in ihren Stimmen war Galle und Verdrossenheit ; von allen , die da redeten oder schwiegen , schien keiner an diesem grauen , rieselnden Morgen den Krieg für eine fröhliche oder notwendige Sache zu halten . Und weit über den abgemähten Wiesen draußen , gegen Süden , wo die schwarzen Dachstrünke eines als Weckfeuer niedergebrannten Bauernhauses gegen den trüben Himmel starrten , erschien auf der Straße ein langer , brauner , wackeliger Wurm : die Reihe der vielen Karren , in denen man die Schwerverwundeten brachte , die nimmer reiten konnten ; es waren auch Tote dabei , die man am verwichenen Nachmittage noch als Lebendige in das Karrenheu hinauf gehoben hatte . Manchen von diesen Ungeduldigen , die das Burghausener Spittel nimmer erwarten konnten , hatten die Karrenführer , um ihren Gäulen das Ziehen zu erleichtern , schon hinausgeworfen in die Straßengräben ; aber gewissenhaft brachte man von diesen Abgeladenen alles , was Kleidung oder Wehrstück hieß , mit heim in die landsherrliche Rüstkammer . Der herzogliche Zeugmeister nahm es in solchen Dingen sehr genau ; nur bei den Hemden , die man den Toten mitgab in die Ewigkeit , hielt er die Führung eines Registers für überflüssig . Ehe der lange , braun und grau gesprenkelte Karrenwurm zu dem einsamen Bauernhause herangeschlängelt kam , waren die drei Ramsauer schon dem Trupp der Spittelreiter nachgezogen . Immer dichter fing der Regen zu strömen an . In diesem eintönigen Rauschen erfuhr der Bub über die Sensenschmiede von Piding und Aufham die ganze Wahrheit . Sie war so hart zu hören , daß in die Augen des jungen , schlecht gewaffneten Harnischers ein Entsetzen kam . Seine Zügelhand , an deren Arm der eingebeulte Helm mit den geknickten Reihergranen hing , zitterte wie die Hand eines Fieberkranken , während Runotter in seiner kurzen , strengen Art diese roten Dinge vor sich hin sagte . - - Hauptmann Seipelstorfer hatte die Verläßlichkeit seines Boten als eine feste Ziffer in die Rechnung jener Nacht und jenes blutigen Morgens eingestellt . Als der Abend dunkelte , ließ er die Fronbauern und den Rest der Troßleute entspringen . Beim Sperrwall blieben nur die zwanzig Schanzleute vom Hirschanger zurück , denen - wie Herr Grans behauptete - der heilige Peter die Höfe gebrandschatzt hatte . Auf den Bauernzorn dieser obdachlos Gewordenen , die den Gadnischen ihre heiße Not auch heiß wieder heimzahlen wollten , konnte Herr Seipelstorfer sich verlassen . Nach der vierten Morgenstunde , als der Himmel sich zu lichten begann , kniff der Hauptmann mit seinen Reitern aus . Das geschah nicht ohne Lärm ; man konnte in der windstillen Dämmerung das Hufgestampf und Eisengerüttel weit vernehmen . Vor den Trümmern des Hallturmes , im Aschenfelde , standen die Salzburger und der heilige Peter schon zum Sturm bereit . Hauptmann Hochenecher witterte die Lunte , die hinter der Sperrschanze brenzelte . Doch weil ihm bang wurde um die Freunde bei Aufham , Piding und Marzoll , wagte er im Vertrauen auf seine Übermacht einen Gewaltstreich und befahl in der ersten Morgenhelle den Sturm . Als die tapferen Springer die Sperrschanze erklettert hatten , sah man , daß die Bayerischen ausgerissen waren . In rasender Hast wurde eine Bresche durch die Schanze gebrochen . Und los mit der ganzen Reiterei , auf der Straße hinter dem Seipelstorfer her ! Schon wollte das Fußvolk mit den Büchsen nachrücken . Da glommen kleine Feuerchen in zwanzig Buschverstecken auf , Fackeln flogen in die Reisighaufen der Sperrschanze , eine rasche Flamme rannte quer über das schmale Tal , die Bäume des Walles fingen Feuer , und eine lodernde Flamme legte sich hinter dem Reiterschwarm als unüberwindlicher Riegel vor die Salzburger Büchsen und den Haupthaufen der Spießknechte . Für den Hochenecher gab ' s nur noch einen einzigen Weg : hinaus gegen Marzoll ! Als die dicke Reitermasse unter der Plaienburg vorüberklirrte , fingen da droben die Faustbüchsen zu knattern an , brüllend spien die Landshuterin und die Hornaussin schwere Eisenschachteln mit Bleibrocken aus , und ruhelos knarrte die Trommelkanone . Unter schweren Verlusten geriet der Reiterhaufen in Verwirrung , spritzte gegen die schüzenden Wälder auseinander , und bevor er sich bei der Saalach wieder sammeln konnte , begann der Seipelstorfer ein grimmiges Dreinschlagen . Die Sonne war da . Herr Heinrich , den Hinterhalt vom Rücken auseinanderkeilend , rasselte über Piding herein . Und der Boden und die Saalach wurden rot , während die Berge sich einwickelten in den Qualm des flammenden Waldes und in den Rauch der brennenden Dörfer . Dann war ' s gekommen , wie es Malimmes vom Himmel abgelesen hatte . Der Seipelstorfer hetzte mit Eisen und Feuer den flüchtenden Häuf der Chiemseer . Und Herr Heinrich - auch im Jähzorn noch wirtschaftlich seine Kräfte sparend - ließ die Reste vom Reitertrupp des Hochenechers und der Gadnischen hinausbrechen nach Salzburg , gegen dessen Mauern nicht aufgekommen war , und tobte brandschatzend hinter dem Törring her . Die Burg des bayerischen Oberstjägermeisters und seiner weltberühmten Jagdhunde mußte fallen , ehe die Salzburger ihr Fußvolk und ihre Büchsen über Berchtesgaden herausziehen , den Stand der Dinge überschauen und zum Entsatz des Törring heranrücken konnten . - - Während Runotter , zwischen den beiden anderen reitend , das alles mit harten Worten hersagte , hielt Jul die Stirn so tief gebeugt , daß ihm das schwarze , vom Regen durchnäßte Haar gleich hängenden Rabenflügeln das Gesicht verhüllte . Und als der Bauer schwieg , blieb Jul noch immer so gebeugt . Er fand keinen Laut , tat keine Frage und klagte nicht . Doch die Schulterkacheln seiner Rüstung gingen knirschend auf und nieder . So mühsam atmete er . Immer wieder warf Malimmes einen Sorgenblick zu ihm hinüber . Die Straße zog von der Raitenhaslacher Höhe hinunter in das Tal der Salzach . Für das wundervolle Bild des herzoglichen Schlosses , das wie ein geheimnisvolles Märchen hinter den Schleiern des Regens dämmerte , hatten die drei kein Auge . Sie hörten auch das Geschrei der Menschen nicht , deren wirre , aufgeregte Stimmen von den Torwerken herauftönten . Warum hatte Runotter von den Gadnischen nichts erzählt ? Kein Wort vom jungen Someiner ? War da nichts Übles zu berichten ? Um dem Buben die Ruhe zu geben , glaubte Malimmes eine Frage , die wie gleichgültige Neugier aussah , wagen zu dürfen : » Hast du nit gesehen , Bauer , was mit den Gadnischen gewesen ist ? « » Wohl ! Und da muß ich dir ein Hartes sagen . « » Mir bloß ? Sag ' s ! « » Dein Bruder , als ein halb Heiler , ist mit ausgeruckt . Der liegt . Zwei von des Hauptmanns Trabanten haben ihn aus dem Sattel gestochen . Mir hast du ihn genommen . Und recht war ' s. Um deintwegen ist mir leid um ihn . Auch muß er arg an seiner Mutter gehangen haben . Wie ' s ihn auf dem Gaul überworfen hat , da hab ich ihn dreimal brüllen hören : Mutter , Mutter , Mutter ... « Das Gesicht des Malimmes verzerrte sich , als möchte jenes wilde Lachen aus seiner Kehle brechen . Dann war ' s , als hätte ihm eine unsichtbare Hand über die Augen gestrichen . Er sagte ernst : » Das kommt für jeden , daß er sich seines Bluts besinnt . « Und nach einer Weile : » Red weiter ! Von den anderen . « » Der Fürst hat sich mit dem Hochenecher gegen Salzburg durchgeschlagen . Das muß er dem jungen Someiner danken . Der hat sich für seinen Herren ins Zeug geschmissen wie ein Bärbeißer . « In die Stimme des Bauern kam ein Schwanken . » Mich hat er gemieden . Ich hab ihn auch nit gesucht . Gefechten hat er noch als der Beste , derweil ihm schon wie ein rotes Bächl das Blut über den Schenkel geronnen ist . « Erschrocken warf Malimmes einen Blick zu dem Buben hinüber . Der saß noch immer tief gebeugt . Schweigend ritten die drei dem Tor entgegen , bei dem das Häuflein der Spittelreiter schon eingetroffen war . Ein Gewimmel von Menschen . Die fingen zu jauchzen und zu jubeln an , als sie die Nachricht des Sieges hörten . » Guck « , sagte Runotter , der verwundert aufblickte , » da gibt ' s Menschen , die sich freuen . « Dieses Wort schien den Krampf zu lösen , der den Körper des Buben gefesselt hielt . Er hob das kalkweiße Gesicht mit den verzweifelten Augen , griff über den Gaul des Vaters hinüber , klammerte die Hand an den Ärmel des Malimmes und schrie : » Mensch , Mensch , warum hast du mich bei Aufham nit sterben lassen ! « » Geh , Jul , sei gescheit ! « Malimmes befreite seinen Arm und trieb den Ingolstädter neben den Falben hin . » Hätt ich dich sterben lassen , so tat ich liegen , wo du liegst . Und unser Bauer tät nit in Burghausen einreiten als lebendiger Gast des Herzogs . « » Laß den Buben ! « sagte Runotter hart . » Ganz unrecht hat er nit . Hätt ich schmecken können , was herauswachst aus dem gesiegelten Ochsenbrief - ich hätt die siebzehn Küh auf der Mordau niedergestochen , Stuck um Stuck , und hätt mich totschlagen lassen vom Seppi Ruechsam und den andern . « Er streckte sich im Sattel . » Jetzt ist ' s , wie ' s ist . Jetzt will ich den Kopf aufheben und dem Ding in die Augen schauen , das kommen muß . « Sie ritten in das Tor . Die Menschen , die sich drängten in der Halle , kreischten den drei Gepanzerten , denen man die Schwere des Krieges ansah , in aufgeregter Freude entgegen . Wie betrunken waren diese Leute . Und hübsche und häßliche Mädchen , die sich wie irrsinnig gebärdeten , warfen dem jungen , leichenblassen Harnischer Kußhände und Blumen zu . Von ihren Hälsen rissen sie die seidenen Tüchlein , die dünnen Silberketten , die Schaumünzen und schleuderten alles vor die Pferde hin - und sahen aus dabei , als wäre ein großes Glück in ihren Herzen . Der Falbe , als er aus dem Torbogen herausstampfte auf die Straße , fing hell zu wiehern an , weil er seine Heimat erkannte und den gewohnten Stall in der Nähe wußte . Und der Ingolstädter , den das Geschrei der Menschen zapplig machte , begann trotz seiner schweren Verwundung zu tänzeln und wollte schneller vom Fleck . Lachend sagte Malimmes : » Du Rössel aus Ingolstadt ! Jetzt reitest du ein bei Herzog Heinrich in Burghausen ! Und du wehrst dich nit . Wär ' s dein Ingolstädter Herzog , der tät sich spreißen ! « Das jubelnde Geschrei der vielen Leute , immer wachsend , schob sich durch die enge Häuserzeile gegen den Marktplatz hin . Und schöne Glocken fingen zu läuten an . Draußen vor dem Stadttor keuchte eine zerrissene Reihe von schweigsamen Menschen über die steile Straße hinauf , alte Mütter mit suchenden Augen , junge Frauen mit verstörten Gesichtern , täppelnde Kinder mit ratlosem Blick . Sie rannten gegen Raitenhaslach hin , immer schneller , schneller , schneller , dem langen , braun und grau gefleckten Karrenwurm entgegen , der die Sterbenden brachte und die Toten schon abgeladen hatte . 4 Herren-Chiemsee brannte . Und rings um den See herum stiegen die Feuersäulen der geschatzten Dörfer auf , wie kleine Kerzen einen schimmernden Altar umglänzen . Damit Herrn Heinrichs Schwur - » Gott soll ' s wollen ! « - Erfüllung fände , ließ der Seipelstorfer zwei junge Chorherren , die man hinter Aufham gefaßt hatte , in den See stoßen . Drei , die man im Stift gefangen , mußten je tausend Dukaten Lösegeld bezahlen . Jene , die auf guten Gäulen entronnen waren - unter ihnen Bischof Engelmar und der Chorherr Hartneid Aschacher - flüchteten nach Ingolstadt . Eine lange Reihe von Bauernkarren unter scharfer Bewachung , mit Plündergut aus Stift und Münster , mit Lösegeldsäcken und Sackmacherbinkeln , wurde nach Burghausen geschickt . Dann zog der Seipelstorfer mit dem zusammengeschmolzenen Trupp seiner Harnischer nach der Burg des Kaspar Törring , um den Belagerungshauf seines Herrn zu verstärken . Da kam er gerade noch recht , um das Ende der flinken Arbeit zu sehen , die Herzog Heinrich geleistet hatte . Tag und Nacht waren die Büchsen und Bliden in ruheloser Tätigkeit gewesen und hatten vierzehnhundert Steinkugeln in die Burg geworfen . Die Antwerke hatten pechgetränkte Strohbauschen und glühende Lumpensäcke geschleudert und alles Brennbare der Burg in Flammen gesteckt . Nur der starke , aus gewaltigen Quadern erbaute Wachturm Hochtörring stand noch - ohne der Besatzung viel Schutz zu bieten ; in diesem sicheren Turme hatte Kaspar Törring seine sechzig geliebten und berühmten Leithunde mit ihren Wärtern , mit ihrem Koch und ihrer Küche untergebracht . Schauerlich klang mit dem Gebrüll der Hauptbüchsen das tobende Hundegeheul zusammen , das immerzu aus den Wehrscharten des Hochtörring herausscholl . Neben diesem Turme , der die zentnerschweren Steinkugeln wie dürre Kletten von sich abschüttelte , war alles andere der schönen , stolzen Burg , die vor wenigen Tagen noch als ein steinernes Kleinod hinausgefunkelt hatte über die waldreichen Lande , eine qualmende Brandstätte und ein formloser Schutthaufen geworden . Dennoch befahl Herr Heinrich den Sturm nicht . Er wollte sein Volk schonen . Durch die Geschütze des Törring und bei den verzweifelten Ausfällen , mit denen die Besatzung den feuerspeienden Ring zu sprengen versuchte , hatte der Herzog schon ein halbes Hundert seiner Leute verloren . Aber auch die Besatzung der Burg hatte sich um mehr als die Hälfte vermindert ; ihre Toten schwammen im braungewordenen Wasser des Burggrabens ; und siebenunddreißig , die lebendig in die Fäuste der Herzoglichen gefallen waren , hingen an der Eiche , die das Zelt des Burghausener Profosen beschattete - eines Profosen , der seinem Salzburger Amtsbruder an Wohlwollen bedenklich nachstand . Die Äste des Baumes bogen sich unter dem Gewicht der vielen zweibeinigen Früchte . Manche von diesen sanft und schweigsam Schaukelnden hingen so tief herunter , daß die Gehilfen des Profosen , wenn sie aus dem Zelte heraus oder in das Zelt hinein wollten , sich bücken mußten , um nicht an die schwankenden Füße der Gerichteten zu stoßen . Wenn die noch Lebenden der Besatzung das bunt gesprenkelte Grün dieser Eiche sahen , dachten sie : » Die haben ' s überstanden ! « Die Übergabe des unhaltbar gewordenen Trümmerhaufens war stündlich zu erwarten . Aus Sorge vor dem Anrücken der Salzburger wollten die Belagerer das Letzte beschleunigen und nützten zu diesem Zweck eine alte Erfindung des Büchsenmeisters Kuen , der jetzt in der Plaienburg unter den heißen Luftwellen brennender Wälder schwitzte . Man nannte das in der Kriegssprache : den Dachs ausschwefeln . Aller Unrat des Belagerungsheeres , fest und flüssig , dazu noch alle Jauche der benachbarten Bauernhöfe wurde in Fässer geladen und aus den Antwerken in die Höfe der qualmenden Burgruine und in die Turmscharten hineingeschleudert . Das war nicht nur den Leuten des Törring , auch seinen edlen , an Reinlichkeit gewöhnten Hunden zu viel . Sie heulten und winselten , als wären die Steinkammern des Hochtörring die qualvollsten Höllenschlünde . Es war am Nachmittag . Eine Schönwettersonne begann schon den lieben Weltboden und sein lebendes Gewimmel rot zu vergolden . Da verstummte das Gebrüll der Belagerungsgeschütze . Herzog Heinrich , der in seinem großen , durch einen Wall geschützten Zelte angekleidet auf dem Feldbett lag , fuhr aus den Kissen auf und kreischte lachend : » Käsperlein ? Kommst du ? « Er saß und lauschte mit vorgestrecktem Hals , heißen Glanz in den Augen , die hageren Wangen von einer krankhaften Röte glühend , den kleinen Kopf umstarrt von dem dicken , kräuseligen Schwarzhaar . Erschöpft durch die schweren Strapazen , denen sein zierlicher Körper nicht gewachsen war , litt Herr Heinrich seit dem verwichenen Abend wieder an einem Anfall seines rätselhaften Fiebers , das die Ärzte bald als Folge geistiger Übermüdung , bald als Wirkung eines schleichenden Giftes , bald als welsches Erbgut des Hauses Visconti erklärten , ohne ein Mittel dagegen zu finden . In aufgeregten Zeiten erschien das Fieber . Wurden die Tage ruhig , so verschwand es wieder . Im Volke tuschelte man , das käme von dem Fluch , den die Wittib des an einem Ostertage geköpften Landshuter Ratsherrn Leitgeb über den damals vierundzwanzigjährigen Herzog gesprochen . In jener Osterwoche - während der Herzog zu Regensburg turnierte - wurden vierundfünfzig Landshuter Bürger , weil sie aus der herzoglichen Residenz eine freie Reichsstadt machen wollten , um Haus und Habe gebüßt . Dreißig wurden verbannt , einem Dutzend stach man die Augen aus , ein Dutzend wurde hingerichtet , ihre Witwen und Kinder wurden des Landes verwiesen . Aber das war schon lange her . Genau zwölf Jahre . An dieses Vergangene dachte Herr Heinrich selten . Und was nach seinem Glauben notwendige Gerechtigkeit gewesen , beschwerte ihm die Seele nicht und beschleunigte ihm keinen Pulsschlag seines Blutes . Nur daß er seit damals nicht gerne in Landshut residierte . Er zog das verläßliche Burghausen vor . Der jüngste Anfall seines rätselhaften Fiebers war so hitzig , daß die Sache dem Leibarzt bedenklich wurde . Herr Heinrich selbst war sorglos . Er hatte das unbequeme Leiden noch immer überstanden . Jetzt spielte zu seiner Beruhigung auch ein bißchen Aberglaube mit : Jener Nürnberger Galgenvogel , der ihm vor Jahren zu Landshut die lustige Botschaft von der Himmelstür gebracht , und dem er in diesen Tagen einen kostbaren Vorsprung gegen die Ingolstädter verdankte , der saß , wenn auch etwas beschädigt , doch ganz lebendig in einer gesunden Stube des Burghausener Schlosses . Heiter lachte Herr Heinrich vor sich hin , als er die klirrenden Schritte vernahm , die sich dem Zelte näherten . Was da kam , erriet er . » Loys ! Denk an den heutigen Tag ! Du Starker ! Heut hab ich dir deinen Besten auf Mus zerrieben . Gott hat ' s wollen . « Einer von den schwergepanzerten Leibtrabanten trat in das Zelt . » Das weiße Fähnl ? « » Ja , gnädigster Herr ! Auf dem Hochtörring haben sie ' s ausgesteckt . « » Der Dachs will frische Luft haben ? « Ein Lachen . Und während sein Körper im Fieber schauerte , nahm Herr Heinrich den schwarz umstruwwelten Kopf zwischen die glühenden Hände . Nach kurzem Nachdenken rief er ruhig : » Oswald ! « Ein schmucker , dreißigjähriger Mann , der hinter dem Bett gestanden , trat schnell herbei : » Oswald Aheimer , des Herzogs Marschalk . « » Geh hinauf zu diesem wilden Jäger ! Ich möchte wetten , er denkt zuerst an seine berühmten Hunde und dann erst an Weib und Gesind . Ist binnen einer halben Stunde die Übergab vollzogen , so will ich ihm das gewähren - « Der Herzog schwieg eine Weile . » Seine Leute haben sich rechtschaffen gehalten , sie sollen freien Abzug auf Urfehd haben . Seiner edlen Hausfrau schwör ich Leben und Ehre zu . Dem Kaspar Törring geb ich ritterliche Freiheit nach demütiger Kopfbeugung vor meinem Bett . « Herrn Heinrichs Stimme wurde langsam : » Und wir wollen ihm gestatten , daß er - seine berühmten Hunde mitnimmt . Alle ! « Er lächelte . » Wiederhole mir das ! « Der Marschalk hatte gut aufgepaßt . Er konnte den Willen seines Herrn wörtlich nachsagen . Der Herzog nickte heiter . » Die Burg wird geplündert . Das hab ich meinen braven Blutzapfen versprochen . Viel werden sie nimmer finden in dem Mus da droben . Jetzt geh ! Wenn ' s dem Käsperlein taugt , dann soll er kommen . Mißfällt ' s ihm , so wird weitergeschwefelt . « Als der Marschalk das Zelt verlassen hatte , kam der Leibarzt mit vier Dienern , reichte dem Herzog unter Ruhemahnungen einen Kühltrank , entblößte ihm den Oberkörper bis zum Gürtel und wusch diese zarte Knabenbrust und den schmalen Rücken mit Essig , dessen Sauerduft durch feine Wohlgerüche gemildert war . Herr Heinrich , sobald er wieder in seinem grauen Kittel stak , legte sich still und geduldig auf die Kissen hin . Immer lächelte er . Und wartete . Man öffnete die Zelttücher , um die letzte Sonne hereinzulassen . Wie goldroter Sammet lag ihr Glanz auf dem zertretenen Rasen des Zeltbodens . Und der Lärm des Lagers da draußen glich dem Rauschen einer großen Mühle . Nun ein lustiges Geschrei von vielen Stimmen . Der Herzog setzte sich auf . Eine dürstende Spannung war in seinem Gesicht . Mit erloschener Stimme befahl er seinem Diener : » Schau , was los ist ! « Dann griff er nach seinem schwarzen Mantel und wollte sich erheben . Der Leibarzt beschwor ihn , seiner Gesundheit zu denken und sich ruhig zu halten . Herr Heinrich nickte und blieb in den Kissen sitzen , den Mantel über dem Schoß . Da kehrte der Diener in das Zelt zurück . » Kommt er ? « » Ja , gnädigster Herr ! Und zehn von den Unseren führen die vielen Hund gekoppelt über den Burgberg herunter . « Man hörte schon das näher kommende Gekläff wie eine fröhliche Jagd . Heiter stieß der Herzog die kleinen Fäuste vor sich hin . » Gott hat ' s wollen ! « Er wurde ernst . » Zehn schwere Parzer mit blankem Eisen zu meinem Bett ! Der Kaspar Törring ist einer von den Starken , die gern gewalttätig werden . « Nun lachte er wieder und streckte dem Leibarzt die Hand hin . » Fühl den Puls ! Ich spür , daß mein Fieber minder wird . « Der Doktor machte ein freudig staunendes Gesicht . » Wahrhaftig , gnädigster Herr , die Krise scheint überstanden zu sein . « » Scheint mir auch so ! « Herr Heinrich schüttelte das Haar und streckte sich . » Ob ' s nicht ein Wechselfieber ist ? Mich verläßt es heut . Einen anderen wird es packen . Gott soll ' s wollen ! « Die zehn Harnischer traten an , postierten sich zu Füßen und Häupten des Bettes , zogen vom Leder und stellten die blanken Schwerter vor sich hin . Hinter den Gepanzerten war einer mit der Hauptmannsbinde gekommen . Der flüsterte dem Herzog ein paar Worte zu . » Oh ? Guck ! Die Salzburger ! « Herr Heinrich hatte vergnügte Augen . » Daß die Freunde des Loys doch immer zu spät kommen ! Du sagst , sie stehen beim Waginger See ? Da brauchen sie noch zwei Stunden . « Wieder nahm er den Kopf zwischen die Hände . » Eine halbe Stunde für die Plünderung . Sag meinen braven Blutzapfen , sie sollen sich eilen . Dann laß Alarm blasen . Das Fußvolk mit Troß und Geschütz voraus im Flinkmarsch . Mich soll man in einem Stangensessel tragen . Mein Roß bleibt neben mir . Der Seipelstorfer mit der ganzen Reiterei deckt mir den Rücken . Weiter ! « Der mit der Hauptmannsbinde sprang davon , während man das Kläffen und Winseln der vielen Jagdhunde schon nahe vor dem Zelt vernahm . Lachend faßte der Herzog einen Diener an der Kittelfalte , zog ihn zu sich her und tuschelte ihm ein paar flinke Worte ins Ohr . Erschrocken sah der Diener seinen Herrn an , wagte aber keinen Widerspruch und ging mit verstörtem Gesicht davon . Unter dem Lärm , den die vielen Hunde aufschlugen , hörte man weit und verschwommen vom Burgberg her das Toben und lustige Schreien der Sackmacher und das angstvolle Kreischen weiblicher Stimmen . Mit vorgebeugtem Kopfe lauschend , regungslos , die Fäuste in den schwarzen Mantel geklammert , saß Herr Heinrich auf dem Feldbett . Der Marschalk Oswald Aheimer , von draußen erscheinend , schob das Tuch des Zeltspaltes noch weiter auseinander . In der dunkelroten Sonne vor dem Zelte sah man ein Gewühl von rostbraunen , von schwarz und weiß , von weiß und braun gefleckten Jagdhunden . Die vielen , aufgestarrten und hurtig wedelnden Schwänze gaben dem Gewühl der kläffenden Bracken das Bild eines wunderlich bewegten Ährenfeldes . In diesem Gekläff war eine rauhe , von Zorn bebende Stimme zu hören : » Eures Herrn Wort ist Bürge . Wer meine Hunde nicht redlich betreut , versündigt sich wider seines Fürsten heilig Wort . « Herr Heinrich lächelte . » So ? Meinst du ? « Da trat in die purpurne Sonne des Zeltspaltes ein hochgewachsener , sehniger Mann mit sonngebräuntem , verwittertem Gesicht und grauem Knebelbart , ohne Hut und ohne Waffen . Er war wie ein alter Jäger , aus einem Forsthaus der Berge hausgeholt . Nur kostbarer gekleidet . Doch diese grüne Seide war nicht reinlich und verbreitete einen schlechten Geruch . Der sie tragen mußte , war der ausgeschwefelte Dachs , der Oberstjägermeister der bayerischen Herzöge , Herr Kaspar Törring , den der Volksmund den Teufel von Jettenbach nannte . Man verstand dieses Volkswort , wenn man des Törring kühne Adlernase und seine funkelnden Augen sah . Als er stumm , mit übereinandergebissenen Zähnen und geballten Fäusten auf das Feldbett des Herzogs zuging , ließ Oswald Ahaimer das Tuch der Zeltspalte fallen . Eine violette Dämmerung war in der großen Leinwandstube , deren Ritzen wie feurige Linien schimmerten . Törring wollte sich neigen . Herr Heinrich winkte ab und sagte freundlich : » Laß die Förmlichkeit , mein guter Kaspar ! Unter uns Jägern ist das entbehrlich . Wir wollen uns daran genügen , daß du gekommen bist . Wie geht ' s dir ? Wir haben uns lange nicht gesehen . Seit dem Scharmützel bei Piding nimmer . « » Ja , Herr Herzog ! « murrte Törring . » Bei Piding hab ich Buch gesehen . Ein lützel weit . Einer mit minder scharfen Augen , als ich sie hab , hätt Euch schwerlich erkannt . So ferne habt Ihr Euch gehalten . « » Du Närrlein ! « Herr Heinrich schmunzelte . » Ich werde doch mit dir nicht fechten ! Ich , ein Zwerg . Mit einem Riesen und Teufel ! Aber sag , was macht dein edles Weidwerk ? Haben die guten Hirsche in meinen Wäldern schon verfegt ? In meinen Wäldern bist du ja mit deinen berühmten Bracken viel mehr zu , Hause als wir selbst . « In Zorn machte Kaspar Törring einen Schritt und wollte sprechen . Flink erhob der Herzog die schlanke Hand . » Nicht so nahe , mein lieber Kaspar ! Du riechst nicht gut . « Der andere in heißem Grimm : » Wer hat mich denn so verstunken ? « » Ich glaube , das war dein seltsamer Einfall , nach Piding zu reiten . Aber ehrlich , guter Kaspar , mir ist leid um dein kostbares Kleid . Seidene Strümpfe ? Oooh ! Hat dir die dein gnädiger Loys geschenkt ? Oder hast du sie bezahlen müssen nach Pariser Preis ? Ihr Lebensfrohen , ihr tut euch leichter als ich in meinem Bauernkittel . Seidene Strümpfe ! Wenn ich so verschwenden wollte , wohin kam ich ? - Oswald ! Geh mit diesem kostbar Gekleideten in die Zeltkammer und laß ihn bürsten . Jäger pflegen auf Reinlichkeit zu halten . « » Herzog Heinrich « , sagte Törring mit erdrosselter Stimme , » spart mir den Hohn ! Eure empfindsame Nase werde ich nicht lang belästigen . Da mir die Nackenbeugung gnädig erlassen wurde , ist mein Geschäft zu Ende . Laßt mich nach Eurem fürstlichen Wort mit meinen Hunden - « Seine rauhe Stimme erlosch in dem aufgeregten Geschrei , das sich vor dem Zelt mit dem Gekläff und Gewinsel der Bracken mischte . Eine schrillende Frauenstimme . Die Türbehänge wurden auseinandergerissen . Vom Purpur der Sonne umschimmert , taumelte eine hohe , blonde Frau in das Zelt herein , noch schön bei vierzig Jahren , mit Strümpfen und zierlichen Schuhen ah den Füßen , doch nur bekleidet mit einem langen Hemd , dessen dünne Leinwand vor dem Sonnenpurpur einen blauen Schattenriß des Körpers gewahren ließ - die Hausfrau des Kaspar Törring . Während sie zitternd den Hals ihres Mannes umklammerte und das Gesicht an seiner Brust verbarg , schrie Törring in Wut gegen den Herzog hin : » Du Wortbrüchiger ! Du schnöder Frauenschänder ! « Seine funkelnden Augen sahen die Fäuste der zehn Gepanzerten an . Herr Heinrich hatte sich vom Feldbett erhoben . » Ich hoffe nicht , daß unser fürstliches Wort mißachtet wurde ! Edle Frau ? Ist Euch ein ernstliches Leid geschehen ? « Sie schüttelte an der Brust ihres Mannes den Kopf . » Also , Kaspar ? Wozu dein Zorn ? Meine Blutzapfen waren in beklagenswertem Grade unhöflich und haben deiner Gemahlin den Schmuck und das Seidenkleid mit den goldenen Tressen genommen . Alles andere hat sie noch . Sieh nach ! « Während Herr Heinrich so sprach und seinen schwarzen Mantel vom Feldbett nahm , verwandelte sich draußen das Gekläff und Gewinsel in ein grauenvolles Geheul . Dazu hörte man dumpfe Schläge und ein Knirschen wie von brechenden Knochen . » Edle Frau ! « sagte der Herzog mit sehr lauter Stimme . » Wollet Euch meines Mantels bedienen ! « Und während der kleine zierliche Herr sich streckte , um ihr den schwarzen Mantel über die Schultern zu hängen , sagte er liebenswürdig : » Wie strack und hoch - und wie schön rund Ihr seid ! Ihr solltet einen Mann haben , der zuerst an Euch denkt . Und dann erst an seine berühmten Hunde . « Kaspar Törring schien nicht zu hören , was der Herzog redete . Den Arm um seine Hausfrau geschlungen , streckte er sich in lauschendem Schreck . Nun sprang er keuchend zur Zelttüre , riß den Vorhang