am Mauerpfeiler des Tors und guckte ernsthaft in den Mond . Sie gingen zusammen stadtwärts ; nach ein paar hundert Schritten blieb Caspar stehen und gab Schildknecht den Brief und die Geldrolle . Schildknecht sagte keine Silbe . Er blies ein wenig die Backen auf und sah harmlos aus . Vor dem Kronacher Buck meinte Schildknecht , es sei besser , wenn man sie nicht mehr beieinander sähe . Ein Händedruck , und sie schieden . Dann drehte sich Schildknecht noch einmal um und rief anscheinend fröhlich : » Auf Wiedersehen ! « Caspar blieb noch lange wie verhext an demselben Fleck stehen . Er hatte Lust , sich ins Gras zu werfen und die Arme in die Erde zu wühlen , für die er plötzlich Dankbarkeit empfand . Spät kam er heim , blieb aber glücklicherweise ungefragt , denn Quandt war einer wichtigen Besprechung halber zum Hofrat Hofmann befohlen . Er brachte eine Neuigkeit mit . » Höre nur , Jette , « sagte er , » der Staatsrat hat sich während der letzten Tage , die er mit dem Polizeileutnant beisammen war , von der Sache des Hauser gänzlich losgesagt . Er soll sogar mit dem Plan umgegangen sein , die Denkschrift für den Hauser öffentlich als einen Irrtum zu erklären . « » Wer hats gesagt ? « fragte die Lehrerin . » Der Polizeileutnant ; es heißt auch allgemein so . Der Hofrat ist derselben Ansicht . « » Es heißt aber auch , daß der Staatsrat vergiftet worden ist . « » Ach was , dummes Geschwätz « , fuhr Quandt auf . » Hüte dich nur , daß du dergleichen verlauten läßt . Der Polizeileutnant hat gedroht , daß er die Verbreiter von so gefährlichen Redensarten verhaften lassen und unerbittlich zur Rechenschaft ziehen werde . Was macht der Hauser ? « » Ich glaube , er ist schon schlafen gegangen . Nachmittags war er bei mir in der Küche und beklagte sich über die vielen Fliegen in seinem Zimmer . « » Weiter hat er jetzt keine Sorgen ? Das sieht ihm ähnlich . « » Ja . Ich sagte ihm , er soll sie doch hinausjagen . Das tu ich ja , antwortete er , aber dann kommen immer gleich zwanzig wieder herein . « » Zwanzig ? « sagte Quandt mißbilligend . » Wieso zwanzig ? Das ist doch nur eine willkürliche Zahl ? « Man begab sich zur Ruhe . Am Tage von Feuerbachs Begräbnis trafen Daumer und Herr von Tucher aus Nürnberg ein und stiegen im » Stern « ab . Daumer suchte alsbald Caspar auf . Caspar war gegen seinen ersten Beschützer frei und offen , und doch hatte Daumer den quälenden Eindruck , als sehe und höre ihn Caspar gar nicht . Er fand ihn blaß , größer geworden , schweigsam wie stets und von einer wunderlichen Heiterkeit ; ja , ganz zugeschlossen , ganz eingesponnen in diese Heiterkeit , die , seltsam wirkend , dunkle Schatten um ihn warf . In einem Brief an seine Schwester schrieb Daumer unter anderm : » Ich müßte lügen , wenn ich behaupten wollte , es mache mir Freude , den Jüngling zu sehen . Nein , es ist mir schmerzlich , ihn zu sehen , und fragst du mich nach dem Grund , so muß ich wie ein dummer Schüler antworten : Ich weiß nicht . Übrigens lebt er hier ganz in Frieden und wird wohl , trübselig zu melden , all seine Tage hindurch als ein obskurer Gerichtsschreiber oder dergleichen figurieren . « Während Herr von Tucher am selben Nachmittag wieder abreiste , und zwar ohne sich um Caspar zu kümmern , blieb Daumer noch drei Tage in der Stadt , da er Geschäfte bei der Regierung hatte . Beim Begräbnis des Präsidenten sah er Caspar nicht ; er erfuhr später , daß Frau von Imhoff seine Anwesenheit zu verhindern gewußt hatte . Er machte bald die kränkende Entdeckung , daß Caspar ihm geflissentlich auswich . Eine Stunde vor seiner Abreise sprach er mit dem Lehrer Quandt darüber . » Kann ein Mann von Ihrer Einsicht um eine Erklärung dieses Betragens verlegen sein ? « sagte Quandt erstaunt . » Es ist doch ganz klar , daß er jetzt , wo er eine immer größer werdende Gleichgültigkeit um sich entstehen sieht und die Folgen davon täglich empfinden muß , daß er jetzt durch den Anblick seiner Nürnberger Freunde in Verlegenheit gerät und sie nach Kräften zu meiden sucht . Denn dort stand er ja in floribus und glaubte wunder was für Rosinen in seinem Kuchen steckten . Wir aber , verehrter Herr Professor , sind hm dicht auf der Spur ; es wird nicht mehr lange dauern , und Sie werden merkwürdige Nachrichten hören . « Quandt sah bekümmert aus , und seine Worte klangen fanatisch . Ob danach Daumer gerade mit hoffnungsvoller Brust die Fahrt zum heimatlichen Bezirk angetreten habe , steht zu bezweifeln . Fast hätte er wie in jener stillen Nacht , als er Caspar im Geist und leibhaftig an sich gedrückt , klagend über die sommerlichen Felder gerufen : Mensch , o Mensch ! Aber dabei hatte es sein Bewenden nicht . Ein zwangvolles Grübeln bemächtigte sich des verwirrten Mannes ; in seinem Hirn gärte es wie schlechtes Gewissen , und langsam , den Entschluß zur Tat und Sühne weckend , zur viel zu späten Tat und Sühne , entstand eine erste Ahnung der Wahrheit . Ein unterbrochenes Spiel Im Verlauf der folgenden Wochen gab es in den Salons und Bürgerstuben der Stadt allerlei sonderliche Dinge zu munkeln . Ohne daß das Gerede bestimmte Formen annahm , wollte man doch in dem plötzlichen Tod des Präsidenten Feuerbach auch weiterhin nichts sehen als die Frucht einer mysteriösen Verschwörung . Eine greifbare Äußerung fiel natürlich nicht ; die Flüsterer nahmen sich in acht . Sehr insgeheim raunten sie sich zu , auch Lord Stanhope sei an dieser Verschwörung beteiligt , und nach und nach tauchte das bestimmte Gerücht auf , der Lord gehe damit um , einen Kriminalprozeß gegen Caspar Hauser anzustrengen , und habe sich zu dem Ende schon der Hilfe eines bedeutenden Rechtsgelehrten versichert . Auf einmal bekannte sich kein Mensch mehr zu dem früheren Enthusiasmus für den Grafen , das großartige Andenken , das er hinterlassen , war verwischt , und in einigen maßgebenden Familien , wo er der Abgott gewesen , sprach man bereits mit ängstlicher Vorsicht seinen Namen aus . Caspars Freunde wurden besorgt . Frau von Imhoff suchte eines Tages den Polizeileutnant auf und erkundigte sich , was von dem Gemunkel zu halten sei . Mit kühlem Bedauern erwiderte Hickel , daß die öffentliche Meinung in diesem Punkt nicht fehlgehe . » Das Blatt hat sich eben gewendet « , sagte er ; » Seine Lordschaft sieht in Caspar Hauser jetzt nur einen gewöhnlichen Schwindler . « Darauf verließ Frau von Imhoff den Polizeileutnant , ohne ein Wort zu entgegnen und ohne Gruß . Ei , die sanften Seelen , höhnte Hickel für sich , das Grausen faßt sie an . Hickel hatte eine neue Wohnung auf der Promenade gemietet und lebte wie ein großer Herr . Woher mag er die Mittel haben ? fragten die Leute . Er hat Glück am Kartentisch , sagten einige ; andre behaupteten im Gegenteil , daß er fortwährend große Summen verliere . Auch damit war der Gesprächsstoff nicht erschöpft . Eine andre Seltsamkeit : Im Sommer war aus der Infanteriekaserne ein Soldat auf unaufgeklärte Weise verschwunden . Zu andrer Zeit wäre ein solches Ereignis vielleicht unbeachtet geblieben . Jetzt hefteten sich auch daran allerlei Fabeleien . Es wurde gesagt , jener Soldat , der den Hauser beaufsichtigt , habe von gewissen Geheimnissen Kenntnis erhalten und sei beiseite geschafft worden . Man wurde furchtsam ; man verschloß bei Nacht sorgfältig die Haustüren . Es war nicht mehr geheuer in der guten , stillen Stadt . Wer fremden Namens war , wurde beargwöhnt . Selbst Frau von Kannawurf erfuhr solchen Argwohn , wenngleich um sie etwas Unantastbares war , das den verleumderischen Worten die Kraft raubte . Dennoch fiel es auf , daß sie sich des Umgangs mit ihresgleichen entzog und sich anstatt dessen häufig unter Menschen der niedersten Volksklasse herumtrieb . Sie verbrachte viele Stunden in geistlosem Gespräch mit Bauernweibern und Arbeiterfrauen , stieg zu ihrem Türmer hinauf oder gesellte sich zu den Kindern , die von der Schule heimkehrten . Da geschah es denn oft , daß sie zum maßlosen Staunen der begegnenden Bürger einen lärmenden Schwarm von Knaben und Mädchen um sich versammelt hatte und in ihrer Mitte lächelnd durch die Gassen zog . Wahrscheinlich ist sie eine Demagogin , hieß es . Gesinnungstüchtige Eltern verboten ihren Sprößlingen , sich an den skandalösen Aufzügen zu beteiligen . Kein Zweifel , auch die Behörde fand das Treiben anstößig , denn einmal am Abend hatte man beobachtet , daß der Polizeileutnant vor dem Imhoffschlößchen Posten faßte ; zwei Stunden lang war er in der Dunkelheit unbeweglich unter einem Baum gestanden . Es ist wahr , Frau von Kannawurf war eine auffallende Person und benahm sich auffallend . Aber ihre kuriosen Handlungen hatten einen Anschein von Leichtigkeit , ja Lässigkeit . Sie hatte eine Art von Lächeln , in welchem sich selbstvergessene Hingebung an irgendein Gedachtes , Gefühltes mit der Verzweiflung über die eigne Unzulänglichkeit aufs rührendste mischten . Sie lebte an allem und in allem , starb mit jedem Seufzer gleichsam dahin , flog mit jeder Freude in eine entrückte Region . Eines Abends im August trat sie ins Zimmer ihrer Freundin , warf sich wie atemlos vom Laufen auf das Sofa und war lange nicht zu sprechen fähig . » Was hast du nur wieder getrieben , Clara ? « sagte Frau von Imhoff vorwurfsvoll ; » das heißt nicht leben , das heißt sich verbrennen . « » Es hilft nichts , « murmelte das junge Weib erschlafft , » ich muß reisen . « Frau von Imhoff schüttelte liebenswürdig tadelnd den Kopf . Diese Worte hatte sie seit drei Monaten des öfteren vernommen . » Bis zu unserm Familienfest wirst du doch noch bleiben , Clara « , erwiderte sie herzlich . Wieviel Willenskraft gehört doch manchmal dazu , einen Entschluß nicht auszuführen , sagte Clara von Kannawurf zu sich selbst ; und nach einer Pause des Schweigens wandte sie das Gesicht der Freundin entgegen und fragte : » Warum , Bettine , kannst du Caspar nicht zu dir ins Haus nehmen ? Er soll und darf nicht länger beim Lehrer Quandt bleiben . Dieses Haus zu betreten ist mir unmöglich . Seine Lage ist schauderhaft , Bettine . Wozu sage ich dir das ! Du weißt es , ihr wißt es ja alle ; ihr bedauert es alle , aber keiner rührt nur den Finger . Keiner , keiner hat den Mut zu tun , was er getan zu haben wünscht , wenn das geschehen ist , was er im stillen fürchtet . « Frau von Imhoff blickte betreten auf ihre Handarbeit . » Ich bin nicht glücklich und nicht unglücklich genug , um mit Aufopferung des eignen einem fremden Schicksal mich hinzugeben « , versetzte sie endlich . Clara stützte den Kopf in die Hand . » Ihr lest ein schönes Buch , ihr seht ein ergreifendes Theaterstück und seid erschüttert von diesen nur eingebildeten Leiden « , fuhr sie bewegt und eindringlich fort . » Ein trauriges Lied kann dir Tränen entlocken , Bettine ; erinnere dich nur , wie du weintest , als Fräulein von Stichaner neulich den Wanderer von Schubert sang . Bei den Worten : Dort , wo du nicht bist , ist das Glück , hast du geweint . Du konntest eine Nacht lang nicht schlafen , als man uns erzählte , drüben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes Kind verhungern lassen . Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das Ferne , woran ihr eure Teilnahme verschwendet ? Warum immer nur dem Wort , dem Klang , dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen , dessen Not handgreiflich ist ? Ich versteh es nicht , versteh es nicht , das quält mich daran , ja daran verbrenn ich . « Das leise , melodische Stimmchen verging in einem Hauchen . Frau von Imhoff stützte den Kopf in die Hand und schwieg lange . Dann erhob sie sich , setzte sich neben Clara , streichelte die Stirn der Freundin und sagte : » Sprich mal mit ihm . Er soll zu uns kommen . Ich will es durchsetzen . « Clara umschlang sie mit beiden Armen und küßte sie dankbar . Aber nicht mit freiem Herzen hatte Frau von Imhoff diesen Entschluß gefaßt , und sie atmete seltsam erleichtert auf , als ihr am andern Tag Frau von Kannawurf die Eröffnung machte , Caspar habe sich unbegreiflicherweise hartnäckig gegen den Vorschlag gesträubt , das Haus des Lehrers zu verlassen . Zuerst habe er keinen Grund für seine Weigerung nennen wollen , als er aber Claras Betrübnis wahrgenommen , habe er gesagt : » Dort hat man mich hingebracht , und dort will ich bleiben . Ich will nicht , daß es heißt , beim Lehrer Quandt hat ers nicht gut genug gehabt , da haben ihn aus Mitleid die Imhoffs genommen . Ich hab ja mein Brot und mein Bett , mehr brauch ich nicht , und das Bett ist das Allerbeste , was ich auf der Welt kennengelernt habe , alles andre ist schlecht . « Da fruchtete keine Einrede mehr . » Schließlich könnt ihr ja mit mir anstellen , was ihr wollt , « fügte er hinzu , » aber daß ich freiwillig hingehen soll , das wird nicht geschehen . Wozu auch ? Lang kanns nimmer dauern . « So war ihm denn das Wort entschlüpft . War deshalb der tiefe Glanz in seinen Augen ? Blickte er deshalb mit stummer Spannung die Straßen entlang , wenn er morgens zum Appellgericht ging ? Wars deswegen , daß er stundenlang am Fenster lehnte und hinüberspähte gegen die Chaussee ? Daß er gierig aufhorchte , wenn er irgendwo zwei Menschen leise miteinander reden sah ? Daß er täglich dabei sein mußte , wenn der Postwagen ankam , und daß er den Briefboten ausfragte , ob er nichts für ihn habe ? Dem rätselhaften Wesen tat die Zeit keinen Abbruch . Es lag Frau von Kannawurf daran , ihn einer Gebundenheit zu entreißen , die ihn einem innigen Verhältnis zur umgebenden Welt entziehen und jede frohe Betätigung zwangsvoll machen mußte . Sie sann immer auf Ablenkung , und jenes Familienfest , von dem ihre Freundin Bettine gesprochen , gab Gelegenheit , damit Caspar wieder einmal aus sich heraus und einer anteilvollen Welt gegenübertrete . Die Feier wurde von Herrn von Imhoff zu Ehren der Goldenen Hochzeit seiner Eltern veranstaltet und sollte am zwölften September stattfinden . Der junge Doktor Lang , ein Freund des Hauses , hatte zu . der Gelegenheit ein sinnreiches Bühnenspiel in Versen verfaßt , welches von einigen Damen und Herren der Gesellschaft ausgeführt werden sollte . Bei den Proben , die im oberen Saal des Schlosses abgehalten wurden , zeigte es sich , daß einer der jungen Leute , der die Rolle eines stummen Schäfers darstellte , seines plumpen Benehmens halber unfähig war , den Part zu gewünschter Wirkung zu bringen . Da hatte Frau von Kannawurf , die selbst mitspielte , den Einfall , diese Rolle Caspar zu übertragen . Die Anregung fand Beifall . Caspar willigte ein . Da er eine Person vorzustellen hatte , die nichts zu sprechen brauchte , glaubte er sich der Aufgabe leichterdings gewachsen , die seiner alten Neigung für das Theater entgegenkam . Er ging fleißig zu den Proben , und wenngleich das phrasenhafte Wesen des Stücks nicht eben sein Gefallen erweckte , so erfreute er sich doch an der wechselvollen Bewegung innerhalb eines abgemessenen Vorgangs . Das harmlose Spiel hatte einen berechneten und für das Publikum unschwer durchschaubaren Bezug auf ein schon weit zurückliegendes Ereignis in der Familie der Imhoffs . Einer der Brüder des Barons hatte sich zu Anfang der zwanziger Jahre an burschenschaftlichen Umtrieben beteiligt und war , von dem feierlichen Bannfluch des Vaters und nebenbei von den politischen Behörden verfolgt , nach Amerika entflohen . Nach erlassener Amnestie war er zurückgekehrt , hatte vor dem Familienhaupt alle freiheitlichen Ideen abgeschworen , und von da ab hatte ihm die väterliche Gnade wieder geleuchtet . Diese etwas philiströse Begebenheit hatte den Hauspoeten zu seiner Dichtung begeistert . Ein König gibt einem ihn besuchenden Freund und Waffengenossen ein Gastmahl . Ein zweiter Polykrates , brüstet er sich bei diesem Anlaß mit seiner Macht , dem Frieden seiner Länder , den Tugenden seiner Untertanen . Die Höflinge an der Tafel bestärken ihn voll schmeichlerischen Eifers in seinem Glückswahn , nur der Gastfreund wagt das kühne Wort , daß er auf dem Purpur des Herrschers doch einen Makel bemerke . Der König fühlt sich getroffen und läßt jenen hart an , auch weiß er zu verhindern , daß der Freund weiterspreche , da seine Gemahlin Zeichen eines großen Seelenschmerzes von sich gibt . Unterdessen ziehen im Burghof Schnitter und Schnitterinnen mit Lachen und munteren Zwiegesprächen auf , und Musik begleitet die Erntefeier . Plötzlich entsteht ein Stillschweigen ; die Geigen , die Rufe , das Gelächter verstummen , und auf die Frage des Königs wird mitgeteilt , der schwarze Schäfer , der sich schon seit Menschengedenken nicht im Land habe sehen lassen , sei unter das Volk getreten . Der Gastfreund begehrt zu wissen , was für eine Bewandtnis es mit diesem Schäfer habe , und man antwortet ihm , der Wunderbare besitze die Gabe , durch seinen bloßen Anblick bei jedem Menschen die Erinnerung an dessen stärkste Schuld wachzurufen , Schuldlose aber den Gegenstand langgehegter Sehnsucht schauen zu lassen . Zur Bestätigung dessen hört man auch aus der Mitte des Volkes Weinen und allerlei klagende Töne . Der König befiehlt , daß sich der Fremdling entferne , doch die Königin , unterstützt von den Bitten des Gastfreunds und der Höflinge , fleht den Gemahl an , ihn heraufkommen zu lassen . Der König fügt sich , und alsbald betritt der stumme Schäfer die Szene . Er schaut den König an ; der verhüllt sein Gesicht ; er schaut die Königin an , und diese , dunkel ergriffen , ergeht sich in einem längeren Selbstgespräch , aus welchem deutlich wird , daß ihr erstgeborener Sohn wegen einer unbesonnen angestifteten Verschwörung vom Vater verstoßen wurde und seitdem verschollen ist . Mit ausgebreiteten Armen , unwiderstehlich gezogen , geht sie auf den Schäfer zu , und siehe , es ist der reuig zurückgekehrte Prinz . Man erkennt , man umarmt ihn , das Eis des königlichen Herzens schmilzt , und alles löst sich in Wonne auf . Caspar benahm sich nicht ungeschickt . Im Lauf der Vorbereitungen fand er von sich selbst aus einen heftigen Antrieb zu der Rolle und fühlte sich so hinein , als ob sein alltägliches Leben von ihm abgelöst wäre . Ähnlich verhielt es sich mit Frau von Kannawurf , die die Königin machte ; auch sie gab sich ihrer Aufgabe mit einem Ernst hin , der das Spielhafte des Vorgangs undienlich vertiefte und daher die Rollen ihrer Partner schattenhaft werden ließ . So webten die beiden gleichsam in einer eignen Welt für sich . Es war ein sehr warmer Septembertag , als gegen sechs Uhr abends die geladenen Gäste erschienen , im ganzen etwa fünfzig Personen , die Frauen in großer Pracht , unmäßig aufgedonnert , die Männer in Fräcken und gestickten Uniformen . Das Podium für die Komödie nahm die Schmalwand des Saales völlig ein , Kulissen und Requisiten , auch eine Anzahl Statisten waren vom Direktor des Schloßtheaters zur Verfügung gestellt worden . Die Tafel befand sich in einem Nebensaal ; dort hatte sich auch die Musikkapelle eingefunden , denn nach dem Essen sollte getanzt werden . Um sieben Uhr ertönte ein Glockenzeichen , alles begab sich auf die Plätze . Der Vorhang rollte auf , und der König begann seine überhebliche Tirade . Der Gastfreund , vom Verfasser selbst gemimt , hielt respektvollen Widerpart , dann kam das heitere Zwischenspiel auf dem Hof , und das Folgende nahm seinen ruhigen Fortgang . Nun trat Caspar auf . Das schwarze Gewand kleidete ihn trefflich und hob die Blässe seines Gesichts . Sein Erscheinen auf der Bühne hatte eine unmittelbare Wirkung . Das Husten und Räuspern hörte auf ; Totenstille entstand . Wie er den König und die Königin anblickte , wie er auf sie zuschritt und traumhaft lächelte , das war ergreifend . Einige sahen ihn sogar zittern und beobachteten , daß sich seine Finger wie im Krampf in die Hand schlossen . Nun der Monolog der Königin ; auch dies klang anders , als Schauspieler sonst sich geben , sie tritt an den Jüngling heran , sie legt die Arme um seinen Hals ... In diesem Augenblick eilte ein Mann aus dem Hintergrund des Saales bis vor die Rampe und rief ein gellendes : » Halt ! « Die Spieler auf der Szene fuhren erschrocken zusammen , die Zuschauer erhoben sich , und eine allgemeine Unruhe entstand . » Wer ist das ? Wer wagt das ? Was gibts ? « wurde durcheinander gerufen ; man drängte nach vorn , die Frauen schrien ängstlich , Stühle wurden umgeworfen , und nur mit Mühe gelang es dem Hausherrn , eine gefährliche Panik zu verhüten . Indes stand der Urheber der Verwirrung noch immer unbeweglich vor dem Podium . Es war Hickel . Bleich und feindselig stierte er auf die Szene und schien nichts zu gewahren außer Caspar und Frau von Kannawurf , die , aneinander gedrängt , furchtsam in den verdunkelten Saal schauten . Der erste , der sich an Hickel wandte , war der junge Doktor Lang . In seinem Phantasiekostüm des » Gastfreundes « trat er an den Rand der Estrade und fragte wütend nach dem Grund einer so unverantwortlichen Handlungsweise . Der Polizeileutnant holte tief Atem und sagte laut mit einer gläsernen Stimme : » Ich muß die hochgeehrte Versammlung tausendmal um Entschuldigung bitten , und da ich selbst zu den hier Geladenen gehöre , wird meine Versicherung vielleicht Glauben finden , daß mir ein solcher Schritt nicht leicht geworden ist . Aber ich kann nicht dulden , daß der Hauser ein frivoles Amüsement zu einer Stunde fortsetzt , wo ich die Nachricht von einem schrecklichen Unglück erfahren habe , das ihn wie keinen andern trifft und für sein ferneres Leben von folgenschwerer Bedeutung sein wird . « Finstere , neugierige und unwillige Augen blickten auf den Polizeileutnant . Der Doktor Lang entgegnete zornig : » Unsinn ! Eine Teufelei ist es , weiter nichts . Was auch immer vorgefallen ist , so kann weder ich noch irgend jemand von den Anwesenden Ihnen das Recht zu einer so groben Eigenmächtigkeit zugestehen . Ist es schlimm , was Sie zu melden haben , so war um so mehr Grund zu warten , unser Spiel war ja am Ende . Es ist ein Wahnsinn , ein Mißbrauch der Gastfreundschaft . « » Jawohl , der Doktor hat recht « , riefen einige Stimmen . Hickel senkte den Kopf und legte die Hand vor die Stirn . » Darf ich wissen , worum es sich handelt ? « trat nun Herr von Imhoff dazwischen . Hickel raffte sich empor und erwiderte dumpf : » Graf Stanhope hat seinem Leben freiwillig ein Ende gemacht . « Es entstand eine lange Stille . Fast alle blickten auf Caspar , der gegen eine Soffitte lehnte und langsam die Augen schloß . » Er hat sich erschossen ? « fragte Herr von Imhoff . » Nein , « antwortete Hickel , » er hat sich erhängt . « Raschelnde Laute des Schreckens ließen sich vernehmen . Herr von Imhoff biß sich auf die Lippen . » Weiß man Näheres ? « fuhr er fort zu fragen . » Nein . Das heißt , ich habe nur eine allgemein gehaltene Nachricht von seinem Jäger . Er war bei einem Freund , dem Grafen von Belgarde , an der normannischen Küste zu Besuch . Am Morgen des vierten September fand man ihn im Turmzimmer des Schlosses an einer Seidenschnur hängend als Leiche . « Herr von Imhoff sah zu Boden . Als er wieder aufblickte , fixierte er den Polizeileutnant fremd und sagte : » Es tut uns allen von Herzen leid . Ich glaube , daß niemand in diesem Saal ist , der dem unglücklichen Mann nicht ein lebendiges Andenken bewahren wird . Nichtsdestoweniger , Herr Leutnant , bleiben Sie mir Ihres sonderbaren Vorgehens halber Rechenschaft schuldig . « Hickel verbeugte sich stumm . Die Hausfrau und mit ihr einige andre Damen waren bemüht , die Gäste zu beruhigen , aber während die Diener die Kerzen des großen Kronleuchters anzündeten , meldete man Frau von Imhoff , daß ihre Schwiegermutter , die Jubilarin , infolge der ausgestandenen Aufregung unwohl geworden sei und sich auf ihr Zimmer begeben habe . Sie folgte sogleich nach . Dies war ein Signal zu allgemeinem Aufbruch . Der Regierungspräsident und der Generalkommissär mit ihren Frauen verließen zuerst den Saal , und schließlich blieben nur ein paar intime Freunde des Barons um diesen versammelt und nahmen in gedrückter Stimmung an der weitläufigen Tafel Platz . » Ich hab es immer geahnt , daß uns der gute Lord noch einmal eine grimmige Überraschung bereiten würde « , sagte Herr von Imhoff . » Was wird aber nun mit dem armen Hauser geschehen ? « meinte einer aus der Gesellschaft . Man sprach allerlei Vermutungen darüber aus ; die Unterhaltung kam in Fluß , und wie oft ein unglückliches Ereignis dazu dient , die Phantasie der entfernt Beteiligten wohltätig anzuregen , so auch hier . Man gab sich bis über Mitternacht lebhaften Gesprächen hin . Caspar hatte sich während des raschen Aufbruchs der Gäste in dem kleinen Ankleidezimmer für die Schauspieler versteckt . Die jungen Leute entledigten sich eilfertig ihres Kostüms und verschwanden . Nach einer Weile kam ein Diener , um die Lichter auszulöschen , und dieser entdeckte Caspar . Als Caspar gegen die Treppe zu ging , hörte er Schritte hinter sich , und Frau von Kannawurf trat an seine Seite . Sie fragte ihn , ob er nach Hause wolle , und er bejahte . » Es regnet « , sagte sie unten beim Tor und streckte die Hand hinaus . Sie wartete ein wenig , um den Regen vorübergehen zu lassen , aber es wurde ein heftiger Guß daraus , und das Wasser knatterte lärmend auf die Bäume und den ausgedörrten Boden . Ein kaltfeuchter Luftstrom schlug ihnen entgegen , und Frau von Kannawurf forderte Caspar auf , mit ihr ins Zimmer zu gehen , es könne allzu lang dauern . Er folgte still . Oben machte sie Licht , dann stand sie und sah versonnen in die Flamme . Ihre Schultern bebten fröstlich . Caspar hatte sich auf das Sofa gesetzt . Allgemach spürte er eine so große Müdigkeit , daß es ihn förmlich hintüberzog , und er mußte sich auf den Rücken legen . Da trat Clara zu ihm und ergriff seine Hand , die er ihr jedoch hastig wieder entriß . Er machte die Augen zu , und einen Moment lang war sein Gesicht vollkommen leblos . Frau von Kannawurf stieß einen matten Angstruf aus und fiel neben ihm auf die Knie . Dann rief sie ihre Kammerzofe und bat um Wasser ; sie schenkte ein Glas voll und reichte es ihm zu trinken . Er trank ein paar Schlücke . » Was ist dir , Caspar ? « flüsterte sie , und zum erstenmal duzte sie ihn . Er lächelte dankbar . » Du bist wie eine Schwester « , sagte er scheu und berührte mit den Fingern das Haar ihres über ihn gebeugten Kopfes . Dieses Wort Schwester hatte in seinem Mund einen eignen Klang ; es tönte wie ein nie zuvor gesprochenes Wort . Clara schmiegte sich an seine Seite ; ihr war , als müßte sie ihn wärmen , er aber rückte ängstlich fort , da wollte sie sich wieder erheben , doch betastete er mit der Hand ihren Arm und sah sie an mit einem bittenden Ausdruck von Schmerz und Liebe . » Clara « , sagte er , und sie glaubte vergehen zu sollen oder zu einem andern Leben erwachen zu müssen , denn die schüchtern-flehentliche Art , wie er diesen Namen aussprach , hatte etwas Überirdisches . Es kam nun so , daß Stunde auf Stunde verging und sie immer nebeneinander lagen , stumm , stumm , regungslos und über und über zitternd beide . Sie streckte die Hand nach ihm aus , und der Atem seines Mundes floß in die Luft gleich dem ihren . Als es von der Schloßuhr zwölf schlug , schauerte Clara zusammen . Sie erhob sich und sagte mit tiefer Beteuerung vor sich hin : » Nie , nie , nie , nie . « Dann schritt sie zum Fenster und öffnete es . Der Regen hatte längst aufgehört , das Firmament war klar , der ganze Sternenhimmel lag funkelnd vor ihr da . Ihre volle Brust drängte den unbekannten Welten entgegen , denn von dieser , auf der sie lebte , war sie satt . Sie sagte zu Caspar , er könne die Nacht im Schloß verbleiben , aber er entgegnete , das wolle er nicht . Sie ging dann hinaus , um zu sehen , ob Frau von Imhoff noch wach sei . Sie schritt am Speisesaal vorbei , wo die Herren noch beim Wein saßen und laut redeten . Die Baronin hatte sich gleichfalls noch nicht zur Ruhe begeben . Clara teilte ihr mit , daß Caspar bis jetzt bei ihr gewesen sei . Frau von Imhoff nickte , sah aber die Freundin etwas verlegen und verwundert