ein anderes prallte , welches in derselben guten , aber für den Reiter höchst ärgerlichen Absicht stehengeblieben war . Weiter vorn sahen wir zwei Heuladungen im größten Eifer und eng neben einander herrennen , bis der Weg zwischen Berg und See zu eng wurde und sie beide miteinander stecken blieben . Der allerschnellste dieser Renner war den andern weit vorausgekommen und schien nun der guten Ueberzeugung zu sein , seinen Zweck erreicht zu haben . Er hatte sich also gemütlich auf die Mutter Erde niedergelassen und ließ Alles , was aus dem Munde seines Besitzers kam , in größter Seelenruhe über sich ergehen ohne weiter ein Glied zu rühren . Das gab selbstverständlich Veranlassung zur größten Heiterkeit . Die liebe Jugend machte natürlich mit , was aber keinesweges dazu beitrug , die zwei Dutzend Kamelbeine von dem Werte der kostbaren Zeit zu überzeugen . Dschafar segelte mit dem Chodj-y-Dschuna nebenher , um das Schauspiel aus sichrer Entfernung zu genießen , bis sich alle Kamele niedergelegt hatten und keines weiter fortzubringen war . Da kam er nach dem Duar zurück und versicherte uns , noch nie im Leben so gelacht zu haben wie heut . Nachdem er diesen Ausgang des Kampfes gesehen habe , verspreche er sich von dem Rennen nun überhaupt sehr große Dinge und sei erfreut , grad am » Feste der fünfzig Jahre « zu den Dschamikun gekommen zu sein ! Der Chodj-y-Dschuna teilte mir mit , daß man mich als Rekonvaleszenten bisher nicht habe belästigen wollen . Nun aber bitte er mit dem Pedehr um die Erlaubnis , mich über Alles , was sich auf das Fest beziehen sollte , unterrichten und fragen zu dürfen . Wir gingen infolgedessen nach seiner Wohnung und hielten das ab , was man in Deutschland , wo es bekanntlich keine Fremdwörter gibt , als eine Komiteesitzung bezeichnen würde . Es gab keinen einzigen Punkt , dem ich nicht zustimmen konnte , was den braven Chodj-y-Dschuna so erfreute , daß er den Mut bekam , uns zum Essen einzuladen . Das war um die Mittagszeit , und so nahmen wir es an . Ich ging aber vorher hinauf , um Syrr zu füttern und beauftragte Kara , mir dann meinen Assil und das Pferd des Mirza herabzubringen , weil ich einen etwas weiteren Spazierritt versuchen wolle , an dem auch er teilnehmen möge . Wir dehnten diesen Spazierritt auf über zwei Stunden aus , ohne daß ich mich , als ich heimkehrte , von ihm ermüdet fühlte . Ich glaubte also , mir für heut Abend auch noch eine weitere Anstrengung zumuten zu können , und sagte Kara also , daß wir gegen Mitternacht den Aschyk aufsuchen würden ; er solle sich also bereithalten und alles dazu Nötige besorgen . Bis zu dieser Zeit geschah nichts , was einer besondern Erwähnung bedarf . Ich brachte die Zeit nach dem Abendessen absichtlich bei Dschafar zu , weil ich da gehen konnte , wenn es mir beliebte . Wäre aber er bei mir gewesen , so hätte ich warten müssen , bis er sich entfernte . Kara stand bereit . Der Weg durch das große Eingangstor wäre kürzer gewesen ; aber ich hatte Gründe , den Umweg über die Ruinen zu wählen . Ich wollte ihn mir in allen seinen Einzelnheiten so einprägen , daß ich ihn später des Nachts nicht nur gehen sondern auch sicher reiten konnte . Ich hatte nämlich die Absicht , Syrr heimlich einzuüben , und das war nur dann möglich , wenn alle Leute schliefen . Wir gingen also im Mondscheine über das Gemäuer und dann den Steinbruchweg hinunter nach der Landestelle . Das Boot war da . Wir kamen in den Kanal und aus diesem in das vordere Bassin , ganz so wie die vorigen Male . Ich hatte erwartet , daß unser Gefangener vor Freude laut aufschreien werde . Es blieb aber still , obgleich wir so laut ruderten , daß die Schläge wie Meeresrauschen von den Säulen wiederhallten . » Er ist tot ! « sagte Kara . » Herabgefallen und ertrunken ! « » Möglich . Wir werden ja sehen . « Wir kamen schnell näher . Er mußte trotz der tiefen Finsternis nun auch unser Licht sehen . Und doch hörten wir nichts von ihm ! Nun sahen wir die Säule und den Stein . War der Aschyk noch da ? Ja . Er saß oben . Still . Hüben das Gerippe und drüben er . Wir hatten absichtlich nicht eine , sondern zwei Fackeln brennen . Es war also so hell , daß wir sein Gesicht , seine Züge deutlich erkennen konnten . Er lehnte mit dem Rücken an der Säule . Seine Augen waren geschlossen . Als das Boot stand und wir die Ruder einzogen , sagte er in mir ganz unbegreiflich ruhigem Tone : » Ihr kommt wieder . Ich wußte es ! Ahnst du , was ich da tat ? Nein ! - - - Ich habe gebetet ! « Wie kam es doch , daß dieses Wort , dieses letztere , mich innerlich so packte , als ob in mir Etwas hierauf vorbereitet gewesen sei ! War es infolge des Traumes , an den ich sogleich dachte ? Mußte sich hier , in dieser tiefen , dunkeln Verlassenheit , denn Alles , Alles , selbst die ärgste Verkalkung und Verhärtung , schließlich doch und doch noch zum Gebet verwandeln ? Nicht nur im Traume , sondern auch in der Wirklichkeit ? Er wartete ein Wenig , und als ich nichts antwortete , fuhr er fort : » Effendi , ich will beichten - beichten - - beichten ! Ich will nicht nur , sondern ich muß - ich muß - - ich muß ! « » Doch wieder wohl nur Lügen ! « sagte ich . » Lügen ? Hier ? Effendi , hier hat jede Lüge entweder zum Wahnsinn zu werden oder sich in Wahrheit zu verwandeln . Außer diesen beiden giebt es kein Drittes . Nun prüfe , ob ich wahnsinnig geworden bin ! Wenn nicht , so ist nur Wahrheit zu erwarten ! « » So sag vorerst , wie du zu dieser mir ganz unverhofften Ruhe kommst ! « » Wie - - - ? Welch eine Frage ! Wenn nicht hier , wo soll man dann wohl ruhig werden ! Hier wird ja Alles , Alles , Jedermann zu Stein ! Entweder zum gemeinverkalkten Tode , oder zum edlen Alabaster , an dem die aus dem Kalk erlösten Geister arbeiten , bis er - - beten lernt ! O , Effendi , ich schlief hier ein , ermüdet vom Rufen , Schreien , Brüllen . Da kam ein Traum - - ein Traum ! Ich hatte tausend Jahre , tausend Jahre lang hier im Wasser gelegen , verhärtet und verkalkt in meinen Sünden . Niemand wollte mich retten , und ich selbst konnte es nicht . Da kam ein Ruf von oben , einmal - zweimal - - dreimal ; der weckte mich . Ich antwortete , daß alle Säulen klangen . Da war es oben still ; aber in mir , in mir , tief unten , da wurde es laut und laut und immer lauter ! Da kamen die Tage meines Lebens , einzeln , furchtbar einzeln , einer nach dem andern ! Sie klagten mich nicht an , nein nein , nein nein ! Das tat ich ja schon selbst ! Sie gaben gute Worte ! Ein jeder , jeder , jeder von ihnen kniete im Büßergewande neben mir nieder , griff nach meiner Hand und drang in mich , mit ihm zu beten , zu beten , zu beten ! Und als sie alle um mich lagen , alle , alle , vom ersten bis zum letzten , da kniete ich inmitten meines Lebens und faltete die Hände wie sie alle . Und als ich sprach : Vergieb mir meine Sünden ! Da hörte ich erst Eure Ruderschläge , und dann sah ich auch Eures Lichtes Schein ! Was Ihr mir bringt , das habe ich zu nehmen . Doch bitte ich , seid nicht auch Ihr von Stein ! « Als er geendet hatte , lauschte ich noch immer . Es war , als ob das , was aus ihm gesprochen hatte , nun in mir weiterrede . » Tausend , tausend Jahre hier im Wasser gelegen ! « hatte er gesagt . Nur zwei Erdentage , für den Geist , die Seele aber tausend , tausend Jahre ! Welcher Mensch kann behaupten , gerecht zu richten ! Der Buchstabe des Gesetzes behandelt alle gleich . Aber die Gerechtigkeit liegt nicht im gleichen Strafquantum ; in diesem ist vielmehr ihr Gegenteil , die Ungerechtigkeit zu suchen . Denselben Tatbestand vorausgesetzt , wird der Eine nicht durch zwanzig Jahre Zuchthaus gebessert , der Andre aber schon durch einen einzigen Tag Gefängnishaft . Hätte für den Letzteren dann nicht die Strafe aufzuhören ? Es war von mir die fürchterlichste Strenge gewesen , den Aschyk hierher an diesen Ort zu detinieren . Ich sah und hörte jetzt , daß es genau die beabsichtigte Wirkung hervorgebracht hatte . Eine Verlängerung seiner Qual wäre nicht nur Grausamkeit , sondern geradezu Unmenschlichkeit gewesen . Darum antwortete ich ihm jetzt : » Der Menschheitsjammer muß sogar den Stein erbarmen , warum nicht auch den Menschen selbst ! Wenn du gebetet hast , so ist mein Zweck erreicht . Ich führe dich hinaus . « » Das wolltest du ? Du , Du , der von mir betrogen werden sollte , wie kaum vorher ein Anderer ? « » Was du an Andern tatest , das habe nicht ich zu richten . Was du mit mir vorhattest , das sei dir gern vergeben . Hier hast du meine Hand . Komm herab ! « Ich richtete mich auf und streckte sie ihm entgegen , um ihm herabzuhelfen . Er griff nicht sofort zu ; er sagte : » Warte noch , Effendi ! Ich habe dir doch vorher zu beichten ! « » Nicht hier ! Hier hattest du nur dir allein zu beichten . Nun wartet draußen jetzt ein Anderer auf dich . « » Ein Anderr ? « fragte er schnell . » Effendi , reicht dein Blick in mein Inneres ? Wenn ich in den Ruinen stand und drüben Euren Tempel stehen sah , so lachte ich der Albernheit , die solche Häuser baut für Einen , den es nie gegeben hat und niemals geben werde . Hier aber griff er in die Finsternis und stellte meine Seele vor mich hin , die ich mir aus der Brust gerissen und weggeworfen hatte . Da kam ein Drang , ein Sehnen über mich , ein innerlicher und doch lauter Schrei nach diesem Tempel . Er klingt noch jetzt , laut , überlaut , Effendi . Erhöre ihn ! Laß uns hinauf zum Beith-y-Chodeh steigen ! Das ist der einzig rechte Ort zum Beichten ! « » So komm ! « Er griff knieend nach meiner wieder ausgestreckten Hand , küßte sie und kletterte dann herab in das Boot . Als wir zu den Rudern griffen , schaute er noch einmal nach dem Stein hinauf und sagte : » Dort laß ich das Gerippe ! Mir ist , als ob es mein eigenes Skelett sei , mein früheres . Ich habe jetzt ein neues . Das ist nicht starres Knochenwerk , aus dem mir das Vergangene , die Zähne fletschend , in die Augen grinst , sondern ein fester , froher Wille , der vor Freude jauchzt , gutmachen zu können , was ich verbrochen habe . « Er saß in der Mitte des Bootes zwischen uns Beiden , mit dem Rücken nach vorn . Während wir nach dem Kanale ruderten , schaute er bald rechts , bald links an mir vorüber nach den bewegten Wellen hinter uns . » Sie kommen ! « sagte er , sich nach den Augen greifend . » Wer ? « fragte ich . » Die Geister meiner Lebenstage , alle , alle , alle ! Ich sehe sie . Sie schwimmen hinter uns her . Ihre Köpfe ragen aus dem Wasser ! « Ich dachte an meinen Traum und an die Geister , welche mir hinaus in den See gefolgt waren . Als wir uns im Kanale befanden , wiederholte er : » Sie folgen auch hier , eng bei einander , Kopf an Kopf ! « » Beruhige dich , « antwortete ich ; » es ist das Phantasie ! « » Meinst du ? So laß sie mir ! Die Tage meines Lebens sollen mit mir hinauf zum Tempel steigen . Sie , meine Ankläger , sollen mit mir beten und werden dann verschwinden ; so hoffe ich ! « Draußen empfing uns der helle Mondschein . Ich lenkte zunächst geradeaus , ganz so , wie es im Traume geschehen war . Es lag Etwas in mir , was mich bestimmte , so und nicht anders zu tun . Da fragte der Aschyk : » Sind es die Wellen unseres Bootes , welche immer breiter werden ? Ich sehe noch immer Kopf an Kopf . Sie kommen aus dem Berge . Die Schar wird breiter und immer breiter . Aber die Vordern folgen uns , und die Andern kommen hinter ihnen her . « Nun befanden wir uns an der Stelle , wo wir im Traume gehalten hatten . Da gab ich dem Fahrzeuge die Richtung nach dem südlichen Ufer , nach derselben Stelle , wo die erlösten Geister an das Land gestiegen waren . Da verließen auch wir das Boot und zogen es ein Stück an das Ufer , weil es hier nicht angebunden werden konnte . Die Fackeln waren natürlich ausgelöscht worden , Da hielt der Aschyk mir seine Hände hin und forderte mich auf : » Binde mich , Effendi ! « » Wozu ? « » Daß ich dir nicht entfliehen kann , während wir zum Beit-y-Chodeh gehen . « Da legte ich ihm die Hand auf die Achsel , sah ihm in das Gesicht und antwortete : » Zu wem willst du ? Hinauf zu Gott ? Und da soll ich dich fesseln ? So lange die Erde steht , ist es noch keinem Menschen gelungen , mit seiner Stimme Gott wirklich zu erreichen , wenn ihm die Hände des Gebetes gefesselt waren ! Steig auf zu ihm , aber frei ! « » Frei - - frei ! « jubelte er , die Hände hoch erhebend . » Du hast das Richtige gewählt , Effendi . Ich werde nicht fliehen , sondern eng bei dir bleiben , wie ein Hund , der seinem Herrn gehorcht , weil er ihn liebt - liebt - - liebt ! « » Du wirst nicht eng bleiben , denn ich gehe nicht mit . « » Also wohl Kara Ben Halef ? « » Auch nicht . Wir bleiben hier . Du gehst allein . « » Allein ? ! « Er trat einige Schritte zurück und staunte mich mit großen Augen an . » Ihr geht nicht mit ? « rief er aus . » Keiner von Euch ? Ist das wahr - ist das wahr ? « » Ja . « » Effendi - Sihdi - Emir ! Ich bin ein Dieb , ein Fälscher , ein Betrüger , ein Helfershelfer der Mörder ! Ich habe dich und Euch alle mit vernichten wollen . Ich habe Pekala verführt und Tifl verführt , welche gute Menschen waren und noch gute Menschen sind , welche Euch liebten und immer , immer lieben werden ! Und du giebst mich frei , vollständig frei ? Weißt du , ich habe dich vorhin da drin im Berge angelogen . Ich habe nicht gebetet . Ich bin nicht besser , sondern schlechter geworden . Ich werde jetzt gehen und mich an dir rächen ! Bedenke das , bedenke ! « » Still ; sei still ! Wo und wann du gelogen hast , das weiß ich vielleicht besser als du selbst . Ich kenne dich , wie du früher warst , und ich kenne den , der du jetzt geworden bist . Du steigst jetzt ganz allein hinauf und wirst dann wiederkommen . Grad deine Warnung gibt mir die Gewähr , daß ich dir mein Vertrauen schenken darf . Mich zu täuschen , warst du niemals fähig , und von jetzt an kommt es dir auch gar nicht in den Sinn ! « Da sank er in den Sand des Ufers nieder , griff nach meiner Hand , drückte sie an sein Herz und an seine Lippen und sprach : » So holt sich Allah den Verlornen wieder , den die Gerechtigkeit des Menschen noch tiefer in den Abgrund stoßen würde ! Effendi , ich bin gar wohl im Stande , deine Güte in ihrer ganzen Tiefe zu wiegen und zu wägen . Ich gehörte nicht zu den Armen und Elenden des Landes . Ich war berufen , gut und groß zu werden . Mein Vater stand hoch , in nächster Nähe des Schah-in-Schah . Ich eiferte ihm nach , und er hatte seine Freude an mir . Da kamen sie , vom Schlage derer , die bei dir waren , um sich einen Ustad der Taki-Kurden zu erschwindeln . Ich war zu jung , sie zu durchschauen . Sie brauchten mich , und darum mußte ich sinken , tiefer , immer tiefer , bis ich im Wasser des Verbrechens untersank . Schon war ich am Ertrinken , da kamst du und holtest mich heraus - - in Liebe , in Liebe ! Du kennst die Menschenseele , Effendi ! Wie ich dir danke , werde ich nicht sagen , sondern - - - zeigen ! « Er stand wieder auf und ging den Tempelpfad hinan . Wir aber setzten uns nieder , um zu warten . Kara war einige Zeit still . Er wischte an den Augen herum . Dann sagte er : » So rettet man Menschenseelen ! Sprich jetzt nicht mit mir , Effendi . Der Aschyk steigt hinauf , um mit Allah zu sprechen . Ich kann hier unten jetzt nichts Anderes tun . Ich - - - bete auch ! « Ich glaube , es betete noch ein Dritter ! Die Zeit verging . Nach einem kleinen Stündchen kehrte der Aschyk zurück . » Da bin ich wieder , « sagte er . » Erlaube mir , daß ich mich niedersetze , um Euch Alles zu erzählen , was ich zu berichten habe ! « » Nicht hier , « antwortete ich . » Wo denn ? « » Komm wieder in das Boot ! « Wir stiegen ein und fuhren über den See hinüber nach dem Landeplatze . Von dort gingen wir nach dem hohen Hause . Im Hofe verabschiedete ich Kara ; den Aschyk aber nahm ich mit hinauf zu mir . Wir hatten unterwegs kein Wort gesprochen . Jetzt brannte ich die Lampe an . Er stand , ganz wie betreten , im Mittelzimmer und schaute sich um . » Sind das die Räume , welche du bewohnst , Effendi ? « fragte er . » Ja , « antwortete ich . » Ich brauchte eigentlich nicht zu fragen , denn ich wußte es schon . Ich kenne Euer ganzes Haus ; ich kenne Alles , Alles . Es war mir auch nicht unbekannt , daß im Wartturme noch leere Stuben sind ; aber ich tat gegen Pekala so , als ob ich das nicht wisse , denn ich wollte hierher , oder doch wenigstens hinunter in die Wohnung des Ustad . Warum , das wirst du erfahren . « Er trat an den Tisch , um die helle Schrift des Lampenschirmes zu lesen . » Die Liebe hört nimmer auf , steht da geschrieben , « sagte er . Dann drehte er sich mir wieder zu und fuhr fort : » Effendi , ich treffe in dir den ersten Menschen , der diese Worte nicht bloß liest , sondern auch nach ihnen handelt ! Warum gibt es so viele Verlorene ? Sie müssen verloren gehen , weil man ihnen schon den ersten , kleinen Fehltritt nicht verzeiht . Warum spricht man nur von Gerechten und nur von Ungerechten ? Weil in der Mitte zwischen ihnen Diejenigen fehlen , welche Menschen sein würden , wenn es welche gäbe ! Ich meine die Menschen , welche ihrer Natur nach zuweilen sündigen dürfen , ohne sofort ausgestoßen zu werden ! Sage mir , warum hast du mich hierherauf zu dir geführt ? « » Um dir zu zeigen , das ich dir vertraue und daß bei uns kein Arg zu finden ist . Du wolltest dich hier einwohnen , um heimlich zu forschen und uns zu schaden . Nun schau dich um und frag nach Allem , was dir beliebt ! Ich bin bereit , dir Alles zu zeigen und dir jede mögliche Auskunft zu erteilen ! « Da senkte er den Kopf . » Wie du mich beschämst , Effendi ! Wir wußten nur zu gut , daß nichts Arges oder gar Böses hier zu finden sei , nämlich jetzt . Desto sicherer aber später , denn - - es sollte gefälscht werden . Und diese Nachahmungen und betrügerischen Verdrehungen sollten nicht nur dem Schah-in-Schah vorgelegt , sondern auch dem ganzen Lande bekannt gegeben werden . Es gibt zwei Parteien , welche es auf die Vernichtung des Ustad abgesehen haben . Ich diente nur der einen , der frommen , weil sie besser belohnte als die andere ; aber ich kenne auch diese andere , denn ich habe sie scharf beobachtet und bin ihren Anführern lange heimlich nachgestiegen , um hinter ihre Absichten und Geheimnisse zu kommen . Beide bekämpfen einander unerbittlich ; aber sobald es sich um den Ustad handelt , gehen sie fein brüderlich Hand in Hand , jedoch dabei ruhmneidisch auf einander , wer von ihnen am gewissenlosesten gegen ihn gehandelt habe . Wenn du wüßtest , was Alles ich dir von ihnen erzählen kann ! « » Glaubst du etwa , daß ich mich fürchte , es zu hören ? « fragte ich . » O nein ! Im Gegenteil ! Sie , sie sind es , die sich zu fürchten haben , wenn ich dir Alles sage ! Der Ustad schreibt ja Bücher ! Ein einziges Buch von ihm , mit den Beweisen , die ich bringe , ganz so , wie sie es mit ihren Fälschungen wollten , dem Schah-in-Schah vorgelegt und über das Reich verbreitet - - was würden für sie wohl die Folgen sein ! « » Das habe ich bereits gewußt , denn ich bin beiden schon lange auf der Spur . « » Spur , nur Spur ! Was ich dir bringe , sind nicht bloß Spuren , sondern Beweise , Handschriften , Briefe , Dokumente . Diese vernichtenden Waffen liegen bei mir drüben in den Ruinen . Die eine Partei war zu aufrichtig mit mir ; die andere hielt mich für dumm . Nun habe ich beide in den Händen . Ich hole dir Alles herüber , um sie dir auszuliefern . Dann mache mit ihnen , was dir beliebt , Effendi . Man ging auf Fälschungen aus , um sagen zu können , daß man Euch entlarve . Nun sollt aber Ihr entlarven können , ohne fälschen zu müssen , denn was ich Euch gebe , ist echt ! « » So bringe es mir ! Aber nur dann , wenn es dein Gewissen erleichtert ! Ich finde auch ohne Verrat die sämtlichen Blößen des Gegners . « » Das traue ich dir wohl zu ; ich erfahre es ja an mir selbst ! Aber Spuren sind doch nur Spuren . Laß mich jetzt zu dir reden ; dann wirst du deutlicher sehen ! « » So komm heraus ins Freie ! Diese Zimmer sind mir zu heilig für solche Dinge . « Wir gingen auf die Plattform und setzten uns da nieder , genau so , wie ich im Traume mit dem » Zauberer « gesessen hatte . Und wie dieser , so begann nun auch der Aschyk zu erzählen : Ein Menschenleben nur , und aber doch ein Menschheitsleben ! Vom » Zauberer « hatte ich erfahren , warum es Schatten geben muß . Heut nun erfuhr ich , wie diese Schatten wirken und wie man sich verhalten sollte , um sie so klein wie möglich zu machen . Dieser Aschyk hatte im tiefsten Schatten unserer Feinde gelegen und sie genau studiert . Er schonte sich selbst nicht im Geringsten , aber er schonte auch keinen Andern . Und als er fertig war , lag nicht bloß er allein , sondern lagen auch alle Die , von denen er gesprochen hatte , so durchsichtig vor mir , daß ich sie nun wahrscheinlich besser kannte als er selbst . Hierbei befriedigte es mich , daß sich alle meine Vermutungen als richtig herausstellten . So war er es auch wirklich gewesen , der die sechs Fremden drüben in der Mäjmä-i-Yähud belauscht hatte , und er berichtete mir jedes Wort , welches von ihnen gesprochen worden war . Nun stand er von seinem Sitze auf . » Fertig - - für heut ! « sagte er . » Jetzt kennst du mich in allen meinen Sünden ; nun sprich mein Urteil aus ! Das meinige habe ich da unten gefällt , im Wasser , auf dem Steine . Mit Allah habe ich da drüben in Eurem Beith-y-Chodeh gesprochen . Ich glaube , er verzeiht . Wende dich hinüber , und lausche ! « Es hatte sich im Ost ein starker Morgenhauch erhoben ; der wehte durch den offnen Rosenpark und brachte dann den Duft zu uns herüber . » Das soll mir von da drüben Antwort sein ! « nickte der Aschyk . » Und nun noch du ! Du bist ein Christ ; ich bin ein Muselmann ; so sprich als Mensch nun dein Erkenntnis aus . Die Menschheit sollst du nicht etwa vertreten ; die kenne ich ; ich mag sie gar nicht hören ! Sprich zu mir als der Mund des Menschentums ; die Menschlichkeit ists , die ich hören will . Und was du sagst , soll über mich entscheiden ! « Da hielt ich ihm meine Hand hin und sprach : » Greif zu ! Die Menschlichkeit , die du jetzt hören willst , hat schon durch mich gesprochen : Ich verzeihe ! « » Ganz ? « » Ganz ! « Erst jetzt faßte er zu . Er hatte mit gesenktem Kopfe vor mir gestanden ; nun hob er ihn empor und sagte : » Da drüben , unterhalb des Tempels , habe ich vor dir gekniet . Ich tat es gern , denn dort war ich Verbrecher . Jetzt aber bin ich wieder Mensch . Ich darf dir also frei ins Antlitz sehn und kann dir danken , ohne mich zu beugen . Sag mir , was hast du über mich beschlossen ? « » Nichts . Du bist frei , dein eigner Herr ! « » So kann ich gehn - - in diesem Augenblick - - sofort ? « » Ja . « Da trat er an die Balustrade vor und sah hinab zum See , dann weit hinaus . Hierauf drehte er sich wieder zu mir um , räusperte sich wie verlegen und sprach : » Effendi , gewähre mir das Glück , das allergrößte , welches es für mich hier bei dir geben kann ! « » Wenn es mir möglich ist , wohl gern . « » Ich möchte nach so langer , langer Zeit gern wieder einmal fühlen , wie es ist , wenn sich ein Mensch dem anderen vertraut . Verschließest du hier diese Tür , wenn du dich schlafen legst ? « » Nein . « » Das Fenster ? « » Auch nicht . « » Du denkst nicht klein und wirst mich drum verstehen . Ich war dein Feind ; dein Leben galt mir nichts . Ich sah drin auf dem Tisch ein Messer , Scheren und noch Andres liegen , was in des Mörders Hand zur Waffe werden kann . Geh trotzdem jetzt hinein , und lege dich zur Ruhe , obgleich hier Alles offenstehen bleibt . Ich aber setze mich hier auf das Kissen nieder und denke mich in meine Jugendzeit , in der ich rein von Schuld , ein gutes Kind , ein braver Mensch noch war . Ich will es wieder sein ! « Da reichte ich ihm abermals die Hand und sagte nichts als : » Gute Nacht ! Ich gehe schlafen ! « Er richtete sich hoch auf . Ich ging , durch das Mittelzimmer , wo ich die Lampe auslöschte , und dann nach der Schlafstube . Dort drehte ich mich noch einmal nach ihm um . Er stand genau so , wie der » Zauberer « im Traume , draußen an der Tür und schaute mir nach . » Gute Nacht ! « sagte ich noch einmal . » Gute Nacht ! Allah segne dich , Effendi ! « klang es zurück . Dann ging ich weiter , in die Stube hinein . Ich schlief sehr gut und sehr lang . Als ich erwachte , schaute mir die Sonne freundlich in die Augen . Ich dachte sogleich an die Gestalt des Aschyk , wie sie draußen an der Tür gestanden hatte , kleidete mich schnell an und ging hinaus . Er war nicht mehr da . Die Stufen , welche von meiner Plattform aus hinüber nach dem Glockenwege führten , hatten es ihm ermöglicht , sich zu entfernen . Aber er war dann noch einmal hiergewesen , denn auf dem Tisch des Mittelzimmers lag ein Paket , welches nur von ihm sein konnte . Als ich den Umschlag auseinander genommen hatte , sah ich , was