um ihr zu sagen , daß Graf Urlich um ihre Hand angehalten und daß er sie ihm versprochen hätte . Hier schwieg Eberhard , preßte die Lippen zusammen und sein fahler Blick , der Agathe nie so sehr wie jetzt an den des alten Freiherrn erinnert hatte , bekundete einen unheilbaren Schmerz . In groben Zügen kannte Agathe diese Geschichte ; so aber , wie sie sie jetzt gehört hatte , regte sie ihr tiefstes Gefühl auf . » Man muß vergessen können , « sagte sie . » Vergessen ? Nein , das kann ich nicht , hab ich nie gekonnt . Mag ' s ein Laster sein oder eine Tugend , vergessen kann ich nicht . Emilie , die noch ein halbes Kind war , wurde mit der Zeit gefügig gemacht . Aber daß meine Mutter damals nicht alles aufgeboten hat , um diese Greueltat zu verhindern , daß sie darüber in ihre wehselige Schwäche versunken ist , das war die furchtbarste Erfahrung meines Lebens . « » Es ist deine Mutter , Eberhard . Nie und nimmer hat ein Sohn das Recht , die Mutter zu verurteilen . « » Nicht daß ich wüßte , « antwortete Eberhard frostig . » Auch Mütter sind Menschen . Auch Mütter können sündigen , wenn sie uns den Wurmfraß des Zweifels und des Lebensekels als Mitgift geben . Vater und Mutter , Eltern ; sie sind ein Symbol , ein herrliches , wenn sie über uns schweben , verehrungswert . Sie sind nur Begriffe , Schemen nur , wenn nichts als Pflicht mich an sie bindet . Es gibt keine andere Pflicht als die Liebe . « Sylvia hatte nichts gesprochen . Unbewußt befolgte sie das schönste Gesetz harmonischer Seelen , nicht durch Worte und Gründe , sondern durch reines Sein zu wirken . Zustimmung und Abwehr lagen wie Licht und Schatten auf ihrer Stirn . Dadurch erinnerte sie Eberhard immer mehr und mehr an Lenore . Vielleicht war es die Macht dieser Erinnerung , die ihn im Lauf des Abends endlich zu dem Versprechen bewog , am nächsten Tag mit Agathe zu seiner Mutter zu gehen . Die einzige Bedingung , die er stellte , war , daß man ihn vor einem Zusammentreffen mit seinem Vater sicherte . Als Frau von Erfft ihn hierin unerbittlich sah , gab sie sich zufrieden , hatte aber die vertrauensvolle Vorahnung , daß die Ereignisse und die Stunde stärker sein würden als Wille und Absicht . 5 Beim Betreten des Boudoirs seiner Mutter fiel Eberhards erster Blick auf die Alabasteruhr , deren Zifferblatt von drei Figuren getragen wurde , welche die Töchter der Zeit darstellten . In seinen Knabenjahren hatte ihm die Uhr immer etwas höchst Poetisches bedeutet , etwas wie die Erfüllung sehnsüchtiger Wünsche . Die Freifrau war von ihrer Schwester vorbereitet worden . Während Eberhard mit Sylvia im Erkerzimmer gewartet hatte , waren einige Leute von der Dienerschaft an der Tür gestanden und hatten scheu miteinander geflüstert . Eberhard ging auf seine Mutter zu und küßte ihr die Hand . Das Gesicht der Freifrau hatte eine Färbung wie Blei . Ihre Augen waren weit aufgerissen , gleichwohl schien sie fast ohne Besinnung . Abseits stand Emilie ; die Finger ihrer auf die Brust gedrückten Hände bewegten sich wie in Konvulsionen . Frau Agathe suchte der Situation das Feierliche und Unnatürliche zu nehmen und begann in launigen Worten von Eberhards Asyl auf dem Burgberg zu erzählen . Baronin Clotilde schaute ihren Sohn gespannt und furchtsam an . » Ich erkenne ihn ja kaum , « sagte sie mit heiserer Stimme ; » er hat sich so verändert . « » Auch du , Mutter , hast dich verändert , « brachte Eberhard hervor , und das Drosselbartkinn verkroch sich in den Ausschnitt des Rocks . Er war stocksteif . Agathe musterte ihn voll Ärger und Befremdung . Er sah aus , als quäle ihn während des ganzen Vorgangs die unsäglichste Langeweile . Aber es war nur eine Maske . Indem er die Mutter anschaute , das alte , verschwommene , müde , zaghafte Gesicht , wurde er sich seiner Verfehlung bewußt , spürte er , daß es nicht galt , das Wort : » Mütter sind auch Menschen . « Er hatte hier etwas gut zu machen , hier war eine Tat notwendig , und es schien ihm , daß schon sein nächster Schritt zu unabwendbarer Selbstverachtung führen müsse , wenn er die sittliche Tat der Reue unterließ . Als er so mit sich rang und wie gelähmt in den Aufruhr seines Innern starrte , war der Blick eines Augenpaars hinter die scheinbare Unempfindlichkeit gedrungen . Über Sylvias Wangen schoß eine jähe Röte ; sie schritt auf ihren Vetter zu und packte seine Hand . Er schrak sichtlich zusammen ; sofort begriff er , daß sie ihn erraten hatte und seinen Kampf zur Entscheidung bringen wollte . Sie führte ihn aus dem Zimmer ; er folgte ihr ; sie führte ihn durch den Speisesaal , den Empfangsraum , das Rauchzimmer , die Bibliothek bis zu den Zimmern des Freiherrn . Agathe , Emilie und die Baronin hatten sich staunend einander angesehen . Sie waren zur Schwelle des Boudoirs gegangen und lauschten in atemlosem Schweigen . Mutig öffnete Sylvia die Tür . Der alte Freiherr saß auf dem Ledersessel vor dem Ofen . Seine Beine waren in einen Schal gewickelt ; der Ausdruck seines Gesichts war von einer geradezu steinernen Kälte . Kaum hatte er die beiden gewahrt , so sprang er empor , als hätte der Blitz neben ihm gezündet . Er wankte ; er tastete um sich ; ein ersticktes Gurgeln kam aus seiner Kehle . Da trat ihm Eberhard gegenüber und streckte die Hand aus . Eine Sekunde lang schien es , als wolle der alte Mann niederbrechen . Eine letzte Flamme von Groll und Haß zuckte wild aus seinen blauen Augen , dann streckte auch er die Hand aus , und sein Arm zitterte , während sich auf den Backen dicke , bebende Muskelknoten bildeten . Sylvia hatte die Türe leise zugemacht und war verschwunden . Bange Minuten verflossen , und nichts geschah , als daß jeder des andern Hand in der seinen hielt und seinen Blick in das Auge des andern bohrte . Nur das Knistern des Ofenfeuers unterbrach die Stille . » Gerade noch zu rechter Zeit , « murmelte der alte Freiherr ohne aufzublicken verloren vor sich hin , » gerade noch zu rechter Zeit . « Eberhard antwortete nicht . Er stand regungslos da , die Hacken geschlossen , wie ein junger Offizier vor seinem Vorgesetzten . Nach einer Weile drehte er sich um und verließ langsam das Zimmer . In der Bibliothek wartete Sylvia . Die Dämmerung ließ nur den Umriß ihrer Gestalt erkennen . Eberhard faßte sie an und flüsterte : » Ich glaube , ich habe doch keinen Vater mehr . « 6 Noch in derselben Nacht war der alte Freiherr abgereist . Mitten in der Nacht ; um vier Uhr hatte ihn sein Diener auf die Bahn begleitet . Auf seinem Schreibtisch fand man am Morgen zwei Briefe ; einer war an Eberhard gerichtet , der andere an die Freifrau . Der letztere enthielt nur einen Abschiedsgruß , jener war etwas ausführlicher gefaßt , gab die Genugtuung darüber kund , daß Eberhard , den er als Chef des Hauses willkommen hieß , zu seiner Familie zurückgekehrt sei , deutete an , daß er ihm alle gesetzlichen Machtbefugnisse binnen kurzer Frist erteilen werde und schloß mit dem überraschenden Satz : » Was mich selbst betrifft , so werde ich nunmehr in die katholische Religionsgenossenschaft eintreten , um den Rest meines verfehlten Lebens zu Viterbo im Dominikanerkonvent della Guercia zu verbringen . « Keine Gefühlsergüsse , keine Erklärungen , keine Bekenntnisse , nur die nackte Tatsache . Die Freifrau war weder erstaunt , noch erschrocken . Sie fiel in dumpfes Sinnen , dann sagte sie : » Er war niemals froh . Er war niemals in seinem ganzen Leben froh . Ich habe ihn niemals von Herzen lachen hören , und an seiner Seite hab ich das Lachen verlernt . Von jeher ist seine Brust ein Kloster gewesen , ein Ort der Düsterkeit und Strenge . Er hat heimgefunden , weiter nichts , und mag wohl müde sein von dem langen Weg zu seiner Seele . « » Dummes Zeug , Clotilde ! « rief da Frau von Erfft heftig . » Das mit dem Lachen mag schon stimmen , und ein Mensch , der nicht lachen kann , ist ein halbes Tier . Aber muß deswegen ein gebildeter Mann zu solchem Mittel greifen , um zum Frieden mit sich und seinem Gott zu gelangen ? Ein Mann , der ein Beispiel zu geben verpflichtet ist ? Ist noch nicht genug Finsternis in den Köpfen ? Muß man die Fackeln auslöschen , bei denen man Wache gehalten hat ? Hier hat mein Verzeihen ein Ende , da bin ich Weltkind ganz und gar und steh lieber bei denen , die für Heiden gelten und uns Werke des Lichts und der Erleuchtung geschaffen haben . « Bei diesen Worten trat Eberhard ein , und als sie in sein Gesicht schaute , war Frau von Erffts Gedanke : auch er kann nicht lachen . Der Glaubenswechsel des Freiherrn von Auffenberg verursachte überall im Lande die größte Erregung . Die liberalen Zeitungen brachten geharnischte Artikel , in den liberalen Vereinen wurden flammende Proteste gegen die schleichenden Umtriebe Roms erhoben ; die ultramontanen Parteigänger jubelten und benutzten die wunderbare Rückkehr eines Ungläubigen in den Schoß der allein seligmachenden Kirche kräftig zur Werbung neuer Jünger und Anfeuerung alter . Durch die Bürgerstuben wehte ein Schauer von Priestertyrannei und Geistesknechtung . Wenig berührt vom Wirrwarr der Meinungen , fand sich Eberhard rasch in die veränderte Lebenslage . Plötzlich Herr zu werden über so vieles und so viele , das erforderte Ernst und Haltung , klaren Blick und feste Hand . Übereifer und Dünkel waren seinem Wesen keine Gefahr , eher Bedenklichkeit und Vorliebe für den Platz im Schatten . Seltsam , die Fülle der Verantwortung heiterte sein Gemüt auf ; was der Anteil an der ihm zugewachsenen , sehr äußerlich bewegten Welt nicht vermochte , das vollendete Sylvias Einfluß . Im Mai begleitete er sie und ihre Mutter nach Erfft . Sie machten dort täglich gemeinsame Spaziergänge , und immer wieder erzählte Eberhard von Lenore ; erst scheu und verhalten , dann , als er tieferes Vertrauen zu seiner Zuhörerin gefaßt hatte , so offen , daß diese Offenheit schon ein Zeichen innerer Befreiung war . Als er von Lenores Heirat mit Daniel Nothafft berichtete , unterbrach ihn Sylvia lebhaft und stellte einige Fragen in bezug auf Daniel . » Ach , das ist ja unser Gast von damals , « sagte sie , » das ist ja der Kapellmeister . « Und nun erzählte sie ihrerseits von dem Aufenthalt Daniels in Erfft , mit einem Lächeln , in dem Nachsicht und wiedererwachte Verwunderung lag . Auch dieses Lächeln erschien Eberhard eigentümlich lenorenhaft . Doch kam er in Sylvias Nähe , gerade weil bei ihr alles ein wenig abgeschwächt war , deutlicher zur Erkenntnis , was ihn so machtvoll zu Lenore hingezogen hatte . Er konnte es nicht in Worte oder Begriffe schließen , er fühlte nur , es war das ihm unbekannte Reich der Klänge , der unbekannte Schmelz innerer Melodie , die tönende Ordnung der in Seele verwandelten Musik . Anfangs Juni fuhr Sylvia mit Eberhard und ihren beiden Eltern nach Nürnberg zurück . Ein paar Tage später fand im freiherrlichen Haus die Verlobung statt . 7 Herr Carovius war bezahlt worden . Das Konsortium stiller Hintermänner hatte sich aufgelöst . Nie hat es einen befriedigten Gläubiger gegeben , der so unglücklich war wie Herr Carovius . Er hatte kein Wegziel mehr ; auch die Wegweiser waren zerbrochen . Das Geld hatte er bekommen , schön ; auf seinen Teil war sogar ein Profit von über sechzigtausend Mark gefallen . Aber was wog das gegen die Erwartung des großen Kladderadatschs ? Was bedeutete Wohlleben und Besitz gegen den Genuß , den man beim Fall von Gestirnen empfindet ? Was hatte noch Reiz in der Welt , nachdem diese hoffnungsvolle Angelegenheit , die als eine Tragödie begonnen und sich so gesteigert hatte , daß man glauben durfte , alle Gegensätze der menschlichen Natur würden vernichtend zusammenprallen , als ein gemeines Rührstück mit allseitiger Versöhnung geendet hatte ? Aber es lag nicht an dem allein , daß Herr Carovius , bisher eine elastische Gestalt , einer von den unverwüstlichen Junggesellen , denen keine Schranke gesetzt scheint , sich plötzlich alt werden fühlte . Eine Unruhe war in seinem Gemüt , eine böse Ahnung , eine Angst vor Wetterwechsel . Er spürte einen inneren Hunger und hatte gleichwohl keinen rechten Appetit mehr auf die Dinge . Verloren , seufzte es in ihm , verspielt und vertan . Doch es konnte denen , die sich auf seine Kosten bereichert hatten , nicht zum Gedeihen ausschlagen , das wußte er . Seine Haare fielen aus , und er bekam das Reißen in den Gliedern . Bei zehn Grad Wärme schepperte er , und wenn es regnete , blieb er zu Hause . Er fing an , sich auf eigene Faust mit der Medizin zu beschäftigen , namentlich mit der Heilwissenschaft der Altvordern . Er las die Schriften des Paracelsus und erklärte alle , die nach Paracelsus geschrieben und geforscht hatten , für Quacksalber und Giftmischer . So wurde er auch in allem Musikalischen immer krauser und wunderlicher . Er hatte einen altnürnbergischen Komponisten entdeckt , des Namens Staden , und in dessen Oper Seelewig , der ersten deutschen Oper überhaupt , wollte er den Gipfel der Kunst erblicken , über Mozart und Bach hinaus . Er spielte seiner Nichte Dorothea Arien und Chöre aus » Seelewig « vor . » Wenn du das kapierst , « eiferte er , » wenn du ' s so weit bringst , daß ich in deinem Spiel hören kann , was da drinnen liegt , Himmel und Hölle in einem Griff und Bogenstrich , dann , du Maulaffe , bin ich imstand und setz dich zu meiner Erbin ein . « Das war das sehnlich erwartete Wort für Dorothea . Es bestätigte ihre Berechnung , es krönte ihre Träume . Um es endlich zu vernehmen , war ihr keine Mühe des Werbens zu viel gewesen . Herr Carovius war ja nicht verwöhnt . Seit ihm die Schwester den Haushalt geführt , hatte sich nie ein Frauenzimmer um ihn bekümmert . Aber damals war er jung gewesen ; hatte sich noch im Wahn befunden , sie warteten auf ihn , die Weiber , und er habe bloß nötig , mit dem Finger zu winken , damit sie scharenweise herbeistürzten . Und nur weil er die Mißlichkeit der Wahl und die Unkosten gescheut , hatte er es unterlassen zu winken und ihnen großmütig die Freiheit geschenkt . Daß so eine kleine weiche Frauenhand wie die Berührung eines Zauberstabs wirken konnte , erfuhr er jetzt . Was für eine angenehme Fratze das Döderleinsche Erzeugnis hat , dachte er . Und wenn Dorothea , die ihm noch immer einredete , daß sie ihn heimlich besuchte , als sie sich der Zustimmung ihres Vaters schon lang versichert hatte , einige Tage hindurch ausblieb , wurde er ganz wild und hackte Holz in seiner Küche , um nur etwas zerschlagen zu können . Übrigens gaben die musikalischen Unterweisungen , die er Dorothea angedeihen ließ , dem jungen Mädchen einen neuen Begriff von ihrer Kunst und weckten ihren Ehrgeiz . Befriedigt von ihrer Willigkeit und ihren Fortschritten , nannte sie Herr Carovius bisweilen scherzhaft den künftigen weiblichen Paganini des Zeitalters und dichtete für sich selbst die Rolle eines dämonischen Impresarios . Aber was ihm an Dorothea immer mehr auffiel und ihn erstaunen machte , war ihr Verhältnis zu den Spiegeln . Der Spiegel übte eine unwiderstehliche Gewalt auf sie aus . Begehrliches Entzücken malte sich in ihrem Gesicht , wenn sie beim Vorübergehen ihr Bild im Spiegel fing und hielt , eine lüsterne Unruhe vorher , zurückziehende Ungewißheit nachher . Im Glanz der Augen lag stets Verlangen nach dem Spiegel , Schritt und Gebärde schienen sich im Spiegelgefühl Aufgaben zu stellen und Überraschungen zu bereiten . Die ganze Person lebte wie in Gemeinschaft mit einer geisterhaften Spiegelschwester , deren geliebten Anblick sie sich so oft als möglich zu verschaffen trachtete . 8 Es war Dorothea gelungen , ihrem Vater den Vorteil klar zu machen , der sich für sie , als der nächsten Anverwandten , aus einer liebevollen Beziehung zu Herrn Carovius ergeben mußte . Andreas Döderlein sträubte sich eine Weile , aber er konnte dem vorausblickenden Scharfblick seiner Tochter die Anerkennung nicht versagen . Als sie ihm den Auftritt im freiherrlichen Haus erzählt und die ungeheure Summe genannt hatte , die Herr Carovius mit Siegermiene eingefordert , hatte Döderlein ernst vor sich hingeblickt . Des verjährten Zwistes gedenkend , wahrte er den Schein der Unnahbarkeit und sagte : » Wir wollen uns nicht des elenden Mammons wegen erniedrigen . « Ein paar Tage später jedoch sagte er ganz von selbst , seufzend wie ein Mann , der einen schweren sittlichen Kampf glorreich bestanden hat : » Tu was du willst , mein Kind , aber laß es mich nicht wissen . « Man war ja arm . Man lebte von der Hand in den Mund . Das geringe Heiratsgut , das Herr Carovius seiner Schwester mitgegeben , war aufgebraucht . Margaret hätte Anspruch auf dreißigtausend Mark gehabt , Herr Carovius hatte ihr nur zwölftausend ausbezahlt , und dagegen war kein Appell möglich , denn Herr Carovius hatte sich von seiner sklavisch ergebenen Schwester um den Preis seiner Einwilligung in die Heirat eine schriftliche Verzichtserklärung ausstellen lassen . » Ich bin düpiert worden , « sagte Andreas Döderlein und trug seinen Groll mit Würde . Der Direktor der Musikschule starb , und Andreas Döderlein , der kraft seiner Leistungen wie auch seiner Persönlichkeit die nächste Anwartschaft auf dieses Amt hatte , erhielt die Bestallung . Seine ehemaligen Kollegen behaupteten , daß er , um dieses Ziel zu erreichen , manchen sauern Gang zu den Machthabern unternommen habe . Döderlein las in ihren Augen den Neid und lächelte . Aber es war doch ein mühseliges Leben . » Die Kunst geht nach Brot , « sagte Döderlein mit einem heroischen Fernblick . » Was für eine Position könnte ich einnehmen , was für Werke könnte ich schaffen , wenn ich Zeit hätte ! Man gebe mir Zeit , und « , - mit einer Handbewegung nach oben , - » die Adler werden mich grüßen . « 9 Herr Carovius und der Tod waren gute Freunde . So oft der Tod sein trauriges Geschäft zu verrichten hatte , klopfte er bei Herrn Carovius an , gleich als suche er neben denen , die sein Handwerk mißbilligten und verwünschten , auch einen , der es zu schätzen wußte . Aber als Herr Carovius erfuhr , daß Lenore Nothafft gestorben sei , fand er , daß sein alter Freund diesmal des Guten zuviel getan habe . Der Fall ging ihm nah . Er hatte ein zusammenziehendes Gefühl in der Magengegend und sperrte sich für die Dauer eines ganzen Tages in seinem Gerichtszimmer ein . Dort verfiel er in eine Art von Katalepsie ; sein Gesicht veränderte sich grauenhaft , wie wenn alle Bosheit , alle Hoffnungslosigkeit und alle Verzweiflung des durch Liebe nie entsühnten Menschen für alle Zeiten darin versteinert wären . Die Vorahnung hatte sich erfüllt . Es war ein regnerischer Junitag , als sie Lenore begruben , und Herr Carovius , in den schäbigen gelben Überzieher mit den großen Taschen gehüllt , war zugegen . Auch viele andere Menschen gaben Lenore das letzte Geleit . Jede Miene war ergriffen , jedes Auge aufgelockert wie die Erde ringsum . Die sie nicht gekannt , hatten doch von ihr gehört ; sie hatten gewußt , daß sie dagewesen war , auf irgendeine Weise , wie man von Himmelserscheinungen hört , und wußten jetzt , daß sie fort war . Einen Augenblick lang wurden sie zu tiefen , schauenden , fühlenden Wesen , einen Augenblick lang entäußerten sie sich ihres nichtigen Tuns , ihrer kleinen Laster , Begierden , Sorgen und Eitelkeiten und wurden inne , daß es nun weniger Wahrheit , weniger Reinheit , weniger Lieblichkeit und weniger Liebe auf der Welt gab . Herr Carovius ging nach Hause und kochte sich einen Lindenblütentee . Der half ihm oft gegen übles Befinden . Das Regenwasser tropfte auf das Sims am Küchenfenster , und Herr Carovius sagte vor sich hin : » Das war die letzte Leiche ; von nun an geh ich zu keiner mehr . « Um die Abendzeit kam Dorothea , und gleich nach ihr erschien auch Philippine Schimmelweis . Herr Carovius hatte ihr manches Fünfzigpfennigstück zugesteckt für die Spionendienste , die sie ihm geleistet , und jetzt wollte sie erfahren , was er zu dem Unglück sagte . Sein verliebtes Interesse an allem , was die Person Lenores betraf , hatte sie heimlich belustigt , doch hatte sie sich wohl gehütet , ihn dies merken zu lassen , sondern hatte bei seinen Fragen , Aufträgen , Belehrungen und bittern Betrachtungen stets einen scheinheiligen Ernst gezeigt , hatte ihn aufgestachelt , ihm plump geschmeichelt und jede Gelegenheit benutzt , seine lächerlichen Hoffnungen zu nähren . Dadurch war eine wachsende Vertraulichkeit zwischen ihnen entstanden , und die greisenhafte Liebestollheit des Herrn Carovius hatte in Philippine niedrige und verworfene Lüste geweckt . Sie sagte , sie müsse bald wieder heim ; das Kind sei eingeschlafen , das Gatter habe sie zugesperrt , aber man wisse doch nicht , was geschehen könne ; mein Gott , in einem solchen Haus geschehe gar viel , da sei es nicht wie in andern Bürgerhäusern . Die Gegenwart Dorotheas störte und ärgerte sie . Sie setzte sich auf die Ofenbank und sah das junge Mädchen mit giftigen Blicken an . Dorothea ihrerseits konnte ihren Abscheu vor Philippines unbeschreiblicher Häßlichkeit kaum verhehlen . Ihr Mund zuckte , und sie ließ das mit krächzender Stimme redende , mit verbundenem Kopf dasitzende Geschöpf nicht aus den Augen . Philippine hatte nämlich Zahnweh , und deshalb trug sie das Gesicht eingebunden . Das Tuch war abenteuerlich bunt gesprenkelt , und unter dem Hut ragten zwei Zipfel heraus . Mit Selbstgefälligkeit und Gruselfreude erzählte sie , einen wie schweren Tod Lenore habe sterben müssen . Nun sitze der alte Jordan flennend in seiner Dachkammer , der Daniel esse nicht und trinke nicht und sehe einen mit Augen an , geradewegs zum Fürchten . So weit habe er ' s nun gebracht , schmälte sie ; zwei Frauen unter der Erde , ein hilfloses Kind im Haus , keine Arbeit , keinen Verdienst , was für ein Ende werde das nehmen ? Die Kosten für die Beerdigung habe die Notarin Rübsam ausgelegt , der Daniel habe ja nicht einmal verstanden , was man zu ihm geredet , und der Alte habe keine zwanzig Mark im Vermögen gehabt . Sie werde das Elend nicht mehr lang mitansehen ; wenn der Daniel die brotlose Musiziererei und Klimperei nicht bald an den Nagel hänge , werde sie wissen , wo der Zimmermann das Loch gemacht . Gegen seine sonstige Gepflogenheit unterließ Herr Carovius alle Zeichen der Zustimmung . Auch feixte und zwinkerte er nicht , sondern starrte tiefsinnig und düster vor sich hin . Dieses Schweigen machte Philippine wütend . Sie sprang plötzlich auf , ging ohne Gruß davon und schlug erst die Zimmer- , dann die Flurtüre hinter sich zu . Dorothea stand beim Klavier und stöberte in den Notenheften . Ihre Gedanken waren mit dem beschäftigt , was sie eben gehört hatte . Sie erinnerte sich Daniel Nothaffts wohl . Sie wußte , daß zwischen ihm und ihrem Vater ein unversöhnlicher Haß herrschte . Sie hatte ihn gesehen ; man hatte ihr den grimmig blickenden Menschen auf der Gasse gezeigt . Es war ihr damals gewesen , als habe sie schon mit ihm gesprochen , doch wußte sie nicht mehr wann und wo . Sie wußte ungefähr , was man sich über ihn erzählte und daß er in der Stadt wie der böse Feind geachtet war . Ein zielloses Verlangen regte sich in ihrem Innern . Ihr Blut kam ins Prickeln , die stockige Umwelt geriet in Bewegung , auf einmal ergriff sie Geige und Bogen und begann mit lachendem Gesicht und verwegen blitzenden Augen einen ungarischen Tanz zu spielen . Herr Carovius erhob den Kopf . » Tempo ! « befahl er , » Tempo ! « schlug den Takt mit den Händen und stampfte mit dem Fuß . Dorothea lachte , schüttelte die Haare und spielte immer schneller . » Tempo ! « heulte Herr Carovius , » Tempo ! « Vom Hof herein drang ein krankes Bellen . Es war Cäsar , der Hund , der in den letzten Zügen lag . 10 Daniels Mutter war gekommen ; sie hatte die kleine Eva mitgebracht . Aus der Zeitung hatte Marianne den Tod Lenores erfahren ; niemand hatte ihrer gedacht , niemand hatte an sie geschrieben . Und in der Zeitung hatte nicht einmal sie selbst es gelesen , sondern der Eschenbacher Doktor , der auf den Fränkischen Herold abonniert war , hatte ihr eines Morgens das Blatt gereicht und zaghaft auf die Todesanzeigen gewiesen . Das Begräbnis hatte sie versäumt . Sie ging aber auf den Kirchhof und betete an Lenores Grab . Daniels Verlust begriff sie ganz . So wie sie ihn antraf , so hatte sie sich vorgestellt , daß er sein würde . In der Maßlosigkeit seines Schmerzes , in der stummen Verzweiflung erkannte sie ihren Sohn , er war ihr näher dadurch als irgendwann vorher . Sie würdigte diesen Schmerz , sie hatte nicht das Bedürfnis , ihn zu verringern oder abzulenken . Sie schwieg , wie Daniel selber schwieg und legte bloß bisweilen die Hand auf seine Stirn . Da murmelte er : » Mutter , ach Mutter ! « Und sie antwortete : » Laß nur ; acht ' nicht meiner . « Sie sagte sich : Wenn eine Lenore dahingehen muß , in der Jugend Blüte , dann muß man trauern , bis die Seele von selber wieder hungrig wird nach Leben . Eva hatte anfangs versucht , mit ihrem Stiefschwesterchen zu spielen , wurde aber von Philippine stets aus dem Zimmer gejagt . Einmal kehrte sie sich gegen die Wütende und rief aus : » Ich werd ' s meinem Vater sagen . « » So ? Deinem Vater ? Sag ' s ihm nur , deinem Vater , « versetzte Philippine höhnisch . » Wer is er denn , dein Vater ? Was is er , wo is er ? Im Pommerland vielleicht ? « Und sie fügte singend hinzu : » Pommerland is abgebrannt - Maikäfer flieg ! « » Mein Vater ? der ist doch da ; drinnen ist er , « erwiderte Eva verwundert und gekränkt ; » bist ja in seinem Haus . Und das Agneslein ist ja meine Schwester . « Philippine riß Mund und Augen auf . » Dein Vater - ist drinnen - ? « stotterte sie , » und das Agneslein - deine Schwester - ? « Sie erhob sich , packte Eva roh an der Schulter und zerrte sie mit sich über den Flur in die Stube , wo Marianne und Daniel waren . Mit einem Lachen , das irr klang , und einem Ausdruck von Frechheit und Raserei im Gesicht keuchte sie : » Der Balg behauptet , Daniel wär sein Vater und das Agneslein seine Schwester . So ein hundsföttischer Balg ! « Voll Schrecken stand Marianne auf und eilte zu Eva hin , die bleich , das Gesicht von Tränen überströmt , die Arme nach ihr streckte . » Loslassen ! « befahl sie . Philippine ließ das Kind los und wich zurück . » Ist ' s denn wahr ? « lispelte sie plötzlich furchtsam , » ist ' s denn wahr ? « Marianne kniete auf dem Boden und hob ihr Pflegekind empor . » Geh deiner Wege , du Racker , « sagte sie finster zu Philippine . » Daniel ? « machte Philippine fragend , mit aufgehobenen Händen zu Daniel gewandt , und wieder : » Daniel ? « So , als wolle sie ihn auffordern , zu sprechen , als wolle sie ihm vorwerfen , daß er sie betrogen . Es hatte einen unheimlichen Ton , dies fragende : Daniel , Daniel . » Geh zu deinem Agneslein , « antwortete Daniel gequält . Er fühlte sich je länger , je mehr in Philippines Schuld ; und jetzt gar , was sollte er beginnen ohne sie , die die einzige Hüterin seines Kindes war . Die Mutter konnte nicht in der Stadt bleiben , sie hatte draußen ihr Brot , und Eva wuchs bei ihr in Frieden auf . Das Agneslein durfte man Philippine nicht rauben , auch wenn es die Mutter hätte übernehmen wollen ; an dem Kind hing Philippine mit einer richtigen Affenliebe . Auch für den alten Jordan war Philippine unentbehrlich ; Daniel konnte ihm nicht die Stube aufräumen , konnte nicht für sein Essen sorgen . Und Philippine ging hinaus . » Der Luderskerl , « sagte sie vor der Türe und ballte die Faust , » der Luderskerl ! Noch ein Bankert hat er , der Luderskerl ! Wart nur , Bankert ! Dir kratz ich die Augen aus . « Das in sich hineinschluchzende Kind auf dem Schoß haltend , saß Marianne neben Daniel . » Tu nicht weinen , Eva , « tröstete sie , » bald fahren wir wieder heim . « Da schaute Daniel seiner Mutter aufmerksam ins Gesicht , und er erzählte ihr , wie Philippine ins Haus