Laufe des Herkömmlichen liegen , da gibt es allerlei Beute , die nicht mühsam lange vorbereitet zu werden braucht . Diese Stegreifritter des Wissens , des Herzens und schneller Hände , diese bilden die sogenannte revolutionäre Jugend . « Wenn die Leute dennoch recht hätten ! Er stand an einer Straßenecke still . » Es ist freilich ein Räsonnement des Theaters , « sprach er weiter , » ebenso oberflächlich , wie das , was sie oberflächlich nennen , ebenso einseitig , eine schnelle Antwort für den schnellen Frager , der die Bühne verlassen muß , weil man zur Verwandlung geklingelt hat . Aber wie sieht es aus in mir ? Muß nicht ein jedes Individuum seine ganze Partei vertreten , muß es nicht all seine Verhältnisse , Stimmungen und Wünsche fortwährend den Forderungen der Welt , der Bildung gegenüberstellen , um zu prüfen , ob die neue Generation auf richtigem Wege sei ? Ist es bloß persönliches Ungeschick , daß nichts in mir und um mich passen will , bin ich ein falscher Ausdruck unserer Jugend ? Gehetzt lauf ' ich durch die Tage hin , alles entwickelt sich mir zu langsam , überall finde ich Hindernisse , nur der Rausch , wie meine Liebe für Konstantien zu sein scheint , hält mich eine Zeitlang aufrecht , einsames Krankenlager wirft mich wieder in das Chaos zurück - kann das der rechte Weg sein ? « » Vorgesehen ! « riefen plötzlich zwei Stimmen neben ihm . Eine Tragbahre streifte an dem Träumer hin ; sein Auge fiel auf einen Kranken , der ausgestreckt auf derselben lag . Entsetzt wendete er den Blick hinweg . Es war ein aufgeschwollenes , todblasses Frauengesicht , dessen vortretende Augen ihn mit einem gespenstischen Todesblicke anstarrten . Jetzt fiel ihm ein , daß seine Krankenpfleger erzählt hatten , seit der Schlacht bei Iganie sei die Cholera unter den Polen zum Vorschein gekommen , das Pahlensche Korps habe sie aus Beßarabien mitgebracht , und jetzt wüte sie in Warschau . Die Träger hatten jenes kranke Weib niedergesetzt und reichten einander die Schnapsflasche , um sich für den weiteren Weg zu stärken . Dabei lachten sie , und auf die Kranke deutend , meinte der eine : » Sie geht aufs letzte Stadium los , wie der Doktor zu sagen pflegt , frisch Kamerad , daß wir sie noch lebendig ins Hospital bringen . « Valerius schauderte , aber er konnte sich nicht enthalten , noch einen Blick auf das Weib zu werfen . Mit Entsetzen glaubte er zu bemerken , wie sich die schwarzen Todesschatten der Pest immer dichter um Augen und Schläfe legten , mit Entsetzen erkannte er in den verzerrten Zügen das Antlitz Ludmillas . Auch sie schien sich eines Bekannten in ihm zu erinnern - bekanntlich bleiben die von dieser Pest Befallenen ihrer vollen Verstandeskräfte mächtig . Vielleicht wußte sie auch weiter nichts , als daß sie das Gesicht des jungen Mannes schon einmal gesehen hatte , und in dieser Todesverlassenheit , in den Händen stockfremder , roher Gesellen mochte ihr das schon Aufmunterung sein , irgend eine Hilfe anzusprechen . Kurz , sie arbeitete sichtbar mit den Händen unter der wollenen Decke und streckte endlich einen kreideweißen Arm heraus nach Valerius hin . Der hintere Träger , welcher mit seinem Gefährten eben die Last wieder aufheben wollte , sprang fluchend herbei und drückte den Arm wieder zurück . Valerius aber , vom krampfhaften Mitleide durchdrungen , versprach den stier auf ihn blickenden Augen , er werde mitgehen . Je näher sie dem Hospital kamen , um so größer wurde die Anzahl der Tragbahren , welche herbeigeschafft wurden . Aus allen Gäßchen kamen welche , und im Hofe des Krankenhauses stockte der Zug , weil die Vorderen nicht so schnell ihrer Last entledigt werden konnten , als die Hinteren nachdrängten . Da stand denn der ohnedies schon geistes- und körperkranke Deutsche , entsetzt von dem schrecklichen Anblicke der Verpesteten , welche sich zum Teil in der Todesangst aus den Bahren herauszuarbeiten trachteten , betäubt von dem wüsten Lärm der Träger , die sich schreiend zutranken , rohe Scherze zuriefen , ihre unruhigen Schützlinge unter die Decken drückten und das Ganze mit nicht mehr und nicht weniger Teilnahme behandelten , als trügen sie Kulissen und Garderobe für ein Schauspiel zusammen . Zu einer Seitentür des Gebäudes sah er einen Leichnam nach dem andern heraustragen und kopfüber in eine ungeheure Grube stürzen - wenn ein unglücklicher Kranker sich einen Augenblick aufrichten konnte , so sah er , was seiner wahrscheinlich in wenig Stunden harrte . Man machte für ihn Platz , und bald gab er denen Raum , die nach ihm kamen . Der Anblick eines Schlachtfeldes dünkte Valerius Erholung neben dieser Szene . Man könnte sagen , dort sieht der Tod und das Leiden gesund aus , und in dem Schmerzensgeschrei der Verwundeten bekundet sich noch eine Lebenskraft . Hier sah man nichts als faulen Tod , die betroffenen Opfer schwiegen größtenteils , nur aus den verzerrten , zu Schmerz versteinerten Gesichtern sprach die unendliche Qual . Und wenn man ein Wimmern hörte , so klang es so übermenschlich schmerzhaft , so unnatürlich jammervoll , als käme es aus einer fremden , in lauter Elend wogenden Welt , aus einer qualvollen Hölle . Valerius schauderte im Innersten . So entsetzlich war ihm das Menschenleben noch nie erschienen , und gefoltert von den Fragen der Gesellschaft , umgeben von dem Elende des Körpers , war er wohl zu entschuldigen , wenn er einen Augenblick dem Gedanken Raum gab : wozu das ganze Dasein dieser Art ? So sehr ihm sonst die Verzweiflungshelden zuwider waren , die überall Zorn und Klagen gegen die Weltordnung ausstoßen , in diesen Augenblicken wußte er keinen Tadel gegen sie . Beim Drängen am Eingange wurde eine Bahre umgestürzt ; der Kranke fiel auf das Pflaster mit dem Gesicht nach unten . Ohne nachzusehen , was ihm begegnet sein könne , warfen ihn die Träger wieder auf sein Lager , und fort ging es , die Treppe hinauf . Der Begriff eines Menschen hört in solchen Zeiten auf , es gibt nur Gegenstände , deren man sich so schnell und so gut entledigt , als es eben gehen will . Er kam endlich mit seiner armen Leidenden in den großen Saal des Krankenhauses . Es war kein Platz , und er mußte sich durch Geld die Aufmerksamkeit und Teilnahme eines Wärters erkaufen , um Ludmillen unterzubringen . » Ich glaube , der Alte wird fertig sein , « sagte dieser murmelnd vor sich hin , und schritt nach einem Winkel des weiten Gemachs . Valerius sah , wie er einen greisen Kopf in die Höhe richtete , die verworrenen grauen Haare hingen struppig bis über die weit offenen , gläsern herausstarrenden Augen . Das magere , knochige Gesicht war mit einer bräunlichen , grauenhaften Pestfarbe überzogen , der Schaum lag in einzelnen Tropfen auf den zusammengekniffenen , blauschwarzen Lippen . » Ja , « sagte der Wärter , indem er sein Ohr einen Augenblick an die Nase des entstellten Kopfes geneigt hatte , » der ist reif . - Heda , ihr faulen Schlingel , ihr werdet die Pest nicht versaufen mit eurem Branntwein ; gebt einmal die Flasche her , na , der alte Krukowiecki und die Cholera sollen leben , macht hier Platz mit dem Alten , ' s hat ihn lang genug gewürgt , andere ehrliche Leute wollen auch dran , sputet euch , bis ihr ' nunter kommt , ist er kalt . « Diese Anrede galt ein Paar rotbackigen Burschen , welche das Geschäft der Totengräber versahen . Sie warfen den Alten auf ein paar zusammengenagelte Bretter und traten die letzte Reise mit ihm an . Ludmilla kam an seine Stelle . Ängstlich blickte Valerius über den weiten Saal , sein Auge suchte einen Arzt . Bett an Bett stand auf beiden Seiten , hier und da hob sich ein dem Tode verfallener Schmerzenskopf . - » Ich will Ihnen den kleinen deutschen Doktor bringen , « sagte der Wärter , » der versteht ' s am besten ; wenigstens dauert ' s immer nicht lange : entweder ' s hilft so , oder ' s hilft so , aber wirken tut ' s immer . Man weiß doch immer bald , wie man dran ist - da kommt er just den Gang herauf , sehen Sie nur wie er hopst , munter ist er immer , als wenn er ' n Franzose wäre . « Valerius eilte ihm entgegen . Zu seinem größten Erstaunen erkannte er Leopold . Dieser umarmte ihn stürmisch und hatte so viel tausend Fragen , und war so heiter und glücklich , als wenn er seinen alten Freund auf einem Balle wiedergefunden hätte . Soviel man sehen konnte , ganz der alte Leopold , wie er auf Grünschloß gewesen war . Sein ernsterer Landsmann führte ihn aber ohne Verweilen an Ludmillens Lager und sprach : » Hilf , wenn du kannst . « Leopold griff nach dem Pulse und entblößte dabei wieder den Arm der Kranken . - » Schöne Formen , schöne Formen ! « sagte er lächelnd zu Valerius . Die Kranke richtete die starren Augen auf den Arzt , als er die Hand auf ihre heiße , trockene Stirn legte ; man glaubte , Schwerter darin zu sehen , die um das Leben fechten wollten . - » Hilfe ! « dies einzige , erste Wort rang sich von den blassen Lippen . Valerius fühlte sich aufs schmerzlichste gepeinigt . Der junge Arzt öffnete der Leidenden eine Ader und wendete alle die unsicheren Mittel an , welche damals gegen diese unergründete Pest gebräuchlich waren . Dabei verfuhr er mit so großer Zuversicht und Sicherheit , das gespannte , krampfhafte Wesen der Krankheit schien wirklich in etwas nachzulassen , so daß Valerius einige Beruhigung schöpfte . Er fragte Ludmillen , ob er noch irgend etwas für sie tun könne , ob er Kasimir suchen solle - sie schüttelte heftig den Kopf und machte eine sanfte Bewegung mit der Hand , als wolle sie ihn nicht länger zurückhalten . Er versprach , mit dem Arzte bald wiederzukommen , und verließ am Arme Leopolds den Saal . Nachdem er ihm über seine bisherigen Schicksale , den verwundeten Arm und die schöne Kranke den nötigen Aufschluß gegeben hatte , überschüttete ihn dieser mit Erzählung der eigenen Schicksale . Denn nur die Neugier war einen Augenblick größer gewesen als seine Geschwätzigkeit . Valerius unterbrach ihn jedoch noch einmal mit der dringenden und ernsten Frage , ob er sich auf die gegen Ludmillens Krankheit getroffenen Maßregeln verlassen könne , ob Leopold sichere Einsicht in diese Krankheitsverhältnisse besitze , ob man nicht vielleicht noch einen älteren Arzt zu Rate ziehen möchte ? Aber der Kleine unterbrach ihn lächelnd . Es war noch jenes alte artige Gelächter , worin so viel Kindlichkeit , gutmütiges Wesen und Bonhomie lag , daß es niemand übelnehmen konnte . » Du bist noch derselbe gewissenhafte Kauz , « sprach er unter diesem Lachen , » der die Medizin in Ordnung und Notwendigkeit eingesperrt wissen will wie die Logik . Die Welt mag ein Exempel sein , aber wir haben keinen Rechnenknecht dazu und können ' s nicht lösen , drum ist es wohl besser , sie für eine große Poesie zu halten , deren Prinzipien uns unbekannt sind , und die wir ohne Prüfung genießen sollen , so gut wir eben können . Sieh , das ist am Ende in wenig Worten die Ausbeute meines Lebens , seit ich dich nicht gesehen habe . Oder richtiger : ich bilde mir ' s diesen Augenblick ein , solch eine Ausbeute gewonnen zu haben , denn ich muß dir ehrlich gestehen , ich hab ' eigentlich nichts gelernt in der sogenannten Lebensphilosophie , was man so lernen nennt . Das heißt , ich bin noch immer zu keinen Prinzipien gekommen , und als ich neulich William begegnete , da sagte er nach der ersten Viertelstunde , ich wäre noch immer der alte Taugenichts , der zwecklos und somit tugendlos in die Welt hineinlebte . Gott weiß , ob er recht hat , aber ich kann nicht anders , wenn ich nicht alle Freude aufgeben soll , und das wäre am Ende doch auch sündlich , da die ganze Welt voll Freude ist , und es sie mißbrauchen hieße , wollte man ihre Hauptsache von der Hand weisen . Du bist immer gut gegen mich gewesen , du wirst mich deshalb nicht so hart angehen , und deinen Belehrungen will ich immer Folge leisten , o , ich freue mich über alles , dich alten , lieben Valerius wiedergefunden zu haben ; es war mir oft ängstlich , so ohne meinen guten Schulmeister leben zu müssen . Du weißt zwar , daß ich leicht und bequem mit den Menschen verkehre , daß ich mir alle Tage einen guten Freund erwerben kann , aber es ist doch keiner wie du , nein , wirklich , wenn du auch lachst , keiner wie du . Dein Ernst ist sanft , und wenn du lachst , dann weiß ich gewiß , es ist alles in Ordnung , und ich darf tüchtig mitlachen , ich fühle mich so sicher in deiner Nähe ! Und wenn die Leute sagen , ich sei leichtsinnig , du aber weißt , was ich treibe , und nicht eben darüber schiltst , dann kümmert mich das Gerede der Leute nicht . Nun höre , was ich getrieben habe . Aber laß uns hier bei Lessel eintreten , du mußt etwas genießen , damit dir der Choleraschreck nicht schadet - ja , apropos , ich bin davon abgekommen , dir von der Cholera und unserer Heilung derselben zu sprechen . Du weißt , ich bin in allen Dingen für die Poesie dieser Dinge , und weniger für ihre strenge , ausgerechnete Wissenschaft . Du glaubst nicht , wieviel bloße Poesie in unserer Heilkunst steckt . Darum lieb ' ich sie . Wie jeder Mensch seine individuelle Dichtung in sich trägt , so jeder Arzt seine eigene Medizin . Der menschliche Leib ist uns der Kosmos , das verkleinerte All , ihm gelten unsere Sonette und Kanzonen : das sind die künstlichen aus Tausenderlei zusammengesetzten Rezepte , in welchen unsere Gelehrsamkeit brilliert ; die vielfältigen , meist unschuldigen Stoffe paralysieren sich gegenseitig , das Resultat des Sonettenrezepts ist bloß unser Ruhm . Ihm gelten ferner unsere Epen und Romane ; sie sind das Fundament des ärztlichen Lebens , sie bringen die stehende Beschäftigung , das stehende Einkommen : das sind die sogenannten großen und langen Kuren . Die Krankheit nämlich ist unser Dichtungsmotiv , das bilden wir aus nach allen Seiten , wir betrachten , wir dehnen es rechts , wir dehnen es links , und je mehr Jahre darüber hingehen , desto reifer wird das Kunstprodukt - ein schlechter Arzt , der nicht einige Scottsche Romane unter seinen Kuren aufzuweisen hat . Er bereitet sich den Roman in der Vorrede aus unscheinbaren Materialien , das heißt : er begegnet dem Patienten in spe auf einem Spaziergange und unterhält sich mit ihm über Krankheitsmöglichkeiten , später beruht seine Kunst darin , die Parteien des Stoffs in feindliche Berührung miteinander zu bringen , das gibt die Spannung , und nun kommen die epischen Rezepte . Epische Rezepte stammen gewöhnlich aus den Kolonien , aus den Äquatorgegenden , wo die Sonne brünstig auf der Erde ruht und die fabelhaften Gewächse gedeihen , die den besten nordischen Magen in zehn Minuten außer Vernunft setzen können . Zwei , drei solche Rezepte , in denen etwa der spanische Pfeffer die Rolle der pikanten Figur des Romans spielt , zwei , drei solche Rezepte , Freundchen , bringen den Roman auf die Höhe des Interesses . Nun ist die Gefahr da . Held , Verwandte , Freunde , Zuschauer sind jetzt hinlänglich beschäftigt , nun läßt der Arzt dem Stoffe seinen Lauf , er ist bereits unentbehrlich geworden , wie der Romanschreiber in der Mitte des zweiten Teils , es kommen einige Ausfüllrezepte , sanft lyrische Akkorde , welche den allzu schnellen , wilden Verlauf ein wenig mäßigen , und man nähert sich langsam dem Schlusse . Hier kommt es nun wie beim Romantiker darauf an , ob sich die zu Anfang und bei der Hauptschürzung gebrauchten Stoffe und Motive nicht gegeneinandergestellt haben , ob eine Versöhnung möglich ist . In diesem Falle schließt das Ganze mit gelinden Stärkungen , kleinen nützlichen Sprüchen , die man in der Ästhetik Gnomen nennt , und die sich am Ende in medizinische Diätsregeln auflösen . Der Kranke geht zum ersten Male wieder aus , wenn er auch etwas bleich ist und den Stock braucht . Hierbei öffnet man nur noch die Perspektive , der Roman ist zu Ende , und die Mitspieler rufen wie in den alten Komödien des Plautus und Terenz : Plaudite omnes , das heißt : Bezahlt und preist den Arzt , den Künstler aufs beste . Sind jene Stoffe und Motive aber unversöhnlich , nun , dann schließt die Sache mit dem tragischen Chor der Griechen , und das poetische Interesse ist um so größer , der Held ist dem Fatum erlegen . Honorar und Beifall sind ebenso groß . Was nun aber die Cholera betrifft , um wieder auf besagten Hammel zu kommen , denn ich sehe , du wirst ungeduldig , so behandeln wir selbige epigrammatisch . Ein glücklicher Augenblick , ein glückliches Wort , ein ungewöhnlicher , plötzlicher genialer Versuch des Arztes - das gibt dem Dichter das Epigramm , dem Arzte das Mittel gegen die Cholera . Das Epigramm heilt selten , wie du weißt , aber es trifft den empfindlichen Punkt ; Leben und Tod steht in Gottes Hand , sagen wir ; das schnelle Ende ist ebenfalls ein Zeichen , daß wir auf rechtem Wege waren , es ist Schickung , daß die Natur gerade den negativen Pol und nicht den positiven Pol berührt hat . Diese epigrammatische Behandlung ist ebenfalls sehr künstlerisch , schon Goethe sagt im Faust : Wir sind gewohnt , Daß die Menschen verhöhnen , Was sie nicht verstehen . - Der Mediziner ist der Faust der Materie . Er verschreibt sich dem Teufel , um das Wesen der Natur zu ergründen . Der Teufel besteht nämlich in den verborgenen Kräften derselben . Uff , setz dich hierher , altes Brüderchen , laß mich ausreden , es gibt sonst ein Unglück , ich fühle alle meine Studien und Betrachtungen auf der Zunge . Wenn ich dir den jetzigen Zustand unserer Medizin schildern sollte , - denn das müßte ich , um dir unsere Behandlung der Cholera darzutun - so wäre eine Darstellung der ganzen Kulturgeschichte notwendig . Erschrick nicht , ich begnüge mich mit einigen Strichen , die letzten Jahrhunderte zu bezeichnen . Die Medizin ist immer abhängig von dem Zustande der laufenden Bildung , so wie es denn nach deinen eigenen Worten keine vereinzelte Erkenntnis gibt . Alles hängt an dünnen , oft kaum sichtbaren Fäden zusammen . Die Philosophie lernt von der Naturkunde , die Naturkunde von der Philosophie , und die Medizin ist ein Dekokt aus beiden . Die Geschichte der Medizin läßt sich am tiefsten aus einer Geschichte der Philosophie studieren , - aber die Cholera ist gekommen , alle entdeckten Gesetze sind an ihr gescheitert , Hegel persönlich ist von ihr weggerafft worden , die Wissenschaft steht wieder vor ihr wie vor einem dunkeln Vorhange . Diese Cholera ist eine vollkommen neue Manifestation der Welt , es muß erst wieder eine neue Poesie kommen , um sich ihrer zu bemächtigen , damit einer neuen Wissenschaft die Augen geöffnet werden . Die Sprache dieser Pest ist unserer Gelehrsamkeit unverständlich , sie paßt in keines unserer Wörterbücher , das Glück und das Genie schnappt hier und da ein Wort auf und rettet einen Menschen , aber an Gesetze dieses neuen Idioms ist nicht zu denken , wir warten wie die Juden auf den Cholera-Messias . « » Du bist ein systematischer Narr , « erwiderte Valerius auf die lange Provokation , » aber der Schluß ist mir zu ernsthaft , um über deinen Gallimathias zu lachen , ich muß einen andern Arzt für Ludmillen suchen . « » Ich schwöre dir ' s , Freund , der Klügste wie der Dümmste ist vor dieser Krankheit gleich klug ; sie ist das neue Welträtsel , und das wird nicht in acht Tagen gelöst ; das Mädchen ließ sich gut an , du mußt es dem Zufall überlassen - die Cholera ist ein Spott der Gottheit über das absolute Wissen der Menschen , sie wird den Pietismus befördern und die Unverschämtheit zügeln , trink , lieber Valerius , trink , du bist noch ganz blaß . « Valerius trieb den kleinen Schwätzer nach dem Lazarett , das Schicksal Ludmillens beängstigte ihn um so mehr , da er die Unzulänglichkeit der Medizin gegen die Krankheit schildern hörte . Er selbst wollte unterdes bei Stanislaus ' Vater eine Visite machen , und um jeden Preis Konstantien Nachricht zu geben suchen . In Lessels Konditorei , die sie eben verließen , wollten sich die Freunde nach ungefährem Verlauf einer Stunde wiederfinden . Valerius war sehr gespannt , wie er den alten Grafen treffen würde . Das Schicksal des Landes hatte sich gewaltig umgestaltet , halbe Maßregeln schienen mehr als je verderblich . Nach der Schlacht von Ostrolenka war Skrzynecki ohne Aufenthalt nach Warschau gefahren , um der erste Bote zu sein , den Reichstag auf das günstigste vom Zustande der Dinge zu unterrichten , die Nachteile der Schlacht soviel als möglich zu verdecken . Es war ihm auch gelungen ; der Tag von Ostrolenka konnte ihn den Oberbefehl kosten , aber der Reichstag und die Regierung bezeigten ihm ein ungeändertes Vertrauen und ließen das Schicksal des Krieges mit den ermunterndsten Ausdrücken in seinen Händen . Der alte General Malachowski sammelte die Trümmer der auseinandergerissenen Armee , die versprengten Truppen fanden sich aus eigenem Antriebe wieder zusammen , Diebitsch verfolgte seine etwaigen Vorteile nicht weiter , da sein Truppenverlust noch größer gewesen war als der des polnischen Heeres . Er rückte nach der Weichsel hin und schien die Verhältnisse abwarten zu wollen , ob sich ein Übergang bewerkstelligen ließe . Bei Beurteilung dieses Mannes , soweit diese die militärische Seite des polnischen Krieges betrifft , muß der Historiker sehr vorsichtig verfahren , und die geringen Erfolge des Feldzugs nicht ohne weiteres dem Ungeschick des Anführers zuschreiben . Bei einem genauen Blicke ins russische Lager stellen sich vielerlei verwickelte , lähmende Zustände dar : das russische Nationalinteresse ist keineswegs so indifferent , daß es ihm vollkommen gleichgültig wäre , unter einem Ausländer zu fechten . Eifersüchteleien der Art , nachlässig ausgeführte Befehle von seiten der russischen Generale kommen in Fülle vor . Zu Petersburg hatte man keinen Maßstab für die moralische Kraft eines auf den Tod kämpfenden Volkes , man schrieb es dem mangelhaften Eifer oder der unzulänglichen Geschicklichkeit des Heerführers zu , daß die Insurrektion nicht gedämpft werden könne , man schickte Paskiewitsch , um Diebitsch zu unterstützen . Dieser konnte in solcher Maßregel nicht wohl etwas anderes als seine halbe Absetzung erblicken , der Übergang über die Weichsel war äußerst bedenklich , weil man dadurch die Kommunikation mit Rußland völlig verlieren konnte , die Cholera wütete im Heere , und so sah man Diebitsch von allen Seiten gelähmt , niedergeschlagen in seinem Lager sitzen . Da ergriff ihn die Cholera selbst und raffte ihn hinweg . Paskiewitsch , der bald darauf eingetroffen war , hatte mit plumper Zuversicht das Heer ohne weiteres über den Fluß geführt , Skrzynecki hatte nicht das mindeste dagegen getan , sogar all die kleinen Vorteile verschmäht , die bei solch einem Kriegsereignisse zu erringen sind , auch wenn der Übergang selbst nicht gewehrt werden kann . Die Russen rückten nun auf dem linken Weichselufer gegen Warschau heran , und die polnische Armee wich von Position auf Position zurück . So standen die Sachen , als Valerius seit langer Zeit zum ersten Male wieder das Palais des Grafen betrat . Der Herr des Hauses war schon am frühen Morgen aufs Landgut hinausgefahren . Das war dem Deutschen eigentlich erwünscht , denn es gewährte ihm die beste Gelegenheit , auf dem Landgute selbst zu erscheinen . So hoffte er , auf das bequemste wieder in Konstantiens Nähe zu gelangen . Als er eilig aus der Tür des Palastes trat , rannte ein hastig Vorübereilender gegen ihn und stieß ihn schmerzlich an den wunden Arm , welchen er in der Binde trug . Der heftige Schmerz preßte ihm einige harte Worte aus , der Vorüberstürmende blickte sich heftig um - es war das wilde Gesicht Slodczeks , das dem Verletzten trotzig in das Auge blickte . Leopold war noch nicht in der Konditorei , als Valerius dort ankam . Er las Journale , um sich über die Stimmung des Volks zu unterrichten , da in seine Krankenstube nur Einzelnes , Unvollständiges gedrungen war . Überall fand er die heftigste Entrüstung gegen Skrzynecki und die Untätigkeit des Heeres , überall fanatisches Lob des alten Krukowiecki , der als Gouverneur von Warschau eine rastlose , energische Tätigkeit entwickelte . Ein Geräusch auf der Straße zog ihn vom Lesen ans Fenster . Ein hoher Offizier ritt langsam daher , die Leute , welche sich eben auf dem Wege befanden , waren überall stehen geblieben , schwenkten die Hüte und Mützen und riefen laut . Valerius öffnete das Fenster , um die Worte zu verstehen - » in die Schlacht , in die Schlacht , Vater , « waren die ersten Worte , welche er vernahm . Mit Staunen erkannte er in dem vorüberreitenden Offizier jenen alten graubärtigen Mann wieder , welchen er auf dem Balle beim Grafen Kicki gesehen , den Stanislaus mit soviel Aufmerksamkeit und Teilnahme die Treppe hinab begleitet hatte . Seine harten , finstern Züge waren in diesem Augenblicke durch eine gleißende Freundlichkeit geglättet , das schnelle , graue Auge flog wie ein spielender Raubvogel links und rechts unter die immer größer werdende Menge . » Hilf , Krukowiecki , Vater Krukowiecki hilf uns ! « rief man von allen Seiten . Zu seinem Erstaunen sah Valerius seinen kleinen Mediziner mitten unter den Schreiern , er schwenkte sein weißes Hütchen , und mit dem ihm eigentümlichen Lächeln , das halb gutmütig halb ironisch , immer aber einnehmend aussah , schrie er tapfer mit : » Hilf , Krukowiecki , Vater Krukowiecki , hilf uns ! « Der Angerufene sprach etwas zum Volke , er war aber schon zu weit entfernt , als daß man es am Fenster der Konditorei hätte verstehen können . Jubel und Vivatrufen des Volkes kam hinterdrein . » Das also ist Krukowiecki ! « sagte der Deutsche vor sich hin , » ein unheimlicher Mann des Volkes für mich , ich weiß selbst nicht warum - was fällt denn dir ein , du unverbesserlicher Narr , « rief er dem eintretenden Leopold zu , » mit dem Volke zu schreien , was hast du denn für ein Interesse an Krukowiecki ? « » Ich lache und rufe , « erwiderte dieser , » mit allen aufgeweckten Leuten , ' s ist immer etwas Munteres und Belebendes für mich darin , wenn die Menge jemand zujauchzt , etwas verlangt ; die Äußerung ist so natürlich , man vergißt einen Augenblick unser künstliches Staatsleben - und dieser Krukowiecki hat ein so interessantes Gesicht , ich sage dir , Freundchen , in diesem Gesicht liegt ein ganzes Stück Weltgeschichte . « - » Wenn ' s nur ein gutes ist . « - » Ja , das ist die Frage . Du weißt , ich habe solch einen gewissen physiognomischen Instinkt : dies eckige , starre Gesicht , dieser brutal heroische Kopf , der sich in den Nacken zurückwirft , bedeutet etwas Wichtiges . « - » Was macht die Kranke ? « » Nichts , mein Lieber , gar nichts . « - » Sie ist doch nicht - « » Nein , sie ist nicht mehr , das heißt , sie ist dem Geheimnis der modernsten Philosophie , der ostindischen Pest verfallen , in populärer Sprache : sie ist tot - keine Vorwürfe , Lieber , die besten Ärzte haben sich mit ihr beschäftigt nach unserem Weggange , sie haben alle Systeme probiert und der Cholera tapfer beigestanden - wir wandeln hier in einem dunkeln Tale , das neue große Geheimnis , das aus Kalkutta gekommen ist , lehrt uns wieder , daß wir nicht wissen , in welchen Atomen das Leben besteht . Wenn wir erst etwas Lebendiges erschaffen lernen , etwas , das Puls und Odem von uns empfängt , dann wollen wir der Medizin die Anmaßungen vergeben . « - » Kasimir ! « rief Valerius , aus einem traurigen Nachsinnen auffahrend - der junge Wolhynier trat nämlich eben ins Zimmer - » wissen Sie , wo Ludmilla ist ? « Kasimir zog die Stirn zusammen . » Im Grabe ist sie . « » Was ? « Und nun folgte rasch die Erzählung . Der Wolhynier schwieg noch eine Weile , als sie beendigt war . Dann ergriff er rasch Valerius ' Hand : » Sie werden mich verdammen , Herr , und Sie haben vielleicht nicht unrecht . Ludmilla kam aus den dreisten Händen des Russen in die meinen , sie hatte keine Schuld - aber - mit meiner Liebe war es aus , ich verließ sie - zu was anderem , Wichtigerem , aber hier ist nicht der Ort , vermeiden Sie überhaupt in diesen Tagen dies Haus . « - Valerius überhörte die letzten Worte , sagte Leopold Adieu , unterrichtete ihn , wo er zu finden sei , und ging mit Kasimir . » Wir sind bei einer bedenklichen Krise angekommen , « hub dieser mit leiser Stimme an , als sie auf der Straße waren