» Nur was man fähig ist , für die andern zu leisten , ohne Rachsucht , ohne Eitelkeit persönlicher Natur , namenlos womöglich , nur das nenn ich eine Tat . « Georg mußte endlich fort . Was hatte er noch alles zu besorgen ! » Ich begleite Sie ein Stück « , sagte Therese zu ihm . Leo umarmte ihn noch einmal und sagte : » Es war wirklich schön von Ihnen . « Therese verschwand , um Hut und Jacke zu holen . Georg begab sich ins Nebenzimmer ; die alte Frau Golowski schien ihn erwartet zu haben . Mit einem sonderbar ängstlichen Gesicht trat sie auf ihn zu und gab ihm ein Kuvert in die Hand . » Was ist das ? « » Der Schein , Herr Baron , ich habe ihn nicht der Anna geben wollen ... es hätt sie vielleicht zu sehr aufgeregt . « » Ach ja ... « Er steckte das Kuvert ein und fand , daß es sich seltsamer anfühlte , als andre ... Therese erschien mit einem spanischen Hütchen , zum Fortgehen bereit . » Da bin ich . Auf Wiedersehen , Mama . Zum Nachtmahl komm ich nicht nach Haus . « Sie ging mit Georg die Treppe hinab , sah ihn vergnügt von der Seite an . » Wohin darf ich Sie führen ? « fragte Georg . » Nehmen Sie mich nur mit , irgendwo steig ich halt aus . « Sie stiegen ein , der Wagen fuhr davon . Sie fragte ihn um allerlei , worauf er schon in der Wohnung Antwort gegeben hatte , als nähme sie an , daß er jetzt , mit ihr allein , aufrichtiger sein müßte , als vor den andern . Sie erfuhr nichts anderes , als daß er sich in der neuen Umgebung wohl fühlte und daß seine Arbeit ihm Befriedigung gewährte . Ob sein Erscheinen eine große Überraschung für Anna bedeutet hätte ? Nein , das nicht , er hatte sie ja verständigt . Und ob es denn wahr sei , daß er zu Ostern wiederkommen wollte ? Es sei seine bestimmte Absicht ... Sie schien verwundert . » Wissen Sie , daß ich mir fest eingebildet hatte ... « » Was ? « » Man würde Sie niemals wiedersehen . « Er erwiderte nichts , etwas betroffen . Dann fuhr es ihm durch den Sinn : Wär es nicht vernünftiger gewesen ... ? Er saß ganz nahe neben Therese , fühlte die Wärme ihres Körpers wie damals in Lugano . In welchem ihrer Träume mochte sie jetzt leben ? In dem wirr-düstern der Menschheitsbeglückung , oder in dem heiter-leichten eines neuen Liebesabenteuers ? Sie sah angelegentlich zum Fenster hinaus . Er nahm ihre Hand , die sie ihm nicht entzog , und führte sie an die Lippen . Plötzlich wandte sie sich zu ihm und sagte harmlos : » So , nun lassen Sie halten , hier steig ich am besten aus . « Er ließ ihre Hand los und sah Therese an . » Ja , lieber Georg , wohin geriete man « , sagte sie , » wenn man sich nicht ... « , sie verzog spöttisch den Mund , » für die Menschheit zu opfern hätte . Wissen Sie , was ich mir manchmal denke ... ? Vielleicht ist das alles nur eine Flucht vor mir selbst . « » Warum ... warum fliehen Sie ? « » Leben Sie wohl , Georg . « Der Wagen hielt . Therese stieg aus , ein junger Mann blieb stehen , starrte sie an ; sie verschwand in der Menge . Ich glaube nicht , daß sie auf dem Schafott enden wird , dachte Georg . Er fuhr in sein Hotel , aß zu Mittag , zündete sich eine Zigarette an , kleidete sich um und begab sich zu Ehrenbergs . Im Speisezimmer , beim schwarzen Kaffee , mit den Damen des Hauses waren James , Sissy , Willy Eißler und Frau Oberberger anwesend . Georg nahm zwischen Else und Sissy Platz , trank ein Gläschen Benediktiner und beantwortete alle Fragen , die seinem neuen Wirken galten , geduldig und mit Humor . Bald begab man sich in den Salon , und nun saß er eine Weile im erhöhten Erker mit Frau Oberberger , die heute wieder ganz jung aussah und vor allem über Georgs persönliche Erlebnisse in Detmold näheres zu hören wünschte . Sie glaubte ihm nicht , daß er nicht mit sämtlichen Sängerinnen Verhältnisse angeknüpft hatte , wie ihr überhaupt das Theaterleben nur als Anlaß und Vorwand für galante Abenteuer zu gelten schien ; jedenfalls bestand sie darauf , über Vorgänge hinter den Kulissen , in den Garderoben und in der Direktionskanzlei Ungeheuerlichkeiten zu vernehmen . Als Georg nicht umhin konnte , sie durch seine Berichte von der bürgerlich anständigen , beinahe philiströsen Lebensweise der Bühnenmitglieder und durch die Schilderung eines eigenen arbeitsvollen Daseins zu enttäuschen , begann sie sichtlich zu verfallen , und bald saß ihm eine gealterte Frau gegenüber , in der er dieselbe erkannte , die ihm im verflossenen Sommer zuerst in der Loge eines weiß-roten Theaterchens und später in einem nun fast vergessenen Traum erschienen war . Dann stand er mit Sissy neben der marmornen Isis , und während des harmlosen Plauderns suchte jeder in den Augen des andern die Erinnerung einer glühenden Stunde unter den tiefen Nachmittagsschatten eines dunkelgrünen Parks . Aber beiden schien sie heute wie in unzugängliche Tiefen versunken . Endlich saß er mit Else an dem kleinen Tischchen , auf dem Photographien und Bücher lagen . Auch sie stellte zuerst gleichgültige Fragen , wie alle andern . Plötzlich aber , ganz unvermutet und etwas leiser fragte sie : » Wie geht ' s denn Ihrem Kind ? « » Meinem Kind ... ? « Er zögerte . » Sagen Sie mir , Else , warum fragen Sie mich eigentlich ... ? Es ist ja doch nur Neugier . « » Sie irren sich , Georg « , erwiderte sie ruhig und ernst , » wie Sie sich ja meistens in mir geirrt haben . Sie halten mich für recht oberflächlich , oder weiß Gott was . Nun , es hat ja keinen Sinn , weiter darüber zu reden . Aber jedenfalls ist es nicht so ganz unbegreiflich , daß ich mich nach dem Kind erkundige . Ich möchte es gern einmal sehen . « » Sie möchten es sehen ? « Er war bewegt . » Ja . Ich hätte sogar noch eine andre Idee ... die Sie aber wahrscheinlich ganz verrückt finden werden . « » Lassen Sie doch hören , Else . « » Ich denke mir nämlich , wir könnten es zu uns nehmen . « » Wer , wir ? « » James und ich . « » Nach England ? « » Wer sagt Ihnen denn , daß wir nach England gehen ? Wir bleiben hier . Wir haben schon eine Wohnung gemietet , im Cottage draußen . Es braucht ' s ja niemand zu wissen , daß es Ihr Kind ist . « » Was für ein romanhafter Gedanke . « » Gott , warum romanhaft ? Anna kann ' s doch nicht bei sich haben und Sie doch erst recht nicht . Wo soll ' s denn während der Proben stecken ? Im Souffleurkasten vielleicht ? « Georg lächelte . » Sie sind sehr gut , Else . « » Ich bin gar nicht gut . Ich denk nur , warum soll denn so ein unschuldiges kleines Geschöpf dafür büßen , oder darunter leiden , daß ... na ja , ich meine , es kann doch nichts dafür ... schließlich ... Ist es ein Bub ? « » Es war ein Bub . « Er machte eine Pause . Dann sagte er leise : » Es ist nämlich tot . « Und er sah vor sich hin . » Was ? Ach so , Sie wollen sich ... vor meiner Zudringlichkeit schützen . « » Else , wie können Sie denn ... Nein , Else . In solchen Dingen lügt man nicht . « » Also wirklich ? Ja , wie ist denn das ... « » Es ist tot zur Welt gekommen . « Sie sah zu Boden . » Nein , wie schrecklich ! « Sie schüttelte den Kopf . » Wie schrecklich ! ... Nun hat sie mit einemmal gar nichts mehr . « Georg zuckte leicht zusammen , aber vermochte nichts zu antworten . Wie entschieden es für alle schien , daß die Geschichte mit Anna zu Ende war . Und ihn bedauerte Else gar nicht . Sie ahnte wohl nicht einmal , wie der Tod des Kindes ihn erschüttert hatte . Wie konnte sie es auch ahnen ! Was wußte sie von der Stunde , da der Garten seine Farben , der Himmel sein Licht für ihn verloren hatte , weil sein wunderschönes Kind tot drin im Hause lag . Frau Ehrenberg war herangekommen . Sie drückte Georg ihre besondere Zufriedenheit aus . Sie habe übrigens nie daran gezweifelt , daß er seinen Mann stellen würde , sobald er nur einmal in einem Beruf mitten drin stände . Auch sei sie fest überzeugt : in drei bis fünf Jahren hätten sie ihn hier , in Wien , als Kapellmeister . Georg wehrte ab . Er denke vorläufig gar nicht daran , nach Wien zurückzukehren . Er fühle , daß man draußen im Reich mehr und ernster arbeite . Hier sei man immer in Gefahr , sich zu verlieren . Frau Ehrenberg stimmte zu und nahm Anlaß , sich über Heinrich Bermann zu beschweren , der als Dichter verstummt sei und sich nebstbei nicht mehr blicken lasse . Georg nahm ihn in Schutz und fühlte sich verpflichtet , festzustellen , daß Heinrich fleißiger wäre als je . Aber Frau Ehrenberg hatte auch andre Beispiele für den verderblichen Einfluß der Wiener Luft . Nürnberger vor allem , der sich nun vollkommen von der Welt abzuschließen scheine . Und was mit Oskar passiert sei ... hätte das in einer andern Stadt als in Wien geschehen können ? Ob Georg übrigens wüßte , daß Oskar mit dem Prinzen von Guastalla auf Reisen wäre ? Sie tat , als fände sie daran nichts Besonderes , Georg merkte ihr aber an , daß sie ein wenig stolz war und irgendwie die Meinung hegte , als hätte mit Oskar sich schließlich doch noch alles zum Guten gefügt . Während Georg mit Frau Ehrenberg sprach , sah er zuweilen die Blicke Elses auf sich gerichtet , die sich mit James in den Erker zurückgezogen hatte , wissende , schwermütige Blicke , die ihn beinahe durchschauerten . Er empfahl sich bald , fühlte einen unbegreiflich fremden Händedruck von Else , gleichgültig-liebenswürdige von den andern und ging . Wie das nur zugeht , dachte er im Wagen , der ihn zu Heinrich führte . Die Leute wußten alles früher als er selbst . Sie hatten von seinem Verhältnis mit Anna gewußt , ehe es angefangen und jetzt wußten sie wieder früher als er , daß es zu Ende war . Er hatte nicht übel Lust , ihnen allen zu beweisen , daß sie sich irrten . Freilich , in solch einer Lebenssache durfte man sich durch Trotz am wenigsten bestimmen lassen . Es war gut , daß nun ein paar Monate kamen , in denen er sich wieder sammeln , alles reiflich erwägen konnte . Auch für Anna würde es gut sein ; für sie vielleicht ganz besonders . Der gestrige Spaziergang mit ihr im Regen über die feuchtbräunlichen Straßen fiel ihm wieder ein und erschien ihm wie etwas unsagbar Trauriges . Ach , die Stunden in dem gewölbten Zimmer , in das von drüben durch den wallenden Schneevorhang die Orgel hereinklang ! Wo waren sie ! Diese und so viele andre wundervolle Stunden , wo waren sie hin ! Er sah sich und Anna im Geiste wieder , ein junges Paar auf der Hochzeitsreise , durch Gassen wandeln , in denen der wunderbare Hauch der Fremde war ; banale Hotelräume , in denen er nur für kurze Tage mit ihr geweilt , tauchten vor ihm plötzlich wieder auf und waren wie geweiht vom Duft der Erinnerung ... Dann erschien ihm die Geliebte auf einer weißen Bank , unter schweren Ästen , die hohe Stirn von einer trügerischen Ahnung sanfter Mütterlichkeit umflossen und endlich stand sie da , ein Notenblatt in der Hand und weiße Vorhänge bewegten sich leise im Winde . Und als er sich bewußt wurde , daß es dasselbe Zimmer war , in dem sie jetzt seiner wartete und daß nicht viel mehr als ein Jahr verflossen , seit jener abendlichen Spätsommerstunde , da sie , von ihm begleitet , sein Lied zum erstenmal ihm vorgesungen atmete er in seiner Wagenecke schwer und beinahe angstvoll auf . Als er ein paar Minuten drauf bei Heinrich im Zimmer stand , bat er ihn , dies nicht als Besuch anzusehen . Nur die Hand wollte er ihm drücken morgen vormittags wenn ' s ihm recht sei , wollte er ihn abholen zu einem Spaziergang ... Ja dies fiel ihm während des Redens ein zu einer Art von Abschiedsspaziergang im Wald von Salmansdorf . Heinrich war einverstanden , bat ihn nur ein paar Augenblicke zu verweilen . Georg fragte ihn scherzend , ob er sich schon von seinem Mißerfolg von heute Morgen erholt hätte . Heinrich wies auf den Schreibtisch , wo lose Blätter lagen , die mit großen , erregten Schriftzeichen bedeckt waren . » Wissen Sie , was das ist ? Den Ägidius habe ich mir wieder hergenommen . Und gerade , bevor Sie kamen , ist mir ein ziemlich möglicher Schluß eingefallen . Wenn es Sie interessiert , so erzähl ich Ihnen morgen mehr davon . « » Gewiß . Ich bin sehr gespannt . Das ist übrigens hübsch , daß Sie sich gleich wieder an eine Arbeit gemacht haben . « » Ja , lieber Georg , ganz allein bin ich nicht gern . Ich muß mir möglichst rasch Gesellschaft verschaffen , nach meiner Wahl ... sonst kommt eben wer will , und man möchte doch nicht für jedes Gespenst zu sprechen sein . « Georg erzählte , daß er Leo besucht und ihn so heiter angetroffen , wie er es kaum vermutet hätte . Heinrich lehnte am Schreibtisch , beide Hände in den Hosentaschen vergraben , mit leicht gesenktem Kopf ; die beschirmte Lampe zeichnete von unten unsichere Schatten in sein Gesicht . » Warum haben Sie ' s nicht erwartet , ihn heiter zu finden ? Uns ... mir wenigstens ging es wahrscheinlich gerade so . « Georg saß auf der Lehne eines schwarzledernen Fauteuils , die Beine übereinandergeschlagen , Hut und Stock in der Hand . » Vielleicht haben Sie recht « , sagte er , » aber ich kann Ihnen nicht verhehlen , mir war es trotzdem sonderbar zu denken , während ich sein frohes Gesicht sah , daß er ein Menschenleben auf dem Gewissen hat . « » Das heißt « , sagte Heinrich und begann im Zimmer hin und her zu gehen , » es ist einer der Fälle , wo die Beziehung von Ursache und Wirkung so einleuchtend ist , daß man ruhig sagen darf : Er hat getötet , ohne daß es beinahe nach einem Wortspiel aussähe ... Im ganzen aber , finden Sie nicht , Georg , sehen wir diese Dinge doch ein bißchen oberflächlich an . Wir müssen einen Dolch blitzen sehen , eine Kugel pfeifen hören , um zu begreifen , daß ein Mord geschehen ist . Als wär nicht einer , der jemanden sterben läßt , vom Mörder oft durch weiter nichts unterschieden , als durch einen höhern Grad von Bequemlichkeit und Feigheit ... « » Machen Sie sich am Ende Vorwürfe , Heinrich ? Wenn Sie dran geglaubt hätten , daß es so kommen mußte Sie hätten sie ja doch nicht sterben lassen . « » Vielleicht . Ich weiß nicht . Aber eins kann ich Ihnen sagen , Georg , wenn sie noch lebte ... das heißt , wenn ich ihr verziehen hätte , wie Sie sich gelegentlich auszudrücken beliebten , so käme ich mir schuldiger vor , als ich mir heute erscheine . Ja , ja , so ist es nun einmal . Ich will ' s Ihnen gar nicht verhehlen , Georg , es gab eine Nacht ... ein paar Nächte gab es , da war ich wie vernichtet vor Schmerz , vor Verzweiflung , vor ... nun , andre hätten es eben für Reue gehalten . Es war aber nichts derart . Denn mitten in meinem Schmerz , in meiner Verzweiflung hab ich ' s ja gewußt , daß dieser Tod etwas Erledigendes , etwas Versöhnendes , etwas Reines bedeutete . Wär ich schwach gewesen , oder weniger eitel ... wie Sie ' s eben auffassen wollen ... wär sie wieder meine Geliebte geworden , so wäre viel schlimmeres gekommen , als dieser Tod , auch für sie ... Ekel und Qual , Wut und Haß wären um unser Bett gekrochen ... unsere Erinnerungen wären verfault , Stück für Stück , ja , bei lebendigem Leibe wäre unsere Liebe verwest . Es durfte nicht sein . Ein Verbrechen wär es gewesen , dieses todkranke Verhältnis weiterzufristen , so wie es ein Verbrechen ist und in der Zukunft auch so gelten wird das Leben eines Menschen hinzufristen , dem ein qualvolles Sterben bestimmt ist . Das wird Ihnen jeder vernünftige Arzt sagen . Und darum bin ich sehr fern davon , mir Vorwürfe zu machen . Ich will mich auch nicht vor Ihnen oder sonst jemandem auf der Welt rechtfertigen , aber es ist nun einmal so : ich kann mich nicht schuldig fühlen . Es geht mir ja manchmal sehr schlimm , aber mit Schuldgefühlen hat das nicht das Geringste zu tun . « » Sie sind damals hingereist ? « fragte Georg . » Ja . Ich bin hingereist . Ich bin sogar dabeigestanden , als man den Sarg in die Erde senkte . Ja . Mit der Mutter zusammen bin ich hingefahren . « Er stand am Fenster , ganz im Dunkel und schüttelte sich . » Nein , nie werd ich es vergessen . Übrigens ist es auch nur eine Lüge , daß sich Menschen in einem gemeinsamen Leid finden . Nie finden sich Menschen , wenn sie nicht zueinander gehören . Noch ferner werden sie einander in schweren Stunden . Diese Fahrt ! Wenn ich mich daran erinnere ! Ich hab übrigens beinahe die ganze Zeit gelesen . Es war mir unerträglich , mit der dummen , alten Person zu reden . Man haßt doch niemanden mehr als jemand gleichgültigen , der einem Mitleid abfordert . Wir sind auch an ihrem Grab zusammen gestanden , die Mutter und ich . Ich , die Mutter , und ein paar Komödianten von dem kleinen Theater ... Und nachher bin ich im Wirtshaus gesessen mit ihr allein , nach dem Begräbnis . Ein Leichenschmaus zu zweien . Eine hoffnungslose Geschichte , sag ich Ihnen . Wissen Sie übrigens , wo sie begraben liegt ? An Ihrem See , Georg . Ja . Ich habe öfter an Sie denken müssen . Sie wissen ja , wo der Friedhof liegt . Keine hundert Schritte weit vom Auhof . Man hat eine entzückende Aussicht auf unsern See , Georg ; allerdings nur wenn man lebendig ist . « Georg empfand ein leises Grauen . Er stand auf . » Ich muß Sie leider verlassen , Heinrich . Ich werde erwartet . Sie verzeihen . « Heinrich trat aus dem Dunkel des Fensters hervor , zu ihm . » Ich danke Ihnen sehr für Ihren Besuch . Also morgen , nicht wahr ? Sie gehen jetzt wohl zu Anna ? Bitte grüßen Sie sie herzlich . Ich höre ja , daß es ihr gut geht . Therese erzählte mir ' s. « » Ja , sie sieht vortrefflich aus . Sie hat sich vollkommen erholt . « » Das freut mich . Also auf morgen , nicht wahr ? Ich freu mich sehr , daß ich Sie noch einmal sehen kann , eh Sie abreisen . Sie müssen mir auch noch allerlei erzählen . Ich habe ja wieder einmal nichts getan , als von mir geredet . « Georg lächelte . Als wenn er das von Heinrich nicht gewohnt gewesen wäre ! » Auf Wiedersehen « , sagte er und ging . Manches von dem , was Heinrich gesprochen , klang in Georg nach , als er wieder im Wagen saß . » Wir müssen einen Dolch blitzen sehen , um zu begreifen , daß ein Mord geschehen ist . « Georg fühlte , daß vom Sinn dieser Worte eine gleichsam unterirdische , aber längst geahnte Beziehung zu einem dumpfen Unbehagen hinging , das er manchmal in seiner Seele spürte . Er dachte einer Stunde , da ihm gewesen war , als ginge in den Wolken ein Spiel um sein ungeborenes Kind , und seltsam erschien es ihm plötzlich , daß Anna über den Tod des Kindes mit ihm noch kein Wort gesprochen , daß sie sogar in ihren Briefen jede Andeutung nicht nur auf den unglücklichen Ausgang , sondern auch auf den ganzen Zeitraum , da sie das Kind unter dem Herzen getragen , vollkommen vermieden hatte . Der Wagen näherte sich dem Ziel . Warum klopft mir das Herz , dachte Georg . Freude ? ... Schlechtes Gewissen ? ... Heut mit einemmal ! Sie kann mir doch die Schuld nicht geben ... ? Was für Unsinn . Ich bin abgespannt und erregt zugleich , das ist es . Ich hätte nicht herkommen sollen . Warum hab ich all diese Menschen wiedergesehen ? War mir nicht , trotz aller Sehnsucht , tausendmal wohler in der kleinen Stadt , wo ein neues Leben für mich angefangen hatte ... ? Irgendwo anders hätte ich mit Anna zusammentreffen sollen . Vielleicht fährt sie mit mir fort ... Dann kann am Ende alles noch gut werden . Ist denn irgend etwas schlecht ... ? Sind unsere Beziehungen am Ende auch krank , und ist es ein Verbrechen , sie weiterzufristen ... ? Das könnte zuweilen eine bequeme Ausrede sein . Als er bei Rosners eintrat , saß die Mutter allein am Tische , sah von einem Buche auf und klappte es zu . Über den Tisch , gleichmäßig nach allen Seiten , glitt von oben der Schein einer leicht hin und her schwingenden Lampe . Josef erhob sich aus einer Divanecke . Anna trat eben aus ihrem Zimmer , strich mit beiden Händen über das hochgekämmte , gewellte Haar , begrüßte Georg mit leichtem Kopfneigen und hatte für ihn in diesem Augenblick mehr von einer Erscheinung als von einer wirklichen Gestalt . Georg reichte allen die Hand und erkundigte sich nach dem Befinden des Herrn Rosner . » Es geht ihm nicht grad schlecht « , sagte Frau Rosner . » Aber aufstehen kann er halt schwer . « Josef entschuldigte sich , daß er schlafend auf dem Divan betroffen worden war . Er mußte den Sonntag benutzen , um sich auszuruhen . Er bekleidete eine Stellung bei seiner Zeitung , die ihn nachts manchmal bis drei festhielt . » Er ist jetzt sehr fleißig « , bestätigte auch die Mutter . » Ja « , sagte Josef bescheiden , » wenn man gewissermaßen einen Wirkungskreis hat ... « Er bemerkte weiter , daß der » Christliche Volksbote « sich einer immer größern Verbreitung erfreue , sogar draußen im Reich . Dann richtete er an Georg einige Fragen über dessen neuen Aufenthaltsort , interessierte sich lebhaft für Bevölkerungszahl , Zustand der Straßen , Verbreitung des Radfahrsports und Umgebung . Frau Rosner ihrerseits erkundigte sich höflich nach der Zusammenstellung des Repertoires , Georg gab Auskunft , bald war ein Gespräch im Gange , an dem sich auch Anna sachlich beteiligte , und Georg fand sich plötzlich zu Besuch in einer Bürgerfamilie von angenehmen Umgangsformen , in der die Tochter des Hauses musikalisch war . Die Unterhaltung gelangte endlich dahin , daß Georg sich zur Äußerung des Wunsches veranlaßt fand , die junge Dame wieder einmal singen zu hören und er mußte sich gleichsam besinnen , daß es ja seine Anna war , deren Stimme zu vernehmen ihn verlangt hatte . Josef entschuldigte sich ; ein Rendezvous im Kaffee mit Klubgenossen rief ihn ab ... » Wissen sich Herr Baron noch zu erinnern ... die flotte Gesellschaft auf der Sophienalpe ? « » Gewiß « , sagte Georg lächelnd . Und er zitierte : » Der Gott , der Eisen wachsen ließ ... « » Der wollte keine Knechte « , ergänzte Josef . » Aber das singen wir schon lange nicht mehr . Es ist zu verwandt mit der Wacht am Rhein « ; und man soll uns nicht mehr nachsagen , daß wir über die Grenze schielen . Es hat große Kämpfe gegeben bei uns im Ausschuß . Ein Herr hat sogar demissioniert . Er ist nämlich Solizitator in der Kanzlei vom Doktor Fuchs , dem deutschnationalen Abgeordneten . Ja , es ist halt alles Politik . « Er zwinkerte . Man sollte nicht glauben , daß er den Schwindel noch ernst nahm , jetzt da er selbst in die Maschinerie des öffentlichen Lebens Einblick hatte . Mit der kaum mehr überraschenden Bemerkung , daß er überhaupt Geschichten erzählen könnte , empfahl er sich . Frau Rosner fand es an der Zeit , nach ihrem Gatten zu sehen . Georg saß Anna gegenüber , allein mit ihr an dem runden Tisch , über den der Schein der Hängelampe floß . » Ich danke dir für die schönen Rosen « , sagte Anna , » ich hab sie drin in meinem Zimmer . « Sie erhob sich , und Georg folgte ihr . Er hatte ganz vergessen , daß er ihr Blumen geschickt hatte . In einem hohen Glas , vor dem Spiegel standen sie , dunkelrot , und spiegelten farblos dunkel sich ab . Das Pianino war offen , Noten waren aufgeschlagen , zwei Kerzen brannten zu den Seiten . Sonst war nur so viel Licht in dem Raum , als durch den breiten Türspalt aus dem Nebenzimmer hereinfiel . » Du hast gespielt , Anna ? « er trat näher hin . » Die Arie der Gräfin ? Auch gesungen ? « » Ja . Versucht . « » Geht ' s ? « » Es fängt an ... kommt mir vor . Na , wir werden ja sehen . Aber sag mir vor allem , was du heut den ganzen Tag gemacht hast . « » Gleich . Wir haben uns ja noch gar nicht begrüßt . « Er umarmte und küßte sie . » Lang ist ' s her « , sagte sie , an ihm vorbeilächelnd . » Also « , fragte er lebhaft , » fährst du mit mir ? « Anna zögerte . » Aber wie denkst du dir denn eigentlich die Sache , Georg ? « » Sehr einfach . Morgen nachmittag können wir fortfahren . Wahl des Ortes bleibt dir überlassen . Reichenau , Semmering , Brühl , wohin du willst ... Und übermorgen früh würd ich dich zurückbegleiten . « Irgend was hielt ihn ab , von dem Telegramm zu reden , das ihm volle drei Tage zur Verfügung stellte . Anna sah vor sich hin . » Es wär ja schön « , sagte sie tonlos , » aber es wird halt nicht möglich sein , Georg . « » Wegen deines Vaters ? « Sie nickte . » Es geht ihm doch besser ? « » Nein , es geht ihm gar nicht gut . Er ist so schwach . Man würde mir natürlich keinen direkten Vorwurf machen . Aber ich ... ich kann die Mutter jetzt nicht allein lassen , wegen so eines Ausfluges . « Er zuckte die Achseln , ein wenig verletzt über die Bezeichnung , die sie gewählt hatte . » Und sag einmal aufrichtig « , fügte sie wie scherzend hinzu , » liegt dir denn gar so viel dran ? « Er schüttelte den Kopf , schmerzlich beinahe . Aber er fühlte , daß auch diese Geste der Aufrichtigkeit entbehrte . » Ich versteh dich nicht , Anna « , sagte er schwächer , als er gewünscht hätte . » Daß so ein paar Wochen des Fern-voneinander-seins , daß die ... Ja ich weiß gar nicht , wie ich ' s nennen soll ... Es ist ja , als hätte man sich verloren . Ich bin ' s doch , Anna , ich bin ' s doch ... « , wiederholte er heftig aber müd . Er saß auf dem Sessel vor dem Pianino . Er nahm ihre Hände , führte sie an die Lippen , zerstreut und ein wenig erregt . » Wie war ' s denn in Tristan ? « fragte sie . Beflissen berichtete er von der Vorstellung , verschwieg auch seinen Besuch in der Ehrenbergschen Loge nicht , sprach von all den andern Menschen , die er gesehen , und bestellte ihr die Grüße von Heinrich Bermann . Dann zog er sie zu sich auf die Knie und küßte sie . Als er sein Antlitz von dem ihren entfernte , sah er Tränen über ihre Wangen rinnen . Er spielte den Befremdeten . » Was hast du denn , Kind ... ? Ja warum denn , warum ... « Sie erhob sich , trat zum Fenster , das Gesicht von ihm abgewandt . Nun stand er auf , etwas ungeduldig , ging ein paarmal im Zimmer auf und ab , trat endlich zu ihr , drängte sich nah an sie und begann wieder , unvermittelt , hastig : » Anna ! Überleg dir ' s , ob du nicht doch mit mir fahren könntest ! Es wäre