Welt sterben , als im Winkel abgetan werden . Für mich und die Meinen ist mein Tod keine Schande . - Siehe , da stunden die Richter gleich armen Sündern , spürend , daß sie es wirklich waren . Nun stellten sich auch Jesuiter ein , um noch einmal ihren Bekehrungseifer anzuwenden . Lasset gut sein , Patres , sprach Herr Schaffgotsch . Daß ich euch wiederholt das Ohr geliehen , ist nur zu meiner Unterhaltung geschehen . Nun ich mich ernsthaft um die Himmelsreise zu bekümmern habe , soll mich allein jenes Wort geleiten , so im Anfang bei Gott war und das Licht der Menschen geworden . Hiermit legte er die Hand auf die offene Bibel Lutheri und tat einen Blick auf die Seligmacher , daß sie die Augen niederschlugen und mürrisch gingen . Einer aber sagte auf Latein : Halsstarrigkeit ist nicht die letzte Ursach seines Todes . - Mit seinem Junker Melchior und dem treuen Konstantin allein , besprach unser guter Herr , was noch zu ordnen war . Ließ einen schwarzen Sarg bestellen , für seine hohe Gestalt geräumig . Dem Scharfrichter ward nebst einem Geldgeschenk der Auftrag , einen Schemel bereitzuhalten und dem Sitzenden den Todesstreich unverzagt und getrost beizubringen . Um seinem Heiland eine nüchterne Seele zuzuführen , nahm Hans Ulrich bis zu seiner Hinrichtung nur ein paar Bissen in Bier getauchten Brotes zu sich . Die Nacht brachte er in Andacht zu , sowie mit Schreiben der Valetbriefe an seine Kinder , Verwandtschaft und Freundschaft . Der nächste Tag war ein Sonntag , und da ist es mir gelungen , im Talar eines evangelischen Geistlichen zu unserm lieben Herrn zu gelangen . Bleich und zergrämt sah er aus , doch aufrecht und manchmal wie ein Verklärter . Willkommen , guter Trompeterhans , hat er lieblichen Mundes gesprochen , - ach , wie schade , daß dir die Mausköpfe so übel mitgespielt haben ! Ihr Schreiberhauer habet es gut gemeint , daß ihr mich befreien gewollt . Doch ich wäre nicht aus dem Gefängnis entwichen , selbst wenn du mit dem vielen Gelde meine Wächter ihrer Pflicht abspenstig gemacht hättest . Soll ich denn umsonst gelitten haben ? Nein , es hat mir mein bitter Leiden die Gewißheit eingebracht , daß es sich nicht verlohnet , ein verdorben Erdenleben auf unrechte Weise festhalten zu wollen und darob das ewige Gut zu verabsäumen . Denn so spricht der Heiland : Wer sein Leben behalten will , der wird es verlieren ; wer aber sein Leben verliert um meinet- und des Evangelii willen , der wird es behalten . Sage dem Tielsch-Johannes , dessen ich mich gern erinnere : ich danke ihm für seinen guten Willen , und er solle nur immer so tun , wie damals auf dem Kynast , da er in der Scholarenkomödia als Herrgott , in die Hölle gefallen , dem Teufel das Leder gerbte . Mag er fortfahren , den guten Schreiberhauern beizustehn und dem Vaterlande . Doch soll sich der Goldmacher hüten , wie des Aesopi Hund , nach einem Schatten schnappend , das Fleisch der Weisheit aus dem Maul zu verlieren . Gold ist verderblich , Gunst der Menschen launisch , irdische Macht wankend , nur Wahrheit und Liebe besteht in Ewigkeit ... « Diese Mahnung des gottseligen Märtyrers , mir überbracht durch einen zweiten Zeugen irdischer Vergänglichkeit , erschütterte mich bis ins Mark , wie ein Posaunenstoß vom Jüngsten Gericht . Ich schluchzete auf und hätte sogleich auf mein Angesicht niederfallen und meine Sünde wider die heilige Wahrheit bekennen mögen . Doch schien es mir angebracht , zu warten , bis der Trompeterhans seinen Bericht zu Ende getan . Und er fuhr fort : » Kurz war meine Unterredung mit dem edeln Herrn , und ich merkete wohl , daß ihm meine geistliche Verkleidung unlieb . Er betrauete mich mit einem mündlichen Valet für seine Kinder und Freunde . Briefe und Andenken werde sein Hofjunker überbringen . Dann mußte ich aus dem Stübel , weil Herr Prediger Lentzius zum Gottesdienst und Abendmahl erwartet wurde . Ich blieb jedoch im Rathause . Was nun für hochwichtige Worte zwischen Herrn Schaffgotsch und seinem Beichtvater gefallen , hat dieser beschlossen , mit in die Grube zu nehmen . Bei der Kommunion war die Tür zum Korridor offen , so daß die Diener nebst dem protestantischen Teile der Wache kniend bei Gesang und Gebet mittun konnten . Geschahe nicht ohne Vergießung reichlicher Tränen . Habe mein Lebenlang keinen Menschen in dergleichen Andacht und ehrerbietigen Sitten am Tische des Herrn gesehn . Andern Morgens , es war der Hinrichtungstag , wagte ich mich abermals ins Rathaus . Konstantin berichtete , der Herr habe festen Schlaf gehabt , gar geschnarchet und beim Erwachen den Sonnenstrahl mit dem Wunsche begrüßt : Gebe mir mein Heiland nach diesem Lichte das ewige Licht ! Bald tat sich uns Besuchern die Türe auf , und lächelnd stund da unser geliebter Herre in schwarzen Unterkleidern , gespornten Reiterstiefeln , einem Koller von Elenshaut mit schwarzen Atlasärmeln , weißem Spitzenkragen , Federhut und gelben Handschuhen . Er küßte den erschienenen Predigern die Hand , segnete seine weinenden Getreuen und nickte mir freundlich zu . Da inzwischen der Oberstfeldprofoß mit seinen Knechten die im Stübel vorhandenen Teppiche und Utensilien aufräumte , sprach unser Herr gütig : Nehmet alles hin ; doch die Bücher gehören den evangelischen Geistlichen . Hierauf folgte er dem Profossen in den Rathaussaal , wo der gesamte Regensburger Rat mit tiefen Komplimenten dem Freiherrn die Reverenz machte . Der nun gab allen die Hand und bedankte sich dafür , daß sie ihm an ihrer Dreifaltigkeitskirche eine letzte Ruhestatt vergönnen wollten . Sobald er aus dem Rathause ins Freie trat , hub die zahlreich zusammengeströmte Menge zu schluchzen an , und viele sagten : Ach , welch schöner , hoher , lieber Herre ! Von solchem Mitgefühl , das aus selbstlosen Herzen ungewöhnlich herfürbrach , war Hans Ulrich gerührt . Er stieg nun in die schlechte , elende Karosse , mit sechs Schimmeln bespannt . Vorreiter war der Feldprofoß , und als einziger Diener , dem dies vom Kriegsgerichte verstattet worden , ging nebenher der treue Konstantin . Wo unterwegs aus den Fenstern Frauen oder Jungfern heraussahen , zog der ritterliche Herr seinen Hut . Ist so frei im Wagen gesessen , als ging es zum Tanze , nach den Fenstern winkend und lächelnd . Vor dem Gasthause zum goldnen Kreuz hat der Wagen gehalten , weil innen im Saale das Kriegsgericht zur Verlesung des Todesurtels versammelt war . Wie nun General Götz den Vorwurf des Verrats und Eidbruches aussprach , verließ unsern Herrn seine Ruhe , daß er sich auf die Brust schlug und mit erhobenen Schwurfingern aufbrausete : Das leugest du , Götz ; am Tage der Auferstehung zitiere ich dich und manchen andern vor das Jüngste Gericht . Nicht schuldig dessen bin ich , was ihr mir zur Last leget ! - Der erblichene Götz mußte sich erst sammeln , um fortfahren zu können , daß der Beklagte kaiserlichen Pardons nicht fähig , sondern Ihrer Majestät mit Ehr , Leib und Gut heimgefallen sei , dessenwegen er als ein abscheulich warnend Exempel dem Freimann überantwortet werde , um vom Leben zum Tode zu gelangen , und zwar mittelst des Schwertes derart , daß der Kopf der kleine , der Leib der größere Teil bleibe . Was aber die zuerkannte Abschlagung der Schwurhand betreffe , so sei diese ihm durch kaiserliche Gnade erlassen . - Nicht ohne einen Anflug von Spott hat sich Hans Ulrich geneiget . Dann hat er die Frage getan : Ist es wahr , daß der Platz meiner Hinrichtung die Heide geheißen ? Wie Götz dies bestätigte , lächelte unser Herr wehmütig : Also soll ich doch auf grüner Heiden mein Leben lassen . Habe mir oft gewünscht , mein Herzblut dorten zu vergießen , wo ein Kriegsmann hingehört . Furcht vor dem Tode hat mich nie angewandelt , obwohl er mir oft so nahe , daß ich ihn mit dem Finger konnt erreichen . Allerdings sterb ich auf grüner Heiden am kalten Eisen . Doch stirbt es sich auf jede Weise wohl , so man bereit , vor Gottes Angesicht zu treten . - Hier tat ein Oberster einen tiefen Seufzer und meinte : Herr Schaffgotsch machet , daß wir bald mitsterben möchten . - Da sei Gott vor ! antwortete unser Herr . Vielmehr möget ihr alle lange leben und , falls es gestorben sein soll , im heißen Kampfe fallen fürs Vaterland . Bis dahin gehabt euch wohl , Kameraden ! Ist Zeit , daß ich mich auf jenen Weg begebe , den man nimmer zurückgehen kann . - Wie nun unser Herr vom versammelten Kriegsgericht Urlaub genommen und den Saal verlassen hatte , stunden bei der Treppe zween Jesuiter und baten ihn um des Jüngsten Gerichtes willen , seine Seele nicht so halsstarrig dem Teufel zuzuführen . Ich habe meine Seele schon versorgt , antwortete Hans Ulrich ; möchtet ihr dem Jüngsten Tag vertrauensvoll entgegensehen wie ich ! Da aber die Pfaffen weiter zudringlich waren , schlug er mit den Händen hinter sich , wie man Mücken scheuchet . Vor dem Gasthause begrüßte die Wache den heraustretenden ehemaligen General unter Gewehr , mit Trommelwirbel , die Offiziere den Degen gesenkt . Erfreut dankte der Geehrte und versicherte , er sterbe als redlicher Soldat . Von hier gings im Wagen zur Heide , wo das Blutgerüst war , von zwei Fähnlein umzingelt ; und unter Schwenken der Standarten wirbelten die Trommeln , daß man sein eigen Wort nicht hätte verstehen können . Voll Todesmut stieg Hans Ulrich die Treppe zum Schafott empor , gefolgt vom Profossen und dem treuen Konstantin . Dieser nahm seinem Herrn hurtig den Halskragen ab und band ihm das Haar mit einem weißen Tuche in die Höhe , daß der Nacken frei war . Nun faltete unser guter gnädiger Herr zum allerletzten Gebet die Hände und setzte sich fest und gerade auf den Schemel . So will ich denn diesen Leib verlassen und dies arme Leben ; Dir zu eigen geb ich meine Seele , gnädiger Herr Gott - sprach er mit fester Stimme , wie hinterher der treue Konstantin berichtet hat . Dann auf einmal stund hinter ihm der schwarzgekleidete Scharfrichter . Von rückwärts war er hinzugetreten , ließ nun den roten übers Schwert gebreiteten Mantel fallen , schwang es - ich sehe es noch in der Sonne blitzen , - und im Nu war der Streich verrichtet . « Die Hand über die Augen gelegt , hielt der Trompeterhans inne - und ein einziger dumpfer Seufzer entrang sich den Zuhörern - wie die Bäume zusammenstöhnen , wann der Herbstwind sie ergreift . Männer schlugen die Hände vors Angesicht und schauderten , das Weibsvolk schluchzete . Der Trompeterhans aber raffte sich auf , um noch das Letzte zu berichten , und sprach leise unter Kopfnicken : » Ein glücklicher Streich ! Wie ein Springbrunnen schoß das Blut , und zu Boden rollte der Kopf , auf dem der Hut noch saß . Der Körper aber blieb fest auf dem Schemel sitzen , damit er noch auf diese Weise künde , von welchem Geiste er bewohnt gewesen . Konstantin nahm das blutige Haupt , küßte die Stirn und wickelte es in ein schwarzes Tuch . Die anderen Diener traten herzu und betteten die Leiche in den bereitstehenden Sarg , unabgewaschen und ohne daß der Kopf angenähet worden . Legten auch das blutbefleckte schwarze Tuch sowie den Degen hinein . Dies hatte Herr Schaffgotsch ausdrücklich befohlen ; so wie er zugerichtet war , wollte er am Jüngsten Tage dem Kaiser unter Christi Augen genübertreten . Und ohne Zweifel , dieser edle Herr , ein vaterländischer Märtyrer , verdient mit Gottes Gnade das ewige Leben . « Nach dieser Rede sank der Trompeterhans erschöpft zurück und war ächzend an einen Baumstamm gelehnt . » Amen ! « murmelten die Zuhörer , und es weinten selbst Männer . Nun sahe ich das Stündlein zu meiner Beichte und Buße gekommen , faßte mich und sprach : » Ich danke dir , guter Trompeterhansel , für die Treue , so du unserm Grundherrn gezollt hast , und ich bedaure nur , daß dir aus unserm Unternehmen ein schwerer Leibesschaden kam . Das Gold , davon ich dir mitgegeben , war dein Unglück . O wie wahr hat unser verklärter Herr Schaffgotsch gesprochen , da er mich warnete vor dem Golde . Es verdirbet die Seele , indem es vom wesentlichen Gute abziehet und auf nichtswürdige Dinge lenkt . Wäre mir doch eher solch Einsehen gekommen ! Doch es muß wohl sein : nicht eher wird das Kind klug , als bis es , vom Glanz des Feuers betrogen , hineingegriffen und sich die Finger verbrannt hat . Nun hat mich der Schaden kuriert und mir ein Wahrheitslicht angezündet . Das soll nicht unterm Scheffel stehen . So vernehmet , ihr Leute , mein Bekenntnis . Ich hab euch zuvor gesagt , ich könne Gold machen . Das ist nicht wahr gewesen . Mein vorgebrachtes Gold war in der Erde gefunden , ein alter Schatz der Iserberge , eigentlich also unserm Grundherrn gehörig . Daß ich mich für einen Alchymisten ausgab , geschah , um mich wichtig zu machen und euer Führer zu bleiben . Allerdings war mein Trachten ohne Selbstsucht - euch nämlich wollt ich helfen , eine Beste zur Abwehr des Feindes wollt ich bauen , und nur deshalb Herr der Berge sein , weil ich mich zum Anführer berufen fühlte . Ein Tor freilich war ich , weil ich die Mittel falsch wählte . Mit Golde hab ich Menschen habgierig gemacht und zu Trug , Raub und Mord angereizt . Wer Wind säet , wird Sturm ernten . Was ich erreichen gewollt , ist kläglich mißlungen . Zusammengebrochen ist die Goldburg , und es haben die stürzenden Trümmer manchen von uns begraben , auch friedliche Hütten zerschmettert . Ich bin daran mitschuldig . Ich bekenne , bekenne ! Und bitten tu ' ich reuevoll : Vergebet mir ! « Zuerst war alles starr , Augen und Mund rissen sie auf . Dann sah ich finstere Blicke auf mich gerichte . Noch schwieg die Gemeinde . Dann murmelten die Leute mit einander , immer unwilliger . Schließlich kam ein bitter Auflachen , und Maiwald höhnte : » Das also war dein Lichtreich , Johannes ! Mich hast du gescholten , weil ich Beute gemacht , in offenem Kampfe dem Feinde was abgenommen und es der Gemeinde geben gewollt . Du aber eignest dir heimlich einen Schatz an , Gold aus unsern Bergen , und statt mit uns zu teilen , legst du deine Hand darauf und wirst ein Lügner , ein Großsprecher . Als Goldmacher blähest du dich auf , um unser König zu sein . Ei ja doch ! Und nun du den Karren in den Dreck geschoben , flennest du : Vergebet mir ! Was haben wir davon , daß du bereuest , und daß wir vergeben ? Wer bauet unsere Hütten wieder auf ? Wer schafft uns Vieh und Getreide ? Her mit deinem Golde ! Wo ist es ? Her damit ! « - » Ja , her damit ! Entschädige uns ! « riefen rauh die anderen . Meine Demut war in Gefahr , in einem Aufbrausen unterzugehen , mein Odem stürmte . Doch die Hand auf die Brust gepreßt , sprach ich heimlich zu mir selber : » Stille ! Recht geschiehet dir , auch wo Unrecht dich geißelt . « Ich zog meinen schmalen Geldbeutel und sprach : » Was ich zu eurer Entschädigung bieten kann , ist dies wenige - drei Dukaten , ererbt von meinen Eltern ... « . Höhnisch lachte Maiwald . Ich aber sah ihm frei ins Auge und fuhr fort : » Lache nicht , habe Achtung vor diesen Münzen ! Mit Kreuzlein sind sie bezeichnet , weil sie , von meinen Eltern in ehrbarer Arbeit erworben und für den Sohn aufbewahrt , nichts gemein haben mit dem gottlosen Mammon . Nimm das gute Geld für die Gemeinde , Maiwald ! Vor dem ausgegrabenen Schatz aber behüte euch hinfürder der Himmel . Versteckt liegt er , daß ihn kein Mensch mehr findet . Machet keine langen Gesichter ! Lasset uns keine Toren mehr sein ! Wie denn ? Jenes Gift , das so viele Opfer gefordert hat und meine Eingeweide abscheulich grimmen macht , soll ich das wie Zuckerbrot an euch austeilen ? Lasset mich zufrieden , da ich nun endlich euer Heil im Auge habe . Und wehe euch , so ihr nach dem Schatz Gelüsten traget ! Ich verfluche das Gold . Zu den Dämonen der Tiefe ist es versenkt , und wer ihm nahet , soll das Grauen der Hölle kosten . « Solche Einschüchterung - Gott sei ' s geklagt - wirkte mehr , als selbst der weise Salomon durch Predigt hätte ausrichten können . Scheu glotzten mich alle an und schwiegen . Hierauf legte ich den Beutel mit den drei Dukaten hin , tat einen tiefen Seufzer und ging . Man schimpfte hinter mir her , ich nahm es ruhig hin und hörte bald nur die guten Waldbäume summen . Und wie früh Morgens durch schwindende Flore der Nacht immer holder und farbiger die Blüten der Erde schimmern , so kam aus all dem Trüben , das mich umschleiert hielt , nunmehr ein sacht Grüßen , als ob unschuldige Kindlein mich anlächelten . Und da ich beim Abendburgfelsen einsam war , strahlte rings die Welt so rein , als gäb es keine Schuld . Wie ein Freiersmann kam ich mir vor , der nach nächtlichem Irren endlich sich heimgefunden hat zur Braut . Ein Wandrer tappt in Nacht und Dünsten ; Wonach er suchte , wußt er nicht , Da hat verlockt mit Gaukelkünsten Zu Sümpfen ihn ein Flackerlicht . Er taumelte hinein und hielt den Rausch der Sinne Für benedeite Minne . Und falsche Schätze sah er strahlen , War allen Leibeslüsten hold , Vernahm mit Gier der Großen Prahlen Und griff nach Purpur , Lorbeer , Gold . Er rang und raufte drum , im wirren Fiebertraum , Doch seine Hand griff Schaum . Wach auf , Genarrter ! Herold Morgen Macht alle Nachtgespenster fliehn . Von Bergeseinsamkeit geborgen , Im heilgen Lichtstrom darfst du knien . Gib hin die dumpfe Stirn ! Der rote Sonnenmund Küßt dich von Schuld gesund . In Weiheschauern wird nach oben Zur spät gefundnen Sonnenbraut Der Freier auf den Thron gehoben Und Herz dem Herzen angetraut . O tiefes Auge , gib mir Ewigkeit zu trinken ! Laß mich in dir versinken ! Wie ich so lag , war mir , als wolle mich mein Schöpfer umbilden , und der ewige Friede weihete mich zu seinem Kinde . Hernach stund ich auf und tat den Gang in die Höhlentiefe . Der Schatzkammer galt er . Eine Last Kostbarkeit nach der andern holte ich und trug sie dorthin , wo der Höhlenbach ins Loch strudelt . Gold und Silber , Geschmeide und Edelstein warf ich hinein . Und wie die Felsengurgel ihren letzten Schluck getan und den Mammon in der Erde Eingeweide hinuntergeschlungen hatte , fühlte ich mich frei und verstund an mir des Heilands Wort zu Nicodemo : » Wahrlich , ich sage dir : Es sei denn , daß jemand von neuem geboren werde , kann er das Reich Gottes nicht sehen . Was vom Fleisch geboren wird , das ist Fleisch , und was vom Geist geboren wird , das ist Geist . Laß dich ' s nicht wundern , daß ich dir gesagt habe : Ihr müsset von neuem geboren werden . Der Wind bläset , wo er will , und du hörest sein Sausen wohl , aber du weißt nicht , von wannen er kommt und wohin er führt . Also ist ein jeglicher , der aus dem Geist geboren ist . « Ich ahnte , daß ich von neuem geboren , aus dem Geiste geboren werden solle für das wahrhaftige neue Reich , so da ist ein Reich des Lichtes , der Unschuld und Liebe in Ewigkeit . Das eilfte Abenteuer » Wessen wird sie im Himmelreiche sein ? « Als ein rechter Liebhaber eremitischen Lebens hausete ich auf der verödeten Abendburg , und es trieben die Tannen einen Sommerwuchs nach dem andern . Herbststurm und Schneewoge , Lenzhauch und Sonnenglut bezogen stets aufs neue in alter Reihe den Posten . Von meiner ragenden Warte sah ich die Morgendünste unter mir brodeln und dann den Tag sein glutig Auge auftun , - beobachtete , wie Wolken gleich Marmorburgen im Blauen schwebeten , und wie der Abend rote Rosen um sie spann - träumte und lauschte empor , wann in der nachtenden Halle vieltausend Himmelsbürger feierlich stunden und ganz lautlos , nur mit sanftem Lodern und buntem Funkeln zueinander redeten . Schauend und sinnend gewann ich Andacht und Erkenntnis und ward immer deutlicher inne , worin das wahre Gold der Abendburg bestehe . Vom schnöden Golde gänzlich abgewandt , lebte ich ärmlich und mühselig . Neben dem Oheim , so von seiner Kopfwunde einen schwachen und irren Geist davongetragen , hatte ich nur den Hund zur Gesellschaft , Ziegen und Zicklein ; auch ein paar Bienenschwärme , in hohlen Stämmen angesiedelt . Des Oheims Acker im Tale trug unser Brot , der Wald gab Beeren her und Pilze , Holz , Wildfleisch und Felle . Wiederhergestellt war unser traulich Balkengehäus . Nach Tages Arbeit las ich in Büchern , grub in den Tiefen des Geistes und war fleißig im Niederschreiben meiner Lieder , Abenteuer und Gedanken . Vor dem Schlafen sang ich zur Harfe , der Oheim lauschte , dazu erfreute sich das Herz an Beerenwein oder Meth . Nach Menschenumgang stund nicht unser Sinn . Seitdem ich die Schreiberhauer enttäuscht hatte , blieben sie abseits . Ich sei ein Schwarzkünstler , rauneten sie , der in seiner Grotte Dämonen dienstbar halte . Dem dörfischen Gottesdienste , den ein vom Kynast verordneter Pfaffe abhielt , blieb ich fern , und nur wenn Glockengeläut , Festschalmei oder Begräbnischoral vom Tal erscholl , ward ich daran erinnert , daß man drunten schaffte und feierte , daß es Lachen und Weinen , Hochzeiten , Kindtaufen und Bestattungen gab . Hinweg über Menschengetriebe schaute ich gern in die Ferne und verlor mich in ihrem zarten Dufte . Dabei deuchte mich , dort müsse sich ein Ersehntes erfüllen . Was dies eigentlich war , wußt ich nicht zu fassen . Versunken in den lockenden Himmel über mir , vernahm ich manchmal , wie er gütig mahnete : » Bleibe bei dir , Kind ! In dir selber suche , was ich verheiße ! Deinem Herzen bin ich ja nur ein Spiegel . So lerne dich selbst erkennen in mir . Verschmilz das Ferne mit dem Allernächsten , vergiß die trügende Scheidung zwischen dem Deinen und dem Andern ! Besiegelst alsodann für dich den Friedenspakt der Kreatur mit Gotte - mag auch die verblendete Welt ihres Streitens kein Ende finden . « Droben kreist ein Königsaar . Auf zu ihm ins Blau der Lüfte Über Tann und Höhlengrüfte ! Himmlische Ferne Lockt und lächelt wolkenlos klar . Bist du droben , Heimatland ? Sturm und Woge rauscht hienieden , Und ein Pilgram seufzt um Frieden , Weil er die Heimat Immer nur ahnt - und nirgends fand ! Nur im Traume wird sie sein . Bette , Fels , dies müde Haupt , Das enttäuscht noch immer glaubt ! Kehre nun , Seele , In die Gefilde tief innen ein ! Werde Hauch und Melodie , Leiser Mondgesang auf Auen , Sommernächtig Niedertauen ! Bräutliche Blumen Wecken im Kuß dir fromme Magie . Dring ins Herz der Kreatur , Hör aus jeder Tiefe tönen Heimweh nach dem Allversöhnen ! Heim denn , versöhnt euch ! Gläubig verfolget des Lichtstroms Spur ! Schaut das Gnadenreich enthüllt - Wo aus Zähren werden Wonnen Und aus Sündern bunte Sonnen , Wo sich der Liebe Zärtlich Schmachten endlos erfüllt . - Droben kreist ein Königsaar . Auf zu ihm ins Blau der Lüfte Über Tann und Höhlengrüfte ! Himmlische Ferne Lockt und lächelt wolkenlos klar . An einem sonnigen Tage Septembris wandelte ich längs des Schwarzen Berges , über der Schulter einen Sack voll gesammelter Pilze . Bedachte gerade , wie das menschliche Leben gar so traumhaft sei ; sintemalen die Dinge kommen und gehen , nicht anders denn Traumbilder - unberechenbar , von einer rätselhaften Macht eingegeben . Bei solchem Sinnen beschlich mich ein bang Gefühl ; sagte mir : dein neues Schicksal ist allbereits unterwegs und lauert im Dunkeln , um plötzlich auf dich zu stoßen . Wer weiß , was auf einmal hier aus diesen Waldgründen kommen mag . Da hast du nun endlich deine Ruhe gefunden als ein Eremit ; doch eine auftauchende Veränderung möchte dich vielleicht stören und zu wilder Leidenschaft hinreißen . Während mein Auge starr auf dem entfernten Waldpfade verweilte , sah ich zween Menschen daher kommen , einen Mann , in der Faust eine Partisane , auf dem Rücken eine Hucke , hinter ihm ein bäuerlich gekleidet Weib . Ich ging ihnen entgegen und bot guten Tag . Freundlich gaben sie den Gruß zurück . Dann blieb der Mann stehen und sahe mich durchdringend an : » Seid Ihr Herr Johannes , der Buschprediger von der Abendburg ? « » Der bin ich . Was ist euer Anliegen ? So ihr in meine Hütte kommen möchtet , haben wir ein Stündlein zu gehen . « Fragend blickte der Mann auf das Weibsbild und versetzte : » So der Herr Prädikant erlaubet , lässet sich auch an diesem Orte besprechen , was wir auf dem Herzen haben . « Ich wies auf einen Felsen , von Heidelbeergesträuch umwachsen : » Lasset uns niedersitzen ! « Nun sah ich mir die beiden näher an . Der Mann von kurzer , breiter Gestalt mußte starke Kräfte haben . Haar und Bart waren ergraut ; eine breite Narbe im braunen Gesicht und ein soldatischer Koller von Leder ließen vermuten , daß er in diesen Kriegszeiten die Waffe geführt . Das Weibsbild mochte vierzig Jahre zählen , war gesund , etwas breit von Angesicht , doch angenehm anzuschauen . Ihr blaues Auge frei aufgetan und voll sanften Feuers . Sie sahe dem Manne ähnlich , wiewohl er verschlossen und streng blickte . Da die beiden schwiegen , wollte ich ihnen Mut zum Reden machen : » Seid ihr Mann und Frau ? « » Geschwister ! « versetzte der Mann . » Ich bin Heinrich Kiesewald geheißen , der Hirte vom Breiten Berge , und dies ist meine Schwester Sibylle . « Da er wieder in Schweigen verfiel , forschte ich weiter : » Hat Er keine Frau ? « Er nickte . » Die hab ich , und um deren willen sind wir gekommen . Sie möchte etliches von Euch , Herr Prädikant , vernehmen . « » Warum ist sie nicht selber gekommen ? Ist sie krank ? « » Das nicht . Aber so verschämt , daß sie einem fremden Manne nicht leicht ihr Herz eröffnet . « » Sie hat gleichwohl groß Vertrauen zu Euch , Herr Johannes , « sagte Sibylle eifrig . » Ihr Sinnen und Trachten , so dünket mich , ist wie das Eure darauf aus , das himmliche Reich hienieden auszuwirken . Kein ander Begehren hat sie , als immer nur treu und demütig ihre Pflicht zu erfüllen und allen wohlzutun . Dazu ist sie klugen Geistes , eine feine Frau und gehört eigentlich nicht unter geringe Hirten ; heget aber gar keinen Hochmut , sondern möchte immer nur Dienerin sein . « Der Mann nickte , und ich wandte mich zu ihm : » Da ist Er glücklich zu preisen . « » Hörst du ? « sagte Sibylle in scherzender Munterkeit ; dann erklärte sie : » Mein Bruder ist nämlich noch nicht zufrieden . Denkt sich halt , sein Glück solle noch größer sein . « » Und was fehlt daran , Heinrich Kiesewald ? « » Ich habe einen Kummer , und meine Frau hat auch einen . Sie trägt an meinem Kummer mit . Darum aber sind wir kommen , daß Ihr unsere Herzen erleichtert . Wollet Ihr also tun , Herr Prediger ? wollet Ihr mit Eurer Weisheit einen Zweifel heilen , so ich Gottes Worte gegenüber hege ? « » Wenn ich kann . Fraget nur frei ! Welch Gotteswort ist es denn ? « » Es stehet geschrieben ... « . Hier verstummte der Mann und besann sich . » Lucä 20 und Matthäi 22 , « sagte Sibylle und fuhr für ihren Bruder fort : » Dorten wird erzählt von sieben Brüdern . Der erste nahm ein Weib und starb erblos . Da nahm der zweitgeborene Bruder selbiges Weib , nach dem Gebote Mose , damit ein Erbe entstehe . Doch auch er starb erblos . Nun nahm der dritte das Weib , es erging ihm jedoch nicht anders denn seinen älteren Brüdern . So heirateten auch die anderen Brüder der Reihe nach und starben insgesamt ohne Erben ; zuletzt starb auch das Weib . Diese seltsamliche Begebenheit trugen die argen Sadducäer unserm Heilande vor und fragten : Nun sage , Herr , wie wird es in der Auferstehung sein ? Alle sieben haben sie zum Weibe gehabt ; wessen wird sie im Himmelreiche sein ? - Sehet nun , Herr Johannes , die gleiche Frage richten wir an Euch , weil mein Bruder Heinrich hier mit Zweifeln sich bekümmert und auch noch seine Frau friedlos macht . « Ich erwiderte : » Warum genügt Ihm nicht der Bescheid , den Christus gegeben ? Die Kinder dieser Welt freien und lassen sich freien ; wer aber würdig sein will , ins Himmelreich einzugehen , der muß wissen , daß