wuchs . Das Regiment war längst im Felde . Vom ersten Tage an war es in Grenzgefechte verwickelt . Die daheimgebliebenen jungen Soldaten hörten nicht viel davon ; in den Zeitungen stand nichts . Nur manchmal , wenn die älteren Leute , die Feldwebel und die Unteroffiziere vom Ersatzbataillon mit ernsten Gesichtern zusammenstanden , dann ahnten sie , daß wieder etwas , irgend etwas geschehen sei . Und zuweilen bekam der und jener einen Brief von einem , der draußen war ; dann drängten sie sich abends in der Stube um ihn und horchten zu , mit brennenden Wangen und flackernden Augen , wenn er vorlas : von den Kosaken , den verfluchten Schimmelreitern , die die Dörfer in Brand steckten , die Häuser ausraubten , die Bewohner töteten oder entführten , von den langen Märschen und den Kämpfen in der Nacht , von der vierfachen Übermacht der grimmen Gegner . » Eins zu vier - « sagten sie untereinander mit strahlenden Gesichtern und strafften die Muskeln . » Eins zu vier - « mit dem Gedanken rückten sie am anderen Morgen in den Dienst und waren noch einmal so ausdauernd und so rührig als sonst . Fritz Ewert , der Kriegsfreiwillige , war eines Abends beim Lesen hinausgegangen und nicht wiedergekommen . Man tuschelte hinter ihm her . Sollte das Kind sich fürchten ? Warum ließ man auch Knaben zur Männerarbeit zu ? In der Nacht hörte Konrad , wie er sich schlaflos hin und her warf ; als der Morgen graute und der Schlummer ihn endlich bezwungen hatte , hingen zwei schwere Tränen an seinen Wimpern . An einem Sonntage war es - die frommen Bürger der Stadt kamen gerade im Feierkleide aus der Kirche - , da schob sich vom Bahnhof her ein Häuflein müder , verstaubter Menschen zwischen sie . Alte Männer trugen ächzend schwere bepackte Körbe auf dem Rücken ; Frauen schleppten todmüde Kinder mit sich , die nur noch leise zu wimmern vermochten . Konrad hatte Fritz Ewert fast gewaltsam mit sich ins Freie genommen ; sein junger Kamerad war so still , so traurig geworden , daß es ihn ängstigte . Aber kaum , daß er jetzt die Wandernden bemerkte , als er schon mitten unter ihnen war : » Woher kommt ihr ? « frug er , vor Aufregung heiser . » Aus dem Neidenburgischen , « sagte ein Alter einsilbig . » Von Osterode - « murmelte ein mattes Weib . Und nun sprachen sie alle durcheinander : » Die Kosaken sind hinter uns her , mit Lanzen und Peitschen , « - - jammerte eine gebückte Greisin . » Sie spießen unsre Kinder , « - heulte eine andere hysterisch auf , mit entsetzten Augen um sich blickend . Die Kirchgänger sammelten sich um sie . Sie griffen in die Taschen , sie beratschlagten über ihre Unterkunft . Die Gesichtszüge der Flüchtlinge belebten sich . Des jungen erregten Soldaten achtete kaum einer mehr . An einen jeden richtete er drängend die gleiche Frage : » Wißt ihr von Klaußen nichts ? ! « Ein halbwüchsiger Bursche zuckte schließlich vielsagend die Achseln : » Die Russen sind überall . « Und nun endlich schien sich Ewerts erstarrte Angst in einem Strom von Worten zu lösen . » Dicht dabei bin ich zu Hause , am Druglin-See , « erzählte er hastig . » Die Meinen sind daheim . Der Vater und die Mutter würden standhalten , bis zuletzt , das weiß ich . Weil man den Posten nicht verläßt , auf den Gott einen stellte . Weil die Heimat ihnen mehr gilt als das Leben . Und ich - ich konnte das Gut nicht leiden , weil ich frei sein wollte . Was hat der Vater getobt und die Mutter geweint über mich ! Und nun : mein ganzes Leben will ich mich freudig von ihm fesseln lassen , wenn ich es gerettet , wenn ich die Eltern , die ich fast zu hassen vermeinte und doch so zärtlich liebe , in Sicherheit wüßte ! Ach - , « er umkrampfte Konrads Arm - » und die Schwestern - zwei junge hübsche Dinger - seit einer Woche bin ich ohne jede Nachricht ! « Es beruhigte ihn etwas , daß Konrad mit ihm gemeinsam alles zu tun versprach , um Näheres in Erfahrung zu bringen . Aber bei allen Erkundigungen stießen sie auf das gleiche Nichtwissen oder auf die durch die militärische Lage erzwungene Verschwiegenheit , während unbestimmte , wilde Gerüchte über das Schicksal Ostpreußens die Stadt durchschwirrten . Eines Tages - Konrad war gerade zur Bahnhofswache kommandiert - kamen die ersten Verwundeten . Bahn um Bahn in endloser Reihe . Unter den weißen Linnen lugten aschfahle Gesichter mit geschlossenen Lidern hervor , und rote , fieberglühende , von Bandagen umwickelte Köpfe , die nichts als schreckhaft große Augen hatten , lagen reglos auf hartem Pfühl ; und bei anderen lag die Decke ganz flach und leer , da wo sich die Beine unter ihr abzeichnen sollten . Die Menge derer , die noch gehen konnte , folgte : welche , denen das Kinn oder die Stirn , die Nase oder die Augen verbunden waren , oder die sich humpelnd vorwärts bewegten ; einer , der nur auf einem Beine hüpfte , von zweien unter den Schultern gehalten , von denen selber jeder einen Arm in der Binde trug . Dann ein Kleiner , Blasser , der einen schlichten grauen Offizierskoffer zwischen den groben Fäusten schleppte , während die Schweißtropfen ihm unter der schmalen Kopfbandage hervorperlten ; er hielt stöhnend inne und sah sich um . Da flog ihm ein junges Weib entgegen ; der Koffer polterte zu Boden ; er fing eine Ohnmächtige auf . » Sein Leutnant fiel , - das ist die Frau , « sagte ein Verwundeter zum anderen . Der nickte langsam : » Kein Offizier ist von meiner Kompagnie übrig geblieben , « sagte er . Der Bahnhof war schon leer ; nur eine schlanke Frau schritt noch immer angstvoll suchend am Zuge auf und ab . Da kamen ihr zwei entgegen : ein schmaler , junger Sanitäter und ein breitschultriger Rittmeister , der mit den hohen Stulpenstiefeln seltsam schleppend ging , mit starren Blicken unentwegt geradeaus sah und sich von seinem Begleiter an der Hand führen ließ , als wäre der Riese ein kleines Kind . Die Wartende trat ihm entgegen . » Arthur ! « schrie sie auf . Er sah sie an , stumpf , gleichgültig . Er erkannte sie nicht . Konrad stand , ohne ein Glied zu rühren , angewurzelt . Aber es war trotz aller Erschütterung kein rührseliges Mitleid , das er empfand . Es war Ehrfurcht . Angesichts all dessen , was sie nun vor Augen sahen und was die erhitzte Phantasie aus den Erzählungen der Verwundeten und der Flüchtlinge gestaltete , wuchsen die Besorgnisse der Bevölkerung . Und als plötzlich Arbeiter zu Tausenden die Umgebung überschwemmten , ganze Wälder niederschlugen , um die Stämme die Kreuz und die Quer über den Boden zu werfen , die Erde zu tiefen Schützengräben aushöhlten und dichte Stacheldrahtverhaue zogen , da steigerten sie sich immer mehr . Die Siege in Belgien und Frankreich , auf die sich im Reich das Interesse zu konzentrieren schien , vermochten hier , so nahe der Grenze , nicht mehr den gleichen Jubel hervorzurufen . Ein Gespenst , unfaßbar , namenlos , kroch die Angst durch die in der Sommerschwüle still glühenden Straßen . Bis sich von Westen ein wetterschwangerer Wind erhob , der sie vor sich hertrieb , und , wie er den Himmel mit blitzgeladenen Wolken bedeckte , die Geister aufpeitschte zu kraftgesättigter Empörung . Das war der Haß der Welt wider uns ; das war die Lüge und die Verleumdung , die am höchsten bezahlten Söldner im Dienst unserer Widersacher . Hans Gerwald , der als Schüler dem Jungdeutschlandbund angehört hatte und ihm seine aller ungesunden Großstadtkultur fremde natürliche Frische und kraftvolle Körperlichkeit verdankte , brauste bei einer der abendlichen Stubengespräche mit den Kameraden immer wilder auf , wenn von diesem Vernichtungskrieg der Feinde die Rede war . » Wie eine Spinne sitzt England in der Mitte des Netzes , das es über die Erde spann , « rief er erregt , » aber das Gift , das diesem greulichen Tier seine verheerende Wirkung verleiht , ist nichts anderes als der von Juden gezeugte Geist des Krämers - ein uns Germanen so in tiefster Seele entgegengesetzter , daß es ihm gegenüber nur zweierlei geben kann : ihn gewaltsam abzustoßen , oder sich ihm mit Haut und Haaren zu verschreiben . « Konrad lachte den Hitzkopf an , denn mochte er auch noch so häufig mit seinen Ansichten in die Irre gehen , daß er überhaupt welche hatte und stürmisch verteidigte , war erfrischend im Gegensatz zu der Zerfahrenheit seiner eigenen Jünglingsjahre . » Du vergißt , mein Junge , « sagte er - auch sie hatten untereinander das » Du « der Soldaten längst angenommen - » daß gerade England von Juden am wenigsten beeinflußt sein kann , weil es ihrer nur wenige hat , und überdies den Krämergeist , von dem du sprichst , schon zu einer so frühen Zeit besaß , wo von jüdischem Einfluß noch gar keine Rede sein konnte . « » Auch verstehe ich nicht , « warf Fritz Ewert ein , der anfing , seine Teilnahmlosigkeit angesichts alles dessen abzustreifen , was sein persönliches Unglück nicht berührte , » was die infamen Verleumdungen , die England ausstreut , mit dem jüdischen Geist zu tun haben könne . « » Herr Gott , bist du vernagelt ! « entfuhr es dem Leidenschaftlichen . » Wer sein Lebtag schachert und im Übervorteilen des anderen die modernste und höchste aller Tugenden sieht , ist auf trügen und lügen angewiesen und wird der Sicherheit seines Systems unbedingt mehr vertrauen als den Waffen , die er zu führen verlernte . « » Diese Folgerungen sind richtig , « antwortete Konrad rasch , » aber nicht das Judentum , sondern der Kapitalismus ist die Prämisse . Nur ein Volk , das ihn in Fleisch und Blut aufnahm , kann eines so niedrigen Hasses , der nichts , aber auch gar nichts , mit unserem heiligen Zorn zu tun hat , gegen den Weltkonkurrenten fähig sein , kann sich kaltblütig der Waffe der Verleumdung bedienen , um ihn zu überrennen . « Gerwald riß die Augen auf : » Donnerwetter ! - Du bist am Ende gar ein Sozi ? ! « » Nein ! « lachte Konrad , belustigt über das Entsetzen des jungen Soldaten , und fuhr zugleich bewegt von dem befreienden Gefühl , daß sich ihm jetzt die Gedanken so leicht zu festen Ansichten formten , ernster fort , » wenn du mich recht verstanden hättest , würdest du wissen , daß ich es im Sinne der heutigen Sozialdemokratie nicht sein kann , - die übrigens vielleicht am 4. August neu geboren wurde , so daß man über die noch in den Windeln liegende nicht viel zu sagen vermag . Auch sie hat sich vom Geist des Kapitalismus , der zugleich der Geist des Materialismus ist , weil er das Materielle zu Ursache und Zweck erhebt , verseuchen lassen , sonst hätte sie nicht so verblendet sein können , das Kuckucksei des Internationalismus , das der Kapitalismus ihr ins Nest legte , für ihr eigenes zu halten . Segnen wir den Krieg , daß er unseren kleinen Finger , den wir dem Teufel schon gegeben hatten , ihm wieder entriß . Segnen wir Haß und Verleumdung , die uns beweisen , daß wir noch anderen Geistes sind , daß wir Gut und Blut für nichts achten und die Idee von Staat und Vaterland für alles . « Die beiden Stubengenossen verstanden ihn offenbar nicht ganz , aber um so stärker fühlten sie , daß sie im Tiefsten ihres Wesens auf einen Ton gestimmt waren . Und diese Harmonie , die aus der gemeinsamen Entrüstung wider den offenbarten fremden , seiner ganzen Natur nach feindlichen Geist der Gegner zum deutlichen Ausdruck kam , wurde in allen - den Soldaten , den Bürgern , den Männern und den Frauen - zur Kraft . Und doch war die Angst noch nicht völlig vertrieben . Im Schatten hockte sie noch immer und zog mit den langen dürren Armen an sich , wer nicht sicher im Hellen ging . Da kam die große Mittagsgöttin , die in alle Winkel leuchtete : Die Wahrheit . Ihr Kleid , die Sprache , das eben noch ein buntes phantastisches Gewand gewesen war , in das sie sich oft fast versteckte , floß in weißen strengen Falten an ihr herab . Niemand hätte sie mehr zu verkennen , niemand an ihr zu zweifeln vermocht . In den kurzen markigen Worten des Generalquartiermeisters stand jedes Ereignis wie gemeißelt da . Furchtbar konnte es sein ; grauenhaft war es nicht mehr . Ringsum an den Grenzen flammten die Städte und Dörfer gen Himmel , daß der Horizont in der Nacht rot zu glühen begann . Mochten die Augen entsetzt das gräßliche Schauspiel gewahren , der Wille der vielen schmolz in der Lohe zu einem Unteilbaren zusammen . Auch Konrads junger Kamerad wußte nun , daß Haus und Hof eingeäschert , daß die Schwestern entflohen , die Eltern von den Mordbrennern fortgeschleppt waren - wer weiß wohin . Aber er weinte nicht mehr , er ballte nur die Fäuste und bekam schon jetzt den harten Zug um den Mund , den alle , die ihn erlebten , wie das Brandmal des Krieges tragen . Weit , immer weiter entfernte sich ein jeder von der Fessel einstiger physischer und seelischer Heimat . Die Gegenwart versank ihnen allmählich , wie schon die Vergangenheit versunken war , und nur eines lebte : die Zukunft . Verzehrend wurde in den Kasernen unter der jungen Mannschaft der Durst nach Taten . Sie sprachen nicht mehr viel miteinander . Müde vom strengen Dienst , müder noch von der getäuschten Erwartung , warfen sie sich abends aufs Bett und erwachten in der Frühe mit Augen voll Hoffnung : Heute - ! Immer mehr Reserven wurden herausgeschickt , einmal zehn , dann zwanzig , dann dreißig Mann . Sie strahlten , wenn sie gingen , als wären sie schon heimkehrende Sieger . Und eines Morgens traf es Hans Gerwald , Fritz Ewert und Konrad Hochseß : » Um vier Uhr marschbereit . « Nichts weiter . Mit einem schmetternden Hurra aus zwei jungen Kehlen machte sich die überströmende Freude Luft . Singend packte Hans seinen Tornister , und von den Kameraden abgewandt , heimlich , daß keiner es sehen sollte - nur Konrad erhaschte es mit flüchtigem Blick - , strich er zärtlich den letzten Brief der Mutter glatt und verwahrte ihn in seiner Brusttasche , und steckte , ein großes Stück Brot opfernd , den gelben süß duftenden Kuchen von zu Haus in den Brotbeutel ; Fritz dagegen entledigte sich mit aszetischer Härte aller Dinge , die ihm überflüssig oder gar sentimental erschienen . Zuletzt legten sie ein paar Bücher obenauf : ein kleines Bändchen Goethescher Gedichte der eine , Goethes Faust der andere und Nietzsches Zarathustra alle beide . » Ihr Barbaren ! « sagte Konrad lachend . Er beschwerte sich nicht ; ihm schien , als könnten gedruckte Worte ihm auf diesem Wege nichts mehr geben , was nicht an lebendig Gewordenem in ihm war . In der letzten Viertelstunde ging er noch rasch den Schloßberg hinauf . In Frieden gebreitet , mit üppigen Feldern glänzte das Land , ein ahnungsloses Kind . Und die Wellen des Flusses , seines fröhlichen Spielgefährten , trugen das Sonnenlicht , das sie tranken , strahlend weiter . Nur der Turm ragte finster gen Himmel . Wie vor Jahrhunderten sah er in der Ferne lodernde Flammen , die den zahllosen , aus dem östlichen Horizont , dem schmalen Strich zwischen Himmel und Erde , schwarz hervorquellenden Horden , die Wege wiesen . Das Regiment marschierte . Und vom Himmel brannte die Sonne und es war , als ob die weiße Chaussee von dem langen grauen , von Gewehren stacheligen Tier mit den vielen Menschenfüßen allmählich verschlungen wurde . An stillen blauen Seen ging es vorbei , die zwischen nickenden Bäumen tief in den Mulden lagen . Dann sonderte sich wohl der oder jener ab , riß die Kleider vom Leibe und tauchte minutenlang den ermatteten Körper in die frische Flut , um gleich danach wieder in Sprüngen den Zug zu erreichen . Und da und dort standen Bauerngehöfte am Wege , mit roten Dächern und strotzenden Scheunen . Dann liefen Frauen und Kinder mit gefüllten Eimern zwischen den Reihen hin und her , als müßten sie gerade diesen Soldaten mit einem frischen Trunk dafür danken , daß der Krieg sie noch nicht berührte . Die Mädchen zierten sich nicht , wenn ihnen einer im Vorübergehen die roten Lippen küßte , und die Kinder jauchzten , wenn ein Bärtiger sie zärtlich zu sich emporhob . Sie waren ja keine Fremden mehr , sie waren alle eine Familie . Das Regiment marschierte . Ein Hüne war darunter , der zuweilen aus dem Gliede trat und neugierig musternd , seine Kompagnie an sich vorüberziehen ließ . War der eine zu weiß im Gesicht oder der andere zu rot , so nahm er ihm fast mit Gewalt den Tornister vom Rücken und legte ihn über den seinen auf den eigenen Buckel . Und der jüngste Leutnant in einem anderen Bataillon trug mit einem Gesicht , das wie über den besten Witz der Welt fröhlich lachte , oft über jeder Schulter ein Gewehr . Konrad sah besorgt , wie Hans und Fritz , seine Nachbarn , in den Knien zusammenknickten oder in den Armen zu zittern begannen . Aber eine Frage , ein teilnehmendes Wort spannte ihre Kräfte aufs neue . Sie duldeten keine Hilfe . Der Oberst , um die ungeübteren unter seinen Leuten besonders besorgt , ritt häufig zurück , immer die gleiche Frage - » will einer schlapp werden ? « - väterlich wiederholend . Aber das » Nein , Herr Oberst ! « klang stets gleichmäßig kräftig , wenn es auch oft zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorkam . Konrad wußte : Die da drüben , die Feinde mit den niedrigen Stirnen , und den seit Generationen an Lasten gewöhnten , stiernackigen Rücken , waren solcher Marschleistungen nicht fähig . Und wir , die Nervenmenschen ? ! Wie kam das nur ? So war auch hier , dachte er beglückt , die Idee der Materie überlegen , der eiserne Wille und das klare Bewußtsein von dem , was auf dem Spiele stand , stärker als die bloße brutale Kraft . » Das Ganze halt ! « tönte das Signal . Und im Augenblick lagen sie dicht aneinandergedrängt in den Gräben am Rande des Weges , von tiefem Schlaf übermannt . Niemand war in das reife Roggenfeld hinübergesprungen , wo es sich im Schatten der Ähren sicher gut schlummern ließ , - niemand , auch die nicht , die es sonst ruhig zertrampelt hätten um einiger Kornblumen willen . Sie wußten auf einmal etwas von der Heiligkeit des Lebens , diese Krieger , die den Tod in den Läufen ihrer Gewehre trugen . » Marsch ! « - Sie schüttelten sich . Die Tornister klapperten . Sie sprangen auf die Füße . » In der Heimat - in der Heimat , da gibt ' s ein Wiedersehn , « sangen sie aus schmetternder Kehle . Das Regiment marschierte . Und nun mündeten von allen Seiten die Straßen wie Nebenflüsse in die große Chaussee und brachten immer neue und neue Massen . Die Marschkolonnen verdoppelten sich : Infanterie auf der einen , Artillerie mit polternden Kanonen auf der anderen Seite ; dazwischen ein schmaler Raum , auf dem Motorräder vorüberknatterten , Automobile sich schnaufend durchzwängten . Über ein kleines Flüßchen hinweg , das in zahllosen Windungen , als sträube es sich mit aller Gewalt , von dem stillen , reizenden Tale Abschied zu nehmen , die Wiesen durchzog , stieg die Chaussee zu den waldigen Höhen empor . Da ging es plötzlich wie ein Stoß durch die Reihen , denn oben , ihnen entgegenflutend , erschien ein anderes Heer , in ununterbrochener Kette sich langsam vorwärtsschiebend . Feinde ? Unmöglich ; denn das Kommando , auszuweichen , wurde von Zug zu Zug weitergegeben . Ein hochbeladener Leiterwagen machte den Anfang . Neben den schweißtriefenden Pferden ging ein Bauer mit weißem Stoppelbart und finster drohendem Antlitz , das nicht rechts noch links sah . Oben auf den Betten und Kisten thronte eine alte Frau , nornenhaft . In Strähnen hingen die grauen Haare um die durchfurchten Züge ; ihre tiefen Augen sahen die Begegnenden an und sahen sie nicht ; um sie her ein Krabbeln und Schreien von Kindern ; hinter ihr am Wagen zwei Fohlen , die unruhig an den Ketten zerrten , und eine Kuh , die mühselig vorwärts stapfte . Allem anderen Fuhrwerk , das folgte , gab dieses Eine Tempo und Richtung an ; von ihm schien erstarrt Verzweiflung wie eine lange , schwarze Fahne über alles zu wehen , das nachkam . Da waren kleine Karren , von Mann und Frau gezogen , dürftiger Hausrat darauf und blasse Kinder . Dann ein Hundegespann , darin in Betten gepackt eine Wöchnerin mit dem wimmernden Säugling an welker Brust . Elegante Landauer mit alten Arbeitsgäulen an der Deichsel , von halbwüchsigen Stallburschen gelenkt , dicht besetzt mit verhärmten Frauen , verängstigten Kindern , folgten Schritt vor Schritt in qualvoller Langsamkeit ; denn viele , viele , die nicht überrannt werden durften , gingen zu Fuß . Zuweilen schritten schlanke , blonde Frauen in seidenen Kleidern , Mädchen in zarten , gestickten Mullröcken mitten unter ihnen , und Alte in straßenstaubigem Anzug , werdende Mütter , die geflickten Schürzen gespannt über dem gesegneten Leibe , saßen in ihren Kutschen . Fast alle aber schleppten irgend etwas : lauter tote Gewichte , die den Gang ihrer Füße beschwerten , letzte armselige Erinnerungen an die verlorene Habe . Die wenigen Befreiten schritten stark aus und überholten die anderen ; ihre Augen bekamen neuen Glanz ; sie wußten , daß sie nichts hatten , gar nichts , aber das Leben ! Nur - nur ! - das Leben ! Und viele , die zuerst mitleidig , dann neidisch blickten , warfen mit raschem Entschluß die Lasten von sich - Spiegel und Kaffeemühlen , Köfferchen und Körbe bezeichneten ihren Weg - , und wiedergewonnene Kraft ging aus von ihnen . Alle schwiegen . Selbst die Hunde , die mit hängenden Zungen dazwischen trotteten , hatten das Bellen verlernt . Keine Klage wurde laut , keine Bitte . Verstummt war wie auf Kommando das Singen der Soldaten , das Trommeln und Pfeifen und Trompeten der Musik . Und zwischen den Fliehenden und den Marschierenden flog kaum ein Gruß hin und her . » Marsch - marsch - wider den Feind , « hieß es bei den einen ; » vorwärts - auf unseren Fersen ist er « - bei den anderen . Nur den Kindern warfen die Feldgrauen da und dort ein Päckchen Schokolade zu ; seinen schönen , duftenden , schon ein wenig bröckelig gewordenen Kuchen reichte Hans Gerwald mit einem zärtlichen Abschiedsblick einem blassen Bübchen , das mit wunden Füßen auf wackeligem Karren saß . Fritz Ewerts Züge nahmen indessen einen immer gespannteren Ausdruck an ; seinen Blicken schien nichts zu entgehen . Jeden Wagen durchforschten sie , in jedem Antlitz bohrten sie sich fest , als ob sich doch unter der Kruste von Schweiß und Staub , hinter der tragischen Maske , die der Jammer darüber gezogen hatte , ein altes , bekanntes Gesicht verbergen könnte . Plötzlich durchschnitt ein langgezogener Klageruf die Stille und übertönte laut das unaufhörliche Rollen der Räder , das Trampeln der Tritte . » U-uhh - u-uhh - « heulte es aus der Tiefe des Tals . Da standen die Herden , buntfleckig , dicht gedrängt , und schrien , von der Qual übervoller Euter gefoltert , den Menschen nach , die sie verlassen hatten . » Zu Sklaven machtet ihr « , schienen sie zu sagen , » die freien Tiere der Felder . Was sind wir nun ohne euch ? ! Fraß der Raben ! « Und sie fingen an , sich vorwärts zu bewegen am Rande der Straße den Fliehenden nach , ein drittes Heer , laut brüllend in seiner unfaßbaren Not . Der Abend kam . Die Armee zog sich wie ein Fächer weit auseinander . Auf einem schmalen Landweg unter einem Dach hoher Linden marschierte das Regiment dem Dorfe zu , das , als wäre es vor der Zeit schlafen gegangen , lautlos zwischen zwei blauen Seen lag , die es wie freundliche Augen bewachten . Nach dem Marsch des heißen Tages sehnten sich die Soldaten nach Stunden der Ruhe . Aber kein Hund schlug an , den Bewohnern ihr Kommen kündend , kein neugieriges Kindervolk sprang ihnen wegweisend entgegen . Einladend glühten rote Geranien unter dem Giebel mit den geschnitzten Pferdeköpfen des ersten Bauernhauses am Wege , aber auf Pochen und Rufen antwortete keiner . Sie traten die Türe ein . Seltsam : wie leer der große Flur gähnte . Da klangen aus dem Stall daneben wimmernde Laute : Verblutend lag auf dem Stroh eine edle Stute , von einer Lanze roh durchbohrt , das langsam sich verschleiernde Auge mit einem Ausdruck menschlichen Mutterwehs auf das hochbeinige Füllen gerichtet , das kläglich nach Nahrung winselte . Einer zog den Revolver und gab ihnen beiden den Gnadenschuß . Dann warfen sie sich in der Scheune daneben aufs Heu . Die Türe des nächsten Hauses stand weit offen . Auf dem Tisch in der Stube lag ein Strickzeug ; in der Kammer standen noch volle Milchsatten auf den Wandbrettern . Und doch suchte keiner , der eintrat , nach der Hausfrau . Wie aus einer Gruft schlug es jedem entgegen , atembeklemmend . Dann kam eins , da wehten wie hilfeflehend die weißen Vorhänge aus zerbrochenen Fenstern , und zu Haufen geschichtet , sinnlos zerschlagen , zertrampelt , beschmutzt lag der Hausrat auf den Dielen ; im Garten dahinter stand ein frisches , roh zusammengenageltes Holzkreuz . Danach aber , wo die Häuser sich dichter scharten , ragten nur noch rauchgeschwärzte Mauern in die Luft , Haufen verkohlter Holzbalken versperrten den Weg , ein beizender Geruch angebrannter Kadaver schwebte darüber . Aber übermannt von Ermüdung warfen sich die Soldaten achtlos in die Mauerwinkel . Die kleine Kirche drüben lockte noch ; sie stand nicht zwischen den Häusern wie ihresgleichen , sondern recht wie ein Feiertag , über den Werktag erhoben , auf einem Hügel . » Dorthin , « sagte Konrad zu seinen beiden Gefährten ; die drei hatten immer getreulich zusammengehalten . Sie kletterten über den Kirchhof , über umgestürzte Kreuze , geborstene Steinplatten , an kreisrunden , tiefen Kraterlöchern vorbei - als ob dieser Krieg selbst den Toten ihren Frieden nicht gönnte - und erkannten erst dicht vor dem Gotteshause stehend , daß eine Granate das Dach heruntergerissen hatte . In das trümmerbedeckte Schiff lugte düster der Nachthimmel , und die alten Bäume ringsum streckten anklagend kahle , geschwärzte Äste empor zu ihm . Aber die drei Müden suchten nicht länger . » Hat die Erschöpfung mich stumpf gemacht , « dachte Konrad , als er sich in den Mantel gewickelt auf die Altarstufen streckte , » sind diese neben mir , die jetzt schon in tiefem Kinderschlaf liegen , von Natur so hart , daß alle Trümmer von Menschenglück , die wir sahen , uns weniger erschüttern als eine Shakespeare-Tragödie auf der Bühne ? « Nein - es war nicht Härte und nicht Erschöpfung , es war eine neue Abschätzung der Werte , die sich aller bemächtigte . Daß Häuser und Scheunen , Kühe und Kälber jemals als Inhalt des Glücks hatten erscheinen können - mußte man darüber heute nicht nachsichtig lächeln , wie reife Menschen über Kinderträume ? Konrad sah noch einmal zu seinen Kameraden hinüber : ein hoher Ernst , eine fast aszetische Strenge lag auf ihren stillen , jungen Gesichtern . So meißelt das Schicksal die Köpfe derer , die bestimmt sind , die Zukunft zu bauen . Und der Neid , der sich seiner bemächtigen wollte , wandelte sich in andächtige Liebe , in starke Hoffnung . Das Regiment schlief , als hätte es nur einen Atem . Gleichmäßig , einlullend klang von der Chaussee herüber noch immer das Rollen der Flüchtlingswagen . Drei Stunden der Ruhe . Dann Alarm - ohne Signal - , dessen Flüstern aufpeitschender war als die Trompete . Kein Licht durfte gebrannt werden , kein Streichholz entzündet ; schattenhaft huschten die Gestalten in der Finsternis . Zu essen gab ' s ein wenig Brot und Speck ; man mußte sparsam sein mit den Rationen ; die Feldküchen und die Bagage hatten bei diesen Eilmärschen den Anschluß nicht mehr innezuhalten vermocht . Und nun harte , gedämpfte Kommandostimmen : » Antreten - Gewehre in die Hand - das Gewehr über - ohne Tritt - marsch ! « Viele schliefen im Gehen . Gefühl und Gedanken lagen unter einer dunklen Decke . Nur die Beine bewegten sich wie eine aufgezogene Maschine . Da setzte aus der Ferne ein dumpfes Grollen ein , wie das Knurren gefangener Löwen , die ihren Fraß erwarten . Und die Köpfe hoben sich , der Schritt wurde elastisch , in die Körper kehrte die Seele zurück . An einem Gutshof irrlichterte es - abgeblendete Laternen - Gemurmel - in der Finsternis riesenhaft erscheinende Planwagen . Von einem Licht flüchtig getroffen , glühte ein rotes Kreuz phantastisch auf . Im Walde wurde es lebendig . Verschlafene Vögel flatterten unruhig über den Ästen . Leise drückten sich Pferdehufe in den Sand des Wegs : Lanzenreiter . Oder Ritter der Vorzeit in grauer Eisenwehr , die der