschaft , wenn diese , ihr auch keine direkten Beiträge zu danken hätte . Es ist wohl immerhin für den Psychologen wie für den Physiologen interessant genug , daß es eine Frau gab , die so viel lernen konnte wie Dorothea Rodde — wenn sie auch nicht selbstlehrend auftrat . Nicht Jeder ist produktiv , es werden Namen von Männern hochgeehrt , die auch nichts weiter waren , als fleißig . Übrigens hätte Dorothea sicher noch Großes vollbracht , wenn sie nicht die Torheit begangen hätte , sich zu verheiraten75 und somit ihre wissenschaftliche Entwicklung in der Blüte zu hemmen , ja gänzlich vom Schauplatz abzutreten . Sie begrub sich lebendig , und die Welt ist gar zu bereit , Asche auf den Sarg einer Frau zu streuen . Wäre sie ein Mann gewesen , so hörte man heute noch von dem Phänomen , daß ein Jüngling von siebenzehn Jahren alle toten und lebenden Sprachen redete , Chemie , Arzneimittellehre , Anatomie und Mineralogie gründlich trieb und im achtzehnten Jahre von der Göttinger Universität nach einem glänzenden Examen zum Doktor der Philosophie gemacht wurde ! Doch freilich — sie war nur ein Mädchen , welches in so zartem Alter das Alles leistete , und wenn eine frühere , weniger egoistische und neidische Zeit es anerkannte , so muß es die klügere Gegenwart um so beharrlicher leugnen . “ Eine peinliche Pause entstand . Jeder war mit seinen besonderen Gedanken beschäftigt . Jeder unangenehm berührt . Die schöne , stille Ernestine hatte plötzlich die Klauen gezeigt ! Die Staatsrätin legte schweigend Messer und Gabel hin , die Lust zu essen , war ihr vergangen . Johannes betrachtete Ernestine mit trübem Blick und schüttelte leise das Haupt . Herbert allein wurde immer vergnügter , je ernster die Andern , und schaute zu Elsa hinunter , die am andern Ende der Tafel saß und in wehmütige Träumereien versunken Blumen und Gräser aus den großen Vasen auf dem Tische zog , um sich als Ophelia damit zu schmücken — aber ach , Hamlet hatte kein Auge für ihren holden Wahnsinn ! „ Darf ich Sie bitten , mich der Dame vorzustellen ? “ sagte Herbert zu Johannes . „ Herr Professor Herbert , “ sagte dieser und fügte nachdrücklich bei : „ Ihr erbittertster Gegner ! “ Ernestine verneigte sich leicht und maß Herbert mit einem feindlichen Blick . „ Dürfte ich mir erlauben , “ begann er hämisch , „ Sie , geehrtes Fräulein , um Belehrung zu bitten , inwiefern die bloße Tatsache , daß eine Frau einige Sprachen spricht — alle , wie Sie vorhin meinten , werden ’ s wohl nicht gewesen sein — inwiefern diese Tatsache von Interesse für die Wissenschaft sein soll ? “ „ Ja , darauf wäre ich auch neugierig ! “ rief Moritz . Ernestine blickte Beide fest an . „ Ich bin gerne bereit , Ihnen das zu erklären . Ich hätte nicht gewagt , es zu tun , wenn Sie mich nicht dazu aufforderten , denn ich hätte es für eine Beleidigung gehalten , vorauszusetzen , daß Sie einer solcher Erklärung bedürften ! “ „ Der Hieb saß ! “ bemerkte Moritz mit Humor . „ Wir streiten , meine Herren , ich bin auf Vergeltung gefaßt ! “ sagte Ernestine und fuhr fort : „ Ich dachte , die Leistungsfähigkeit einer Dorothea Rodde sei mindestens ein ebenso bedeutsamer Beitrag zur Naturgeschichte der Frauen , als die Beispiele merkwürdiger Instinkte von Tieren , welche die Zoologen so eifrig aufsuchen . Oder ist die Naturgeschichte der Frauen weniger interessant , als die der Affen ? “ 76 „ Wir pflegen die Frauen weder als solche zu betrachten , noch zu behandeln , “ warf Möllner ernst dazwischen . „ Nun denn , wenn Sie ihnen wirklich die Stufe ebenbürtiger Wesen einräumen , so wäre Dorotheens eminentes Talent schon deshalb für die Wissenschaft von Wichtigkeit , weil es ihr Anhaltspunkte für die Erforschung des Verhältnisses des weiblichen zum männlichen Gehirn bieten könnte , eine Aufgabe , die noch keineswegs gelöst , ja deren soziale Wichtigkeit nicht einmal erkannt ist , sonst müßte schon viel mehr in diesem Punkte geschehen sein , sonst würde sie nicht von Vielen mit einer so frivolen Gleichgültigkeit behandelt ! 77 Ich , meine Herren , lebe der Überzeugung , daß der große Streit über Emanzipation der Frauen nur spruchreif wird durch die Physiologie , denn sie allein ist im Stande , nachzuweisen , ob die materiellen Bedingungen des Denkvermögens bei der Frau in dem Maße vorhanden sind wie bei dem Manne , und sind sie es , wer will dann noch der Frau das Recht bestreiten , dem Manne selbstständig in der geistigen Welt gegenüber zu stehen ? “ „ Noch sind wir aber nicht so weit , “ warf Johannes ein , „ noch ist das nicht bewiesen ! “ „ Aber auch nicht das Gegenteil , “ sprach Ernestine . „ Deshalb eben wäre es meiner Ansicht nach ganz am Platze , wenn die Physiologie dann und wann die Geschichte zu Hilfe nähme und den Sektionen berühmter Frauen mehr Aufmerksamkeit schenkte ! “ „ Und was wäre damit erreicht ? “ „ Können Sie mich das im Ernste fragen ? Würde ein für die Frauen günstiges Resultat solcher Forschungen nicht der ganzen sozialen Regelung des Verhältnisses der Geschlechter einen Stoß geben ? Und ist die Beziehung , in welche so die Physiologie zur Moral tritt , nicht für die erstere ein Triumph , auf den sie stolz sein kann ? “ „ Das wäre Alles recht gut , “ meinte Moritz , „ wenn die ganze Frage überhaupt der Mühe lohnte . “ „ Ihnen freilich nicht — aber uns ? Was kümmert Sie die Stellung der Frauen , ihre Fähigkeit oder Unfähigkeit ? Wenn nur Ihre Frauen die rechte Stellung einnehmen , d.h. wenn sie Ihnen gehorsame Dienerinnen sind , die Fähigkeit haben , gut zu kochen und Ihre Kinder zu erziehen , dann ist Alles gut und die erste Frage , die der Mensch an die Weltordnung zu stellen hat , ist gelöst ! “ Ein allgemeines Murren antwortete auf diesen Ausfall , doch Ernestine war in Leidenschaft geraten und fuhr fort : „ Der Schmerz über diese engherzige Gleichgültigkeit war es , der mich trieb , mich den Naturwissenschaften zu widmen . Ich , meine Herren , will es versuchen , das Interesse und den Eifer der Gelehrten mehr auf diese Forschungen hinzulenken . Lächeln Sie nicht , gelingt es mir auch nicht , selbst etwas in dieser Sache zu leisten , gelingt es mir nur , durch meine Bestrebungen Andere anzuregen , so ist diese eine Aufgabe wert , ein ganzes Dasein daran zu setzen . Wenn es mir von einer minder skrupulösen Universität ermöglicht wird , die dazu nötigen anatomischen und physiologischen Studien zu machen , dann sollen diese psychisch und physisch gleich wichtigen Untersuchungen der einzige Zweck meines Lebens sein . “ „ Aber , mein Fräulein , “ sagte Johannes düster , „ was wollen Sie denn noch finden , das Ihren Zwecken entspräche ? Wir haben ja zur Evidenz nachgewiesen , daß das weibliche Gehirn absolut leichter wiegt , als das des Mannes und ... “ „ Haben Sie auch nachgewiesen , daß das Gewicht allein es ist , worauf es ankommt ? “ „ Das nicht , aber es stimmt doch meistens ! “ „ Meistens , wenn es einmal nicht stimmt , so ist der Beweis erschüttert . Wohl hatten Byron , Cuvier und Andere auffallend schwere Gehirne , — dafür sank das Gewicht des Gehirns von Gelehrten wie Hermann , Hausmann , selbst unter das Gewicht normaler weiblicher Gehirne herunter.78 Wir sehen also , daß es auf das Verhältnis des Gehirns zum Körper , ja auf das der einzelnen Hirnteile zu einander ankommt , vielleicht auch auf die verschiedene Menge der grauen Substanz , — und daß das relative Gewicht des weiblichen Gehirns nicht geringer als das des männlichen , ist in dieser Frage die einzige sichere Errungenschaft , deren sich die Physiologie rühmen darf . “ Sie schlug das Auge inbrünstig auf . „ O könnte ich einen Funken Licht in dieses dunkle Chaos werfen , dann wollte ich gern sterben . “ „ Aber mein Fräulein , “ sagte Herbert in belehrendem Tone , „ da doch das Weib in Allem zarter und schwächer ist als der Mann , so ist es nur natürlich , daß auch ihr Gehirn leichter und kleiner ist und sie daher nicht denken und geistig arbeiten kann wie er . “ „ Aber Herr Professor , “ erwiderte Ernestine , und ein schlimmes Lächeln spielte um ihre Lippen , „ Sie hören doch , daß es nicht auf das absolute , sondern auf das relative Gewicht ankommt . Sonst wäre ja der größte und stärkste Mensch auch der klügste — und Sie , mein Herr , wären der kleinste . Geist unter den Anwesenden , denn Sie sind doch wohl der kleinste Mann hier ! “ Wieder entstand eine Pause der höchsten Verlegenheit . Viele konnten nur mit Mühe das Lachen verbeißen , als sie das wütende Gesicht des winzigen Männchens sahen . Andern war es peinlich , der Szene beizuwohnen . Ein solches Benehmen war denn freilich in den Annalen der ehrwürdigen Professorenkreise von einer Dame unerhört , und so folgerecht und natürlich es für die , welche Ernestinen kannten , aus ihrer Art zu denken und zu sein , hervorging , so überraschend , abstoßend und unbegreiflich war es für die Fremden — am Meisten für die Staatsrätin , der jedes schroffe Wort des Mädchens Essig in eine Wunde goß . Das alte Schicksal blieb auch hier nicht aus : Sie war eben nicht wie die Andern — ohne es zu wollen , hatte sie Alle abgeschreckt . Die Absonderlichkeit haftete ihr an , sie mochte sein , wo sie wollte . Keiner teilte ihre Interessen , sie hatte mit Niemandem etwas gemeinsam — sie war und blieb vereinzelt — allein ! Selbst Johannes schwieg gedankenvoll , sie suchte schüchtern sein Auge und fand es nicht . Elsa spielte noch immer ohne Publikum Ophelia und dachte darüber nach , wie süß es sei , magdlich zu dienen , wenn es nur Einer von ihr fordern wollte . Ach , Keiner wollte sich überzeugen , wie lieblich sie gehorchen könne . Und sie summte leise Ophelias Worte auf Englisch vor sich hin : Geziert mit Blumensegen , Das unbetränt zum Grab ’ mußt ’ geh ’ n Von Liebesregen . 79 Frau Taun blickte bedenklich nach Ernestinen hinüber . Sie fing an , die Idee mit den lebenden Bildern fallen zu lassen , — mit solcher Unverträglichkeit brächte man ja kein Ensemble zu Stande und dann die Unterhaltung bei Tische ! Sie konnte doch ihren jungen Gästen nicht zumuten , anatomische Abhandlungen mit anzuhören . Herbert bemerkte die Bresche in Frau Tauns guter Meinung und beeilte sich noch eine mörderische Spitzkugel hineinzuschießen . „ Sie hat nicht einmal die gewöhnlichste gesellschaftliche Bildung ! “ Die übrigen Damen in der Nähe nickten beistimmend . Gott sei Dank , dieser Ausbund von Schönheit und Gelehrsamkeit besaß wenigstens etwas nicht , was sie Alle in hohem Grade besaßen , und hatte es dahin gebracht , sich den Herren , welche ihrer Erscheinung ein so gefährliches Interesse zeigten , unausstehlich zu machen . Eine Dame zupfte die andere . „ Wie sie den Ellenbogen auf den Tisch stützt ! “ „ Wie unpassend ! “ „ Nun sieh einmal an , wie schnell Du Dir die Leute zu Feinden gemacht hast ! “ sagte der alte Heim . , ,Du hast von Deinem Standpunkt aus nicht Unrecht , aber wer wird denn so mit der Tür in das Haus fallen , in dem man gastlich aufgenommen sein will ? Wer mit Menschen zusammengehen will , muß ihnen nicht gleich auf die Hühneraugen treten ! “ „ Ich will mit diesen nicht zusammengehen , “ sagte Ernestine . „ Freilich willst Du ’ s — mußt es wollen . Denkst Du denn , Du bedarfst keiner Huelfe , keiner Unterstützung — Du kannst Alles allein machen in der Welt ? Wie unpraktisch , wie über alle Maßen ungeschickt ! “ „ Ich verstehe Sie nicht , Vater Heim . “ „ Ich glaub ’ s wohl — “ Angelika unterbrach das Gespräch , indem sie Ernestinen eine Schüssel mit Creme reichte , die allgemein gelobt wurde . „ Von dem müssen Sie essen , Fräulein , ich habe es selbst bereitet , das ist mein Stolz ! “ „ Du hast ja gehört , daß Fräulein von Hartwich die edle Kochkunst sehr geringschätzt , — rühme Dich deren also ja nicht vor ihr , “ spottete Moritz . Angelika sah mitleidig Ernestinens Beschämung bei diesen Worten , und während sich die Damen in ein eingehendes Gespräch über die Zubereitung des Aprikosencremes verwickelten , sagte sie freundlich : „ Sie haben wohl Recht , wenn Sie es tadeln , daß wir Frauen solchen Dingen zu viel Wichtigkeit beilegen , aber es gehört denn doch zum Leben und ganz darf man es nicht übersehen ; wozu hätte uns denn der liebe Gott Geschmacksnerven gegeben , wenn wir uns nicht am Wohlgeschmack unserer Speisen erfreuen sollten . Es ist so natürlich , daß man Denen , die man liebt , das Leben nach allen Seiten hin angenehm zu machen sucht und ihnen auch selbst für die untergeordnetsten Genüsse sorgt , wozu Sie mit Recht Essen und Trinken zahlen . “ „ Verzeihen Sie die Frage , “ sagte Ernestine , „ wäre dieser Genuß nicht auch durch die Hände einer Köchin zu bereiten , während Sie Ihre Zeit zu etwas Besserem verwendeten ? “ „ Ja , “ rief Angelika unter allgemeiner Heiterkeit , „ wenn man das Geld hat , achtzig Gulden für eine ordentliche Köchin zu bezahlen , dann freilich . Wenn man es aber nicht hat — wie wir , da muß man schon mitunter selbst an den Herd oder schlecht essen . Das will man aber doch solch armem Manne , wenn er hungrig von seiner schweren Arbeit heimkommt , nicht zumuten und ich versichere Sie , wenn ich sehe , daß meinem lieben Moritz etwas schmeckt , was ich ihm selbst zubereitet — das ist eine Freude fast so groß wie die , ein Kind zu nähren . “ Ernestine blickte sie starr an , — das ging über ihren Horizont . Angelika schmiegte das Köpfchen an ihres Gatten Schulter : „ Deshalb sind wir doch noch lange keine Mägde . Was man aus Liebe tut , das kann nicht erniedrigen ; wenn man freiwillig gehorcht , so ist man ja nicht geknechtet ! Folgen muß man doch irgend Jemandem im Leben — warum nicht dem Manne , der uns beschützt und für uns arbeitet ? “ Und sie ergriff Moritzens Hand und drückte verstohlen einen Kuß darauf . „ Wenn wir selbst für uns arbeiten lernen , “ meinte Ernestine , „ braucht es kein Anderer zu tun und wir sind Niemandem verpflichtet , von Niemandem abhängig ! “ „ Ach “ — sagte Angelika und ein reizendes Lächeln verklärte ihre Züge , ihre großen Kinderaugen blinzelten Moritz schalkhaft an : „ Wir können sie ja doch nicht entbehren , die gestrengen Herren der Schöpfung , — ich wenigstens möchte nicht leben ohne meinen Moritz , und wenn ich noch so reich und klug wäre ! “ Ein wahrer Beifallsjubel lohnte diese allerliebste Aufrichtigkeit , es war , wie wenn plötzlich ein frischer Luftzug durch ein schwüles Krankenzimmer weht , man atmete auf , Angelikas reine , echte Natürlichkeit tat Allen wohl auf die „ finsteren verschrobenen Anschauungen “ , die man von Ernestinen hatte hören müssen . „ Und diese Närrin hoffst Du noch zur Vernunft zu bringen ? “ flüsterte Moritz Johannes zu . „ Ja ! “ entgegnete dieser kurz und scharf . „ Na , ich wünsche Dir Glück zu der Arbeit , ich möchte mir kein Weib so sauer verdienen ! “ Das Souper war zu Ende . Die Staatsrätin hob die Tafel auf . Man trat in ein Nebenzimmer , wo Punsch herumgereicht wurde . Johannes führte Ernestine schweigend hinein . Die Pflichten des Wirtes zwangen ihn , sie zu verlassen . Sie stand allein inmitten des Zimmers und sah sich im Kreise um nach Jemandem , an den sie sich wenden könne . Keiner näherte sich ihr . Die Damen steckten flüsternd die Köpfe zusammen und sahen nach ihr hin , die Herren bildeten Gruppen für sich und kehrten Ernestinen entweder den Nacken oder betrachteten sie durch ihre Brille . Sie stand allein wie auf einer Bühne vor einem Publikum . Sie wußte nicht , was sie machen sollte . In eine Ecke flüchten , das dünkte ihr so feige und unwürdig und doch hielt sie dies Kreuzfeuer stechender Blicke jetzt so wenig aus wie vor Jahren , als sie es auch in der Gesellschaft bei der Staatsrätin über sich ergehen lassen mußte . Was half ihr nun ihr Geist und Wissen ? Sie war und blieb gemieden , verkannt , mißachtet bei den Gebildeten wie bei den Bauern . Was war es nur für ein Verhängnis , das über ihrem Haupte hing ? Wer konnte ihr wohl dieses Rätsel lösen ? Da wurde ihrer Qual ein unverhofftes Ende gemacht . Elsa schwebte an Möllners Hand auf sie zu . „ Fräulein Herbert wünscht , Ihnen vorgestellt zu werden , “ sagte dieser . Ernestine blickte verwundert auf das seltsame , blumenbekränzte , alte Kind nieder und ergriff zögernd das dargebotene feuchte , faserige Händchen . „ Ich bat meinen — unsern Freund “ — sie sah sich um , Möllner war bereits wieder zu andern Gästen getreten — „ uns mit einander bekannt zu machen , weil ich mich , ach ! so wunderbar zu Ihnen hingezogen fühle . Ihr Gespräch über das Gehirn hat tief in meine Gedankenwelt eingegriffen , denn Sie müssen wissen — auch ich schwärme für die Naturforschung und bin eine halbe Gelehrte . Ich treibe Phrenologie ! Ich bin eine Jüngerin Schewes , dessen treffende Diagnose meiner Eigenschaften mich für die Gall ’ sche Lehre gewann.80 Gott , wie genußreich müßte es sein , wenn ich mit Ihnen , die Sie so umfassende Studien über das Gehirn machten , dieses Thema eingehender besprechen dürfte — ich bin überzeugt , wir würden uns verstehen ! Vor allem aber müssen Sie mir gestatten , Ihren Kopf zu untersuchen — diesen merkwürdigsten aller Frauenköpfe ! Welch reiche Ausbeute wird er mir liefern , kommen Sie , setzen Sie sich ! “ Ernestine machte eine ungeduldig abwehrende Bewegung . „ Wie — Sie wollen nicht ? O — fürchten Sie nicht , daß ich zum enfant terrible81 werde und verrate , was ich gefunden ; — ich plaudere nichts aus ! “ „ Das fürchte ich nicht , “ erwiderte Ernestine schroff , „ wenn Sie meinen Charakter an meinem Schädel erkennen könnten , brauchten Sie das Resultat nicht zu verschweigen , ich habe nichts zu verbergen . Aber ich gebe mich nicht zu Spielereien her . “ „ Spielereien nennen Sie das ? “ rief Elsa und rang die dürren Händchen . „ So glauben Sie nicht an die Gall ’ sche Lehre ? “ „ Glauben , was heißt glauben ? “ sagte Ernestine . „ Ich glaube an nichts , was nicht bewiesen ist — und ist es bewiesen , dann glaube ich es nicht mehr , sondern ich weiß es . Die Gall ’ sche Lehre ist eben so , wie die Lavater ’ sche Physiognomik , 82 eine auf zufällig zusammentreffende Wahrnehmungen gestützte Hypothese , die nur den Müßiggänger lockt , den ernsten Arbeiter jedoch nicht seitab von seinem Wege lenken kann . “ „ O Sie schneiden mir in das Herz , “ wimmerte Elsa , die den wissenschaftlichen Nimbus , in den sie sich gehüllt , so schmählich abfallen sah wie eine goldpapierene Theaterglorie . Sie war tief verletzt . Sie hatte es so gut gemeint , sie hatte sich überwinden und sich Möllner zu Liebe Ernestinen ehrlich anschließen wollen . Er sollte sehen , wie selbstverleugnend und neidlos ihr verwundetes Herz der Nebenbuhlerin entgegenschlug . Sie hatte sich so gefreut , der Gelehrten nicht mit ganz leeren Händen zu nahen , denn so viel sie von dem anatomischen Tischgespräch verstanden , stimmte dies ganz herrlich mit der Gall ’ schen Lehre , die sie erst kürzlich erlernt , um Möllners Kopf untersuchen und mit ihren entzückten Fingerspitzen einmal in seinen dichten Haaren wühlen zu dürfen . Und nun hoffte sie sich durch diese , ihre einzige wissenschaftliche Kenntnis der Geliebten des Geliebten angenehm zu machen — aber selbst das sollte mißglücken , selbst diese entsagungsvolle Freude zerstört werden ! O — Ernestine war ein hartes , ein furchtbares Weib ! Als Elsa zu Ernestinen getreten , hatten sich die Herren untereinander angestoßen : „ Nein , seht einmal die Elsa und die Hartwich beisammen — das ist kostbar — da muß man horchen . “ So zog sich der Kreis immer näher um die Beiden herum . Endlich konnte Moritz , der , wie ein Kind seine Puppe , immer seine Frau im Arm hatte , sich nicht enthalten , mit hineinzureden , denn der Humor schlug ihn allzu sehr in den Nacken und er jagte einem Spaße nach , wie der Knabe dem Schmetterling . „ Nun sagen Sie ’ mal , Fräulein Elsa , was hat Ihnen denn der Schewe eigentlich von Ihrem Kopfe heruntergelesen ? “ fragte er . „ Was ? “ Elsa lächelte verschämt , — sie übte doch eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf die Herren aus , da waren sie schon wieder alle um sie versammelt . „ Was ? Ja sehen Sie , das verbietet mir die Bescheidenheit , zu erzählen . “ „ Da war er wohl recht galant ? " „ Allerdings ! “ „ Ach so , deshalb fanden Sie seine Diagnose so treffend ! “ lachte Moritz und Alle andern mit . Elsa wurde sehr verlegen . „ Das eben ist es , was diesen Mann so unfehlbar macht , “ sagte Moritz . „ Er schmeichelt Jedem — und deshalb glaubt ihm Jeder . “ „ O wie unrecht tun Sie ihm , “ verteidigte Elsa . „ Er meint es so ernst mit seiner Wissenschaft . Er kann auch grob sein , gewiß — gegen Sie , Professor Kern , wäre er sicher grob ! “ Die Herren brachen wieder in schallenden Jubel aus : „ Fräulein Elsa wird böse . “ „ Ergrimmte Taube , Lamm mit Wolfesgier , “ zitierte der Dozent mit den kaum ausgetretenen Studentenschuhen.83 „ Ach , ich bewundere diesen Mann so sehr , “ sagte die Gekränkte . „ Er ist ein Virtuos des Tastsinns — nein mehr ! Er fühlt nicht nur , er denkt und sieht mit seinen Fingerspitzen . Als er mich untersuchte und sich dann geschlossenen Auges zur Seite stellte , um zu rekapitulieren , was er gefunden , da kam es mir vor , als hielte er meine Seele wie einen aus dem Neste genommenen Vogel zwischen seinen prüfend geschlossenen Fingern . “ „ Ei , ei — er hat sie doch nicht behalten ? “ „ O nein , er gab sie mir zurück , er schenkte sie mir neu , da er mich sie verstehen lehrte . “ „ Nun , wenn er Sie in seine Kunst eingeweiht hat , Fräulein Elsa , so zeigen Sie sie doch an uns ! Hier wären Nester mit allerlei Käutzchen auszunehmen , wir wollen uns unsere Seelen auch einmal besehen . “ „ Ich wollte soeben Fräulein von Hartwich untersuchen , aber sie gestattete es nicht . “ „ O wir sind sämtlich bereit , “ rief Moritz und alle Herren bückten sich und streckten Elsa ihre Köpfe hin . , ,Laßt sie doch , “ bat Angelika ihren Mann . „ O nein , liebe Angelika , “ sagte Elsa , die heute um jeden Preis interessant sein wollte , „ ich fürchte die Probe nicht , denn ich bin meiner Sache sicher . Aber sie muß dann auch ernst genommen werden . Die Herrschaften müssen sich sämmtlich vermummen , damit ich sie nicht erkennen kann . “ „ Ja , ja , das soll geschehen ! Das gibt einen Hauptspaß ! “ schrieen die vom Punsche aufgeheiterten Herren . „ Fräulein Elsa