es auch ! Nehmen wir an , die Yin sei unser Märchenschiff , auf welchem wir nach einem Zauberlande steuern ! « » Well ! Ein ganzes Schiff voller Rätsel , als deren schwierigstes ich mir jetzt selbst vorkomme . Habe mich noch nie als Taucherrüstung gefühlt , bin aber sehr wahrscheinlich doch auch eine ! Komme mir schon ganz ledern vor , mit Bleigewichten an den Füßen , und auf dem Kopfe einen schweren Helm mit festgekitteten , dicken Augengläsern . Habe solche unförmliche Wesen an der Themse gesehen . Sie stiegen in das Wasser , um ein festgefahrenes Schiff wieder flott zu machen . Brrrr ! Nehmt es mir nicht übel , daß mich dieses Bild in meine Kabine treibt ! Ich muß fort ! Ich fürchte mich ! « Er ging . Tsi sah ihm nach und sagte : » Unser prächtiger Governor ahnt gar nicht , wie fleißig sein Taucher in der letzten Zeit gearbeitet hat . Welche Perlen haben wir schon gesehen ! Wo lagen sie verborgen ? Etwa in der See ? Fragen Sie die Anima , mit welcher der Taucher verkehrt ! « Hierauf entfernte auch er sich , um seinen Kranken aufzusuchen . Nun war ich mit John allein . Er sagte eine ganze Weile nichts . Dann stand er vom Sessel auf und fragte : » Gehen Sie mit auf die Brücke ? Ich komme mir hier unten so klein , so winzig , so nichtig vor . Ich muß hinauf , um wieder zu fühlen , daß ich Etwas bin ! Da oben weiß ich , daß ich regiere , daß mir die Jacht zu gehorchen hat , daß das Wohl aller Derer von mir abhängt , die sich auf ihr befinden . Das Bild von der Taucherrüstung kam mir erst beinahe lächerlich vor ; Tausende würden auch weiterfort darüber lachen ; mir aber ist recht bald sehr ernst dabei geworden ! Ich werde es nicht wieder los . Ich sehe die dickköpfige Gestalt vor mir , die es wagt , in ein fremdes Element einzudringen , obgleich der geringste Fehler an der Oberleitung mit dem sichern Tod verbunden ist . Schwerfällig , unbehilflich , ungeschlacht ! Immer nur humpelnd und stolpernd , tapsend und tastend ! Watend und suchend im Schlamm der Tiefe , nach was ? Ich sage Ihnen : das Bild ist richtig , sehr richtig ! Genau so hängen wir von oben ab , und genau so watscheln wir nur unten ! Mit solchen täppischen Fäusten greifen wir nach dem zartesten Korallengebilde des Geistes . Und mit solchen Hacken und Harken kratzen , scharren und hauen wir in den köstlichsten Perlen herum , die sich auf dem heiligen Grunde des Seelenlebens bilden ! Ich mag dieses Gleichnis gar nicht weiter belegen . Wenn ich daran denke , wie leichtsinnig oder gar frivol man sich an dem dünnen Schlauche bewegt , der Luft und Leben geben und auch sofort versagen kann , so wird mir himmelangst . Ich muß auf meine Kommandobrücke , muß meinen Horizont vergrößern , sonst bleibt mir das Gefühl , daß ich an jedem Augenblicke ersticken kann ! « Wir stiegen also hinauf . Es war Niemand oben , weil wir uns bei festem Kurs auf ringsum offener See befanden . Die immerwährende Anwesenheit des Kommandanten hier oben war also nicht nötig . Höchstens konnte ein uns begegnender Dampfer oder Segler für kurze Zeit eine andere Steuerlage nötig machen ; das war aber auch vom Deck aus rechtzeitig zu erkennen . Hier oben umwehte uns nun der frische , kräftige Hauch des chinesischen Meeres , den unten der hohe Bau des Vorderdeckes von uns abgehalten hatte . Er kam von Ost bei Nord , blies uns aber nicht mehr als höchstens einen Knoten auf die Stunde von unserer Schnelligkeit weg . Die See lag glatt , fast ohne bemerkbares Bewegen . Sie war von einem ganz eigenartigen Farbenton , den ich noch nie gesehen hatte . Ein sehr helles Braun , wie klares Wasser mit einer Spur von Kaffee , und da , wo es sich kräuselte , liefen goldig funkelnde Ringe durcheinander . Unser Sog aber , die von der Schiffsschraube erzeugte Wellenlinie , flammte förmlich auf von diesem Golde , während vorn am Bug , nach steuer- und backbordwärts zwei konstante Wogen gingen , die ausgebreiteten Flügeln glichen , und geheimnisvoll , aber deutlich so brillierten , als ob sie über eine Unterlage von lauter geschliffenen Diamanten glitten . Wir standen Beide stumm , in den Anblick dieser Pracht und Herrlichkeit versunken . Wer ist der , der es so leicht und mit so einfachen Mitteln vermag , jedem Tropfen des Meeres diesen Glanz zu verleihen , den wir nur hier oder da einmal dem edelsten der Steine geben können , und zwar auch nur durch jahrelange Mühe und Arbeit und um den Preis von Millionen ? Wir hatten vorhin die » Yin « unser Märchenschiff genannt , und Raffley war der Meinung gewesen , es sei anzunehmen , daß uns eine gütige Fee in diesem kleinen , lieben , auf der See schwimmenden Zauberreiche zusammengeführt habe . Es gibt Wahrheiten , welche sich später als Märchen herausstellen , und Märchen , in denen die heiligsten , die untrüglichsten Wahrheiten verborgen liegen . Wohlan , möge unsere » Yin « so ein köstliches Märchen sein , welches für uns und tausend , tausend Andern zur Wahrheit , zur herrlichen , beglückenden Wirklichkeit zu werden hat ! Wer aber das will , der darf nicht unten bleiben , der muß herauf an das Licht und an die Luft , der darf sein Schiff nicht treiben lassen , wie es Anderen beliebt , sondern muß den Mut besitzen , sich auf die Kommandobrücke zu stellen und laut und furchtlos zu bestimmen , wohin die Fahrt zu gehen hat . Das Lob , welches Raffley seiner Jacht erteilt hatte , bewährte sich : Sie lag selbst bei bewegter See auf glatter , sicherer Linie , und die Maschine arbeitete so leise , daß man die Erschütterung nur dann bemerkte , wenn man mit besonderer Absicht auf sie achtete . Dem Kranken bekam die Fahrt sehr gut . Er aß und trank mit Appetit und lag die meiste Zeit in ruhigem Schlafe , ruhig freilich nur in Beziehung auf den Körper , nicht aber auch auf die Psyche , die Seele . Diese befand sich , wenn er wachte , in unausgesetzter Tätigkeit und schien auch während des Schlafes ohne Unterbrechung beschäftigt zu sein . Man sah das an dem sich sehr oft verändernden Ausdrucke seines Gesichtes und an gewissen Körper- oder Gliederbewegungen , welche keine unwillkürlichen waren . Er öffnete die Augen , ohne einen bestimmten Gegenstand anzusehen , und schloß sie wieder , indem er froh lächelte , als ob ihm etwas Freundliches erschienen sei . Er bewegte die Lippen ; man sah , daß er Etwas sagte ; aber es war kein Laut zu hören . Oder er sprach Viertelstunden lang leise vor sich hin und sah während der Pausen ganz so aus , als ob ihm Antwort werde . Aber so laut und vernehmlich wie in Kota Radscha hatte er hier auf dem Schiffe noch nicht im Schlafe gesprochen . Als ich Tsi hierüber fragte , antwortete er : » Beruhigen Sie sich ! Es kommt ganz gewiß die Zeit , in welcher er wieder laut sprechen wird , so laut , wie wir nur wünschen können . Sie sehen mich fragend an , weil ich diese Worte in eigentümlicher Weise betone . Betrachten Sie die Heilung , welche ich hier beabsichtige , doch einmal als ein vorbildliches Experiment ! Waller glaubte , Christ zu sein , und zwar ein so vortrefflicher , daß er sich berufen fühlte , in alle Welt zu gehen , um Heiden zu bekehren . Er war es aber nicht ! Sein Christentum war ein selbst konstruiertes und bestand nur aus dieser leeren , öden Konstruktion , welcher Christi Geist und Christi Liebe fehlte . Er wurde nicht gesandt , sondern sendete sich selbst . Der Glaubensneid machte ihm den Missionserfolg zum Gegenstande der Konkurrenz , denn er wettete . Er fragte nicht , ob er willkommen sei ; er drängte sich den armen Heiden auf , schon in Kairo meinem Vater und auch mir . Als seine erste Pflicht im fremden Lande galt ihm die Vernichtung alles dort religiös Bestehenden , und für die erste Pflicht der Andersgläubigen dort hielt er die jeder Pietät hohnsprechende Entehrung alles dessen , was ihnen seit Jahrtausenden lieb , teuer und heilig gewesen ist . Solche Forderungen aber kann nur der stellen , dem selbst nichts heilig ist , denn sonst müßte er wissen , daß sie unmöglich erfüllt werden können . Sie sind nichts anderes , als der Ausfluß eines Wahnes , der , wie bei ihm , von den Voreltern großgezogen worden ist , also einer Krankheit , die ihre Opfer nicht in dem Kranken selbst , sondern außerhalb desselben sucht . Dieses Leiden erreichte den höchsten Grad bei ihm , als er Undank und Zerstörung für empfangene Liebe gab . Die Gastfreundschaft ist , so lange die Erde steht , selbst dem wildesten , unzivilisiertesten Heiden heilig gewesen ; sie hat Alles , selbst das Leben aufzuopfern . Versündigungen gegen sie werden mit dem Tode bestraft und sind selbst von der Geschichte bis auf den heutigen Tag gebrandmarkt worden . Ich brauche also nicht besonders auszuführen , wie Waller gegen die Malaien gehandelt hat . Oder könnte es Ihnen vielleicht beikommen , sein Verhalten zu beschönigen ? « » Vielleicht Andern , aber nicht mir , « antwortete ich . » Davon sind Sie doch wohl überzeugt ! « » So bedenken Sie , daß dies die Monographie nur dieses einen Christen ist ? Verstehen Sie , was ich damit sagen will ? Oder ist es notwendig , Ihnen an der Hand jedes einzelnen dieser meiner Sätze die gleichen Sünden der Gesamtheit , welcher er angehört , vor die Augen zu halten ? Wünschen Sie vielleicht , besonders aufgezählt zu haben , wo , wann und wie oft diese Gesamtheit die Pflichten der Gastfreundschaft in ganz derselben Weise mit Füßen getreten hat und noch heut mit Füßen tritt ? « Er sah mich an , als ob er eine Antwort erwarte ; da ich aber schwieg , so fuhr er fort : » Die Katastrophe ist für ihn gekommen . Sie wird auch für Andere nicht ausbleiben , für hier oder dort mehr oder weniger verderblich , je nachdem die Machtfrage sich gestaltet . Ob man den Tempel eines kleinen , malajischen Dorfes vernichtet , oder ob man ganz dasselbe mit dem Heiligtümern einer großen Rasse wagt , deren Angehörige nach Hunderten von Millionen zählen , das ist gewiß ein Unterschied ! Die halbe Betelnuß , welche für das eine Mal so günstig wirkte , dürfte für den andern Fall gewiß versagen ! Unsere Shen ist mächtig ; aber den Zorn so vieler Millionen niederzuhalten , das darf man auch ihr , die doch nur menschlich ist , nicht zumuten . Auch glaube man ja nicht , daß man uns imponiere ! Wir lassen uns nicht zwingen , geistige Größen anzuerkennen , ohne sie geprüft zu haben . Es fällt der gelben Rasse nicht ein , den Fehler zu begehen , an welchem die rote Rasse zu Grunde gehen wird : Die Weißen sind für uns weder Götter noch Uebermenschen . Wir wissen uns ihnen vollständig ebenbürtig und betrachten einen Jeden , der unsere altgeheiligten Institutionen zu beseitigen wagt , für genau so krank und unzurechnungsfähig , wie Waller ist , der Eiferer gegen Alles , was anders war , als er wollte . Und nun hören Sie , was ich Ihnen sage : Unser Patient wird geistig wieder hergestellt werden , er , der Einzelne . Der Weg seiner Gesundung ist ganz genau derselbe , den auch die Gesamtheit zu gehen hat , wenn sie gesunden will vom größten aller Leiden . Das ist es , was Waller zu sagen , zu verkünden hat , ob mit seiner eigenen Stimme oder durch mich , durch Sie , das hat sich noch zu finden . Und darum erklärte ich Ihnen , daß er ganz sicher wieder sprechen werde , und zwar so laut , wie wir nur wünschen können . « » Hoffentlich nicht nur bildlich , sondern auch in Wirklichkeit ? « » Gewiß , auch das ! Nämlich sobald er die zweite Strophe unseres geheimnisvollen Gedichtes kennen gelernt hat . Er arbeitet jetzt noch an dem Inhalte der ersten ; ich höre das aus seinen träumerischen Reden . Man darf ihm nichts Neues geben , bevor er das Alte vollständig begriffen hat . In der Entwickelung der Psyche sind dunkle Punkte oder leere Stellen zu vermeiden . Darum habe ich Miß Mary gebeten , jetzt noch zu warten . Wir verwenden die größte Aufmerksamkeit , den geeigneten Augenblick ja nicht unbenützt vorübergehen zu lassen , und ich denke , daß er baldigst erscheinen wird . Waller beschäftigt sich jetzt noch mit der letzten Zeile der ersten Strophe , also mit dem Gedanken , daß Christus nicht gestorben ist , sondern in jedem wahren Christen weiterlebt und weiterliebt . Das hat er , wie ja auch Ihre ganze Christenheit , bis jetzt noch nicht begriffen . Doch arbeitet es fort und fort in ihm , und ich kann jeden Augenblick eine Aeußerung erwarten , welche mir sagt , daß er dieses Wort verstanden hat . Dann lasse ich die nächste Strophe wirken . Ist das nicht im höchsten Grade interessant ? « » O , mehr als interessant ; ich bin erstaunt ! « antwortete ich der Wahrheit gemäß . » Welch eine schwere , fremdartige und mir fast unbegreifliche Aufgabe haben Sie sich da gestellt ! « Er schüttelte den Kopf und erwiderte lächelnd : » Sie ist nichts von alledem . Fremdartig kann sie nur dem Christusfremden sein . Nicht unbegreiflich , sondern die einzig richtige und allein erklärliche ist sie für einen Jeden , der die Krankheit kennt , um welche es sich handelt . Und schwer ? Sie ist sogar sehr leicht ! Wissen Sie noch , was ich Ihnen von der Behandlung des einzelnen und der Gesamtheit sagte ? Ich kenne das Leiden dieser Gesamtheit und weiß genau , auf welchem Wege es zu heben ist . Dieser Einzelne leidet an ganz demselben Uebel ; was folgt hieraus ? Ich werde ihn herstellen ; er wird dann das in Wirklichkeit sein , was er früher nur zum Schein gewesen ist . Und ist er nicht mehr krank , so habe ich an dem Einzelnen gezeigt , auf welchem Wege die Gesamtheit auch gesunden kann . Ich wiederhole diesen schon einmal ausgesprochenen Satz , weil er so sehr , so außerordentlich wichtig ist . - « Auf den Tag , an welchem dieses gesprochen wurde , folgte eine sehr unruhige See , und als wir am nächsten Tage Hongkong erreichten , waren wir sehr zufrieden damit , daß Raffley hier nur für ganz kurze Zeit Anker werfen wollte , um frischen Proviant einzunehmen . Es regnete . Die Berge , welche die Bucht umschließen , waren umhüllt . Was wir sahen , war so spezifisch europäisch , so nüchtern und so kalt , daß Niemand Sehnsucht fühlte , an das Land zu gehen . Dschunken und Sampans hatten wir schon genug gesehen . Hongkong ist eine englische Schöpfung und zeigt sich von außen her , zumal bei solchem Wetter , so sehr als frostige Lady , daß auch wir ihr gegenüber kalt blieben und nach einigen Stunden ohne Bedauern Abschied von ihr nahmen . Raffley hatte einige Depeschen an das Land besorgt . Auch von Tsi war dem Boten eine mitgegeben worden . Wohin sie telegraphiert hatten , das hielten Beide gleich geheim . Tsi wahrscheinlich an seinen Vater , dessen Stand und Namen er nicht wissen lassen wollte . Niemand fragte , wohin es von hier aus ging , und Raffley sagte nichts . Der Kompaß aber ließ uns sehen , daß wir nach der Fokienstraße dampften . Der Regen hörte , als ob er uns nur Hongkong habe verleiden wollen , sehr bald wieder auf , und im Laufe des Nachmittags beruhigte sich die See , so daß wir nach der bewegen Nacht einen schönen , stillen Abend hatten . Als wir nach dem Souper vom Tische aufstanden , gesellte sich Tsi zu mir und teilte mir mit , daß er noch gestern abend Veranlassung gefunden habe , dem Kranken die zweite Strophe vorzulesen . Mary hatte das , während sie in der Nacht bei ihm wachte , einigemal wiederholt , und hierauf war Waller über den ganzen Tag hin damit beschäftigt gewesen , immerfort unhörbar vor sich hinzusprechen und dazwischen hinein vor sich hin zu lauschen , als ob er auf eine Antwort höre . Infolge dessen vermutete der Chinese , daß für die kommende Nacht etwas Interessantes zu erwarten sei , und er fragte mich , ob ich mit ihm wachen wolle . Ich war ganz selbstverständlich sehr gern bereit , es zu tun . Tsi meinte , daß jetzt im Innern des Kranken eine heiße Schlacht geschlagen werde , welche der bisherige Beherrscher , der Hyperglaube , zu verlieren habe . Denn nichts sei so schwach als grad dieser Ueberglaube , der Alles nur Gott , nichts aber der Arbeit an sich selbst verdanken will . » Der gesunde Glaube macht stark , « fuhr er in seiner Rede fort ; » der Hyperglaube aber macht nicht stark und auch nicht schwach , weil das letztere unnötig ist , denn er ist ein geradezu untrüglicher Beweis der vorhandenen geistigen Schwäche . Diese Schwäche ist so groß , daß sie träumt , sie habe Gott in allen Taschen und könne jede beliebige Quantität des Himmels an andere Menschen verteilen , natürlich gegen großen Dank und bewundernde Verehrung seitens der Empfänger ! Denken Sie nicht , daß ich mich auf Besonderes beziehe ; ich spreche im Allgemeinen . Wir haben in China Bonzen , welche derartig mit ihrem eigenen Oele gesalbt sind , daß man sie nicht fassen kann , obgleich man sie in ihrer ganzen nackten Blöße sieht . Und meinen Sie auch nicht , daß ich mit dem Worte Bonzen etwa nur Geistliche bezeichne . Priester Gottes müssen sein ; die Menschheit kann sie nimmermehr entbehren . Und je mehr sie in der Erkenntnis Gottes fortschreitet , desto größer wird die Zahl und auch der Einfluß dieser Priester werden . Heil und tausendmal Heil dem Volke , welches so viel wahre Gottespriester besitzt , wie es fromme Väter hat ! Aber der Hyperglaube macht sich meist im Laienvolke breit und tritt grad dort am anspruchvollsten auf , weil der Laie glaubt , wenn er nur selbst recht salbungsvoll zu sprechen und zu blicken wisse , so könne er den Priester ganz entbehren . Das ist die Laienfrömmigkeit , die sich über jedes Gotteshaus und Gotteswort erhaben dünkt und , wenn sie einmal guter Laune ist , in den selig atmenden Busen greift , um dem Himmel ein möglichst öffentliches Bakschisch anzubieten ! « Da konnte ich mich nicht halten ; ich mußte ihn fragen : » Wo nehmen Sie , grad Sie diese Gedanken her ? « » Von unsern Vätern ! « antwortete er sehr ernst . » Sie haben von Generation zu Generation gedacht , und was sie dachten , wurde uns vererbt . Wissen Sie , was ein Gedanke ist ? Wissen Sie , daß er ewig ist , daß er nie verschwinden kann , sondern sich von Geschlecht zu Geschlecht , von Kopf zu Kopf immer weiter entwickelt , immer klarer , immer wahrer , immer mächtiger wird , bis endlich seine Zeit kommt , in der ihm niemand widerstehen kann ? Solche Gedanken haben wir , und solche Zeit ist jetzt ! Grad weil wir ruhten und uns jahrhundertelang alljährlich einmal rund um die Sonne tragen ließen , ohne zu glauben , daß die übrigen Völker der Erde uns darum bewundern müßten , haben wir Muße gehabt , die Gedanken unserer Väter von Sohn zu Sohn , von Enkel zu Enkel immer mächtiger werden zu lassen . Es sind stille , liebe , hoffnungsfreudige Gedanken , noch nicht in Worte gekleidet und noch nicht in Taten ausgedrückt ; aber diese Worte und diese Taten werden kommen , vielleicht von uns selbst , vielleicht von Fremden angeregt , und dann werden wir und dann werden auch die Fremden sehen , daß , was die Väter dachten , nicht auf die Söhne und Enkel übergehen kann , ohne den Segen der Vorfahren mitzubringen und uns zum Heil zu werden ! « Er hatte sehr ernst gesprochen . Jetzt nahm sein Gesicht einen freundlicheren Ausdruck an . Er zog seine Brieftasche heraus , öffnete sie und fragte : » Glauben Sie , daß ich heut ein Kind gewesen bin ? « » Ein Kind ? Wieso ? « » Kinder schreiben einander Albumblätter , welche sie dann im Alter mit kopfschüttelnder Rührung betrachten . Ich habe mir von Miß Waller eines schreiben lassen . Da , sehen Sie ! « Er hielt es mir hin . Es war meine Strophe . » Ich konnte nicht anders , « fuhr er fort ; » ich mußte mir diese Zeilen entweder selbst abschreiben oder abschreiben lassen , und zog natürlich das letztere vor . Es ist das selbstverständlich eine ganz persönliche Ansicht , ein ganz individuelles Gefühl , aber es ist mir , als sei in diesem Gedichte für die Völker eine Brücke allerschönster , allerbester und allersicherster Konstruktion enthalten , um einander besuchen zu gehen und liebe Geschenke nicht nur mitzubringen , sondern auch mit heimzunehmen . Es klingen aus ihm so sanfte , reine Töne , als wehe in ihm ein Hauch aus jenem unbekannten Lande herüber , von welchem uns ein süßes Märchen erzählt , daß dort der Völkerfriede wohne . Ich frage mich vergeblich , ob es von einem Manne oder von einer Frau verfaßt worden ist . Der geistige Aufbau läßt auf eine männliche Logik schließen , aber die Seele , welche aus ihm spricht , kann keine andere als nur eine weibliche sein . « » Gibt es männliche und weibliche Seelen ? « fragte ich . » Ja , das wissen wir wohl noch nicht , « lachte er . » Man gibt ihnen wohl halb männliche , halb weibliche Züge , malt Flügel dazu und sagt dann , daß sie Engel seien . Machen wir also aus meiner Ungewißheit eine Gewißheit , indem wir sagen , ein Engel hat diese Strophe gedichtet und irgend einem guten Menschenkinde in die Feder gelegt ! Dieser Engel hat uns Erdenbewohnern sagen wollen , wie wir miteinander zu verkehren haben , wenn unser Planet jenem unbekannten Lande gleichen soll . Liebe , nichts als Liebe ! Warum machen nun grad diese Zeilen einen solchen Eindruck auf Waller , der doch keine andere Liebe kannte als nur die zu seiner Frau und Tochter ? « » Wohl weil die Verstorbene in ganz gleicher Weise zu ihm gesprochen hat , « erwiderte ich . » Ja . Sie haben das Richtige getroffen . Das macht der warme , freundliche , überzeugende , weibliche Klang der Worte . Es spricht aus ihnen eine Güte , welche Mrs. Waller wohl auch in hohem Grade besessen hat . Darum nimmt er diese Worte hin , als seien sie von ihr zu ihm gesprochen . Bei ihrem Klange sieht er seinen Engel wieder vor sich stehen . Er fühlt sich frei vom Einflusse jenes Andern , dem er als Gast des Heidentempels unterlegen ist . Er ahnt sich gerettet und in guter Hut . Fragen wir nicht , ob er wacht oder träumt , ob er Etwas sieht und hört oder nicht . Forschen wir nicht , ob Hallucination oder Wirklichkeit . Man sagt , daß Sterbenden die Augen geöffnet seien , und er befindet sich ja heut noch unter der Pforte , an welcher die Gewißheit an die Stelle der Hoffnung tritt . Nehmen wir ihn genau so , wie er ist ! Seine Gedanken werden denen des Gedichtes folgen . Was dahinten liegt , das ist für ihn vorüber ; die Krankheit gibt seiner Seele eine Empfänglichkeit , eine Weichheit , welche jeden lieben , guten Eindruck haften läßt . Die Worte dieser acht Zeilen werden sich tief und unauslöschlich eingraben ; der Sinn derselben wird ihm zum geistigen Eigentume , zum Wesen werden , und wenn er genesen ist , wird er ein ganz , ganz Anderer sein , als er vorher war , gleichviel , ob er körperlich ebenso sicher genesen wird wie geistig , oder nicht . « Diese letztere Wendung klang so , als ob er eigentlich gar nicht beabsichtigt habe , sie auszusprechen . Ich ahnte aber schon längst , daß er Waller in körperlicher Beziehung nicht für einen Genesenden , sondern für einen Sterbenden hielt und dies aber Marys wegen so lange wie möglich zu verschweigen suchte . - Ich stellte mich schon gleich nach 10 Uhr mit Tsi bei Waller ein . Mary , die bis jetzt bei ihm gewesen war , ging schlafen . Der Kranke lag geschlossenen Auges auf seinen Kissen . Ob er wirklich schlief , konnten wir nicht unterscheiden . Es war , wie bereits gesagt , alles nicht in eine Krankenstube Passende aus der Kajüte entfernt werden . Das Bild der » Yin « aber hing noch an der Wand . Ich hatte von Mary und Tsi gehört , daß es die Augen Wallers , so oft er wache , mit unwiderstehlicher Gewalt auf sich ziehe . Wir legten den Schleier über das elektrische Licht und setzten uns hinaus vor die offene Tür . Es schien außer uns , dem Steurer und der Deckwache auf dem Schiffe sich Jedermann zur Ruhe gelegt zu haben . Der Mond war erst vor kurzem aufgegangen . Er warf den Schatten der Kajüte quer über das Deck und schaute durch die breiten Glasscheiben in das Innere derselben . Sein Schein fiel auf die Füße des Schläfers und rückte langsam an der still ruhenden Gestalt desselben empor . Der auf dem Lichte liegende Schleier konnte die Glasglocke nicht ganz bedecken ; es gab da , wo sie gehalten wurde , eine Lücke , durch welche das Licht hinüber auf das Bild der Chinesin fiel und es fast wie ein lebendes Wesen plastisch hell aus dem umgebenden Schatten hervortreten ließ . Das sah so unirdisch aus . Ich dachte unwillkürlich an die Fee , von welcher Raffley zu Mary gesprochen hatte . Tsi schien denselben Eindruck wie ich zu empfinden . Seine Augen hingen an dem Innern der Kajüte , und er flüsterte mir zu : » Wie das Geheimnis bannt ! Ist es Körper , oder ist es Seele ? Es scheint , daß hier ein Ort der Offenbarung sei ! Der Mond sucht nach dem Angesicht des Kranken . Man sollte ahnen , daß dieses süße , weiche Licht ihm Botschaft bringen wolle ! « Ich antwortete nicht , konnte aber auch den Blick nicht von dieser Szene wenden . Das Bild sah lächelnd auf den Schlummernden nieder und schien die Lippen zu bewegen . Der Schein des Mondes schmiegte sich weiter und weiter an seiner Gestalt empor . Jetzt legte er sich ihm schon auf die Brust ; dann berührte er das Kinn , den Mund ; er kam bis an das Auge , und nun geschah , was Tsi erwartet hatte : der Kranke begann zu sprechen , erst flüsternd und für uns nicht verständlich ; dann aber , als der Mond das ganze Gesicht , auch Stirn und Haar beschien , hörten wir deutlich , was er sagte : » Sei mir gegrüßt , du lieber Himmelsstrahl , in dem mein Engel zu mir niedersteigt ; leg dich verklärend um die Erdenqual , wenn sterbend sie das Haupt am Kreuze neigt ! Sei mir gegrüßt ! Laß mich im Glauben sehn , daß jene Liebe , welche litt , nachdem die Kreuzigung an ihr geschehn , im neuen Leibe vor die Jünger tritt ! « Als er hierauf schwieg , sagte Tsi leise zu mir : » Ich vermutete ganz richtig : das Mondlicht hat ihm die Vision gebracht . Wahrscheinlich bringt er jetzt nun das Gedicht . « Diese Voraussage bewahrheitete sich . Nach einiger Zeit fuhr Waller langsam und jedes Wort betonend , in den beiden Zeilen fort : » Tragt Euer Evangelium hinaus , Indem Ihrs lebt und lehrt an jedem Orte ! « Hierauf flüsterte er wieder wie vorher . Wir hörten nur den Namen Jesus deutlich . Dann erhob er die Stimme wieder und sprach : » Er ging durchs Land , wie nur die Liebe geht , die keinen Hader um den Himmel kennt , weil jede Kerze , die am Altar steht , wie alle andern nur nach oben brennt . Er brachte sich der ganzen Menschheit dar , nicht einem auserwählten Volk allein , und weil sein Reich nicht von der Erde war , kann es auch jetzt nicht von der Erde sein ! « Tsi griff nach meiner Hand und drückte sie ; ich verstand ihn , obgleich er dazu schwieg . Jetzt wendete der Kranke sein Gesicht dem Fenster zu , durch welches der Strahl des Mondes fiel , so daß es fast tagesdeutlich vor unsern Augen lag . Er lächelte wie Einer , der etwas unendlich Liebes schaut , indem er sich von Neuem hören ließ : » Er kam und ging wie dieses milde Licht , willkommen , gern gesehn an jedem Ort ; ein Evangelium sein Angesicht , sprach er als Vorbild sein Erlösungswort . O du , der selbst den Schächer nicht verwarf , den Mörder , der an deiner Seite