uns erreichten . Das waren Athabaska und Algongka . Sie saßen wunderbar zu Pferde . Nachdem sie in indianisch höflichster Weise gegrüßt hatten , sagte Athabaska : » Wir wollten nach dem Berge , um Old Shatterhand , den Gast der roten Männer , zu begrüßen . Wir hatten ihn lieb , noch ehe wir ihn sahen . Wir achteten ihn sehr hoch , als wir ihn dann kennen lernten , ohne seinen Namen zu wissen . Und nun er hier eingetroffen ist , und sich genannt hat , dürfen wir nicht warten , bis er zu unsern Zelten kommt , sondern wir reiten zu ihm , weil er der Höhere ist . « » Kann es unter Brüdern einen geben , der höher steht als die andern ? « fragte ich . » Wir gehören einem einzigen Vater , und der heißt Manitou . Wir stehen einander gleich . Ich besuche meine Brüder . Ich bitte , an ihren Zelten die Pfeife des Willkommens mit ihnen rauchen zu dürfen ! « Diese Höflichkeit erfreute sie . Algongka antwortete : » Wir sind stolz auf diesen Wunsch unsers weißen Bruders . Er komme mit uns . Er wird Freunde sehen . Bekannte aus früherer Zeit , die hier angekommen sind . Als sie hörten , daß er schon anwesend sei , baten sie uns , mit nach dem Berg reiten zu dürfen , um sich an seinem Angesicht zu erfreuen . Dort warten sie . « Er zeigte auf die Gruppe , welche halten geblieben war . Wir ritten hin . Wer waren sie ? Wen erkannte ich sofort , trotz der langen Zeit , die zwischen dem damals und der jetzigen Stunde lag ? Es waren Wagare-Tey , der Häuptling der Schoschonen , Schahko Matto , der Häuptling der Osagen , und mehrere ihrer Unterhäuptlinge . Wie groß unsere Freude war , uns wiederzusehen ! Auch Avaht Niah war da , der » Hundertundzwanzigjährige ! « Sollte man das für möglich halten ? Ganz selbstverständlich hatte er jetzt nicht mit nach dem Berge reiten können . Er war vor seinem Zelte sitzen geblieben und ich bat , ihn zuerst aufsuchen und begrüßen zu dürfen . Man hatte Wagare-Tey und Schahko Matto veranlassen wollen , ihre Zelte in der Unterstadt aufzuschlagen ; sie aber waren so klug gewesen , sich nach den Verhältnissen zu erkundigen , und was sie da hörten , hatte sie veranlaßt , nach der Oberstadt zu reiten , um sich Athabaska und Algongka beizugesellen . Wir ritten zunächst nach dem Zelte Wagare-Teys , der mit seinem alten Vater beisammen wohnte , hatten uns aber kaum hierzu in Bewegung gesetzt , so kamen uns zwei Kanean-Komantschen entgegen , die auch hinauf nach dem Schlosse wollten , aber , als sie uns sahen , halten blieben und sich an mich wendeten . Sie waren von Young Surehand und Young Apanatschka geschickt , um mich zu diesen beiden jungen Künstlern einzuladen , die bei unserer Ankunft abwesend gewesen waren . Sie hatten , als sie dann kamen , gehört , daß ich eingetroffen sei , und forderten mich nun durch diese ihre Boten auf , zu ihnen zu kommen , weil sie beabsichtigten , mir gleich noch heut ihr Kunstwerk , die Statue Winnetous , zu zeigen . Schon öffnete ich den Mund , um Antwort zu geben , da forderte Athabaska mich durch eine Handbewegung auf , still zu sein , und nahm die Sache selbst in die Hand , indem er zu den beiden Komantschen sagte : » Ihr seht hier Athabaska und Algongka , die Häuptlinge der fernsten , nördlichen Völker , ferner Schahko Matto , den Häuptling der Osagen , und Wagare-Tey , den Häuptling der Schoschonen . Kehrt sofort zu Young Surehand und Young Apanatschka zurück , und sagt ihnen , daß wir sogleich mit ihnen zu sprechen haben , sogleich ! Sie sollen augenblicklich kommen . Es handelt sich um etwas sehr Wichtiges ! « Er sprach in einem derartigen Tone , daß die beiden Boten kein Wort zu entgegnen wagten und sich schleunigst davonmachten . Dann setzten wir unsern Weg nach den Zelten fort . Die , welche Athabaska , Algongka , Wagare-Tey und Schahko Matto gehörten , standen nahe beisammen . Wir sahen , noch ehe wir sie erreichten , den Hundertundzwanzigjährigen sitzen . Sein weißes , nach hinten gebundenes Haar hing ihm lang über dem Rücken herab . Er war kein Skelett wie Kiktahan Schonka . Er konnte sich noch ziemlich leicht bewegen . Sein Auge war klar und der Ton seiner Stimme so frisch und bestimmt , wie bei einem Fünfzig- oder Sechzigjährigen . Er stand , als er uns kommen sah , ohne fremde Hilfe von der Erde auf und erfuhr von Wagare-Tey , seinem Sohne , daß der Trupp so schnell zurückkehre , weil man mich ganz unerwartet getroffen habe , mich und meine Squaw . Sein Gesicht war voll unzähliger , kleiner Fältchen , die es aber nicht im geringsten verunzierten . Es hatte keinen einzigen Flecken , keinen einzigen Zug , keine einzige häßliche Stelle , durch welche seine Reinheit , was im Alter doch häufig vorzukommen pflegt , beeinträchtigt worden wäre . Er war ein schöner , ein wirklich schöner Greis ! Als er mich sah , erkannte er mich sofort . Seine alten , guten Augen strahlten vor Freude . Er kam auf mich zu , legte beide Arme um mich , zog mich an sich und rief aus : » O Manitou , o Manitou , du Großer und du Gütiger ! Wie danke ich dir für dieses Glück , für diese Freude ! Wie sehnte ich mich , den besten , den aufrichtigsten Freund aller roten Völker noch einmal zu sehen , bevor ich das unbekannte Wasser des Todes mit kühn schwimmendem Arm zerteile ! Meine Sehnsucht ist erfüllt . Ich erfuhr , daß er kommen werde . Da beschloß ich , auch zu kommen . Das Alter streckte den dürren Arm nach mir aus , mich festzuhalten . Ich aber fühlte mich jung und riß mich los . In meinem Herzen erklang eine Stimme , die mir sagte , daß ich zu meinem weißen Bruder eilen müsse , denn er bringe uns die Güte , die Liebe und die Einheit zurück , die uns einst verlassen haben . Und kaum bin ich gekommen , so kommt auch er ! Und du bist seine Squaw ? « Diese Frage war an das Herzle gerichtet . Wir waren von den Pferden gestiegen . Sie stand neben mir . » Sie ist es , « antwortete ich . Da streckte er den Arm nach ihr aus , zog sie grad so an sich wie mich und fuhr fort : » Er bringt uns eine Freundin , eine weiße Schwester . Sie sei uns willkommen in unseren Zelten und in unseren Seelen ! Ich bin der Aelteste von allen . Setzt euch im Kreise , und bringt mir das Kalumet . Es soll eine der letzten und der schönsten Ehren sein , die Versammlung des Grußes zu leiten . Old Shatterhand setze sich zu meiner Rechten , seine Squaw zu meiner Linken . Man entzünde das Feuer der Freude ! « Wie gesagt , so getan . Es war ein außerordentlich rührendes , gegenseitiges Willkommenheißen , welches sich nun entwickelte . Die Pfeife ging unaufhörlich von Hand zu Hand . Tausend Erinnerungen tauchten auf , sie alle mit dem herzlieben Namen Winnetou verknüpft . Doch hatten wir jetzt keine Zeit , uns ihnen hinzugeben . Das mußte für später verschoben werden . Mitten in diese lebhafte , frohe Szene hinein kamen Young Surehand und Young Apanatschka . Sie waren zu Pferde , wie überhaupt dort jedermann . Sie stiegen ab . Aber niemand schien sie zu sehen . Sie wollten sich zu uns setzen , aber keiner rückte zu , und keiner machte ihnen Platz . So standen sie eine ganze , lange Weile . Dann gingen sie zu ihren Pferden , um wieder forzureiten . Nun endlich wurden sie beachtet . Athabaska rief ihnen zu : » Die Söhne von Old Surehand und Apanatschka mögen näher treten ! « Sie kehrten wieder um . Seine Stimme hatte jenen unwiderstehlichen Ton , dem man gehorchen muß , auch wenn man nicht gehorchen will . Alles war plötzlich still . Niemand sprach . Man konnte das leise Knistern des kleinen Feuers hören . Da fragte Athabaska die beiden : » Sind Young Surehand und Young Apanatschka Häuptlinge ? « » Nein , « antworteten beide . » Ist Old Shatterhand Häuptling ? « » Ja . « » Es sind schon fast siebzig schwere Winter , die er verlebte ; sie aber haben noch nicht einmal dreißig leichte Sommer hinter sich . Und doch gehen sie nicht zu ihm , sondern sie verlangen , daß er zu ihnen komme ! Seit wann ist es bei den roten Männern Sitte , daß das Alter der Jugend zu gehorchen hat und die Erfahrenheit der Unerfahrenheit ? Wir wollen , daß unser Volk vom Schlafe auferstehe . Wir wollen , daß es seine Rechte und seine Pflichten erkennen lerne . Wir wollen , daß es sich zu den gebildeten Nationen zähle . Wie aber sollen wir das erreichen , wenn wir nicht einmal das Gesetz der wildesten unter den Wilden achten , daß die Jugend das Alter ehre ? « Da warf Young Surehand stolz ein : » Wir sind Künstler ! « » Uff , uff ! « rief Athabaska aus . » Ist das etwas Besseres , als Mensch zu sein und als alt und erfahren zu sein ? Ihr seid Künstler ? Habt ihr das schon bewiesen ? Vielleicht ist Old Shatterhand auch einer . Er hat sich noch nicht als Künstler bezeichnet . Ihr aber nennt euch so . Darum werden wir euch prüfen , ob euch dieser Name zukommt oder nicht . Und selbst wenn ein Künstler etwas so Hohes und so Herrliches wäre , daß kein anderer Mensch ihn zu erreichen vermöchte , so müßte man doch von ihm wohl erst recht die Tugenden fordern , die man an jedem gewöhnlichen Menschen zu sehen verlangt . Fragt eure Väter , und fragt Kolma Putschi , was sie Old Shatterhand verdanken ! Hat er nun für diese seine Taten und für alle Liebe , die er ihnen erwies , den Söhnen nachzulaufen , weil diese von sich behaupten , Künstler zu sein ? Was soll denn diese eure Kunst ? Uns ein Riesenbild von Winnetou geben ! Könnt ihr das ? Ich glaube , nicht ! Unser großer Winnetou war vor allen Dingen bescheiden . Er diente . Er achtete und ehrte das Alter selbst im geringsten Menschen . Seine größte Lust war , zu helfen , zu tragen , zu beglücken . Ihr aber seid zu stolz , selbst seinem besten Freunde den ersten Besuch , den Höflichkeitsbesuch , der nicht euch , sondern ihm gebührt , zu machen . Ihr habt also Winnetou niemals verstanden und begriffen . Wie könnt ihr uns da ein Bild von ihm geben , welches wahr und ehrlich und nicht erlogen ist ? Wo sind eure Väter ? Sind sie anwesend ? « » Noch nicht . Sie ritten heute früh fort . Sie kehren erst am Abend wieder . « » So sagt ihnen , wenn sie kommen , folgendes : Die hier versammelten Häuptlinge verlangen von ihnen , daß sie zu Old Shatterhand kommen , um ihn für ihre Söhne um Verzeihung zu bitten . Wir aber werden nach Verlauf einer Stunde bei eurem tönernen Winnetou eintreffen , um zu prüfen , ob ihr Künstler seid oder nicht . Jetzt könnt ihr gehen ! « Sie stiegen auf ihre Pferde und ritten fort , ohne ein einziges Wort der Entschuldigung zu sagen oder der Verteidigung zu wagen . Und als wir nach Verlauf der angegebenen Zeit bei dem großen , hohen Blockhause ankamen , in welchem sie an dem Modell gearbeitet hatten , standen sie an der Tür und empfingen uns still und ehrerbietig wie Leute , die gern zürnen möchten und aber doch nicht dürfen . Sie waren übrigens ganz prächtige und sympathische junge Menschen , und ich sah es dem Herzle an , daß sie im Innern gern bereit war , sie zu verteidigen . Sie nickte und lächelte ihnen heimlich zu ; ich aber durfte ihnen nur einen grüßenden Blick geben , weiter nichts , um Athabaska nicht zu beleidigen . Als wir in das Gebäude traten , sahen wir da sämtliche » Herren vom Komitee « versammelt . Sie hatten sich eingestellt , um auf die Häuptlinge einzuwirken , wurden aber von diesen derart als Luft behandelt , daß sie es gar nicht wagten , sich ihnen zu nähern oder gar etwa einen von ihnen anzusprechen . Das Haus war rund wie ein Zirkus gebaut und enthielt nur einen einzigen Raum . Die mit Leinwand überkleidete Holzblockmauer zeigte ein wohlgelungenes Panorama des hiesigen Platzes mit dem Mount Winntou und seinen beiden riesigen Felsentürmen . Den vorderen , kleineren Turm mit dem » Schlosse « Tatellah-Satahs , und den größeren , höheren mit der von hoch oben stolz herabschauenden gigantischen Winnetoufigur , selbstverständlich jetzt nur erst projektiert . Als Modell vollendet aber ragte diese Figur in der Mitte des Raumes . Sie war ungefähr acht Meter hoch und stand unter der günstigen Wirkung des durch die offenen Dachfalten hereinbrechenden Oberlichtes . Für die dunklen Abendstunden war elektrische Beleuchtung vorhanden , die hierzu nötige Elektrizität wurde ohne großen Kostenaufwand am Wasserfall erzeugt . Es war berechnet , daß sie später für die ganze Stadt Winnetou ausreichen werde . Mein erster Blick war nach dem Gesicht Winnetous . Es war getroffen , überraschend getroffen . Und doch erschien es mir fremd . Es waren seine Züge , ganz genau seine Züge ; aber sie waren nicht so freundlich ernst , so gütig und so lieb , wie ich sie kennen gelernt hatte , sondern sie zeigten einen fremden Ausdruck , der ihm im Leben niemals eigen gewesen war . Dieser Ausdruck harmonierte allerdings mit der aggressiven Bewegung , welche der Figur von ihren Verfertigern erteilt worden war . Die Kleidung war mit peinlichster Gewissenhaftigkeit ausgeführt . Die mit Stachelschweinsborsten geschmückten Mokassins , die gestickten Leggins , der eng anliegende , fast faltenlose , lederne Jagdrock , die über die Schulter geschlagene , prächtige Santillodecke , unter welcher die Schlingen des von der rechten Achsel nach der linken Hüfte gehenden Lassos hervorschauten . Am Gürtel hing der Pulver- und Kugelbeutel früherer Zeit . Daneben steckte das Messer , unweit davon eine Pistole und ein Revolver . Den rechten Fuß wie zum Sprunge vorgesetzt , stützte sich die Figur auf die in der linken Hand gehaltene Silberbüchse , während die rechte Hand einen geladenen zweiten Revolver drohend vorstreckte . In dieser vorwärts strebenden Bewegung hatte die Gestalt etwas aal- oder schlangenhaftes . Oder man dachte an einen Panther , der sich aus seinem Hinterhalt hervorschnellt , um sich auf die Beute zu stürzen . Hierzu paßte der nicht etwa nur drohende , sondern gierige Ausdruck des Gesichtes , welcher umso befremdender oder abstoßender wirkte , je deutlicher die Schönheit dieses Gesichtes trotz alledem hervortrat . » Schade , jammerschade ! « flüsterte mir das Herzle zu . » Leider , leider ! « antwortete ich . » Und sie sind Künstler , wirkliche Künstler ! « » Ganz zweifellos ! Nur die Auffassung ist falsch . Es ist eine Sünde , eine ungeheure Sünde . Wie man Winnetou so etwas antun konnte , das begreife ich nicht ! Und diese Figur soll auf die Höhe des Berges ! « » Niemals , niemals ! Ich dulde das nicht . Und wenn man mich nicht hört , so greife ich zum letzten Mittel und zertrümmere sie vor aller Augen ! « Die Häuptlinge waren still . Sie schritten langsam rund um das Bild , um es von allen Seiten zu betrachten , sagten aber nichts . Young Surehand und Young Apanatschka standen in der Nähe . In ihren Gesichtern drückte sich nicht die geringste Spannung aus . Sie waren vollständig überzeugt , daß der Eindruck ihres Werkes auf uns ein unvermeidlich imponierender sei . Die Herren vom Komitee waren derselben Meinung . Sie hatten erwartet , uns in Ausrufe des Entzückens ausbrechen zu hören . Als aber Minute um Minute verging , ohne daß einer von uns ein Wort verlautete , begannen sie , uns Vorspann zu leisten , indem sie nun ihrerseits das taten , was wir unterließen . Sie ergingen sich in lobenden Interjektionen , um uns zu verleiten , diesem ihrem Beispiele zu folgen . Aber die Wirkung , die sie erreichten , war dieser ihrer Absicht gerade entgegengesetzt : Die Häuptlinge wendeten sich dem Ausgange zu . Sie schritten hinaus , einer nach dem andern . Ich folgte mit dem Herzle . Da kam das Komitee , die beiden Künstler voran , uns nachgeeilt . Sie wollten Auskunft haben . Athabaska war der erste , der in den Sattel kam . Er wartete , bis wir andern oben saßen , und wendete sich dann an die Fragenden : » Dieser euer Winnetou ist die größte Lüge , die jemals hier zwischen den Bergen erklang . Zerschmettert sie ! Da hinauf kommt sie mir nie , nie , nie ! « Er deutete bei diesen Worten nach der Höhe , auf welcher die Figur errichtet werden sollte . » Nie ! « stimmte Algongka bei . » Nie - - nie - - nie - nie ! « fielen auch die anderen Häuptlinge nebst ihren Unterhäuptlingen ein . » Und sie kommt hinauf ! « rief Young Surehand . » Ja , sie kommt hinauf ! « behauptete auch Young Apanatschka . » Beweist es , daß es eine Lüge ist ! « Und Mr. Antonius Paper , der immer Voreilige , kam demonstrativ zu uns herangeschlingert und schmetterte uns an : » Wir sind das Komitee zur Errichtung des Winnetoudenkmals . Was wir beschließen , das geschieht . Die Figur kommt hinauf , hinauf , hinauf ! « Er fuchtelte dabei mit den Armen , grad vor Schahko Mattos Pferd . Dieser gab schnellen Schenkeldruck , ritt ihn über den Haufen und antwortete : » Wirklich ? Ihr seid das Komitee ? So setzen wir euch ab und wählen ein anderes ! « » Ja , ein anderes , ein anderes ! « riefen die Unterhäuptlinge , während Mr. Antonius Paper sich vom Boden aufraffte und hinter den andern Mitgliedern des Komitees Schutz suchte . Da kam dem ersten Vorsitzenden , Professor Bell , eine Ahnung , daß es mit ihrem Vorhaben denn doch nicht so sicher stehe , wie er bisher angenommen hatte , und daß der jetzige Augenblick vielleicht wohl gar der entscheidende sei . Er tat einige Schritte zu mir herbei und fragte : » Welcher Meinung seid denn Ihr , Mr. Shatterhand ? Ich bitte Euch , mir das zu sagen ! « » O , auf das , was ich denke , kommt es hier doch gar nicht an , « antwortete ich . » Das ist nicht wahr ! « entgegnete er . » Ich bin überzeugt , daß man tun wird , was Ihr vorschlagt . Darum ersuche ich Euch , mir zu sagen : Was schlagt Ihr vor ? « » Dazu ist jetzt wohl nicht die richtige Zeit und hier auch nicht der richtige Platz . Ich kenne überhaupt den mir angewiesenen Platz noch nicht . Ich kann also erst dann sprechen , wenn ich meine Nummermarke habe . Vielleicht hat euer Schriftführer die Güte , sie mir nach meiner jetzigen Wohnung zuzustellen . « Hierauf ritt ich davon . Die anderen folgten sogleich . In der Oberstadt angekommen , gab es nur noch eine kurze Beratung . Wir alle waren der Ansicht , daß nichts geschehen konnte , bevor wir mit Old Surehand und Apanatschka gesprochen hatten . Das war also abzuwarten . Hierauf verabschiedeten wir uns von den Häuptlingen und ritten nach den Zelten der Siouxfrauen , um unsere Freundinnen , die beiden Aschtas , für heute Abend zu uns einzuladen . Sie sagten freudig zu . Dann kehrten wir nach dem » Schlosse « zurück , übergaben dort unsere Pferde und stiegen durch den Wald zu Fuß nach dem Wachtturm hinauf , um den » jungen Adler « aufzusuchen und für den Abend auch mit einzuladen . Es waren mehrere Indianer und Indianerinnen bei ihm , die er mit leichten Zimmer- und Flechtarbeiten beschäftigte , warum und wozu , das fragte ich nicht . Tatellah-Satah war heut nicht mehr zu sehen . Er hielt es für richtig , mich ganz mein eigener Herr sein zu lassen , wie auch ich mir vorgenommen hatte , ihn nicht eher aufzusuchen , als bis es nötig war . So blieben wir am Abend mit unsern drei lieben Gästen allein und beobachteten mit stiller Freude , in wie unendlich zarter Weise die Herzen der jungen Leute sich einander mehr und mehr näherten . Ich hatte es für möglich gehalten , daß Old Surehand und Apanatschka sich noch heut am Abend bei mir einstellen würden . Das geschah aber nicht . Dafür aber fand ich , als ich am andern Morgen aufstand , einen Boten von ihnen vor . Sie ließen mir sagen , daß ich wohl wüßte , wie sehr sie mich liebten und achteten , und wie sehr sie sich freuten , mich wiederzusehen ; aber es sei ihnen unmöglich , mich in der Wohnung ihres Feindes Tatellah-Satah aufzusuchen . Ich hätte zu entscheiden zwischen ihnen und ihm ein Drittes gebe es nicht . Uebrigens seien sie , falls ich zu ihnen nach der Unterstadt komme , zu jeder Zeit für mich zu sprechen . Abbitte zu leisten , liege kein Grund vor , da es für ihre Söhne unmöglich gewesen sei , mich auf dem » Schlosse « aufzusuchen . Es fiel mir nicht ein , mir diese Botschaft zu Herzen zu nehmen . Es wirkten da jedenfalls Dinge , die ich nicht kannte , und auch nicht kennen zu lernen nötig hatte . Es gab hier nur eines zu beachten , nämlich : Wer nicht will , der muß ! Und heut früh hatte ich am allerwenigsten Lust und Zeit , mich mit persönlichen Streitfragen zu befassen . Ich mußte nach dem » Tal der Höhle « , um topographisch orientiert zu sein , wenn die Feinde kamen , sich dort zu verstecken . Intschu-inta , unser riesiger » Diener « , stand mit seiner Leibgarde schon seit dem Morgengrauen bereit , uns dorthin zu begleiten . Er hatte für alles gesorgt , für Speise und Trank , für Lichter , Fackeln , Stricke , Haken und alle möglichen anderen Gegenstände , deren wir bedurften , um die Höhle so , wie es notwendig war , kennen zu lernen . Sie hatte für mich eine ungewöhnliche Wichtigkeit . Es wäre mir wohl schwer geworden , bestimmte , klare Gründe hierfür anzugeben . Es handelte sich dabei mehr um eine Ahnung als um ein bestimmtes , sicheres Wissen . Aber seit ich gesehen hatte , wie plötzlich der Schleierfall in der Erde verschwand , und seit ich wußte , daß die unterirdische Höhle bis nahe an diesen Fall heranreichte , war es mir , als ob sie in unsern hiesigen Erlebnissen eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielen werde . Zum besseren Verständnis dessen , was nun kommt , erinnere ich an die berühmte Mammuthöhle in Kentucky in den Vereinigten Staaten , die mit ihren Seitenhöhlen eine Länge von über dreihundert Kilometern besitzt . Ihr Hauptgang erstreckt sich unter der Erde sechzehn Kilometer weit . Es gibt da unzählige Schächte , Stollen , Gänge , Schluchten , Hallen , Stuben , Säle , Grotten , Dome , Teiche , Seen , Bäche , Flüsse und Wasserfälle . So ungefähr dachte ich mir die Höhle am Mount Winnetou , und die Folge zeigte , daß ich mich da nicht geirrt hatte . Sie war zwar nicht von gar so riesigen Dimensionen , aber der Wunder gab es auch hier genug . Besonders war es die überaus reichliche und unvergleichliche Stalaktitenbildung , welche wir bestaunten . Der Weg nach der Höhle ging nicht durch die Stadt und dann den » weißen Fluß « entlang , sondern man ritt auf der anderen Seite von der Höhe hinab und hatte dann einem Bache zu folgen , der den Vorsatz gefaßt zu haben schien , alle diejenigen , die sich seiner Leitung anvertrauten , dahin zurückzuführen , woher sie gekommen waren . Es ging immer rundum , doch in Schraubenlinien immer tiefer hinab . Dabei bekamen wir besonders den kleinen Mount Winnetou , auf dem Tatellah-Satah wohnte , von allen möglichen Gesichtpunkten aus zu sehen . Einmal konnten wir das große Kriegsadlernest , welches unser Freund , der » junge Adler « , erklettert hatte , besonders deutlich erkennen . Das war der Grund , daß das Herzle den » Diener « fragte , ob er über diesen Vorgang unterrichtet sei . Heut war nur Pappermann , nicht aber auch der » junge Adler « bei uns ; so konnten wir also über dieses sein Erlebnis sprechen , ohne indiskret zu sein . » Ja , ich weiß alles , « antwortete Intschu-inta . » Ich stand ja neben Tatellah-Satah , der vor seiner Tür saß , als der junge Adler vom Horste des Kriegsadlers herabgeflogen kam und grad zu unsern Füßen landete . Ich habe dieses Weibchen , welches viel , viel größer als das Adlermännchen war , dann mit erschlagen helfen . Einen stärkeren , größeren und gewaltigeren Vogel als dieses Weibchen gab es nie im ganzen Leben . Wie alt sie war , das wußte man schon längst nicht mehr . Jedermann kannte sie . Sie litt kein Männchen bei sich ; sie biß und jagte es fort . Man schrieb ihr ungeheure Kräfte zu . Man behauptete , sie könne einen ausgewachsenen Präriewolf zum Horste tragen . Damals zählte der junge Adler zwölf Jahre . Er wohnte hier bei uns . Er war ein Verwandter Winnetous und der Liebling aller derer , die ihn kannten . Trotz dieser seiner großen Jugend ging er nach Norden , um sich den Ton zu seiner Friedenspfeife aus den heiligen Steinbrüchen von Dokota zu holen . Als er mit dem Ton zurückkam und die Pfeife geschnitten war , erklärte er , daß er sich nun auch seine Medizin erbeuten wolle . Er ging vierzig Tage in die Wüste , um zu fasten , und da träumte ihm , daß er der junge Adler heißen werde und darum die beiden jungen Kriegsadler aus dem Horste holen solle ; ihre Krallen und Schnäbel seien seine Medizin . Er war vom Fasten schwach . Er wog kaum noch die Hälfte von vorher . Dennoch wagte er es , das Gebot des Traumes sofort auszuführen , ohne sich recht zu erholen . Er nahm einen Lasso , steckte ein Messer und viele Riemen zu sich und begann den Aufstieg in die Höhe des Horstes . Droben angekommen , fand er das Nest unzugänglich . Um es zu erreichen , mußte man ein Stück darüber hinausklettern und sich dann am Lasso herablassen . Er tat das . Er befestigte den Lasso am überhängenden Felsen und griff sich dann daran hinunter . Aber der Lasso war zu kurz . Als er das Ende erreichte , schwebte er noch hoch über dem Neste und die Kräfte verließen ihn . Er öffnete die Hände und sprang in das Nest herab . Der Lasso schwebte hoch über ihm hin und her und war nicht mehr zu erreichen . « » Wie fürchterlich ! « rief das Herzle aus . » Gab es keinen Weg aus dem Neste ? « » Nein , « lächelte der Erzähler . » Adler pflegen nicht an Wegen zu horsten . Die Adlermutter war abwesend ; die beiden Jungen aber lagen da . Sie rissen die Schnäbel auf und kreischten den Eindringling angstvoll an . Er tötete sie , schnitt ihnen die Köpfe und die Krallen ab , steckte diese ein und warf die Körper in die Tiefe . Dann begann er zu überlegen , wie er sich wohl entfernen könne . Aber es war keine Möglichkeit zu ersehen . Hoch über ihm der Lasso , den er nicht erreichen konnte , unter ihm die grausige Tiefe , und er selbst im schwindelnden Felsenhorste , aus dem keine Ratte , keine Maus einen Rettungsweg gefunden hätte , viel weniger ein Mensch ! Und indem er das erkannte , sah er die Alte kommen , mit einem kleinen Wild in den Fängen , welches sie für ihre Jungen erbeutet hatte . Sobald sie ihn sah , ließ sie es fallen und schoß mit heißeren Schreien auf ihn zu . Er zog sein Messer , um sich zu verteidigen . Aber in demselben Augenblicke war es , als ob eine laute , warnende Stimme ihm zuriefe : Töte sie nicht , und verletze sie nicht , sonst bist du verloren ! Sie ist deine einzige Rettung ! « » Ah , fliegen ! « sagte das Herzle , tief Atem holend . » Ja , fliegen , « nickte Intschu-inta . » Das war das Einzige ; weiter gab es nichts . « » Der arme Knabe ! Wie ermöglichte er das ? « » Nicht der arme Knabe ! Sondern der kühne , der kluge , der mutige Knabe ! Hier kann es kein Bedauern geben , sondern nur ein Bewundern ! Der Horst liegt auf einem kleinen Felsenvorsprunge , von dem aus ein schmaler Riß in das Innere des Gesteines führt , um aber bald zu enden . Da lagen die Hölzer und Knüppel der früheren Jahrgänge des Horstes , denn der